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BOSTONIENSIS
DEUTSCHES ARCHIV
FÜK
KLINISCHE MEDIZIN.
HERAUSGEGEBEN
VON
Dr. E. aufrecht in Maodeuuuq, Pkof.v.BAUERin München, Prof. BAEUMLER in Fkeibubo,
Prof. v. BOLLINGSR in München, Prof. BOSTRÖM in Gibbsen, Prof. GURSCHMANN in
Lkipzio, Prof. EBSTEIN in Göttinoen, Prof. EICHHORST in Zürich, Prof. ERB in
Heidelberg. Prof. FIEDLER in Dresden, Prof. FÜRBRINGKR in Berlin, Prof. D. GER-
HARDT in Jena, Prof. HELLER in Kiel, Prof. HIS in Basel, Prof. F. A. HOFFMANN in
Leipzig, Prof. t. JAKSCH in Prag, Prof. v. JÜRGENSEN in Tübingen, Prof. v. K£:TLT in
Budapest, Prof. KRAUS in Berlin, Prof. KREHL in Strassburg, Prof. LENHARTZ in
Hamburg, Prof. v. LEUBE in WÜrzburo, Prof. LICHTHEIM in Königsberg, Prof. LITTEN
IN Berlin, Prof.MANNKOPFF in Marburg, Prof. MARTI US in Rostock. Prof.MATTHES
IX CöLN, Prof. v. MERING in Halle, Dr. G. MERKEL in Nürnberg, Prof. MORITZ in
OiESSEN, Prof. MOSLER in Greifswald, Prof. F. MÜLLER in München. Prof. NAUNYN
IN Baden-Baden, Prof. v. NOORDEN in Frankfurt a. M., Prof. PENZOLDT in Erlangen,
Prof. PRIBRAM in Prag, Prof. PURJESZ in Klausenburg. Prof. QUINCKE in Kiel, Prof.
ROMBERG IN Tübingen, Prof. RUMPF in Bonn, Prof. SAHLI in Bern, Prof. SCHREIBER
IN KÖNIGSBERG, pROF. F. SCHULTZB IN BoNN, PROF. SENATOR IN Berlin, Prof. STINT-
ZING in Jena, Prof. v. STRÜMPELL in Breslau, Prof. THOMA in Magdeburg, Prof.
THOMAS IN Freiburg, Prof. UNVERRICHT in Magdeburg, Prof. 0. VIERORDT in Heidel-
berg, Dr. H. WEBER in London, Prof. TH. WEBER in Halle und Prof. WEIL in
Wiesbaden
REDIGIERT
von
Db. L. KREHL, Db. F. MOBITZ,
Prof. der medizinischen Klinik Prof. der medizinischen Klinik
IN Strassburg i. E. in Gi essen
UND
Dr. f. Müller,
Prof. der medizinischen Klinik in München.
sechsundachtzigster band.
MIT 23 ABBILDUNGEN IM TEXT UND 8 TAFELN,
■ I I ^^ I •-
LEIPZIG,
VERLAG VON F. C. W. VOGEL
'ö^
w
JAN 2 1907
4£B»ARl
CATAL06UED
JAN 5? 1907
E. H. 8.
Inhalt des sechsundachtzigsten Bandes.
Erstes bis Drittes Heft (Festschrift)
ausgegeben am 13. Dezember 1905. seite
I. Beitrag zur kortikaleu Lokalisation des Zentnims für die koniu-
^erten Seitwärt.sbewegaugen der Augen und des Kopfes. Von
Prof. Dr. Sah li in Bern. (Mit 1 Abbildung) 1
II. Cber Früh- und Fehldiagnosen der akuten Perityphlitis. Von S.-R.
Dr. Korach- Posen 19
III. Aus der inneren Abteilung des städt. Krankenhauses zu Stettin.
Über Soudenpalpation der Bronchial drüsen bei gewissen leichtesten
Formen der Tuberkulose. Von Prof. Dr. Ernst Neiße r . . . . 28
IV. Aus der Königl. medizin. TTniversitätsklinik zu Königsberg i. Pr.
(Prof. Dr. Lichtheim). Über Hämaturie als Initialsymptom pri-
märer Nieren tuberkulöse. Von Dr. S. Askanazy, Privatdozent 42
V. Aus der Kgl. med. Universitätsklinik zu Königsberg i. Pr. (Direktor:
Prof. Dr. Lichtheim). Zur Diagnose der V erlagerung und Ver-
kümmerung einer Niere. Von Dr. Theodor Cohn, Privatdozent 58
VI. Beri Beri und Skorbut. Von Dr. Max Schubert, Wiesbaden,
ehemal. Assistent der Klinik 79
VII. Zur Klinik der Cholelithiaais. Von Dr. R. Kuckein, Karlsbad
(San Eemo) 91
VIII. Zur Kenntnis der Barlo waschen Krankheit (Brustkind). Von Dr.
Georg Freund in Stettin 129
IX. Beitrag zur pathologischen Anatomie der angeborenen Taubstumm-
heit. Von Dr. W. Lindt, Privatdozenten der Universität Bern.
(Mit Tafel I) 145
X. Zur Lehre vom Ertrinkungstode. Von Dr. Eberhard Margulies
aus Kolberg 159
XI. Aus der kgl. med. Klinik zu Halle a. S. (Direktor: Geh.-Kat von
Mering). Untersuchungen über Entstehung und Wesen des Fötors
bei Ozäna. Von Privatdozent Dr. 0. Frese 169
XII. Aus der medizinischen Universitätsklinik zu Königsberg i. Pr.
I Geheimrat Prof. Dr. Li cht heim). Zur Kenntnis der Aneurysmen
der basalen Himarterien und der bei den intrameningealen Apo-
plexien auftretenden Veränderungen der Cerebrospinalflüssigkeit.
Von Dr. W. Rindfleisch, Privatdozent für innere Medizin und
Oberarzt der Klinik. (Mit 4 Abbildungen) 183
XIII. Aus Dr. J. Boas' Poliklinik für Magen- und Darmkrankheiten zu
Berlin. Beitrag zur Tuberkulose des Magens. Von Dr. 31. Alex-
ander. Assistent der Poliklinik 212
XIV. Aus der medizinischen Klinik und dem pathologisch-anatomischen
Institut der Universität Straßburg. Untersuchungen über die in
den Ergüssen und in der serösen Auskleidung der menschlichen
Pleura- und Peritonealhöhle bei Entzündungen vorkommenden Zellen
Von Dr. J. Lossen. früherem Assistenzarzt der Klinik, jetzt
Assistenzarzt der Univ.-Kinderklinik in, Heidelberg ..... 217
XV. Aus dem pathologischen Institut Bern. Über familiäres Vorkommen
— IV —
plötzlicher Todesfälle bedingt durch Status ]ym{)haticu3. Von Privat-
dozent Dr. med. £m8t Hedin^^er. 1. Assistenten am patholo-
gischen Institut, gew. Volontftrassistenten an der königl. med. Klinik
In Königsberg i. Pr 248
XVI. Aus der Köni^l. medizin. Universitätsklinik zu Königsberg i. Pr.
(Direktor: Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Licht heim)." Ein unt'er
dem Bilde eines operablen Rückenmarkstumors verlaufender Fall von
Meningomyelitis chronica. (Beiträge zur Diagnostik operabler
Rückenmarkstumoren.) Von Dr. G. Joachim. I. Assistent der
Klinik. (Mit Tafel II) 259
XVII. Aus der medizinischen Klinik der Universität in Königsberg i. Pr.
(Direktor: Geh. Med. -Rat Prof. Dr. Lichtheim) Beitrag zur
Frage der Pathogenität der Flat^ellaten. Von Dr. J. Biland,
gew. Assistenten der Klinik. (Mit Tafel III, IV) 275
XVIII. Aus der Königl. med. rnivers.-Poliklinik zu Königsberg i. Pr.
(Direktor: Professor Dr. J. Schreiber.) Über Blutvergiftungen
durch Sesamöl. Von Privatdozent E. Rantenberg(an der Klinik
vom 1. Okt. 1903 bis 1. Okt. 1904.) 294
XIX. Aus der Kgl. medizinischen Universitätsklinik zu Königsberg i. Pr.
(Direktor: Geheimrat Licht heim). Hypertrophische Lebercir-
rhose und Korsakow'sche Psychose mit Ausgang in Heilung. Von
Dr. Arthur Rosenfeld, ehem. Volontärarzt der Klinik, jetzt
Assistent an der Hautklinik in Breslau 303
XX. Aus der dermatologischen Klinik zu Bern (Direktor: Prof. Dr.
.1 ad a 8 söhn). Zur Kenntnis des Resorptionsvermögens der nor-
malen und kranken Haut und der Vaginalschlelmhaut für verschie-
dene Salbengrundlagen und für wässerige Lösungen (mit spezieller
Berücksichtigung der Jodkalisalben). Von Dr. Ch. Fauconnet,
prakt. Arzt in Lyon 317
XXI. Aus der Königl. medizin. Klinik zu Königsberg (Direktor: Geh.
Medizinalrat Prof. Dr. Licht heim). Cber Nephroparatyphus mit
Seh wefelwasserstoflfbildung im Urin. Von Dr. Carl K l i e n e b e r g e r
und Dr. Harry Scholz, Assistenten der Klinik. (Mit 1 Kurve» . 330
XXII. Aus der medizinischen Universitätsklinik zu Königsberg i...Pr.
(Direktor: Geh. Medizinalrat Professor Dr. Lichtheimj. Über
einen Fall von Myelitis transversa mit Muskelwo^en und eigen-
tümlichen Veränderungen der elektrischen Reaktion. Von Dr.
Julius Frohmann, früherem Oberarzt der Klinik 339
Viertes und Fünftes (Doppel-) Heft
ausgegeben am 12. März 1906.
XX III. Über eine typische Erkrankung des verlängerten Markes. Von
L. R. Müller, Oberarzt der inneren Abteilung des städt. Kranken-
hauses in Augsburg. (Mit 1 Abbildung und Tafel V.) .... Sfx)
XXIV. Aus der medizinischen Klinik der Universität Tübingen. (Direktor:
Professor Dr. E. Rom her g.) Über die Milchsäurebildung bei
Magenkrebs. Von Dr. Konrad 8ick, Assistenzarzt der Klinik.
(Mit 2 Kurven.) 370
XXV. über Atropin-Eumydrinwirkung bei Magendarmerkrankung. Von
Dr. med. Hagen, Nordhausen 400
XXVI. Aus der medizinischen Poliklinik in Marburg (Prof. Rom her g).
Experimentelle Untersuchungen über die Tuberkulinreaktion. I.
von Dr. H. Bahr dt, früherem Assistenten der Poliklinik, jetzt
Assistenten der medizinischen Klinik in Leipzig 418
XXVII. Aus der Direktorialabteilung des Eppendorfer Krankenhauses (Prof.
Dr. Lenhartz). Beitrag zur Pathogenese des Strejitococcus mu-
cosus. Von Dr. M. Otteu. As.^istenzarzt 434
»
— V
Seite
XXVIII. Aus der medizinischen Klinik zu Breslau. (Direktor: Geheim-
rat Prof essor von Strümpell.) Über Infusorien im Typhusstuhle
nebst Beschreibung einer bisher noch nicht beobachteten Art (Ba-
lantidium giganteum). Von Privatdozent Dr. Paul Krause.
(Mit 4 Abbildungen.) 442
XXIX. Aus der medizinischen Poliklinik in Jena. Beitrag zur Lehre
von der Adams-Stokes'schen Krankheit. Von W. Leuchtweis.
(Mit 5 Kurven.) 456
XXX. Aus der medizinischen Klinik zu Bonn (Dir. Geh.-Rat Prof. F.
Schnitze). Über Dissoziation von Vorhof- und Kammerrhythmns.
Von Privatdozent Dr. Rudolf Finkelnburg, Assistenzarzt der
medizinischen Klinik. (Mit Tafel VI.) 462
XXXI. über die Abhängigkeit der Wirkung der fluorescierenden Stoffe
von ihrer Konzentration. Von A. Jodlbauer und H. v. Tap-
peiner 468
XXXn. über die Beziehung der photochemischen Wirkung der Stoffe der
Flnoresceinreihe zu ihrer Fluorescenzhelligkeit und ihrer Licht-
empfindlichkeit. Von H. V. Tapp einer. (Mit 2 Abbildungen im
Text.) 479
XXXIII. Aus der medizinischen Universitätspoliklinik zu Leipzig (Ge-
heimrat Prof. Dr. F. A. Hoff mann). Zur Klinik der umschrie-
benen Entzündungen des Dickdarms und seines Peritoneums. Von
Dr. A. Bittorf, ehem. Assistenten der Poliklinik, z. Z. Assi-
stenten der mediz. Klinik Breslau 487
XXXIV. Kleinere Mitteilungen.
1. Zur Frage der Form Veränderungen der Herzmuskelkerne. Von
Dr. £dm. Förster, Assistent an der psych, und Nervenklinik
der kgl. Charite Berlin 499
2. Aus der KOnigl. ungar. Universitätsnervenklinik zu Budapest
(Direktor Prof. £. .1 e n d r a s s i k). Acroeyanose mit Schwellung
der Weichteile. Von Dr. Jeno KoUarits, Assistent der
Klinik. (Mit 2 Abbildungen im Text) 604
XXXV. Besprechungen.
1. Arthur Pappenheim, Atlas der menschlichen Blutzellen.
(L. Krehl) 511
2. Binswanger, Siemerling, Gramer, Hoche, West
nhal, Wollen berg, Lehrbuch der Psychiatrie. (L. Krehl) 511
3. Oppenheim, Lehrbuch der Nervenkrankheiten. (L. Krehl) 512
4. A. Mayer, Die Fortschritte in der Pathologie und Therapie
der kindlichen Verdauungsorgane in den Jahren 19(X)— 1903.
(0. R 0 m m e l - München) 512
5. Arnold B r a n d e i s , Beiträge zur Erziehungshygiene. (0.
Rom mel- München) 513
6. Der gegenwärtige Stand der Kinderheilkunde und ihre Be-
ziehungen zu den angrenzenden Wissensgebieten. Zwei Vor-
träge, gehalten von Theodor Escherich und Abraham J a c o b i.
(0. Ho mm el- München) 514
7. Handbuch der experimentellen Pathologie und Pharmakologie.
Von Prof. R. Heinz -Erlangen. (Moritz) 515
8. Die Ätiologie, Pathologie und Therapie der Sommerdiarrhöen
der Kinder. Von H. lUoway. (0. Rom mel -München) . . 516
Sechstes Heft
ausgegeben am 2. April 1906.
XXXVI. Aus der medizinischen Klinik zu Basel. (Direktor: Prof. Dr.
W. His.) Studien über den EiweiCstoffwechsel. 11. Mitteilun«:.
— VI
Seite
Über den zeitlichen Ablauf der Eiweißzersetzung im tierischen
Organismus. Von Dr. W. Falta, Privatdozent und Assistent. 517
XXXVII. Ans dem Hamburger medico-mechanischen Zander-Institut, über
die Behandlung der Angina pectoris und verwandter Zustände
durch Heilgymnastik und Massage des Thorax. Von Dr. K. Hase -
broek 565
XXXVIII. Aus der medizinischen Klinik der Universität Straitburg i. £.
(Prof. von Krehl). Über die Eiweißkörper des eiweißhaltigen
Harns. Von Oskar Groß, Volontärassistent der Klinik . . . 578
XXXIX. Aus dem pathologischen Institut des Herzoglichen Krankenhauses
in Braunschweig. Ein Fall von Morbus Addisonii infolge eut-
zündlich-hyperpTastischer Wucherungen beider Nebennieren auf
traumatischer Grundlage. Von Dr. med. Robert Borrmann,
Prosektor am Herzoglichen Krankenhaus in Braunschweig. Privat-
dozent an der Universität Göttingen. (Mit Tafel VII. VIII) . . 593
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11^05.
DEUTSCHES ARCHIV
FÜE
KLINISCHE MEDIZIN
86. BAND. 1.— 3. HEFT.
Festschrift
HERRN
GEE MED.-RAT PROF. DR L. LICHTHEIM
IN KÖNIGSBERG i. Pr.
GEWIDMET ZUR
VOLLENDUNG SEINES 60. LEBENSJAHRES
VON SEINEN SCHÜLERN.
MIT 6 ABBILDUNGEN IM TEXT UND 4 TAFELN.
LEIPZIG,
VERLAG VON F. C. W. VOGEL
1905.
Inhalt des sechsundachtzigsten Bandes.
Heft 1—3.
Seite
I. Sahli, Bern.
Beitrag zur kortikalen Lokalisation des Zentrums für die konju^erten Seit-
wärtsbewegangen der Augen and des Kopfes. (Mit 1 Abbildung) 1 *
II. Korach, Posen.
Über Früb- und Fehldiagnosen der akuten Perityphlitis 19
III, Ernst Neißer, Stettin.
Über Soudenpalpation der Bronchialdrüsen bei gewissen leichtesten Formen
der Tuberkulose 28
IT. S. Askanai^, Königsberg i. Pr.
Über Hämaturie als Initialsymptom pnmärer Nierentuberkulose .... 42*
y. Theodor Cohn, Königsberg i. Pr.
Zur Diagnose der Verlagerung und Verkümmerung einer Niere .... 68
TL Max Sehobert, Wiesbaden.
Ben Ben und Skorbut 79
TII. JL Kackein, Karlsbad (San Remo).
Zur Klinik der Cholelithiasis 91
yilL Georg Frennd, Stettin.
Zur Kenntnis der Barlow'schen Krankheit (Brustkind) 129 "
IX. W. Llndt, Bern,
natomie der angeborene
af el I) . . 146
Beitrag zur pathologischen Anatomie der angeborenen Taubstummheit. (Mit
T "
X. Eberhard Margnlies^ Kolberg.
Zur Lehre vom Ertrinkungstode 159
XI. 0. Frese, Halle a. S.
Untersuchungen über Entstehung und Wesen des Fötors bei Ozäna . . . 169
Xn. W. Blndlleisch, Königsberg i. Pr.
Zur Kenntnis der Aneurysmen der basalen Himarterien und der bei den
intrameningealen Apoplexien auftretenden Veränderungen der Cere-
brospinalflüssigkeit. (Mit 4 Abbildungen) 185
/ XIII. M. Alexander, Berlin.
Beitrag zur Tuberkulose des Magens 212
XIY. J. Lossen, StraOburg.
Untersuchungen über die in den Ergüssen und in der serösen Auskleidung
der menschlichen Pleura- und Peritonealhöhle bei Entzündungen vor-
kommenden Zellen 217
— IV —
Seite
XT. Ernst 'fiediiiffer, Bern.
Über familiäres Vorkommen plötzlicher Todes&lle bedingt dnrch Status lym-
pbaticns 248
XYL G. Joachim. Köniirsberg i. Pr.
Ein nnter dem Bilde eines operablen Rückmarkstnmors verlaufender Fall von
Meningomyelitis chronica. (Mit Tafel II) 259
XTII. J. Blland, Königsberg i. Pr.
Beitrag zur Frage der Pathogenit&t der Flagellaten. (Hit Tafel m, IV) . 275
XYIU. E. Baatenberg, Königsberg i. Pr.
Über Sltitvvrgiftungen durah Satamdl 294
XIX. Arthor Roseiifdld, Königsberg i. Pr.
Hypertrophische Lebercirrhose und Korsakow'sche Psychose mit Aasgang in
Heilung 303
Zur Kenntnis des Resorptionsvermögens der nomafen und kranken Haut
fttr
und der Vaginalschleimhaut fttr verschiedene Salbengrundlagen und
fttr wässerige Lösungen (mit spezieller Berttcksichtigung der Jodkali-
salben) 317
XXI. Carl KUenebANrger und Harn Sobols, Königi^erg i. iPr.
Über Nephroparatyphus mit Schwefel wasserstofifbildung im Urin. (Mit 1 Kur ve) 330
XXIi. talfaig Frohaiaiin. Königsberg.
.Über einen Fall von Myelitis transversa mit Muskel wogen and eigentüm-
lichen Veränderungen der elektrischen Reaktion 339
'\
»i\V
Beitrag zur kortikalen Lokalisation des Zentrnms für die
konjugierten Seitwärtsbewegnngen der Ängen und des
Kopfes.
Von
Prof. Dr. Sahli in Bern.
(Mit 1 Abbildung.)
Dank den Arbeiten von Prevost, Landouzy, Grasset,
Wernicke, Leichtenstern, Hunnius, Ferrier u.a. haben
vrir von der sogenannten konjugierten Augenablenkung bei Herd-
läsionen des Gehirns im allgemeinen eine geklärte Auffassung. Die
Kenntnisse, über welche wir in dieser Beziehung verfügen, sind in
meinem Lehrbuch der klinischen Untersuchungsmethoden (4. Aufl.
1905) in nuce dargestellt. Es handelt sich nach dieser Darstellung
physiologisch bei der assoziierten Seitwärtsbewegung der Augen um
-die Innervation einer Bahn, durch welche von einer zentralen Inner-
vationsstelle in der Hirnrinde aus, mit deren Lokalisation wir uns
in dem Folgenden zu befassen haben, die horizontal wirkenden
Augenmuskeln in der Weise innerviert werden, daß der Inner-
vationsstrom zu dem Rectus internus der gleichen und dem ßectus
-externus (Abducens) der entgegengesetzten Seite geht (vgl. das
Schema dieser Innervation Fig. 238, 239 und 240 auf S. 865 f.
meines Lehrbuches, 4. Aufl.). Durch Lähmung dieser Bahn resp.
-des zugehörigen Zentrums entsteht eine konjugierte Lähmung der
Seitwärtsbewegung des Blickes. Dieselbe überdauert die Ent-
stehung der sie bedingenden Herdläsion meist nur kurze Zeit,
woraus mit Wernicke der Schluß gezogen werden muß, daß die
in Frage stehende Bahn wie so viele andere motorische Bahnen,
speziell solche der Hirnnerven, beidseitig angelegt ist, d. h. daß
^er Rectus internus und Abducens für die assoziierten Seitwärts-
bewegungen der Augen sowohl eine gekreuzte als eine gleichseitige
centrale Innervation besitzen. Das rasche Vorübergehen der kon-
Deotaches Ärohiv f. kUD. Medizin. 86. Bd. 1
2 I. Sahli
jngierten Lähmung der Augenmuskeln beruht nach dieser Annahme
darauf, daß, auch wo die Bahn nicht bloß durch Femwirkung
vorübergehend geschädigt, sondern wirklich zerstört ist, nach
einiger Zeit die Innervation von Seite der anderen, nicht geschä-
digten Hemisphäre den Defekt zu decken vermag. Die Annahme^
daß bei Wegfall der Innervationsimpulse für die Bewegung der
Augen nach der einen Seite die tonische Innervation der Anta-
gonisten die Oberhand gewinnt, erklärt ohne weiteres die mit der
konjugierten Lähmung der Seitwärtswender des Blickes meist ver-
bundene Abweichung der Augen im Sinne der Antagonisten, d. h.
die von Prevost so genannte konjugierte Ablenkung der Augen.
Auch bei vollständiger Durchbrechung der in Frage stehenden
Bahn ist aus den angeführten Gründen (wegen der bihemisphäri-
sehen Innervation) das Symptom der konjugierten Ablenkung der
Augen meist nur für kurze Zeit mit völliger Unmöglichkeit, die
Augen nach der entgegengesetzten Seite zu wenden, verbunden.
Meist können, falls das Bewußtsein erhalten ist, sehr bald oder
sogar von vornherein die Augen trotz der konjugierten Ablenkung
nach der anderen Seite bewegt werden und die Lähmung resp»
Schwäche der Seitwärtswendung äußert sich dann bloß darin, daß
der motorische Willensimpuls bloß für kurze Zeit ausreicht, um die
konjugierte Ablenkung zu überwinden und daß spontan ohne be-
sondere Aufforderung der Patient nie oder selten nach der ent-
gegengesetzten Seite blickt, als hätte er hiergegen eine Abneigung.
Klinische Erfahrungen, besonders die Untersuchungen von Leichten-
stern-Hunnius sprechen dafür, daß die Bahn für die konjugierte
Bewegung der Augen sich an der oberen Grenze des Pons kreuzt^
woraus sich ergibt, daß die Richtung der konjugierten Abweichung
resp. der konjugierten Lähmung der Augen im Verhältnis zur Lage
des Gehirnherdes sich entgegengesetzt verhalten muß, je nachdem
der Herd die Bahn oberhalb der oberen Ponsgrenze oder unterhalb
derselben betrifft Im ersteren (gewöhnlicheren) Fall ist die Be-
wegung der Augen nach der dem Herd entgegengesetzten Seite
beeinträchtigt und, falls konjugierte Abweichung vorhanden ist^
blickt der Kranke nach der Seite seines Gehirnherdes. Im letz-
teren Fall dagegen, bei Sitz des Herdes unterhalb der obereu
Ponsgrenze, betrifft die Lähmung die der Lage des Herdes gleich-
namige Blickrichtung, die Abweichung der Augen dagegen ist so^
als ob der Kranke von seinem Herd wegblickte. Wenn man nuu
außerdem annimmt, daß unter Umständen die in Frage stehende
Bahn resp. das dazu gehörige Zentrum, wie dies namentlich
Kortikale Lokalisat. d. Zentrums f. d. koi^'ugiert. Seitwärtsbeweg, d. Augen etc. 3
Landouzy hervorgehoben hat^ statt durch Lähmung auch durch
einen Beizzustand betroffen werden kann^ so sind damit die Mittel
für die klinische Deutung der mannigfaltigen Variationen der die
konjugierten Seitwärtsbewegungen der Augen betreffenden patho-
logischen Erscheinungen vollständig gegeben.
Während über diese fundamentalen die konjugierte Seitwärts*
bewegung der Augen betreffenden Fragen dank den Arbeiten der
oben erwähnten Autoren schon lange keine Meinungsverschieden-
heit mehr existiert, waren bis vor kurzem und sind vielleicht zum
Teil jetzt noch die Meinungen geteilt in betreff der Lokalisation des
kortikalenZentrumsfürdie assoziierten Seitwärtsbewegungen
der Augen. Bis vor kurzem war man nach dem Vorgehen von
Landouzy und Wer nicke geneigt, dieses Zentrum in den dem
Unterscheitelläppchen angehörigen Oyrus angularis, den pli courb^
der Franzosen zu verlegen. Denn sowohl Reizversuche an Tieren
(Luciani und Tamburini, Ferrier, Munk, Obregia) als
die anatomischen Befunde von Landouzy und Wernicke bei
pathologischen Fällen schienen in diesem Sinne zu sprechen. In*
folgedessen habe ich noch in der vorletzten Auflage meines Lehr-
buches der klinischen Untersuchungsmethoden eine Abbildung auf-
genommen, in welcher für das fragliche Zentrum der Seitwärts-
bewegung der Augen der Gyrus angularis reserviert war. Schon
damals aber entschloß ich mich zu der Annahme dieser Lokali-
sation bloß mit halber Überzeugung, weil die Beobachtungen sich
mehren, welche für eine andere Lokalisation sprechen, die ich denn
auch in der neuen Auflage meines Lehrbuches vertrete, nämlich
für die Lokalisation des betreffenden Zentrums in der dem Sulcus
praecentralis benachbarten Region des Stirnbeins, insbesondere in
dem Fuß der zweiten Stirnwindung.
^ Wichtig für die neue Auffassung sind vor allem die Zerstörungs-
versuche von Brown und Schäfer am Affengehirn. Diese Autoren
fanden, daß nach Exstirpation des unteren ScheiteUäppchens keine
konjugierte Ablenkung der Augen entstand, obschon Munk und
Ferrier bei Reizung dieser Region in Übereinstimmung mit
der älteren klinischen Auffassung konjugierte Bewegung der Augen
nach der entgegengesetzten Seite hin erzielt hatten. Dieses nega-
tive Resultat der Exstirpationsversuche am Gyrus angularis ließen
daran denken, daß dieser Hirnteil nicht das gesuchte Zentrum
selbst sei, sondern bloß eine Stelle, von wo aus dasselbe leicht er-
regt werden kann. Ferrier, der die Reizstelle im Gyrus angu-
laris selbst mit aufgefunden hatte, hatte (l c. S. 162) festgestellt,
1*
4 I. Sahli
daß auch Reizung der Region des Stirnhirnes, welche der Präzentral-
furche direkt anliegt, konjugierte Bewegung der Augen und des
Kopfes nach der entgegengesetzten Seite hervorruft und daß, was
noch wichtiger ist, im Momente der Zerstörung dieser Region eine
vorübergehende Deviation des Kopfes und der Augen nach der
Seite der Läsion beobachtet wird. Von Ferrier ist diese Region,
welche also, scheinbar dem Gyrus angularis koordiniert, zunächst
als ein zweites Zentrum für die Seitwärtsbewegungen der Augen
und des Kopfes imponierte, als Zentrum 12 bezeichnet worden.
In der Folge haben sich wiederum englische Autoren um die
genauere experimentelle Feststellung dieser durch Ferrier auf-
gefundenen Stelle des Frontalhirnes verdient gemacht. Mott und
Schäfer sowie Beevor und Horsley bestätigten die zuletzt
erwähnte Beobachtung von Ferrier und konnten die betreflfende
Stelle im Frontalhirn experimentell noch genauer umgrenzen. Die
Resultate der Versuche von Beevor und Horsley am Affen
(Macacus sinicus) sind in Fig. 249 S. 914 meines Lehrbuches der
klinischen üntersuchungsmethoden (4. Aufl.) reproduziert. Diese
Abbildung differenziert im Stirnhim genau ein Zentrum für die
isolierte Bewegung des Kopfes nach der entgegengesetzten Seite,
ferner ein solches für die Bewegungen bloß der Augen' und endlich
ein solches für die Bewegung sowohl des Kopfes als der Augen
nach der entgegengesetzten Seite. Alle diese experimentell beim
Macacus gefundenen Zentren liegen in dem an die vordere Zentral-
windung resp. an die Präzentralfurche grenzenden Teil, dem so-
genannten Fuß der Stirn Windungen und zwar das erste in der
obersten, das zweite in der untersten und das dritte in der mitt-
leren Stirnwindung.
Gegen die detaillierte Übertragung dieser Resultate vom
Macacus sinicus auf den Menschen spricht nun aber die Tatsacke,
daß Beevor und Horsley in einer späteren Untersuchung am
Orang-Utan (1890), der dem Menschen näher steht, ein etwas ab-
weichendes Verhalten trafen. Hier fanden die Autoren einerseits
in der vorderen Zentralwindung unterhalb der Handregion eine
Stelle, von wo aus durch Reizung Öffnung der Augen und Drehung
der Bulbi und des Kopfes nach der entgegengesetzten Seite hervor-
gerufen wurde, andererseits in dem Fuße der mittleren Stirnwin-
dung, durch ziemlich ausgedehnte unerregbare Stellen von der
Zentralwindung getrennt, ein Zentrum für die konjugierten Augen-
bewegungen nach der entgegengesetzten Seite.
Bei dieser Verschiedenheit der Befunde bei den einzelnen
Kortikale Lokalisat. d. Zentrams f. d. konjugiert. Seitwärtsbeweg, d. Augen etc. 5
Affenarten sind wir doch für die menschliche Pathologie in den
Detailfragen der Lokalisation hauptsächlich auf pathologische Be*
obachtangen angewiesen. Im großen und ganzen bestätigen diese
allerdings die experimentellen Tierbefunde. Ich verweise in dieser
Beziehung auf die Abbildung der funktionellen Rindentopographie,
welche v. Monakow in seinem großen Werke über die Himpatho-
logie in NothnageFs Sammelwerk nach den klinischen Beobach-
tungen von Alien-Starr, Eeen, Mills und nach eigenen
Erfahrungen zusammengestellt hat Diese Abbildung findet sich
in meinem Lehrbuch der klinischen Untersuchungsmethoden (4. Aufl.
S. 914 Fig. 248) reproduziert. Ein Teil der auf die pathologischen
Lokallsationsbefunde bezüglichen Literatur ist in einer sorgfältigen
Dissertation von W. E 1 a a s zusammengestellt. Ich entnehme dieser
Arbeit die Beobachtung von El aas selbst, sowie diejenigen von
Prevost, Hitzig, Dentan, Laquer, Bechterew, Oppen-
heim (33), Drummond, Horsley, Neumann, Permewan.
Von diesen FäUen sind als die wichtigeren hervorzuheben der Fall
von E 1 a a s selbst, die 2 Fälle von Prevost, sowie derjenige
von Drummond und Oppenheim (33), weil hier die Erscheinung
der konjugieiten Ablenkung als Lähmungs- oder Ausfallssymptom
auftrat Weitere reichliche Literaturangaben enthält die statistische
Arbeit von £. Müller über Stimhimtumoren. Aus den daselbst
mitgeteilten Beobachtungen sind wieder als besonders wichtig her-
vorzuheben die Fälle von Beauclair, Galavielle und Villard,
Oppenheim, Williamson, weil in diesen die konjugierte Ab-
lenkung der Augen und des Eopfes nicht bloß als Beizsymptom,
sondern als Ausfallssymptom beobachtet wurde. Ferner sind die bei
Müller angeführten Fälle von Eussel, Mac Donall, Höniger,
Frahm, Engelhardt, Dudley deshalb zu nennen, weil in
diesen, wie Müller annimmt, sich aus dem gesetzmäßigen Fort«
schreiten rindenepileptischer Entladungen im Bereich der Zentren
der konjugierten Augenbewegungen, der Eopfdrehung und des
Facialisgebietes sich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit Schlüsse
auf die topographische Anordnung dieser Zentren ziehen lassen.
Einige noch neue Beobachtungen endlich sind enthalten in einer
Arbeit von zur Verth. Hier wird neben einer eigenen wert-
vollen Beobachtung unter anderem eine wichtige Beobachtung von
Ferruccio Schuppfer angeführt.
El aas kommt in seiner zusammenfassenden Arbeit zu dem
Resultate, daß das Zentrum für die willkürliche Seitwärtswendung
beider Augen und des Eopfes beim Menschen an der von Ferrier
6 I. Sahli
angegebenen, von Beevor und Horsley, Mott und Schäfer
beim Affen genauer lokalisierten Stelle des Stirnhirns liegt, nämlich
in der postfrontalen Region wahrscheinlich speziell in dem Fuße
(dem der Zentralwindung zunächst gelegenen Teile) der 2. und
3. Stimwindung. Müller kommt in dem angeführten Aufsatz zu
dem Schluß, daß das Zentrum für die seitliche Drehung des Kopfes,
welches in engem Konnex mit dem Rindengebiet des unteren Facialis
stehen muß, unterhalb des Zentrums für die konjugierte Seit-
wäi-tsbewegung der Augen liegt und daß das erstere Zentrum
mehr die unteren, das letztere mehr die oberen Partien des Fußes
der 2. Stirnwindung einnimipt. Aach zur Verth, der neueste
der mir bekannten zusammenfassenden Autoren kommt zu dem
Resultate, daß die Lage der Zentren für die kontralaterale Augen-
und Kopfdrehung im Fuß der 2. Stirnwindung als endgültig fest-
gestellt zu betrachten sei und daß an jener Stelle das Kopfdrehungs-
zentrum, wie auch Müller annimmt, unterhalb des Augendrehungs-
zentrums liege.
Als Ergänzung dieser klinischen Analysen ist noch eine ex-
perimentelle Untersuchung Mills' hervorzuheben, welcher Gelegenheit
hatte bei einem trepanierten Menschen eine elektrische Reizung
der in Frage stehenden Region vorzunehmen. Mills fand, daß
auch beim Menschen durch elektrische Reizung des hintersten
Endes der 2. und 3. Stirnwindung konjugierte Bewegungen der
Augen nach der entgegengesetzten Seite sich erzielen ließen. Auch
sonst ist, wenn man von den Fragen der feinsten Lokalisation ab-
sieht, die Analogie zwischen Menschen- und Affengehirn in betreff
der assozierten Seitwärtsbewegung der Augen im großen gewahrt
und ich möchte hier speziell in dieser Beziehung nur nochmals die
Tatsache hervorheben, daß, wie Ferrier bei seinen Exstirpations-
versuchen fand, auch bei Tieren offenbar durch vikariierendes Ein-
treten der gesunden Hemisphäre die durch die Exstirpation des
Zentrums eintretende konjugierte Ablenkung der Augen nach
einiger Zeit vorbeigeht.
Wenn ich nun noch antizipierend hervorhebe, daß der Fall,
welcher das Objekt der vorstehenden Darstellung bildet, vollkommen
mit diesen neuen Anschauungen über die Lage des Zentrums für
die konjugierte Seitwärtsbewegung der Augen übereinstimmt, so
muß die Frage beantwortet werden, wie denn eigentlich die zahl-
reichen Beobachtungen über konjugierte Ablenkung der Augen bei
Läsionen im ünterscheitelläppchen , speziell im Gyrus angularis,
und bei experimenteller Reizung desselben bei Tieren, worauf
Kortikale Lokalisat. d. Zentrums f. d. konjugiert. Seitwärtsbeweg, d. Augen etc. 7
früher fär die Lokalisation der in Frage stehenden Funktion mit
Wernicke das Hauptgewicht gelegt wurde, sich mit der Annahme
vereinigen lassen, daß das eigentliche Zentrum der konjugierten
Augen bewegungen im Stirnhirn liegt. Offenbar verhält sich die
Sache so, daß im Gyrus angularis oder wohl eher in seiner un-
mittelbaren Nachbarschaft in der weißen Substanz eine Durchgangs-
stelle für Fasern existiert, durch deren Eeizung das eigentliche im
Stirahirn liegende Zentrum für die konjugierten Augenbewegungen
reflektorisch erregt wird. Es ist dies deshalb sehr wahrscheinlich
weil jedenfalls durch weiße Hirnteile, welche dem Gyrus angularis
benachbart sind, die Fasern verlaufen müssen, welche die Seh-
und die Hörspbäre mit der motorischen Augenregion verbinden
nnd deren Existenz ein physiologisches Postulat ist.
In der Tat konnte Ferrier von der Seh- und der Hörsphäre
aus durch Reizung eine konjugierte Augenbewegung nach der ent-
gegengesetzten Seite hin hervon^ufen und Cyon gelang es bei
Eaninchen auch von den halbzirkelförmigen Kanälen aus und
durch Beizung des Acusticus Bewegungen der Bulbi hervorzurufen.
Eine solche enge Verbindung zwischen Seh- und Hörsphäre ist in-
sofern ein physiologisches Postulat, als die tägliche Erfahrung lehrt,
daß wir durch plötzliche Gehöi-seindrücke und exzentrische Gesichts-
eindrücke veranlaßt werden, unwillkürlich unsere Augen nach
der Seite hin zu richten, von welcher die Gehör- und Gesichts-
eindrucke kommen. Es entspricht diese Tatsache übrigens selbst-
verständlich vollkommen dem teleologischen Bedürfnis unseres
Organismus. — Högyes konnte den Zusammenhang zwischen
Gehör- und Gesichtseindrücken und konjugierten Augenbewegungen
auch an hysterischen Patienten experimentell nachweisen. Mit der
Auffassung, wonach das eigentliche psychomotorische Zentrum der
konjugierten Augenbewegungen im Stimhirn liegt, während das
Unterscheitelläppchen resp. der Gyrus angularis entgegen der ur-
sprünglichen Ansicht Wernicke 's bloß einer Durchgangsstelle
zentripetaler Fasern für dieses Zentrum naheliegt, stimmt auch
Flechsig übereiu (1. c. p. 72, 76 und 77, femer Fig. 7 und 9),
welcher im ünterscheitelläppchen nur wenige Projektionsfasern
fand, dagegen auf die Nähe der an dieser Region vorüberziehenden
Faserzüge der Sehstrahlung und der temporalen Großhirnbrücken-
hahn der Gehörsphäre aufmerksam macht.
Die nachstehend mitgeteilte Beobachtung zu unserer Frage
dürfte aus folgenden Gründen von Wert sein. In den meisten
Fällen des im vorhergehenden besprochenen kasuistischen Materiales
8 I. S4HLI
liandelte es sich um ziemlich ausgedehnte Läsionen, welche zu
lokaldiagnostischeu Schlüssen wenig geeignet erscheinen. Außerdem
werden in der Mehrzahl der Fälle in Ermangelung eines Besseren
zur Entscheidung der Lokalisationsfrage Krampferscbeinungen ver-
wertet, die im Verlauf rindenepileptischer Anfalle auftraten. Es
ist aber klar, daß Krampferscheinungen nur mit großer Bes^ve
für die Lokalisation benutzt werden dürfen, da dieselbe oft in
einer gewissen Entfernung vom Herde selbst entstehen und da
bekanntlich bei epileptischen Konvulsionen das Symptom der kon-
jugierten Ablenkung des Auges als Reizerscheinung häufig ganz
ohne jeden groben anatomischen Befund beobachtet wird. Dem-
entsprechend wird ja bekanntlich die Regel, daß bei kortikalen
Epilepsien mit anatomischem Befund der klinische Ausgangspunkt
der Krämpfe auf die Stelle der anatomischen Läsion zu beziehen
sei, durch so viele Ausnahmen durchbrochen, daß sie zwar benutzt
werden kann, um in operativen Fällen einen ungefähren Anhalts-
punkt für die Auffindung der Läsionsstelle zu erhalten, daß aber
auf ein genaues Zutreffen der anatomischen Lokalisation, besonders
wenn nicht auch noch stationäre Ausfallserscheinungen dieselbe
mit begründen helfen, nicht mit Bestimmtheit zu rechnen ist In-
folge dieser Verhältnisse hält in der bisherigen Kasuistik nur
weniges den Anforderungen stand, die man für die Feststellung
einer noch nicht bekannten Hirnlokalisation stellen muß. Ich will
dies näher begründen. In der von Kl aas zusammengestellten
Kasuistik finden sich zum Beispiel nur die oben hervorgehobenen
4 Fälle, welche das Symptom der konjugierten Ablenkung der
Augen in mehr stationärer Weise offenbar als Ausfallssymptom und
dementsprechend mit Richtung des Blickes nach der Seite der
Läsion darboten. Außerdem zeigten die meisten Fälle, welche
Kl aas benutzt, verhältnismäßig ausgedehnte Läsionen, die mehr
oder weniger weit über die als Zentrum der konjugierten Augen-
bewegung betrachtete Stelle hinausgingen, so auch der Fall von
Kl aas selbst, so daß mit Recht Klaas in betreff dieser Sektions-
befunde sich vorsichtig nur dahin ausspricht (p. 31), daß dieselben
mit den neueren Anschauungen über die Lokalisation des Zentrums
für die konjugierten Seit wäitsbewegungen der Augen, wie sie oben
dargestellt wurden, übereinstimmen. Als beweisend für die-
selben können sie zum größten Teil nicht betrachtet werden. Nur
in zweien der von Klaas angeführten Fälle, nämlich denjenigen von
Drummond und von Oppenheim lagen umschriebene Herde
im hinteren Teil der mittleren Stirnwindung vor, welche den
Kortikale Lokalisat. d. Zentrums f. d. konjugiert Seitwärtsbeweg, d. Augen etc. 9
Strengen Anforderungen an eine lokalisatorische Verwertung stand-
halten, indem sie einerseits umschrieben genug waren, und anderer*
seits nicht bloß durch Reizung, sondern durch Lähmung konjugierte
Ablenknng der Augen und des Kopfes bedingten. Diese beiden
Fälle geben allerdings eine vollständige Bestätigung der für den
Macacus sinicus durch B e e v o r und H o r s 1 e y gefundenen Lokali-
sation eines gemeinsamen Zentrums für Kopf- und Augendrehung
nach der entgegengesetzten Seite in dem Fuß der mittleren Stirn-
windung. Ähnliche Bedenken wie für die Mehrzahl der durch
Kl aas angeführten Fälle gelten auch für die meisten Fälle der
E. Muller'schen Kasuistik, die wieder ganz vorwiegend eine
Statistik rindenepileptischer Reizerscheinungen ist. Nur in den
Fällen von Beauclair, Frahm, Galavielle und Villard^
Oppenheim (der schon in der Kasuistik von Kl aas erwähnt
ist) und Williamson erscheint die Kopf- und Augendrehung als
Ausfallserscheinung. Von diesen Fällen betraf nun aber auch
wiederum bloß der eine von Oppenheim eine ziemlich um-
schriebene Läsion des Stirnhirns. Es ist wohl kein Zufall, da&
auch hier die konjugierte Ablenkung der Augen und des Kopfes
einem Herd im hintersten Teil der mittleren Stirn Windung ent-
sprach. Während ich diese von Müller verwertete Oppenheim'sche
Beobachtung ebenso wie der oben erwähnte Drummond'sche Fall
für die zentrale Kombination der Seitwärtsbewegung der Augen
und des Kopfes als ziemlich einwandsfrei betrachte, kann ich die
oben angeführte Schlußfolgerung, welche Müller nach einer An-
zahl von Fällen aus der Reihenfolge der epileptischen Ent-
ladungen zieht, die Schlußfolgerung nämlich, daß das Zentrum der
Kopfdrehung unterhalb desjenigen der konjugierten Augenbewegungen
liege, wegen der allgemeinen Bedenken gegen die Verwertung von
Reizerscheinungen zu allgemeinen lokalisatorischen Schlüssen nicht
als absolut beweiskräftig anerkennen. Aus der Mitteilung von
zur Verth erwähne ich dessen eigenen Fall von traumatischer
Rindenepilepsie, bei welchem die Anfälle mit Drehung der Augen
und des Kopfes nach der entgegengesetzten Seite begannen und
bei welchem die Sektion eine Narbe wiederum in dem hinteren
oberen Teil der zweiten Stirnwindung ergab. Die Läsion ist zwar
hier ziemlich umschrieben, aber da es sich um epileptische Reiz-
erscheinungen handelte, so ist die Bedeutung dieses Falles für die
Lokaldiagnostik aus dem angeführten Grunde ebenfalls eine be-
schränkte. Trotzdem zieht zur Verth aus diesem und einem von
ihm zitierten anderen Falle von Schupp fer, der mir aus ana-
10 I. Sahli
logen Gründen nicht einwandsfrei erscheint, die etwas weitgehende
aber mit E. Müller's Ansicht übereinstimmende Folgerung, daß
entgegen den Befunden von Beevor und Horsley am Macacus
sinicus das Zentrum für die Kopfdrehung beim Menschen unter-
halb des Zentrums für die konjugierte Seitwärtsbewegung der
Augen liege.
Wenn mau also das Wenige, was in der ausgedehnten Kasuistik
über die konjugierte Seitwärtsbewegung der Augen und des Kopfes
beim Menschen wirklich einwandsfrei ist, zu Schlußfolgerungen zu-
sammenfaßt, so reduziert sich dies darauf, daß sehr wahrscheinlich,
wie beim Macacus sinicus, so auch beim Menschen ein gemeinsames
Zentrum für die Seitwärtsbewegung der Augen und des Kopfes
nach der entgegengesetzten Seite in dem Fuß der mittleren Stim-
windung liegt. Ob daneben ähnlich wie beim Macacus ein isoliertes
Zentrum bloß für die Seitwärtsbewegung des Kopfes und ein an-
deres bloß für die Seitwärtsbewegung der Augen existierte, ist
noch nicht festgestellt. Die Müller'schen lokalisatorischen Schlüsse
aus der Keihenfolge der Krämpfe bei epileptischen Entladungen
scheinen mir, wie gesagt, für die Beantwortung dieser Frage zu
unsicher. Auch ist zu betonen, daß der Umstand, daß man bei
Eindenepilepsien zuweilen Konvulsionen entweder bloß der Seit-
wärtsbewegung der Augen oder bloß der Kopfdreher beobachtet,
nicht mit Sicherheit für eine grob anatomische Trennung eines
Zentrums der Kopfdrehung und einer solchen für die Seitwärts-
bewegung der Augen beweisend ist, da ja auch innerhalb eines
gemischten Zentrums funktionelle Gruppierung und zeitliche
Trennung der Krämpfe zustande kommen kann. Wie man sieht
entspricht dasjenige, was beim Menschen als ziemlich sicher fest-
gestellt erscheint, nämlich die Existenz eines gemeinsamen Zentrums
für die Seitwärtsbewegung der Augen und des Kopfes in dem Fuß
der mittleren Stirnwindung zwar der analogen Kombination dieses
Zentrums sowohl beim Macacus als beim Orang-Utan. Allein völlige
Übereinstimmung herrscht zwischen den Tierversuchen und den
Beobachtungen am Menschen insofern nicht, als bisher wenigstens
ein isoliertes Zentrum nur für die Kopfdrehung und ein eben
solches nur für die Seitwärtsbewegung der Augen wie beim Ma-
cacus (vgl. die Abbildung 249, p. 914 der 4. Auflage meines
Lehrbuches der klin. Untersuchungsraethoden), ferner ein zweites
Zentrum für jene gemeinsame Funktion in der vorderen Zentral-
windung wie beim Orang-Utan (Beevor und Horsley in Phil.
E.ortikcLle Lokalisat. d. Zentrams f. d. konjugiert. Seitwärtsbeweg, d. Angen etc. H
Transakt. 1890, Tafel 21) für den Menschen vorläufig noch nicht
nachgewiesen sind. '
Bei dieser Sachlage und in Anbetracht der Dürftigkeit des
wirklich brauchbaren Beobachtungsmateriales am Menschen bedarf
die Mitteilung des folgenden Falles keine weitere Motivierung.
Derselbe zeichnet sich dadurch aus, daß es sich um einen Kranken
handelte, bei welchem eine mindestens 3—4 Tage lang dauernde
stationäre konjugierte Augenablenkung und Kopfdrehung ohne
sonstige Lähmungs- und Eeizerscheinungen und ohne Aufhebung
des Bewußtseins bestand, und bei welchem die Sektion einen ganz
umschriebenen Herd in dem Fuß der zweiten Stirnwindung ergeben
hat. In betreff der hier gegebenen Möglichkeit, ausschließlich
LähmuDgserscheinungen für die Lokalisation zu verwerten und in
betreff der geringen Ausdehnung des Herdes dürfte dem vorliegen-
den Fall kaum ein anderer in der bisherigen Kasuistik ebenbürtig
sein. Am meisten kommen ihm nahe der Fall von Oppenheim
und derjenige von Drummond. Jedoch war in dem ersteren
Falle die Läsion ausgedehnter als in dem meinigen. In dem Fall
von Drummond war die Läsion (haselnußgroßer Absceß) zwar
noch kleiner als in dem meinigen. Aber zum Teil vielleicht des-
wegen, infolge unvollständiger Zerstörung des Zentrums, zum Teil
wohl auch wegen der operativen Entlastung durch Trepanation
(die zwar den Herd selbst nicht traf) verschwand hier die konju-
gierte Seitwärtswendung der Augen und des Kopfes nach der Seite
des Herdes schon nach sehr kurzer Zeit (2—3 Stunden), als der
Patient trepaniert wurde, und sie war dabei außerdem mit Reiz-
erscheinungen von selten der anderen Hemisphäre verbunden, so
daß ein Skeptiker gegen die lokal diagnostische Verwertung des
Drummond'schen Falles einwenden könnte, daß in Anbetracht des
raschen Verschwindens der konjugierten Ablenkung durch die
trepanatorische Entlastung dieselbe auf Fernwirkung oder in An-
betracht der von der anderen Hemisphäre ausgehenden motorischen
Reizerscheinungen als Krampferscheinung aufgefaßt werden konnte.^)
1) Ich bemerke, daß der Fall von Drummond in dem Werke von Berg-
mann über die chirurgische Behandlung der Hirnkrankheiten, und zwar sowohl
in der zweiten Auflage (1887) als in der dritten (1899) gerade in dem wesent-
lichsten Punkte, nähralich in betreff der Richtung der konjugierten Ablenkung,
soweit dieselbe als Lähmungssymptom auftrat, falsch citiert worden ist. Der Fall,
den ich zunächst nur nach diesem im übrigen sehr ausführlichen Referat Berg-
mannes kannte, war mir aus diesem Grunde zuerst vöUig unverständlich, bis ich
mich durch Konsultierung der Original arbeit von Drummond von der Unrichtig-
keit des Referates überzeugte.
lg L Sahli
Ich glaube deshalb den hier mitgeteilten Fall an Klarheit als ein
Unikum bezeichnen zu dürfen.
Auszug aus der Krankengeschichte.
Patient J. Bnrri, Bleiweißarbeiter, 43 Jahre alt, erkrankte am
19. November 1904 akut mit Schüttelfrost und den Erscheinungen einer
linksseitigen Pneumonie, nachdem er schoo seit 1 Jahr an Husten und
seit 1 Monat an übelriechendem Auswurf gelitten hatte. Beim Spital-
eintritt wurde Kachexie, Abmagerung und Fieber konstatiert und die
Untersuchung der Lungen ergab eine beidseitige pneumonische Infil»
tration beider ünterlappen, mäßige Albuminurie mit etwas Blutgehalt dea
Harnes und ohne Zylinder und etwas Düaiation des Herzens nach links»
Sonst normaler Organbefund. Das putride Sputum enthielt reichlich
Pneumokokken und Tuberkelbazillen. Die Untersuchung des Nerven-
systems ergab eine bis zum Tod andauernde leichte Benommenheit, nor^
malen Augenspiegelbefand, keine Lähmungserscheinungen irgendwelcher
Art außer der nachher zu erwähnenden Links weo düng der Augen und
des Kopfes. Von dieser Erscheinung abgesehen zeigte sowohl das cere-
brale als das spinale Nervensystem in betreff der Motilität, Sensibilität,
der Beflexe und der trophischen Verhältnisse vollkommen normalen Be-
fund. Die opthalmoskopische Untersuchung ergab normale Verhältnisse,
keine Chocioidealtuberkel, keine Stauungspapille. Der Patient hielt seine
Augen und seinen Kopf fast fortwährend nach links gerichtet. Nur selten
blickte er vorübergehend auch gerade aus oder nach der rechten Seite.
An dieser Drehung nahm stets auch der Kopf teil.
Wenn man den Patienten dazu aufforderte, konnte er willkürlich
die Augen mit einiger Mühe mit und ohne gleichzeitige Rechtsdrehung
des Kopfes auch nach rechts bewegen, um dann aber sehr bald wieder
in die Blickrichtung nach links zu verfallen. Ob auch willkürliche Hechts*
drehung des Kopfes ohne gleichzeitige Bechtsdrehung der Augen möglich
war, wurde nicht geprüft. Sonstige Lähmungserscheinungen der Augen^
muskeln waren nicht vorhanden. Pupillen normal und normal reagierend.
Sonstige Herderscheinungen fehlten vollständig und spezieil ist hervorzu»
heben, daß das Facialisgebiet sich ganz normal verhielt und daß auch
Lähmungserscheinungen seitens der Extremitäten nicht vorhanden waren,
daß ferner jede Andeutung von Krampferscheinnngen speziell von rinden-
epileptischen Symptomen fehlte. Die Linksdrehung des Kopfes ließ sich
manuell durch den Untersuchenden leicht überwinden. Wann die ge-
schilderte Ablenkung der Augen und des Kopfes eingesetzt hatte, ließ
sich anamnestisch nicht feststellen. Die Erscheinung war schon beim
Spitaleintritt vorhanden und hielt bis zum Tode des Patienten an. Ihre
Dauer betrug also im Minimum 3 — 4 Tage.
Der Kranke starb am 4. Tage des Spitalaufenthaltes am 27. No-
vember 1904 unter zunehmender Schwäche, ohne daß weitere Erschei-
nungen aufgetreten wären.
Die am 28. November vorgenommene Sektion (Dr. Hedinge r)
ergab als Ausgangspunkt der gangränösen Pneumonie ein nicht diagno-
stiziertes klinisch symptomlos gebliebenes Ösophaguscarcinom , daneben
Kortikale LokalisHt. d. ZentromH f. d. kwjagicrt. SeitwSrtsbewefr. d. Angen etc. lg
«bronisobe Lungen- and DarmtuberknIoM «nd Peiicarditi» fitninoM purk-
kntft und eiiMn noSgrofien gaBgräBÖsen llilz&beo^.
D«- Hirabefiind Mt in extenao nwh dem Selctionaprotokoll iiiitget«ilt
frgl. Abbildung).
g.f.i
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.p. ,. \
Linki Rechts
S. C. =; SnlcQs centralis, g. f. i. = Gjnts frontalis inferior, g. f. m. = GyriiB
frontalis nedins. g. f. b. = Gyrus frontulis snperior. g. c. a. = Gynis eeiitraÜi
anterior, g. c, p. = Gyraa centrwi« posterior. Die «chwarzen Flecke die-beiden
Abscesse.
Hirnbefand.
Dura Keigt guten Blatgehalt, mäßige Transparenz, Spannung herab-
gesetzt. Im SinuB longitudinaÜB flttsuges Blut und wenig Cnior, Innen-
fläche der Dura glatt und fenobt. Weiobe Hänte m&Big bluthaltig mit
vereinzelten Trübungen der ÄracbnoideB. Keine Zeichen von Himdruck.
Linke Hemisphäre: In der binteren Partie des Oyrua froDtalis
medius eine Vorwölbung. In deren Bereich (vgl. Figur) ein cb. 8:2 cm
im Dnrcbmeeser haltender, die Hirnrinde in ihrer ganzen Dicke und da-
14 I. Sahli
zu noch 2 — 3 mm der weißen Substanz betreffender, unregelmäßig be-
grenzter, scharf abgesetzter Herd von grauweißer, trüber Farbe, aus
welchem bei Druck eine weiche weißgelbe übelriechende Masse hervorquillt
(Absceß). Es wurde bei der Sektion von dem Obduzenten Herrn Dr. He*
ding er, der von den klinischen Verhältnissen des Falles nichts wußte,
sich aber auf die bisherige Kasuistik stützte, auf die theoretische Mög-
lichkeit einer Störung der konjugierten Augenbewegung hingewiesen.
Rechte Hemisphäre. An der Grenze zwischen Gyrus frontalis
medius und inferior den unteren Band des ersteren und den oberen Rand
des letzteren in ganz schmaler linearer Ausdehnung einnehmend, ein ähn-
licher kleinerer Herd (1 cm in sagittaler, 2 mm im Breitendurchmesser^
mit dünnflüssigem, jauchigem Inhalt. Dieser Herd liegt direkt unter dea
Meningen und betrifft die Himsubstanz kaum resp. nur die oberste Schicht
der Rinde in ganz beschränkter Ausdehnung.
Kleinhirn: Rechts hinten in der Hemisphäre eine ca. P/^ — 2 cm
im Durchmesser haltende Absceßhöhle von scharfer Begrenzung, mit
grauer Wand und dünnflüssigem eiterig gangränösem Inhalt. Hinten im
Wurm ein gleicher Herd von der nämlichen Größe, der noch etwas auf
die rechte Kleinhimhemisphäre übergreift.
Die Hirnventrikel von normaler Weite, Ependym rauh, Plexus cho-
rioidei blutarm. Blutgehalt des Großhirnes mäßig, Feuchtigkeitsgrad des-
selben gut. Ebenso Kleinhirn und Medulla oblongata.
Bericht des bakteriologischen Institutes über den In-
halt der Hirnabscesse : Direkt angefertigte Trockenpräparate: Zahlreiche
ziemlich dünne längere und kürzere nach Gram farbbare leptothrizähn-
liche Stäbchen. Daneben Kokken zu zwei und in kleinen Haufen. Kul-
turen: Kolibazillen, Streptokokken, Staphylococcus aureus. Die Stäbchen
gelangen weder aerob noch anaerob zur Eatwicklung, was für Leptothrix
spricht.
Da die beiden Herde im Kleinhirn für die Erklärung der
Symptome wohl keine Bedeutung hatten, kann das Klinische und
Anatomische des Falles im wesentlichen folgendermaßen zusammen-
gefaßt werden. Es handelte sich um einen Fall, in welchem eine
mindestens 3—4 Tage dauernde stationäre Ablenkung der Augen
und des Kopfes nach links beobachtet wurde, welche sich vorüber-
gehend durch Willensimpulse noch überwinden ließ und mit keinerlei
sonstigen Lähmungs- oder Reizerscheinungen verbunden war. Bei
der Sektion fanden sich zwei kleine oberflächliche Herde (Abscesse)
im linken und rechten Frontalhirn. Der linksseitige war größer
(2 : 2 cm) und lag ganz im Fuße der mittleren Stirnwindung, die
Hirnrinde in ihrer ganzen Dicke und außerdem noch etwa 2 — 3 mm
der weißen Substanz betreifend. Der rechtsseitige Herd war viel
kleiner, linear (1 cm lang und 2 mm breit), sagittal gestellt und
lag an der Grenze zwischen mittlerer und unterer Stirnwindung
so oberflächlich unter den Meningen, daß er die Hirnsubstanz nur
Kortikale Lokalisat. d. Zentrums f. d. konjugiert. Seitwärtsbeweg, d. Augen etc. 15
in ganz geringer Ausdehnung und nur in ihren obersten Schichten
beteiligte.
In der Diskusssion dieser Beobachtung scheint zunächst die
Schwierigkeit zu existieren, daß zwei ähnlich gelegene Herde in
beiden Hemisphären gefunden wurden, so daß in erster Linie die
Frage zu entscheiden ist, auf welchen dieser Herde die Ablenkung
des Kopfes und der Augen nach links als Lokalsymptom zu be-
ziehen ist. Die in dem Sektionsprotokoll beschriebene Beschaffen«^
heit des rechtsseitigen Herdes, wonach derselbe ganz oberflächlich
unter den Meningen lag und die Hirnsubstanz kaum und bloß in
ihrer obersten Schicht beteiligte, ferner seine Kleinheit und lineare
Form machen es wahrscheinlich, daß dieser rechtsseitige Herd
klinisch bedeutungslos war. Mit Bestimmtheit spricht für die An-
nahme, daß die konjugierte Ablenkung auf den linksseitigen Herd
zurückzuführen war, der Umstand, daß dieselbe nach ihrer Dauer,,
nach dem Fehlen sonstiger ^ Reizerscheinungen und in Anbetracht
des geringen Tonus der Linksdreher des Kopfes den Charakter
eines Ausfallssymptomes hatte, in diesem Fall mußte ja der kau*
sale Herd links, nicht rechts liegen. Ich brauche kaum zu be-
tonen, daß der Umstand, daß der Kranke, wie oben mitgeteilt
wurde, hier und da für kurze Zeit willkürlich die konjugierte Ab-
lenkung überwinden und nach rechts blicken konnte, keineswegs gegeu
die Auffassung der konjugierten Ablenkung als eines Lähmungs-
symptomes spricht. Es ist dies wie schon früher bemerkt wurde,,
geradezu die Regel und beruht darauf, daß, wie Wernicke her-
vorgehoben hat, die Bahn für die Seitwärtsbewegung der Augen
zwar vorwiegend gekreuzt angelegt ist, daneben aber einen unge-
gekreuzten Anteil besitzt, der nach einiger Zeit sogar ganz regel-
mäßig die volle Funktion zu übernehmen imstande ist, so daß die
Ausfallssymptome verschwinden. Wir sind somit genötigt, den
linksseitigen Herd für die konjugierte Ablenkung verantwortlich
zu machen und wir können dies um so eher, als diese Annahme
eine völlige Bestätigung der oben begründeten Lokalisation des
Zentrums für die Bewegung der Augen und des Kopfes nach der
entgegengesetzten Seite darstellt.
In Anbetracht der oben gegebenen Kritik der bisherigea
Kasuistik dürfte der vorstehende Fall also einen besonders wert-
vollen Beitrag zu unserer Lokalisationsfrage darstellen. Er be*
stätigt dasjenige, was die kritische Verwertung der bisher ge-
fundenen Tatsachen für den Menschen gelehrt hat unter möglichst
klaren und deshalb ein wandsfreien Verhältnissen, nämlich die
16 I. Sahli
Existenz eines g^emeinsamen Zentrnms fBr die Seitwärtsbeweg^ung-
der Augen und des Kopfes nach der entgegengesetzten Seite im
hintersten Teil der mittleren Stimwindnng.
Der Einwand, daß, weil es sich in diesem Falle um einen
akuten und offenbar toxisch wirkenden Herd gehandelt hat, mög-
licherweise die konjugierte Ablenkung gar nicht von der Läsions-
stelle selbst, sondern als Femwirkung von einer benachbarten Stelle
herausgelöst worden sei, liegt offenbar sehr fem, erstens, weil die
Lokalisation so gut mit dem bisher Bekannten übereinstimmt und
weil bei dem absoluten Fehlen von Reizerscheinungen eine Fern-
wirkung auf die benachbarte Hirnrinde ziemlich ausgeschlossen
erscheint.
Ob innerhalb des in unserem Fall lädierten Bezirkes sich eine
Region für die konjugierten Augenbewegungen und eine solche für
4ie Kopfdrehung noch trennen läßt, wie Müller und zur Verth
glauben, darüber gibt unser Fall keinen Aufschluß. Auch liefert
derselbe keine Anhaltspunkte fUr die übrigens auch durch die
ältere Kasuistik keineswegs gestützte Annahme, daß etwa, ähnlich
wie nach Beevor und Horsley beim Macacus, noch andere
Regionen, insbesondere die obere und untere Stirnwindung und
die vordere Zentralwindung für die zentrale Innervation der Seit-
wärtswendung der Augen und des Kopfes in Betracht kommen.
Im Gegenteil spricht unser Fall gegen das Vorhandensein solcher
anderweitiger Zentralstellen, da durch den einen so kleinen Herd
in dem Fuße der linken mittleren Stirnwindung eine so aus-
gesprochene konjugierte Lähmung der betreffenden Funktionen
hervorgerufen wurde, unter Verhältnissen, die, wie erwähnt, es un-
wahrscheinlich erscheinen lassen, daß etwa noch entferntere Re-
gionen indirekt durch Fem Wirkung betroffen wurden. Der Um-
stand, daß die Lähmung keine vollständige war, sondern durch
Willensimpulse vorübergehend überwunden werden konnte, spricht
keineswegs für eine in der linken Hemisphäre noch erhalten ge-
bliebene Zentralstelle, sondem erklärt sich, wie ich schon früher
bemerkte, in Anbetracht der bekannten Tatsache, daß bei den
Hemiplegien selbst bei vollständiger Ausschaltung einer ganzen
Hemisphäre die konjugierte Ablenkung nach einiger Zeit über-
wunden wird und verschwindet aus der erhaltenen Funktion der
rechten Hemisphäre. Auch der Umstand, daß, wie in der Kranken-
geschichte berichtet ist, der Patient, wenn man ihn dazu auffordert,
die Augen isoliert ohne den Kopf nach rechts wenden konnte,
darf nicht etwa in dem Sinn verwertet werden, daß hier ein er-
Kortikale LokaHsat. d. Zentrams f. d. konjugiert. Seitw&rtsbeweg. d. Augen etc. X7
haltenes isoliertes A u g e n Zentrum der linken Hemisphäre in
Funktion trat. Auch diese Erscheinung vielmehr kann auf die
Tätigkeit der rechten Hemisphäre zurückgeführt werden.
Das Resultat dieser Untersuchung läßt sich also folgender-
maßen zusammenfassen:
1. Beim Menschen liegt das gemeinsame kortikale Zentrum
der konjugierten Augenbewegung und der Drehung des Kopfes
nach der entgegengesetzten Seite in dem Fuß (dem den Zentral-
windungen benachbarten Teil) der mittleren Stirnwindung.
2. Gründe, innerhalb dieses Zentrums beim Menschen eine
anatomische Trennung einer Kopfregion und einer Augenregiou
vorzunehmen, liegen nicht vor, obschon funktionell natürlich inner-
halb dieses Zentrums eine solche Trennung vorhanden sein muß,
da man Kopf und Augen unabhängig voneinander seitwärts wenden
kann.
3. Für die Annahme, daß beim Menschen neben der erwähnten
Zentralstelle für die in Frage stehende Funktion noch andere
kortikale Zentren existieren, sei es ein weiteres gemeinsames
Zentrum im Gyrus centralis anterior wie beim Orang-Utan (vgl.
oben), seien es zwei getrennte Zentren wie beim Macacus (vgl.
oben) für die Seitwärtsbewegung bloß der Augen einerseits und
für die Seitwärtsbewegung bloß des Kopfes andererseits im Gyrus
frontalis superior und inferior, für diese Annahme spricht vorläufig
nichts.
4. Der Gyrus angularis resp. das Unterscheitelläppchen resp.
wohl eher die darunter liegende weiße Substanz spielt in der Frage
<ier Seitwärts Wendung des Kopfes und der Augen bloß die Rolle
einer Durchgangsstelle für sensorische Erregungen, welche auf die
Stellung des Kopfes und der Augen einen zentripetalen Einfluß
haben.
Literatur.
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IL
Über Früh- nnd Fehldiagnosen der aknten Perityphlitis»
Von
S.-E. Dr. Korach-Posen.
Heute noch einen nennenswerten Beitrag zur Appendicitisfrage
zn liefern, ist außerordentlich schwer: es sind bereits nach unge-
fährer Schätzung allein in den letzten vier Jahren etwa 3000 Ar*
beiten über dieses Thema veröffentlicht worden (Bungner); und
vollends, wie sollte jemand, der nur über Erfahrungen aus privat*
ärztlicher Tätigkeit verfügt, noch Gtehör finden, da wir Berichte
besitzen über einheitliche Erfahrungen an 1000 (Kümmel, Treves,
Ochsner) und 2000 AppendicitisfäUen (Sonnen bürg, Murphy),
Allerdings sind alle die großen Statistiken von Chirurgen geliefert und^
soweit ich imstande war über sie mich zu informieren, vielfach in ein-
seitiger Form dazu ausgenutzt, um die Notwendigkeit der Frühope-
ration zu beweisen. Der hohe Wert dieser Statistiken ist durch keinen
Einspruch, der wohl nur noch von einigen Internisten gewagt wird^
zu erschüttern: es steht nun einmal fest, daß die klinischen Er-
scheinungen im Beginn des Anfalls keinen Schluß gestatten auf
die anatomischen Veränderungen und auf den weiteren Ablauf der
Erkrankung. Leider gelangen wir mit dem von den Chirurgen
geforderten Vorgehen, der frühzeitigen Operation unter allen Um-
ständen, zu einem schematischen Verfahren — das dem sonst in der
Therapie allerorten gepredigten Gebot der „individualisierenden"
Behandlung diametral gegenübersteht. Die von den meisten
Chirurgen zugestandene Einschränkung, daß die Operation nur da
ausgeführt werden soll, wo seit dem Beginn der Erkrankung nicht
mehr als 48 Stunden verflossen sind, ist nur selten zu verwerten.
Die Erfüllung dieser Forderung setzt voraus, daß der Beginn der
akuten Erkrankung mit Sicherheit festgestellt werden kann, d. h.
des Zeitpunktes, in welchem die Ausbreitung der Entzündung auf
die Serosa i. e. die akute Perityphlitis begonnen hat. Das ist
2*
20 n. Korach-
jedoch sehr oft nicht möglich: es ist ja sattsam bekannt^ daß vor
dem Ausbruch des akuten augenfälligen Stadiums stets mehr oder
weniger lange krankhafte Veränderungen nicht nur auf der Schleim-
haut, sondern auch auf der Serosa der Appendix bestanden haben
und die daraus resultierenden, oftmals geringfügigen Beschwerden
z. B. in der Form der Colica appendicularis selbst von intelligenten
Patienten, geschweige denn von Kindern nicht beachtet worden
sind. Wie anders ist es zu erklären, daß schon 8—12 Stunden
nach dem Einsetzen der scheinbar allerersten Symptome eine gan-
gränöse Appendix und Eiter gefunden werden. Nach den herrschen-
den Anschauungen bleibt also nichts weiter übrig als sofort „nach
Sicht" (Riedel) die Operation vorzuschlagen, vielleicht mit der
Ausnahme, daß bei Patienten im Alter von 50 Jahren an (Rotter)
und da, wo sich sehr schnell ein fest begrenztes Exsudat gebildet
hat, unter strenger Beobachtung mit der Operation gewartet werden
kann, vorausgesetzt, daß auch ohne Anwendung eines Narkotikums
keine wesentlichen Schmerzen und kein Erbrechen vorhanden sind
und die Pulsfrequenz wenig die Norm überschreitet. Allein auch
hier ist man vor unangenehmen Überraschungen nicht sicher, nament-
lich nicht von dem Augenblicke an, wo man von der absoluten
Hungerdiät zu etwas reichlicherer, wenn auch nur flüssiger Nahrungs-
zufuhr übergeht. In einer nicht geringen Zahl von Veröffentlichungen
über die Behandlung der Appendicitis finden wir den schönen Rat,
sie, falls noch kein fester Abschluß gegen die Bauchhöhle zustande
gekommen ist, in dieses Stadium „hinüberzuleiten''. Ja, wenn man
dabei nur erfahren hätte, wie das zu machen ist. Außer einigen,
bei uns in Deutschland zum Glück wenig beachteten Stimmen, die
für die Anwendung von Abführmitteln im Beginn der Erkrankung
plaidieren, hat noch niemand bislang etwas an der, soweit ich
weiß, von Bier m er vor 30 Jahren inaugurierten Opiurabehandlung
geändert ; denn ob Opium per os oder als Suppositorium oder Mor-
phium subkutan angewandt werden soll, darüber verlohnt es sich
kaum zu diskutieren. Vielleicht würde man öfter mit heißen Brei-
umschlägen mehr Glück haben als mit dem Eisbeutel. Erstere
wurden schon von Volkmann bevorzugt und die neuesten Bier-
schen Untersuchungen sprechen zu ihren Gunsten.
V^^ird nun jeder Fall von akuter Appendicitis der Frühoperation
unterzogen, so ist es ja selbstverständlich, daß eine große Zahl
solcher Patienten operiert wird, die auch ohne Operation genesen
wären. Das ist zu verschmerzen, wenn man sich auf den berech-
tigten Standpunkt stellt daß selbst da, wo nur ein Anfall dage-
über Früh- und Fehldiagnosen der akuten Perityphlitis. 21
wesen ist, doch hinterher, früher oder später, die Appendix ent-
fernt werden soll, berechtigt um deswillen, weil trotz eines auf-
fällig leicht verlaufenen ersten Anfalls von Perityphlitis doch sehr
schwere Folgeerscheinungen (u. a. Strangulations-Ileus durch Narben-
bildung) oder ein sehr schwer, oft tödlich verlaufendes Rezidiv
auftreten können. Damit ist wohl in kurzen Zügen der heutige
Kurs in der Frage der Behandlung der Appendicitis skizziert, der
nunmehr wohl eine Zeitlang innegehalten werden wird. Somit
könnte man dieses mit der größten Emsigkeit und Sorgfalt bear-
beitete Kapitel gegenwärtig für abgeschlossen halten, wenn es
nicht eine, wie ich wenigstens glaube, recht große Lücke aufwiese.
Ist auch über die Ätiologie, die pathologische Anatomie, die
Therapie und ihre Erfolge und die Operationstechnik so oft ge-
schrieben und gesprochen worden, daß man von vornherein auf
eine Durchsicht der Literatur zu verzichten gezwungen ist, so ist
doch die Diagnostik der akuten Perityphlitis einer kaum begreif-
lichen Nichtachtung anheimgefallen. Fast scheint es, als ob eine
Fehldiagnose — sorgfältige Untersuchung des Kranken als selbst-
verständlich vorausgesetzt — unmöglich sei. Gewiß nicht! Wir
haben vielmehr zwei Kategorien von Fehldiagnosen zu unterscheiden :
1. Diejenigen Fälle, in denen eine Appendicitis als Ausgangs-
punkt einer peritonealen Infektion nicht erkannt worden ist. Nun
nach dieser Richtung haben die Erfahrungen der Chirurgen unsere
Kenntnisse in hohem Grade bereichert : wir wissen jetzt, daß etwa
95 % aller akuten Peritonitisfälle auf die Appendicitis gangraenosa
mit und ohne Perforation zurückzuführen sind, und wir wissen
ferner, daß überall im Bauchraum, selbst unterhalb des Zwerchfells
und im linken Hypogastrium von einer Perityphlitis ausgehende
Abscesse sich finden können. Wird der Ausgangspunkt dieser
Eiterungen vor der Operation auch oftmals nicht richtig diagno-
stiziert, so wird durch diese dem Kranken meist kein Schaden er-
wachsen, da in der überwiegenden Mehrzahl dieser Fälle eine
absolute Indikation zu einem chirurgischen Eingriff vorhanden ist.
Hierher gehören die Senkungsabscesse, welche von der Wirbel-
säule ausgehen, gut- und bösartige Tumoren, Magen- und Darm-
perforationen, geplatzte Extrauterinschwangerschaften, Milz- und
Nierenabscesse, Cholecystitis und Empyem der Gallenblase, Stiel-
drehungen von Eierstockgeschwülsten und die große Zahl der von
den weiblichen Genitalorganen ausgehenden Erkrankungen — aller-
dings nicht von allen; so dürfte bei der oftmals nicht zu ent-
scheidenden Frage: liegt als primäre Erkrankung eine Appcn-
22 n. Korach
dcitis oder eine Pyosalpinx vor, wohl zu bedenken sein, daß die
von der letzteren ausgehenden, weithin über das Becken sich aus-
breitenden, selbst wochenlang unter hohem Fieber intra- und
extraperitoneal verlaufenden phlegmonösen Infiltrationen und Ab-
scesse bei exspektativem Verhalten einen günstigeren Ausgang ver-
bürgen als ein operativer Eingriff (Do der lein), der andererseits
bei multiplen zwischen Daimkonvoluten gelegenen, durch eine
Perityphlitis erzeugten Abscessen seine volle Berechtigung hat
(Gersuny-Moszkowicz).
2. Die zweite Kategorie von Fehldiagnosen führt zu unver-
gleichlich schlimmeren, ja oft verhängnisvollen Situationen. Hier-
her gehören diejenigen Fälle, in denen auf Grund der Annahme,
daß es sich um eine akute Perityphlitis handle, die Bauchhöhle
eröffnet wird und die Autopsie zu der Erkenntnis führt, daß weder
eine Erkrankung des Wurmfortsatzes, noch sonst eine die Laparo-
tomie rechtfertigende Erkrankung vorhanden ist. Dann hat man
zu der immerhin vorhandenen, nur nicht richtig erkannten Er-
krankung einen unberechtigten, schweren oder zum mindesten be-
deutungsvollen Eingriff in den Organismus hinzugefügt, ein um so
weniger als gleichgültig zu beurteilendes Vorgehen, als in solchen
Fällen, in denen es, wie gesagt, sich ja stets um einen ohnehin
schon durch Krankheit angegriffenen Organismus handelt, der
Operateur mit gutem Hecht sich nicht früher entschließen wird,
die Bauchhöhle zu schließen, bis er nicht durch eine — sonst sorg-
sam vermiedene — Austastung sich von der Beschaffenheit der
Bauchorgane (insbesondere Gallenblase, Nieren, weibliche Genital-
organe) überzeugt hat. Soll ich noch erwähnen, wie schwer das
Ansehen des Arztes geschädigt wird, der — wie wohl in den
meisten Fällen — erst nach eindringlicher Einwirkung die Er-
laubnis zu der für durchaus notwendig erachteten Operation erlangt
hat und hinterher den Irrtum bekennen muß. Das sind die be-
trübenden Erfahrungen, die dort gemacht werden, wo den Be-
schwerden statt der vermuteten Perityphlitis eine Neuralgie des N.
genitocruralis oder Hysterie (Ovarie bzw. Hyperästhesie der
Bauchdecken) oder intumescierte, meist tuberkulöse Lymphknoten,
oder auch nur ein Kottumor oder eine dislozierte Niere oder
Myalgien zugrunde liegen. Die Veröffentlichungen über Irrtümer
in der Appendicitisdiagnose sind nicht sehr zahlreich und in der
deutschen Literatur, wie mir scheint, weit spärlicher als in der aus-
ländischen, insbesondere in der englischen (Spelissy-Th. Landau).
Von den in der deutschen Literatur veröffentlichten ist am be-
über Früh- und Fehldiagnosen' der akuten Perityphlitis. 23
kanntesten ein Fall von Mühsam: in der Annahme, daß eine Peri-
typhlitis vorliege, ging er an die Operation. Dabei stellte es sich
heraus, daß es sich um ein an die Serosa des Cöcums heran-
reichendes Typhusgeschwür handelte. Sodann ist in der Literatur
berichtet über eine Verwechslung mit Pneumonie. In diesem Falle
soll der Bauchschmerz durch eine Reflexwirkung der unteren Inter-
kostalnerven entstanden sein.
Soll also das Postulat der Frühoperation der Perityphlitis er-
füllt werden, so muß vorerst die Frühdiagnose in exakter Weise
gestellt werden können. Sehen wir einmal zu, inwieweit wir dies
ermöglichen können.
Die Zahl der Faktoren, welche für die Frühdiagnose verwertet
werden können, ist eine sehr geringe; es kommen in Betracht:
1. a) die subjektive Schmerzempflndung, b) der durch Druck im
Bereiche der CöcaJgegend hervorgerufene Schmerz (Mac Bumey)
und c) die Kontraktur der Bauchmuskeln über der erkrankten
Partie (defense musculaire) und 2. ev. ein durch die Anamnese
erbrachter sicherer Beweis dafür, daß eine Perityphlitis bereits
vorangegangen ist.
Was die subjektive Schmerzempflndung betrifil, so wird sie
begreiflicherweise keinen bestimmten Charakter aufweisen, ab-
gesehen davon, daß die Angaben von Kindern so gut wie be-
deutungslos sind. Noch sehr viel schwieriger wären die Angaben
über Schmerzen im Leibe für die Diagnose zu verwerten, wenn
S ton er 's Behauptung richtig wäre, daß die durch Appendicitis
erzengten Schmerzen überall im Bauche sitzen können. Daß der
perityphlitische Anfall zuweilen mit Magenschmerzen beginnt, ist
nicht in Abrede zu stellen, ebenso muß man daran denken, daß
eine rechtsseitige Lumbago und Ischias sowohl ausstrahlende
Schmerzen in der Eegio coecalis erzeugen, als auch von einer be-
ginnenden Perityphlitis vorgetäuscht werden können. Am häufigsten
ist wohl die Verwechslung einer rechtsseitigen, durch Nephrolithiasis
erzeugten Kolik mit beginnender Perityphlitis, zumal in beiden
Fällen der Mac Burney-Schmerzpunkt vorhanden sein kann.
Dagegen wird es wohl stets schon im frühesten Beginn des
Leidens möglich sein, einen Druckschmerz zu erzeugen. Aber auch
da werden die Resultate verschieden sein, abgesehen von dem Tem-
perament und der Intelligenz des Kranken, je nach der Beschaflen-
heit der Bauchdecken und der Lage des Proc. vermiformis. Bei
vorsichtigem Palpieren — wie es stets geboten ist, wenn eine Peri-
typhlitis vermutet wird — wird es um so schwerer, bestimmte An-
24 11- Korach
gaben über Schmerzempfindung zu erzielen, je fetter die Bauch-
decken sind. Das Symptom der Hauthyperästhesie über der Regio
coecalis (He ad) bzw. ihres Verschwindens, sobald die Perityphlitis
zurückgegangen oder die Nerven des Appendix zerstört sind, d. h.
nach Eintritt von Gangrän und Perforation (Zangger), ist nicht
konstant und bei den Kranken, die alle mehr oder weniger durch
die beginnende Erkrankung psychisch alteriert sind, kaum zu ver-
werten. Dazu kommt, daß die Prüfung auf Druckschmerz oft durch
die Spannung der Bauchmuskeln erschwert ist. Letztere zu be-
seitigen gelingt wohl dadurch, daß man den Patienten im wannen
Bade untersucht — ein im vorliegenden Falle durchaus zu ver-
meidendes Experiment Die Behauptung, daß es durch eine mehr-
stündige Applikation eines hydropathischen Umschlages gelingt, die
Spannung der Bauchmuskeln aufzuheben, kann ich nicht bestätigen^
ebensowenig die Angabe, daß es möglich ist, aus der verschiedenen
Schmerzreaktion auf heiße und kalte Umschläge auf eine vor-
handene Perityphlitis zu schließen oder daß der Bauchdeckenreflex
über der Perityphlitis aufgehoben ist, abgesehen davon, daß schon
die dahinzielende Prüfung kaum zulässig erscheinen dürfte. Zudem
richtet sich die Lage der Druckschmerzpunkte nach der Länge und
der Lage des Processus ; er wird bald nach innen, bald nach außen
oder hinten vom Cöcum angetroffen. Es bleibt demnach als kon-
stantes und bedeutungsvollstes Symptom nur die Kontraktur der
Bauchmuskeln an maßgebender Stelle übrig, ein um so bedeutungs-
volleres Symptom, als es auch in der Narkose bestehen bleibt. Das
dadurch veranlaßte Indiehöhesteigen des Nabels bei der Inspiration
ist nicht allzu oft zu beobachten. Die Palpation der Appendix
gelingt nur selten und die der Cöcalgegend vom Mastdarm aus
kann im besten Falle im Frühstadium nur bei Kindern verwert-
bare Anhaltspunkte liefern.
Wird es somit schon begreiflich, daß wir im Beginn des
Leidens oftmals nicht ein sicheres diagnostisches Urteil abzugeben
vermögen, so wird dies noch mehr erschwert dadurch, daß gleich-
zeitig zwei oder gar drei Erkrankungen im Bereiche der rechten
Bauchhälfte vorhanden sind, die weder durch die subjektive Schmerz-
empfindung, noch durch die defense musculaire, sondern allenfalls,
wenn nicht gerade ein untrüglicher Palpationsbefund vorhanden
ist, durch die vermehrten Druckschmerzpunkte eine dahingehende
Vermutung aufkommen lassen. Hier kommen in Frage Cholecystitis
bzw. Pericholecystitis oder Ren mobilis bzw. kleine Hydronephrose
oder gleichzeitig beide Erkrankungen einer- und Perityphlitis
über Früh- und Fehldiagnosen der akten Perityphlitis. 25
andererseits. Insbesondere ist das gleichzeitige Auftreten entzünd-
licher Prozesse an der Gallenblase und an der Appendix nicht allzu
selten beobachtet worden (Israel), was sich aus der großen Häufig-
keit beider Erkrankungen zur Geniige erklärt.
Meine eigenen Erfahrungen über Fehldiagnosen bei Perityphlitis
entstammen folgenden 3 Beobachtungen:
1. B., 8 Jahre alt, der morgens anscheinend gesund in die Schule
gegangen war, kommt mittags krank nach Hause mit Klagen über
Schmerzen im Leibe. Er glaubt, daß sie durch einen Stoß in den Leib
veranlaßt sind, den ihm 2 Tage vorher ein Mitschüler versetzt hat. Er^
ißt infolge geringen Appetits nur wenig zu Mittag; bald hinterher tritt
Erbrechen ein. Am Abend wird von dem Hausarzt mäßiges Fieber kon*
statiert. Nach 2 Tagen, in welchen der Zustand unverändert fortbestan-
den hatte, finde ich bei gemeinsamer Untersuchung mit dem behandelndea
Kollegen folgenden Status: der Patient, ein gut genährter, kräftig ge-
bauter Elnabe, liegt in leichtei; Benommenheit da, aus der er schon durch
leichtes Anrufen erweckt werden kann. Temp. 40 in ano, Puls sehr
beschleunigt, ruhige Atmung, keine Kopfschmerzen, keine Nackensteifig-
keit, keine Drüsenschwellungen ; an Lungen und Herz keine Krankheits-
erscheinangen ; keine Milzschwellung; Urin frei von Eiweiß und Zucker.
Der Leib ist ein wenig aufgetrieben und hauptsächlich in Cöcalgegend
gespannt und bei mehrfach wiederholten Palpationen stets auf dem Mao
Barney-Punkt schmerzhaft. In der Annahme, daß es sich um eine Peri-
typhlitis handle und in Anbetracht des kontinuierlich hohen Fiebers, de»,
beginnenden Meteorismus und des andauernden Erbrechens wird die Ope-
ration vorgeschlagen; erst nach weiteren 2 Tagen wird hierzu von den
Eltern die Einwilligung gegeben. Nach einer in Narkose vorgenommenen
Untersuchung, bei der das Vorhandensein einer schon vorher gefühlten
Eesistenz in der Cöcalgegend konstatiert wird, wird die Operation an
der typischen Stelle ausgeführt (Med.-Rat Borchard). ' Nach Eröffnung
des Peritoneums fließen etwa 3 Eßlöffel einer wasserklaren Flüssigkeit
ab; der hervorgezogene Proc. vermif. ist völlig intakt, auch nicht adhä-
rent und auch sonst ist in der Cöcalgegend nichts Abnormes nachzuweisen.
Dagegen ist das zu Gesicht gehrachte Peritoneum parietale mit weiß-
grauen Tuberkelknötchen übersät. Nach 2 Tagen tritt unter ausgeprägten
Meningitissymptomen der Tod ein.
Es handelte sich demnach um eine allgemeine Miliartuherkulose.
2. B., 52 Jahre alt, ein außerordentlich kräftig gebauter Mann, der
bis auf mäßige myokarditische Erscheinungen, welche vor etwa 4 Jahren
nach einer heftigen Lifluenza aufgetreten, dann aber bei Beobachtung einer
vorsichtig geregelten Lebensweise nicht mehr bemerkbar waren, sich gesund
fühlte, hatte in gewohnter Weise seinen Morgenspaziergang gemacht und so-
dann in vollem Wohlbefinden sein Frühstück zu sich genommen. Unmittel-
bar hinterher wird er von heftigsten Leibschmerzen befallen. Es tritt Er-
brechen ein. Als ich den Patienten etwa 2 Stunden später sehe, ist er
infolge von Schmerzen in hohem Grade erregt, so daß eine Untersuchung
unmöglich ist. Temp. 38,2 in ano, Puls 82. Nach einer Morphium-
26 n. Korach
injektioii tritt Buhe ein. NachmittagB 6 IJlir ergibt die ünteraachaiig :
Temp. und Puls unverändert ; seit 4 Stunden kein Erbrechen ; die ünter-
baucbgegend ist etwas hervorgewölbt und in der Regio coecalis auf Druck
schmerzhaft. Diagnose: Perityphlitis. Da seit dem Morgen kein Urin
gelassen werden kann und oberhalb der Symphyse eine nach oben ab-
grenzbare Resistenz gefühlt wird, die als die gefüllte Harnblase gedeutet
wird, wird Patient katheterisiert, wobei etwa 200 g Urin entleert werden.
Trotzdem bleibt der Palpationsbefund unverändert. In der Annahme, daß
ihm ein abgegrenztes peritoneales Exsudat zugrunde liegt und in Rück-
sieht auf das sehr günstige Verhalten der Temperatur und des Pulses
und das Nachlassen des Erbrechens, wird im Einverständnis mit den zu-
gezogenen Chirurgen (Med.-Rat Borchan d) zunächst von einer Ope-
ration abgesehen. Ordination: Morphiuminjektion und wie bis dahin
völlige Abstinenz. Die Nacht verläuft gut, bis morgens 5 Uhr sehr
kopiöses Erbrechen dunkelsch warzer, geruchloser Massen eintritt. Ich
finde den Patienten in ^desolatem Zustande: Puls 140, sehr klein, sehr
beschleunigte Atmung, kalte Extremitäten. Bald darauf wird die Ope-
ration vorgenommen (Med.-Rat Borchard): Typischer Schnitt parallel
dem Poupart'schen Bande ; nach Eröffnung des Peritoneums fließen reich-
liche Mengen Flüssigkeit ab von derselben Beschaffenheit wie die er-
brochene Flüssigkeit. Der Proc. vermif. ist nicht adhärent und von
durchaus normaler Beschaffenheit. Der Bauch wird geschlossen. 1 Stunde
später Exitus. Sektion (Prof. Busse): Etwa mannsfaustgroßes, weiches
Sarkom, welches vom Mesenterium ausgehend etwa 50 cm oberhalb der
Baubin'schen Klappe in die Wand des Ileum hineingewuchert war und
dort eine 50-Pfennigstück-große Perforation erzeugt hatte.
3. Frau J., 35 Jahre alt, leidet an Epilepsie (etwa 2 mal im Jahre
ein Status epilepticus), sonst gesund, erkrankt plötzlich nachts mit heftigen
Leibschmerzen, die von der Cöcalgegend ausstrahlen, und mit Erbrechen.
Am nächsten Vormittag ergibt die Untersuchung: Temp. 39, Puls 120,
ein wenig beschleunigte Atmung. Der Leib ist mäßig aufgetrieben und
gespannt und auf Druck hauptsächlich in der rechten, etwas weniger in
der linken Iliacalgegend schmerzhaft. Von dem zugezogenen Chirurgen
(Prof. Jaff6) wird, da der Zastand unverändert fortbesteht, abends
9 Uhr die Operation ausgeführt: Typischer Schnitt; der Proc. vermif.
ist nicht adhärent und zeigt völlig normale Beschaffenheit. Das Peri-
toneum ist überall intakt und auch sonst wird bei genauester Austastung
der Bauchhöhle, insbesondere auch (bei Beckenhochlagerung) der Geni-
talien keine krankhafte Veränderung gefunden. Nach 24 Stunden nor-
male Temperatur, die sich nur zeitweise abends infolge einer durch Stich-
kanaleiterung erzeugten Betention erhebt. Auch bei mehrfach hinterher
vorgenommenen Untersuchungen wird keine Erkrankung nachgewiesen,
insbesondere auch nicht der Lungen, da auf Grund einer, bei einem ihrer
Kinder bestehenden, Spina ventosa der Verdacht auf Tuberkulose rege
wird.
In den geschilderten Fällen kam eine Differentialdiagnose
überhaupt nicht in Frage. Die Patienten waren stets auf das
Sorgfältigste zu wiederholten Malen und zwar von 2, in einem
über Früh- und Fehldiagnosen der akuten Perytiphilis. 27
Falle von 3 Ärzten untersucht worden. Man darf behaupten, daß
nach dem heutigen Stande unseres Wissens die Irrtümer nicht
vermeidbar waren. Werden sie später einmal vermieden werden
können?! Vielleicht kommen wir diesem Ziele näher, wenn mit
gleicher Sorgfalt wie die jetzige Statistik der chirurgischen Er-
folge und die der Mißerfolge „durch zu späte Überweisung", auch
eine Kasuistik der Irrtümer veröffentlicht wird.
III.
Aus der inneren Abteilung des städt. Krankenhauses zu Stettin.
Über Sondenpalpation der Bronchialdrflsen bei gewissen
leichtesten Formen der Tuberkulose.
Von
Prof. Dr. Ernst NelBer.
Nägeli, Lubarschu. a. haben aus ihren Leichenbefunden
Franz aus seinen Tuberkulinreaktionen bei Rekruten auf die
große Häufigkeit der Tuberkulose bei anscheinend Gesunden ge-
schlossen.
Gegen diese Arbeiten wird neuerdings eine Reihe von Ein-
wänden erhoben.
Diese beziehen sich im wesentlichen auf das betreffende Ma-
terial, einseitige Beschaffenheit desselben, Ausdeutung der Leichen-
befunde, Versuchsanordnung, allgemeine statistische Verwertung.
Sie lassen indessen meines Erachtens die Tatsache unberührt,
daß unzweifelhaft die Sektion bei einer Anzahl von Leuten tuber-
kulöse Veränderungen aufweist, die im Leben niemals tuberkulös
erkrankt sind; ferner die weitere Tatsache, daß Leute auf Tuber-
kulin reagieren, bei denen kein Zeichen tuberkulöser Erkrankung
vorhanden ist.
Es schien mir nun eine der nächsten Aufgaben in der Klinik
der Tuberkulose zu sein, nicht sowohl die Menge dieser Fälle in
der genannten Richtung statistisch zu verwerten, als vielmehr den
einzelnen Fall zu beobachten, festzustellen, was aus einem solchen
wird, der z. B. unerwarteterweise auf Tuberkulin reagiert hat —
und zu ungefähren Anhaltspunkten zu kommen, wo sein tuber-
kulöser „latenter" Herd sitzt.
Schon früher^) berichtete ich kurz über eine Anzahl von
1) Klinisches Jahrbuch Bd. XL 1904, Tuberkulosebüchlein des Stettiuer städt.
Krankenhauses, von Dr. E. Neißer und Dr. Kurt Pollack.
über Sondenpalpation der Bronchialdrüsen etc. 29
Fällen, die zur Beobachtung auf Tuberkulose uns überwiesen, auf
Tuberkulin reagiert hatten, ohne nachweislich lungenkrank zu sein,
bei denen aus irgendwelchen Gründen ein Heilverfahren nicht statt-
gefunden hatte und die, wie die Nachuntersuchung zeigte, sämtlich
über 2 Jahre — also den Zeitraum, wie ihn die L.-V.-A. für den
Erfolg eines Heilverfahrens verlangt — gesund geblieben bzw. nicht
tuberkulös erkrankt waren.
Ich kann heute diesen Fällen weitere 34 Fälle an die Seite
stellen, die ebenfalls positiv reagiert haben und ohne Heilverfahren
über einen Zeitraum von 1 — 3 Jahren gesund geblieben sind. Diese
Beobachtungen beweisen natürlich nicht, daß diese Leute nun auch
in aller Zukunft nicht tuberkulös erkranken werden, immerhin er-
scheinen sie von Wichtigkeit, insbesondere nach der Richtung hin,
daß in allen diesen Fällen die Anwendung einer Heilstätten-
behandlung auf L.-V.-A.-Kosten nicht erforderlich war, womit ich
aber keineswegs etwa sagen will, daß nicht bei einer größeren
Anzahl dieser Leute eine Reihe anderer prophylaktischer oder
therapeutischer Maßregeln zweckmäßig gewesen und angeraten
worden wäre.
Zweitens und insonderheit habe ich mich bemüht, eine größere
Reihe solcher Fälle, die alle positiv auf Tuberkulin reagierten und
soweit unsere Beobachtungen und Untersuchungen sich erstreckten,
nicht tuberkulös erkrankten, daraufhin näher zu studieren, ob sich
bestimmte Anhaltspunkte für den Sitz ihrer tuberkulösen Affektion
uns eine klinische Charakteristik dieser Fälle finden ließe.
Zunächst befanden sich unter ihnen solche, die überhaupt
keine Krankheitszeichen aufwiesen, welche im entferntesten auf
eine tuberkulöse Lungenerkrankung hingewiesen hätten. Sie führte
meistens eine mehr oder weniger geringfügige Ursache anderer
Art ins Krankenhaus. In bezug auf ihre Lungen waren sie gesund
and blieben gesund.
Dagegen war weitaus die größere Anzahl der Fälle, von denen
im folgenden im besonderen gesprochen werden soll, nicht frei von
allen Krankheitserscheinungen. Um es sogleich vorauszuschicken,
so boten dieselben, was die Lungen betrifft, im großen und ganzen
einen durchaus negativen Befund, wobei bemerkt werden soll, daß
wohl einmal hier und da ein zweifelhaftes Geräusch und ein un-
sicherer bzw. vorübergehender Spitzenbefund vorhanden war. Auch
mag im einzelnen Falle einmal ein manifester Lungenbefund selbst
einer sorgfaltigen Untersuchung und fortgesetzten Beobachtung
entgangen sein. Von der Mehrzahl der Fälle indessen muß aus-
30 m. Neissu
gesagt werden, daß sie, obwohl sie heftig reagierten, zu keiner Zeit
eine klinisch erkennbare Tuberkulose gehabt haben. Dagegen be-
stand bei dieser Gruppe von Patienten eine ganze Reihe subjek-
tiver Beschwerden, die mit einem gewissen Recht den Verdacht
einer bestehenden Tuberkulose erweckt und die Anstellung einer
Tuberkulinreaktion herbeigeführt hatten.
Es handelte sich allermeist um Leute im jugendlichen bis
mittleren Alter, junge Arbeiter, Handwerker, männliche und weib-
liche Angestellte, die sehr häufig unter minderwertigen hygieni-
schen und Emährungsverhältnissen standen. Ihr Aussehen war
blaß, wenig kräftig, ihr Habitus häufig verdächtig, der Hämoglobin-
gehalt meistens leicht herabgesetzt, aber sonst keine Zeichen er-
heblicher Anämie bzw. typischer Chlorose. Der objektive Befund
war damit erschöpft, soweit die bisherigen Untersuchungsmethodea
in Frage kommen, insbesondere fehlte Sputum entweder ganz oder
es handelte sich nur um die bekannte, einfache schleimige Sekretion«
In einem gewissen Gegensatz hierzu bestanden nun meistens
mehr oder weniger heftige, subjektive Beschwerden. Meist seit
kurzer Zeit, in seltenen Fällen schon jahrelang klagten die Be-
treuenden über Brust- und Rückenschmerzen, Stiche zwischen den
Schultern, seltenen trockenen Husten, leichte Ermüdbarkeit, ab und
zu auch über nächtliche Schweiße. ^
Fast alle waren sie noch in voller Tätigkeit, hätten diese
auch nicht unterbrochen, geschweige, daß sie in ein Krankenhaus
gegangen wären, wenn sie nicht von den hierorts gegenüber der
beginnenden Tuberkulose sehr wachsamen Kassenärzten zur Beob-
achtung ins Krankenhaus geschickt worden wären.
Hierin ist auch der Grund zu suchen, weshalb diese Fälle
sonst so selten in klinische Beobachtung gelangen; da, wo nicht
wie hier besondere Erleichterungen zur Aufnahme Tuberkulose-
verdächtiger bestehen, weder Arzt noch Klient sich zur Aufnahme
ins Krankenhaus entschließen.
Das konstanteste und typischste subjektive Symptom fast aller
unserer Fälle ist der charakteristische Schmerz: Die Rücken-
schmerzen, die Brustschmerzen, die Stiche zwischen den Schultern,
häufig äußerst charakteristisch angegeben, indem der Patient ver-
sucht, mit der einen Hand zwischen die Schultern, mit der anderen
auf das Brustbein zu zeigen.
Diese Schmerzen gelten ja schon längst für tuberkulosever-
dächtig. Wir müssen sagen, daß sie bei unseren Fällen ungemein
viel konstanter sind und lebhafter geklagt werden, als dies bei
über Sondenpalpation der Brochialdrüsen etc. 31
der bereits manifesten Lungentuberkulose und Phthise der Fall
ist. Wenn nun aber diese Leute auf Tuberkulin reagieren und^
obwohl sie keinerlei Lungen- oder Pleurabefund haben, über solche
Schmerzen klagen; welches Organ in der Bnist kann denn der
Ausgangspunkt dieser Schmerzen sein, die auch nicht etwa ein-
seitig sind, sondern median oder über die ganze Brust lokalisiert
werden? Es liegt nahe genug an die Bronchialdrüsen zu denken
und ihre Schwellungszustände sind auch schon für solche Schmerzen
verantwortlich gemacht worden.
Daß es sich bei unseren Fällen um grobe, verkäsende Bron-
chialdrüsentuberkulose, wie wir sie von den Kindern her kennen^
handele, war von vornherein wenig wahrscheinlich ; dagegen sprachen
die Geringfügigkeit der Erscheinungen, der gutartige Verlauf, die
große Häufigkeit der Fälle; ebensowenig waren die bekannten
Zeichen solcher Erkrankungen, insbesondere die Vergrößerung de»
Röntgenschattens vorhanden. ^)
Wie aber steht es mit den eventuellen frischen, bzw. den ent-
zündlichen, den reaktiven Schwellungen der Bronchialdrüsen, bei
denen das auslösende infektiöse Agens, sei es in den Drüsen selbst
oder auch an einer Stelle des ganzen zugehörigen Lymphwurzel-
gebietes, zu dem also auch Lungen und Bronchien gehören, sitzen
kann? Um solche entzündlichen Schwellungszustände der Bron-
chialdrüsen mit einiger Sicherheit nachzuweisen, reichen — hierin
werde ich wohl kaum Widerspruch begegnen — unsere bisherigen
Methoden nicht aus. Diese verlangen entweder eine ganz erheb-
liche Volum Vermehrung der Drüsen oder sie erlauben nur einen
unsicheren Schluß.
Das, was eine akute oder entzündlich geschwollene Drüse am
meisten auszeichnet, was jeder Arzt zuerst festzustellen versucht,,
wenn es sich um äußerlich gelegene Drüsen handelt, ist die Druck-
schmerzhaftigkeit. Um eine solche gegebenenfalls an den Bron-
chialdrüsen nachzuweisen, besitzen wir erst eine — wie ich übrigena
glaube — zu wenig angewendete Methode: Die Prüfung der
Spinalgie. •)
1) F. Krau 8 f Die Erkennung der Tuberkulose. Mit vorwiegender Berück-
sichtigung der Frühdiagnose. Zeitschr. f. ärztl. Fortbildung 1904 Nr. 3.
2) Petruschki, Über die diagnostische Verwendbarkeit der Spinalgie, als-
Frühsymptom tuberkulöser Infektion. Versammlung deutscher Naturforscher und
Arzte 1902. Petruschki, Spinalgie als Frlihsymptom tuberkulöser Infektion^
Mttnch. med. Wochenschr. 1903 S. 365. Vgl. auch Wohl fahr tseinrichtungen der
inneren Abteilung des städt. Krankenhauses zu Stettin 1901 U 1.
32 m. Neisser
Ich übe diese Methode mit gutem Erfolge nicht mit dem
Hammer y sondern mit dem Daumenballen oder dem Eleinfinger-
ballen der Faust als Sukkussion aus und will gleich hinzufügen^
daß die große Mehrzahl der uns hier beschäftigenden Fälle dieses
Symptom in ausgesprochener Weise aufwies.
Es schien mir nun möglich, ein noch direkteres Verfahren zur
Prüfung der Schmerzhaftigkeit der Bronchialdrüsen anzuwenden:
Die Prüfung durch direkten Druck auf dieDrüsen
und zwar vom Oesophagus aus.
Bevor ich auf die Technik dieses Verfahrens eingehe, einige
Worte über die anatomischen Verhältnisse der Bronchialdrüsen.
Sukienniko.w*) teilt die Bronchialdrüsen in 3 Hauptgruppen
ein und zwar in:
1. Lymphogland. tracheo-bronch. dextr.
2. Lymphogland. tracheo-bronch. sinistr.
3. Lymphogland. tracheo-bronch. inferiores.
Die beiden ersten Gruppen liegen in den beiden stumpfen
äußeren tracheo-bronchialen Winkeln und zwar etwas mehr nach
der vorderen Fläche der Trachea und Hauptbronchien zu.
Die für uns wichtigste 3. Gruppe besteht aus 9—12 verschieden
großen Lymphdrüsen, welche in einem spaltförmigen Raum liegen,
dessen Gewölbe und seitliche Begrenzungen beide extra-pulmonalen
Teile der Bronchien darstellen. Die hintere ^Vand dieses Baumes
bilden links der Oesophagus, rechts die Wirbelsäule und die ihr an-
liegenden Gefäße und Nerven. Die vordere Wand des Baumes wird
unmittelbar vom Perikard gebildet.
Untereinander stehen diese Drüsen vielfach in Zusammenhang.
Durch lockeres periadenoides Gewebe sind sie von den umliegenden
Organen getrennt bzw. untereinander verbunden. Wie bekannt,
liegt der Ösophagus im oberen Teile dicht hinter der Trachea,
vom II. Brustwirbel abwärts wendet er sich etwas nach links und
kreuzt in der Höhe des IV.— V. Brustwirbels (von der Zahnreihe
ab geraessen in einer Tiefe von ungefähr 23—25 cm) dicht an der
Teilungsstelle der Trachea den linken Hauptbronchus, mit welchem
er durch lockeres Bindegewebe verbufiden ist.
Von den Bronchialdrüsen wird die ganze Hauptgruppe, die im
unteren Winkel der Bifurkation liegt, einer Betastung vom Oso-
1) Topographische Anatomie der trachealen und bronchialen Lymphdrüsen.
Berl. klin. Wochenschr. 1903 Nr. 16.
über Sondenpalpatiou der Bronchialdrüsen etc. 33
phagos ans direkt zugänglich sein, desgleichen noch die links-
seitigen, während nur die im rechten oberen Winkel liegenden
Drüsen für die Palpation vom Ösophagus ans nicht direkt zu er-
reichen sind.
Somit bieten die Bronchialdrüsen sehr günstige Verhältnisse
für eine direkte Palpation vom Ösophagus aus, wie dies übrigens
schon aus Beobachtungen hervorgeht, nach denen vergrößerte
Bronchialdrüsen sogar ein Hindernis für den Schluckakt gebildet
haben, und es fragt sich nur, in welcher Weise man eine solche
Palpation ausführen soll. Ich bin anfangs so vorgegangen, daß
ich eine gewöhnliche dünne, weiche Schlundsonde mit einem feinen
Condongummifinger versehen habe. Ein solcher Fingerling wird
über das Sondenende geschoben; und dicht über und unter dem
Fenster werden mittels Zwirnfadens feste Umschnürungen angelegt.
Das andere Sondenende wird mit einer großen Ohrenspritze
verbunden, die vorzüglich laufen muß (Metallspritze mit Metall-
kolben gut geölt), so daß bei geringem Gegendruck der Kolben
zurückfedert. Bläst man nun mittels der Spritze Luft in die Sonde,
so entsteht eine flache, luftgefüllte Scheibe rings um das Sonden-
fenster, deren Umfang sich beliebig regeln läßt. Führt man an
der Leiche diese Sonde in nicht aufgeblähtem Zustande ein, so
deht man, wenn man Herz und Herzbeutel fortpräpariert, daß bei
der Aufblasung in einer Tiefe von 22—28 cm unterhalb der Zahn-
reihe mit der vorderen Wand des Ösophagus auch die früher be-
zeichneten Hauptgruppen der Bronchialdrüsen direkt angehoben,
über die Fläche gewölbt bzw. gedehnt werden, so daß sie also gegen
die Rückseite des bei dem Leichenversuch nicht mehr vorhandenen
Perikards angepreßt werden müssen.
Es genügt diese so einfach hergerichtete Sonde, wie ich mich
überzeugt habe, schon vollkommen, um gesunde von schmerzhaft
geschwollenen Bronchialdrüsen zu unterscheiden ; immerhin erschien
^ wünschenswert, die Möglichkeit auszuschalten, daß bei diesem
Vorgehen eine etwaige Überdehnung des Ösophagus stattfände und
•eine etwaige Eigenschmerzhaftigkeit desselben ein falsches Resultat
gäbe ; ferner auch, daß etwa eine Kompression des linken N. vagus,
der in der Nähe vorbeizieht, Schmerz erzeugen könnte.
Aus diesem Grunde habe ich die Sonde in folgender Weise
verändert: An einer gewöhnlichen mittelstarken Schlundsonde, deren
Offnungen mit Paraffin zugeschmolzen sind, wird etwa 10 cm ober-
halb der Spitze ein längliches Fenster angebracht. Dann wird an
^iner ganz feinen starren, hohlen Schlundsonde in gleicher Höhe
Deutsches Archiv f. klin. MeUi^in. 86. Bd. 3
34 in. Nbxssbr
ein ganz kleines Loch eingeschnitten nnd darüber ein Condon*
gnmmi angebracht, derart, daß eine Anfblasnng, wie bei der alten
Sonde beschrieben, hervorgebracht werden kann. Wird nun die
dünne in die dicke Sonde eingeschoben, so wird nicht etwa, wie
bei der alten Sonde ringsherum, sondern nur durch das Fenster
hinaus, die Gummiblase sich aufblähen lassen. Es wird auf diese
Weise erreicht, daß der Druck im wesentlichen nur nach einer
Richtung hin wirken kann, und zwar bei richtiger Einführung nach
vom, dem Sitz der Bronchialdrüsen. Dieser Zweck wird noch
sicherer erreicht, wenn man auch als äußere Sonde eine starre,
nicht weiche Schlundsonde verwendet und zwar deshalb, weil die
starre Führung derselben auch ein Abgedrängtwerden der Sonde
nach hinten an der Stelle der Aufblasung verhindert.
Bei meinen vielfachen Versuchen habe ich mich nun überzeugt,,
daß man mittels der zuerst erwähnten einfachen weichen Sonde
die gleichen Besultate erzielt als mit der zuletzt beschriebenen^
Da auch diese letztere ziemlich schwer zu reinigen ist, auch
leichter verdirbt, so habe ich mich bei unseren Untersuchungen
in letzter Zeit immer der ersteren bedient
Bei der Sondierung sind noch einige Maßregeln zu beachten.
Wichtig ist es natürlich, daß der zu Untersuchende einige Stunden
vor dem Versuche nüchtern bleibt, da sonst das leicht eintretende
Erbrechen die Untersuchung erschwert.
Femer darf man die Aufblasung nicht plötzlich vornehmen,,
wobei durch eine krampfhafte Zusammenziehung des Ösophagus
ein Schmerz erfolgen könnte, sondern man wird ganz langsam auf-
blasen und bei etwa eintretendem Schmerz den Spritzenkolben so*
gleich zurückfedern lassen, also den Druck aufbeben. Ganz, wie
man gegenüber einer besser zugänglichen, entzündeten Drüse mit
dem palpierenden Finger vorgehen würde.
Es empfiehlt sich aus gleichem Grunde auch nicht, die Sonde
erst möglichst tief einzuführen, dann aufzublasen und nun in auf-
geblasenem Zustande langsam zurückzuziehen; vielmehr soll die
Sonde bis ungefähr 30 cm eingeführt werden und die zu prüfende
Gegend, also bis ungefähr 23 cm, in der Weise abpalpiert werden,
daß nach der Prüfung durch Aufblasung die Luft jedesmal wieder
entweichen muß, ehe an der nächsten Stelle aufs neue aufgeblasen
wird. Nur so ist es möglich, bei entzündeten, geschwollenen Bron*
chialdrüsen nur ebensoviel Schmerz zu erzeugen, als zur Fest«
Stellung dieser Tatsache erforderlich ist.
Man wird femer eine spontane Schmerzäußerung bei der Unter-
über Sondenpalpation der Bronchialdrüsen etc. 35
sachung höher einzuschätzen wissen, als eine solche, anf deren
eTentneiles Eintreten man den Untersuchten vorher aufmerksam
g[emacht hat
Ganz besonders gilt das für ängstliche Patienten, junge
Leute, besonders Mädchen, bei denen diese Untersuchung vielfach
ohne sicheres Ergebnis bleiben und häufig besser überhaupt nicht
angewendet wird, andererseits wird man häufig erst durch wieder-
holte Prüfung ein überzeugendes Resultat erhalten. Was den
Druckschmerz selbst betrifft, so wird derselbe bald mehr vom in der
Brost, bald im Bücken zwischen den Schulterblättern angegeben. ^)
Geht man nun in der eben angegebenen Weise mit den be-
zeichneten Vorsichtsmaßregeln und der nötigen Kritik vor, so wird
man sich überzeugen, daß diese Sondenpalpation der Bronchial-
drüsen, wo weder Anzeichen noch Veranlassung zur Entzündung
derselben vorhanden sind, völlig schmerzlos verläuft. Im Laufe
des letzten Jahres haben wir eine große Anzahl von Leuten, welche
Gelegenheit für Sondierung boten, chirurgische Kranke, Gesunde
(Ärzte, Wärter) im ganzen etwa 250 Personen in der oben ange-
gebenen Weise mit der Sonde untersucht und eine völlige Schmerz-
freiheit konstatieren können.
Dagegen habe ich in ausgesprochener Weise bei dem größten
Teil unserer oben (siehe p. 30) besprochenen Fälle (circa 42 von
48) das Sondensymptom positiv ausfallen sehen, d. h. es wurde oft
schon bei Anwendung ganz geringen Druckes Schmerz in charak-
teristischer Weise geäußert.
Bei der großen Mehrzahl dieser Fälle war auch das Symptom der
Spinalgie in mehr oder weniger ausgesprochener Weise vorhanden.
Im Gegensatz hierzu haben wir bei 16 wegen Verdachtes auf
Tuberkulose zur Beobachtung geschickten Leuten in entsprechen-
dem Alter, in gleicher hygienischer und sozialer Situation, wie die
oben erwähnten positiven Fälle, bei denen weder ein pathologischer
Lungenbefund, noch Spinalgie gefunden wurde, bei denen auch die
Tuberkulinreaktion negativ ausfiel, ^ auch einen negativen Ausfall
des Sondensymptoms konstatieren können.
1) Eine Besorgnis, die Sonde etwa zn weit aufzublasen, braucht man nicht
zu haben, da das Gummi bei einer irgend wie stärkeren Kompression platzt. Wir
werden daher auch nicht, wie bei der zu anderen Zwecken angegebenen Schreiber
sehen Sonde, stärkeren Gummi und Wasserdruck an.
2) Bei unserem Untersuchungsmaterial kommen die 16 negativen Reaktionen
erst auf 100 überhaupt angestellte Keaktionen, d. h. wie schon anderorts erwähnt
ist, reagieren von unserem Untersuchungsmaterial bzw. Beobachtungsmaterial
aber 80% positiv.
3*
36 ni. Neisskr
Hieraus werden wir schließen dürfen, daß als
Ursache der durch Sondensymptom hervorgerufenen
Schmerzhaftigkeit ein Organ angesprochen werden
muß, das in der Brust liegt, subjektive Schmerzen
undSpinalgie hervorzurufen imstande ist, bei Ge-
sunden schmerzlos palpiert werden kann und dann
häufig auf Druck schmerzhaft wird, wenn es in irgend
einerWeise durch die Tuberkulose in Mitleidenschaft
gezogen wird. Als solches Organ kommen an der an-
gegebenen Stelle nur die Bronchialdrüsen mit ihrem
periadenoiden Gewebe in Betracht. In dieser Ansicht werden
wir noch dadurch bestärkt, daß mehrfach bei unseren Fällen die
typischen Brustschmerzen erst während der Tuberkulinreaktion auf-
traten, bzw. sich erheblich verstärkten und daß auch das Sonden-
symptom mehrfach während und nach der Reaktion besonders
intensiv positiv ausfiel.
Diese klinischen Befunde scheinen eine Bestätigung abzugeben
für die Anschauung derjenigen Tuberkuloseforscher, die mit Auf-
recht, Ribbert, Baumgarten u. a. den Beginn des tuberku-
lösen Lungenprozesses in die Bronchialdrüsen verlegen und jeden-
falls scheint es mir sehr bemerkenswert, daß bei solchen gutartigen
bzw. gewissen klinisch latent verlaufenden Prozessen ein Befallen-
sein der Bronchialdrüsen durch meine Beobachtungen wahrschein-
lich gemacht wird.
Ob indessen zu der Zeit, wo eine tuberkulöse AflFektion der
Bronchialdrüsen sich findet, die Lungen völlig frei von jeder tuber-
kulösen Invasion sind, das kann aus unseren Befunden nicht ohne
weiteres gefolgert werden. Zwar waren und blieben die Lungen
sämtlicher Leute, von denen hier gesprochen ist, physikalisch frei
von Tuberkulose.
Damit ist indessen keineswegs ausgesprochen, daß nun auch
anatomisch ein vollkommenes Freisein von tuberkulösen Verände-
rungen bestanden hätte und für ein solches Bestehen subagnosti-
zierbarer, subauskultatorischer tuberkulöser Veränderungen in den
Lungen besitzen wir doch in einer Reihe unserer Fälle erhebliche
Anhaltspunkte:
Die meisten unserer Fälle husteten mehr oder weniger dauernd
und da doch keine groben Bronchialdrüsentumoren vorlagen, die
etwa durch Kompression hätten wirken können, so wird man im
großen und ganzen diesen Husten als von der Schleimhaut der
Bronchien ausgelöst betrachten müssen; ebenso deuten die so häufig
Ober Sondenpalpation der Bronchialdr&sen etc. 37
zutage geförderten minimen. glasigen Sputa und die ab und zu statt-
gehabten kleinsten Blutungen auf die Mitbeteiligung der Lungen hin.
Da wir aus leicht ersichtlichen Gründen Autopsien von unseren
Fällen nicht haben, müssen wir uns nach analogen pathologisch-
anatomischen Befunden umsehen. Diese können wir nicht bei den
Phthisikem und Manifest-Tuberkulösen suchen, sondern nur da,
wo es sich um zufällige Befunde bei nicht manifesten Lungentuber-
kulosen gehandelt hat. Da können meines Erachtens keine anderen
Fälle in Betracht kommen als die bekannten Birch-Hirsch-
feld 'sehen Befunde,^) deren Bedeutung für die in Bede stehenden
Fälle nicht hoch genug angeschlagen werden kann.
Sehen wir von den pathologisch-anatomischen Kontroversen,
die sich an die Birch- Hirsch fei duschen Fälle angeschlossen
haben, ab — ob nämlich Drüse oder Lunge zuerst erkrankt ist
— eins ist sicher — und das sollte uns allen doch mehr als bisher
als eine fundamentale Tatsache einleuchten: Hier wurden bei einer
nicht geringen Anzahl Gesunder (gewissermaßen durch Experiment
zu Tode und Sektion gekommener) tuberkulöse Veränderungen ge-
funden and diese tuberkulösen Veränderungen saßen in den Bron-
chialdrüsen und den Lungenspitzen.')
Es kann doch kaum zweifelhaft sein, daß dies
jedenfalls zum Teil die gleichen Leute gewesen sind,
die, wenn sie tuberkulinisiert worden wären, nun posi-
tiv reagiert hätten (Franz'sche Rekruten), dieselben,
die, wenn sie imAlter zu Tode gekommen, Nägeli'sche
Befunde geboten hätten; dieselben Fälle, die bei uns
Brustschmerzen, positive Reaktion, Spinalgie, Sonden-
symptom, negativen Lungenbefund und Gesundbleiben
aufgewiesen haben.
Zur Ergänzung des klinischen Symptombildes unserer Fälle mag
noch folgendes dienen. Ein großer Teil und gerade die typischsten
unserer Fälle machte den Eindruck rezenter Gesundheitsstörungen,
insofern als die Beschwerden von einem mehr oder weniger be-
stimmt und nicht zu weit zurückliegenden Zeitpunkt an datierten
und bei vielen auch über einen nicht allzu langen Zeitraum hin
die Erscheinungen verschwanden oder bis zu geringfügigen Besten
sich zurückbildeten.
1) Birch-Hirschfeld, Über den Sitz nnd die Entwicklung der primären
Lnngentaberkolose. Archiv f. klin. Medizin Bd. LXIV.
2) In den Drüsen als winzige Einsprengungen, keineswegs als grobe Ver*
käsnngen oder größere Tumoren.
38 in. Nbissba
In einer kleinen Reibe von Fällen läßt sieh indessen nicht
verkennen, daß in mehr chronischer Weise Befund und Erscheinungen
bestehen blieben, wohlgemerkt, ohne daß im geringsten eine mani-
feste Lungenerkranknng aufgetreten wäre. Femer erwähnen wir
die sehr häufig vorhandenen, subfebrilen Temperaturen, die nicht
sowohl in der bekannten Weise in remittierender Form auftraten
als vielmehr kontinuierlich leicht erhöht waren, wobei in der Regel
auch keinerlei febrile Erscheinungen auftraten und die Leute auch
noch an Gewicht zunahmen.
Es entsteht noch die Frage: Wenn das Sondensymptom bei
unseren Fällen so häufig positiv ausgefallen ist, wie steht es denn
^amit bei der offenen und manifesten Lungentuberkulose, bei der
Phthise? Wir haben nur etwa bei 30 Patienten mit manifester
Lungentuberkulose Gelegenheit gehabt, diese Prüfung anzustellen.
Soweit wir hiemach urteilen können, müssen wir sagen, daß
wir mehrfach hier das Sondensymptom positiv fanden, daß aber
gerade bei alten chronischen Fällen fast immer das Sondensymptom
negativ ausfiel.
Da nun nicht daran gezweifelt werden kann, daß auch bei
diesen Phthisikern die Bronchialdrüsen vielfach tuberkulös erkrankt
sind, so werden wir in Übereinstimmung mit unseren Ausführungen
auf p. 31 annehmen dürfen, daß das Sondensymptom nicht sovfM
charakteristisch für die Tuberkulose der BronchiaJdrüsen überhaupt
ist, daß vielmehr insonderheit frischere tuberkulöse Prozesse in
Lunge und Bronchialdrüse dazu neigen, Schmerzhaftigkeit bei der
Sondierung hervorzurufen. ^)
Ich glaube also, daß da, wo der Sitz eventueller Tuberkulose
zweifelhaft ist, die Tuberkulinreaktion positiv, die Lungenunter-
suchung negativ ausfällt, das Sondensymptom, wo es einwandsfm
und stark positiv auftritt, einen Anhaltspunkt dafür gibt, daß ein
frischer tuberkulöser Infekt einer Bronchialdrüse vorliegt.
Einen Anhaltspunkt sagen wir und sind weit entfernt, die
Bedeutung desselben zu überschätzen, da es sich ja um Feststellung
eines einzelnen Symptomes handelt. Überhaupt — das betone ich
ausdrücklich — kam es mir nicht so sehr auf die Schilderung und
praktische Anwendung dieser neuen Untersuchungsmethode an, als
vielmehr auf den Versuch, eine Aufklärung für die große Reihe
\
1) Es läge ja nahe, die Empfindlichkeit frisch entzündeter Bronchialdrüsen
hei anderen Prozessen in unserer Weise zu prüfen ; die hier hesonders in Betracht
kommenden Affektionen: Bronchitis, Pnenmonie scheinen indessen ans leicht er-
sichtlichen Gründen zur Prüfung nicht geeignet.
über Sondenpalpation der BronchialdrUsen etc. 39
TOD Fällen zh geben, die wie die Franz'schen Rekruten in Oe-
sundheit oder leichter Gesundheitsstörung leben, bei der Prüfung
mit Tuberkulin reagieren, nicht an Lungentuberkulose erkrankt
sind und nicht im Laufe einer längeren Beobachtungszeit erkranken.
Wenn ich auch nicht in der Lage bin, prozentische Beläge zu
geben, so muB ich doch ausdrücklich hervorheben, daß diese Fälle
nicht etwa Seltenheiten darstellen, sondern unter unseren Unter-
suchungs- bzw. Beobachtungsmaterial sehr zahlreich sind.
Die Klinik wird seltener in der Lage sein, eine größere An-
zahl unserer Fälle in die Hand zu bekommen; von der Poliklinik
dagegen, der Tuberkulosepoliklinik im besonderen, von Kranken-
häusern, den Beobachtungsstationen und nicht zum wenigsten von
den Heilstätten dürfen wir wohl die Nachprüfung unserer Angaben
erwarten. Hierbei mag auch das Sondensymptom in Augenschein
genommen werden.
Es hat ja schon längst dem Gefühl des Klinikers widersprochen
bei Fällen, die ihm zur Beobachtung auf Tuberkulose überwiesen
wurden, und bei denen er eine positive Tuberkulinreaktion, sonst
nichts oder nur einige subjektive Beschwerden finden konnte, als
Lungentuberkulose — wenn auch mit dem Zusatz der geschlossenen
oder beginnenden — zu bezeichnen, weil der klinische Begriff der
Lungentuberkulose doch ein für allemal für diejenigen Fälle ge-
prägt ist, bei welchen es sich uro eine nachweisliche Erkrankung mit
-einem bestimmten Decursus morbi und zweifelhafter Prognose handelt.
Gerade das ist der Grund, weswegen man solche Fälle wie
die unsrigen mit unter die Prophylaktiker, Prätuberkulösen, „nach-
weislich durch Tuberkulose Gefährdeten" latent Aktiven, inzipient
Tuberkulösen rechnete.
Aber aus den Fällen, die wir hier schildern, entsteht wenigstens
in der überwiegenden Mehrzahl und soweit unsere Beobachtungen
reichen, überhaupt keine manifeste Lungentuberkulose,
trotzdem Tuberkulose vorliegt und auch der Sitz in der Brust sich
befindet — im Gegensatz zu den eigentlichen inzipienten Tuber-
kulösen, bei denen, wenn nicht von vornherein, so doch im Verlauf
der Beobachtung ein manifester Lungenbefund auftritt.
Wäre der Name nicht so schlecht, so würden wir unsere Fälle
als „tuberkulosoide Zustände" von der inzipienten Tuberkulose
abgrenzen ; und dies nicht sowohl, um zu den vorhandenen noch einen
neuen Namen hinzuzufügen, sondern weil hierdurch die für unsere
Fälle am meisten charakteristische Eigenschaft bezeichnet wird:
Tuberkulös zu sein, ohne nennenswert an Tuberkulose
40 HL Neisseb
ZU erkranken: abortive oder zu progressivem Ver-
laufe nicht fähige tuberkulöse Primäraffektion der
Bronchialdrüse und Lunge.
Auch der alte Name der Lungen Skrofeln wurde einiger-
maßen passen insofern, als er eine besondere, durch Benignität aus-
gezeichnete Erscheinungsform der Tuberkulose bezeichnen kann; auch
darin die Beziehungen zu Lungen und Lungendriisen angedeutet
erscheinen.
Wir würden hierher rechnen:
1. Diejenigen Fälle, die auf Tuberkulin reagieren, ohne sonst
objektive oder subjektive Zeichen von Tuberkulose darzubieten.
2. Solche, die, wie unsere Fälle neben positiver Tuberkulin-
reaktion eine Anzahl subjektiver Beschwerden, vor allen Dingen
Brust- und Rückenschmerzen, objektiv häufig Spinalgie und das
Sondensymptom, im Gegensatz hierzu aber zu keiner Zeit einen
manifesten Lungenbefund aufweisen.
Hieraus geht schon hervor, daß so, wie die Dinge liegen, die
Entscheidung darüber, ob es sich in einem konkreten Fall um eine
inzipiente Lungentuberkulose mit dem bekannten Verlauf oder um
eine „tuberkulosoide Erkrankung" in unserem Sinne handelt, bei
einmaliger Untersuchung häufig nicht zu föllen sein, sondern erst
durch den Verlauf — also gewissermaßen durch retrospektive Be-
trachtungen — klar werden wird.
Am wenigsten soll etwa das Sondensymptom difTerentialdia-
gnostisch die Entscheidung treffen ; es kann hier nur die gesunden
von den erkrankten bzw. frisch erkrankten Drüsen abgrenzen helfen.
Es ist nicht meine Absicht, in die Kontroverse darüber ein-
zutreten, ob minderwertiges Virus oder individuelle Disposition die
Verschiedenartigkeit des Verlaufs bestimmen, ob also im einen Fall
eine Tuberkulose, im anderen eine tuberkulosoide Erkrankung —
charakterisiert im wesentlichen durch den abortiven Verlauf der
Primäraflfektion — sich entwickelt, da ich hier nur eigene Unter-
suchungen bzw. tatsächliche Beobachtungen anführen wollte. Zu
diesen gehört indessen, daß in derselben tuberkulös infizierten Familie
die einen Mitglieder an manifester Lungentuberkulose
erkrankten, während die Infektion der anderen in
der von uns geschilderten harmloseren Form auftrat.
Dies kann doch nur so gedeutet werden, daß nicht die Verschieden-
heit des Virus, sondern die keimplasmatische Anlage oder die jeweils
vorhandene persönliche Disposition Form und Verlauf der Infektion
bedingt hat. Demnach haben wir es wohl bei der uns interessieren-
über Sondenpalpation der Bronchialdrüsen etc. 41
den Gruppe mit einem Invasionsstadiam der Tuberkulose
bei Leuten mit geringer Disposition zu tun.
Krankheit und Gesundheit sind, wie Rosenbach treffend
sagt, nicht wie mit einer Barriere voneinander geschieden, unsere
Beobachtungen sprechen dafür, daß das auch fiir die Tuberkulose
zutrifft, und daß ein tuberkulöser Infekt in der Brust
bestehen kann und zwar häufig besteht, auch bis zu
einem gewissen Grade nachweislich wird, ohne daß es
zu einer ausgesprochenen Krankheit kommt.
In therapeutischer Hinsicht haben uns zwar die Erfahrungen
gelehrt, daß häufig auch ohne daß eine angeratene Therapie zur
Ausführung gekommen wäre, die Betreffenden gesund geblieben
bzw. nicht erkrankt sind. Wir heben aber ausdrücklich hervor,
daß wir bei allen unseren Fällen, soweit sie neben der Tuberkulin-
reaktion Gesundheitsstörungen der bezeichneten Art aufwiesen, irgend
eine therapeutische Maßnahme angeordnet oder ergriffen haben.
Dies widerspricht nicht unserer Annahme, daß es sich um
Leute mit geringer Disposition handle, denn es ist durchaus wahr-
scheinlich, daß jemand der bei Invasion von Tuberkelbazillen wenig
disponiert war, durch Sinken seines Gesundheitsniveaus eine erhöhte
Disposition erwerben und bei Gelegenheit bzw. einer neuen Inva-
sion erkranken kann.
Wo unsere Fälle sich in Heilstätten befinden, ist für ihre
therapeutische Versorgung ja in jeder Weise gesorgt. Aber auch
mit Maßregeln wie Landaufenthalt, Erholungsstätten, Soolbade-
kuren, Krankenhaus- und Tuberkulin- bzw. Krankenhaus mit nach-
folgender poliklinischer Tuberkulinbehandlung haben wir alles
Wünschenswerte erreicht.
Gerade die poliklinische Behandlung ermöglicht, was bei unseren
Fällen besonders notwendig erscheint — eine häufige Kontrolle des
gesundheitlichen Verhaltens derart, daß gegebenen Falles auch eine
Heilstättenbehandlung angeschlossen werden kann, ohne daß im
geringsten etwas versäumt worden wäre. —
Die dieser Arbeit zugrunde liegenden Untersuchungen und die
Zusammenstellung des betreffenden Krankenmaterials habe ich zu-
sammen mit meinem früheren Assistenten Herrn Dr. Max Haar-
land ausgeführt.
Herr Dr. Pollack, Oberarzt am Stadt. Krankenhause, hat
mich bei der Abfassung der Arbeit freundlichst unterstützt.
IV.
Aus der Königl. medizin. Universitätsklinik zu Königsberg i. Pr.
(Prof. Dr. Lichtheim).
Über Hämatnrie als Initialsymptom primärer
Nierentuberkulose.
Von
Dr. S. Askanazy.
Privatdozent.
Bei Niereutuberkulose finden sich im Urin fast konstant blutige
Beimengungen, besonders wird die mikroskopische Untersuchung
des Hamsediments wohl kaum je die Anwesenheit roter Blntkörper^
<;hen vermissen lassen. Mitunter ist der Blutgehalt so erheblich,
daß der Urin schon makroskopisch eine mehr minder blutige Ver-
färbung zeigt, ein Ereignis, das im Verlaufe der Krankheit zwar
jederzeit in die Erscheinung treten kann, welches aber immerhin
bei Nierentuberkulose zu den relativ selteneren Vorkommnissen
gehört. Küster (17) weist darauf hin, daß die Beimischung von
Blut bei vorgeschrittener Krankheit seltener wird und bei erheb-
lichen Zerstörungen der Niere meistens vollkommen fehlt Das ist
wohl die Regel, aber auch in diesem Stadium kommen gelegentlich
stärkere Hämaturien vor. Der Urin solcher Patienten zeigt dann
«ine durchweg gleichmäßige rote oder auch rotgraue Färbung, er
ist innig mit Blut durchmischt ; die letzten Portionen unterscheiden
sich bei der Entleerung hinsichtlich der Farbe in keiner Weise
von den ersten.
Vor 12 Jahren hat nun Tuffier (37) darauf aufmerksam ge-
macht, daß sich Nierentuberkulose mit Hämaturie einleiten kann.
Er nannte derartige Formen: „Tuberculose renale ä forme h^ma-
turique." Mit dieser Bezeichnung sind also nicht sowohl im all-
gemeinen die mit Blutharnen einhergehenden Nierentuberkulosen
gemeint, als vielmehr diejenigen Fälle, bei denen die Hämaturie
ein Frühs'mptom bildet. Die Blutung kann unter diesen Um-
über Hämaturie als Initialsymptom primärer Nierentnberkolose. 43
standen so hoch^adig sein, da£ der Urin fast wie reines Blnt
aussieht, and der Patient so anämisch wird, daß allein dadurch
die Operation indiziert wird. Sie setzt bei bisherigem völligen
Wohlbefinden meist ganz plötzlich ein, zu einer Zeit, wo die ana-
tomischen Veränderungen in der Niere noch so beschränkte und
80 geringfügige sind, daß sonstige (subjektive und objektive) Sym-
ptome, vor allem Harnveränderungen noch ausstehen oder so wenig
ausgesprochen sind, daß sie bis dahin der Beobachtung entgangen
sind. An diese sich in manchen Fällen öfter wiederholenden
Attacken, die ganz verschiedenen Charakter und Verlauf zeigen
können, schließen sich dann, selten unmittelbar, meist erst nach
längerer Zeit, oft erst nach vielen Jahren die typischen Erschei-
nungen der Nierentuberkulose an. Es findet sich hierzu eine voll-
kommene Analogie in der so häufigen Einleitung der Lungenphthise
durch eine jahrelang voraufgehende Hämoptoe, die ebenfalls häufig
bei anscheinend ganz gesunden Menschen unerwartet einsetzt, zu
einer Zeit, wo die geringfügige Alteration des Lungenparenchyms
bis dahin mitunter noch gar keine Beschwerden und objektive
Symptome verursachte.
Schon vor Tuffier's Arbeit aus dem Jahre 1893, in welcher
er über einen derartigen Fall von tuberculose renale ä forme
hematurique berichtet, finden wir einzelne einschlägige Beobach-
tungen in der Literatur.
Ob bei dem von Habershon (11) im Jahre 1880 mitgeteilten
Falle wirklich eine tuberkulöse Nierenaffektion vorgelegen hat, ist
fraglich, da die Diagnose lediglich darauf beruhte, daß der Kranke
eine phthisische Disposition zeigte und Nierensteine nicht vorhanden
waren.
Der erste sichere Fall von initialer Hämaturie bei Nieren-
tuberkulose findet sich in einer Schede'schen Publikation (31) aus
dem Jahre 1889.
Einen weiteren diesbezüglichen Fall bringt eine Mitteilung
Herczers(12) aus dem Jahre 1890, welcher die Resultate von
33 von Czerny in den Jahren 1878 — 1890 ausgeführten Nephrekto-
mien zusammengestellt hat. (Fall VIL)
Tuffier(37) gebührt jedoch das Verdienst, in seiner Arbeit
aus dem Jahre 1893, in welcher er über einen gleichen Fall referiert,
auf die Hämaturie als Frühsymptom der Nierentuberkulose aus-
drücklich hingewiesen zu haben.
Seitdem haben sich die Berichte über analoge Fälle gehäuft:
Pousson(27) (1895), Kontier (29) (1895), Trantenroth (36)
44 ^- Abkanazt
(1896), Albarran (1) (1896), Guyoii(lO) (1897), Loumeau (19)
(1897), Tuffier(38) (1897, ein weiterer Fall), Goldberg (8)
(1897, 2 Fälle), Grosglik (9) (1898), Nimier (24) (1898), D.
Newman(23) (1899, 2 Fälle), J. Israel (14) (1901, 4 Fälle),
0. Simon (33) (1901, 2 Fälle), Rud. Schmidt (32) (1904), Del-
le eskamp (6) (1904) sind diejenigen Autoren, welchen wir die
Mitteilung eines oder mehrerer solcher Fälle verdanken.
Es sei mir gestattet, in folgendem 4 Krankengeschichten ein-
schlägiger Fälle aus dem Journal der Königsberger medizinischen
Klinik, sowie eine eigene derartige Beobachtung aus meiner Praxis
(Fall V) mitzuteilen.
Fall I. M. B., MüllerBfrau, 35 Jahre. 11.-25. Mai 1896.
Vor 5 Jahren plötzliche, ohne Besoh werden auftretende, nach
2 Tagen vorübergehende Hämaturie. Seit 5 Wochen dauernde,
anfangs mit Schmerzen in der Lendengegend verbundene starke Hä-
maturie.
Bei der Aufnahme: Blässe. Innere Organe nichts Besonderes.
Urin stark blutig, etwas eitrig, enthält wenig Albumen. Im Sediment
viele rote Blutkörperchen, vermehrte Leukocyten, sonst nichts Besonderes.
Bei der Cystoskopie zeigt sich am Boden der Blase hinter dem Ori-
ficium internum ein unebenes, mit Eiter und Blut belegtes, an einzelnen
Stellen etwas flottierendes Gebilde. In den letzten Tagen des Aufent-
haltes in der Klinik geringes Fieber. Der Patient wird der chirurgischen
Klinik überwiesen.
In der chirurgischen Klinik wird der hohe Steinschnitt ge-
macht UDd die Blase frei gefunden; es blutet aus dem linken Ureter.
Einen Monat später wird die linke Niere exstirpiert. Die Niere
ist sehr aoämisch, das Becken etwas erweitert, in einigen Kelchen kleine
Blutgerinnsel. In der Niere finden sich bei genauer mikroskopischer
Untersuchung vereinzelte Tuberkelknötchen.
Es handelt sich hier also um einen Fall von mit Schmerzen
in der Lendengegend einhergehender Nierenblutung, bei welchem
eine ohne Schmerzen verlaufende Hämaturie vor 5 Jahren vorauf-
gegangen war. Die exstirpierte Niere zeigte lediglich spärliche
mikroskopische Tuberkel. Bei dem cystoskopisch erhobenen Be-
funde wird es sich wohl nur um ein Gerinnsel gehandelt haben.
Die Hämaturie vor 5 Jahren ist nach dem anatomischen Befunde
schwer zu erklären. Falls sie auf derselben Basis zustande ge-
kommen sein sollte, wie der letzte Anfall so könnte daraus der Schlaft
auf eine totale Rückbildungsfahigkeit primärer Nieren tuberkel
gezogen werden. — Weniger sicher ist die Diagnose bei Fall II:
Fall IL W. K., Eigenkäthnersfrau, 48 Jahre. 3.— 10. September
1898, 10.— 23. Juni 1899, 4.~ 13. Juli 1899.
über Hämaturie als Initialsymptom primärer Nieren tuberkulöse. 45
Seit 11 Jahren Husten. Seit P/g J&hren dauernde Häma-
turie und Blasenbeschwerden.
Bei der Aufnahme: Blässe, katarrhalische Erscheinungen an
beiden Lungenspitzen. Kein Auswurf. Druckempfindliche, etwas
vergrößerte Niere rechts. Harn stark blutig gefärbt. Im Sediment
rote und weiße Blutkörperchen, keine Mikroorganismen. Cystoskopi-
8 eher Befund normal.
2. Aufnahme: Dieselben Beschwerden. Über der linken Lungen-
spitze hier und da trockene und feuchte BAsselgeräusche. Im Harn
reichlich Blut, keine Gerinnsel, keine Mikroorganismen. Im spärlichen
schleimigen Sputum keine Tuberkelbazillen.
3. Aufnahme: In der chirurgischen Klinik hat weder durch
Cystoskopie noch durch Austasten der Blase etwas Pathologisches
festgestellt werden können. Am Tage nach der Aufnahme rasch vorüber-
gehende Temperatursteigerung. Befinden und Befund unverändert. Im
sehr spärlichen Sputum und im Harnsediment keine Tuberkeibazillen.
Bei diesem Kranken liegt wiederum eine renale Blutung vor;
aus welcher Niere das Blut stammt, geht aus der Krankengeschichte
leider nicht hervor. Als Resultat der zweimaligen Cystoskopie wird
nur die Intaktheit der Blase hervorgehoben. Obwohl Tuberkel-
bazillen im Urin nicht gefunden wurden, ist doch der Verdacht
einer Nierentuberkulose nicht ganz von der Hand zu weisen, weil
die Lungen affektion ebenfalls dem physikalischen Befunde nach
auf Tuberkulose schließen läßt Allerdings konnten in dem sehr
spärlichen, schleimigen Sputum Tuberkelbazillen ebenfalls nicht
nachgewiesen werden. Somit handelt es sich hier nur um eine
Vermutungsdiagnose.
Fall III. A. Seh., Besitzerssohn, 32 Jahre. 16.— 21. Januar 1901.
Im letzten Halbjahr dreimal Blutharnen ohne Schmerzen, ohne
Fieber. Vor 3 Monaten plötzlich auftretende rasche Schwellung des
linken Nebenhodens, die bestehen bleibt.
Bei der Aufnahme: Gutes Allgemeinbefinden, keine Lungen-
erscheinungen. Starke Verdickung und Verhärtung des linken Hodens
und Nebenhodens. Urin ohne Blut, kein Eiweiß. Operation ab-
gelehnt.
Auch in diesem Falle ist die Erklärung der mehrfach aufge-
tretenen Hämaturien vielleicht durch die Annahme einer beginnen-
den tuberkulösen Nierenaffektion möglich, weil der 3 Monate nach
der ersten Hämaturie entstandene Prozeß am 1. Hoden und Neben-
hoden als ein tuberkulöser angesehen wurde, und jeglich anderen
subjektiven und objektiven Symptome seitens der Nieren fehlten.
Leider war die anatomische Kontrolle nicht möglich.
Fall IV. K. K., Faktor, 28 Jahre. 8.— 20. Februar 1897,
46 IV. Abkavazt
19. JuU bis 6. August 1897, 7.— 21. JuU 1900, 3. Januar bis 8. Mai
1903.
Patient bat im 22. Lebensjabre links, im 23. rechts Brustfell-
entzündung durcbgemacbt. Seitdem Husten, links Bmststiche, eiteriger
Auswurf, Atemnot, Nacbtschweiße, besonders im Winter. Seit 5 Jahren
Anfalle von linksseitiger Nierenkolik mit Erbrechen. Nach dem
letzten Anfall Tor 2 Tagen starke Hämaturie.
Bei der Aufnahme: Links hinten unten Schall etwas gedämpft.
Im schleimig- eiterigen Sputum keine Tuberkelbazillen. Linke Lenden-
gegend leicht druckempfindlich. Urin rötlichbraun mit mäßig reich-
lichem Sediment, das im wesentlichen rote Blutkörperchen neben spär-
lichen weißen enthält. Genitalien normal. Hascher Hückgang dieser
Veränderungen.
2. Aufnahme: Seit 2 Tagen wieder Kolik mit Schüttelfrost und
Erbrechen sowie starker Hämaturie.
Bei der Aufnahme: In den ersten Tagen Fieber, starke
Schmerzen in der linken Nierengegend, hochgradige Hämaturie.
Linke Seite, besonders hinten, sehr druckempfindlich. TTrin
enthält dem Blutgehalt entsprechend Albumen, zahlreiche Erythrocyten,
spärliche, leicht verfettete Nieren epithelien, spärliche hyaline Zylinder.
Beim Cystoskopieren sieht man von Zeit zu Zeit aus dem linken
Ureter ein Bluttröpfchen hervorkommen. Allmähliche Besserung.
3. Aufnahme: Seit 3 Tagen links Kolik mit Frost und Übelkeit.
Bei der Aufnahme: Klarer Urin ohne Eiweiß, ohne Sediment.
Am folgenden Tage Hämaturie, im Sediment nur rote Blutkörperchen.
Hasche Besserung.
4. Aufnahme: Vor 4 — 5 Monaten starker Husten, schleimig«
eiteriger Auswurf, ab und zu mit Blutbeimengungen. Stiche und
Schmerzen in der linken Brustseite, Atemnot, Nachtschweiße. Seit
3 Monaten Verschlimmerung dieser Beschwerden, häufig Frost und Hitze,
schlechter Appetit, Abmagerung.
Bei der Aufnahme: Subfebrile Temperatur, die während
der ganzen Dauer des klinischen Aufenthaltes (über 4 Monate) anhält.
Katarrh beider Lungenspitzen, im Sputum mäßig reichliche Tuberkel-
bazillen. Linke Nierengegend etwas druckempfindlich. Urin
hellgelb, minimaler Hauch Albumen, kein Zucker.
Koliken und Hämaturien sind seit der letzten Entlassung im JuU 1900
nicht aufgetreten.
Niemals hat Patient Steine abgehen sehen, auch ist ein Abgang
von Steinen in der Klinik nie bemerkt worden. Eine Röntgenphoto-
g r a p h i e während des vorletzten Aufenthaltes in der Klinik ergab, daß
Nierensteine nicht vorhanden waren.
Bei diesem Patienten wurde in der Klinik durch genaue
Urinuntersuchung und Röntgenphotographie auf Nierensteine ge-
fahndet. Das Resultat war ein negatives. Somit müssen wir auch
hier, freilich, ohne den strikten Beweis für diese Annahme liefern
zu können, wegen der zweifellos vorliegenden Lungentuberkulose
über Hämatnrie als Initialsymptom primärer Nierentuberkulose. 47
daran denken, daß die Nierenkoliken nnd Hämaturien auf einen
beginnenden tuberkulösen Nierenprozeß zurückgeführt werden
können.
Fall V. L. Seh., Rentiere, 68 Jahre. 14. Juli bis 20. August 1902.
Vor 7 Jahren Blinddarmentzündung. — Vor 16 Jahren traten
starke Bückensohmerzen und Hämaturie auf, welche 9 Jahr»
ununterbrochen bestanden haben soll, wodurch die Patientin sehr
anämisch wurde. Vor 8 Jahren trat einmal eine heftige Kolik
in der linken Nierengegend auf. Sodann war Patientin 6 Jahre
hindurch zwar schwach, aber sonst besohwerdefrei und fühlte sich gan»
wohl. Vor 1 Jahr trat wieder Blutharnen auf, das ununterbrochen
bis zur Aufnahme fortbesteht und mit zeitweiligen geringen Bücken«
schmerzen einhergeht. In der Bettruhe ist die Blutfärbung des Urins
eine hellere, beim Gehen eine dunklere. Die Patientin ist immer blut-
ärmer und magerer geworden und hatte von Zeit zu Zeit über
Dmck in der Herzgegend und Herzklopfen zu klagen.
Bei der Aufnahme fand sich folgendes: Die Patientin ist grazil
gebaut, mager, sehr anämisch. Kein Fieber. Links beginnende
Katarakt. Brustorgane normal. Linke Niere' etwas beweglich, rechte
nicht palpabel. TJrin ca. 0,2 ^/^^ Albumen, kein Zucker, stark blnt-
haltig. Ln Sediment zahlreiche rote und spärliche weiße Blutkörperchen,
Pflaaterepithelien, ganz vereinzelte hyaline und Epithelialzylinder.
Die Gystoskopie (Dr. Quedenfeld) ergab Litaktheit der Blase,.
ans dem linken Ureter entleert sich Blut.
In einer späteren Sitzung (Dr. Quedenfeld) wurde der rechte
Ureter katheterisiert, der Urin war blutfrei, klar, enthielt minime
Spur Albumen. Auf Phloridzinein spritzung bereits nach 10 Mi-
nuten reichliche Bildung von Zucker. Der Urin der linken Seite
war bluthaltig trübe und enthielt mikroskopisch rote Blutkörperchen,
weiße Blutkörperchen, Epithelien, keine Tuberkelbazillen.
Li der Klinik unterlag der Blutgehalt des Urins großen
Schwankungen, in der Bettruhe wurde er meist geringer. Dreimal
treten heftige linksseitige Nierenkoliken auf.
Am 6. August 1902 wurde die linke Niere durch Dr. Queden-
feld exstirpiert. Danach Urin blutfrei. Spur Albumen. Im Sedi-
ment etwas Harnsäure, spärliche hyaline und Epithelialzylinder.
Nach 14 Tagen wurde die Patientin entlassen, die Wunde gut geheilt.
2 Monate später wurde ich zur Patientin nach Wormditt (Ost-
preußen) gerufen. Es war ihr bis dahin ganz gut gegangen. 2 Tage
▼(« her hatte sie plötzlich eine schwere Darmblutung bekommen,
die nicht stand, so daß die Patientin außerordentlich rasch verfiel. Als
ich dort anlangte, war der Exitus bereits eingetreten. Eine Autopsie
wurde nicht gestattet.
Anatomisches Protokoll der e x s t i r p i e r t e n Niere
(M. Askanazy):
Die Niere war 12 cm lang, 4^1^ cm breit, 3 cm dick. Die Capsula
fibrosa haftet fest und löst sich stellenweise nur unter Mitnahme von
Bindensubstanz. Die Konsistenz ist etwas zäher als in der Norm. Ober-
48 I^- ASKANAZT
fläche im ganzen glatt, blaß, bräunlich mit einzelnen Cysten, ein paar
weißen Pünktchen und 6 disseminierten, fast stecknadelkopfgroßen, weißen
taberkelähnlichen Flecken. Einige linsengroße Hämorrhagien im Paren-
chym der Nierenoberfläche. Querschnitt: Rinde ist verschmälert,
4—5 mm breit, anämisch, bräunlichgrau. Pyramiden hellrosig*weiß,
stehen stellenweise einander nahe. Nierenbecken und -kelche mäßig stark
erweitert, Schleimhaut feucht, leicht geschwollen, an mehreren Stellen
des Beckens und der Kelche von Blutungen durchsetzt. — Mikro-
skopisch charakterisieren sich die ganz kleinen weißen Pünktchen als
Verkalkungen, die weißen, etwa stecknadelkopfgroßen Herdchen als
typische Riesenzellentuberkel (mit lymphoiden, epitheloiden Zell-
formen und mehrfachen typischen Langhans 'sehen Riesenzellen). In
der Rinde vereinzelte verödete Glomeruli.
Diese Patientin erkrankte angeblich vor 16 Jahren an einer
mit Rückenschmerzen einhergehenden Hämaturie, die erst nach
9 Jahren verschwand und die Kranke sehr anämisch machte. Die
Blutung trat vor 1 Jahre wieder auf und bestand noch zur Zeit
der Aufnahme. Die genaue Untersuchung des stark bluthaltigen
Harns ließ erkennen, daß geringe nephritische Veränderungen in
der Niere Platz gegrifl^en haben müssen. Die Cystoskopie und der
Ureterenkatheterismus (Dr. Quedenfeld) zeigten, daß die Blutung
aus der linken Niere stammte. Die rechte Niere produzierte einen
Urin, der zwar Spuren Eiweiß enthielt; die Prüfung ihrer Funk-
tion mittels der Phloridzinprobe lieferte aber ein günstiges Resultat.
Die Exstirpation und Untersuchung der 1. Niere ergab nun
das Vorhandensein einer außerordentlich geringfügigen Alteration
derselben: minimale Veränderungen chronisch nephri-
tischen Charakters, ein paar weiße Pünktchen und 6 disse-
minierte, fast stecknadelkopfgroße, weiße Flecken an der Nieren-
rinde, erstere Verkalkungen, letztere typische Riesen-
zellentuberkel darstellend. Die Patientin starb 2 Monate
darauf an einer starken Darmblutung. Die Autopsie wurde nicht
gestattet.
Legen wir uns nun die Frage vor, wodurch die hochgradige,
langdauernde Hämaturie bei dieser Patientin veranlaßt war, so
kämen hierfür zwei ursächliche Momente in Betracht, die
nephritische Alteration und die Tuberkulose.
Daß chronische Nephritiden gelegentlich mit so pro-
fusen Hämaturien einhergehen, daß der Urin das Aussehen fast
reinen Blutes hat, ist bereits durch eine große Anzahl von Beob-
achtungen festgestellt. Guyon (10), de Keersmaeker (15),
Poirier (25), Pousson (28), Potherat (26), Albarran(2),
Naunyn(22), Hofbauer (13), J. Israel (14), Martens(21),
über Hämatnrie als Initialsymptom primärer Nierentnberkulose. 49
Lewitt(18), Stich (35), S t e rn - Düsseldorf (34) haben Nieren-
blatnngen mit und ohne kolikartige Schmerzen bei ausgesprochenen
Nephritiden mit charakteristischem klinischen und anatomischen
Befunde beobachtet. Aber auch bei solchen formes frustes, wo der
Symptomenkomplex wenig oder gar nicht auf Nephritis schließen,
und nur eine eingehende, vor allem mikroskopische Untersuchung
des blutenden Organs mehr minder ausgedehnte nephritische Ver-
änderungen erkennen läßt, können Hämaturien mit und ohne Nieren-
koliken in die Erscheinung treten, wie wir ans der Literatur er-
sehen. Besonders AlbarranC2), Th. Rovsing (30), Malherbe
und Legueu(20) und vor allem J. Israel (14) haben darauf
aufmerksam gemacht. Zu den Fällen der letzteren Art würde also
unser Fall V gezählt werden müssen, falls die Blutung durch die
nephritische Veränderung der Niere veranlaßt worden ist.
Wiewohl diese Möglichkeit durchaus nicht von der Hand zu
weisen ist, erscheint es uns doch plausibler, daß die tuberku-
löse Affektion zu der Hämaturie geführt hat. Die
Literatur lehrt, wie wir gesehen haben, daß derartige Nieren-
blutungen in den ersten Anfängen der Nierentuberkulose nicht gar
so selten sind. Vor allem spricht jedoch in Fall V der anatomische
Befund für die Abhängigkeit der Blutung von dem tuberkulösen
Prozeß. Aus der Krankengeschichte ersehen wir, daß die Patientin
vor 16 Jahren an Hämaturie erkrankte, und abermals vor 1 Jahr.
Die Untersuchung der Niere ergab nun das Vorhandensein kleiner
verkalkter Herdchen und frischer miliarer Tuberkel in der Nieren-
rinde. Wir werden wohl kaum fehlgehen, wenn wir die Verkal-
kungen als ausgeheilte Tuberkel ansprechen und werden den Be-
fund dann so deuten, daß die Blutung vor Jahren auf die ehemals
vorhandenen, nunmehr verkalkt gefundenen tuberkulösen Herde,
die letzte Hämaturie aber auf die frischen Tuberkel zurückzu-
fuhren ist
Dieser Fall weckt die Erinnerung an einen ähnlichen, von
Braatz (4) mitgeteilten, bei dem es sich allerdings nicht um
Anfälle von Nierenblutung, sondern um Nierenkoliken handelte.
Braatz (4) exstirpierte wegen äußerst qualvoller Koliken die
rechte Niere einer 30jährigen Patientin. In der Niere fand sich
neben ganz frischen tuberkulösen Herden ein alter ausgeheilter
Herd, von dem 3 Jahre vorher ebenfalls heftige Koliken ausgelöst
waren.
Die Angabe unserer Patientin (Fall V), daß der Blutgehalt
des Urins bei Bettruhe ab-, während des Umhergehens zunimmt,
Deutsches ArohiT f. klin. Mediein. 86. Bd. ^
50 ^V* ASKANAZT
was wir während unserer Beobachtungszeit bestätigen konnten
spricht eher für Nephrolithiasis als für Tuberkulose. Die genaue
anatomische Kontrolle hat aber ergeben, daß keinerlei Konkremente
vorhanden waren. Die Tuberkel waren neben den geringfügigen
nephritischen Veränderungen der einzige Befund, und sind aus
obigen Gründen wohl als Ursache der Hämaturie anzusehen.
Auf die Frage, wie wir uns das Zustandekommen so schwerer
Nierenblutungen bei so kleinen Alterationen des Organs zu er-
klären haben, komme ich weiter unten zurück.
Wodurch die Darmblutung bedingt gewesen ist, an welcher
die Patientin 2 Monate nach der Operation zugrunde ging, ist
schwer zu deuten. Am wakcx^ödfeh^n erscheint vielleicht die.
Annahme eines tuberk^dMen Jjarmg^«^^ Zwar hat die Unter-
suchung keinen AnhaUz^ür die Diagnose m^ Lungen- und Darm-
affektion gegeben, aber ditAf4(£liiM7das^^l)rhandensein kleiner
Herde nicht aus. dA sich ein primäreir/uberkulöser Herd iu
irgend einem Organ befi^^Cgnl^^^^^^j^em aus der Transport
der Tuberkelbazillen in dieNiÄI'tt ZllSlSude kam, ist selbstverständ-
lich. So gibt uns vielleicht die später erfolgende Darmblutung
einen Anhaltepunkt dafür, wo wir denselben in diesem Falle zu
suchen haben.
Die Auffassung der Darmblutung als eine postoperative, etwa
durch eine hämorrhagische Erosion bedingte, ist deshalb wohl von
der Hand zu weisen, weil 2 Monate seit der Operation vergangen
sind, während welcher Zeit die Patientin sich vollkommen wohl
befunden hat.
Ein Überblick über die Fälle von initialer Hämaturie bei
Nierentuberkulose aus der Literatur und unsere eigenen Beobach-
tungen lehrt folgendes:
In manchen, immerhin relativ seltenen Fällen von Nieren-
tuberkulose tritt als Frühsymptom eine mehr minder hoch-
gradige Hämaturie auf, welche zuweilen so stark ist, daß der
Urin fast wie reines Blut aussieht. Dieses Symptom setzt ge-
wöhnlich bei anscheinend ganz gesunden Menschen mitten im besten
Wohlbefinden plötzlich ein, ohne daß bisher irgend ein sub-
jektives und objektives Zeichen auf ein Nierenleiden oder eine
andere Organaffektion hingedeutet hätte. Öfters geht es dem aus-
gesprochenen Krankheitsbilde viele Jahre vorauf (8 — 9 Jahre
Delkeskamp (6), 13 Jahre Newman (23), 16 Jahre Askanazy)
und wiederholt sich bei manchen Kranken in der Zwischenzeit.
über Hämaturie als Inidalsymptom primärer Nierentuberkulose. 51
Öfters. Mitunter aber schließen sich die typischen Symptome der
Nierentuberkulose unmittelbar an. Aup6rin(3) hebt hervor, daß
die initiale Hämaturie leicht zur Verbreitung auf das bisher freie
übrige Urogenitale oder zur Pyonephrose fuhren könne.
Während die Blutung in der Regel ohne jede Veranlassung
einsetzt, finden wir bei einzelnen Autoren Überanstrengungen oder
Traumen als Ursachen angegeben (Nimier (24), Israel (14),
Schmidt (32)). Auch N e w m a n (23) führt außer seinen beiden,
oben zitierten Fällen noch 2 weitere Fälle von Nierentuberkulose
an, denen eine primäre traumatische Nierenblutung 2^/2 Jahre,
resp. Va Js^^r voraufgegangen war. Er nimmt aber an, daß bei
den letzteren Fällen die Hämaturie lediglich auf das Trauma zu
beziehen ist, und erst durch diese ein günstiger Boden für die
Ansiedelung der Tuberkelbazillen geschaffen wurde. Er nennt
diese Form: „Renal Phthisis ab haemoptoe."
Nur selten verschwinden die Anfälle von Nierenblutung
ebenso plötzlich, wie sie 6inge$etzt haben, meist klingen sie lang-
sam ab. Ihre Dauer ist eine sehr verschiedene. Während die-
selbe in manchen Fällen nur Stunden oder Tage beträgt, erstreckt
sie sich öfters auch über Wochen und selbst Monate, in seltenen
Fällen selbst über Jahre.
Der Blutgehalt des Urins ist nicht nur bei den einzelnen
Kranken ein sehr verschiedener, er schwankt auch oft sehr erheb-
lich bei demselben Patieuten während der verschiedenen Anfälle,
bei länger dauernden sogar während derselben Attacke. Die Be-
w^egung hat dabei im allgemeinen keinen Einfluß auf den Blut-
gehalt des Harns, was bekanntlich differentialdiagnostisch gegen-
über der Nephrolithiasis verwertet wird. Auffallend ist in unserem
Fall V, daß die Bewegung hier offenbar die Intensität der Hämat-
urie beeinflußte, ein Beweis, daß die obige Regel nicht ausnahmslos
Geltung hat.
Meist entspricht der Albumengehalt des Urins dem Blut-
gehalt; auch mikroskopisch enthält der Harn während der
Hämaturie nur die charakteristischen Blutbeimengungen. Die Unter-
suchung auf Tuberkelbazillen ergibt während solcher At-
tacken so gut wie immer ein negatives Resultat und ist für die
Diagnose daher nicht zu verwerten. Öfters finden sich im blutigen
Urin zylindrische Blutgerinnsel. Nur vereinzelte Autoren
geben bereits während dieser initialen Blutungen eine eiterige Be-
schaffenheit des Urins an.
Die Attacken von Blutharnen sind nicht selten vergesellschaftet
4*
52 IV* ASKANAZT
mit Schmerzen in der Nierengegend, welche häufig einen kolik-
artigen Charakter haben und den Nierenkoliken bei Nephrolithiasis
so ähnlich sehen können, daß sie sogar wie diese mit Frösteln,
Fieber, Übelkeit, Erbrechen einhergehen. Vielfach aber gehen
auch diese Schmerzen der Hämaturie mehr oder weniger lange
Zeit vorauf oder treten erst nach ihnen in die Erscheinung. Die
Schmerzen oder schmerzhaften Sensationen werden öfters auch in
der Blasen- oder Genitalgegend lokalisiert oder strahlen von der
Nierengegend dahin aus.
Die Kranken zeigen im Stadium der initialen Hämaturie meist
noch keinerlei palpatorische Veränderungen an den Nieren.
Dieselben sind weder vergrößert, noch besonders druckempfindlich.
Objektive Symptome seitens der Nieren oder des Urins treten in
der Regel erst später auf. Auch die subjektiven Symptome sind
in diesem Stadium der Erkrankung, abgesehen von den öfters auf-
tretenden Schmerzen oder Koliken, noch wenig ausgesprochen.
Allerdings kommt es bei stärkeren und langdauernden Blut-
verlusten zu mehr minder hochgradigen anämischen Sym-
ptomen, die unter Umständen Lebensgefahr bedingen können, so
daß sie ein operatives Einschreiten indizieren. Solche Fälle waren
es hauptsächlich, die dadurch, daß sie frühzeitig zur Operation
kamen und eine Autopsie in vivo gestatteten, die Aufmerksamkeit
auf die initiale Hämaturie bei Nierentuberkulose lenkten, während
bei den meisten Fällen erst im vorgeschrittenen Stadium einge-
griffen wurde.
Bei manchen Kranken, bei welchen es nicht zur Operation
kam, und daher die anatomische Kontrolle fehlte, wurde die
Nierentuberkulose auf Grund des klinischen Sympto-
menkomplexes diagnostiziert (Pousson (27), Guyon (10),
Goldberg (8), Grosglik (9), Newman (23), Askanazy).
Denn vielfach lassen sich bereits im Frühstadiura der primären
Nierentuberkulose andere tuberkulöse oder wenigstens auf Tuber-
kulose verdächtige Herde im Körper nachweisen: Veränderungen
an Lungen, Drüsen, Gelenken, Knochen, Hoden, Nebenhoden, Samen-
blasen usw. Auch kann etwaige hereditäre Belastung für die
Diagnose in Anspruch genommen werden. Im späteren Stadium
treten dann die typischen subjektiven und objektiven Erscheinungen
an den Nieren selbst hinzu, besonders Veränderungen des Urins,
vor allem auch das Auftreten von Tuberkelbazülen , welche die
Diagnose meist klinisch mit Leichtigkeit stellen lassen.
In der Mehrzahl der literarisch mitgeteilten
über Hämaturie als Initialsymptom primärer Nierentnberknlose. 53
•
Fälle wurde die Nephrektomie ausgeführt. Albarran(l),
Guyon(lO), Tuffier(38) (Fall II) erreichten in ihren Fällen
allein durch Nephrotomie vollkommene Heilung. In dem Falle von
Guyon (10) war der Befund zwar ein negativer, indes hebt der
Autor mit Recht hervor, daß geringe Veränderungen bei der bloßen
Inzision dem Auge entgehen können, und daß die anderen tuber-
kulösen Herde (Prostata, Samenblase) auch für eine tuberkulöse
Affektion der Niere sprächen. Die Tuberkulose wurde bei den
operierten Fällen meistens durch mikroskopische Unter-
suchung sicher festgestellt. Tuffier (37) wies in seinem Fall I
die Tuberkulose durch Verimpfung des Absceßinhalts nach.
Was nun den anatomischen Befund anbelangt, so ist
derselbe bei den einzelnen operierten Fällen ein verschiedener je
nach dem Stadium, in welchem der Eingriff vorgenommen wurde.
Bei denjenigen Fällen, bei welchen die Niere im Spätstadium lange
Zeit nach der hämaturischen Vorperidde entfernt wurde, wurde
meist die kavernöse Form der Nierentuberkulose konstatiert.
Dagegen wiesen die im Initialstadium exstirpierten Nieren ent-
weder nur miliare Tuberkelknötchen (Schede (30), Al-
barran(l), Loumeau(19), Israel (14) (Fall 93, 8), Askanazy
(Fall I und V)) auf oder es zeigten sich tuberkulöse Ge-
schwüre an den Papillenspitzen (Routier (29}, Tranten-
roth (36), Israel (14) (Fall 91, 6), Schmidt (32)).
Die miliaren Knötchen waren an Zahl sehr verschieden^
in manchen Fällen waren sie nur ganz vereinzelt zu finden (Al-
barran(l), Loumeau(19), Askanazy), in anderen in großer
Zahl (Schede (31), Israel (14)). In der Niere des IsraeTschen
Kranken entsprach die Form der Gruppen solcher Tuberkelknoten
einem keilförmigen Infarkt, so daß dieser Fall geeignet erscheint,
die Einschleppung auf dem Geftßwege zu illustrieren. Die Tuberkel
treten bald als graue, durchscheinende Knötchen, bald als grau-
weiße oder weiße Flecken im Gewebe hervor; zuweilen sind sie
größer, gelblich und zeigen bereits im Zentrum Yerkäsung.
Bei den Fällen mit tuberkulöser Ulceration der Pa-
pillenspitzen handelt es sich um 2—3 ulceröse Defekte der
Papillenenden im Grunde der Kelche. Daneben finden sich zuweilen
miliare und größere Knötchen im Gewebe (Trantenroth (36)^
Schmidt (32)), letztere mitunter schon in Zerfall begriffen.
Bei einzelnen dieser im Frtihstadium operierten Fälle wurde
auch das Nierenbecken bereits an dem tuberkulösen Prozeß
beteiligt gefunden. Es zeigten sich auf dessen Schleimhaut eben-
54 IV. Abkanazt
faUs miliare Knötchen (Israel (14) (Fall 93, 8), Schmidt (32));
im Falle Trantenroth's (36) war auf der Beckenschleimhaut ein
kleines Geschwür mit bloßem Auge eben sichtbar.
Bei unserem Falle V fanden sich neben spärlichen miliaren
Tuberkeln in der Niere geringfügige interstitielle nephritische Ver-
änderungen, Hämorrhagien im Parenchym und auf der Schleimhaut
des Beckens und der Kelche.
Während T r ante uro th (36) angibt, daß fast in % der Fälle
von Nierentuberkulose die rechte Niere alleiniger oder Hauptsitz
der Erkrankung ist, finden sich in den Fällen mit initialer Hämat-
urie die linke und die rechte Seite annähernd gleichmäßig
betroffen.
Auch hinsichtlich der Verteilung auf die beiden Ge-
schlechter läßt sich ein Unterschied von der gewöhnlichen
Form der Nierentuberkulose feststellen, insofern, als in den Fällen
mit hämaturischem Vorstadium das männliche Geschlecht prävaliert
(17 Männer, 12 Frauen), während nach dem übereinstimmenden
Urteil aller Autoren gewöhnlich die Frauen ganz besonders zur
Nierentuberkulose disponieren. Vielleicht spielt dabei der Beruf
des Mannes, welcher ihn leichter Insulten aller Art, die zu Kon-
gestionen in den Nieren fuhren können, aussetzt, eine gewisse Rolle.
Was das Lebensalter anbetrifft, so befanden sich die
meisten Patienten im 3. und 4. Dezennium, was auch mit den An-
gaben der Autoren betreffs des Auftretens der Nierentuberkulose
im allgemeinen übereinstimmt. Eine Ausnahme bildet unser Fall V,
die Patientin war bereits 68 Jahre alt.
Treten wir nun der Frage näher, wie wir uns das Zu-
standekommen dieser profusen Nierenblutungen im
Initialstadium der Tuberkulose bei so geringfügigen
anatomischen Veränderungen erklären können:
Bei den Fällen mit geschwüriger Alteration der Pa-
pillenspitzen ist der Entstehungsmodus der Hämaturie ohne
weiteres verständlich.
Schwieriger gestaltet sich jedoch die Beantwortung dieser
Frage in denjenigen Fällen, wo bei heftigen Blutungen als ein-
ziges anatomisches Substrat miliare Tuberkelknötchen, mit-
unter in minimaler Anzahl, gefunden wurden. Derartige Fälle
lassen kaum eine andere Erklärung zu, als daß arterielle
Kongestionen bei den Blutungen im Spiele sind. Bei Fall V
fanden sich, wie oben erwähnt, Ekchymosen in der Schleimhaut
des Nierenbeckens und der Kelche, ebenso wie im Rindenparenchym.
über Hämaturie als Initialsjmptom primärer Kierentuberkulose. 55
Dieser Befund dürfte unseres Erachtcns Zeugnis dafür ablegen,
daß arterielle Fluxionen stattgefunden haben müssen.
Auch die Schmerzen und Koliken, welche zuweilen
gleichzeitig mit den Anfällen von Hämaturie auftreten, mitunter
ihnen aber auch folgen oder voraufgehen, können in der Mehrzahl
der Fälle kaum anders als durch akute kongestionelle An-
schwellungen der Niere erklärt werden. Zwar mögen sie in
manchen Fällen durch den Ureter passierende Blutgerinnsel
ausgelöst werden (z. B. Israel (Fall 93, 8)), aber zweifelsohne
bildet diese Entstehungsursache der Koliken die Ausnahme, da
in den meisten Fällen Blutgerinnsel überhaupt nicht entleert
werden.
Auch im vorgerückten Stadium der Nierentuberkulose
werden kolikartige Attacken, auch ohne Hämaturie, nicht
selten beobachtet. Hier ist es allerdings wahrscheinlicher, daß
Eitergerinnsel oder käsige Bröckel den Ureter zeitweilig
verlegen, zumal wenn dieser bereits in die AflFektion mithinein-
bezogen und sein Lumen dadurch verengt ist.
Die Erkenntnis, daß sich Nierentuberkulose gelegentlich mit
einer profusen Nierenblutung einleitet, hat einen mehr als theo-
retischen Wert. Seitdem wir wissen, daß die Tuberkulose der
Nieren in der Regel primär auf hämatogenem Wege zustande-
kommt, und zwar fast immer zunächst einseitig, und daß sie von
hier aus descendierend auf Ureter und Blase übergreift, ist es für
unser therapeutisches Handeln natürlich von allergrößtem
Wert, die Diagnose so zeitig als möglich zu stellen.
Nun ist bekanntlich die Frühdiagnose gerade dieser Affektion,
selbst mit unseren heutigen Untersuchungsmethoden, außerordent-
lich schwierig zu der Zeit, wo ein operativer Eingriff die aller-
günstigsten Chancen bietet. Die subjektiven und objektiven Sym-
ptome sind, wenn überhaupt vorhanden, sehr gering resp. keineswegs
charakteristisch, die Untersuchung auf Tuberkelbazillen ist bei
negativem Resultat absolut nicht maßgebend. Da ist denn schon
die Erfahrung, daß Hämaturien eine Nierentuberkulose einleiten
können, von einer für die Frühdiagnose nicht zu unterschätzenden
Bedeutung. Ein plölzlich bei anscheinend Gesunden auftretendes
Bluthamen kann für die frühzeitige Erkennung einer Nierentuber-
kulose symptomatisch, wenn auch keineswegs als ausschlaggebendes
Sjmptom, mit verwertet werden. Es hat allerdings meistens einen
mehr prämonitorischen Wert, es lenkt unsere Aufmerksam-
56 IV. ASKAKAZT
keit auf die Niere und läßt uns auf eine etwaige tuberkulöse
Affektion derselben fahnden.
Es wäre aber immer noch die Frage zu ventilieren, ob selbst
in den Fällen, wo die Diagnose in diesem Frühstadium etwa
durch die Tnberkulinreaktion, durch den Befund von Tuberkel-
bazillen oder bei der Nephrotomie mit Sichtrheit gestellt werden
kann, unbedingt eine Exstirpation der Niere geboten er-
scheint. Haben doch neuerdings erst wieder Für bringer (7)
und Eorteweg (16) darauf hingewiesen, daß bei beginnender
Nierentuberkulose die Chancen auf Spontanheilung keine schlechten
sind. Es ist eine ganze Reihe von Fällen bekannt geworden, bei
denen es selbst im vorgeschritteneren Stadium zum Stillstand resp.
gar zur Heilung gekommen ist, und in zahlreichen exstirpierten
Nieren sind ausgeheilte tuberkulöse Herde anatomisch nachgewiesen
worden. Somit ist es nicht unbedingt indiziert, in jedem Falle
beginnender Nierentuberkulose sofort chirurgisch einzugreifen.
Gas per (5) läßt im Schlußwort zu der Diskussion seines Vor-
trags: „Zur Diagnostik und Therapie der Nierentuberkulose'' im
Verein f. inn. Med. zu Berlin (7. Nov. 1904) die Operation davon
abhängen, ob sich Pus findet, und ob sich eine Schädigung
der Niere durch Feststellung ihrer Funktions werte nachweisen
läßt. Hierzu käme u. E. noch als diitte Indikation eine lebens-
gefährliche Blutung, wie sie gerade bei beginnender Tuber-
kulose nach obigen Ausfuhrungen nicht ganz selten beobachtet
wird.
Wenn wir demnach im Frühstadium der Nierentuberkulose
nicht in allen Fällen sofort zur Nephrektomie zu schreiten brauchen^
so verliert darum die Frühdiagnose doch durchaus nicht an WerL
Im Gegenteil gilt es uhter diesen Umständen um so mehr, den Zu-
stand möglichst rechtzeitig zu erkennen, damit wir durch geeignete
hygienisch -diätetische Maßnahmen und interne Medikation dem
Fortschreiten der eben beginnenden Affektion nach Möglichkeit
vorbeugen. Wir schützen den Kranken dadurch eventuell vor dem
Verlust eines lebenswichtigen Organs, vor der Nephrektomie, deren
Tragweite für den Organismus sich nur selten mit absoluter Ge-
wißheit voraussehen läßt, selbst da, wo die Prüfung der Funktions-
fähigkeit der anderen Niere eine Intaktheit derselben zu ergeben
scheint. Bei tuberkulösen Affektionen kann die dauernde Integrität
der nicht erkrankten Niere nie gewährleistet werden.
über Hämaturie als Initialsymptom primärer Nierentnberkalose. 57
Literatur,
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2. Ders., Ann. des mal. des org. g^n.-urin. 1898.
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1904 Nr. 49.
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Wochenschr. 1904 Nr. 49.
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34. Stern (Düsseldorf), Deutsche med. Wochenschr. 1905 Nr. 11 V. B. S. 447.
35. Stich,-Mitteil. aus den Grenzgebiet, der Med. u. Chir. 1904 XIII S. 781.
36. Trantenroth, Mitteil, aus den Grenzgebieten der Med. u. Chir. 1896 Bd. I
S. 136.
37. Tuffier, Bull, de la soc. anatomique 1893 Mai.
38. Ders., La Presse m^d. 1897 5.
V.
Aus der Königl. med. Universitätsklinik zu Königsberg L Pr.
(Direktor: Prof. Dr. Li cht heim).
Zur Diagnose der Verlagerung nnd Verkttmmemng einer
Niere.
Von
Dr. Theodor Cohn, Privatdozent.
Unter den angeborenen Mißbildungen der Nieren beanspruchen
das meiste praktische Interesse der vollständige Mangel einer Niere
und die sogenannte rudimentäre Niere, welche beide wohl dia-
gnostisch aber nicht hinsichtlich ihrer chirurgischen Bedeutung
voneinander zu trennen sind. Anatomisch unterscheidet man zwei
Arten der Entwicklungshemmung: Bei der einen ist die Störung
schon in den ersten Stadien der Nierenanlage aufgetreten, die zweite
ist zu einer späteren Zeit des intrauterinen Lebens entstanden:
Das Organ hat normale Gestalt und Bau, ist aber abnorm klein ; je-
doch kann es auch fötale Lappung und partielle Atrophien zeigen.
Gleichviel aber, ob die eine Niere vollständig fehlt, oder ob an Stelle
derselben ein rudimentäres Organ vorhanden ist, das seine Arbeit
für den Organismus nicht zu leisten vermag, in beiden Fällen trifft
eine Erkrankung der anderen, normalen Niere den Körper schwer
und stellt die Fortdauer des Lebens unmittelbar in Frage.
Morris (3) hat unter 13478 Sektionen 4 Fälle von voll-
ständigem oder unvollständigem Mangel einer Niere, also in 0,02 ^/^
gefunden. Unter 8178 Sektionen zählte er 59 Atrophien, d. h.
durch Krankheiten verkleinerte Nieren, also 0,72 7o-
Die Atrophie einer Niere kann aber auch extrauterin ein-
seitig auftreten, und die Erfahrung zeigt, daß es nicht immer
leicht ist, die angeborene Hypoplasie von einer erworbenen, die
als Folgeerscheinung einer mit Schrumpfung einhergehenden Ent-
zündung entstanden ist, zu unterscheiden (Küster S. 109, B a 1 1 o -
Zar Diagnose der Verlagerung nnd Verkümmerung einer Niere. 59
witz (6, S. 389). Liegen doch auch häufig beiden Veränderungen
die gleichen krankhaften Prozesse zugrunde.
Die Verlagerung der Niere, Dystopia renis, kann gleichfalls
sowohl angeboren sein, als auch einen erworbenen Fehler dar-
stellen. Die angeborene Nierenfalschlage findet sich am häufigsten
bei den zu einem Organe verschmolzenen Nieren, seltener betrifft
sie die einzelne Niere, besonders die normal entwickelte (Küster
S. 121).
Ihre Entstehung und klinische Bedeutung ist in eingehender
Weise von Beumer (7), Strube (4), Newman (26) u. a. ge-
würdigt worden. Diejenige Art der Nierenfalschlagen, bei welcher
die Niere im Becken angetrofi'en wird, und den Namen „Becken-
niere" erhalten hat, haben nach ihrer diagnostischen, klinischen
und praktischen Bedeutung Hochenegg (8), Müllerheim (9),
Kehr er (5) und £ngström (24) zum Gegenstand ihrer Unter-
suchungen gemacht, letzterer Autor unter besonderem Hinweis auf
die Schwierigkeit der Diagnose der einseitigen und doppelseitigen
Nierendystopie und ihrer Unterscheidung von gynäkologischen Er-
krankungen.
Bei der erworbenen Nierendystopie handelt es sich um eine
bewegliche oder Wandemiere, welche infolge eines entzündlichen
Prozesses an einer Stelle unterhalb des normalen Nierenlagers
festgewachsen ist.
Wir besitzen zwar eine Reihe von klinisch typischen Merk-
malen, mit Hilfe deren es in den meisten Fällen gelingt, die an-
geborene von der erworbenen Nierenverlagerung auseinanderzuhalten,
nichtsdestoweniger zählt diese diagnostische Aufgabe nach der
Meinung erfahrener Kliniker in vielen Fällen zu den überaus
schwierigen.'
Unter solchen Umständen erscheint es mir gerechtfertigt, zwei
Fälle von Falschlage und Verkümmerung einer Niere zu be-
schreiben, von denen, ich einen in der hiesigen medizinischen
Universitätsklinik untersucht habe ; für die freundliche Überlassung
desselben statte ich Herrn Geheimrat Prof. Dr. Lichtheim,
meinem hochverehrten Lehrer und früheren Chef, hiermit meinen
besten Dank ab; die Kenntnis des anderen Falles verdanke ich
der großen Liebenswürdigkeit des Herrn Prof. Dr. Winter.
Ein kurzer Blick auf die Entwicklungsgeschichte der Niere
lehrt uns, auf welche Weise die angeborene, abnorme Lage und
Hypoplasie derselben zustande kommt.
In einem sehr frühen embryonalen Stadium liegen nach den
60 V. Th. CoHH
Beobachtungen von v. Kupffer (10) beide Nieren von fast
sphärischer Form, einander berührend, in der Mittellinie hart an
der Teilungsstelle der Aorta und nehmen beinahe den ganzen
Raum zwischen dieser und der Wurzel des Mesenteriums ein. All-
mählich rücken die Nieren kopfw&rts, so daß die Aorta zwischen
ihnen liegt, bis sie an die im obersten Teile der Bauchwand ge-
lagerte Leber heranreichen. Beim Menschen, wie bei den Säuge-
tieren überhaupt, entsteht die Anlage der Niere (Disse S. 151)
in Form einer kolbigen, hohlen Ausstülpung, welche aus der dor-
salen und medialen Wand des untersten Abschnittes vom Wolff-
schen Gange herauswächst und dicht an der Kloake gelegen ist.
Im Laufe der Entwicklung verlängert sich diese Anlage; der Stiel
wird zum Ureter, das kolbig verdickte Ende zum Nierenbecken.
Aus diesen entwicklungsgeschichtlichen Angaben folgt, daß der
angeborene Tiefstand der Niere auf einer Hemmung des Wachstums
des Wol ff 'sehen Ganges beruht, wie sie irgend ein mechanisches
Hindernis oder eine entzündliche Veränderung hervorrufen kann.
Ein solches störendes Moment kann den Urnierengang auf dem
ganzen Wege von der Bifurkation der Aorta im kleinen Becken
bis zum normalen Lagerplatz der Niere hinauf treffen. Es ist auch
nach dem Gesagten erklärlich, wie so eine Verwachsung beider
Nieren zustande kommen kann; zur Fixierung der rechts- oder
linksseitigen Dystopie oder Verschmelzungsniere kommt es jedoch
dadurch, daß von einer Arterie der nächsten Umgebung Zweige in
die Hemmungsbildung hineinwachsen.
Viel häufiger kommt die erworbene Lageveränderung der
Niere, die Wandemiere, vor, die an abnormer Stelle festwachsen
und allmählich atrophisch werden kann.
Die Ursachen dieser abnormen Beweglichkeit der Niere haben
ja noch keine restlose Aufklärung erfahren. Wir kennen jedoch
eine Reihe von prädisponierenden Momenten und andere, welche
das Auftreten des Leidens auslösen können.
In vielen Fällen müssen wir wohl eine angeborene, abnorme
Beweglichkeit für die Wanderniere z. B. bei Kindern, wie sie
HoUederer (12) beschreibt, verantwortlich machen, für welche
die gewöhnlich angeschuldigten Umstände als kausal nicht in Frage
kommen. Küster (S. 132) betont jedoch besonders, daß weder
die Entwicklungsgeschichte einen Anhalt für die fötale Herkunft
der Wandemiere liefert, noch daß es jemals gelungen ist, eine
solche ohne schwere anderweitige Mißbildungen bei einem neuge-
borenen Kinde nachzuweisen. Zu ihrem häufigen Vorkommen bei
Zur Diagnose der Verlagenuig und Yerkümmerung einer Niere. 61
Frauen, besonders auf der rechten Seite, tragen mehrere Umstände
bei: So verhindert die größere Ausdehnung des rechten Leber-
lappens die gleichseitige Niere bei ihrer Entwicklung ebenso hoch
hinaufzusteigen wie die linke (Waldeyer). Landau macht
darauf aufmerksam, daß die rechte Niere an und für sich nicht
so straff befestigt ist wie die linke. Die zu beiden Seiten der
Wirbelsäule gelegenen paravertebralen Nischen, die sogenannten
Nierennischen, welche sich bei Männern nach unten zu kegelförmig
verjüngen, sind bei Frauen mehr zylindrisch (Wolkow und
Delitzin). Auf die Erblichkeit und eine gewisse familiäre Dis-
position legt Israel einen großen Wert. Albarran erblickt in
der Wandemiere sogar ein stigmate de deg6n6rescence.
Als unmittelbare Ursachen gelten nach Landau Erkrankungen
der weiblichen Genitalorgane, wie Senkung und Vorfall von Scheide
und Uterus, Tumoren der Gebärmutter und Eierstöcke. Ebenso
wirken Schwangerschaft und Abort begünstigend ein. Auf Grund
seines eigenen Materials glaubt jedoch. Küster, daß die Be-
ziehungen zwischen Genitalerkrankungen und Nierenektopie recht
zweifelhafter Natur sind. Die meiste Schuld mißt Küster ge-
wissen mechanischen Momenten bei, d. h. Heben schwerer Lasten,
überhaupt Anstrengungen mit zu starker Inanspruchnahme der
ßauchpresse, den verschiedenen Schnttrvorrichtungen bei Frauen,
endlich dem Tragen hoher Schuhabsätze.
Die Symptome, welche die angeborene Nierenfalschlage dar-
bietet, richten sich nach dem Grade der Entwicklungshemmung
und nach der Lage des befallenen Organes. Sie betrifft nach
Birch-Hirschfeld und Delore meist die linke Seite und zwar
häufiger beim weiblichen Geschlecht (Meckel, Ballowitz).
Den Nierendefekt fand Mankiewicz (14) unter 234 Einzelnieren
127 mal links, 97 mal rechts, bei Männern doppelt so häufig als
bei Frauen.
Nach Israel (2) werden kongenital dystopische Nieren am
häufigsten im großen und kleinen Becken gefunden; er ist jedoch
der Meinung, daß auch eine Anzahl der, gewöhnlich als Ben mobilis
bezeichneten, Nieren zu den angeboren verlagerten gehören; abge-
sehen davon, daß die gewöhnliche Wandemiere sich in vielen
Fällen auf dem Boden einer erblichen Veranlagung entwickele,
komme bei Nieren, welche sich im klinischen Bilde nicht von den
übrigen Wandemieren unterscheiden, ein anormaler, zu tiefer oder
zu weit nach vom gelegener Ursprung der Gefäße vor.
Meist verursacht die Dystopie keine Stömngen, weshalb ja
62 V. Th. CoHK
früher auch die meisten Fälle nur zufällig bei der Autopsie zur
Kenntnis gelangten, wie z. B. bei Apert (30). Erst wenn das
Organ erkrankte, wozu besonders die Lage im kleinen Becken be-
fähigte, wurde die Aufmerksamkeit wachgerufen. So verursacht
die linksseitige Beckenniere, welche das Rektum nach rechts ver-
drängt, DefäkationsstöruDgen (Hochenegg); aber auch bei rechts-
seitiger hat Israel (S. 3) Darmbeschwerden beobachtet, und zwar
beständigen Stuhldrang. Eine linksseitige Beckenniere rief Eolik-
schmerzen in der Lumbaigegend hervor. Die Nachbarschaft mit
dem Uterus gibt einem ins kleine Becken verlagerten Organe
Gelegenheit, die Geburt zu verzögern, ganz zu verhindern (C ragin
29) oder eine falsche Einstellung der Frucht hervorzurufen.
Hochenegg und Israel bringen die psychischen Störungen,
welche sie in ihren beiden Fällen beobachteten, und die in hoch-
gradiger Nervosität und Aufgeregtheit bestanden, mit der Hemmungs-
bildung in direkte Beziehung, wobei Israel auf die Bezeichnung
der Wanderniere als Degenerationsstigma hinweist.
Die pathologische Anatomie vermerkt an dem dystopischen
Organe die zahlreichsten Varietäten in bezug auf Form und Bau.
Hat die Entwicklungsstörung in den späteren Stadien des
intrauterinen Lebens stattgefunden, dann fühlt sich die verlagerte
Niere häufig normal an, kann aber auch abnorm klein aus-
fallen. Bei bestehender Hypoplasie kann die Form variieren; sie
ist sehr oft rund und erinnert an die Form der Nierenanlage,
welche v. Kupffer beschreibt, hat dabei eine glatte, jedoch oft
auch höckerige Oberfläche. Auch gelappte Formen kommen * vor.
Je früher die Hemmungsbildung entstand, desto eingreifender ist
Form und Bau des betroffenen Organes umgestaltet.
Die Abgangsstelle des Ureters, der Hilus, liegt meist, nach
Grub er (40) in V» ^^^ Fälle, auf der Vorderfläche; selten ist er
nach hinten gerichtet.
Die dystopische Niere liegt immer retroperitoneal und ist mit
der hinteren Bauchwand fest verwachsen.
Nicht immer münden die Gefäße in den Hilus; sie treten oft
direkt in die Nierensubstanz ein, an der Hinterfläche, auch an
einem Pole. Stets zeigen sie einen ebenen tiefen Ursprung ent-
sprechend der Entstehung der Dystopie. Fast jeder einzelne Fall
zeigt gemäß den zahlreichen Variationen der Lage seine Besonder-
heiten in bezug auf Zahl, Ursprung und Verlauf der Geföße, wie
Strube (4, S. 250) ausführlich schildert. Die Zahl der Gefäße,
besonders der Arterien, ist stets vermehrt, auf 2 — 3, auch 5. Je
Zar Diagnose der Yerlagerang und Verkammerong einer Niere. 63
nach der Lage der Niere entspringen sie aus der Hypogastrica^
Sacralis media, Iliaca commanis oder Aorta; von Venen gibt es
häufig 4—5, und 1 oder 2 Hauptäste münden in die V. cava oder
V. iL comm., auch in die V. iliac. ext. oder V. uterina.
Der Ureter variiert mit Bezug auf seine Einmündungsstelle in
die Blase, die Länge und Durchgängigkeit. Entsprechend der
tiefen Lage ist er meist verkürzt; es wurde aber auch starke
Schlängelung beobachtet. Er kann obliteriert, verengert und auch
abnorm weit sein. Nach Küster (S. 124) endigt der Harnleiter
der verkümmerten Niere häufig nach oben oder nach unten blind.
S trübe fand (S. 249) die Blasenmündung stets normal. Nach
anderen Autoren kann die Blase asymmetrisch sein, die betreffende
Hälfte des Trigonum fehlen. Preindlsberger konstatierte (32)
bei einem Drittel der Fälle Fehlen der Harnleitermündung. B a c h -
hammer (21) beobachtete 3 Fälle von Einzelnieren, deren jede
2 Ureteren hatte, welche normal in die Blase mündeten. Das
Nierenbecken kann, worauf B a 1 1 o w i t z hinweist (6, S. 322) bisweilen
fehlen. Nach Müllerheim wurde an der Blase auch beobachtet (9,.
S. 1131) Blasenspalte, Defekte und Doppelbildung der Ureteren,
falsche Einmündung derselben.
Die andere Niere war nach Beumer (7) in allen ihm be-
kannten Fällen von Nierendefekt größer, schwerer als normal, mit
entsprechend stärker ausgebildetem Gefäßapparat und Harnleiter.
Bei Paul icki's Fällen (34) war die andere Niere auf das Doppelte
vergrößert (S. 472). Beumer verzeichnete unter 48 Fällen 22 mal
Erkrankungen der normalen Niere, was er dadurch erklärt, da&
die verdoppelte Funktion eine erhöhte Erkrankungsgefahr mit sich
bringt. 10 mal fanden sich hierbei Konkremente und Steine im
Nierenbecken und Ureter, die auch nach Ballowitz auffallend
häufig vorkommen.
Es kann nicht weiter wundernehmen, daß bei Mißbildungen
der Niere auch die anderen Organe, welche Abkömmlinge des
W Ol ff 'sehen Ganges sind, Entwicklungsstörungen zeigen. So
kombinieren sich häufig mit der Nierendystopie Hemmungsbildungen
des Hodens, Nebenhodens und Samenstranges; bei Frauen finden
sich oft Uterus et Vagina duplex, Uterus unicornis, rudimentäres
Uterushom, Fehlen einer Tube, also Mißbildungen der aus dem
Müller 'sehen Gange entwickelten Organe.
In allen Fällen bleibt die Nebenniere stets an normaler Stelle.
Hingegen berichtet Hönigsberg (33) über Fehlen einer Neben-
64 V. Th. CoHN
niere bei Nierendefekt, and ebenso Bachhammer in einem seiner
Fälle.
Der histologische Befund des mißgebildeten Organes wechselt
gleichfalls nach dem Grade der Entwicklangsstörung ; je früher sich
dieselbe eingestellt hat, je atrophischer das Organ, desto hoch-
gradiger die mikroskopischen Veränderungen. Die einfache dys-
topische Niere zeigt in den verschiedenen Beobachtungen eine sehr
wechselnde OröSe. Nach St r übe ist sie meist ebenso groß wie
die normale, war einmal sogar größer als diese. In einer kaum
nebennierengroßen, atrophischen rechten Niere fand Ebstein
{Nierenkrankheiten 1877 S. 310) spärliches Bindegewebe, etwas
mehr Fettgewebe, keine Glomeruli oder Hamkanälchen. E p p i n g e r
(35) bemerkte keine gut ausgebildeten Gefäßknäuel, aber wohl
Hamkanälchen, Teiss^dre (16) sehr wenige Drüsengänge, keine
Glomeruli, Beck (15, S. 276) fand bei der Zwerghaftigkeit der
Niere stets ein Mißverhältnis der drüsigen, arteriellen und Binde-
gewebsbestandteile vorhanden, so daß einer derselben überwog,
Andere ungebührlich zurückgedrängt waren.
Kommt es bei der Wanderniere unter dem Einflüsse der vorhin
angeführten ungünstigen und schädigenden Momente zu einer
LockeiTing ihres wichtigsten Befestigungsmittels, der Verbindung
der fascia renalis an der Vorder- und Hinterfläche, so beginnt die
Lageveränderung. Der Baum, innerhalb dessen das Organ seine
Wanderung vollziehen kann, reicht bis zur Darmbeinschaufel und
noch weiter nach vorn. Die Niere stülpt das Bauchfell vor sich
her und liegt in demselben wie in einer Tasche.
Die im Nierenstiel verlaufenden Gefäße und Nerven machen
die Dehnung und Verlängerung mit dem Bauchfelle mit; und wenn
die Niere tief in die Bauchhöhle hinabgesunken ist, müssen die
Nierengefäße den rechten W^inkel, unter welchem sie von der Aorta
entspringen, in einen spitzen ändern.
Dabei kann das Organ die mannigfachsten Drehungen um eine
seiner Achsen vollführen, so daß der Hilus bald nach oben —
seltener — , bald nach unten, was häufiger eintritt, sieht.
Das Nierenparenchym kann von diesen Vorgängen ganz unbe-
rührt bleiben, jedoch auch das Bild der einfachen Atrophie oder
fettigen, respektive cystischen Degeneration darbieten; es kommen
Erweiterung des Nierenbeckens und Hydronephrose mit konsekutiver
Atrophie des Parenchyms vor, wobei meist eine Knickung des
Harnleiters als kausales Moment festgestellt werden kann.
Bei längerer Dauer hat man wiederholt Verwachsungen der
Zur Diagnose der Yerlagening und Verkttmmerung einer Niere. 65
Niere mit der Nachbarschaft beobachtet. Die Niere wird hierbei
an die hintere, bisweilen sogar an die vordere Bauchwand ange-
lötet; oder sie verwächst mit der Unterfläche der Leber, der Gallen-
blase oder des Colon transversum.
Die Nebenniere bleibt regelmäßig an der normalen Stelle
liegen. Mit der Wanderniere verbinden sich häufig Veränderungen
im Magendarrokanal , Katarrhe und Erweiterungen des Magens,
Verzerrungen des Magens, so daß der Pylorus gerade nach unten
verläuft. Nicht selten zeigen sämtliche Bauchorgane eine deutliche
Senkung (maladic de 616nard).
Küster hat die Wanderniere bei Männern in 0,48%, bei
Frauen in 4,41 % (S. 134) und zwar hier stark überwiegend auf
der rechten Seite beobachtet.
In einer großen Zahl von Fällen verrät sich die Gegenwart
einer beweglichen Niere und Wanderniere durch nichts ; häufig aber
wird sie zur Quelle lästiger und sogar bedrohlicher Erscheinungen.
So verursacht sie jene bekannten vagen Beschwerden, Schwindel,
Ohnmacht, leichte Ermüdbarkeit, deprimierte Stimmung, oft auch
ausgeprägte Neurasthenie und Hypochondrie.
Nicht minder quälend sind die lokalisierten Erscheinungen,
die Schmerzen in der Lendengegend, welche nach unten in die
Bauchwand, zum Nabel nach der Symphyse hin, nach der Blase, in
die Oberschenkel bis zum Knie, nach oben zur Brustwand und
rechten Schulter ausstrahlen.
Bei anderen Kranken treten Klagen über den Magendarm-
kanal in den Vordergrund, Digestionsstörungen, welche zu hoch-
gradiger Abmagerung führen.
Ein plötzliches und sehr alarmierendes Symptomenbild bietet
das als „Einklemmung" bezeichnete, welches Landau auf eine
Zirkulationsstörung in der Niere infolge von Knickung der Gefäße
zurückführt, mit hochgradigen Schmerzen, Auftreten von Angst-
gefühl, Blässe, kaltem Schweiße, Erbrechen und Ohnmacht, wobei
sich an Stelle der Niere in kurzer Zeit eine große, sehr druck-
empfindliche Geschwulst herausbildet.
Wegen der großen Seltenheit der angeborenen Nierendystopie
ist die Diagnose zu den schwierigen zu zählen, wofür der schon
oben erwähnte Umstand spricht, daß die meisten Fälle erst bei der
Operation oder gar auf dem Sektionstisch erkannt worden sind. Jedoch
haben Israel, Winter, Olshausen, Müllerheim, Hutchinson,
Freund, Gusserow auch am Lebenden die richtige Diagnose
gestellt. Die Schwierigkeit, einen Abdominaltumor als angeborene,
DeQtiches Archiv f. kliu. Medizin. 86. Bd. 5
66 V. Th. Cohn
verlagerte Niere zu erkennen, richtet sich nach der Lage der Ge-
schwulst, d. h. danach, ob sie noch auf der lumbalen Bauchwand
oder bereits im kleinen Becken gelegen ist, ob eine Lumbal- oder
eine Beckenniere vorliegt
Wohl nur in den seltensten Fällen werden subjektive Be-
schwerden eine Handhabe zur richtigen Diagnosestellung liefern.
Die Lumbainiere verrät sich nie durch subjektive Beschwerden,,
wohl aber die Beckenniere oft, besonders wenn sie durch Stauung
oder Entzündung verändert ist; dann bestehen hartnäckige Ob-
stipation, quälende Ereuzschmerzen, die sich besonders bei Schwanger-
schaften steigern (Winter 36), oder jedesmal bei der Menstruation
Blasenzwang mit Entleerung eines stark eiterigen Harnes (Wehmer);
fast mit Sicherheit spricht für Nierenfalschlage und Verkümmerung
das Auftreten einseitiger Steinkoliken mit völliger Anurie; wenigstens
gelang es Hutchinson (17) in mehreren Fällen auf Grund dieses
Symptomenbildes allein das Richtige zu treffen. Die gleiche dia-
gnostische Bedeutung messen AI bertin und Legueu der voll-
ständigen Anurie bei (28); vor einer unvorsichtigen Verwertung
dieses Symptomenbildes warnt jedoch die Beobachtung Mitchell
S t e V e n 's (31). Hier trat nach einseitigem Nierenschmerz plötzlich
vollständige Anurie infolge gleichzeitiger Verstopfung beider üre-
teren durch Steine auf, die nach 7 Tagen zum Tode führte.
Mit Recht legt Müllerheim besonderen Wert darauf, bei
bestehenden Mißbildungen am Genitalapparate auf ähnliche Ver-
änderungen der gleichseitigen Nieren zu fahnden, eine Anschauung,
welche auf den oben beschriebenen, pathologisch-anatomischen Er-
fahrungen zahlreicher Autoren beruht und in der Entwicklungs»
geschichte ihre Erklärung findet.
Haben einmal die subjektiven Beschwerden oder der Zufall
bei der Palpation die Aufmerksamkeit auf einen Tumor im Ab-
domen gelenkt, so sprechen vor allem zwei Eigenschaften für die
Möglichkeit einer verlagerten Niere: der retroperitoneale Sitz und
die fast völlige Un verschieblichkeit an der hinteren Bauch- oder
Beckenwand. Das ist als allgemeine Regel aufzustellen, und Fälle,
in denen die dystopische Niere beweglich ist, cf Z o n d e k (9. Dis-
kussion) müssen als Ausnahme gelten. Freilich ist wohl häufig
eine geringe Beweglichkeit nach den Seiten hin zu bemerken.
Auf das Vorhandensein einer Beckenniere deutet nach
Freund's Beobachtungen mit Sicherheit eine Lumbosakralsko-
liose hin.
Die Prädilektionsstellen dieser Dystopieformen sind die articu-
Znr Diagnose der Yerlagernng und Verkümmerung einer Niere. 67
latio iliosacr., das Promontorium, die Incis. ischiad. major und die
Konkavität des Kreuzbeins.
Die Form des Tumors kann nicht als typisch gelten, wiewohl
die normale Nierenform nicht so selten erhalten bleibt ; charakteristi-
scher ist die Konsistenz, die festteigige, besonders bei der normalen
Niere und der Mangel an Druckempfindlichkeit. Die entzündete Ge-
schwulst fühlt sich weich an, und zeigt deutliche Druckerapfindlichkeit.
Mit Sicherheit führt zur richtigen Diagnose die Palpation einer
EiDsenkung auf der Tumorvorderfläche, wie sie in der Mehrzahl
der Fälle vorhanden ist, eines Hilus, besonders, wenn der tastende
Finger außerdem noch an dieser Stelle Pulsation als Zeichen hier
verlaufender Gefäße feststellt. Unter günstigen Umständen ge-
lingt es sogar den stets sehr kurze Gefäße führenden Nierenstiel
hindurch zu fühlen.
Als wichtiges Erkennungszeichen wird die Kürze des Ureters
angesehen, das sich nur mit Hilfe des Ureterenkatherismus er-
mitteln läßt. Müllerheim hat auf die Wichtigkeit und die
Methode dieses Nachweises zuerst aufmerksam gemacht (27).
Über die Leistungsfähigkeit der bei der Palpation hypoplastisch
erscheinenden Niere vermag nur die Untersuchung des getrennt
aufgefangenen Harnes Aufschluß zu geben, den man einwandfrei
nur durch Ureterenkatheterismus gewinnen kann. Derartige Unter-
suchungen bei angeborener Nierendystopie und Hypoplasie liegen
bis jetzt nicht vor.
Das Cystoskop hilft feststellen, ob die verkümmerte Niere auch
eine besondere Blasenmündung hat. Verhältnismäßig selten sind
diejenigen Fälle, wo eine Falte der Schleimhaut, eine Balkenbildung
das Orificium verdeckt, Verzerrung der Blasenschleimhaut durch Er-
krankung der Nachbarorgane und adhärierende Entzündung oder
mit Narbenbildung einhergehende entzündliche Prozesse der Schleim-
haut selbst die Harnleiteröffnung verlagern, oder endlich die dicht
am Blasenschließmuskel befindliche Öffnung schwer auffindbar ist.
Hier hilft die Blaufärbung des Harnstrahles nach Völck er-
Joseph häufig aus der Verlegenheit. Wie die Bachhammer-
schen Fälle zeigen, können aber auch zwei normal gelagerte
Ureterenostien von einer Körperhälfte herstammen. Gegen Fehl-
diagnosen dieser außergewöhnlichen Art schützt die Eöntgen-
photographie von mit Metalleinlagen versehenen Sonden, welche in
beide Hamleitrr eingeführt und möglichst weit hinaufgeschobeu
werden. Die einfache Beobachtung der Mündung bewahrt nicht
immer vor groben Täuschungen. Auch ein verödeter Ureter kann
5*
68 V. Th. Cohk
an seinem vesikalen Ende Eontraktionen ansführen und doch leer
gehen. Es ist häufig schwer zu entscheiden ob die Schlieren in
der Flüssigkeit um die Mündung herum durch einen Hamstrom
aus dem Harnleiter veranlaßt oder von der anderen Seite her
fortgepflanzt sind. Ebenso ist der Nachweis von Durchgängigkeit
eines Harnleiters allein nicht beweisend für das Vorhandensein
seiner Niere. Unter 273 Fällen von einseitigem totalem Nieren-
mangel hat nach Ballowitz (6 S. 382) Durchgängigkeit viermal
bestanden.
Daß der verdächtige Tumor eine Niere sei, wird bestätigt,
wenn es gelingt, den Nachweis zu erbringen, daß das Nierenlager
derselben Seite leer ist; dazu dienen die bimanuelle Palpation und
die Röntgenphotographie.
Bei Beckennieren gelingt es häufig durch Äufblasung des
Mastdarmes festzustellen, daß derselbe durch den Tumor aus seiner
normalen Lage verdrängt ist. Verhältnismäßig einfacher gestaltet
sich die Diagnose der erworbenen Nierendystopie.
Schon die eigentümlichen Beschwerden der Patienten, welche
sich teils auf den Digestionstraktus beziehen, teils nervöser Art
sind, lenken die Aufmerksamkeit des untersuchenden Arztes auf
den richtigen Weg.
Ermöglichen die Spannung und die Dicke der Bauchdecken
eine bimanuelle Palpation, dann fühlt man den charakteristisch
geformten, platten Tumor mit den pulsierenden Gefäßen, der bis
auf seltene Fälle hin und her beweglich ist und sich vor allem in
das normale Nierenlager hineinschieben läßt.
Dennoch kommen Verwechselungen mit denjenigen Bauch-
tumoren vor, deren Form an die Niere erinnert, und die Erkennung
der wirklichen Natur des Tumors wird noch schwieriger, wenn
derselbe an einer tieferen Stelle mehr oder weniger festgewachsen
ist, und die Verwachsungsstränge den sonst so typischen Palpations-
befand verschleiern.
Dann heißt es, alle anderen diagnostischen Möglichkeiten aus-
schließen, an die beweglichen Geschwülste denken, welche vom
Mesenterium oder Netz ausgehen, auch vom Colon transversum
in der Nähe der Niere, an einen abgeschnürten Teil des rechten
Leberlappens, an bewegliche Milz, bei Frauen an abgesackte ent-
zündliche Exsudate der Adenexe, Tumoren der Ovarien, Extrauterin-
gravidität (cf. Winter 37 S. 397, 438).
Mit Hilfe dieser gedrängten Übersicht über die pathologische
Anatomie und die klinischen Erscheinungen der Nierenverlagerung
Znr Diagnose der Verlagerung: nnd Yerkttmmenmg einer Niere. 69
und Yerkümmerang dürfte die Diagnose des einen Falles ohne alle
Schwierigkeit zu stellen sein:
Die 31jährige Besitzersfrau Z., welche November 1903 die
hiesige medizinische Klinik aufsuchte, stammt aus erblich nicht be-
lasteter Familie. Ihr Gatte, sowie 2 Kinder sind gesund, 2 Kinder
starben kurz nach der Geburt. Sie klagt über ein beständiges, brennen-
des Gefühl im ganzen Körper, besonders im Unterleibe, Beschwerden,
welche seit Februar bestehen, nachdem sie ein 3 wöchiges Kind-
bettfieber durchgemacht hatte. Die Schmerzen wechseln in der
Intensität, stehen mit der Menstruation und der Defäkation in
keinem Zusammenhange; daneben besteht geringer Appetit, leichte
Obstipation und infolgedessen deutliche Abmagerung.
Die ziemlich große Frau hat einen grazilen Knochenbau, eine
normal verlaufende T^rbelsäule, normale Muskulatur und ein dünnes
Fettpolster. Die blasse Haut ist frei von Ödemen. Patientin hat
ein ausgesprochenes Krankheitsgefühl und zeigt deprimierte Stim-»
mung. Gehirn- und Rückenmarksneryen verhalten sich normal.
Der Kachenreflex ist lebhaft, der Gaumenreflex normal Die Unter-
suchung der Brustorgane ergibt nichts Besonderes.
Das eingesunkene Abdomen läßt in der Mittellinie die pul-
sierende Aorta leicht fühlen. Leber und Milz palpatorisch und
perkutorisch normal. Der Harn zeigt eine leichte Phosphaturie,
verhält sich aber sonst normal Die rechte Niere ist deutlich
fühlbar, etwa bis zu '/g ihres Umfanges. steht also tief, ziemlich
leicht allseitig verschieblich, läßt aber sonst eine normale Größe
nnd Form erkennen. Die linke Niere ist trotz der schlaffen, dünnen
Bauchdecken bei wiederholter, sorgfältiger Palpation in den ver-»
schiedensten Lagen nicht an normaler Stelle nachweisbar. Bei der
Abtastung des übrigen Abdomens fühlt man links, hart an der
Wirbelsäule, etwa in Nabelhöhe, einen Tumor von glatter Ober-
fläche, derber Besistenz. Sein unterer Rand reicht bis an die
Linea innominata heran. Er ist länglich, etwa 7 cm lang, 2 Quer-
flnger breit, seitlich verschieblich, dagegen nicht in der vertikalen
Richtung. Der laterale Rand erscheint konvex, der sonst gerade
mediale wie durch eine leichte Einbuchtung etwa oberhalb der
Mitte unterbrochen, welche sich auf die Vorderfläche wie eine
Delle fortsetzt. Am oberen Rande fühlt man einen Strang, der
über die Geschwulstvorderfläche wie in einer flachen Rinne der-
selben median und nach unten läuft und zu pulsieren scheint.
Tumor samt Gefaßstrang sind seitlich etwas verschieblich, un-
empflndlich gegen Druck, und Patientin weiß nichts von dem Be-
70 V. Th. Cohn
stehen eines Tumors. Der Uterus ist retroflektiert. Im rechten
Parametrium fühlt man ein altes Exsudat; die rechte Tube ist
dicker als die linke ; auch das linke Ovarium fühlt sich kleiner an.
Da die klinische Untersuchung derjenigen Organe, auf welche sich
die Beschwerden der Patientin bezogen, gänzlich negativ verlaufen
war, und die subjektiven Symptome psychischer Natur in dem
ganzen Krankheitsbilde den Vordergrund einnahmen, wurde hier
eine jener Depressionen für vorliegend erachtet, wie sie im Anschluß
an Puerperien aufzutreten pflegen.
Die Natur des zufallig bei der schematischen Palpation fest-
gestellten Tumors erhellte eigentlich schon aus dem soeben er-
hobenen Befunde. Die Lage dicht neben der Wirbelsäule, deutlich
retroperitoneal, die sehr geringe Verschieblichkeit, die feste Kon-
sistenz, der Hilus an der Vorderfläche, in welcher ein pulsierender
Gefäßstrang verlief, ließen ihn als eine angeborene verlagerte und
verkümmerte Niere erscheinen. Die Untersuchung der Genitalien,
welche nach den oben gegebenen pathologisch-anatomischen Be-
merkungen hier von Interesse sein mußte, ergab nichts Besonders,
keine Kodeformation. Es lag nur noch die Notwendigkeit vor,
festzustellen, in welchem Grade die gehemmte Niere verkümmert
war, ob sie überhaupt funktionierte, was wegen der hochgradigen
palpierbaren Veränderungen sehr unwahrscheinlich war.
Die Blase nahm bis zum ersten Auftreten von Harndrang
300 ccm Füllflüssigkeit auf Die Schleimhaut verhielt sich überall
normal; ebenso auch die Form der Plica intraureterica und ihrer
Fortsetzung nach rechts. Hier lag ein normal geformtes Orificium
ureteris, aus welchem sich in Zwischenräumen von etwa 3 Minuten
klarer Harn entleerte. Nach links ist die Harnleiterfalte nur
wenig über die Mittellinie hinaus verfolgbar und verliert sich dann
im umgebenden Niveau. Auf der faltenlosen, normal injizierten
Schleimhaut ist nirgends ein zweites Orificium zu entdecken. An
der linken Seitenwand, etwas nach vorn und oben vom Trigonum
vesicae erblickt man eine kleine trichterförmige Ausstülpung der
Blase. Etwa 8 Minuten nach intraglutäaler Injektion von 5 ccm
einer 4 % Indigblaulösung stieß der rechte Ureter blaugefarbte
Hamstrahlen aus. Auch nach ^/g stündiger Beobachtung läßt sich
kein von der linken Seite des Blasengrundes herkommender Blau-
strahl feststellen. Einen identischen Befund ergab die nach einigen
Wochen wiederholte Untersuchung mittels Blaufärbung.
In diesem Falle handelt es sich somit ofi'enbar um eine rudimen-
täre, dystopische Niere. Der Urnierengang war in seiner Entwicklung
Zur Diagnose der Verlagernng nnd Verkümmerung einer Niere. 71
aufgehalten werden, als er das kleine Becken eben verlassen hatte;
in dieser Lage wnrde er durch die mit der Aorta in ihn hinein-
wachsenden Gefafie fixiert. Infolge mangelnder Funktion ist später
wohl der anfangs hohle Ureter obliteriert. Psychische Störungen,
wie die Patientin sie aufweist, sind als Folgeerscheinungen schwerer
Wochenbetterkrankungen bekannt. Ihr Zusammentreffen mit der
Hemmungsbildung der Niere ist aber interessant, weil andere
Autoren, wie flochenegg und Israel auf Grund ihrer Be-
obachtungen dem vereinten Vorkommen beider Erscheinungen eine
semiotische Bedeutung beimessen.
In vieler Beziehung anders geartet ist der zweite Fall von
Falschlage und Hypoplasie einer Niere, dessen Krankengeschichte
ich im folgenden kurz wiedergebe:
Die 27 jährige Arbeiterfrau Sk., seit 4 Jahren steril verheiratet,
suchte Februar 1904 die hiesige Universitätsfrauenklinik auf, weil
sie besonders während der Menstruation unter heftigen Schmerzen
im Kreuz und Unterleib leidet und, um die Ursache ihrer Sterilität
zu erfahren. Sie gibt an, als Kind stets gesund gewesen zu sein
und insbesondere nie an Schmerzen im Bauche oder im Unterleibe
gelitten zu haben. Seit ihrem 20. Lebensjahre menstruierte sie
regelmäßig alle 4 Wochen, jedesmal 3 Tage lang stark, jedoch ohne
Schmerzen. Sie hat weder einen Partus noch einen Abort durch-
gemacht. Vor 2 Jahren soll plötzlich starker, weißer Fluß auf-
getreten sein, ohne große Beschwerden zu verursachen. Von der-
selben Zeit an wurden die Menstruationen eingeleitet durch starke
stechende Schmerzen abwechselnd auf beiden Seiten des Unter-
leibes, welche mit Kreuzschmerzen, Kopfweh und Appetitlosigkeit
verbunden waren. Dieser Zustand besserte sich allmählich vom
Eintritt der Blutung an. In den Zwischenzeiten befand sich Pat.
durchaus wohl. Seit Sommer 1904 leidet sie auch außerhalb der
Menstruation an heftigen, kolikartigen Schmerzen in der rechten
Bauchgegend, welche nach dem Rücken und unten ausstrahlen und
80 heftig sind, daß sie keine Körperbewegung ausführen kann und
sich unbeweglich ruhig verhalten muß. Derartige Anfälle treten
besonders nach großen Anstrengungen auf, waren nie mit Übelkeit
oder Frostgefühl verbunden; eine Veränderung im Aussehen des
Harns oder eine Gelbfärbung ihres Gesichtes ist ihr nie aufgefallen.
Pat. hat von Jugend auf schwere Feldarbeit verrichtet, jedoch nie
eine Verletzung, etwa speziell der Bauchgegend, erlitten.
Frau Sk. ist eine kleine, grazil gebaute Frau von frischem Aus-
sehen und normalem Ernährungszustände; Knochenbau, insbesondere
72 V. Th. CJohn
die Wirbelsäule, Muskulatur sind normal. Die Besichtigung der
Haut, die Untersuchung des zentralen und peripheren Nerven-
systems, der Sinnesorgane sowie der Brastorgane ergibt nichts
Besonderes. Das Abdomen ist flach, überall leicht eindrückbar,
nirgends druckempfindlich. Milz und Leber verhalten sich normal.
Beide Nieren sind in den verschiedenen Lagen des Körpers an
den normalen Stellen nicht fühlbar. Hingegen fühlte mau in der
rechten, mittleren Bauchgegend sehr deutlich einen flachen, länglich-
runden Tumor, dessen medialer Rand fast bis an die Linea alba
und dessen oberer Rand an die durch den Nabel gehende Horizontale
reicht Er ist auf Druck unempfindlich, festweich, mit seiner
Längsachse ungefähr vertikal gerichtet, offenbar retreperitoneal ge-
lagert, mit der hinteren Bauchwand in ziemlich fester Verbindung,
dabei etwas nach innen und unten, mehr nach oben und außen
verschieblich. Bei Beckenhochlagerung gelingt es, diesen Tumor
etwa handbreit nach oben und außen zu verlagern, aber nicht
völlig in die Nierenlager zu bringen. Man fühlt an ihm einen
äußeren konvexen und einen nach innen und unten gerichteten
nicht so scharfen konkaven Rand, der einen hilusartigen Einschnitt
trägt, von welchem aus nabelwärts ein deutlich fühlbar pulsierender
Strang zieht. Es besteht eine Retroflexio uteri; der Uterus läßt
sich mit der Sonde vollkommen aber nicht dauernd aufrichten.
Die Adnexe verhalten sich normal, das linke Parametrium ist ver-
kürzt. Die Blase verträgt 450 ccm, hat eine normale Schleimhaut;
die Vorderwand ist von auffallend dicken Grefäßen durchzogen,
besonders das kurze und breite Trigonum. Plicae uretericae und
Mündungen der Harnleiter zeigen nichts Besonderes; letztere sind
normal tätig.
Von den subjektiven Beschwerden der Patientin sind einige,
besonders die während der Menstruation auftretenden, auf die
Retroflexio uteri zu beziehen, die anderen lenken jedoch in typischer
VTeise die Aufmerksamkeit auf das Vorhandensein einer Wander-
niere, die ja, wie auch hier, meistens rechts anzutreffen ist. Die Form
des Tumors, der Hilus mit den Gefäßen charakterisieren ihn als
Niere. Liegt hier nur eine angeborene hypoplastische, dystopische
Niere vor, oder haben wir es mit einer Wanderniere zu tun, welche
durch einen entzündlichen Prozeß an einer abnorm tiefen Stelle
fixiert worden ist? Müller he im (9 S. 1180) weist noch ganz
besonders darauf hin, daß bei der erworbenen Falschlage eine
Fixation nur dann zu finden ist, wenn die klinische Anamnese auf
eine Entzündung um die Niere hinweist; wir vermissen in unserem
Zur Diagnose der Verlafi^erang obcL Verkümmerung einer Niere. 7!(
Falle unter den Angaben der Patientin solche über Beschwerden^
welche von einer Erkrankung herr&hren könnten, die zu einer der-
artigen, breiten Verwachsung geführt haben. Ferner hält Z o n d e k
(9. Diskussion), wie bereits erwähnt, die Fixation nicht für eine
unveräußerliche Eigenschaft der angeborenen dystopischen Niere;
dadurch, daß die heterotopen Nieren nicht allein nach unten, sondern
auch gleichzeitig nach vorn und medianwärts verlagert sind, unter-
liegen sie häufiger mechanischen Einwirkungen von außen. Auf
diese Weise kommt nicht nur eine Beweglichkeit geringen Grades,
sondern auch bisweilen Verschieblichkeit um Handbreite zustande.
Schließlich spricht auch die mangelnde Druckempfindlichkeit dafiir^
daß kein entzündlicher Prozeß mehr besteht, also mittelbar für die
intrauterine Entstehung. Aber, abgesehen davon, daß die Zondek-
schen Fälle außergewöhnliche Ausnahmen bilden, trägt in unserem
Falle der Umstand dazu bei, die Wage der Entscheidung nach der
anderen Seite hin zu neigen, daß die verlagerte Niere nach oben,
der Gegend des normalen Nierenlagers zu, sich handbreit ver-
schieben läßt, was bei der angeborenen Dystopie nie vorkommt.
Die Entwicklungsgeschichte beider Arten von Dystopie begründet
dieses wichtige, differentialdiagnostische Verhalten: Bei der ange-
borenen Verlagerung hat der vom W o 1 f f ' sehen Gange aus aufwärts
wachsende Umierengang am Orte der Verwachsung des kranialen
Endes seine maximale Länge erreicht ; er kann von dem Zeitpunkte
seiner Fixierung an nur verkürzt, d. h. nach abwärts gedrängt werden.
Im Gegensatz hierzu hat die angewachsene, deszendierte Wanderniere
eine Verkürzung ihres Leitbandes, des Ureters, erfahren, und es be-
steht somit immer noch die Möglichkeit, daß eine Wiederverlängerungy
d. h. eine Verschiebung nach oben, vorgenommen werden kann.
Der Prozeß, welcher zur Anlötung der Wandemiere gefuhrt
hat vollzog sich in einzelnen Schüben, welche wohl durch die viel-
fachen Anstrengungen und Strapazen bei den Feldarbeiten aus-
gelöst worden sind, und die Druckunempfindlichkeit des verlagerten
Organes sowie die normale Beschaffenheit des Gesamtharnes be-
sagen, das zurzeit keine Residuen eines Prozesses mehr vorhanden
sind, welcher das Parenchym dauernd geschädigt hat, und daß die
zur Verwachsung führende Entzündung abgelaufen ist.
Als unterscheidendes Merkmal heben Hochenegg, Delore
u. a. nach Müller heim 's Vorgang die Kürze des Ureters bei
der angeborenen Nierenfalschlage hervor, was ja entwicklungs-
geschichtlich leicht zu erklären ist. Den Israel' sehen Fall von
Beckenniere mit 25 cm langem, stark geschlängeltem Ureter er-
74 V. Th. Cohn
klärt der letztgenannte der Autoren für eine allem bisher Be-
kannten allein gegenüberstehende Ausnahme. In der Tat kann
somit die Messung der Ureterenlänge mit Hilfe des üreteren-
katheterismus, wenn sie einwandfrei angewendet wird, zur Klärung
des Falles beitragen. Der Katheter wird soweit in den Harnleiter
vorgeschoben, bis der Harn kontinuierlich abtropft, was als Zeichen
dafür gilt, daß das Katheterauge im Nierenbecken angelangt ist.
Aber diese Methode kann man nicht anwenden, wenn das Nieren-
becken fehlt, was bei einigen Fällen von dystopischer , hypo-
plastischer Niere beobachtet worden ist; sie versagt auch dann,
wenn der Katheter nicht ungehindert den ganzen Harnleiter
passieren kann und sich unterwegs verfangt.
In dem vorliegenden Falle entleerte sich aus dem rechten
TJreterenkatheter nach 18 cm weiter Einführung, aus dem linken
nach einer solchen von 25 cm kontinuierlich Harn, und zwar inner-
halb von 31 Minuten rechts 24 cm, links 24,5 cm. Damit war
endgültig bewiesen, daß 2 funktionierende Nieren vorhanden waren ;
denn bei der Deutlichkeit, mit welcher an dem Tumor die fast
normale Form palpiert werden konnte, war die Annahme einer
Verschmelzungsniere sehr unwahrscheinlich. Den Unterschied von
6 cm möchte ich aber nicht als Beweis für eine angeborene Ver-
kürzung ansehen. Abgesehen davon, daß der rechte Harnleiter
stets kürzer ist, nach Schwalbe um 1 cm, können demrtige
Unterschiede im Eintreten des kontinuierlichen Harnträufeins aus
dem eingeführten Katheter durch Variabilitäten des Nierenbeckens
bedingt sein und nach meinen Erfahrungen auch bei weniger tief
deszendierten Wandernieren vorkommen.
Ob funktionelle Unterschiede zwischen den beiden sezernieren-
den Organen bestehen, darüber konnte nur die Untersuchung der
gesondert aufgefangenen Nierensekrete Aufschluß geben. Die
Gleichheit der durch Katheterismus gewonnenen Harnmengen darf
nicht ohne weiteres als adäquater Ausdruck für die wirklich ent-
leerten angesehen werden, da ja auch neben den Kathetern Harn
in die Blase fließt, und wir nicht bestimmen können, wie viel von
dieser Menge der rechten oder der linken Seite entstammt. Die
Übereinstimmung beider Sonderharne hinsichtlich ihres spezifischen
Gewichtes, das 1014 betrug, beweist genügend sicher, daß beide
Nieren gleichviel feste Substanzen ausscheiden.
Zur Vervollständigung der vergleichenden Untersuchung der
Leistungsfähigkeit beider Nieren, benutzte ich schließlich noch die-
jenigen Methoden, welche als funktionell diagnostische bezeichnet
Zur Diagnose der Verlagerung und Verkümmerung einer Niere. 75
werden, die Bestimmung des Gefrierpunktes, des elektrischen Leit-
fähigkeitswiderstandes und die Beobachtung der Zuckerausscheidung
nach subkutaner Phloridzininjektion. Die Ergebnisse der physi-
kalisch-chemischen Untersuchung sind in folgender Tabelle wieder-
gegeben.
I.
II.
III.
IV.
Datum
18. März
1905
25. März
29. März
3. April
nach 0,01
Phloridzin
subkutan
J
J
l
J \ l
J
X
J
l
Gesamt-
1,8 •
1,7« 35
1,30
47
ham
1
Rechts
-1,4«
1,8«
38 Ohm
— 0,70; 67,5
0,33«
177,5
- 0,37 «
170
Links
0,6 ö
— 0,80»
70
-0,8° 64,5
0,28«
200
1
-0,3«
195
Die Entnahme des Harnes erfolgte 4 — 5 Stunden nach der Haupt-
mahlzeit, V« Stunde nach der Aufnahme von 400 ccm heißen Tees.
Die Ureterenkatheter wurden soweit vorgeschoben, bis der Harn
kontinuierlich herausträufelte; von diesem wurden die ersten ccm
nicht aufgefangen, sondern erst die nachfolgenden zur Bestimmung
verwandt. Vor Einführung .des Cystoskops wurde auch einige Male
der Gesamtham abkatheterisiert und physikalisch-chemisch unter-
sucht. Die Gefrierpunktsbestimmungen erfolgten nach der Beck-
mann'schen Methode mit der für unsere Zwecke hinreichenden
Genauigkeit von 0,02^—0,03^. Die elektrische Leitfähigkeit maß
ich mit dem lontometer von Löwenhardt aus der Fabrik von
Eeiniger, Gebbert und Schall.
Nach der Ansicht der Autoren hat die Niere die Aufgabe,
aus dem Blute eine gewisse Zahl von Molekülen auszuscheiden,
und der normale Harn soll infolgedessen eine gewisse molekulare
Konzentration besitzen, nach v. -Koranyi zwischen — 1,25^ und
— 2,35®. Während nun der Gefrierpunkt einen zahlenmäßigen
Ausdruck für die Anzahl der Moleküle und der dissoziierten Teil-
moleküle, Ionen, gibt, dient A, der elektrische Leitwiderstand als
Maßstab für die Ionen allein, das sind zum größten Teil anor-
ganische Salze.
Die ersten Bestimmungen über die Gefrierpunkte gleichzeitig
und getrennt aufgefangener Harne beider Nieren sind von C a s p e r -
Richter gemacht worden. Sie berichten über 6 Fälle (38), in
welchen die Sonderharne um 0,00^—0,01*^ differierten. Bei einer
rechtsseitigen Wanderniere betrug diese Differenz 0,06". Hingegen
hat A 1 b a r r a n (39) durch Untersuchungen an Hunden und Menschen
76 V. Th. Cohn
festgestellt, daß beide Nieren in der Zeiteinheit verschieden groAe
Harnmengen von verschiedener Zusammensetzung ausscheiden. Die
Unterschiede verringern sich nach einiger Zeit, und um ganz genaue
Resultate über die Leistungsfähigkeit jeder Niere zu haben, müsse
man die zweistündigen Sonderharne untersuchen.
In unserem Falle stimmten die Gefrierpunkte der Sanderhame
bei keinem Versuche untereinander überein. Im Versuche III war
der rechte um 0,1 ^ dünner konzentriert, sonst hatte der rechte eine
dichtere Konzentration, nämlich eine um 0,7**— 1,0® dichtere. Parallel
verhielten sich die Werte für A. Hiernach hätte die verlagerte
Niere die funktionsfähigere sein müssen. Der Unterschied ist aber
durch eine reflektorische Poluyrie zu erklären, welche infolge des
Katheterismus meist auf der linken Seite ausgelöst wurde, eine
Erscheinung, die mir schon seit Jahren bekannt ist, und auf welche
Kapsammer (19) jüngst aufmerksam gemacht hat. Es ist also
nicht angängig, auch aus erheblichen Unterschieden der Harn-
gefrierpunkte beider Nieren allein einen Schluß auf die Funktions-
f&higkeit zu ziehen. Ebenso erklären sich die Diflferenzen zwischen
Oesamtharn und Sonderharn.
Nachdem Kapsammer klargelegt hatte (22), daß infolge der
reflektorischen Polyurie die Größe der Zuckerausscheidung beider
Nieren nach subkutaner Phloridzininjektion nicht als Maßstab für
die Menge des jederseits vorhandenen funktionierenden Nieren-
parenchyms angesehen werden dürfe, schlug er vor, den Zeitpunkt
der ersten Zuckerausscheidung als entscheidend anzusehen. Er
hatte sich experimentell davon überzeugt, daß, wenn bei zwei ge-
sunden Nieren eine einseitige Polyurie auftritt, durch diese der
Beginn der Glykosurie kaum beeinflußt wird. Jedenfalls hält er
die beobachteten Zeitunterschiede für praktisch ohne Bedeutung.
Dazu kommt, daß nach seiner Erfahrung in zwei FäUen, wo während
der Untersuchung eine Sekretionsanomalie nicht besteht, das Auf-
treten der Zuckerausscheidung parallel geht mit der Größe der-
selben, d. h., da, wo der Zucker früher erscheint, ist auch während
des Verlaufes die ausgeschiedene Zuckermenge größer und um-
gekehrt.
Im vorliegenden Falle trat 18 Minuten nach subkutaner In-
jektion von 0,01 g Phloridzin rechts eine schwache Zuckerprobe
auf, nach 20 Minuten eine deutliche Eeduktion; zur gleichen Zeit
war links die Trommer'sche Probe negativ. Hiernach müßte also
die rechte, verlagerte Niere die funktionsfähigere sein.
Völcker und Joseph haben bekanntlich empfohlen, die
Ztur Diagfnose der Verlagerung und VerkUmmerimg einer Niere. ' 77
renale Ausscheidung des intramuskulär injizierten Indigkarmins f&r
die fanktionelle Nierendiagnostik zu verwenden. Aus der Zeit des
Auftretens des blauen Harnstrahles, aus dem Typus der Ureteren-
^ntleerungen, aus der Intensität der Blaufärbung und ihrer Dauer
bemessen sie die Leistung der Nieren.
4 Minuten nach intraglutäaler Injektion von 0,2 g Carmin.
caeral. schoß aus dem rechten Ureter ein deutlich gefärbter Blau-
strahl hervor, in Abständen von 1—2 Minuten folgten nun Ureter-
kontraktionen, oft mehrere fast unmittelbar hintereinander. Links
ließ sich erst nach 7 Minuten eine matte Blaufärbung erkennen, die
Entleerungen erfolgten in längeren Zeiträumen und nicht mit so
großer Kraft. Dieser Typus in der Ausscheidung des Karminblaus
wiederholte sich auch bei Injektion in die Glutäen der anderen Seite.
Auch diese Untersuchungsmethode hat somit keine funktionelle
Schwäche der verlagerten Niere ergeben.
Wir dürfen somit annehmen, daß es sich in unserem zweiten
Falle um eine dystopische Wandemiere mit einer anscheinenden ihre
Funktion jedoch nicht nachweisbar beeinträchtigenden Yolumens-
verringerung, Hypoplasie, gehandelt hat.
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VI.
Beri Beri nnd Skorbut
Von
Dn Max Schubert, Wiesbaden,
ehemal. AsBisteiit der Klinik.
Die Kenntnis tropischer Krankheiten ist, seitdem Deutschlands
Seehandel sich über alle Meere und Länder erstreckt, auch in der
deutschen Arztewelt mehr und mehr verbreitet worden, und all-
jährlich gehen Hunderte von Ärzten in jene tropischen Länder, um
an den Brutstätten der Tropenkrankheitem dieselben kennen zu
lernen.
Dabei scheint sich nun neuerdings eine gewisse Vorliebe ent-
wickelt zu haben, dergleichen tropische Krankheiten zu diagnosti-
zieren, ohne seltenere andere, aber längst bekannte Affektionen jju
fast verschwundene, in den Kreis der Betrachtung zu ziehen.
Besonders scheint diese Vorliebe der Diagnosenstellung sich
auf die Beri Beri zu beziehen. Diese in sehr vielen tropischen
und subtropischen Landstrichen aller Erdteile verbreitete Krank-
heit mit ihrem scheinbar einfachen Symptomenkomplex der Poly-
neuritis mit Beteiligung des Herzens, den Ödemen der Haut und
innerer Organe ist plötzlich deiartig häufig auch in europäischen
Ländern geworden, daß eine größere Anzahl von Autoren Beri Beri
Epidemien in Irrenanstalten, Asylen, Findlingshäusern, sogar in
Hospitälern haben auftreten sehen. Und doch halten alle diese
Beri Beri - Epidemien wie es scheint der kritischen Sonde nicht
recht stand, und entpuppen sich wohl alle mehr oder weniger als
Intoxikationen mit pflanzlichen oder mineralischen Giften. Die
noch am meisten als wirkliche Beri Beri imponierende Epidemie
trat in den Jahren 1894—98 in dem Richmond District Asyl in
Dublin auf, und wurde mit außerordentlicher Sorgfalt von Norman ^)
beobachtet und beschrieben.
1) On Beri Beri occurrence in temperate climates. British med. Journal 1898-
Sept. 24.
80 VI. Schubert
Es wurden ziemlich rasch nacheinaDder 174 Menschen, '/g Männer,
Vs Frauen, bei einem Bestände des Irrenhauses von 1503 Kranken,
Ton der Krankheit befallen unter den Symptomen einer rasch
zunehmenden Lähmung der unteren Extremitäten, intensiver Herz-
schwäche mit starken hydropischen Erscheinungen; dabei eine
Sterblichkeit von 14%. Mit zunehmender Kühle verschwand die
Epidemie, um im nächsten Jahre mit dem Beginn der warmen
Jahreszeit, rasch anschwellend wieder aufzutreten, auch beim
Personal, ohne daß irgend ein Grund sich dafür hätte eruieren
lassen. Das pathologisch-anatomische Bild bot auch keine be-
sonders auffallende Kennzeichen gegenüber anderen Neuritiden,
z. B. durch Arsenintoxikation hervorgerufen, welche mit Ver-
änderungen des Myokards resp. der Herznerven einherzugehen
pflegen.
Die von Glogner in späterer Zeit gefundene, besondere Be-
vorzugung der Gefaßnerven für das Beri Beri-Gift, auch schon
l)ei Lebzeiten durch abnorme Verteilung der Blutmassen in der
Haut gegenüber den inneren Organen bei Benutzung des Winternitz-
schen Hautthermometers nachweisbar, konnte noch nicht in Be-
tracht gezogen werden.
Da die Ätiologie der Beri Beri immer noch nicht geklärt er-
scheint, die von Pekelharing und Winkler gefundenen Bakterien
haben beim Nacbuntersuchen keine Bestätigung gefunden oder jeder
Forscher hat andersartige gezüchtet oder gesehen, sogar Malaria-
keime sind von Glogner als Erreger angeschuldigt worden, so
konnten Befunde von spezifischen Keimen die Diagnose auch nicht
sicher stellen. Allerdings ist ja eins wohl feststehend, daß man
es bei der echten Beri Beri mit einer Infektionskrankheit zu tun
hat, und nicht wie Eyk mann im Weltevredener Laboratorium nach-
weisen zu können glaubte, um eine Intoxikation mit Stoffen des
Reises, welche durch Fermente, die im sogenannten Silberhäutchen
des ungeschälten Reises sich befänden, paralysiert werden können.
Gegen diese Theorie spricht schon das Vorkommen von Beri Beri
auf den Molukken, wo überhaupt kein Reis, sondern Sago genossen
wird, ebenso das Ausheilen der Beri Beri bei gleichbleibender
Nahrung. In Rio de Janeiro in Brasilien, wo im Militärlazarett
Hunderte von Beri Beri-Kranken behandelt werden, läßt sich be-
sonders gut über die Art, wie die Infektion zustande kommen muß,
urteilen. Die Krankheit tritt im allgemeinen nur bei Marine-
soldaten und Matrosen auf, welche Fahrten machen im Gebiet des
Amazonas und seiner Küsten. Trotz gleicher Nahrung, die schon
Ben Ben und Skorbnt. gl
in Rio far die ganze Fahrt eingenommen wird, trotzdem auch das
Wasser in fiio für die Reise anfgefUUt wird, trotzdem jede
Kommunikation mit dem Lande unterbleibt, «tritt die Erkrankung
bei der Besatzung, welche nur aus Leuten gewählt wird, die nicht
früher Beri Beri gehabt haben, auf, sobald die Schiffe in bestimmte
ganz genau bekannte Eüstengegenden kommen. Es scheint also
danach, als ob es sich um Übertragung von Keimen durch Insekten
oder andere geflügelte Kerfe handelt, ähnlich wie bei der Malaria.
Die Ärzte dort im Hospidal de los Beri Beri machten uns diese
Mitteilung und zugleich, daß bei der Pflege von Beri Beri-Kranken
nie jemand sich infiziere, daß also eine direkte Übertragung nicht
vorzukommen scheint. Auf der anderen Seite berichtet allerdings
Gravestein*), daß auf der Insel Nusalautim Malayischen Archipel
früher nie Beri Beri gewesen ist. Einmal ging eine Anzahl Männer
zur Arbeit nach Ceram. Hier akquirierten sie Beri Beri, und über-
tragen nun zurückgekehrt ihre Krankheit auf ihre Volksgenossen
und zunächst ihre Angehörigen. Seitdem ist dort ständig Beri Beri
endemiscli. Natürlich läßt sich auch hier gegen die direkte Über-
tragung einwenden, daß vielleicht die bestimmten Insekten sich
schon vorher auf der Insel Nusu laut vorgefunden haben, aber
keine Möglichkeit hatten, sich zu infizieren, oder aber, daß viel-
leicht die betreffenden Kerfe mit den Sachen der Arbeiter ein-
geschleppt wurden, und sich dort vermehrten.
So sehen wir, daß eine Diagnose aus dem Befunde irgend welcher
Parasiten in Korperflüssigkeiten von Beri Beri-Kranken unmöglich ist,
und daß möglicherweise die oben erwähnte Epidemie im Richmondasyl
doch etwas anderes war als Beri Beri trotz der Autorität Seh eube's,
allerdings des größten Kenners der Beri Beri in Deutschland, welcher
sich bei dieser Epidemie absolut für Beri Beri ausspricht. — Nun
sind neuerdings außerordentlich interessante Beobachtungen gemacht
worden von Bonald Ross.-) Derselbe beschreibt ausgedehnte
Epidemien von Polyneuritis mit Beteiligung des Herzens, welche
hervorgerufen waren durch den Genuß arsenhaltigen Bieres. Viele
Tausende erkrankten und die Mortalität war eine außerordentlich
hohe. Dann ließ Ross sich Haare von frisch an Beri Beri erkrankten
Chinesen aus Penang kommen, und fand auch in diesen nicht un-
beträchtliche Mengen von Ai^en.
Aus diesen Befunden schloß er, daß die Beri Beri nur eine
1) Geneesknndij Tijdschrift voor Nederlandisch ludie 98.
2) Brit. Med. Journal Febr. 1902.
Deutachea Archiv f. klin. Medizin. 86. Bd.
82 VI. SCHUBBBT
Arsenintoxikation ist, unbedingt wohl eine zu weit gehende
Schlußfolgerung, gegen die sehr vieles spricht ; die früher erwähnte
Infektion der Marinesoldaten im Amazonasgebiet, das Sichaus-
breiten der Beri Beri bei sich völlig gleichbleibenden Bedingungen
auf vorher freien Inseln; endlich die Angabe von Cantlie, der
beobachtete, daß früher gesunde Chinesen mit offenen Wunden be-
sonders leicht erkrankten, wenn sie im Hospital neben Beri Beri*
Kranken lagen. Auch hier hielt man offenbar Beri Beri nicht für
direkt übertragbar, sonst würde man sie nicht mit anderen Kranken
zusammengelegt haben.
Vor allem aber sind es Beobachtungen von Patrik Mausen^),
welche die Ross'sche Arsentheorie entkräften. „Nach seiner An-
sicht ist es allerdings richtig, daß die Chinesen bei ihrem Kunst-
handwerk und im landwirtschaftlichen Betriebe vielfach Arsen-
präparate benutzen, sogar beim Bauchen wird häufig dem Tabak
Arsen zugesetzt. Auf diese Weise können natürlich Arsen-
intoxikationen ohne Beteiligung des Magens und Darmes ent<)tehen,
aber einige Beobachtungen aus Kuala Lumpor im Malayischen
Archipel zeigen deutlich, daß Beri Beri eine Infektionskrankheit
ist. Hier war eine Stunde vom alten Gefängnis ein neues erbaut
worden, und wurde dann vom alten aus belegt. Sofort trat eine
heftige Beri Beri-Epidemie auf im neuen Gefängnis, obwohl im
alten nie vorher Beri Beri gewesen war. Die Kranken wurden
nun ins alte Gefängnis zurückgebracht und genasen, neue Infektionen
kamen nicht mehr vor. Die Nalirungsmittel wurden für beide Ge-
fängnisse von demselben Kaufmann geliefert, auch der Reis, und
um die Reistheorie nochmals zu erproben, wurde der Reis vom
neuen infizierten Gefängnis genommen, hier gekocht und im Wagen
nach dem alten Gefängnis gebracht Auch so erkrankte niemand.^
Ebenso ist nach Manson's Meinung nicht das Wasser der
Überträger, da in Singapore Männer- und Weibergefängnis aus
derselben Leitung Wasser beziehen, aber Beri Beri nur im Männer-,
nie im Weibergefängnis herrscht. Jedenfalls geben die Befunde
von Ross über Arsen in den Nahruiig>n)itteln und die danach ein-
tretenden schweren Polyneuritiden Anhalt zur Beurteilung der in
Europa und Nordamerika beschriebenen Beri ßeri-Epidemien; denn
die Norman'schen Veröffentlichungen blieben nicht vereinzelt So
trat im gleichen Jahr 1894/95 im öutfolk County Asyl in Suffolk *),
1) 'l'he Prophylaxis and treatiuent of Beri Beri. Journal of tropica! Mediciue
1. Oct 1902.
2) Rapport of thirteen cases etc. Newyork med. NewB 1896 Oct. 3.
Ben Ben und Skorbut. 8S
einige Jahre später in der Irrenanstalt von Sancte-Oemmes in
Frankreich ') Epidemien auf, die als Beri Beri beschrieben wurden.
Hier macht schon die starke Beteiligung von Magen und Darm,
Erytheme im Gesicht, Blasen- und Mastdarmlähmungen stutzig und
läßt sofort an per os eingeführte Gifte denken. Natürlich konnte
Nordamerika nicht zurfickbleiben, und es wurden ohne genauere
Angaben Epidemien berichtet aus dem Alabama State Asyl in
TuscalooRa 1896 und Arkansas State Asyl in Little Rock. Alle
diese Epidemien erscheinen unbefangen als Polyneuritiden durch
u'gend welche Gifte, die in den Nahrungsmitteln eingeführt sind,
zu erklären.
Deutschland hielt sich von solchen Beri Beri-Epidemien frei,
nur machte Norman, der vorher erwähnte Beschreiber der Rieh-
mond Asyl-Epidemie den Vei*such, einige in deutschen Irrenanstalten
als Polyneuritis- Epidemien dunklen Ursprunges beschriebene Krank-
heiten als Beri Beri zn bezeichnen, und ging damit fast so weit wie
Balz in Tokio, sonst einem der besten Kenner der Beri Beri in Japan,
welcher alle spomdisch auftretenden Fälle von Polyneuritis mit Be-
teiligung des Herzens ohne weiteres zur Beri Beri rechnet. — So sehen
wir, daß von den in Europa und Nordamerika beschriebenen Epidemien
wenig übrig bleibt, es scheint auch, als ob Beri Beri mehr eine Krank-
heit tropischer und subtropischer Länder ist, welche die günstigen
Temperaturen bei uns selten findet, obwohl allerdings Sehe übe be-
richtet, daS im nördlichsten Japan, in Jezo, wo die Hälfte des
Jahres es recht kalt ist, Beri Beri häufig vorkommt. — Ganz
anders verhält es sich natürlich mit kleinen St-hiffsepidemien,
welche vorwiegend chinesischen Mannschaft befallen. Diese sind
häufig auch auf deutschen Schifi^en zu beobachten, pflegen aber
nach unserer Erfahrung nur die farbige Besatzung zu befallen, wie
auch Nocht*) auf seinen Reisen die gleichen Beobachtungen ge-
macht hat. Aber auch hier werden öfter Fehldiagnosen gestellt.
So wurde in der Berliner Gesellschaft der Charite- Arzte im Februar
1900 von Seiffert ein junger 19jähriger Matrose als Beri Beri-
krank voigestellt. Dieser hatte auf einem Segelschiff eine zehn-
monatliche Reise von Rangoon, Kap der guten Hoffnung nach
Santos in Brasilien, von dort nach Hamburg gemacht. Während
der Fahrt war schon ein Teil der Besatzung erkrankt mit Zahn-
1) Une epid^mie chez les ali^n^s rappelant le Beri Beri. Anna], de Institut
Pastenr XII. Bd. 1898.
2) Nocht, Festschr. zum 60. Gebartst. Bobert Eoch's. Beri Beri a. Skorbat.
6*
84 VI. Schubert
fleischaffektionen , Atembeschwerden, allgemeiner Schwäche nnd
Appetitmangel. Der Kapitän hielt es für Skorbut. Später trat
Kriebeln in den Beinen und bei einzelnen zunehmende Schwäche,
bis zur Lähmung gehend, in den unteren Extremitäten ein. In
Santos erklärten die Ärzte aber, es handle sich um Beri Beri.
Endlich nach Berlin gekommen, fand sich bei dem jungen
Matrosen eine schlaffe Parese der unteren Extremitäten, fehlende
Patellarreflexe, Sensibilitätsstörungen, ohne Koordinationsstörungen.
Nach einiger Zeit rasche Besserung. Seiffert hält bei der
Beteiligung des Nervensystems die Krankheit für Beri Beri und
beruft sich besonders auf die gleiche Diagnose der Ärzte in Santos.
Nun kann es aber bei den dortigen Ärzten nicht wundernehmen^
wenn diese Affektion sofort als Beri Beri angesprochen wurde, da
wohl alle Santos-Arzte in Bio de Janeiro studiert haben, und sie
hier im Hospidal de los Beri Beri enorm viel Ben Beri-Kranke zu
sehen bekommen, Skorbut aber gar nicht. Auch bei uns ist der
wirkliche Skorbut selten, verschwunden ist er aber noch lange
nicht von unseren Schiffen, wie die meisten anzunehmen scheinen,
hat der Hamburger Hafenarzt doch in 4 Jahren noch 126 Fälle
von Skorbut auf Segelschiffen beobachten können. Nun kommt aber
eine wenn auch seltene Komplikation des Skorbutes vor, die Poly-
neuritis, welche selbst in der Litten'schen Monographie über
Skorbut mit erwähnt ist. Und doch schildert schon D6chambre^)
bei der Belagerung von Paris 1870 und 1871 ein Krankheitsbild,
wo bei der Bevölkerung eine skorbutische Aff'ektion Zahnfleisch-
schwellung, Anämie in einzelnen Fällen mit polyneuritischen
Symptomen auftrat.
Dann kamen Berichte aus Norwegen, wo auf den Segelschiffen
eine neue Krankheit sich zeigte, welche von den dortigen Ärzten
als die hydropische Form der Beri Beri gedeutet wurde, indem
neben Zahnfleischaffektionen Schwellung und Lockerung desselben,
Ödem der Beine und Paresen in der Muskulatur der unteren Ex-
tremität auftrat. Eine von der Regierung berufene Kommission
sprach sich für Beri Beri aus, während andere doch wieder die
skorbutische Natur der Krankheit hervorhoben.
Endlich erwähnt Nocht*) eine Anzahl von skorbutartigen Fällen
mit der hydropischen Form der Beri Beri verbunden, hält diese
Affektion aber für Skorbut. Der Anfang dieser kleinen Schiffs-
1) Dechambre, Archiv de MMecine navale T. XV.
2) Conf. p. 83.
Ben Beri und Skorbut 85
epidemien entwickelt sieb meist mit Verdanun^störnngen, Locke-
niDg des Zahnfleisches, dann Ödemen der Beine, zunehmender Herz-
schwäche, Parästhesien in den Beinen und Schwäche der Musku-
latur. Häufig Exitus an Herzschwäche. Drei Fälle wirklicher Neu-
ritis an den Beinen wurden konstatiert.
Neuerdings wird noch von Dr. van Leen t^), der über die Krank-
heiten der Hochseefischer berichtet, ebenfalls eine Affektion der
Seeleute auf den New Foundland-Bänken und den dortigen Inseln
beschrieben, welche einhergeht mit Zahnfleischlockerung, Ödemen
der unteren Extremität, Parästhesien und Schwäche in den Beinen.
Später wurden ihm in Port Kennedy in einem Hospital auf New
Foundland eine Anzahl ebensolcher Fälle von Seeleuten gezeigt,
die aber diesmal neben deutlichen Atrophien der Beine noch subkutane
Blutungen und Zahnfleischlockerungen aufwiesen. Van Leent
hält diese Affektion für Skorbut Als Grund dieser Krankheit wird
neben dem Büchsenfleisch vor allem die Entziehung frischer
Pflanzennahrung angegeben, obwohl Nocht zugeben muß, daß
uber^ an Bord Zitronensaft vorhanden war, als die Epidemien
zum Ausbruch kamen, aber er sucht diesen Einwand damit zu
entkräften, daß diese Zitronensäure wohl in nicht gutem Zustande
gewesen sei. Ich selber hatte auf einer meiner Reisen nach der
Westküste von Südamerika Gelegenheit zu sehen, wie häufig Beri
Beri und Skorkut verwechselt wird, manchmal sogar, wie hier, aus
böser Absicht.
Der Hafenbehörde in* Hamburg war es auch schon aufgefallen,
daß bei Schiffen, die aus Punta Arenas in Costa Rica kamen,
Krankheiten auftraten, die in englischen Häfen, wo die Kranken
meist abgegeben wurden, als Beri Beri diagnostiziert wurden.
Nach einigen Wochen waren die Patienten genesen, und es konnten
in Hamburg keine Spuren mehr von Beri Beri gefunden werden,
obwohl Beri Beri sonst über viele Monate, meist Jahre nachweis-
bar zu sein pflegt. Da unser Schiff* zufällig für längere Zeit diesen
Hafen anlief, um Mahagoni zu laden, und da ich zahlreiche Fälle
von Beri Beri in Ostasien und Brasilien gesehen hatte, so glaubte
ich den Auftrag der Hamburger Hafenbehörde annehmen zu dürfen,
zu entscheiden, ob in Punta Arena Beri Beri ist oder nicht. Die
ganze Westküste von Südamerika, auch Mittelamerika ist frei von
Beri Beri, nur in Panama erkranken eine Anzahl von Chinesen,
welche beim Kanalbau und bei der Eisenbahn beschäftigt sind,
1) Archiv für Schiffshygiene n. Tropenkrankheiten 1904 Bd. 6.
86 VI. SOHCBUT
aber alles Rezidive. Im Scheabe'schen Bach Aber Tropen krank-
heiten ist Pnnta Arena und die Umgebung als Beri Beri verseucht
angegeben, es wird hier, wie aus dem Folgenden hervorgehen wird,
eine Kotrektur eintreten miissen.
Punta Arena ist am Anfang einei' tief einsehneidenden Meer-
bucht gelegen, mit sehr warmem, in der Eegenzeit heififeuchtem
Tropenklima.
Die Schiffe, meist Segler, fahren an Punta Arena vorüber etwa
6 Meilen die Bucht aufwärts und liegen sehr nah am Urwald.
Frisches Fleisch ist, da Binder schlecht gedeihen, enorm teuer und
verdirbt oft von einem Tag zum andern, wird daher auf Segel-
schiffen wenig gegeben. Dagegen sind Fruchte, Orangen, Bananen,
Mangos in Menge und äußerst billig, und werden daher von den
Seeleuten ebenso wie die sehr gefährlichen Ananas im Übermaß
gegessen, so daß häufig, besonders durch die an Oxalsäure reichen
Ananas, schwere Magen- und Darmstörungen entstehen.
Dies zur Charakterisierung der äußeren Umstände.
Von den Ärzten in Punta Arena hatte keiner dort Beri Beri
gesehen, obwohl sie nach den Schilderungen der Symptome diese
Krankheit sehr gut kannten. Dagegen waren auf den dort ankernden
Schiffen öfters Fälle beobachtet worden, die Zahnfleischlockerung,
Lähmung der Beine und starke Anämie zeigten. Einer der Ärzte
hielt die Affektion für eine Neuritis durch larvierte Malaria, ein
anderer für eine Vergiftung mit geangelten Fischen, welche von
den Eingeborenen nicht genossen, sondern für giftig gehalten werden.
Beri Beri wiesen alle zurück. Bald hatte ich selber Gelegen-
heit auf einem dänischen Segelschiff 4 derartige Kranke zu sehen,
davon hatten 2 typische Skorbutsymptome, Zahnfleisch stark
schwammig und leicht blutend, sehr anämisch, einer Hautblutungen,
einer mäßige Ödeme der Beine. Ein dritter fühlte sich nur sehr
matt.
Dagegen bot der vierte ein besonderes Krankheitsbild. Seit
11 Tagen zunehmende Schwäche in den Beinen, das Gefühl von
Pelzigsein unter den Füßen, blutendes Zahnfleisch, Herzklopfen,
gänzliche Appetitlosigkeit; Stuhl angehalten. Die Untersuchung
ergab sehr blasse Schleimhäute, keine Drüsenschwellung, kein
Fieber. Puls 105, ziemlich klein, aber regelmäßig. Lungen frei.
Herz fast bis zur Sternalmitte dilatiert, Spitzenstoß in derMammillar-
linie, schwach ; 5. Interkostalraum. Über allen Ostien lautes systo-
lisches Blasen, 2. Pulmonalton gleich laut wie Aortenton. Über
den Halsvenen Nonnensausen.
Beri Beri and Skorbut. 87
Abdomen überall leicht druckempfindlich. Milz nicht vergrößert
Leber ohne Besonderheiten. Urin dankel; geringe Eiweißtrübung,
kein Zucker.
Das ausgestrichene Blut und später in Hamburg untersucht,
ergab nichts für Malaria Charakteristisches.
Gehirnnerven frei. Arme zeigten keine Störungen.
An den Beinen leichte Ödeme der Knöchelgegend, Paresen in
der Muskulatur des Quadriceps« und vor allem im Gebiet der
Tibialismuskulatur, rechts stärker wie links. Patellarreflexe
rechts erloschen, links sehr schwach. Die Sensibilität war für
Tast- und Scfamerzempfindung an den Füßen, besonders an den
Zehen stark herabgesetzt Ortssinn, Temperatursinn, Drucksinn
nichts Besonderes. Keine Ataxie, aber alle Bewegungen langsam
UDd schleppend. Patient klagt über unangenehmes Ameisenkriechen
in den Beinen, als ob die Füße aus Gummi wären. Keine Schmerzen
weder spontan oder auf Druck, auch nicht an Gastroknemii.
Das Zahnfleisch schwammig, leicht blutend, fötider Geruch,
auf der rechten Tibia eine markstückgroße Blutung.
Auf Hemeralopie, die in den No cht 'sehen Fällen so oft ge-
fanden ist, habe ich vergessen zu prüfen. Alle klagten, auch der
Kapitän schimpfte über das schlechte Salzfleisch welches von
einem deutschen Kaufmann in Punta Arena geliefert wurde,
frisches Fleisch erhielten sie alle 10 Tage, wurde aber ungern ge-
nommen, da es immer schon roch, und das Salzfleisch wurde, ob^
wohl auch nicht gut, vorgezogen.
Beim Kosten des Pökelfleisches fand ich einen faden Geschmack,
sonst war der Geruch recht gut, auch mikroskopisch konnte ich
keine Keime nachweisen.
Das Büchsenfleisch und die Fischkonserven waren gut
Ich erkundigte mich nun bei dem deutschen Kaufmann, der
auch uns die Lebensmittel lieferte, aber nur frisches Fleisch und
Gemüse, wie der Gesundheitszustand in Punta Arena wäre, und er
teilte mir sofort bereitwilligst mit, daß in Punta Arena sehr viel
Beri Beri vorkäme. Jeder Arzt, der etwas von Beri Beri verstünde,
hätte sofort diese Diagnose gestellt, es hinge das mit der Boden-
ausdünstung bei der Ebbe zusammen, und er zeigte mir sofort zwei
Zeugnisse amerikanischer Ärzte, welche bescheinigten, daß in Punta
Arena viel Beri Beri vorkäme, auch auf den Schiften. Später er-
fahr ich von einem spanischen Kollegen unter dem Siegel der Ver-
schwiegenheit, denn keiner wollte sich mit dem reichen Kaufmann
verfeinden, daß dieser zu Spottpreisen altes schlechtes Salzfleisch
88 VI. SCHUBBBT
aas den Vereinigten Staaten importiere nnd zu hohen Preisen an
die armen Seeleute abgäbe.
Auf diese Weise entsteht in Punta Arena die Beri Beri. Es
scheint überhaupt, als ob das, was wir als Skorbut bezeichnen, ein
Sammelname verschiedener Krankheiten ist, wenigstens ist der
Land- und Seeskorbut sicherlich total verschieden, und es wäre viel
richtiger, den jetzigen Seeskorbut als chronische Fleischvergiftung
zu benennen. Auch die vielgepriesene Antiskorbut-Diät nützt bei
einer großen Zahl von Seeskorbuttällen nichts, wie auch Jackson
und Harley^) angegeben haben, wenn das Salzfleisch weiter ge-
geben wird. Im Tierversuche gelingt es Affen skorbutisch zu
machen, wenn man ihnen neben Früchten viel Salzfleisch gibt. Bei
der Südpolarexpedition der Discovery erkrankte nach dem Berichte
des Arztes Dr. Köttlik nur derjenige Teil der Besatzung, welcher
an Bord blieb und Salzfleisch und Eonserven aß, während der
andere Teil der Mannschaft, der draußen kampierte und viel Fleisch
von Eisbären sich zu verschaffen wußte, gesund blieb. Früchte,
Zitronen und Orangensaft hatten beide Teile in genügender Menge,
ebenso Kartoffeln.
So geistreich auch die Litten'sche Erklärung des Skorbutes
als Infektionskrankheit nicht kontagiöser Natur ist, hervorgerufen
durch Mikroorganismen, welche im kaliarmen Körper günstigen
Boden finden, so paßt sie doch auf diese Fälle nicht, da allerdings
das Pökelfleisch außerordentlich kaliarm ist, aber durch die kali-
reichen Pflanzen dieser Mangel reichlich wett gemacht wird.
Wie ganz anders auch sich zu dieser Theorie der Landskorbut
stellt, ersieht man daraus, daß bei den großen Skorbutepidemien
in Rußland Pflanzen doch noch die letzte und billigste Nahrung
abgaben. Auch die in Indien auch ohne besondere Hungersnot
auftretenden Epidemien lassen von einer Kaliverarmung des Körpers
nichts deutlich werden, ebensowenig allerdings von einer Fleisch-
vergiftung, da die Inder nach ihrer Religion Fleisch überhaupt
nicht genießen, und als absolute Vegetarianer eher mit Kalisalzen
überladen sein müßten, als Mangel daran haben.
Dagegen hat man die Empfindung, als ob die großen Skorbut-
epidemien z. B. in Rußland doch mehr einen infektiösen Charakter
haben, und sollen doch sogar schon von B a b e s ^) die verursachenden
1) Lancet 1900, 23. April.
2) Lyabmow, Beobacht. über Skorbut im Kasanschen Oonv. Ärztl. Ge-
sellschaft zu Kasan 1900.
Beri Beri und Skorbut. 89
Keime gefanden sein. Auf der anderen Seite vermochte Lyabmow
bei einer Riesenepidemie von 28 Tausend Kranken trotz genauester
Untersuchung weder in Zahnfleischabstrichen noch in Gewebs-
flüssigkeiten die Babes'schen Mikroben zu finden, noch verursachte
Blut von Skorbutkranken sich selbst und anderen eingespritzt,
irgend eine Schädigung.
Aber auch alimentäre Noxen allein, oder sehr minderwertige
Nahrung können Skorbut nicht ohne das Hinzutreten eines neuen,
uns eben noch unbekannten Agens bewirken. Berichtet doch Pezold
in der Med. Gesellschaft zu Leipzig über eine Skorbutepidemie,
welche plötzlich im Mai zum Ausbruch kam, und bei der Menschen
befallen waren, die in den besten Ernährungsverhältnissen sich
befanden und absolut keine Veränderung in ihren Speisen oder
Getränken hatten, eintreten lassen. Trotz alledem kann nicht ge-
leugnet werden, daß eine sehr einseitige Nahrung, die in keiner
Weise zur Deckung des Stoffwechsels ausreicht, besonders noch mit
starker körperlicher Inanspruchnahme skorbutKrtige Krankheiten
erzeugen kann. So stellt Rumpf im ärztlichen Verein zu Ham-
burg einen jungen Gärtner vor, der fast ein Jahr nur von Kaffee
und l'/s Pfund Schwarzbrot gelebt hatte und Skorbut hatte. Noch
komplizierter wiixi die Frage des Skorbutes, wenn wir die sog.
Barlow'sche Krankheit als infantilen Skorbut bezeichnen. Diese
besonders von Heubnerin geradezu klassischer Form beschriebene
Affektion scheint besonders Säuglinge, die mit stark und lange
sterilisierter Milch genährt sind, zu befallen, indem nach der geist-
reichen Hypothese von Netter*) die in der frischen Milch als
neutrales Calcium citricum enthaltene Zitronensäure durch Kochen
in ein weniger lösliches Salz umgewandelt wird, daher Orangensaft
und frische Zitrone von so guter Wirkung.
Auf einem anderen Standpunkt steht schon Croser Griff ith'),
Professor an der Pennsilvania-Universität, welcher zwar auch der
gekochten Milch und den künstlichen Nährpräparaten eine große
B-oUe zuweist, aber er hat auch die Barlow'sche Krankheit auf-
treten sehen bei Säuglingen, die mit ungekochter Milch genährt
waren, ja sogar bei Brustkindern, welche dann genasen, als man
ihnen sterilisierte Kuhmilch gab.
Noch schroffer ablehnend spricht sich Fürst*) gegen den Zu-
1) Netter, Bevue des Maladies de Tenfance, Dec. 1902.
2) BeTtie mensuelle des maladies de Tenfance 1902.
3) Fürst, Beri. klinische Wochenschr. Mai 1895.
90 ^ Schubert, Ben Ben und Skorbat.
sammenhang von Skorbut UDd Barlow^scher Krankheit aus, in-
dem er mit Recht anfuhrt, daß nach den Angaben der russischen
Forscher bei den großen Skorbutepidemien Erkrankungen yon
Säuglingen enorm selten seien, ja daß skorbutkranke Mütter ihre
an der Brust genährten Kinder nicht einmal infiziert hatten. So er-
krankten bei einer Epidemie von 2971 Skorbutfäilen nur 2 Kinder
von 1 — 24 Monaten nach den Angaben von Filatow. Es tritt die
Skorbutinfektion also im Säuglingsalter enorm selten auf, wo doch
Barlow nur sich zeigt
Ebenso gibt L y a b m o w ^) bei der Beschreibung seiner Skorbut-
epidemie besonders noch an, daß bei einer Zahl von 28 Tausend
Kranken, kaum einige wenige Säuglinge sich befanden.
Sehr schroff trafen die Ansichten der Gelehrten auf der Ver-
sammlung der Naturforscher und Ärzte vom Jahre 1901 zusammen.
Hier vertrat der Eeferent v. Stark die Meinung, Barlow als in-
fantilen Skorbut zu bezeichnen, während auf der anderen Seite
Soltmann meinte, Skorbut und Barlow seien ent^^chieden zu
trennen. Jeder gab Gründe dafür, jeder dagegen an, eine Einigung
wurde nicht erzielt.
So sehen wir aus alle diesen Gründen, daß die skorbutischen
Affektionen uns noch dunkel bis in das Innerste ihres Wesens
sind, nur das eine scheint sicher, daß Seeskorbut, Landskorbut und
Barlow'sche Krankheit zu trennen sind; Seeskorbut zu den chro-
nischen Fleischvergiftungen, Landskorbut zu den Infektionskrank-
heiten zu rechnen ist.
Was die Beri Beri-Epidemien anbetrifft, um noch kurz zu
resümieren, so ist die echte tropische Beri Beri eine Infektions-
krankheit, die von England und in den Freistaaten beschriebenen
Affektionen sind Polyneuritiden unbekannten Ursprunges, vielleicht
Arsenin loxikationen, die Schiffs-Beri Beri -Intoxikationen mit zer-
setztem Salzfleisch.
1) Beobacht. über Skorbut im Kasanschen Gonv. Ärztl. Gesellschaft zu Kasan
April 1900.
VII.
Zur Klinik der Gholelithiasis.
Von
Dr. B. Kuckein,
Karlsbad (San Remo).
In nahezu allen Abschnitten der Klinik der Cholelithiasis
haben sich im Laufe der letzten Jahre neue Anschauungen Bahn
gebrochen. Für die Auffassung der Ätiologie und Pathogenese
haben zahlreiche bakteriologische und experimentelle Arbeiten den
Grund gelegt; für die pathologische Anatomie und Diagnose, für
die Beurteilung der Beziehungen zwischen dem Symptomenbilde
nnd den zugrunde liegenden anatomischen Veränderungen, sowie
für die klare Erkenntnis der therapeutischen Aufgaben haben die
dauernd zunehmenden Erfahrungen, die bei den immer häufiger
werdenden Operationen am Gallensystem gewonnen wurden, eine
neue Basis geschaffen. Volle Einigkeit ist aber noch nicht in allen
Punkten erzielt worden, und noch manche Frage harrt der defini-
tiven Klärung oder Entscheidung. Die an größeren Reihen von
Gallensteinkranken, sei es bei chirurgischer, sei es bei interner
Behandlung gewonnenen Erfahrungen werden daher immer noch
in ausgedehnterem Maße veröffentlicht, und so mag es vielleicht
auch nicht ganz unberechtigt sein, wenn ich im folgenden aus dem
von mir im Laufe der letzten 4 Jahre (1901—1904) in Karlsbad
beobachteten Cholelithiasismaterial einige statistische und kasu-
istische Mitteilungen mache.
An mit genügender Sicherheit diagnostizierbaren Fällen von
Cholelithiasis kann ich 174 benutzen, von denen ich 38 (d. h. 21.37o)
bei wiederholten Kuren zwei- bis viermal in Karlsbad gesehen
habe. Dazu kommen 11 Fälle, bei denen die Diagnose Cholelithiasis
mehr oder minder unsicher war, oder sich nachträglich als irrtüm-
lich erwies. Gerade von diesen letzteren bieten einige ein be-
sonderes diagnostisches Interesse.
92 VII. KüCKBIN
Mit Kücksicht auf eine frühzeitige Diagnose des Gallenstein-
leidens kommt den ersten Aaßeiningen, durch welche dasselbe den.
Kranken zum Bewußtsein kommt, eine nicht geringe Bedeutung zu.
In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle werden die Gallensteine,
ohne Symptome zu machen, als harmlose Fremdkörper getragen.
Der zufällige Befand von Steinen ist ein äußerst häufiger (noch
kürzlich fand Decker^) unter dem Münchener Sektionsmaterial
bei 10,6 '*/o aller Leichen Gallensteine); aber die Konkremente
machen bei ca. 95% der Fälle (Kehr*)) ihren Trägern gar keine
oder doch keine nennenswerten Beschwerden. Die Erscheinungen,
unter denen die Erkrankung aus dem Stadium der Latenz heraus-
tritt, können nun außerordentlich verschieden sein; sie können die
Sachlage mit einem Schlage klären oder aber auch so vager Natur
sein, daß die sichere Erkenntnis des Leidens auf Monate oder
Jahre hinaus ganz oder nahezu unmöglich wird.
Die Diagnose wird kaum auf Schwierigkeiten stoßen, wenn es
von vornherein zu einem typischen Anfall mit wohlcharakterisiertem
Kolikschmerz und Ikterus kommt. So war bei 35 von meinen
Fällen der Beginn des Leidens gewesen, also nur bei 20,1%. Bei
16 Fällen (9,2%) war dieser erste Anfall leicht verlaufen; der
Ikterus war von kurzer Dauer und geringer Intensität, die
Schmerzen nicht von außerordentlicher Heftigkeit, und Fieber war
nicht dabei beobachtet worden. Diesen Fällen stehen 19 (10.9%)
andere gegenüber, bei denen die erste Äußerung der Cholelithiasis
sofort eine sehr schwere Kolik war, mit intensivem, mehrere Tage
bis Wochen dauerndem Ikterus, mit den heftigsten Schmerzen, und
oft mit hohem Fieber verbunden.
Bei der Mehrzahl dieser Fälle, jedenfalls bei den letzteren,
primär einen mehrtägigen intensiven Ikterus mit entfärbten Stühlen
aufweisenden, darf man wohl mit ziemlicher Sicherheit annehmen,
daß es sich sogleich um eine Wanderung von Steinen bis in oder
durch den Choledochus, also um einen echt lithogenen Ikterus ge-
handelt hat. Wie oft dabei die primäre Attacke eine erfolgreiche
war, ist aus den Angaben über konstatierten Steinabgang nicht
direkt festzustellen; bei der großen Mehrzahl der Patienten waren
die Entleerungen nicht genügend oder gar nicht untersucht worden.
Da aber ein Zurückgleiten von Steinen aus dem Choledochus un-
1) Münch. med. Woch. 1904 Nr. 39.
2) Anleitung znr Erlernung der Diagnostik der einzelnen Formen der GaUen*
Steinkrankheit. Berlin 1899.
Zur Klinik der Cholelithiasis. 93
möglich ist (Riedel^), and andererseits ein länger dauernder
starker Ikterus mit entfärbten Stühlen einen lithogenen Choledochus-
Verschluß zum mindesten sehr wahrscheinlich macht, so wird man
^n denjenigen Fällen dieser Art, wo sich an den ersten Anfall
nicht gleich die Zeichen von chronischem Choledochusverschluß
anschließen, und das war bei keinem meiner Kranken dieser
Gruppe der Fall, eine erfolgreiche Kolik annehmen dürfen. Wie
oft es sich, namentlich bei der leichteren, schnell vorübergehenden
Gelbsucht, um lediglich entzündlichen Ikterus gehandelt hat,
darüber kann man keine Vermutungen aufstellen.
Wenn bis zum ersten Anfall alle Erscheinungen von Seiten
der Verdauungsorgane und des Gallensystems fehlten, wird man
frühere Entzündungen, und damit auch Adhäsionen und Knickungen
des Choledochus als Ursache des ersten Anfalls ausschließen können.
Das brüske Einsetzen der Erscheinungen wird einen Tumor un-
wahrscheinlich machen, obwohl, wie Kehr^) hervorhebt, gelegent-
lich auch einmal ein Choledochuscarcinom Kolikanfälle machen
kann, die von Steinkoliken nicht zu unterscheiden sind. Der Kolik-
schmerz endlich wird erlauben, einen einfach katarrhalischen Ikterus
auszuschließen ; kurz die Diagnose wird sich in diesen Fällen meist
von selber aufdrängen und selten wird sie durch den weitem Ver-
lauf widerlegt werden. Es sind zwar auch typische Gallenkolik-
anfalle mit Ikterus von Krukenberg') beobachtet worden, wo
bei der daraufhin vorgenommenen Operation nichts von Steinen
gefunden vnirde, vielmehr eine abnorme Beweglichkeit der lang-
gestielten Gallenblase, eine „Wandergallenblase" sich als Ursache
der Anfälle herausstellte. Derartige Vorkommnisse gehören aber
zu den größten Seltenheiten, und im allgemeinen wird man aus
dem primären Auftreten von Koliken mit Ikterus mit großer
Sicherheit auf Gallensteine schließen dürfen.
Gröbere anatomische Veränderungen an den Gallenwegen sind
in diesen Fällen noch nicht zu erwarten, und es liegt daher auch
keinerlei Grund vor, bei solchen Fällen etwa gleich operativ ein-
zugreifen. In der Tat sind es auch diese Fälle, bei denen Kehr
die Operation geradezu für kontraindiziert hält, es sei denn, daß
sich sofort Zeichen einer schweren Infektion entwickeln, während
Biedel auch bei ihnen schon eine gründliche Entfernung der
1) Mitteiluni^en ans den Grenzgebieten der Ohir. u. inn. Med. III 2.
2) 1. c. S. 209.
3) Berlin, klin. Wochenschr. 1903 Nr. 29.
94 VII. KCOXXIN
Steine fär angezeigt hält^ wenn es sich nicht mit Sicherheit nach*
weisen läßt, daß es sich um eine erfolgreiche Kolik handelte, oder
wenn ein entzttndlicher Prozeß überhaupt als Ursache des AnfaÜB
anzunehmen ist Im allgemeinen wird aber wohl der Standpunkt
Kehr 's geteilt und in einer primären Gallenkolik mit Ikterus die
Indikation zu einer internen Kur gesehen. Je früher eine solche
unternommen wird, um so größer sind die Chancen einer genügenden
Eestitutio, d. h. der Herstellung einer Gallenblase, die zwar meist
nach wie vor Steine enthält, deren Wandungen aber in einem
solchen Zustande sind, daß sie dieselben vertragen.
Unter meinen 35 Fällen sind nur 14, die innerhalb eines
Jahres nach dem ersten Anfall eine Kur in Karlsbad unternahmen;
von diesen 14 waren seitdem dauernd beschwerdefrei 6. Von den
anderen 21 Kranken, die nicht so schnell nach Karlsbad kamen,
blieb nur 1 dauernd von weiteren Anfällen frei; die übrigen hatten
mehr minder häufige weitere Anfälle. Auch diese Patienten kamen
ja später noch nach Karlsbad und wurden meist nach einer oder
wiederholten Kuren in das Stadium der Latenz zurückgebracht.
Aber die Aussichten für einen raschen und gründlichen Einfluß
der Knr sind dann zweifellos geringere.
Es kann sich bei diesen Anfällen auch lediglich um den Ab-
gang von schlammartigen primären Anlagen handeln. Fink^}
weist wiederholt darauf hin, daß auch diese Massen Ikterus er-
zeugen können, wenn sie erheblich genug sind, um beim Abgang
Koliken zu veranlassen. Da nun diese schlammigen Massen durch
die Karlsbader Kur zur Ausstoßung gebracht werden können, be-
tont auch Fink die Notwendigkeit frühzeitiger Kuren. Es wird
sich demnach empfehlen, in solchen Fällen nicht erst -zu warten,
bis eine mehr oder minder häufige Wiederholung der Anfälle zu
einem energischeren Vorgehen drängt.
Dafür, daß diejenigen Fälle, die von vornherein mit einem
charakteristischen Anfall einsetzen und daher ja auch wirklich in
der Regel schneller zu einer zweckmäßigen internen Behandlung
kommen, als die schleichend beginnenden im Durchschnitt eine
bessere Prognose geben, spricht auch der Umstand, daß unter
operierten Gallenstein kranken solche mit dem bisher besprochenen
Beginn erheblich seltener sind. Ich habe zum Vergleich aus
einigen Publikationen von Kehr^) die wegen Cholelithiasis ope-
1) Münchener med. Wochenschr. 1904 Nr. 30 und 47.
2) Neue Erfahrungen auf dem Gebiete der Gallensteinchinirgie. Berliner
Zur Klinik der Cholelithiasis. 95
rierten Patienten nach denselben Gesichtspunkten g^rappiert wie
diejenigen meiner Beobachtung. Dabei ergaben sieh unter 263
operierten Kranken nur 7,9% gegen 20,1% meiner Beobachtungs-
reihe, die primär Kolik und Ikterus gehabt hatten, und zwar war
bei 3,6^0 dieser erste Anfall leicht, bei 4,3% schwer gewesen.
Dem entspricht auch die Angabe von RiedeP), welcher rechnet,
daß mindestens 90% anfangs frei von Ikterus sind, wonach also
auch nur bei 10% primärer Ikterus vorkäme.
Diesen 35 Fällen, bei denen die Cholelithiasis mit Koliken
and Ikterus begann, stehen nun 74 oder 42,5% gegen tkber, bei
welchen zuerst zwar auch eine Kolik, aber ohne Ikterus auftrat.
Aoch hier waren nennenswerte Beschwerden allgemeinerer Art
nicht vorausgegangen, und die Kolik befiel den bis dahin ganz ge^
Sünden und ahnungslosen Patienten. Auch bei manchem von diesen
Fällen ist es möglich, daß ein Stein bis in den Choledochus ge^
langte, denselben aber so schnell passierte, daß es zu einem wahr*
nehmbaren Ikterus nicht kommen konnte, daß es sich also um eine
erfolgreiche primäre Kolik ohne Ikterus handelte. RiedeP)
meint allerdings, daß Steine bis in den Daim ohne Auftreten von
Ikterus nur selten gelangen könnten, nämlich entweder wenn sie
sehr klein wären, oder wenn sich eine Fistel nach dem Darm ge-
bildet hätte. Letzteres ist bei nnseren hierher gerechneten Fällen
nicht anzunehmen, da dem ersten Anfall keine Bevschwerden vor-
ausgingen und eine ganz latente Ausbildung einer Fistel kaum
denkbar ist. Naunyn*) dagegen, dem sich auch Decker*) an-
schließt, nimmt an, daß bei 50 % der Fälle mit erfolgreicher Kolik
Ikterus fehle, so daß also auch Anfälle ohne Ikterus recht oft er-
folgreich sein könnten und eine sichere Unterscheidung von erfolg-
reicher und erfolgloser Kolik, wenn der Ikterus als Kriterium fort-
fällt, nahezu unmöglich wird, da auch der Nachweis von Konkre-
menten im Stuhl gar zu unsicher ist.
Eine sichere Entscheidung in der Frage nach der Häufigkeit
der erfolgreichen Anfalle dürfte daher kaum möglich sein; es kann
sich nur um Schätzungen handeln. Jedenfalls aber scheint mir
die Annahme RiedeTs, daß es nur in 10% zu erfolgreichen An-
Klinik Nr. 78 1894. Über Recidive nach Gallensteinoperationen. Berlin. Klinik
Nr. 148 1900. Anleitung zur Erlernnng der Diagnostik etc. Berlin 1899. Be-
richt über 187 Gallensteinlaparutomien aas dem letzten Jahre. München 1904.
1) Mitteil, aus den Grenzgebieten etc. III 2 und IV 4.
2] Mitteil, aus den Grenzgebieten IV 1 und IV 4.
3) Münchener med. Wochenschr. 1904 39.
96 VII. KccKsnr
fällen komme, za niedrig gegriffen; schon aas der Zahl meiner
Fälle mit primärem Ikterus würde man auf mindestens 10%
schätzen und aus der Gruppe ohne Ikterus wird man wohl auch
noch 10% ^01^ erfolgreichen Anfällen rechnen dürfen, so daß ich
20% als die niederste wahrscheinliche Zahl der primär erfolg-
reichen Anfälle annehmen möchte.
In der Mehrzahl der zu dieser Gruppe gerechneten Fälle, bei
42 (24,1%) waren die Schmerzen der engten Attacke nicht sehr
heftig, dauerten nur kurze Zeit, höchstens einige Stunden, waren
nicht von Erbrechen begleitet und alterierten das Allgemeinbefinden
wenig. Bei den anderen 32 Fällen (18,4 %) dagegen war der ei-ste
Anfall schon von erheblicher Intensität: die Schmerzen dauerten
einen ganzen Tag oder noch länger an, so daß die Anwendung
von Morphiuminjektionen nötig wurde; sie wurden von heftigem
und wiederholtem Erbrechen begleitet, und der erste Anfall stellte
schon eine recht empfindliche akute Erkrankung dar. Bei den
leichten Kolikanfällen verwischen sich die Grenzen gegen einen
sog. Magenkrampf einigermaßen; ich habe hierher daher nur
diejenigen Fälle gerechnet, bei denen der Charakter der Kolik noch
so ausgesprochen war, daß gleich aus diesem ersten Anfall die
Diagnose gestellt wurde.
Für die Diagnose ergibt sich in diesen Fällen aus dem Fehlen
des Ikterus schon eine Schwierigkeit, die unter Umständen recht
beträchtliche Zweifel in der Auffassung des vorliegenden Zustandes
wird aufkommen lassen; die sichere Unterscheidung von den
Schmerzen eines Ulcus ventriculi, von Nierenkolik usw. ist nicht
selten unmöglich. Immerhin bietet meist die Eigenart des Kolik-
anfalls mit der Lokalisation der Schmerzen in der rechten Ober-
bauchgegend und den häufigen Ausstrahlungen in den Kücken und
die rechte Schulter schon ein genügend charakteristisches Bild.
In einer Reihe von Fällen gibt die nachweisbare Schwellung der
Gallenblase, die als mehr minder großer, harter Tumor während
des Anfalls oder dauernd fühlbar wird, wenn ein akuter oder chro-
nischer Hydrops zustande kommt, oder auch schon eine deutlich
lokalisierte Druckempfindlichkeit der Gallenblasengegend, endlich
vielleicht eine akute Schwellung der Leber einen wichtigen Finger-
zeig für die Diagnose ab. Aber in manchen Fällen können alle
diese diagnostischen Hinweise fehlen und bei einem derartigen
ersten Anfall die Diagnose ungewiß bleiben. Meist wird dann der
weitere Verlauf die nötige Aufklärung bringen; aber auch die
längere Beobachtung läßt bisweilen im Stich, sogar wenn durch
Zur Klinik der Cbolelithiasis. 97
hinzukommenden Ikterus der Beweis einer Affektion am Gallen-
system erbracht wird. Es handelt sich dann um andere Erkran-
kungen der Leber und ihrer Anhänge, die das Bild der Gholeli-
tbiasis vortäuschen. Ohne hier die ganze Differentialdiagnose der
mit Kolikanfällen einhergehenden Cbolelithiasis erörtern zu wollen,
möchte ich nur einige Fälle erwähnen, bei denen die Schwierig-
keiten der Diagnose nicht ohne einiges Interesse waren.
Zunächst verdient ein Fall erwähnt zu werden, den ich zwar
nur einigemal zu sehen Gelegenheit hatte, über dessen weiteres
Schicksal ich aber, dank der freundlichen Mitteilungen des Herrn
Primarius Dr. Fink, genügend orientiert bin, um ihn hier mit heran-
ziehen zu können.
I. Frau P. aus B., 24 Jahre alt (August 1904). In der Kindheit
freennd. 2 normale Partus. Vor 7 Monaten ganz plötzlich heftige Kolik :
Schmerzen in der rechten Oberbauchgegend, Erbrechen, Fieber, kein
Ikterus. Nach 3 Wochen Besserung. 3 Monate später ähnlicher An-
fall, mit Ikterus, von 3 Wochen Dauer: starke Beeinträchtigung des
AUgemeinbefindeus. Danach Erholung. Vor 4 Wochen dritter Anfall
mit hohem Fieber, starkem Ikterus; Dauer wenig über 1 Woche.
Die Diagnose war auf Cholelithiasis gestellt worden und wegen der
Schwere und häufigen Wiederholung der Attacken ein operativer Ein-
griff in Aussicht genommen. Da der Allgemeinzustand aber sehr erbeblich
gelitten hatte, und namentlich der Zustand des Herzens die Gefahren
der Narkose und der Operation recht bedeutend erscheinen ließ, wurde
derselbe wieder aufgegeben und der Patientin der Rat gegeben, eine
Kar in Karlsbad zu versuchen. An der Diagnose Cholethiasis war bei
verschiedenen Konsultationen bekannter Kliniker und Chirurgen nie ge-
zweifelt worden.
Befund am 4. August 1904: Kleine, grazil gebaute Person; gelblich'
blasser Teint ; kein Ikterus. Hechte untere Lungengrenze V. Interkostal-
rauru. Puls 116, klein, weich, regelmäßig. Leise, aber reine Herztöne.
ÜDterer Leberrand 2 Querfinger unter dem Bippenbogen ; Leber hart,
nicht druckempfindlich. Rechts neben der Mittellinie ein apfelgroßer
Zapfen, der den Leberrand überra^^t ; derselbe wurde für den Biedel'schen
Lappen gehalten. Gallenblase nicht fühlbar. Keine Druckempfindlichkeit
der gesamten Lebergegend. Abendtemperatur 37 — 37,3 ®. — Nach wenigen
Tagfu hohes Fieber mit Schüttelfrost; solche Anfälle wiederholen sich
immer wieder. Ikterus. Enorme Schwellung und Empfindlichkeit der
Leber. Kräfte verfall. Diagnose: Leberabsceß; Echinokokkus? Inzision
(Primarius Dr. Fink); Eröffnung eines großen Abscesses im linken Lappen,
nahe der Vorderfläche, der sich in der Tat als vereiterter Echinokokkus
erwies. Nach 8 Tagen Exitus. Keine Sektion.
Die Frage, ob in diesem Fall etwa eine Komplikation des
Echinokokkus mit Gallensteinen vorlag, ist nicht entschieden worden,
da sich bei der Operation nicht die Gelegenheit bot, die Gallen-
Deatacbes Arohiv f. klin. Medizin. 86. Bd. 7
98 Vn. Kuckein
blase nachzusehen. Diese Komplikation ist, wenn auch selten, be-
obachtet worden. Einen derartigen Fall teilt Beyer*) mit und
erwähnt außerdem noch 6 andere aus der Literatur. Beyer
nimmt an, daß die bei seinem Fall früher beobachteten Koliken
allein von den Steinen ausgelöst waren, und daß dem schon seit
Jahren vorhandenen Echinokokkus für die Entstehung der Steine
eine ätiologische Bedeutung zukomme.
Aber auch ohne die Komplikation mit Gallensteinen kann ein
Leberechinokokkus typische Gallenkoliken mit Ikterus auslösen
und vollständig das Bild der Cholelithiasis erzeugen. In der Mehr-
zahl der Fälle handelt es sich dann um Perforation des Sackes
in die Gallenwege und Entleerung der Tochterblasen in diese und
eventuell in den Darm. Es ist erklärlich, daß unter diesen Um-
ständen, wo die Echinokokkusblasen völlig die Rolle von Gallen-
steinen übernehmen, auch die Symptome der Gallensteinkrankheit
in die Erscheinung treten. Körte*) beobachtete einen derartigen
Fall, in dem durch den Nachweis von Membranfesten des Echino-
kokkus in den Fäces die Diagnose geklärt wurde. 2 hierher-
gehörige Fälle teilte ferner Sasse*) mit, von denen der zweite
insofern mit dem unsrigen große Ähnlichkeit hat, als bei ihm durch
mehrere Jahre gelegentlich Koliken aufgetreten waren, die für
Cholelithiasis gehalten wurden. Sasse nimmt an, daß schon die
erste derartige Kolik Folge des Durchbruchs des Echinokokkus-
sacks gewesen sei, daß dann nach teilweiser Entleerung der Cyste
die Verbindung derselben mit dem betreffenden Gallengang sich
zeitweise geschlossen habe und daß periodisch, wenn die Spannung^
in der Cyste wieder zugenommen hatte, neuerliche Entleerung von
Cysteninhalt, Flüssigkeit und Tochterblasen, in die Gallen wege
stattgefunden habe.
Beyer äußert in der erwähnten Arbeit, daß dieser Zusammen-
hang bei weitem am häufigsten vorliege, wenn ein Leberechino-
kokkus zu cholelithiasisartigen Koliken führt. Er führt dann
noch einen dritten Mechanismus an, von dem 3 Fälle publiziert
sind; in diesen hatte die Cyste intermittierend nach Art eines
Tumors von außen den Choledochas komprimiert und auf diesem
Wege zu Koliken geführt. — Auf welche Art in unserem Falle
die Kolikanfälle zustande gekommen waren, ist nicht sicher zu
1) Deutsche Zeitschrift f. Chirurgie Bd. 72 1/3.
2) Beiträge zur klin. Chirurgie Bd. 23 2.
3) Archiv für klin. Chirurgie Bd. 74 4.
Zur Klinik der Cholelithiasis. 99
entscheiden. Daß nach dem Vorhandensein von Steinen während
der Operation nicht geforscht werden konnte, ist bereits erwähnt;
wahrscheinlich ist dasselbe nach Feststellung des Echinokokkus
bei der Art des Verlaufs der ganzen Erkrankung gerade nicht
mehr. Auch eine Kommunikation der Cyste mit den Gallenwegen
wurde nicht nachgewiesen, ebensowenig Membranfesten in den
Fäces. Trotzdem ist es wohl naheliegend anzunehmen, daß eine
Perforation der Cyste in das Gallengangssystem stattfand und zu
den Koliken und dann zur Vereiterung der Cyste führte.
Während in dem eben mitgeteilten Fall durch den Verlauf
und die Operation die Diagnose aufgeklärt wurde, dürfte es in
dem folgenden kaum möglich sein, zu einer sicheren Erklärung des
Krankheitsbildes zu kommen.
n. Herr K. aus B. (Juli 1901 und Juli 1902), 55 Jahre. Seit
yielen Jahren Übelkeiten, Völle, Druck in der Magengegend, selten Er-
brechen. Beichlicher Bier- und Weinkonsum. Vor 4 Monaten ganz
plötzlich heftige, 5 stündige Abdominal kolik mit Erbrechen. Ikterus nicht
sicher beobachtet. Danach Fortbestehen der früheren Beschwerden. Kein
zweiter Anfall. Befund : Brustorgane und Harn normal. Ziemlich starker
Meteorismus, kein Ascites. Leber reicht bis zu Nabelhöhe; namentlich
rechter Lappen sehr groß und hart; Oberfläche glatt und eben. Links
ist der untere Leberrand dünn weich und leicht umzuklappen. Kein
Ikterus, Oallenblase nicht palpabel. Keine Druckempfindlichkeit. Milz
nicht vergrößert. Nach 4 wöchentlicher Kur wesentliche Besserung der
Beschwerden; Leber vielleicht etwas weicher, jedenfalls nicht kleiner. —
Juli 1902: Im letzten Jahre nur nach gröberen Diätfehlern unbedeutende
Magenbeschwerden. Keine Kolik. Obstipatio. Konsistenz der Leber
gegen das Vorjahr deutlich vermindert; Größe 'unverändert. Kein Milz-
tomor, kein Ascites, kein Ikterus. Im Laufe der zweiten Kur geht die-
Größe der Leber um etwa 2 Fingerbreiten zurück. — Jetzt nach
2 weiteren Jahren laut schriftlicher Nachricht gutes Befinden. Nie
wieder eine Kolik.
Ob in diesem Fall der Eolikanfall als eine Steinattacke zu
deuten ist, erscheint recht zweifelhaft. Auch über die anatomische
Grundlage der Leberschwellung ist es kaum möglich, sich ein be«
stimmtes Urteil zu bilden. Das Bild paßt weder für die hyper-
trophische, ikterische Cirrhose, noch für die atrophische, Laennec'sche.
Wenn auch für die letztere das Kleinerwerden der Leber sprechen
könnte, so bieten doch der Rückgang der Konsistenz der Leber^
das Fehlen eines Milztumors und Ascites ebenso viele Schwierig-
keiten für die Diagnose. Man könnte daran denken, daß durch
eine Cholelithiasis die Leberveränderung hervorgerufen wäre ; aber
in diesem Falle müßte doch der Prozeß von den Gallenwegen aus-
100 VII. KUCKBIH
gegangen sein, und daß ein krankhafter Vorgang in denselben, der
zu einer so erheblichen Lebervergrößerung führen konnte, nie
Ikterus oder andere schwerere Störungen bedingt haben sollte, ist
kaum denkbar. Wenn man bei sicher üallensteinkranken eine so
stark vergrößerte und harte Leber sieht, so handelt es sich ent-
weder um chronischen Choledochusverschluß mit wochen- oder
monatelang dauerndem Ikterus oder um alte Fälle, bei denen
schwere entzündliche Prozesse oder Gallenstauungen schon in häu-
figen Recidiven aufgetreten sind. Es ist demnach wohl anzunehmen,
daß es sich um primäre cirrhotische, atypische Vorgänge auf der
Basis des Alkoholismus handelte. Dann bleibt aber der Eolikanfall
zu erklären.
Gelegentlich kommen ja bei Cirrhosen kurz dauernde Anfälle
von Schmerzen in der Lebergegend vor, die als akute Hyperämie
der Leber zu deuten und mei^t durch Exzesse im Essen und Trinken
hervorgerufen sind (Quincke')). Aber es ist auch nicht auszu-
schließen, daß es sich um einen echten Gallensteinanfall handelte
und daß Gallensteine neben einer primären Cirrhose vorhanden
waren, wobei es dahingestellt bleiben mag, ob die Cirrhose auf die
Bildung der Steine begünstigend mit einwirkte. Müller*) weist
nachdrücklich darauf hin, daß es bei Cirrhose recht häufig zur
Bildung von Konkrementen komme. — Endlich wäre vielleicht auch
in diesem Fall der Gedanke an einen Echinokokkus der Leber zu
erörtern. Der Patient hielt einen Stubenhund, und vielleicht konnte
die besonders hervortretende Vergrößerung des rechten Leber-
lappens in diese Richtung weisen. Zu mehr wie einer vagen Ver*
mutung berechtigt aber der Symptomenkomplex jedenfalls nicht.
— Sehr ähnlich lagen die Dinge im folgenden Fall:
III. Frau E., FörBtersgattin aus Rußland, 42 Jahre alt (Juli 1902).
Bis vor 1^4 Jahren stets gesund. März 1901 heftiger Kolikanfall mit
^Erbrechen. Schmerzen vom rechten Hypochondrium ins ganze Abdomen
ausstrahlend. Kein Ikterus. Öftere Wiederholung solcher Anfälle, nament-
lich nach Diätfehlern. Schmerzen manchmal auch deutlich links lokalisiert.
Harn beim Anfall sehr dunkel. Ikterus nie beobachtet. Befund: Blässe,
kein Ikteius. Kein Ascites. Leher, namentlich im linken Lappen stark
vergrößert; derselbe reicht bis unter den Nabel, ist stark verdickt, sehr
derb. Höhe der Leberdämpfiing: rechte Mammillarlinie 11^2» Mittel-
linie 17 cm. Keine Druckempfindlichkeit. Milz gerade palpabel, Höhe
der Dämpfung 9 cm. Gal leublase nicht fühlbar. Im frischen Blutpräparat:
Blässe der roten Blutkörperchen, auffallend viel Blutplättchen. Spur
1) Nothnagel, Handbuch der spez. Path. u. Ther. Bd. XVIII.
2) Würzburger Abhandlungen I 2.
Zur Klinik der Cholelithiasis. 101
Albamen im Harn. — Während der Kur gutes subjektives Befinden;
objektly keine Änderung.
Auch in diesem Falle läßt sich nicht entscheiden, ob die nach-
weisbaren, erheblichen anatomischen Veränderungen der Leber
allein die Beschwerden und namentlich auch die Schmerzanfälle
hervorgerufen hatten, oder ob man auch eine Steinbildung an-
nehmen müßte. Auch in diesem Falle schien es sich um cirrho-
tische Prozesse in der Leber zu handeln, eine Diagnose, die in der
nachweisbaren Milzvergrößerung ihre Stütze fand. Aber auch ein
Leberechinokkus ließ sich nicht ausschließen; die stärkere Ver-
größerung des linken Leberlappens dem rechten gegenüber war
sehr auffallend, und als Gattin eines Försters hatte die Patientin
genug Gelegenheit zur näheren Berührung mit Hunden und damit
zur Infektion gehabt. Eine sichere Deutung des Krankheits-
bildes ist aber wohl auch in diesem Falle nicht möglich.
Endlich möchte ich hier noch einen Fall anführen, der dadurch
merkwürdig ist, daß bei ihm der Sitz der Schmerzen stets auf der
linken Seite lokalisiert wurde.
IV. Frau L., Witwe, aus B., 55 Jahre alt (Mai 1904). In der
Jagend oft Magenbeschwerden, sonst gesund. Seit ca. 12 — 14 Jahren
Scbmerzanfällo in unregelmäßigen Intervallen von Wochen bis vielen
Monaten. Schmerzen stets im linken Kypochondrium, meist in den
Kücken, nie in die Schulter ausstrahlend. Sehr selten dabei Erbrechen,
einigemal leichter Ikterus. Bei den Anfällen Obstipation; auf Bizinusöl
anßallend hellfarbige Stühle. Dauer der Koliken einige Stunden; sie
wurden meist durch Morphium in jektion kupiert. Letzter Anfall vor
7 Monaten, danach im Stahl 7 Steine gefunden. Seitdem zuweilen
Drnck im Leibe ohne bestimmte Lokalisation. Im Harn nie Blut oder
sandige Abgänge. — Mittelstarke Adipositas. Befund ganz negativ.
Kein Situs inversus. Keine Druckempfindlichkeit der Leber- und Oallen-
blasengegend.
Die Diagnose der Gallensteinkolik dürfte in diesem Fall trotz
der linksseitigen Lokalisation der Schmerzen zweifellos sein. Für
Nierenkoliken liegen keinerlei positive Anhaltspunkte vor. Die
Art der Anfälle, der einigemal beobachtete, wenn auch leichte
Ikterus, und endlich der Befund von Konkrementen in den Fäces
(daß es sich etwa um verseifte Klumpen von Rizinusöl handelte,
ist wohl nicht wahrscheinlich) beweisen zur Genüge, daß die Ko-
liken vom Gallensystem ausgingen. — Fälle von Cholelithiasis mit
ausgesprochen und ausschließlich linksseitigem Sitz der Schmerzen
scheinen sehr selten zu sein. Ein- solcher Fall wurde von Ger-
102 VII. KUCKBIN
hard') mitgeteilt, der auch einen zweiten, früheren, von Naunyn
mitgeteilten erwähnt. Gerhard führte die eigentümliche Lokali-
sation der Schmerzen auf eine Mitbeteiligung der linken, dislozierten
Niere zurück ; diese soll beim Anfall sekundär anschwellen und die
Schmerzen veranlassen. Daß in der Tat eine linksseitige Wander-
niere beim Gallensteinanfall schwellen und druckempfindlich werden
kann, konnte Gerhard an einem anderen Fall direkt beobachten,
in welchem allerdings die spontanen Eolikschmerzen nicht links
empfunden wurden. In meinem Fall waren die Nieren nicht pal-
pabel; bei dem sehr starken Fettpolster der Bauchdecken wäre es
aber immerhin möglich, daß ein mäßiger Grad von beweglicher
Niere der Palpation entgangen wäre. Eine andere Erklärung des
linksseitigen Kolikschmerzes, wie sie Naünyn für seinen Fall
gegeben hatte, wäre die durch besondere Nerven Verbindungen.
Man könnte sich dieselben nach Analogie derjenigen nervösen
Bahnen denken, die so oft ein Ausstrahlen des Kolikschmerzes in
die rechte Schulter bedingen. Bei der großen Seltenheit der links-
seitigen Lokalisation des Schmerzes müßte es sich aber in solchen
Fällen um abnorme nervöse Anastomosen handeln.
Obwohl also in den bisher besprochenen Fällen, in denen die
erste aktuelle Äußerung der Cholelithiasis ein ausgesprochener
Kolikanfall, sei es mit, sei es ohne Ikterus ist, die Diagnose darum
doch noch nicht immer von vornherein ganz zweifellos zu sein
braucht, wird dieselbe doch in der großen Mehrzahl der Fälle
nicht schwierig sein. Ganz anders ist es bei der großen Reihe von
Kranken, bei denen der erste Anfall nicht aus voller Gesundheit
heraus auftritt, sondern bei denen allgemeine Beschwerden seitens
der Verdauungsorgane dem ersten Kolikanfall mehr minder lange
vorausgehen. Auch hier käme es darauf an, möglichst frühzeitig,
also schon vor dem Auftreten der typischen Attacken, die sichere
Diagnose zu stellen; aber die Schwierigkeiten derselben sind in
diesen Fällen außerordentlich große, oft unüberwindliche. Auf die
Wichtigkeit dieser Fälle mit initialen vagen Magenbeschwerden
oder -Schmerzen ist in letister Zeit von verschiedensten Seiten
immer wieder hingewiesen worden, so z. B. von Riedel*), der
meint, daß von allen Kranken mit sogenannten Magenkrämpfen
90% an Gallensteinen litten, von Decker^), der die ent-
1) Deutsch. Arch. f. kliu. Medizin Bd. 73 p. 162.
2) Münch. medizin. Wochenschr. 4905 Nr. 17.
3) Münch. medizin. Wochenschr. 1904 Nr. 39.
Zur Klinik der Cholelithiasis. 103
sprechende Zahl zu 80% schätzt, von Körte ^), Boas*), Grube"),
Müller^) etc.
Diese Gruppe ist auch unter meinen Fällen die größte. Unter
den 174 Gallensteinkranken hatten 61 (= 35,1%) schon seit
längerer oder kürzerer Zeit' an den mannigfachsten Beschwerden
gelitten. Den Übergang zu den Fällen mit initialer leichter Kolik
ohne DLterus bilden diejenigen, bei denen ausgesprochene Schmerz-
an fälle vom Charakter des Magenkrampfes auftreten. Von den
eigentlichen Koliken unterscheiden sich diese Attacken wohl haupt-
sächlich dadurch, daß sie viel weniger heftig sind, daß sie mehr
nach der ]VIitte des Epigastriums zu lokalisiert sind, daß sie weder
in den Rücken noch in die Schulter ausstrahlen und daß sie meist
nach ganz kurzer Zeit wieder vorübergehen. Trotzdem gehen sie
zweifellos von der Gallenblase aus. Von der Nahrungsaufnahme
sind sie oft ganz unabhängig, oder sie treten mit Vorliebe nach
dem Essen auf. Zuweilen stellen sie sich aber auch gerade bei
nüchternem Magen ein und werden dann sogar durch eine Nahrungs-
aufnahme beseitigt oder doch gemildert. — Oft handelt es sich
nur um ganz unbedeutende Schmerzen in der Magengegend, oder
nur um ein zeitweise auftretendes Gefühl von Druck und Völle in
derselben. Andere Patienten wieder klagen über gelegentliche
Ublichkeiten oder häufiges Aufstoßen, namentlich nach schweren
Speisen. Endlich handelt es sich manchmal nur um ganz vage
Empfindungen von Unbehagen in der Oberbauchgegend. Körte
führt zur Erklärung dieses Hervortretens von Magenerscheinungen
bei der Cholelithiasis 3 Gründe an: die für die Gallenblase und
den Magen in den gleichen Bahnen verlaufenden sensiblen Nerven,
den physiologischen Zusammenhang der Funktion von Magen und
Gallenblase und endlich die Wechselwirkung von krankhaften Zu-
ständen beider Organe aufeinander. Fast immer werden auch
diese Beschwerden auf eine Erkrankung des Magens zurückgeführt,
bis die später auftretenden, zweifellosen Cholelithiasissymptome be-
weisen, daß in den Gallenwegen die Ursache der Verdauungs-
störungen gelegen hatte. Dabei mag es sich lediglich um die
Wirkung der Steine als Fremdkörper handeln oder, und das dürfte
das Häufigere sein, um beginnende entzündliche Vorgänge in der
Gallenblase. Diese Fälle sind nun deshalb von so großer Be-
1) Beiträge zur Chirnrgie d. Gallen wege, Berlin 1905.
2) Münch. medizin. Wochenschr. 1902 15.
3) Arch. f. Verdaunngskrankh. X 2.
4) Würzburger Abhandl. I 2.
104 VIL Kuckbin
deutung, weil in diesem Anfangsstadiam von einer internen Be-
handlung, die zweifellos am zweckmäßigsten aus einer gründlich,
am besten in Karlsbad selbst durchgeführten Karlsbader Kur be-
steht, ein nachhaltiger Erfolg mit größter Wahrscheinlichkeit er-
wartet werden kann. Auch Decker^) weist nachdrücklich darauf
hin, daß in diesem Stadium die Latenz sich mit ziemlicher Sicher-
heit leicht wiederherstellen läßt. Aber die zweckmäßige Therapie
kommt in diesen Fällen äußerst selten so frühzeitig zur Anwendung.
Fast alle Kranken kommen erst nach Karlsbad, wenn bereits eine
ordentliche Kolik aufgetreten ist. Solange die erwähnten geringen
Beschwerden bestehen, können aber folgenschwere, anatomische
Veränderungen in und um die Gallenblase sich entwickeln. Zu-
nächst ist der Gallenabfluß noch frei und die Steine liegen ruhig;
darin und in der geringen Intensität der entzündlichen Prozesse
ist der Grund dafür zu suchen, daß es nicht zu Koliken und
heftigeren Beschwerden kommt. Wenn es dann aber aus irgend-
welchen Gründen zu intensiverer Entzündung kommt, oder wenn
sich ein Stein im Blasenhals vor die Cysticusmündung legt oder
gar bis in den Cysticus oder Choledochus selbst vorrückt, so daß
die freie Zirkulation der Galle unmöglich wird, dann ist das
Terrain für alle schlimmeren Folgen vorbereitet; die geschwollene
und aufgelockerte Schleimhaut wird der Einwanderung virulenterer
Keime weniger Widerstand entgegensetzen können; es wird leichter
zu pericholecystischer Peritonitis, zu Verwachsungen, Knickungen
etc. kommen, als wenn ein solcher akuter Vorfall eine bis dahin
annähernd normale Gallenblase befällt.
Andererseits aber sind die Bedingungen für eine Beinigung
der Gallenblase von schleimigen Partikeln, von schlammigen
primären Anlagen oder Niederschlägen und endlich von bakteriellen
Einwanderungen in dieser Zeit vor einer ersten Attacke durchaus
günstige. Der Cysticus ist wohl immer frei, da sein Verschluß
kaum je ohne heftigere Erscheinungen abgehen dürfte; und damit
ist die erste Bedingung für die Möglichkeit einer gründlichen
Durchspülung der Gallenblase gegeben.
Kuhn^) stellt einen ganzen Plan für die Prophylaxe der
Cholelithiasis auf bei Personen, die dazu disponiert sind durch
Fettsucht, Hängebauch, unzweckmäßige Lebensweise etc. Aber so-
lange noch keinerlei Beschwerden bestehen, wird es nicht leicht
1) 1. c.
2j Berliner Klinik Nr. 177 und 180.
Zar Klinik der Cholelithiasis. 105
sein die Befolgung von allerlei diätetischen und anderen Maß*
nahmen durchzusetzen. Wenn es aber einmal zu den besprochenen
Erscheinungen gekommen ist und sich die Folgen der Gallensteine
bereits bemerkbar zu machen beginnen, dann dürften allgemeine
diätetische Vorschriften meist nicht mehr genügen, dann ist es
zweifellos bei weitem das beste, ohne Zeitverlust eine wirkliche
Eur einzuleiten. Dadurch könnte vielleicht in manchem Fall die
Entwicklung von Zuständen, die späterhin zur Notwendigkeit der
operativen Behandlung führen, hintangehalten werden.
Die möglichst sichere Diagnose ist also bei diesen initialen
Fällen von nicht zu unterschätzender Bedeutung ; leider ist es aber
in der Mehrzahl der Fälle wohl kaum möglich, weiter als zu einer
mehr minder wahrscheinlichen Vermutung zu gelangen. Außer
den sehr vagen anamnestischen Daten, die höchstens einen ganz
unbestimmten Hinweis enthalten, sind in diesem Stadium meist
nur sehr geringe objektive Anhaltspunkte für eine einigermaßen
sichere Diagnose zu erwarten. Das einzige Symptom, auf das man
sich mit einiger Sicherheit stützen könnte, ist die deutlich lokali-
sierte Druckempfindlichkeit der Gallenblasengegend. Bei völliger
Latenz der Steine fehlt dieselbe, auch wenn schon heftigere An-
fälle stattgefunden haben, sehr häufig; wenn aber dauernde kleine
Beschwerden von der Gallenblase ausgehen, ist sie recht oft vor-
handen, und daher dürfte sie auch in diesem Zustand prämonitorischer
Gallenblasenreizung nicht gar zu selten zu konstatieren sein. Eine
Schwellung der Leber kann man kaum erwarten; solange keine
weiteren Komplikationen, schwerere Infektion, Ikterus vorliegen
oder vorgelegen haben, pflegt die Leber nicht anzuschwellen. p]nd-
lich kann man auch durchaus nicht darauf rechnen, eine ver-
größerte und fühlbare Gallenblase zu finden. Daß ein Hydrops
der Gallenblase sich ganz ohne ausgesprochene Koliken oder andere
schwerere Erscheinungen entwickelt, ist jedenfalls recht selten
und daß die Gallenblase so stark mit Steinen ausgefüllt ist, daft
man sie deshalb fühlen kann, gehört auch zu den Ausnahmen.
Solche Fälle kommen aber doch sicher vor und ich möchte die
folgende Krankengeschichte als beweisendes Beispiel dafür mitteilen.
V. Frau v. M., 56 Jahre alt, aus Livland (San-Kemo, Februar bis
Ifärz 1902). Vor mehreren Jahren häufiges Erbrechen, welches auf ein
Genitaileiden bezogen wurde. Nach einer Operation (?) Aufhören des Er-
brechens. — Seit 6 Wochen wieder sehr häufiges Erbrechen ; nie Schmerzen
oder Ikterus, dagegen Gefühl von Völle im Leib und leichte Temperatur-
Steigerangen.
106 VII. KüCKEIN
Geheimrat y. Mikulicz fand, wie er mir freundlichst mitteilte,
Ende Januar in der Oallenhlasengpgend einen kleinkinderfaustgroßen,
nicht sehr harten Tumor, der im Verlaufe von ca. 5 Tagen allmählich
kleiner und härter wurde, so daß deutlich 2 ühereinander liegende Re-
sistenzen gefühlt werden konnten. Diese Veränderung des Palpations-
hefundes wurde auf Ahnahme der Cholecystitis und Pericholecystitis
zurückgeführt. £s wurde eine Operation in Aussicht genommen. Vorher
sollte aher ein Versuch mit einer Karlshader Kur hei völliger Huhe und
günstigsten äußeren Verhältnissen gemacht werden. — Befund am 14. Fe-
bruar. Die Patientin ist mager, blaß, nicht ikterisch. Brustorgane ohne
Befund. Leber gerade fühlbar, weich. Der Gegend der Gallenblase
entsprechend ein steinharter, kleinapfelgroßer, von oben nach unten läng-
licher Tumor fühlbar, auf welchem sich deutlich, etwa in der Mitte, eine
quer verlaufende Furche konstatieren läßt. Der Tumor ist in der Rich-
tung von oben nach unten leicht, in querer Richtung kaum beweglich.
Auf Druck ist er nicht empfindlich. — Daß der Tumor von der Gallen-
blase gebildet werde, erschien unzweifelhaft, und die steinige Konsistenz
«owie namentlich die quere Furche ließen vermuten, daß man direkt die
Steine fühle, und zwar, daß mindestens 2 größere Konkremente vorhanden
aeien, deren Berührungslinie durch die erwähnte Furche dargestellt wurde.
— Die Patientin machte eine Kur mit natürlichem Karlsbader Brunnen
und sehr reichlichen heißen Kompressen. Dauernd normale Temperatur.
Häufiges Erbrechen von Nahrungsmitteln oder galligem Schleim; keine
Schmerzen. Wegen Erfolglosigkeit der Kur Operation in Breslau am
19. März (Geheimrat v. Mikulicz): In der 12 cm langen, stark ge-
<dehnten Gallenblase neben graugrüner, trüber, geruchloser Flüssigkeit
2 gut taubeneigroße Steine, die mit je einer querliegenden Facette an-
einandergrenzen. Lockere Verwachsungen um die Gallenblase. An der
Cysticusmündung ringförmiges Ulcus. Exstirpation der Blase. Seitdem
"Wohlbefinden.
Hier hatten sich also 2 große Konkremente, die das Lumen
der Gallenblase vollständig ausfüllten, entwickelt und zu beträcht-
licher Cholecystitis und Pericholecystitis geführt ohne daß es je
zu einem Kolikanfall gekommen war. Ob die erste Attacke von
Erbrechen, die auf eine Affektion an den Genitalien zurückgeführt
und durch eine entsprechende Operation gebessert wurde, auch
schon auf die Steine zu beziehen war, muß dahingestellt bleiben.
Jedenfalls wurde damals von den Steinen nichts bemerkt und die
Aufmerksamkeit auf dieselben erst gerichtet durch einen neuer-
lichen Anfall von heftigem Erbrechen mit leichtem Fieber. Dabei
hat es sich offei\bar um eine akute Entzündung der Umgegend der
Gallenblase gehandelt, so daß man einen größeren, weichen Tumor
fand, der dann nach Abschwellen der entzündeten Teile kleiner
wurde, so daß man die Steine durchfühlen konnte. Erwähnenswert
scheint mir dieser Fall wegen des vollständigen Fehlens von
Koliken oder sonstigen nennenswerten Schmerzen. Nur durch den
Zur Klinik der Choleiithiasis. 107
PalpatioDsbefund wurde die sichere Diagnose ermöglicht, die bei
dem Fehlen desselben zweifellos unüberwindliche Schwierigkeiten
hätte machen müssen. Die Form der Steine gleicht übrigens in
diesem Fall genau einem Befund, den Körte in seinen Beiträgen ^)
mitteilt und abbildet. — Kehr*) spricht sich sehr skeptisch über
die Möglichkeit aus, Steine direkt durch die Bauchwand durchzu-
fühlen. Ich glaube, daß in dem mitgeteilten Falle durch den Tast-
befund der querverlaufenden Furche und durch den entsprechenden
Befund bei der Operation der sichere Beweis geliefert ist, daß die
Steine selbst gefühlt wurden.
Wenn bei negativem Palpationsbefunde die Schmerzen und die
Druckempfindlichkeit nicht in der Gegend der Gallenblase, sondern in
ausgesprochener Weise in der Mittellinie auftreten, wie das nicht selten
ist (nachdrücklich weist Decker®) daraufhin), so sind die Schwierig-
keiten der Erkennung der Choleiithiasis natürlich besonders groß. Zu-
weilen kann dann der von Boas^) angegebene Druckpunkt am Rücken,
dessen Vorhandensein auch Grube^) oft feststellen konnte, einen wich-
tigen Anhaltspunkt abgeben. Der letztere Autor weist auch darauf
hin, daß der Befund von Hyperacidität des Magensaftes keinen Beweis
für eine primäre Erkrankung des Magens darstellt, da er dieselbe
bei Gallensteinkranken sehr oft in ausgesprochenem Maße nach-
weisen konnte; also wieder ein diagnostisches Hilfsmittel, welches
in dieser Frage versagt. Es ist unter all diesen Umständen leicht
verständlich, wenn in dem besprochenen schleichenden Anfangs-
stadium die Gallensteine so oft nicht erkannt werden können.
Wenn ich meine Resultate über die ersten manifesten Äuße-
rungen der Choleiithiasis noch einmal zusammenstelle und mit den-
jenigen vergleiche, die ich an den erwähnten Fällen von Kehr
gewann, so ergibt sich folgendes:
Die erste manifeste Äußerung war
bei Karlsbader bei operierten
Patienten Patienten von Kehr
1. schwere Kolik
a) mit Ikterus
10,9 %
4,3%
b) ohne Ikteras
18,4 7o
21,7 %
2. leichte Kolik
1 ^M
a) mit Ikterus
9.2 Vo
3,6 %
b) ohne Ikterus
24,1 %
32,8 %
1) p. 71.
2) Bericht Über 137 Gallensteinlaparatomien etc.
3) 1. c.
4) Münch. med. Wochenschrift 1902 Nr. 15.
5) Archiv f. Verdauungskrankheiten X 2.
108 VII. KüCKDN
bei Karlsbader bei operierten
Patienten Patienten yon Kehr
3. nicht charakterisierte Verdaunngsstö-
rangen und Schmerzen 35,1 ^/^ 36,8 ^/^
also zusammen
Fälle mit primärem Ikterus (la-}-2a) 20,1% 7,9%
Fälle mit vagem Beginn oder mit leichter
Kolik ohne Ikterus (2 b + 3) 59,2% 69,6%
Daraus erhellt, daß unter den operierten Patienten 10,4 % mehr
mit wenig charakterisierten Beschwerden, dagegen 12,2 % weniger
von vornherein mit Ikterus begonnen hatten. Ich glaube, wie
schon oben erwähnt, daß diese Zahlen darauf hinweisen, daß bei
den von vornherein diagnostizierten Fällen die schneller eingeleitete
entsprechende interne Therapie das Zustandekommen schwererer,
die Operation indizierender Veränderungen nicht selten verhindern
konnte.
In dieser Zusammenstellung habe ich 4 meiner Patienten nicht
mitzählen können. Zunächst einen Fall, bei dem ganz latente
Steine zufällig gelegentlich einer anderen Operation entdeckt und
entfernt wurden, und dann 3 Fälle, bei denen zu Anfang nur
Ikterus und Fieber ganz ohne Koliken oder Schmerzen aufgetreten
waren. Vom einfachen katarrhalischen Ikterus unterschied sich
in diesen Fällen die primäre Erkrankung durch die nicht un-
beträchtlichen Temperatursteigerungen und die starke Einwirkung
auf das Allgemeinbefinden. Es handelte sich oifenbar um intensivere
P^ntzündungsvorgänge im Gallensystem, die zunächst zwar zu
Ikterus, aber noch nicht zu Koliken führten.
Ebensowenig wie im Beginn kann man im weiteren Verlauf
der Cholelithiasis auf ein regelmäßiges und typisches Bild rechnen.
Zu einer exakten anatomischen Diagnose, auf deren Wichtigkeit
Kehr nachdrücklich hinweist, kann man daher nicht immer
kommen und muß sich oft mit einer allgemeineren Gruppierung
begnügen. So wird die Einteilung von Naunyn in eine reguläre
und irreguläre Form, an welcher auch Körte im wesentlichen
festhält, oder diejenige von Kuhn in leichte und schwere Fälle
immer ihren Wert behalten. Trotzdem wird es stets die Aufgabe
sein, die anatomischen Prozesse möglichst klar zu erkennen, und
zu diesem Ziel wird nur die genaue Abschätzung jeder einzelnen
Krankheitsäußerung führen können. Schon die Häufigkeit der An-
fälle kann bei der allgemeinen Beurteilung vieler Fälle von Be-
deutung sein. Während nicht selten die Wiederkehr der Attacken
in ziemlich regelmäßigen Intervallen eintritt, die dabei allerdings
Zar Klinik der Cholelithiasis. 109
von sehr verschiedener Ausdehnung sein können, wechselt in vielen
anderen Fällen der zeitliche Abstand zwischen je zwei Anfällen
bedeutend. Sehr häufig ist es, wie auch Fink^) hervorhebt, so,
daß die Anfälle anfangs seltener und dann allmählich immer
häufiger auftreten. Eine Gruppierung des Materials nach der
Häufigkeit der Anfälle wird daher immer etwas Willkürliches
haben. Wenn ich meine Fälle in diesem Sinne, so gut es bei
einiger Schematisierung geht, zusammenstelle, so traten die An-
fälle auf
sehr häufig bei 38,5 7o
in mittlerer Frequenz bei 31 %
selten bei 27 %
gar keine Anfälle traten auf bei 3,4 %.
Die von Fink *) für sein Material angegebenen Zahlen scheinen
damit erheblich zu differieren; er fand häufige Koliken bei 67,23 7»»
wenige bei 5,95 7o> einzelne bei 8,61%. Die Verschiedenheit
dürfte aber nur auf einer etwas anderen Einteilung beruhen, indem
bei Fink die Fälle, welche ich in häufige und mittelhäufige An-
fälle sondere, zusammengefaßt sind; wenn ich diese beiden Gruppen
addiere, ergibt sich eine sehr gute Übereinstimmung mit der
Fink 'sehen -Zahl: 69,5 und 67,23%. Bei reichlich % aller nach
Karlsbad kommenden Gallensteinkranken sind also jedenfalls die
Koliken nicht selten aufgetreten. — Bei den zur Operation kommenden
scheint dies Verhältnis auch nicht anders zu sein; unter den von
mir benutzten Krankengeschichten Kehr's finden sich nur 24,1%
mit seltenen Anfällen und 5,1 %, die überhaupt keine Kolik hatten,
dagegen 70,7^0 mit mehr (37,9%) oder minder (32,8 %)' häufigen
Attacken.
Ein ganz besonderes Interesse in therapeutischer Beziehung
kommt denjenigen Fällen zu, die sich durch eine hervorragend
starke Häufung der Anfälle auszeichnen, so daß wöchentlich, ja
täglich, wenigstens während längerer Zeitperioden, Attacken auf-
treten. Unter meinen Fällen befanden sich 22 derartige. Die An-
fälle dauerten dabei relativ kurze Zeit, höchstens wenige Stunden,
waren aber oft von erheblicher Intensität und von Erbrechen be-
gleitet. Zuweilen sind die Koliken immer oder doch in der Regel
von leichtem, schnell vorübergehendem Ikterus begleitet und werden
kleine Konkremente in den Fäces gefunden. Dann handelt es
1) Erfolge der Karlsbader Kur und der Chirurg. Behandlung d. Grallenstein-
leidens. Wien 1903.
110 VII. KUCKEIK
sich um eine Häufung regulärer, erfolgreicher Anfalle, wobei entr
zündliche Prozesse am Gallensystem völlig fehlen können. Das
sind die Fälle, bei denen von allen Chirurgen, auch von Riedel^),
der sonst die Grenzen für die Indikationen zur Operation am
weitesten steckt, ein chirurgischer EingriflF für unnötig erklärt wird,
auch wenn sich die Anfälle immer und immer wiederholen. Aber
mit Recht hebt Herrmann*) hervor, daß auch bei dieser Form
von Cholelithiasis trotz ihrer Ungefahrlichkeit hinsichtlich der
weiteren Entwicklung lebensgefährlicher Komplikationen , der
operative Eingriff indiziert sein kann, wenn nämlich durch die
immer erneuten Attacken der Zustand des Patienten unerträglich
wird und durch die Karlsbader Kur die Ruhe sich nicht herstellen
läßt. In diesem Sinne würde also allein der Verlauf und die Er-
folglosigkeit interner Behandlung die Indikation zur Operation ab-
geben. Aber die Fälle mit so starker und vor allem gegen eine
interne Beeinflussung so refraktärer Häufung erfolgreicher Koliken
sind außerordentlich selten gegenüber der sehr viel größeren Zahl
solcher, bei denen es sich um Häufung erfolgloser Anfälle handelt,
bei denen alle Zeichen von Steinabgang fehlen.
Der letztere Typus der Cholelithiasis kann durch sehr ver-
schiedene Umstände veranlaßt sein. Wenn es sich um alte Fälle
handelt, bei denen schon eine Reihe von entzündlichen Attacken
vorausgegangen ist, können Adhäsionen und Verwachsungen der
Gallenblase, sowie dadurch bedingte Knickungen des Cysticus die
Schmerzen auslösen; dabei braucht ein Hydrops der Gallenblase
wegen der Schrumpfung derselben der Palpation nicht zugänglich
zu sein. Über solche Fälle berichtet Kehr.") Ähnlich liegen die
Dinge, wenn ein in den Cysticus geratener Stein den Abfluß aus
der Gallenblase zeitweise oder dauernd hindert. Handelt es sich
dabei um eine in den Wandungen noch wenig veränderte und
elastische Gallenblase, so wird sie als hydropisch prallgefüllter,
harter Tumor in der Regel dauernd oder zeitweilig fühlbar sein;
ist sie dagegen schon geschrumpft, so kann auch hier der Palpations-
befuud ganz negativ sein, wenn nicht durch große und zahlreiche
Steine ein palpabler Tumor erzeugt wird. Eine Druckempfindlich-
keit der Gallenblasengegend wird allerdings selten vermißt werden.
Ganz ebenso kann ein chronischer Choledochusverschluß durch
1) Mitteil, aus d. Grenzgebieten IV 4 1899.
2) Mitteil, aus d. Grenzgebieten IV 2 1898.
3) Neue Erfahrungen etc. Berliner Klinik 78.
Zur Klinik der Cholelithiasis. • 111
einen Stein wirken, dann kommt es bei den Anfällen meist za
Ikterus oder es besteht ein chronischer Ikterus mit Exacerbationen ;
das Erankheitsbild kann dann der Häufung erfolgreicher Koliken
sehr gleichen und unter Umständen nur die regelmäßige Kontrolle
der Fäces die Unterscheidung ermöglichen. Femer können ge-
häufte Anfälle dadurch hervorgerufen werden, daß ein Gallenblasen-
stein sich immer wieder vor die Mündung des Cysticus legt, so daß
zeitweilig der Cysticus verschlossen wird, wobei entzündliche
Prozesse in der Gallenblase fehlen können ; auf diesen Mechanismus
ist namentlich von Riedel und Kehr aufmerksam gemacht worden.
Endlich können aber solche gehäufte Anfälle wohl auch lediglich
darcb einen chronisch-entzündlichen ßeizzustand der steinhaltigen
Gallenblase ausgelöst werden.
Es ist sehr auffallend, wie zuweilen solche Kranke mit genau
der gleichen Vorgeschichte und dem gleichen Krankheitsbilde sich
der Einwirkung der Kur gegenüber diametral entgegengesetzt ver-
halten. Während bei dem einen die Anfälle mit einem Schlage
aufhören, dauern dieselben bei dem anderen in ganz unveränderter
Weise an. Die plausibelste Erklärung flir das refraktäre Verhalten
wird in diesem Falle die Annahme eines mechanischen Hindernisses
für den Abfluß des Gallenblaseninhalts sein müssen, gegen welches
alle internen Kuren naturgemäß machtlos sind; wenn aber eine
Knickung des Cysticus auf internem Wege in jedem Fall ganz
unbeeinflußbar ist, muß bei einem eingeklemmten Stein die Möglich-
keit einer Lockerung und spontanen Ausstoßung wenigstens zu-
gegeben werden, wobei eine Kur begünstigend einwirken mag.
Wenn aber ein Stein nicht im Cysticus liegt und die Passage durch
denselben wenigstens zeitweise frei ist, darf man in vielen Fällen
auf einen durchschlagenden Erfolg der Kur rechnen; durch reich-
lichere Darchspülung der Gallenblase mit dünnflüssigerer Galle,
durch raschere Beseitigung der Entzündungsprodukte und ein-
gedickter Galle kann ein wesentlicher Faktor für die Unterhaltung
des Reizzustandes beseitigt werden und damit die Ruhe sich wieder
herstellen. Auch spontan kommt es ja zuweilen zum Aufhören
der gehäuften Anfälle. In einigen meiner Fälle dieser Art hatte
sich eine Chologenkur recht günstig erwiesen ; in den meisten aber
mußte die Besserung entschieden der Karlsbader Kur zugute ge-
schrieben werden. Da unter den besprochenen Umständen eine
sichere Diagnose über die wahre Ursache der häufigen Anfälle nur
in den seltensten Fällen möglich sein wird, wird man also immer
einen Versuch mit einer Kur in Karlsbald machen dürfen und wie
112 VII. KüCKMH
bei der Häufung erfolgreicher Koliken wird auch bei deijenigen
erfolgloser Anfälle, solange nicht Komplikationen, namentlich in-
fektiöser Natur, vorliegen, erst die Erfolglosigkeit interner Therapie
die absolute Indikation zur Operation abgeben. Wenn sichere
Zeichen eines dauernden Cysticusverschlusses mit den häufigen An-
fällen einhergehen (Hydrops), so werden allerdings die Chancen
•der internen Therapie sehr geringe sein, und wenn ein chronisch
im Choledochus liegender Stein diagnostizierbar ist, so ist die Ge-
fahr der aufsteigenden Cholangitis so groß, daß es nicht ratsam
ist, allzuviel Zeit an Versuche mit interner Therapie zu wenden,
wenn dieselben nicht bald erfolgreich sind. Sind aber mit den
häufigen Anfällen schon schwere Fiebererscheinungen verbanden,
so wird der Versuch interner Behandlung direkt kontraindiziert
sein. —
Zur Illustrierung des verschiedenen Verhaltens solcher Fälle
gegen die Kur möchte ich folgende Krankengeschichten in Kürze
mitteilen :
VI. Frau D. aus IT., 31 Jahre (Mai 1904). In der Jugend gesund.
Hat sich stark geschnürt. Vor 3 Jahren nach einer Entbindung erster
-Gallenstein an fall, heftig, ohne Ikterus. In der Folgezeit seltene, kurs-
dauernde Anfälle, einmal mit leichtem Ikterus. Seit einigen Wochen
sehr häufige Aufalle, io Intervallen von nur wenigen Tagen. Zwischen
<len Anfällen beschwerdefrei. — Kein Ikterus. Mäßige Adipobitas. Leber
und Gallenblase ni'ht palpabel. Gallenblasengcgend zeitweilig sehr druck-
empfindlich. Während der Kur 3 Anfalle, die je 3 — 4 Stunden dauern.
Heftige Koliksrbmerzen, Erbrechen; kein Ikterus, kein Fieber; Gallen-
blase nie fühlbar. — Nach der Kur traten, nach einer freundlichen Mit-
teilung des Hausarztes, Dr. Legiehn, die Anfälle immer häufiger auf;
schließlich blieben die Schmerzen dauernd, mit Exacerbationen bestehen.
OhologeUf Durandesches Mittel, Natr. salicyl. ohne jeden Einfluß. Bei
der 4 Monate nach Beendigung der Karlsbader Kur vorgenommenen
Operation fanden sich in der Gallenblase ca. 40 Steine von Erbsen- bis
Bohnengröße ; ein haselnnßgroßer Stein im Cysticus so fest eingeklemmt,
daß er nur nach Zertrümmerung entfernt werden konnte. Seit der
Operation völlig beschwerdefrei.
VII. Frau Dr. W. aus P., 28 Jahre fJuni 1902). Früher stets
gesund. Seit 1^2 Jahren heftige Schmerzanfälle in der Lebergegend,
namentlich morgens bei nüchternem Magen; zuweilen Erbrechen; nie
deutlicher Ikterus. In der Regel mußte eine Morphinminjektion gemacht
werden, die den Anfall kupierte. Die Anfalle traten in mehrwöchent-
lichen Intervallen auf. Seit einigen Wochen sehr starke Häufung der
Anfälle, die beinahe täglich auftreten, immer sehr heftig sind und durch
Morphium beseitigt werden müssen. Außerdem in letzter Zeit häufige
Anfälle von Herzklopfen und Beklemmungen, sowie Kurzatmigkeit bei
«chnellem Gehen. — Keine Ödeme. Sehr starke Arhythmie der Herz*
Zur Klinik der Cholelithiasis. 113
titigkdty PnlsfreqneDZ 80 — 100. Herztöne rein ; keine Ver^ößerang der
Herzdampfang. L«;ber gerade palpabel, weich, nicht nennenswert empfind-
lich. Oallenhlase in der Tiefe als undeatliche E^-Bistenz zu tasten, sehr
drackempfiodlioh. Kein Ikterus. Bifchte Niere gerade fühlbar. Harn-
frei Yon £iweiB und Zacker. — Die Kur wurde mit Rücksicht auf die
Arhythmie sehr Torsichtig eingeleitet. Anfangs Besserung. Nach 10 Tagen
wieder heftige Schmerzattacken und Herzbeschwerden. Wegen letzterer
wurde die Kur nach 3 Wochen abgebrochen. Nach wenigen Tagen Ab-
nahme der Schmerzen; nach einer Woche völliges Aufhören derselben.
Seitdem keine Kolilr mehr, Besserung der Herzbeschwerden, 25 Pfund
Gewichtszunahme. — Befund Mai 1904: Puls 84 — 90, regelmäßig; nur
gelegentlich einmal Andeutungen von Arhythmie. Herztöne rein ; IL Pulmo-
nalton deutlich accentuiert und klappend. Herzdämpfung nach beiden
Seiten ein wenig verbreitert; Spitzenstoß in der linken Mammillarlinie.
Leber gerade palpabel, weich, nicht empfindlich. Oat leublase als birn-
fbrmiger, glatter, harter, wenig druckempfindlicher Tumor nahe der
Mittellinie zu fühlen. Die zweite Kur wurde sehr gut vertragen. Zu-
weilen trat etwas Herzklopfen auf, das sich aber in so bescheidenen
Qrenzen hielt, daß eine Einschränkung der Kar nicht nötig wurde. Keine
Beschwerden seitens der Oalleubiase.
Ob es sich in diesem Fall um einen Cysticnt^tein oder ledig-
lich nm eine chronische Cholecystitis gehandelt bat, ist wohl nicht
sicher za entscheiden. Wenn der Gallenblasentnmor einer bydro-
pischen Blase entspricht, so könnte ein Stein dauernd im Cysticns
liegen geblieben und trotz des dauernden Verschlusses Ruhe ein-
getreten sein. Wahrscheinlicher ist es vielleicht, daß man die
durch Steine ausgedehnte Blase filhlte, daß der Gysticus frei ist
und daß die Besserung auf ein Erlöschen des chronisch-entzünd-
lichen Reizzustandes der Gallenblase zurilckgeführt werden muß;
denn daß ein eingeklemmter Cysticusstein mit konsekutivem hoch-
gradigen Gallenblasenhydrops 2 Jahre lang ohne alle Beschwerden
bestehen sollte, scheint nicht sehr wahrscheinlich. Jedenfalls war
es gelungen, die Latenz wieder herzustellen und somit eine relative
Heilung zu erreichen. — Über die Natur der Herzaffektion ist
etwas Sicheres kaum auszusagen; die geringe Vergrößerung des
Herzens und die Accentuation des II. Pulmonaltones dürften mit
einiger Wahrscheinlichkeit iür eine organische Erkrankung des
Herzmuskels sprechen. Die sehr starken Erscheinungen von seilen
des Herzens während der ersten Kur waren aber jedenfalls zu
einem nicht geringen Teil durch die Gallensteiubeschwerden re-
flektorisch ausgelöst; ähnliche Zustände hatte ich auch bei anderen
Patienten einigemal zu beobachten Gelegenheit — Nach einer Mit-
teilung des Gatten der Patientin vom Februar 1905 geht es ihr
weiter recht gut. Nur ganz selten hat sie ein unbedeutendes Ge-
DentMhe» Archiv f. kUn. Medizin. «6. Bd. 8
114 VII. Kuckein
fflhl vofn Schwere in der Lebergegend, und hier and da tritt bei
psychischen Erregungen etwas Herzklopfen auf.
VIII. Frau S. aus K., 50 Jahre (Jqdl 1904). Früher stets gesund.
Vor einem Jahr erste schwere Kolik, mit Erbrechen, Fieber, Ikterus ; Dauer
des Anfalls 4 Wochen. Seitdem sehr häufige Scbmerzan falle ohne Ikterus,
2— 3 mal wöchentlich. In den Intervallen Rückenschmerzen. Letzter
Anfall auf der Reise nach Karlsbad. — Brustorgane normal. Kein
Ikterus. Im Harn eine Spur Albumen. Rechte Niere st*'ht sehr tief.
Leber nicht fühlbar. Untere Kuppe der Gallenblase als harter, unebener
Tamor palpabel, mftßig druckempfindlich. — Während der Kur kein An-
fall mehr. Aufhören der Rückenschmerzen ; ausgezeichnetes Allgemein-
befinden. Palpationsbefund bis auf Abnahme der Druckempfiudlichkeit
unverändert. — Im Mai 1905 zweite Kur in Karlsbad. Während des
verflossenen Jahres nur einigemal ganz unbedeutende, schnell vorüber-
gehende Schmerzen in der Lebergegend ; nicht ein richtiger Anfall. Selbst
bei schweren körperlichen Anstrengungen keine Rückenschmerzen. —
Gallenblase deutlich palpabel und wohl auch Steine in derselben fühlbar.
Auf Druck ist sie kaum empfindlich.
Im ganzen sind von meinen 22 in diese Gruppe gehörigen
Fällen 3 zur Operation gekommen, 5 schon vor der Kur (3 durch
Chologen) gebessert, 1 durch die Kur nur wenig, 13 aber durch
die Kur sehr erheblich oder vollständig gebessert worden.
Was die Zeit zwischen den Anfallen betrifft, so war die Mehrzahl
meiner Patienten in dieser frei von Beschwerden. Aber die Zahl der-
jenigen, welche dauernd unter allerlei Mahnungen zu leiden hatten,
ist doch immerhin recht beträchtlich; es sind 78 (= 44,8 7o)- Meist
handelte es sich um Schmerzen in der Leber- oder, am häufigsten,
Magengegend, seltener im Rücken; ferner um Verdauungsstörungen,
Gefühl von Druck und Völle im Leibe, Neigung zu Erbrechen, zu
Durchfällen; sehr oft auch hartnäckige Stuhl Verstopfung, Ab-
magerung, Schwäche. Diese Beschwerden waren aber gewöhnlich
nicht sehr hochgradig und wurden durch die Karlsbader Kur in
der überwiegenden Mehrzahl der Fälle sehr günstig beeinflußt
Ihre Ursache wird meist in einer leichten chronisch-entzündlichen
Reizung der Gallenblase zu suchen sein; manchmal sind wohl auch
von früheren, schwereren Cholecystitiden herrührende Verwach-
sungen, oder aber auch nur reflektorische Einflüsse seitens der
mit Steinen beladenen Gallenblase dafür verantwortlich zu machen.
Vi^enn ich meine Fälle nach der Art der Anfälle gruppiere,
so sind zunächst 6 Fälle auszuscheiden, bei denen wahre Koliken
überhaupt nie aufgetreten waren. Bei 22 (12,6%) war es immer
nur zu leichten Attacken ohne Ikterus gekommen; geringe Schmerzen
von nur wenigen Stunden Dauer, selten Erbrechen, nie erhebliches
Zur Klinik der Cholelithiasis. 115
Fieber. Bei 36 Patienten (20,7 %) waren auch gelegentlich schwere
Anfälle, aber gleichfalls immer ohne Ikterus, vorgekommen: stalle
Schmerzen, meist von Erbrechen begleitet; Dauer zum mindesten
mehrere Stunden, so daß meist die Anwendung von Morphium nötig
wurde. Diese Attacken ohne Ikterus sind wohl in der Regel auf
eine akute oder chronische Cholecystitis zu beziehen und als erfolg"
lose anzusehen; zuweilen mag auch ein Konkrement abgegangen
sein, welches den Choledochus passieren konnte, ohne Ikterus zu
erzeugen; endlich gibt es, nach Körte, auch richtige Koliken, die
nur durch den Fremdkörperreiz ausgelöst werden. — Diesen Fällen
stehen nun 110 (63,2 ®/o) gegenüber, bei denen im Verlauf der Er-
krankung wenigstens einmal Ikterus aufgetreten war; bei 55 Kranken
(31,6 ^/o) h&tte es sich immer nur um geringen Ikterus gehandelt,
welcher bei leichteren oder schwereren Anfällen auftretend schnell
wieder voitlberging; 46 mal (26,4%) waren es Anfälle von inten-
sivem Ikterus gewesen, mit einer Dauer von mindestens einigen
Tagen; 9 mal endlich handelte es sich um chronischen Choledochus-
verschlu£ (5,2 %). So oft also beim einzelnen Kolikanfall der Ikterus
fehlen mag, in der ganzen Krankengeschichte findet er sich doch
in ca. ^8 der Fälle, und diese anamnestische Feststellung wird bei
zweifelhafter Deutung des vorliegenden Symptomenkomplexes stets
von großer Bedeutung sein.
Unter den von anderen Autoren hinsichtlich der Häufigkeit
des Ikterus gewonnenen Resultaten deckt sich die Prozentzahl von
Fink,') 66,50%, ziemlich genau mit der meinigen, während die
an chirurgischem Material gewonnenen Zahlen niedriger sind, und
zwar zum Teil in erheblichem Maße: Merck^) fand 58%, bei den
von mir benutzten Fällen von Kehr sind es 52,2 7o» Kehr^) selbst
gibt für 122 Fälle 46% an, bei Körte*) sind es nur 39% bei
den Operierten mit entzündlichen Prozessen am Gallensystem und
35,6% bei den Operierten mit regulärer Cholelithiasis, Riedel*)
endlich gibt an, daß primär nur 10% und im weiteren Verlauf
25 7o der Kranken Ikterus haben. Vielleicht darf man in dem
Umstand, daß bei den zur Operation kommenden Patienten Ikterus
in der Vorgeschichte entschieden seltener vorkam, einen Ausdruck
dafür sehen, daß bei dem Fehlen des Ikterus die Diagnose größere
1) Erfolge der Karlsbader Kur und der chirnr. Behandlang etc. Wien 1903.
2) Hitteilongen ans den Grenzgebieten 1902 IX 4/5.
3) Bericht über 137 Gallensteiulaparotoniien.
4) Beiträge.
ö) Mitteilungen aus den Grenzgebieten III 2.
8*
116 VII. KUCKMN
Schwierigkeiten bietet und daher bei diesen Fällen eine gründliche
interne Behandlung öfter zu spät eingeleitet wurde; es wäre hierin
also eine Analogie mit dem Einfluß des typischen oder nicht cha-
rakteristischen ersten Auftretens der Oallensteinbeschwerden zu
finden. Andererseits ist aber zu bedenken, daß Cysticnsverschlafi,
Hydrops und Empyem der Gallenblase besonders häufig die Indi-
kation zur Operation abgeben.
Über den Mechanismus der Entstehung des Ikterus bei der
Cholelithiasis sind die Akten noch nicht geschlossen. Während
man früher den Ikterus in allen Fällen für eine Folge der Ein-
klemmung eines Konkrements im Choledochus ansah, lehrte zuerst
Riedel, daß bei einer großen Anzahl von Fällen der Ikterus nicht
durch den mechanischen Steinverschluß bedingt, also lithogen, sondern
eine Folge bloßer entzündlicher Vorgänge sei. Er meint, daß in
10®/„ aller Fälle der Ikterus ein entzündlicher sei und Körte
fand gar unter 122 Fällen von Ikterus 6ömal, also 53,3^/«, ent-
zündlichen. Demgegenüber behauptet Kehr'), daß die Häufigkeit
des entzündlichen Ikterus überschätzt würde und daß oft, wo ein
solcher angenommen war, der Befund bei der Operation zeige, daß
es sich doch um lithogenen Ikterus gehandelt habe. Aber der
Befund von Steinen im Choledochus ist noch kein Beweis, daß
diese allein die Ursache des Ikterus waren. Ehret und Stolz*)
fuhren aus, daß es einen ausschließlich lokal bedingten, also im
eigentlichen Sinn lithogenen Ikterus überhaupt kaum gäbe, sondern
daß entzündliche Faktoren bei der Entstehung der Gelbsucht stets
mit in Aktion treten müßten. Das Lumen der Oallenwege passe
sich einem hineingeiatenen Fremdkörper sehr schnell an und er-
weitere sich auch leberwärts von einem Fremdkörper sehr bald;
eine dauernde Behinderung des Gallenabflusses könne aUo durch
einen solchen allein gar nicht zustande kommen, was auch durch
den Umstand bewiesen werde, daß große Steine den Choledochus
passieren könnten, ohne Ikterus zu machen (was übrigens von
Riedel^) bestritten wird); erst die dazutretende Entzündung der
Gallengänge führe zu Drnckerhöhung und Stauung in einzelnen
Gallengangsgebieten und dadurch zu einem diffus (nicht lokal) ent-
standenen Stauungsikterus; dieser Prozeß könne sich in der Leber
so ausbreiten, daß überhaupt keine Galle mehr in den Darm ge-
1) Anleitung zur Erlernung der Diagnostik p. 218.
2) Mitteilungen aus den Grenzgebieten tiK)L VIII 4,5.
3) Mitteilungen aus den Grenzgebieten III 2.
Zur KUnik der Cholelitbiasis. 117
lange. Außerdem könnte unter diesen Umständen durch abnorme
Sekretion der Galle (Paracholie) Ikterus entstehen. So erkläre
sich der Wechsel des Ikterus bei chronischem lithogenen Chole-
dochusverschluß, der rein entzündliche Ikterus, endlich das häufig
beobachtete Fortbestehen des Ikterus nach operativer Entfernung
von Konkrementen aus dem Choledochus. Demnach käme ein
reiner, lokal bedingter Stauungsikterus bei Fremdkörperverschluß
des Choledochus nie, vielmehr nur bei Kompression des letzteren
von außen durch Tumoren, Adhäsionen usw. vor. — Daß die entr
zündlichen Momente bei der Entstehung auch des lithogenen
Ikterus eine große Bolle spielen, dürfte nach dem allen kaum zu
bestreiten sein; ob ihr Einfluß aber so weitgehend ist, wie Ehret
und Stolz annehmen, ist doch zweifelhaft, namentlich wenn es
sich um akuten Choledochusverschluß handelt. Wenn beim Abgang
kleiner Konkremente ein ganz schnell vorübergehender Ikterus in
wenigen Stunden entsteht, hat eine Entzündung gar nicht Zeit,
sich geltend zu machen, und auch wenn es sich um einen schweren
akuten Anfall mit mehrtägigem Ikterus und von vornherein voll-
ständig gallenlosen Stühlen handelt, ist es viel näher liegend an-
zunehmen, daß durch den plötzlich in den Choledochus eingetretenen
Stein der gesamte Gallenabfluß auf einmal gesperrt sei. Überhaupt
darf, glaube ich, die Bedeutung der Wanderung der Steine gegen-
über den entzündlichen Komplikationen doch nicht zu gering ge-
schätzt werden. — Unter den Fällen von chronischem lithogenen
Choledochusverschluß gibt es femer auch eine Anzahl, bei denen
es sich zweifellos um einen lokalentstandenen Stauungsikterus
handelt, wenn nämlich der Stein gerade in der Papille sitzen
bleibt. Diese Fälle zeichnen sich dadurch aus, daß die Intensität
des Ikterus durchaus nicht schwankt, vielmehr dauernd progredient
ist, genau wie bei einer Kompression des Choledochus von außen,
und daß entzündliche Komplikationen ganz fehlen können. Einen
typischen solchen Fall möchte ich hier anführen.
IX. Herr R. ans Ostpreußen, 62 Jahre (Juli 1901). Vor vierzehn
Monaten erster, leichter Kolikanfall ohne Ikterus, seitdem öftere älinliche
Anfalle. Vor 5 Wochen sehr heftige Kolik mit schnell vorübergehendem
Ikterus; zu Hause Karlsbader getrunken. Vor 10 Tagen wieder heftiger
KoUkanfall, der nur 5 Stunden dauerte. Dann hörten die Schmerzen
auf, aber es entwickelte sich ein mehr und mehr zunehmender Ikterus.
Fortschreitende Abmagerung. Sehr schlechter Appetit. Intensivstes
Hautjucken, dauernd die Empfindung von üblem Geruch, keine Schmerzen,
ganz normale Temperatur. — Der Patient zeigte einen Ikterus von
höchster Intensität. Leber nicht palpabel, perkutorisch nicht vergrößert.
118 VII. KUCKBIN
G-alleublase nicht fühlbar. Die ganze Gegend der Leber und Galleoblase
auf Druck darchaus nicht empfindlich. Total entfärbte Stühle. Puls 53.
Im Harn Spur Albumen und mäßig reichliche hyaline Zylinder, sehr viel
Bilirubin. Es wurde eine sehr energische Kur eingeleitet, während
welcher sich der Zustand aber in keiner Weise änderte. Nach der Ab-
reise von Karlsbad (nach 4 Wochen) begannen sich plötzlich, ohne daß
eine neue Kolik aufgetreten wäre, die Stühle wieder zu färben. Der
Appetit besserte sich bald und allmählich klang der Ikterus ab. Auf
Steine im Stuhl wurde leider nicht geachtet. Dann erhebliche Gewichts-
zunahme und vorzügliches Befinden. Im nächsten Jahre kam der Patient
noch einmal nach Karlsbad. Der Ikterus war völlig verschwunden; der
Patient sah blühend aus und hatte keinerlei Beschwerden. Die Qidlen-
blasengegend war anfangs auf Druck etwas empfindlich; sonst völlig
negativer Befund. Im Urin weder Albumen noch Zylinder.
£s dürfte sich hier um einen fest eingeklemmten PapillenstelD
gebandelt haben, der nach etwa 6 Wochen ohne Schmerzen abging.
Aus dem Fehlen jeder Fieberbewegung und aus der absoluten Un-
empfindlichkeit der Leber und Gallenblase darf, glaube ich, das
Bestehen entzündlicher Prozesse im Gallengangssystem mit großer
Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden.
Hinsichtlich der Therapie des Choledochusverschljisses sind die
Ansichten der verschiedenen Autoren ziemlich gleich. Der akute
Choledochusverschluß ist diejenige Erscheinungsform der Chole-
lithiasis, bei der Kehr die Operation geradezu für kontraindiziert
hält, es sei denn, daß hohes Fieber und schwere cholangitische
Erscheinungen einen lebensrettenden Eingriff nötig erscheinen
lassen. Auch darüber, daß man beim chronischen ('holedochus-
yerschluß, falls nicht schwere Entzündungserscheinungen vorliegen,
warten und eine interne Therapie versuchen kann, sind wohl die
meisten einig; die erlaubte Frist wird auf 2 (Körte), 3 (Kehr^)>
3—4 (Naunyn*)), ja 6 (Fink')) Monate angegeben. Das ent-
scheidende wird, wie Körte hervorhebt, das Allgemeinbefinden
des Patienten und die ganze Art des Verlaufs sein. Die Aus-
sichten einer Karlsbader Kur sind, wie die jeder internen Therapie,
beim chronischen Choledochusverschluß keine sehr großen; am
meisten Chancen für spontanen Abgang der Konkremente haben
wohl noch die Fälle mit eingeklemmtem Papillenstein. Man kann
eine stärkere Abführkur, von der nach Körte noch am ehesten
etwas zu erwarten ist sehr gut mit der Karlsbader Kur verbinden,
1) Müncheuer mediz. Wochenschr. 1903 22. — Anleitung zur Erlemimg etc.
S. 194.
2) Mitteilungen aus den Grenzgebieten 1898 IV 1.
8) Münchener mediz. Wochenschr. 1904 30.
Zar Klinik der CholelithiasiB. 119
and daher glaube ich, daß man auch in diesen Fällen den letzten
Versoch interner Therapie am besten in Karlsbad macht, um alle
eventuell wirksamen Faktoren vereinigt in Aktion treten zu lassen.
Unter meinen Kranken hatten, wie erwähnt, 9 an chronischem
Choledochnsvei^schluß gelitten. Über das weitere Schicksal von
zweien, die mit ihrem Ikterus von Karlsbad wieder weggingen, ist
mir nichts bekannt; 2 hatten den Choledochusverschluß schon
fräher durchgemacht und waren operiert worden; 2 wurden nach
einer erfolglosen Kur operiert; bei 2 hatte sich früher der Ver-
schluß ohne Kur spontan gelöst (einmal unter hohem Fieber und
peritonitischen Erscheinungen, wonach ein etwa pflaumengroßer,
locker gefugter Stein mit dem Stuhl abging, also offenbar Durch-
brach des Choledochus nach dem Darm); bei einem endlich, dem
eben mitgeteilten, darf man wohl die Lösung des Verschlusses auf
Kosten der Karlsbader Kur setzen.
Über die Häufigkeit, mit welcher fieberhafte Temperatur-
Steigerungen im Verlaufe der Cholelithiasis vorkommen, ist es
nahezu unmöglich, ein bestimmtes Bild zu gewinnen. Die Angaben
der Patienten hierüber sind kaum zu verwerten, da geringere
Grade von Fieber ihnen gewöhnlich gar nicht bekannt werden;
daher können auch die positiven Angaben von Fieber für die Be-
urteilung der Häufigkeit desselben nur sehr bedingten Wert haben.
Nur 34 mal machten meine Patienten mit Sicherheit die Angabe,
daß bei dem einen oder anderen Anfall Fieber konstatiert wurde;
das wären 19,5 ®/o. Fink fand sogar nur bei 5^/^ seiner Fälle
Fieber angegeben, während ich es in den Kehr' sehen Kranken-
geschichten in 33,2% notiert fand. Alle diese Zahlen bleiben aber
sicher erheblich hinter der Wirklichkeit zurück. Jede Infektion
der Gallenwege kann zu Fieber fuhren und tut es sicher auch sehr
häufig; aber geringere Temperatursteigerungen entgehen gar zu
leicht der Wahrnehmung, wenn nicht prinzipiell in jedem Fall ge-
messen wird. Gelegentlich kann wohl ein heftiger Kolikanfall an
sich reflektorisch Schüttelfrost und kurz dauernde Temperatur-
steigerung auslösen; in der Begel aber sind auch kurze Fieber-
stöße und in jedem Fall ein irgend protrahiertes Fieber Ausdruck
einer Infektion, sei es der Gallenblase, sei es der gröberen oder
feineren Gallenwege. Warum aber gelegentlich selbst schwere in-
fektiöse Prozesse auch ohne Fieber sich entwickeln und ablaufen,
das ist eine Frage, über welche man in der Gallensteinlit^ratur
kaum nähere Auseinandersetzungen findet. Meist wurde wohl an-
genommen, daß dann eine geringere Virulenz der Infektionserreger
120 Vn. KUCKBIN
vorläge; eventaell könnte auch die Resorption toxischer Substanzen
aus irgendwelchen Granden nicht stattfinden, obwohl nicht anzu-
nehmen ist, daß der letztere Modus öfter eintreten sollte. Neuerdings
hat sich nun Ehret ^) ausfBhrlich Aber diese Frage geäußert. Er
betont, daß trotz gänzlich fieberlosen Verlaufs oft hoch virulente
Bakterien im Gallensystem gefunden werden und sieht den Grund
für die Fieberlosigkeit in diesen Fällen nach Analogie anderer In-
fektionskrankheiten in dem Vorhandensein einer partiellen Im-
munität, bei der die Bakterien zwar noch gedeihen, aber kein
Fieber mehr machen, und welche ein Übergangsstadium zur völligen
Immunität darstelle, bei der dann auch Bakterien nicht mehr zur
Entwicklung kommen. Demnach müßte in jedem Falle, wo ein in-
fektiöser Prozeß ohne Fieber sich abspielt, doch früher, bei der
Erwerbung der Immunität, solches vorhanden gewesen sein, d. h.
bei fast allen Gallensteinkranken müßte im Verlauf der Erkrankung
zeitweise Fieber bestanden haben ; denn ohne Infektion läuft ja, wie
die meisten Autoren annehmen, kaum eine aktuell gewordene Chole-
lithiasis ab. Aus dieser Betrachtung zieht Ehret auch eine sehr
wichtige diagnostische Eonsequenz. Wenn nämlich eine schwere
Äußerung der Cholelithiasis ohne Fieber verläuft, so könne man
daraufhin eine nennenswerte Infektion ausschließen, falls früher
nie fieberhafte Zustände aufgetreten seien, also die Gelegenheit
zur Erwerbung einer Immunität gefehlt habe. Sind aber über-
haupt schon Attacken vorausgegangen, so ist dieses Moment nicht
zu verwerten, da dann Temperatursteigerungen zu leicht über-
sehen sein könnten, also die Anamnese nicht zuverlässig genug
ist. — Um genaueren Einblick in eventuelle Gesetzmäßigkeiten
des Temperaturverlaufs zu gewinnen, wird es, wie auch Ehret
hervorhebt, nötig sein, bei Gallensteinkranken über längere Zeit-
räume regelmäßige Temperaturmessungen vorzunehmen.
Die Leber war bei meinen Fällen 85 mal palpabel, 48,9%.
Auch über die Häufigkeit dieses Symptoms gehen die Angaben bei
verschiedenen Autoren recht weit auseinander. Fink konnte eine
palpable Vergrößerung der Leber in 88,52 "/o seiner Fälle nach-
weisen, nach einer neueren Publikation*) in 83,3 7o; Kehr findet
Leberschwellung bei 30 % ^) (6 7o> wenn Steine nur in der Gallen-
blase oder im Cysticus sitzen, 247o bei Beteiligung des Choledochus) ;
1) Zeit«chr. f. klin. Medizin 1904 Bd. 55 p. 249 (Naunyn- Festschrift).
2) Münch. med. Wochenschr. 1904 Nr. 30.
3) Bericht über 13V Gallensteinlaparatomien.
Zur Klinik der Cholelithiasis. 121
unter den von mir benutzten Fällen Eehr's finde ich Leber-
schwellang in Übereinstimmung hiermit in 32,4^0 angegeben;
Körte findet palpable Leber bei 46%, Merck bei 24%. Die
Unterschiede zwischen diesen Zahlen sind aufierordentlich groS.
Die große Häufigkeit, mit der Fink Lebervergrößerungen fand,
dürfte sich nur dadurch erklären, daß er so viele Kranke mit
Ikterus untersuchte; 57 'V^ seiner Patienten traten mit Ikterus
in seine Behandlung, während von meinem Material nur 10,3%
mit Ikterus nach Karlsbad kamen oder während ihres Aufenthalts
einen Anfall von Dcterus durchmachten. Auf die Wichtigkeit
bimanueller Palpation zur Feststellung geringer Grade von Leber-
vergrößerung machte Fink') besonders aufmerksam. Anderei^eits
braucht nicht jede palpable Leber vergrößert zu sein ; ob nur eine
Senkung des Organs (Enteroptose, Lungenemphysem) oder eine
wirkliche Vergrößerung vorhanden ist, dürfte nicht immer sicher
zu entscheiden sein. Riedel weist femer darauf hin, daß durch
seröse Durchtränkung von Adhäsionen eine Vergrößerung der Leber
vorgetäuscht werden könne.
Diejenigen meiner Fälle, bei denen nur eitrige leichte und
reguläre, unkomplizierte Attacken vorgekommen waren, zeigten fast
nie eine Schwellung der Leber. Eine nachweisbare Leberver-
größerung ist stets ein Zeichen der Mitbeteiligung dieses Organs
an den krankhaften Vorgängen. Diese kann durch Stauungen der
Galle, oder durch Übergi-eifen der Entzündung auf intrahepatische
Gallenwege bedingt sein. Bedeutende Lebervergrößerungen zeigten
nur die Kranken, welche an einem länger dauernden Choledochus-
verschluß litten oder einen solchen früher durchgemacht hatten
(aber durchaus nicht alle!), femer diejenigen, bei denen heftigere
entzündliche Erscheinungen vorhergegangen waren. Stärkere
chronische Lebervergrößerungen weisen wohl immer auf cirr-
hotische Prozesse hin.
Die Gallenblase konnte ich nur bei 52 von meinen Kranken
palpieren (29,9%). Fink fand eine fühlbare Gallenblase in 23,8%,
Merck in 35% (davon 13% durch Carcinom bedingt). Körte in
44,1 % bei den Fällen mit Entzündung und gar in 73,5 % bei den
Fällen ohne Entzündung. Die sehr hohe Zahl bei den von Körte
im entzündungsfreien Stadium operierten Kranken erklärt sich
wohl daraus, daß hier Hydrops der Gallenblase in der Regel die
Indikation zur Operation abgab. — Zuweilen war bei Beginn der
1) Wien. klin. Wochenachr. 1904 Nr. 50.
122 VIL KUOKBIK
Kur ein großer, weicber, sehr empfindlicher Tumor vorhanden, der
im Verlauf der Kur kleiner, härter und schmerzlos wurde, wobei
dann nicht selten einzelne Eonkremente bei der Palpation sich
deutlicher präsentierten. Ich glaube, daß in diesen Fällen eine
entzündliche Schwellung der Gallenblasen wand unter dem Einfluß
der Kur zurQckging, so daß der Inhalt der Gallenblase nunmehr
durchgefühlt werden konnte (cf. Fall V und VIII). — Bei 16 Pa-
tienten lag ein großer, glatter, kugeliger bis birnf5rmiger Tumor
vor. Die Entscheidung, ob es sich um eine hydropische Gallen-
blase oder um eine nur durch Steine ausgedehnte handelte, ist
unter diesen Umständen nicht sicher möglich. Gewöhnlich wird es
sich dabei aber um Hydrops oder Empyem der Gallenblase handeln.
Kehr und Körte geben ausdrücklich an, daß die Gallenblase nur
dann palpabel ist, wenn es durch Verschluß des Ausfuhrungsganges
zu Flüssigkeitsstauung in ihr gekommen ist, und Riedel meint
sogar, daß auch eine hydropische Gallenblase nur im entzündlichen
Stadium so hart wird, daß man sie deutlich fühlen kann. Der oben
mitgeteilte Fall V beweist aber, daß auch ohne Hydrops die Gallen-
blase und eventuell die Steine in ihr fühlbar sein können, und
wenn diese Sachlage auch recht selten sein mag, einen absoluten
Beweis für einen Hydrops gibt die Fühlbarkeit ein*»s harten Gallen-
blasentumors an sich nicht ab. — 30 mal war nur die Kuppe der
Gallenblase fühlbar; hier ist die Entscheidung über die Natur des
Gallenblasentumors naturgemäß noch schwieriger. — Verwechse-
lungen der Gallenblase mit anderen Organen oder krankhaften
intraabdominalen Prozessen können zuweilen vorkommen. Körte
weist in dieser Beziehung auf Schnürlappen der Leber, auf die
dislozierte rechte Niere, Darmtumoren, perityphlitische Abscesse
hin. Fink teilt einen Fall mit, wo der Riedel' sehe Leber-
lappen für die Gallenblase gehalten wurde. Vorsicht in der Deu-
tung der Palpationsbefunde ist daher stets geboten.
Häufiger war die Gegend der Gallenblase auf Druck empfind-
lich, nämlich in 91 Fällen (52,37o). Fink gibt hierfür 48,13^7),
beziehungsweise 46,39 '/o *) an. Die Druckempfindlichkeit ist wohl
in der Regel ein Ausdruck dafür, daß die Gallenblasenwand sich
in einem Zustand chronisch-entzündlicher Reizung befindet. Die
Zahl der Fälle, wo dieselbe, oft auch kurze Zeit nach einem akuten
1) Erfolge der Karlsbader Kur und der operativen Behandlung bei Gallen-
steinleiden.
2) Erfolge einer einmaligen Karlsbader Kur.
Zar Klinik der Choleüthiasis. 123
Anfall, vollständig fehlt, ist immerhin eine recht große und vor
allem ist es nicht selten, daß eine große, harte Gallenblase selbst
bei starkem Druck keinerlei Empfindlichkeit zeigt. Die Kom-
pression der Gallenblasen wand allein .genügt also nicht, um den
Schmerz auszulösen ; es muß noch ein weiteres Moment dazukommen,
und dieses wird 'stets in einer entzündlichen Veränderung der
Gallenblasen wand zu suchen sein. Daher sieht auch Körte in
einer dauernden Druckempfindlicbkeit eine Indikation zur Opera-
tion. Sehr oft nimmt aber im Verlauf einer Kur, namentlich unter
Anwendung heißer Moorumschläge, die Druckempfindlichkeit wesent-
lich ab, oder verschwindet vollständig. Wo die für die Diagnose
in zweifelhaften Fällen ausschlaggebende Fühlbarkeit der Gallen-
blase fehlt, kann oft eine deutlich ausgesprochene Druckempfind-
lichkeit, die sich auf die Gegend der Gallenblase lokalisiert, für
die Beurteilung der Sachlage schwer ins Gewicht fallen. Es ist
aber hervorzuheben, daß nicht gar so selten in Fällen zweifelloser
Choleüthiasis eine Druckempfindlicbkeit auffallend weit nach links,
ja geradezu in der Mittellinie, unter dem Processus xiphoideus
nachzuweisen ist, ein Umstand, auf den auch von Decker^) aus-
drücklich hingewiesen wird.
Zur Beurteilung des Erfolges der Karlsbader Kur auf längere
Zeit kann ich mein Material nur in beschränktem Maße benutzen.
78 Fälle muß ich ausschalten, die zum größten Teil im letzten
Jahre, zum Teil aber auch schon früher in meiner Behandlung
waren, und von denen ich keine weiteren Nachrichten habe. Die
Frist von weniger als 1 Jahr schien mir zu kurz, um die Ein-
ziehung von Erkundigungen als der Mühe wert erscheinen zu
lassen. Von den anderen Patienten konnte ich Nachrichten nicht
erhalten. Über 96 Fälle bin ich aber genügend orientiert, um sie
hier verwerten zu können; teils habe ich sie bei wiederholten
Kuren selb.<%t wiedergesehen, teils habe ich schriftliche Nachrichten
von den Patienten selbst oder von ihren Hausärzten. Bei 14 Fällen
muß man von gänzlicher Erfolglosigkeit sprechen, indem die Be-
schwerden auch nach einer oder zwei Kuren unverändert andauerten.
Acht davon kamen nach dem Gebrauch einer oder wiederholter
Karlsbader Kuren doch noch zur Operation. Zweimal lag chro-
nischer Choledochusverschluß vor, der während der Ki;r nicht be-
seitigt wurde und von dessen späterem Verlaufe ich nichts weiß.
Dreimal wiederholten sich die Anfallle in gleicher Häufigkeit wie
1) Httnch. med. Wochenachr. 1904 39.
124 VII. KüCKBIH
vor der Kor immer wieder. Auf 1 Patientin, die schon frfiher
operiert war, gehe ich unten noch genauer ein (Fall X).
Bei 15 Kranken war ein deutlicher, aber doch nicht ganz be-
friedigender Einfluß der Kur zu konstatieren, insofern als die
Anfälle zwar seltener wurden und ihre Intensität abnahm, aber
eine völlige Ruhe sich, wenigstens tür längere Zeit doch nicht
herstellte. 67 mal endlich kann man den Erfolg als einen durchaus
zufriedenstellenden bezeichnen. Die Anfälle wurden sehr viel sel-
tener und ganz erheblich leichter, meist aber hörten sie vollständig
auf. In der Regel war schon nach einer einmaligen Kur ein sehr
erheblicher Einfluß festzustellen. Fink bat ein großes Material
vom Gesichtspunkt des Erfolges einer einmaligen Karlsbader Kur
eingehend verarbeitet, indem er das Veihalten während der Kur
und den Vergleich des Befundes am Anfang und am Ende der-
selben als Maßstab benutzt. Bei dieser Betrachtungsweise sind
die Resultate naturgemäß noch viel bessere; Fink konnte so in
87,33% guten Erfolg feststellen. Ich habe hier nur diejenigen
Fälle in Rechnung gezogen, bei denen die Besserung mindestens
1 Jahr nach der Kur noch anhielt und in der überwiegenden Mehr-
zahl der Fälle dauerte der Erfolg über 1 Jalir an. Da kann ein
guter Erfolg von 69,8% jedenfalls als ein befriedigendes Resultat
gelten. Diese Zahl kommt auch der früheren, von Fink ange-
gebenen von 72,83 "/o sehr nahe. Das Verhältnis würde sich auch
bei meinem Material noch etwas günstiger gestalten, wenn ich von
allen Patienten Nachricht erhalten hätte, denn unter denen, die
nicht zum zweitenmal nach Karlsbad kamen, darf man vielleicht eine
relativ größere Anzahl vermuten, der es gut ging.
Während der Kur kam es bei 21 Kranken zu einem Kolik-
anfall (12,1 %), ein prozentuales Verhältnis, welches ziemlich genau
mit dem von Herrmann ^) beobachteten von 16,6% (19mal unter
114 Fällen) übereinstimmt. Meist waren es leichte, schnell vor-
übergehende Kolikanfälle, einigemal aber auch schwere Attacken
mit mehrtägigem Ikterus. Diese Zwischenfälle bei der Kur sind
immer unerwünscht, selbst wenn es sich um eine erfolgreiche Kolik
handelt; man verlangt ja auch heute von der Karlsbader Kur nicht
mehr, daß sie Steine abtreibt. Mit Recht macht Kehr') auf die
Gefahren aufmerksam, die mit jedem Aufrühren der Steine in der
Gallenblase verbunden sein können. Die Kur soll gerade die Ruhe
1) MitteilQDgen aus den Grenzgebieten IV 2 1898.
2) Mtinch. med. Wochenschr. 1902 Nr. 41-43.
Zar Klinik der Cholelithiuis. 125
berstellen, und das gelingt ja auch in der großen Mehrzahl der
Fälle. Wenn es während der Kur za Anfällen kam, handelte es
sich fast ansnahnislos nm Kranke, die noch unmittelbar vor der-
selben häufige Koliken gehabt hatten, so daß man berechtigt ist
zu sagen, diese Anfälle kamen nicht infolge der Kor, sondern
trotz derselben. Daß es infolge der Karlsbader Kur bei Patienten,
die sich seit einiger Zeit im Stadium der Latenz befinden,. zu einem
Eolikanfall kommt, halte ich für eine große Ausnahme.
Zam Schluß möchte ich noch einen Fall mitteilen, bei dem es
nach der Operation zu einem sehr schweren Recidiv gekommen
war. Die Kranke war von Prof. Kehr operiert worden, und ich
gebe die Vorgeschichte im Auszuge nach der Kj*ankengeschichte
von Kehr *)•
X. Fraa Oberstabsarzt t. D. aus 0., 47 Jahre (Mai 1901; femer
Mai 1902, 1903 und 1904). Früher gesund. 1895 erster heftiger An-
fall, ohne Ikterus. Danach in Intervallen von Monaten Anfalle von
Magenkrämpfen njit Erbrechen. Februar 1898 plötzlich Ikterus ohne
Kokk. Der Ikterus dauerte in wechselnder Intensität an. Karlsbad
ohne Einfluß. Starke Abmagerung. 14. Novemb-r 1898 Aufnahme-
statiis von Prof. Kehr: Mäßiger Ikterus. Leber etwas vergiößert. 8tühle
bald entfärbt, b^ld nicht. Auf Orund des Wechsels der Stuhlfärbung
Diagno.-^e: Choli doch us Verschluß durch Stein. — Operation am 19. November
1BH8: Extraktion eines Steines aus dem Choledochus; Entfernung der
Qallenblase mit Steinen. Im Fundus der Gallenblase ein Geschwür ohne
Epithel Wucherung. Glatte Heilung.
Nach dem EingriflF bald gutes Befinden. Seitdem gelegentlich, nach
Diätfeblern tage- bis wocheulanger Ikterus ohne Schmerzen und Fieber,
der aber immer wieder ganz verschwand. — Befand Mai 1901 : Kein
Ikterus. Leber deib, reicht bis um B Querfinger unter den Rippen-
bogen. Keine Diuckempfindlichk- it. — Auch in den folgenden Jahren
einigemal Ikterus; jedes Jahr Kur in Karlsbad. Im AVinter 1903/04
Häafung der Antälln von Gelbsucht. Seit Februar 1904 chr(»ni8cher,
immer iutenttiver werden<ler Ikterus. Oft dumpfe Schmerzen in der Leber-
g»*^endy zuweilen al»endliches Fieber bis HH,5^. Hautjucken. Gewichts-
abnahme um 10 Pfund. Stühle nie ganz entfärbt; Harn stets sehr
dunkel. — Befiind Mai 1904: Sehr btarker Ikterus. Leherrand stark
3 Queifing^r unter dem Rippenbogen; Leber hatt, etwas druckempfind-
lich. Uilz geiatle pHlpHbel, derb. Im Harn viel Biliiubin, Spur Ei-
weiß. — Während der Kur erst Abnahme des Ikterus. Am 22. Mai
heftiger Kolikau6ill mit Krbreehen, der erste seit der Operation; Fieber
bis 39^, Zunahme dt-a Ikterus. Nach 2 Tayen Nachlaß der Schmerzen^
subfebrile Temperaturen. — Auf meinen Vorschlag, mit Prüf. Kehr
wegen einer eventuellen zweiten Operation in Verbindung zu treten,
wurde nicht eingegangen. In den folgenden Monaten (laut schriftlicber
1) Anleitung zur Erlernung der Diagnostik S. 188.
126 Vir. KüCKEiN
Nuchricbt) häufige heftige Koliken, dauernd intensiver Ikterus, grauweiße
Stühle, Abnahme dtsr Kräfte und des Oewichts (um 23 Pfund). Seit
Januar 1905 begann langsame Besseruni;: Abnahme der Ikterus, gallige
Fäibiing der Stühle, etwas Gewichtszunahme. Dies ibt die letzte Nach-
richt, die ich von der Patientin hatte (vom 29. Januar 1905).
Daß es sich in dem letzten Abschnitt dieser Krankengeschichte
um Äußerungen von Konkrementen in den Oallenwegen, und zwar
um einen Stein im Choledochus handelt, ist wohl zweifellos. Schwie-
riger zu beantworten und dabei für die Deutung der Art des Reci-
dives von ausschlaggebender Bedeutung, ist die Frage nach der
Natur der zahlreichen, schmerzlosen IkterusanfäUe, welche die
Patientin, sehr bald nach der Operation beginnend, durchmachte.
Sicher ist, daß die Ursache dieser Ikterusattacken in Gallengängen
größeren oder kleineren Kalibers zu suchen ist und nicht den
Choledochus selbst betraf, da die Stühle immer, wenn auch Ter-
mindere, gallige Färbung behielten. Die Möglichkeit, daß kleine
Konkremente bei der Operation in den Gallengängen der Leber
liegen blieben und die Veranlassung zu lokalen Entzündungen und
Gallengangs Verstopfungen wurden, ist nicht von der Hand za
weisen, zumal da eine Hepaticusdrainage an die Operation nicht
angeschlossen wurde. Dann würde es sich also um ein unechtes
Secidiv handeln. Es ist aber ebensogut möglich, daß zunächst
nur eine chronische Entzündung der Gallengänge ohne Steine be-
stehen blieb ; dafür scheint mir zu sprechen, daß es durch mehrere
Jahre nicht zu Koliken kam, obwohl eine Latenz keineswegs be-
stand, vielmehr der immer wiederkehrende Ikterus bewies, daß ein
florider Prozeß im Gallengangssystem vorliege. Dann würden sich
also erst im Verlauf dieser fortdauernden Cholangitis neue Kon-
kremente gebildet haben müssen, die mit den neuen Kolikanfallen
dann ihre Wirkung entfalteten: also ein echtes Recidiv. Eine
auch nur einigermaßen sichere Entscheidung über den Zeitpunkt
der Bildung der neuen Konkremente ist also auch in diesem Fall
nicht zu geben. Jedenfalls halte ich die Diagnose eines neuen
Choledochussteines und einer aasgebreiteten und schweren diffusen
chronischen Cholangitis für sicher und daher schien mir in diesem
Fall eine neue Eröffnung des Choledochus und langdauernde Drai-
nage des Hepaticus dringend geboten. — Ob die zuletzt erwähnte
Besserung eine anhaltende und fortschreitende sein wird, erscheint
noch sehr zweifelhaft.
In praktischer Hinsicht ist also die Frage, ob echtes oder un-
echtes Recidiv ohne Belang; in theoretischer ist sie von großem
Znr Klinik der Cholelitbiasis. 127
Interesse. Eehr^) hält echte Recidive fftr nahezu ausgeschlossen;
er selbst beobachtete keinen Fall von Steinneubildung. Wo wieder
Erscheinungen aufträten, handle es sich um bei der Operation
zaröckgelassene Konkremente oder um Adhäsionen oder Entzün-
dungskoliken. Nach seinen letzten Veröffentlichungen sollen Steine
zarQckbleiben in 2,5%, Adhäsionsrecidive vorkommen in 3 — 3,5 7o
und Entzündungskoliken in 5^o- Einen ähnlichen Standpunkt ver-
treten Riedel und andere Chirurgen. Demgegenüber glaubt Körte
an die Möglichkeit der Neubildung von Steinen und zählt unter
313 Operierten 6 echte Recidive.
Über die auch bei dem mitgeteilten Fall vorliegende Bildung
von Konkrementen innerhalb der Leber selbst stellte Beer*) Unter-
suchungen an. Er fand bei Sektionen in 8,3 \ intrahepatische
Gallensteine und meint, daß die intrahepatische Steinbildung zu
echten Recidiven nach Operationen führen könnte. Die Möglichkeit
echter Recidive werde auch dadurch bewiesen, daß man oft deut-
lich mehrere Generationen von Steinen in der Gallenblase neben-
einander unterscheiden könne. — Daß intrahepatische kleine Kon-
kremente, seien sie nun vor der Operation schon vorhanden ge-
wesen oder erst nachträglich entstanden, später wieder zu schweren
Erscheinungen fuhren können, steht demnach fest. Eine lang-
dauernde Hepaticusdrainage wird die Gefahr des Zurückbleibens
kleiner intrahepatischer Steine vermindern; ganz verhindern kann
sie sie nicht. Manchmal entstehen auch solche Steine immer
wieder neu, wie in einem Fall v^on Körte, wo trotz der Drainage
immer und immer w^ieder Konkremente aus den Gallengängen, wo
sie sich dauernd neu bildeten, ausgestoßen wurden. — Wenn also
auch in einigen seltenen Fällen durch Neubildung von Konkrementen
oder durch zurückgebliebene Steine, Adhäsionen oder Entzündungen
nach einer Gallensteinoperation wieder Beschwerden auftreten
können, so wird dadurch die sehr große Bedeutung der chirurgi-
schen Therapie der Cholelithiasis doch sicherlich nicht beein-
trächtigt. Wo eine absolute Indikation für den blutigen Eingriff
besteht, können solche Eventualitäten gar nicht in Betracht kommen,
und der Segen, den die Fortschritte der Gallensteinchirurgie für
so viele Kranke brachten, kann dadurch nicht im geringsten ver-
1) Ober Recidive Dach GallensteiDoperationen. Berliner EÜDik Nr. 148. —
Bericht über 137 GalleDsteinlaparotomien. — Mtinch. med. WocheiiHchr. 190ö Nr 14.
— Technik der Gallensteinoperationen. Referat. Münch. med. Wocheuschr. 1905
Nr. 18.
2) Archiv für klin. Chirnr^ie Bd. 74 Heft 1.
128 VII. KüCKUM, Zur Klinik der Choklithians.
mindert werden. Wo aber eine solche Indikation nicht vorhanden
ist, wird man die Möglichkeit von Recidiven und postoperativen
Beschwerden ebenso wie die, wenn auch noch so geringe MortalitAt
der Operation in Rechnung stellen müssen, nnd daher kann auch
die innere Therapie der Cholelithiasis, deren Resultate bei allen
Fällen, welche einer solchen mit RScksicht auf die anatomischen
Veränderungen Überhaupt zugänglich sind, sicherlich nicht an-
befriedigende genannt werden können, ihre Bedeutung fBr die über-
wiegende Mehrzahl der Galiensteinkranken nicht verlieren.
VIIL
luT Kenntnis der Barlow'schen Krankheit (Brustkind).
Von
Dr. Georg Freand
in Stettin.
Am 11. September 1902 wurde mir der 7 Monate alte Sohn
des Schuhmachers H. vorgestellt. Er zeigte über dem linken
Stirnbein eine flache Yorwölbung von der Größe des Handtellers
eines etwa dreijährigen Kindes, ähnlich einem Kephalhämatom,
femer eine Anschwellung und grünlich-gelbe Verfärbung des linken
oberen Augenlides. Obwohl mir die Blässe des sonst munteren
Kindes auffiel, begnügte ich mich zunächst mit der Erklärung der
Mutter, die diese Erscheinungen auf ein vor einiger Zeit erlittenes
Trauma zurückführte, und hielt eine Therapie nicht für notwendig.
Am 18. September suchte mich das Kind wieder auf. Die Blässe
hatte erheblich zugenommen, das linke obere Augenlid erschien
zum Teil blaurot verfärbt, auch das rechte Oberlid zeigte ähnliche,
weniger ausgesprochene Veränderungen. Da mir außerdem ge-
klagt wurde, das Kind bewege seit einigen Tagen die Arme nicht
mehr und habe beim Anfassen der Arme Schmerzen, so stellte ich
die Diagnose auf Barlow'sche Krankheit.
Vielleicht hätte sich diese Diagnose mir schon früher auf-
drängen sollen, aber zwei Punkte der Anamnese waren es, die
von der richtigen Fährte fortleiteten: der unverdächtige und von
der Mutter stark betonte Zusammenhang der Symptome mit
einem Trauma und vor allem die Tatsache, daß es sich um
ein ausschließlich an der Brust genährtes Kind
handelte.
Die jetzt ausführlich aufgenommene Anamnese ergab die überraschende
Tatsache, daß das Kind bis 2 — 3 Tage vor dem Beginn der
Erkrankung nur Muttermilch bekommen hatte. Die Nah-
rung war, nach Aussage der Mutter, reichlich, und das Kiod gut ge-
diehen. Nur war der Mutter stets eine gewisse Blässe aufgefallen. Erst
Deutsches Archiv für klin. Medizin. 86. Bd. 9
130 Vm. Freund
2 — 3 Tage vor dem Beginn der Erkrankung glaubte die Mutter, daß die
Nahrung infolge der Anstrengungen eines Umzuges weniger ausreichend
geworden sei, und hatte seitdem außer der Brusternährung noch zweimal
taglich etwas Zwieback gegeben. Außerdem hatte das Kind nur je ein-
mal im ganzen Kartoffeln und geschmorte Birnen bekommen. Kuhmilch
hatte es überhaupt noch nicht erhalten.
Die Erkrankung hatte vor 7'/^ Wochen damit begonnen (27. Juli)
daß das auf dem Schoß der Mutter sitzende Kind umkippte und mit
der linken Stirnseite gegen das Fensterbrett stieß. Es schrie nur
kurze Zeit und zeigte keine Veränderung seines Wesens. Nach einigen
Stunden wurde eine kleine Beule bemerkt, die sich in der ganzen Zwischen-
zeit allmählich vergrößerte. 5 Wochen später wurde das linke Oberlid
gelb, dann dick und schließlich teilweise blaurot, noch etwas später fingen
dieselben Veränderungen auch am rechten Auge an. Sonst zeigte sich
keine Störung des Allgemeinbefindens. Appetit und Stuhlgang blieben
gut. Die Mutter bemerkte nur, daß die schon früher bestehende wenig
auffallende Blässe in erheblicher Weise zunahm.
Erst seit 8 Tagen macht das Kind einen eigentlich kranken Ein-
druck. Es ist verdrießlich, spielt nicht mehr, was von der Mutter auf
eine Schmerzhaft igkeit der Arme bei Bewegungen zurück-
geführt wird. Seit 3 Tagen fallen alle diese Erscheinungen ganz be-
sonders auf. Das Kind ist abends etwas heiß und schwitzt. In den
letzten 8 Tagen war der Appetit wechselnd, der Stuhlgang träge, einmal
Erbrechen.
Der am 19. September aufgenommene Status ergibt ein sehr gut
genährtes, seinem Alter entsprechend entwickeltes Kind. Auffallend blaß,,
etwas pastös. Es macht einen matten, verdrießlichen Eindruck. Innere-
Organe normal, namentlich Milz und Leber nicht vergrößert. Keine
Drüsenschwellungen. Kein Fieber. Über dem linken Stirnbein die be-
schriebene flache Erhabenheit mit nicht verfarbter Haut darüber; der
Tumor fühlt sich im allgemeinen hart an, nur an zwei etwas mehr pro-
minierenden haselnußgroßen Stellen etwas teigig, wie fluktuierend. Die^
an einer dieser Stellen vorgenommene Probepunktion ergibt
flüssiges Blut, während sie an der harten Stelle negativ ist. Beide-
obere Augenlider mäßig verdickt, grüngelb, nur im Bereiche der innerea
Augenwinkel besonders links tief blaurot. Konjunktiven ohne Blutungen.
Bulbi nicht vorgetrieben. Kein Zahn. Mundschleimhaut unverändert.
Ohren frei. Die Beine werden frei bewegt, das linke vielleicht weniger
energisch als das rechte; die Arme werden dagegen kaum gerührt, erst
auf äußere Beize hin werden Bewegungen ausgeführt, die Arme scheinea
auf Druck empfindlich zu sein, namentlich die Oberarme. Verdickungea
sind an den Extremitäten nicht zu fühlen. Weder der Schädel noch das
übrige Skelett zeigt rhachitische Verändei*ungen. Der Urin wurde nicht
untersucht, die Farbe der harndurchnäßten Windeln war unverändert.
Blutbefund s. u.
An der Brust entstandene Fälle von Barlow'scher BLrankheit
sind zum mindesten außerordentlich selten. Unter den vielen im
Anschluß an einen Vortrag von Heubner herangezogenen Fällea
Zar Kenntnis der Barlow'scben Krankheit. 131
befand sich kein Brnstfall, ebensowenig unter den 77 Fällen der
Enquete in Schleswig-Holstein. Die amerikanische Sammelforschung
erwähnt unter ihren 379 Fällen 12 Brustfälle, deren Eichtigkeit
aber kaum kontrollierbar ist. In der Literatur fand ich ferner als
Brustfälle angeführt Fälle von Ashby, Ausset, Cima, Crau-
dall, Fruitnight, Koppen, Love, Mather, Northrup,
Petrone, Scott (Zwillinge), Soltmann, Southgate, Weiß;
Der Fall von Weiß zeigte eine als subperiostaler Bluterguß ge-
deutete . Anschwellung am Oberkiefer und wurde auf der Ärzte-
versammlung in Breslau angezweifelt. Koppen braucht in seinem
Falle schlechthin die Bezeichnung „Brustkind^, ohne zu sagen, ob
sich dieser Ausdruck auf die Gegenwart oder nur auf die Ver-*
^angenheit bezieht; da er aber der bestehenden doppelseitigen
Hüftgelenksluxation einen Einfluß auf die Obstipation des Kindes
zuschreibt, so hat es sich wahrscheinlich um ein laufendes, also
wohl um ein bereits entwöhntes Kind gehandelt. Sicher erscheint
mir die Beobachtung Cima 's: Ein 6 Monate altes, ausschließlich
an der Mutterbrust genährtes Kind zeigt eine schmerzhafte An-
schwellung beider Vorderarme, Schmerzhaftigkeit der Beine, Ecchy-
mosen an der Glabella übergreifend auf das rechte Oberlid und an
verschiedenen anderen Körperstellen, Epistaxis, Blässe. Harn
normal. Die Angaben über die anderen Fälle waren mir nur in
Zitaten zugänglich, ich will sie daher nicht kritisieren, sie unter-
liegen vielfach dem Zweifel der Autoren.
Ich kann nicht finden, daß a priori das Auftreten der Barlow-
sehen Krankheit bei Brustemährung etwas so Unerhörtes, den bis-
herigen Erfahrungen Widerstreitendes ist. Allerdings sind wir
gezwungen anzunehmen, daß die befallenen Brustkinder eine be-
sonders hohe und daher selten vorkommende Disposition für die
Barlow'sche Krankheit besaßen. Aber ohne die Annahme einer
Disposition und zwar einer Disposition von sehr verschiedener
Größe kommen wir, bisher wenigstens, bei der Ätiologie der Barlow-
schen Krankheit überhaupt nicht aus, ebensowenig wie bei so vielen
anderen Erkrankungen. Das Bestehen einer solchen Disposition
geht wohl am frappantesten aus einer Beobachtung Finkelstein's
hervor, der bei einem Kinde, dessen ältere Schwester seiner Zeit
Barlow'sche Krankheit bekommen hatte und das deshalb aus pro-
phylaktischen Gründen „antiskorbutisch" genährt wurde, trotzdem
Barlow'sche Krankheit auftreten sah. Die Verschiedenheit der
Disposition ergibt sich aus den Tatsachen, erstens, daß so viele
Säuglinge bei excessiv „skorbutischer" Ernährung gesund bleiben.
9*
132 Vm. Fäbukp
zweitens, daß bei manchen Bariow-Kranken die Oenesnng bereits
bei einer Emähmngsweise eintritt, die in anderen Fällen schon
zur Herbeiführung der Erkrankung genügt hatte; und wenn man,
drittens, auch die überragende Bedeutung der dauernden Ernäh-
rung mit „totgekochter" Milch für die große Mehrzahl der Falle
nicht leugnen wird, so muß man doch anerkennen, daß sich aus
der Literatur eine ganze Skala von verschiedenen Behandlungs-
arten der Milch zusammenstellen läßt, bei deren Genuß eine Er-
krankung erfolgte: doppelt gekochte Milch, lange gekochte Milch,
kurz gekochte Milch, pasteurisierte Milch. Das doppelte Erbitzei
der Milch, auf das Neumann so großen Wert legt und auf das
er die Zunahme der F&Ile in Berlin zurückführt, ist übrigens nicht
80 sehr selten auch unter der Säuglingsskorbut-armen, weniger be»
mittelten Bevölkerung. Bei einer Enquete über die im Jahre 19Q2
gestorbenen Stettiner Säuglinge stellte sich nämlich heraus, daß in
über einem Fünftel der statistisch verwertbaren Fälle die Milch
nicht nur morgens, sondern außerdem noch vor jeder Mahlzeit ab-
gekocht wurde; dies Verfahren wird ja von Ärzten und Hebammen
ihren Klienten namentlich auch deshalb angeraten, um eine Säue-
rung der Milch eher zu erkennen.
Während es also auf der einen Seite Kinder gibt, die auch
bei langer Einwirkung der schwersten skorbutischen Schädlich-
keiten gesund bleiben, gibt es andere, allerdings viel weniger zahl-
reiche, die auch schon auf die nach unserer Anschauung leichtesten
skorbutischen Noxen mit Barlow'scher Krankheit reagieren und
diesen anscheinend besonders stark disponierten schließen sich die
Barlow-kranken Brustkinder an.
Trotz der Untersuchungen Klemperer's u. a. wissen wir
noch nicht, welche Veränderungen der Milch es sind, die skorbu-
tisch wirken. Wir können daher auch noch nicht sagen, ob die
Veränderungen derart sind, daß sie nur durch Erhitzen der Milch
hervorgerufen werden können oder ob nicht vielleicht auch andere,
das milchspendende Individuum betreffende Schädlichkeiten (Er-
nährung, Krankheiten) die Ursache sein können, daß eine schon im
frischen Zustande „skorbutische^ Milch geliefert wird. Wir wissen
wenig über die physiologischen Schwankungen der Milchsekretion
beim Menschen, eigentlich nichts über die pathologischen, daher
erscheint es mir müßig, sich in Betrachtungen über diese Möglich-
keiten einzulassen. Ich will mich darauf beschränken, die anamnesti-
schen Punkte anzuführen, wie sie bei Barlow-kranken Brustkindern
ätiologisch verwertet worden sind.
Zar Kenntnis der Barlow^tchen Krankheit. 133
Im Falle E ö p p e n's hatte das Kind einen tnberknlösen Vater,
bei Southgate eine tuberkulöse Mutter, Grand all erwähnt
rhenmatische Erkrankungen der Eltern (und nicht ausreichende
Muttermilch) und Love's Fall war vielleicht auf die Lues resp.
anf die Merkurialisation von Mutter und Kind zurückzuführen.
Cima g:ibt an, daß in seinem Falle das Kind zu wenig Milch an
der Mutterbrust bekam und bei zweckmäßiger Ergänzung der
Nahrung genas, in Mather 's Fall trank die Amme sehr groß^
Mengen Tee, nach dessen Entziehung Heilung erfolgte; bei Northrup
handelte es sich um zwei von einer Amme genährte Kinder, von
denen das schwächere zu kurz kam; nach Abstellung dieses Miß-
standes trat schnelle Besserung ein. Ich möchte hervorheben, daß
in den Fällen von Crandall, Cima und Northrup es sich nicht
nor um quantitative, sondern auch um qualitative Abweichungen
von der Norm gehandelt haben kann. Die Milch in einer ver-
siegenden Brust ist anders zusammengesetzt als die in einer reich-
lich fließenden. Werden zwei Kinder von einer Amme genährt, so
bekommt das stärkere, auch die letzten Portionen kräftiger ab*
saugende eine Milch von anderer Zusammensetzung als das schwächer
saugende, besonders wenn man, wie es naheliegen könnte, das
schwächliche Kind zuerst anlegt.*)
In meinem Falle waren irgendwelche Anhaltspunkte für die
Entstehung der Krankheit nicht herauszubringen. Beide Eltern,
der 31jährige Vater und die 21jährige Mutter waren gesund. Es
existierte eine 3jährige Schwester, die ganz gesund war, keine
Anzeichen von Rachitis bot, von der Mutter bis zum 6. Monat
ausschließlich gestillt war, von da an Beikost bekommen und sich
ohne Störungen entwickelt hatte. Die körperliche und geistige
Entwicklung des Patienten war in normaler Weise verlaufen. Das
Kind machte beim Eintritt in die Beobachtung einen gut genährten
Eindruck, so daß eine quantitative Insufficienz der Muttermilch
wie bei Cima auch nicht wahrscheinlich war. Über die Quantität
der aufgenommenen Nahrung habe ich nichts Genaueres festgestellt,
schon aus dem Grunde, weil eine verminderte Nahrungsaufnahme
nicht notwendig auf eine verminderte Milchsekretion der Mutter
zurückzuführen gewesen wäre, sondern eher auf den verminderten
Appetit des Kindes. Die mikroskopische Betrachtung der Milch
1) Das Kind einer stillenden Matter, die wegen des Mangels gewisser Stoife
(Fennente, Salze??) in ihrem Körper eine nicht antiskorbutische Milch sczerniert,
würde dann in doppelter Weise gefährdet sein: durch Vererbung dieser skor-
batisehen Disposition und dnrch die nicht antiskorbutische Milch.
134 Vm. Fbbünd
ergab in der Anzahl und Form der Fettkügelchen nichts Abnormes,
keine Kolostrurakörperchen. Der Harn der Mutter enthielt kein
Eiweiß, er reduzierte Fehling'sche Lösung etwa entsprechend. Vi %
Traubenzucker. Wenn man hieraus schon auf eine abnorme Re-
sorption von Milchbestandteilen schließen will, so wäre diese wohl
auch als sekundäre Erscheinung aufzufassen. Die Wohnung war
hell und trocken, auch von ihrer früheren Wohnung versicherte
mir die Mutter dasselbe. Koppen u. a. legen auf chronische
yerdauungsstörungen bei der Entstehung der Barlow'schen Krank-
lieit Wert, namentlich auf die Verstopfung. Auch davon erwähnt
die Anamnese nichts. Die Mutter gab vielmehr an, daß das Eind
täglich 1 — 2, höchstens 3 normale Windeln hatte.
Die Fälle von Barlow'scher Krankheit bei normalen Brust-
kindern finden ihre Analoga in jenen sporadischen Fällen von
Skorbut der Erwachsenen, deren ganz normale Ernährung sich in
nichts von der ihrer Umgebung unterscheidet; ich besinne mich
aus meiner Assistenten zeit auf zwei solcher Fälle. Niemand wird
aber, gestützt auf solche Ausnahmen, die Bedeutung der bekannten
skorbutischen Noxen für den endemischen Skorbut leugnen. Oder
will man, wie es andere Autoren tun, die Barlow'sche Krankheit
lieber der ßachitis angliedern, so stehen den Barlow-kranken
Brustkindern die rachitischen Brustkinder gegenüber, nimmt doch
Fruitnight als eine der Ursachen der Barlow'schen Krankheit
zu langes Stillen an (bis zum 15. Monate). Es erscheint nach alledem
kaum notwendig, jeden Brustfall von Barlow'scher Krankheit als
unbequemen Eindringling in die Theorie mit Mißtrauen zu be-
trachten, immerhin ist es angebracht, jeden solchen Fall ganz be-
sonders kritisch in bezug auf die Differentialdiagnose zu zergliedern.
In meinem Falle wird durch die Anamnese die Frage nahe-
gelegt, ob es sich nicht um die einfachen Folgezustände eines
Trauma gehandelt haben könnte. Dagegen spricht die Tatsache,
daß die Blutung nicht an der Stelle der einwirkenden Gewalt loka-
lisiert blieb, sondern daß neue Blutungen in ziemlich großen zeit-
lichen Zwischenräumen erst am linken, dann am rechten Augen-
lide auftraten — ganz abgesehen von den Symptomen an den
Armen.
Die Bedeutung des Trauma für die Lokalisation der Blutungen
bei Barlow'scher Krankheit ist von vielen Autoren anerkannt worden.
Schon Möller erwähnt ein Kind, bei dem sich die ersten Sym-
ptome der Krankheit an einen Fall auf das zuerst erkrankte Bein
anschlössen. Eine ähnliche Beobachtung bringt Cohn. Keckling-
Zur Kenntnis der Barlow^schen Krankheit. 135
liausen betont, daß in den wenigen Fällen von Barlow^scher
Krankheit, die er untersucht hat, mechanische Einwirkungen für
die Entstehung am Periost und im Knochenmark im Spiele waren.
Auch Nauwerck erkennt die Bedeutung von Traumen an, für
deren Entstehung schon die aktive Bewegung der Kinder genüge.
Schmorl hält es für sehr wahrscheinlich, daß bei der Entstehung
der an den langen Eöhrenknochen und an den Rippen auftretenden
Blutungen Frakturen und Infraktionen eine sehr wesentliche Eolle
spielen, meint aber, daß die an den Schädelknochen und besonders
die unter dem Periost der Orbita vorkommenden Hämorrhagien
ohne äußere Einwirkung zustande kommen. Im Gegensatz zu dieser
Anschauung zeigt mein Fall, daß auch bei den Blutungen an den
platten Schädelknochen das Trauma eine Bolle spielen kann, und
•die Abhängigkeit der Orbitalblutungen von einem allerdings nicht
von außen kommenden, aber, wenn man will, „inneren" Trauma
ist durch die von Cohn citierte Beobachtung erwiesen, der Ex-
ophthalmus bei einem Barlow-kranken Kinde plötzlich während des
Schreiakts auftreten sah. Die Bedeutung des Traumas wird auch
von de Bruin anerkannt.
Aus alledem geht hervor, daß das Manifestwerden der Barlow-
sehen Krankheit im Anschluß an ein Trauma nichts Fremdartiges
ist, sondern ein ganz legitimer, dem Wesen der Krankheit ange-
messener Vorgang. Bei dieser Bedeutung des Traumas ist es auch
verständlich, daß die Hauptsymptome gewöhnlich die Extremitäten
betreflFen, seltener den Schädel; immerhin ist die Beteiligung der
platten Schädelknochen doch mehrfach beschrieben worden.
So konstatierte Barlow subperiostale Blutungen an den Ossa
parietalia, Pinner fand in einem seiner Fälle Kephalhämatome
über dem Tuber parietale sin. und in der Nähe der rechten vor-
deren Spheno-parietal- Fontanelle, daneben Orbitasymptome; und
aus seiner Krankengeschichte geht hervor, daß diese Erscheinungen
im Verlauf der Krankheit aufgetreten waren, nachdem das Kind
«inige Tage an Husten und Niesen gelitten hatte. Hierher gehört
wohl auch ein Fall von Zuppinger, in dem sich über Nacht die
ganze Kopfschwarte nach vom bis zu den Augenlidern zu einem
hochgradigen Caput succedaneum ausgebildet hatte ; ein Einschnitt
zeigte, daß nicht nur die Haut, sondern auch das Pericranium an
der Blutung beteiligt war und selbst der Knochen erschien hoch-
gradig hyperämisch. Gas sei erwähnt ein Kind, dessen Kopf in
eine unförmliche Masse verwandelt war, in einem anderen Falle
sah er eine große teigige Schwellung über dem Stirnbein mit hartem
136 VIII. FuiTifD
kraterförmigem EDOchenrand. Heubner erwähnt ebenfalls einen
Fall mit Schädelblutnng. de Ranitz fand einen Blntergnfi am
Os parietale.
Viel häufiger als an den platten Schädelknochen sind Blntangen
in der Orbita, mögen sie nun als Ödem der Augenlider, als blutige
Verfärbung der Augenlider oder als Exophthalmus in die Erschei-
nung treten. Immerhin sind auch diese Blutungen verhältnismäßig
seltener als die Extremitätenblutungen, vielleicht deswegen, weil
das Trauma des Schreiens im allgemeinen doch nicht so wirksam
ist wie die äußeren Traumen. Heubner und Neumann sahen,
unter ihren vielen Fällen nur je 4 mal Orbitaaffektionen. Auch in
der amerikanischen Sammelforschung wird die Protrusio bulbi als
ein seltenes Symptom bezeichnet Orbitaaffektionen sind beschrieben
worden z.B. von Barlow, Cassel, Cohn, Franke (Röntgen-
bild), Hoffmann, Marsh, Mayer, Meyer, Möller, Pinner»
Pott, Railton, Starck und ich selbst habe blutiges Ödem der
Oberlider nebst Exophthalmus bei einem Barlow-kranken Flaschen*
kinde gesehen. Es kann also nicht bezweifelt werden, daß die
Orbitasymptome zwar ein nicht ebenso häufiges, aber doch ebenso
typisches Symptom der Barlow*Kranken sind wie die subperiostalen
Ergüsse an den langen Röhrenknochen. Dieses Urteil besteht um
so mehr zu Recht, als die Orbitasymptome wohl immer auf sub-
periostale Blutergüsse, dasjenige Charakteristikum, welches alle
Fälle der Barlow'schen Krankheit zu einem Ganzen zusammenhält^
zurückzufuhren sind. Daß „die Symptome an den Augenlidern
wohl mit Blutungen an der Innenfläche der Orbita zusammen-
hängen", ist auch Heubner 's Ansicht, und Möller beschreibt
als Sektionsbefund bei einem Kinde, das intra vitam doppelseitigen
Exophthalmus gezeigt hatte, eine beiderseitige Blutung zwischen
Dura und Os frontale, die durch eine Spalte zwischen Sieb- und
Stirnbein mit der Augenhöhle kommunizierte; die Orbita zeigte
hinten oben eine subperiostale Blutung, die den Bulbus nach vorn
und unten drängte, Extravasat auf der Pia. Meyer stellte sowohl
intra vitam durch Probeinzision wie bei der Autopsie einen sub-
periostalen Bluterguß der Orbita als Ursache des plötzlich ent-
standenen Exophthalmus fest.
Wenn man also auch vorläufig daran festhalten mag, daß die
Intumescenz zur Diagnose des Morbus Barlow unentbehrlich ist^V
1) Vgl. die Fälle von Hämaturie als einziges Symptom von Barlow'scher
Xrankheit.
Znr Kenntnis der Barlow'sohen Krankheit. 137
wie Hirschsprang als Norm aufstellt, so muß seine Forderung^
doch dahin eingeschränkt werden, daß diese Intnmescenz nicht
gerade an den langen ßöhrenknochen zu sitzen braucht, sondern
daB die Lokalisation abhängig ist von der Einwirkung des Trauma.
Daß in meinem Falle auch die Extremitäten nicht frei von solchen
Symptomen waren, die erfahrungsgemäß dem Auftreten der In*
tamescenz vorangehen, wurde schon erwähnt.
Die typische Lokalisation der Blutungen in unserem Falle
spricht ferner differentialdiagnostisch von vorherein gegen die ver-
schiedenen Arten von hämorrhagischer Diathese aus anderen Ur*
Sachen, die sonst noch in Betracht kommen könnten, nämlich etwa
bei Hämophilie, bei einer pyämischen Erkrankung oder bei einer
Erkrankung des Blutes im engeren Sinne.
Die Hämophilie war schon deswegen auszuschließen, weil, wie
die Mutter erzählte, beim Lösen des Zungenbändchens kaum eine
Blutung aufgetreten war.
Für eine pyämische Erkrankung sprach eigentlich nichts in),
klinischen Bilde. Höheres Fieber, da& allenfalls den Gedanken an
einen versteckten Eiterherd hätte erwecken können, trat erst sub
finem auf. Vorher bestanden leichte Temperatursteigerungen, wie
sie ja von vielen Beobachtern der Krankheit, ohne daß ein beson-
derer Grund eruierbar war, beschrieben worden sind, so in der
Amerikanischen Sammelforschung, in allen 6 Fällen Baron's, von
Heubner, Cassel usw., hohes, zum Teil plötzlich einsetzendes
Fieber bis 40® fand sich u. a. in den Fällen von Hirschsprung,
Hoffmann, Petrone,Rehn und Rotch. Also auch das Fieber
ist ein nicht ungewöhnliches Symptom der Barlow'schen Krankheit
und bedarf bei der Diagnose keiner besonderen Erklärung.
Nicht ohne weiteres von der Hand zu weisen ist die Mög-
lichkeit einer hämorrhagischen Diathese bei einer Anämie, Leuk-
ämie oder verwandten Erkrankung des Blutes. So wurde in einem
Falle Litten's durch das Bestehen von Exophthalmus und In-
tamescenz an den Extremitäten die Diagnose Barlow'sche Krank-
heit vorgetäuscht; etwas fremdartig war in dem Falle allerdings
von vornherein das Vorherrschen der Hautblutungen, die doch
sonst im Symptomenbilde des Morbus Barlow meist nur eine neben-
sächliche KoUe spielen. Die späterhin deutlich hervortretende
grünliche Hautfärbung machte die, dann auch durch die Sektion
bestätigte, Diagnose Chlorome sicher. Der Blutbefund bei der
Barlow'schen Krankheit hat, wie Senator hervorhebt, an Interesse
gewonnen, seitdem wir das Knochenmark als die primäre und ent-
138 Vni. Freund
scheidende anatomische Veränderung der Krankheit ansehen müssen
{vgl. z. B. 0 r t h). Senator nimmt Bezag anf die Blutbefdnde von
Ritter, deren Resultate ihm gut mit der Annahme einer Funktions-
störung des Knochenmarks übereinzustimmen scheinen und ihn an
Ehr lieh's Fälle von Aplasie erinnern. Da auf den Blutbefand
bei der Barlow'schen Krankheit bisher wenig Rücksicht genommen
ist, so habe ich versucht, das mir Erreichbare aus der Literatur
in der Tabelle auf S. 139 zusammenzustellen.
Aus der Tabelle geht zunächst hervor, daß recht erhebliche
Herabsetzungen des Hämoglobingehaltes und der Zahl der roten
Blutkörperchen vorkommen können (Rotch, Lehndorff, Cima.
Freund) daß ferner dort, wo zahlenmäßige Angaben vorliegen,
Hämoglobingehalt und Zahl der roten Blutkörperchen sich etwa
entsprechen (Hirschsprung, Rotch, Lehndorff, Weiß.
Freund), eine Ausnahme macht nur der Fall von Cima mit mehr
chlorotischem Blutbefund, während sonst das Verhalten dem einer
sekundären Anämie entspricht. Die Zahl der Leukocyten war in
keinem Fall sehr wesentlich vermehrt, wenn man die Ver-
hältnisse des Säuglingsalters berlicksichtigt, eine Verminderung,
allerdings ohne Zahlenangabe, registrieren Fürst und Meyer.
Die Angabe Neumanns, daß die Leukocyten keinesfalls ver-
mehrt seien, scheint daher auf Grund des bisher vorliegenden
Materials nicht ganz zu Recht zu bestehen. Der prozentuale An-
teil der Polynucleären ist — auch bei Berücksichtigung des Lympho-
cytenreichtums der Säuglinge — außer bei Rotch immer ver-
mindert gefunden worden, dagegen erfolgt die prozentuale Ver-
teilung des Restes unter Lymphocyten, Mononucleäre und Uber-
gangsformen bei den einzelnen Autoren in sehr verschiedener Weise,
wofür man, gerade bei der Mannigfaltigkeit der einkernigen Formen
im kindlichen Blute, wohl mit Recht zum Teil das subjektive
Moment bei der Untersuchung verantwortlich machen wird. Be-
sonderen Wert legt Senator auf die mangelnde Reaktion des
Knochenmarks, wie sie sich namentlich in dem Fehlen der kern-
haltigen Roten in den Ritter'schen Präparaten ausdrückt. Das-
selbe ist mir in meinem Präparate auch aufgefallen, um so mehr,
als ich gewohnt war, bei den gewöhnlichen rachitischen Anämien
meist reichlich Normoblasten zu finden. Ganz so negativ war der
Befund in dieser Hinsicht bei anderen Autoren (Rotch, Lehn-
dorff, Cima, le Bruin) nicht und Lenoble spricht sogar
direkt von einer myeloiden Reaktion, als deren Symptome er die
Anwesenheit von Normoblasten und spärlichen neutrophilen Myelo-
Zur Kenntnis der Barlow'ichen Krankheit.
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cyten anführt, die übrigens anch Weiß in seinem zweifelhaften
Falle fand. Von Lenoble's Fall ist mir aber nur ein Referat
des Blntbefundes bekannt geworden, nicht der für die Diagnose
entscheidende klinische Verlauft) Im ganzen kann man also in
Übereinstimmung mit Senator sagen, daß, besonders wenn man
die Reaktionsfähigkeit des kindlichen Alters in Rechnung zieht^
die Reaktion des Knochenmarks auffallend gering ist. Die Diffe-
renzen, welche sich zwischen den einzelnen Untersuchen! finden,
wurden vielleicht ihre Erklärung finden, wenn ein genügend großes
Material uns in den Stand setzte, Blutbefnnd und klinischen Ver-
lauf (Schwere und Ausdehnung der Erkrankung, Dauer, Fieber) zu
vergleichen. Vor allem fehlen eingehende fortlaufende Blutunter-
suchungen in ein und demselben Falle. Hier liegt eine dankbare
Aufgabe für künftige Beobachter.*)
Um nun wieder auf die Differentialdiagnose meines Falles
zurückzukommen, so muß zunächst gesagt werden, daß sich bisher
ein Blutbild, welches die Diagnose der Barlow'schen Krankheit
sichert oder wahrscheinlich macht, nicht ergeben hat. Der Blut-
befund stimmt aber gut mit mehreren anderen bei unzweifelhafter
Barlow'scher Krankheit erhobenen überein, er ist der einer se-
kundären Anämie mit Neigung zur Lymphocytose und ohne wesent-
liche Reaktion des Knochenmarks. Jedenfalls spricht nichts da-
für, daß es sich um eine Blutkrankheit im engeren Sinne mit se-
kundärer hämorrhagischer Diathese gehandelt hat und mit dieser
Feststellung dürfte die Diagnose nach allen Seiten hin gesichert sein.
Auch der weitere Verlauf der Krankheit steht in Einklang
mit Beobachtungen anderer Autoren:
Die Ernährung an der Mutterbrust ließ ich fortsetzen, ich sorgte
nur für regelmäßiges Einhalten der Mahlzeiten, die bisher za oft bis
9 mal in 24 Stunden und ohne Ordnung gegeben waren. Das Kind be-
kam täglich mehrere Teelöffel Zitronensaft, 2 mal täglich frische Bier-
hefe. Die Ht^femedikation mußte aber bald wieder ausgesetzt werden,
da danach Erbrechen und leichter Durchfall auftrat.
Der Erfolg dieser Behandlung war zunächst in ganz ausgesprochener
Weise der, daß im Allgemeinbefinden des Kindes ein rascher Umschwung
eintrat und daß die Empfindlichkeit der Arme verschwand. Anders stand
1) Von dem Reinert' sehen Fall habe ich ganz abgesehen. Mir lag nur
der Blnt- und der Sektionsbefand vor. Beide treten ganz aus dem Bilde der
Barlow'schen Krankheit heraus und entsprechen den Befunden bei der Anaemia
gravis (Megaloblastenanämie. Verfettung der Organe).
2) In dem Referat der Arbeit Southgates wird davon gesprochen daß
der Blutbefnnd gleichen Schritt mit dem Allgemeinzustande hielt.
Zar Kenntnis der BArlow'schen Krankheit 141
«B mit den SebädelblatnngeD. Die Affektion am linken Stirnbein blieb
unverändert. Die Erecbeionngen am linken Auge gingen zwar etwas
zurück, am rechten nahmen sie aber zn. Am 25. September notierte
icb: recbtes Auge etwas nach nnten gedrängt. 29. Septbr.
An der Stirn über der rechten Orbita eine flache, etwa markstückgrnße, blau
•dorchscbeinende, leicht fluktuierende Geschwulst. Das Allgemeinbefinden
war aber ungestört, der Appetit gut. Am 3. Oktober abends wurde ioh
eilig SU dem Kinde gerufen. Das Kind sei seit gestern nicht mehr so
munter, habe mehrfach erbrochen, aber nur 1 — 2 normale Windeln ge-
habt. Heute abend hahe es sich plötzlich „verändert^ und seit etwa
1 '/, Stunden beständen Krämpfe, die den ganzen Körper betroffen haben
sollen. — Ich fand das Kind in hoh^m Fieber und in klonischen Kon-
-▼ulsionen der linken Körperhälfte (Facialis, Arm, Bein). Der rechte
Arm und das rechte Bein waren schlaff und fielen auf die Unterlage
lierab. Bei Beizen an den linken Extremitäten erfolgten Abwehr-
bewegungen mit ihnen, bei Beizen am Bumpfe und an den rechten Ex-
tremitäten nicht. Die Patellarreflexe waren beiderseits lebhaft, von ziem-
üch gleicher Stärke. Pupillen etwa mittflweit, die rechte etwas weiter.
Xiichtreaktion schwach. Vielleicht unter dem Einfluß der üblichen Be-
liandlungsmethode HeBen die Krämpfe nach, kamen aber in der Nacht
wieder. Am 4. Oktober vormittag Temperatur 40 ®. Krämpfe im linken
Arm und der linken Hals- und Nacken muskuiatur. Bechte Extremitäten
schlaff. Pupillen Terengern sich bei der Augenspiegeluntersuchung prompt :
Keine Stauungspapille, Blutungen kommen mir nicht zu Gevicht. Innere
Organe normal. — Die Geschwulst ain Kopfe ist größer geworden. Die
Haut über derselben zeigte keine Entzündungserscheinungen. Nach wech-
selndem Auftreten der Krämpfe abends Tod.
Die Obduktion wurde nicht gestattet. Die post mortem vorgenom-
mene Punktion des Kephalhämatoms ergab wenige Tropfen einer rötlich-
gelben, etwas getrübten, serösen Flüssigkeit, in der sich mikroskopisch
Schatten roter Blutkörperchen und zum Teil stark lichtbrechende Köm-
chen fanden, die wohl ebenfalls Zerfallsprodukte roter Blutkörperchen
waren, vereinzelte Leukocyten.
Plötzliche Todesfälle bei Barlow-Kranken sind mehrfach be-
schrieben worden, so von Cassel, Pinner, Hoff mann. Der
plötzliche Exitus ist aber im Säuglingsalter so häutig, daß er als
typisch für eine bestimmte Krankheit nicht in Anspruch genommen
werden kann. Als etwas für die Barlow'sche Krankheit wesent-
liches möchte ich dag<»gen die aufgetretenen Himerscheinungen an-
sehen und zwar deswegen, weil sie mit großer Wahrscheinlichkeit
auf eine Blutung des inneren Schädelperiosts, d. h. auf eine Pachy-
meningitis haemorrhagica zurückzuführen sind. Im Kindesalter
tritt ja jede und namentlich jede fieberhafte Erkrankung leicht in
cerebraler Form auf und auch die Halbseitigkeit der Kon srulsionen
wurde in meinem Falle noch nicht gegen eine einfache Eklampsie
sprechen. Aber die Kombination von einseitiger Lähmung und
142 Vin. Freukd
Reizungserschemnngen aaf der anderen Seite läßt, in dem ganzeI^
klinischen Verlauf des Krankheitsfalles, wohl nur die Diagnose
einer Blutung im Bereich der Hirnrinde oder ihrer nächsten Nach-
barschaft und zwar einer sehr rasch und in Ausdehnung über beide
Hemisphären aufgetretenen Blutung zu, wie sie wohl am ehesten
bei der Pachymeningitis möglich ist. Diese Annahme deckt sich
mit verschiedenen Obduktionsbefunden, so mit dem oben zitierten
Möller 's; Meyer beschreibt eine Pachymeningitis serofibrinosa
haemorrhagica und Weiß zitiert zwei Obduktionsfälle Souther-
1 and 's mit Hämatomen der Dura mater Ober dem rechten Scheitel-
• bein. Konvulsionen bei Barlow-Kranken erwähnen P i n n e r (Kephal-
hämatom über dem linken Tuber parietale, Zuckungen besonders
links; keine Gehirnsektion) und Gas sei, der sie ebenso wie ich^
gestützt auf den Befund Moll er 's, auf eine Pachymeningitis zurück-
führt. In dem einen Southerland'schen Falle bestanden nach
Weiß cerebrale Erscheinungen.
Diese Erfahrungen sind für die Prognose der Barlow'schen
Krankheit von Wichtigkeit, weil sie zeigen, daß diese in solchen
Fällen, wo eine Erkrankung der platten Schädelknochen vorliegt
oder vielleicht auch schon bei bestehendem Exopthalmus mit Vor-
sicht zu stellen ist, weil die Gefahr einer Pachymeningitis droht
Im vorliegenden Fall ist allerdings die Frage zu beantworten, ob
nicht bei einer anderen Therapie eine Heilung erzielt worden
wäre.
Im Hinblick auf die herrschenden Anschauungen über die Ent-
stehung der Barlow'schen Krankheit erschien es mir als etwas voll-
kommen Schulwidriges, hier etwa einen Wechsel der Milchernäh-
rung eintreten zu lassen, und ich begnügte mich mit der Zugabe
von Pflanzensaft. Vielleicht wäre es aber, da bei diesem Regime
eine fortlaufende Besserung nicht eintrat, doch zweckmäßiger ge-
wesen, ein Allaitement mixte unter Zugabe von kurz aufgekochter
oder roher Kuhmilch zu versuchen. In ähnlichen Fällen wäre auch
an einen Amraenwechsel zu denken.
Die diagnostische Lehre des Falles liegt in der Wertung
des Trauma. Jeder über das Maß des Physiologischen ausgedehnte
oder persistierende Bluterguß bei einem Säuglinge muß, auch wenn
er sich ganz eng an ein Trauma anschließt, die Erwägung nahe-
legen, daß es sich um Barlow'sche Krankheit handeln könne ^), und
1) Eine ähnliche Erwägung ist vielleicht auch in den Fällen Ton sogen,
spontanem Kephalhämatom von Nutzen.
Zur Kenntnis der Barlow'schen Krankheit. 14S
rechtfertigt also, namentlich wenn ein periostaler Sitz der Blutung
wahrscheinlich ist, einen Versuch mit der spezifischen Therapie^
deren Einleitung ex juvantibus zur Sicherung der Diagnose bei-
tragen kann.
Literatur.
1. Amerik. Sammelforschnng. Arch. of Ped. 1898. ref. Z. f. K. 51.
2. Ashby, Brit. med. Jonrn. 1894 p. 1178, cit. Weiß.
3. Ansäet, PMiatrie pratiqne 1903, cit. Weiß.
4. Bar low. Med. chir. Transact. London 1883, cit. Weiß.
5. Baron, Münch. med. W. 1898.
6. de Bruin, cit. Fürst.
7. Gas sei, Arch. f. Kinderh. 15 1893, ref. Jahrb. f. K. 36. — Diskussion zun>
Henbner 'sehen Vortrafl:, Berl. kl. W. 1903.
8. Cima, Pediatria vm 1900 Nr. 7.
9. Cohn, Disk. znm Henbner'schen Vortr., Berl. kl. W. 1903.
10. Crandall, Arch. of Ped. 1899, ref Z. f. K. 51.
11. Finkeiste in, Disk. z. Henbner'schen Vortr., Berl. kl. W. 1903.
12. Franke, Deutsche med. W. 1904 8. 1738.
13. Freund, G., Berl. kl. W. 1903 S.83o.»)
14. Fruitnight, Arch. of Ped. 1894 Juli, cit. Arch. f. Kinderh. XX.
15. Fürst, Arch. f. Kinderh. 18.
16. Heubner, Med. Ges. zu Leipzig Mai 1892, cit. nach Schmidfs Jahrb. —
Berl. kl. W. 1903.
17. Hirschsprung, Jahrb. f. Kinderh. 41.
18. Hoff mann, Korresp.-Bl. des Vereins des Großh. Heßen 1895 V. 149 ref.
Schmidt's Jahrb.
19. Klemperer, Disk. znm Heubner'schen Vortr., Berl. kl. W. 1903.
20. Koppen, Jahrb f. Kinderh. 44.
21. Lehndorff. Arch. f. Kinderh. 38 S. 163.
22. Lenoble, Clinique infant. Febr. 1904, ref. Pediatria 1904 S. 307.
23. Litten, Diskussion, Berl. kl. W. 1903.
24. Love, Joum. of. Amer. Assoc, Okt. 1895, cit. nach Nauwerck und nacb
Neumann.
25. Marsh, Brit. med. Jonrn. Dez. 1894 ref. Arch. f. Kinderh. XX.
26. Math er, New York med. Joum. 1873 XVII p. 102, cit. nach Nauwerck.
27. Mayer, Berl. klin. W. 1896.
28. Meyer, Arch. f. Kinderh.
29. Möller, Königsberg, med. Jahrbuch III 1865, cit. nach Hirschsprung und
nach Nauwerck.
30. Nauwerck: Schödel u. Nauwerck, Unters, über die MöUer-Barlo wasche
Krankh. Jena 1900.
31. Neumann, Deutsche Klinik.
32. Northrup, Lehrbuch der Kinderkrankheiten, Philadelphia 1894, cit. Nau-
werck.
33. Orth, Diskusion, Berl. kl. W. 1903.
34. Petrone, 1879 cit. Hirschsprung.
H5. Pinner, Deutsche med. W. 1896.
36. Pott, Münch. med. W. 1891, ref. Jahrb. f. Kinderh.
37. Railton, Lancet 1894, ref. Jahrb. f. Kinderh. 48.
38. de Ranitz, cit. Fürst.
39. T. Reckling hausen, cit. Nauwerck.
1) Unter Darreichung von kurz abgekochter Milch von Kühen mit Trocken-
fütterung und Fruchtsäften genas das Kind in etwa 2 Wochen. Die bis dahia
gereichte Milch war bei SchlempefUtterung gewonnen.
144 VUI. Fbxukd, Zar Kenntnis der Barlow*8chen Krankheit.
40. Behn, Berl. klin. Woch. 1889.
41. Re inert, Münch. med. W. 1896, ref. Vircbow-Hirsch.
42. Ritter, Disknssion Berl. kl. W. 1903.
43. Kotch, Med. News 1903, ref. Vircbow-Hirsch 1903.
44. Schleswig-Holsteinsche Enquete, vgl. Starck 73. Vers. D. Natnrf. und Ärzte.
46. Schmorl, Zar Path. Anat d. Knochen verftndenmg bei M. B., Festschrift
für das Dresdener Krankenhaas, ref. Virch.-Hirsch.
46. Scott, cit. Weiß.
47. Senator. Diskassion. Berl. klin. W. 1908.
48. Soltmann, Didkassion sam Vortrage Starck's.
49. Soatherland, Brain LXV 1894 p. 27, cit. Weii2.
M. Sonthgate, Arch. of Ped. Jnni 1893, ref. Arch. f. Kinderh. nnd Naawerck.
b\. Starck, Jahrb. für Kinderb. 37. — 73. Versamml. D. Natorf. a. Arzte.
Jb2. Weiß, Arch f. Kindh. 41.
^. Znppinger, Wiener klin. Wochenschr. 1898, Schmidt^s Jahrb.
IX.
Beitrag zur pathologischen Anatomie der angeborenen
Taubstummheit
Von
Dr. W. Lindt,
Privatdozenton der Univenität Bern.
(Mit Tafel I.)
Durch zahlreiche, sehr gründliche Arbeiten verschiedener Oto-
logen wurde in den letzten Jahren die Kenntnis der pathologischen
Anatomie der Taubstummheit gefördert, ja, bis zu einem gewissen
Grade ausgebaut, so daß es Siebenmann im letzten Jahr unter-
nehmen konnte das etwas unübersichtlich zerstreute Material zu
sichten und eine zusammenfassende Arbeit: „Grundzüge der
Anatomie nnd Pathogenese der Taubstummheit" zu schreiben.
Im Kapitel über die angeborene Taubstummheit hat er ver-
schiedene Gruppen und Typen unterschieden, die durch das histo-
logische Bild ziemlich scharf charakterisiert sind. Weiteres, nicht
nur histologisch einwandsfrei nach der neuesten Technik unter-
sachtes, sondern auch klinisch möglichst genau geprüftes Material
ist stets noch erwünscht und wird zeigen, inwieweit die Sieben-
in a n n 'sehe Einteilung bestehen kann oder modifiziert werden muß.
Die letztere Forderung der genauen klinischen Prüfung der Taub-
stummen kann leider nur selten erfüllt werden, weil allerorts den
Ohrenärzten noch viel zu wenig Gelegenheit geboten wird, Taub-
stamme, die an akuten oder chronischen Krankheiten in Kliniken
und Krankenhäusern sterben, intra vitam zu untersuchen. Durch
die Aufmerksamkeit des Herrn Dr. von Salis, Arzt am lusel-
spital in Bern, wurden mir im letzten Jahre die Felsenbeine einer
auf seiner Abteilung verstorbenen Taubstummen übergeben. Leider
aber hatte ich nicht Gelegenheit gehabt, sie im Leben funktionell
zu untersuchen.
Deuteehes Archiv f. klin. Medizin. 86. Bd. 10
146 IX. LlWDT
Die histologische Untersuchung ergab an den Präparaten einige
Merkwürdigkeiten, die eine Publikation des Falles rechtfertigen.
Anamnestisch erfahren wir aus der Taubstummenanstalt in
Wabern, wo Patientin (geb. 1875), von 1887—1895 Unterricht er-
hielt, daß sie nach dem Zeugnis von 2 Ärzten, etwas skrofulös
war nnd an einem Ohr einen leichten, nicht übelriechenden Ohren-
fluß hatte; wie lange, ist nicht angegeben; daß die Taubheit nach
Angabe der Eltern im 1. und 2. Lebensjahr durch chronische
Ohrenkrankheit entstanden sei, und daß zur Zeit des Eintritts in
die Anstalt die Hörfahigkeit für Sprache nod Stimmgabelton Null
gewesen sei. Patientin habe höchstens durch die Kopfknochen die
Schwingungen einer Stimmgabel empfunden. Über den Erfolg des
Unterrichts ist nichts bekannt Eine Schwester war oder ist blöd-
sinnig. Patientin verheiratete sich später; wurde phthisisch und
starb im Sommer 1904. Im Spital wurden keine Untersuchungen
auf Hörreste gemacht.
Die Autopsie ergab im Gehira und Schädelinnem keinerlei
Abnormitäteb.
Die anatomische und histologische Untersuchung der Felsen-
beine ergab folgendes:
Makroskopisch finden sich keine Abnormitäten am Knochen,
am Trommelfell oder in der Paukenhöhle. Der Nervus acustico
facialis wurde rechts und weniger stark links bei der Herausnahme
der Felsenbeine abgerissen und ist daher makroskopisch auf
Atrophie nicht zu beurteilen.
Die Präparate wurden in Formol und Alkohol gut und rasch
nach dem Tode konserviert, in ö^Iq Salpetersäure entkalkt, in
Celloidin eingebettet, und das eine parallel zur Längsachse horizontal
das andere vertikal zur Längsachse frontal in Serienschnitte zer-
legt. Färbung mit Hämatoxylin- Eosin, nach van Gieson nnd nach
nachträglichem Einlegen in Chromsäurelösung nach Pal-Weigert.
Mikroskopischer Befund: Die Mukosa der Paukenhöhle,
die Gehörknöchelchen und ihre Gelenke, die Binnenmuskeln sind
normal; die Stapesplatte sehr zart. Die knöcherne Labyrinthkapsel
zeigt links keinerlei Abnormität, rechts dagegen fand ich nach
genauerem Durchsehen einen Herd neu gebildeten, patho-
logischen Knochens, ca. stecknadelknopfgroß , von der Art,
wie man sie bei der Otosklerose findet, Fig. II o. der Herd sitzt
in der Labyrinthkapsel, beginnt unterhalb des Processus cochleari-
formis tensoris tympani und umgreift den vorderen unteren Rand
der Nische zum ovalen Fenster, oberhalb der ersten Schnecken-
Beitrag zur pathologischen Anatomie der angeborenen Taubstummheit. 147
windang (I). Er darchsetzt fast die ganze Dicke des Knochens,
beginnt unmittelbar unter der normalen Mukosa, erreicht aber das
Endost der Cistema perilymphatica nicht, eine schmale Spange
normalen Knochens bleibt dazwischen. Fig. II 1.
Ebenso bleibt am Bande der Fenestra ovalis ein Saum normalen
Knorpels zwischen dem Herde und dem Lig. annulare. Die Steig-
bägelfunktion wurde durch diesen patholog. Knochenherd nicht
beeinträchtigt; lateral ragt der Herd nur sehr wenig über das
Niveau der Labyrinthkapsel hervor. Der Pelvis ovalis wird durch
ihn nicht eingeengt. Der pathologische Knochen, der sich mit
flämatoxylJn-Eosin intensiver blaurot, oder mehr nur rot färbt als
der normale Knochen, enthält zahlreiche Hohlräume, Fig. II n.
mit zum Teil recht großen Gefäßen. Normales Mark finden wir
nirgends, wohl aber kemreiches Bindegewebe; stellenweise homogene
mit Eosin leicht rosa gefärbte Schollen und da und dort deutliches
Fett, wie es Siebenmann in einem solchen Herd beschreibt.
Einzelne Hohlräume, besonders ein großer Fig. Iln. stehen mit
ihrem bindegewebigen Inhalt direkt in Verbindung mit dem sub-
mukösen Bindegewebe und mit neugebildetem Bindegewebe, das
den vorderen unteren Winkel des Pelvis ovalis bis an den vorderen
Stapesschenkel ausfüllt. Der Herd ist nach der Färbung des
Knochens und dem Verhalten der Hohlräume zu schließen ein
älterer Herd.
Die Knochenbälkchen des Modiolus und der Lamina spiralis
ossea sind normal, aber sehr zart.
Häutiges Labyrinth, Pars superior:
Die Bogengänge und die Ampullen mit den Nervenendstellen
sind normal, die Wand des Utriculus ist in der Nähe der Ein-
mündung der Ampulla posterior inf. stark pigmentreich, das Epithel
der Macula utriculi ist vollständig erhalten, zeigt aber den Leiter-
typus nicht so schön regelmäßig ausgebildet, wie bei normalen
Labyrinthen. Die Haare der Haarzellen mit der Otolithenmembran
finden sich nicht mehr auf der Makula, sondern kleben an der
gegenüberliegenden Utriculuswand (Artefakt). Die feinen Haar-
fortsätze isind untereinander verklebt, bilden Büschel, wie Haare,
die man mit Pech bestrichen. Ebenso findet sich nur an einer
Crista die Cnpnla wohl erhalten.
Die Pars inferior zeigt in beiden Labyrinthen bis auf ganz
kleine, unbedeutende Details ganz identische, hochgradige Ver-
änderungen.
10»
148 IX. LiNDT
Sacculns. Fig. in. Er ist fast vollständig kollabiert. Seine
freie Wand liegt mehrfach gefaltet aaf der Makula, die Falten
sind übereinanderliegend, stellenweise fest verklebt, an einzelnen
Stellen, wo das Makulaepithel fehlt, liegt die Falte direkt auf dem
subepithelialen Bindegewebe, Fig. HI bei f. Zwischen den Falten
sieht man oft zahlreiche Statolithen. Nach der Länge der Falten
zu schließen, deren Verlauf aber nirgends ganz deutlich zu ver-
folgen ist, scheint der Sacculns ektasiert gewesen zu sein vor dem
Kollaps. Das Epithel der freien Wand ist meist gut erhalten
normal kubisch, das Epithel der Makula Fig. III b aber fehlt zum
Teil ganz, zum Teil findet man unregelmäßig, bald dichter, bald
sehr locker gestellte undeutlich konturierte niedrige Zellen mit
schön rundem Kern.
Vom normalen Typus des Makulaepithels keine Spur, die
Basalmembran ist deutlich, die obere lichtbrechende Grenzschicht
fehlt. An Stelle dieses Epithels sieht man oft homogen gefärbte
Kugeln oder keulenförmige Klumpen Fig. III e, in denen keine
Kerne zu erkennen sind. Diese Kugeln finden sich auch in dem
Epithelbelag der Falten, umgeben von den platten perilymphatischen
Endothelzellen der freien Sacculuswand. Anstatt der feinen Haare
der Haarzellen finden wir, etwas losgelöst vom Epithel eine nach
Lage und Größe dieser Schicht der Haarfortsätze entsprechende,
zum Teil homogen klumpige, zum Teil deutlich gestreifte Masse.
Fig. III d.
Der Abgang des Ductus endolymphaticus vom Sacculns ist
deutlich zu sehen; hier und im Sinus utricularis ist der Sacculns
nicht ganz kollabiert, zeigt ein deutliches Lumen. In seinem Ver-
lauf durch den Knochen ist der Ductus endolymphaticus normal,
einen deutlichen Canalis utriculo saccularis konnte ich nicht finden,
sein Lumen scheint obliteriert. Ebenso gelang es mir nicht, den
Ductus reuniens Henseni nachzuweisen. Rechts ist er kollabiert,
oder gar obliteriert.
Der Aquaeductus Cochleae ist normal.
Cochlea. Die Knochenkapsel ist rechts und links vollständig
normal. Die Scala tympani zeigt keine Veränderungen, die Scala
vestibuli ist erweitert entsprechend dem Kollaps der Membrana
Reißneri.
Der Ductus cochlearis ist der ganzen Länge nach mehr weniger
eingeengt durch Kollaps der Membrana Reißneri. Die einzelnen
Teile des Ductus cochlearis zeigen folgende Abweichungen von
der Norm:
Beitrag zur pathologischen Anatomie der angeborenen Taubstummheit. 149
Die Membrana Seißneri ist im ganzen Schneckenkanal
kollabiert, sie liegt der Crista spiralis, der Membrana Corti und der
Stria vascularis überall ganz an, ist mit letzterer oft bis zur Un-
kenntlichkeit verklebt. Zwischen ihr und der Oberfläche der Crista
finden wir oft keulen- und kugellörmige homogene Gebilde, wie
wir sie eben im Sacculusepithel gesehen haben. Der Membrana
basilaris liegt sie nur in der Mittelwindung und Spitzen Windung
im äußeren Teil ganz oder fast ganz auf, indem sie schräg von
der Membrana Corti nach abwärts geht. In der ersten Windung
zieht sie von der Membrana Corti parallel der Membrana basilaris
peripherwärts und legt sich direkt an die verkümmerte Stria vas-
cularis, Fig. I und IV. Der Ductus cochlearis ist demnach in der
Basalwindung noch ziemlich deutlich erhalten, in der Mittel- und
Spitzenwindung beschränkt er sich fast nur auf die Gegend des
Snlcus internus, Fig. V und VI.
Die Membran scheint an normaler. Stelle zu inserieren, da, wo
die Insertion deutlich zu sehen ist. An der Stria ist sie oft gar
nicht mehr recht zu erkennen, Fig. IV. Über Faltenbildung an
der Crista spiralis siehe unten. Die Crista spiralis ist stellenweise,
besonders in der Basalwindung des rechten Labyrinthes niedrig
und daselbst ihre periphere Spitze oft etwas niedergedrückt durch
die Membrana vestibularis, Fig. VI, sonst normal gebildet.
Die Membrana Corti ist stark verkümmert und hypo-
plastisch, stellenweise, wie in der Basalwindung rechts, ist sie kaum
an einigen Fasern zu erkennen, meist stellt sie ein unscheinbares,
deutlich faseriges Elümpchen dar, das sich mit Eosin schwach, mit
van Gieson schön rot färbt. Ihre Fasern sind meist S förmig ge-
krümmt, Fig. IV. Sie liegt bald mehr axialwärts auf der Crista,
bald wieder an normaler Stelle, nirgends ist sie ganz losgelöst von
der Crista spiralis. An einzelnen Stellen der Basalwindung des
linken und rechten Labyrinthes sieht man die Membran umgeben
von einem Saum epithelartiger Zellen mit schönem Kern, die
einerseits mit der Membrana vestibularis, andererseits mit den
Zellen, die auf der Membrana basilaris liegen, locker zusammen-
hängen, Fig. IV, V, VL
Wir sehen da ähnliche, wenn auch nicht so ausgeprägte Bilder
einer, „kernhaltigen Hülle** um die Cortfsche Membran, wie sie
uns soeben Alexander im 2. Heft des „Atlas der Anatomie der
Taubstummheit" abbildet.
Die Membrana vestibularis liegt der Membrana Corti überall
direkt auf und ist mit ihr verklebt. Von einem Corti'schen
150 IX. LiNDT
Organ finden wir nirgends deutlich eine Spur. Am Ende der
ersten Windung links sehen wir die Membrana basilaris auf der
Seite des Ductus cochlearis fast ohne Belag. Zerstreut liegen auf
derselben einige wenige Zellen oder lose Kerne ohne deutlichen
Zelleib, die durch zarte Fasern mit ähnlichen Gebilden an der
Membrana vestibularis, oder mit der kernhaltigen Hülle an der
Membrana Corti locker zusammenhängen, Fig. IV. Diese Zellen
ebenso wie die der oben erwähnten kernhaltigen Hülle der Mem-
brana Corti möchte ich nicht mit Sicherheit als Epithelzellen be-
zeichnen, sie haben oft mehr Ähnlichkeit mit Bindegewebszellen.
In der Basalwindung rechts finden wir auf der Membrana basilaris
wenige deutliche, dunklere Epithelzellen aneinanderliegend, die
vielleicht als kleinstes Rudiment der Papilla basilaris angesehen
werden könnten, Fig. VIP.b., von ihnen ziehen einige stärker ge-
färbte Stränge, Lücken zwischen sich lassend, zu der stark nieder-
gedrückten Membrana vestibularis. Eine kernhaltige Hülle, welche
die spärlichen Fasern der Membrana Corti eng umschließt steht
in Verbindung mit hellen Zellen am Boden des Sulcus spiralis in-
ternus und schließt ihn vom Lumen des Ductus cochlearis ab.
Fig. VIg.
In der Mittel- und Spitzenwindung, wo der Ductus cochlearis
sehr eng ist, sehen wir den Raum zwischen Membrana Reißneri
und basilaris mehr oder weniger dicht erfüllt von zarten Fasern
und kernhaltigen Zellen, die keine regelmäßige Anordnung zeigen,
nirgends sich zu einem Hügel aneinanderlegen, der als Rudiment
einer Papilla basilaris angesehen werden könnte, Fig. V. Ver-
homung konnte ich nirgends nachweisen. Die Membrana basilaris
ist zart, mit schwachem tympanalem Zellbelag, enthält Pigment. Es
fehlt fast überall das Gefäß in der Gegend des Tunnelraumes.
Auch im Sulcus spiralis externus fehlt der Epithelbelag fast gänz-
lich, nur kümmerliche Reste unregelmäßig geformter Zellen finden
sich stellenweise (Fig. IV), mehr nur in der Basalwindung rechts
und links.
Die Stria vascularis ist nirgends normal, im ganzen etwas
schmal, erscheint sie an einigen Stellen mit der ebenfalls ver-
bildeten Prominentia spiralis der Membrana basilaris etwas näher
gerückt. In der ersten Windung der rechten Schnecke und an
einigen Stellen der linken bildet sie nur einen flachen Saum, in
der oberen Windung springt sie buckelartig stärker in das Lumen
vor, aber nirgends ist eine normale Ausbildung von Stria und
Prominentia spiralis zu sehen. Was am meisten auffällt, ist, daß
Beitrag: zur pathologischen Anatomie der angeborenen Taubstnnimheit. 151
an der meist nicht vorhandenen Prominentia spiralis und an der
Stria aberall der charakteristische Epithelsanm fehlt. Wir sehen
unter der mit der Oberfläche innig verschmolzenen, pigmenthaltigen
Membrana ßeißneri ein sich ziemlich dunkel färbendes Gewebe^
das nur zum Teil aus deutlich abgegrenzten Epithelzellen mit Kern
besteht, zum Teil «sehen wir nur homogene Schollen, Fig. IV, die
sich tinktoriell wie die oben erwähnten homogenen Gebilde im
Sacculus und auf der Crista verhalten. In diesem Striagewebe
sieht man stellenweise Spalten, Fig. IV h. Die Gefäße der Stria
fehlen fast durchweg entweder ganz, oder es ist nur eines zu sehen,
ebenso fehlt ein deutliches Vas prominens. Das Ligamentum spirale,
im ganzen normal, zeigt doch hier und da nicht den schön regel-
mäßigen Faserverlauf und auch nur an wenigen Stellen die homo-
gene Zone. Streifen verdickten, kernreichen, stärker gefärbten
Bindegewebes umgrenzen helle, kern- und faserarmePartien (Fig. IV).
Der Geftßgehalt ist normal.
Die oben beschriebenen homogenen Gebilde im Sacculus, auf
der Crista spiralis und in der Stria, resp. Prominentia spiralis
färben sich mit Hämatoxylin-Eosin blaurot, mit van Gieson dunkel-
braun bis orangerot, mit Pal-Weigert schwarz. Nach Gram und
Weigert (Fibrin) färben sie sich gar nicht, geben also keine Hom-
oder Hyalinreaktion. Siebenmann nennt sie coUoid, Alexander
bezeichnet sie nach ihrer Reaktion als Schleimkugeln, sie sind
nicht identisch mit den uns von Moos und Steinbrügge u. a.
beschriebenen, konzentrisch geschichteten Colloidkugeln in den
fatalen und kindlichen Labyrinthen, die wir übrigens in einigen
unserer Präparate zwischen den Nervenfasern des Cochlearis im
Fundus meati auditorii intemi gesehen haben. Jene stellen sicher
Degenerationsprodukte des Epithels dar, denn sie finden sich nur
da, wo sich eigentlich Epithelzellen finden sollten, auch die homo-
genen keulenförmigen Massen über der Crista spiralis unter der
Membrana vestibularis halte ich für Degenerationsprodukte von
Epithelzellen, die einer Duplikatur des Epithels der Membrana
vestibularis angehörten, welcher auch die kernhaltige Hülle der
Membrana Corti ihre Entstehung verdankt. Ich schließe mich
dabei der Ansicht Alexander 's über die Genese der von ihm
genau beschriebenen Epithelhülle der Membrana Corti an (Atlas
der Anatomie der Taubstummheit, 2. Heft).
Nervus acustico facialis. Die Fasern des Nervus facialis
und seine Ganglienzellen zeigen nichts Abnormes. Die Zellen der
Intumescentia ganglionaris scarpae sind gut und, soviel ich be-
152 IX. LlMDT
urteilen kann, in annähernd normaler Zahl entwickelt, ebenso
scheint der Ramus ntriculo-ampnllaris und der Ramus ampullaris
posterior nicht atrophisch zu sein, der Ramus saccularis dagegen
ist dünn und seine Faserbündel füllen die kleinen Enochenkanäl-
chen der Area vestibularis inferior nicht in normaler Weise aus
(Fig. ina.v.i.).
Ein ganz abnormes Verhalten zeigt der Nervus cochlearis;
da der Ner? im Meatus auditorius internus rechts ganz, links zum
Teil abgerissen ist, so können wir ihn erst am Tractus spiralis
foraminosus beurteilen. Da sehen wir nun, daß wenige Fasern
zum Ganglion spirale der Basalwindung gehen, daß die Zellen
dieses Ganglionabschnittes nur sehr wenig zahlreich vorhanden sind,
und daß von ihm zur Lamina spiralis ossea und zwischen den Knochen-
lamellen derselben absolut keine Fasern verlaufen, Fig. I, I u. la.
Der Raum, den die Faserbündel und Ganglienzellen sonst ausfüllen,
ist an unseren Präparaten entweder ganz leer oder enthält einige
zarte Bindegewebefasern und Zellen. Weiter oben ist das Ganglion
spirale besser ausgebildet, zeigt mehr Zellen, eine stärkere Anzahl
Fasern führen zu ihm und entsprechend gehen auch mehr Fasern
von ihm zur Spirallamelle der Mittelwindung, doch ist ihre Zahl
noch weit unter der Norm (Fig. I, II). Nach der Spitzenwindung
gehen wieder fast keine Fasern ab.
Überall ist die Atrophie der Fasern peripherwärts vom Gan-
glion stärker als zentralwärts. Eigentümlich ist nun aber das
Aussehen dieser Fasern. Schon an den noch erhaltenen Fasern
des Akustikusstammes sieht man bei Markscheidenfärbung, daß die
Fasern des Cochlearis in kleine Segmente zerfallen, etwas ver-
breitert erscheinen und die Färbung nicht stark und gleichmäßig
annehmen, daß dagegen die Fasern des Vestibularis und Facialis
kontinuierlich normale Markscheidenfärbung zeigen. Mit dem Ein-
tritt der Fasern in den Tractus spiralis foraminosus werden nun
die Fasern des Cochlearis plötzlich gebläht, stark segmentiert, zer-
fallen stellenweise in einzelne Stücke, die durch dünne Fäden zu-
sammenhängen. Sie färben sich nicht oder kaum mehr, man sieht
nur noch die Konturen, über und zwischen den Fasern sieht man
die Kerne des Neurilemms und der Schwan n'schen Scheide gut er-
halten und gefärbt, nur an wenigen Stellen der hochgradigsten
Veränderungen im Traktus fehlen auch sie, Fig. VII. Am stärksten
sehen wir die Veränderung da, wo dickere Knochenbälkchen enge
Nervenkanäle umschließen; unmittelbar vor und nach dem Ganglion
spirale, wo die Fasern freier verlaufen, erscheinen sie weniger ge-
Beitrag zur pathologischen Anatomie der angeborenen Taubstummheit. 153
bläht, großer segmentiert, etwas besser, aber immer noch sehr
schlecht gefärbt
Die Bilder sind am deutlichsten bei Weigert-Pal'scher Mark-
scheidenfärbong, aber auch schon bei Hämatoxylin und van Gieson-
färbnng ist die Veränderung gut zu sehen.
Der Umstand, daß auf den ersten Blick nur die Fasern des
Nervus cochlearis diese Eigentümlichkeit in unseren Präparaten
zeigen, ließ mich auf den Gedanken kommen, daß es sich hier nicht
um ein Eunstprodukt , sondern um einen degenerativen Prozeß
handeln möchte. Verschiedene SpezialkoUegen , denen ich die
Präparate in Homburg im Frühjahr 1905 zeigte, hielten diese An-
sicht fiir möglich. Bei näherer Prüfung, bei genauer Durchsicht
anderer Präparate von Felsenbeinen von Neugeborenen und Er-
wachsenen mit normal gebildeten kortischen Organen, normaler Zahl
der Cochlearisfasem sah ich, daß auch da zuweilen solche Bilder
am Schneckennerv sich finden, wenn auch nicht so ausgeprägt. Nur
in einem Labyrinth eines Neonatus, über dessen Vorgeschichte ich
nichts weiß, fand ich bei van Gieson'scher Färbung, ganz das-
selbe Bild hochgradiger Veränderung der Nervenfasern, wie in
unseren Taubstummenlabyrinthen.
Auch in diesen Kontrollpräparaten zeigen die Fasern des
Vestibularis und Facialis im großen und ganzen normales Verhalten,
normale Färbbarkeit. Sieht man aber genau, bei starker Ver-
größerung, eventuell mit Immersion nach, so entdeckt man auch
im Vestibularis da und dort, aber nur an einzelnen Fasern, in
unserem Taubstummenfall besonders am B^mus saccularis, auf ihrem
Verlauf durch die Area vestibularis inferior eine ganz ähnliche
Segmentierung, schwache Färbbarkeit und Blähungen. Diese Tat-
sache, so wie der Umstand, daß wir hier nirgends Bilder sehen,
die dem entsprechen, was wir bei sekundärer Degeneration von
Nervenfasern zu sehen gewohnt sind, nötigen mich sicher anzu-
nehmen, daß hier keine Degeneration der Nerven, die schon intra
vitam bestanden hat und mit der Degeneration des Ductus cochlearis
in Zusammenhang steht, vorliegt.
Von Herrn Prof. E d i n g e r in Frankfurt und von Dr. H e d i n g e r
in Bern ist die Ansicht ausgesprochen worden, daß nur das Beißen
am Akustikus bei der Herausnahme des Gehirns schuld sei an der
Veränderung. Zugunsten dieser Ansicht spricht, daß die stärksten
Veränderungen sich in den engen, von relativ starkem Knochen-
balken umgebenen Kanälen finden, wo der Nerv stärker fixiert ist
und daß oft daselbst auch die Neurilemmkerne verschwinden. Der
154 IX. LiNDT
mechanische Insult spielt hier sicher eine Rolle; wenn er aber
allein schuld wäre, so müßten die Fasern des Facialis und Vesti-
bularis dieselben Veränderungen zeigen, da sie denselben Zug aus-
zuhalten hatten; und dann müßte man diese Bilder schon sehr oft
gesehen haben, da ja der Acusticofacialis sehr selten besonders
vorsichtig zerschnitten wird.
Wir müssen hier annehmen, daß die Fasern des Nervus
cochlearis besondere eigentümliche Eigenschaften besitzen, die sie
zarter, gebrechlicher erscheinen lassen, als die Fasern des Vesti-
bularis und Facialis. Bei langem Siechtum, das auch raschen Zer-
fall der Gewebe post mortem bedingt, würde dann der cochlearis
allfälligen Insulten mechanischer (Zug) oder chemischer Natur (Ent-
kalkung) nicht mehr gewachsen sein und die oben beschriebenen
Veränderungen zeigen, in mehr oder weniger ausgeprägter Form.
Bis vor kurzem las man in allen Mitteilungen über den histo-
logischen Befund bei angeborener Taubstummheit, daß der Nervus
cochlearis zwar mehr weniger hochgradig atrophisch, die vor-
handenen Fasern aber in bezug auf Form und Färbbarkeit sich
normal verhielten. Alexander bringt in der Z. f. 0. XLVIU
eine Mitteilung von Degeneration der Cochlearisfasem bei einer
unvollkommen albinotischen tauben Katze, und im 2. Heft des
„Atlas der Anatomie der Taubstummheit" erwähnt er in der Be-
schreibung des Labyrinthes einer an Phthise gestorbenen Taub-
stummen, daß die vorhandenen Fasern des Akustikus alle degeneriert
seien. „Die Markhülle ist reichlich segmentiert, in kurze Stückchen
aufgelöst." Er gibt uns auch eine Abbildung davon. Er scheint
hier eine wirkliche, schon intra vitam vorhanden gewesene De-
generation anzunehmen, bespricht sie aber nicht näher. Die kurze
Beschreibung und die Abbildung erinnern ganz an unsere Bilder,
an Stellen, wo die Segmentierung und Aufblähung noch keinen so
hohen Grad erreicht hatte.
Ich möchte nun auf Grund unserer Befunde und der Deutung,
die wir denselben geben müssen, vor allzu rascher Annahme einer
Degeneration der Cochlearisfasem warnen, und vorschlagen, an
weiterem Vergleichsmaterial von Leuten die an verschiedenen akuten
und chronischen Leiden gestorben, unmittelbar post exitum, oder erst
längere Zeit nachher seziert wurden, das Verhalten der Nervenfasern
des Cochlearis und überhaupt des Akustikus näher zu untersuchen.
Wenn wir zum Schluß kurz das Beschriebene zusammenfassen,
so haben wir an beiden Labyrinthen:
Beitrag zur pathologfischen Anatomie der angeborenen Taubstummheit. 155
Normales äußeres und mittleres Ohr.
Normale Labyrinthkapsel mit Ausnahme eines kleinen oto-
sklerotischen Knochenherdes rechts, normale Größenverhältnisse des
ganzen Enochenlabyrinthes.
Atrophie des Ganglion spirale.
Atrophie des Nervus cochlearis in Stamm und auffallend stark
seiner Fasern in der Schnecke.
Atrophie des Eamus saccularis. Normale Entwicklung des Kamus
utriculo ampuUaris und AmpuUaris post. Hochgradige Degeneration
des Epithelbelages, speziell des Neuroepithels der Pars inferior des
häutigen Labyiinthes : der Cochlea und des Sacculus.
Annähernd normale Ausbildung der Pars superior des häutigen
Labyrinthes: des ütriculus und der Bogengänge mit ihren Nerven-
endstellen.
Abnormes Bild der Fasern des Nervus cochlearis infolge ago-
naler, postmortaler und artifizieller Veränderungen.
Speziell: Aplasie des Cortfschen Organes.
Hypoplasie der Membrana tectoria. Hypoplasie und Epithel-
degeneration der Stria vascularis.
Kollaps der Membrana Reißneri und Epitheldegeneration.
Ektasie und Kollaps des Sacculus und Hypoplasie und De-
generation seiner Macula.
Der Fall hat sehr viel Gemeinsames mit 10 bis jetzt genau
histologisch beschriebenen Fällen. Es sind dies die 2 Fälle von
Scheibe, 1 von Oppikofer, 2 von Siebenmann, 1 von
Katz, 1 von Schwabach, 1 von Habermann, 1 von Wat-
suji, 1 von Alexander. Diese Fälle repräsentieren einen ganz
charakteristischen Typus der angeborenen Taubstummheit, der
recht häufig vorzukommen scheint. Siebenmann überschreibt
diese Gruppe: „Ausgedehnte Epithelraetaplasie, (besser wäre viel-
leicht der Ausdruck Degeneration) fehlende oder mangelhafte Ent-
wicklung des Sinnesepithels, kombiniert mit Ektasie und Kollaps-
zuständen der häutigen Labjrrinthwand der Pars inferior."
In den oben erwähnten Fällen kommt diese Veränderung allein
vor, in anderen kombiniert sie sich mit Residuen entzündlicher
Prozesse in Mittelohr oder Labyrinth.
Unser Fall ist mit keinem der obigen ganz identisch. Mit
dem einen hat er dieses Bild, mit dem anderen jenes gemein, etwas
auffallig und selten erwähnt ist das vollständige Fehlen einer
Papilla basilaris in allen Windungen rechts und links. In den
156 IX. LiNDT
bisher beschriebenen Fällen fand sich doch fast stets noch ein
schwaches, aber als solches erkennbares Rudiment derselben.
Den Ansflihrungen der erwähnten Autoren folgend, verlegen
wir die Zeit der Entwicklungsstörung im Labyrinth in unserem
Falle in die frühen Zeiten des Embryonallebens. Dazu nötigt uns
das vollständige Fehlen einer Papilla acustica, die rudimentäre
Entwicklung der Cortrschen Membran und der Stria vasculaiis, die
mangelhafte Gefäßentwicklung daselbst, die Hypoplasie des Ganglion
Spirale und der Cochlearisfasern.
Zu diesen Bildungshemmungen und Bildungsexzessen (Ektasie)
aus unbekannter Ursache kommen dann noch gleichzeitig oder
später, das läßt sich nicht entscheiden, degenerative, vielleicht so-
gar leicht entzündliche (Verklebungen, Verwachsungen) Ver-
änderungen am Epithel (homogene Engeln).
Ein seltenerer Befund, den unser Fall auch mit ^dem von
Alexander gemein hat, ist die Existenz des pathologischen*
Knochenherdes in der rechten Labyrinthkapsel. Er zeigt das
typische Bild der Otosklerose sive Spongiosierung der Labjrinth-
kapsel. ICr ist sicher erst im späteren Leben entstanden, hat mit
der Labyrinthveränderung und mit der Taubstummheit absolut
nichts zu tun und muß als zufällige Begleiterscheinung aufgefaßt
werden. Warum sollte auch die uns ätiologisch noch gänzlich un-
klare Otosklerose nicht auch einmal ein Taubstummenohr so gut wie
ein normal angelegtes befallen können? Hier war der Prozeß kein
progressiver, wir finden nur älteren pathologischen Knochen, keinen
jungen osteoiden Herd.
Der Befund am häutigen Labyrinth und seine Deutung be-
stätigt die eingangs erwähnte Anamnese nicht, wonach die Patientin
erst im ersten oder zweiten Lebensjahr nach chronischem Ohren-
fluß das Gehör verloren haben sollte. Diese Angabe ist zweifellos
falsch, wie so manche Taubstummenanamnese ; die Mittelohreiterung
hat auch keine Residuen weder rechts noch links hinterlassen.
Hingegen bestätigt der Befund vollständig die Angabe, daß
Patientin für Töne und Sprache absolut taub gewesen sei.
Erklärung der Abbildungen auf Tafel L
Fig. 1. Axialer Schnitt durch die Schnecke zeigt die Atrophie des Ganglion-
spirale in Windung I, Ja und weniger stark in Windung II, die entsprechende
Atrophie der Cochleariö-Fasern, der Kollaps der Membrana Eeißneri (M. R.), die
Hypoplasie der Membrana tectoria (M. c.;, den Kollaps des Sacculus (s.).
Deutselies Archiv (. klinische Medizin.
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Verlag von F. C. «
. / .
V»ijel In LdpzlR.
Druck von Bichard Huhn |H Ollol <n Lelpjij
Beitrag zur pathologischen Anatomie der angeborenen Tanbatummheit. 157
Fig. 2. Otosklerotischer Knochenherd (o.) in der Labyrinthkapsel.
Fig. 8. Schnitt durch die Area vestibularis inf. (a. v. 1.], den kollabierten
Saccnlas des linken Labyrinthes. Man sieht die mehrfache Faltuiij^ der freien
Sacculnswand (a.), die homogenen Engeln (e) und die Otolithen (c) einschließend,
das degenerierte Maknlaepithel (b.), die degenerierte abgelöste Schicht der Haar-
fortsätze (d).
Fig. 4. Radiärschnitt durch die erste Windung des linken Labyrinthes zeigt
den Kollaps der Membrana ReiOneri (M. R.), ihre verlötung mit der Stria vas-
cnlaris (Str. y.), die Degeneration in der Stria und der Prominentia spiralis (Pr. sp.),
die epithelzellenbare Membrana basilaris (M. b.)» die Corti^sche Membran (M. c.)
mit der Hülle (g.), die Degenerationsprodukte der Epithelien der Duplikatur der
Membrana Reißneri (e.).
Fig. 0. Radiärschnitt durch die Mitteiwindung links mit stärkerem Kollaps
der Membrana Reißneri (M. R.) und Zellen im Ductus cochlearis (D. c), Membrana
Corti (M. c.) stark deprimiert und mit zarter Hülle umgeben (g.).
Fig. 6. Radiärschnitt durch das Ende der Baselwindung rechts mit einigen
Epithelzellen auf der Membrana basilaris (P. b.), Verwachsung der Membrana
vestibularis (M. R.) und der Zellen der Membrana basilaris mit der kernhaltigen
Hülle (^.) der Corti^schen Membran (M. c).
Fig. 7. Veränderung der Fasern des Nervus cochlearis im Tractus spiralis
foraminosus (Immersion).
ErklSrung der Bezeichnnngeii in den Figuren.
C. p. C istema perilymphatica.
M. c. Membrana Corti s. tectoria.
M. b. Membrana basilaris.
M. R. Membrana Reißneri s. vestibu-
laris.
D. c. Ductus cochlearis.
St. T. Stria vascularis.
Cr. sp. Crista spiralis.
Lig. Rp. Ligamentum spirale.
P- D. Papilla basilaris s. Organon Corti.
1. sp. 0. Lamina spiralis ossea.
g. sp. Ganglion spirale.
tr. f. Tractus spiralis foraminosus.
a. v. i. Area vestibularis inferior.
n. c. Nervus cochlearis.
n. V. Nervus vestibularis.
r. ?. Ramus saccularis.
r. a. p. ^ ampullaris posterior.
u. ütriculus.
8. Sacculus.
at. Stapes.
V. Gefäße.
S. sp. i. Sulcus spiralis internus.
S. sp. e. p „ extemus.
I. Basalwindnng, la Ende der Basal-
windung.
II. Mittel Windung.
ni. Spitzenwindung.
ct. Cavum tympani.
p.o. Pelvis ovalis.
a. Freie Sacculuswand.
b. Macula sacculi, Epithel.
c. Otolithen.
d. Abgelöste degenerierte Schicht der
Haarfortsätze.
e. Homogene Kugeln und Klumpen.
f. Bindegewebige Verklebung.
g. Kernhaltige Hülle um die Membrana
Corti,
h. Spalten in dem Striagewebe.
i. Geblähte segmentierte Fasern des
Nerv, cochlearis.
k. Knochenbälkchen des Tractus fora-
minosus.
1. Normaler Knochen.
m. Mukosa der Paukenhöhle.
n. Hohlräume im patholog. Knochen-
herd mit Bindegewebe.
0. Pathologischer Knochen.
p. Knorpelgewebe.
q. Endost des Vorhofes, der Cysterna
perilymphatica.
r. Neurilemmkerne.
Literatur.
Sieben mann, Grundzüge der Anatomie und Pathogenese der Taubstummheit
1904. — Verhandlungen der deutschen otologischen Gesellschaft 1903 und
Atlas der Anatomie der Taubstummheit Lif. L — Verhandlungen der deut-
schen otologischen Gesellschaft 1904.
156 IX- LiNDT, Beitr. zur pathol. Anatomie der angeborenen Taubstummheit.
Opikofer, Zeitschrift fttr Ohrenheilkunde Bd. 43.
Scheib e, Zeitschrift fttr Ohrenheilkunde Bd. 22 u. 27.
Ratz, Zeitschrift für Ohrenheilkunde Bd. 41.
Schwabach, Zeitschrift fUr Ohrenheilkunde Bd. 48.
Habermann, Verhandlungen der deutschen otologischen Gesellschaft 1904.
Watsuji, Atlas der Anatomie der Taubstummheit Lif. 1.
Alexander, Atlas der Anatomie der Taubstummheit Lif. 2. — Zeitschrift für
Ohreuheilk. Bd. 48.
Moos, Zeitschrift fttr Ohrenheilkunde Bd. V.
Leimgruber, Embryologische Studie der Stria vascularis, Z. f. 0. Bd. 43.
Siebenmann, Mittelohr und Labyrinth 1879.
Ders., Z. f. 0. Bd. 36.
X.
Zur Lehre vom Ertrinknngstode.
Von
Dr. Eberhard Margulies
BUS Kolberg.
Zur richtigen Beurteilung des diagnostischen Wertes der ein-
zelnen Befunde bei Wasserleichen ist die genaue Kenntnis des Er-
triDkungsvorganges meiner Meinung nach die wesentlichste
Vorbedingung. Denn während die eigenartigen äußeren Befunde
bei Wasserleichen ihre Entstehung nur den physikalischen Eigen-
schaften des Wassers verdanken und die meisten inneren Be-
funde nur stattgehabte Erstickung erkennen lassen — sie alle
daher nichts für den Ertrinkungstod Charakteristisches auf-
weisen können, bieten solche Veränderungen, welche durch den
Ertrinkungsvorgang oder während desselben hervor-
gerufen werden, noch am ehesten Aussicht, Merkmale zu hinter-
lassen, welche fiir stattgehabten Ertrinkungstod pathognomonisch
sind. Und in der Tat sind die drei Symptome, welche nach der
jüngsten Arbeit von Wachholz und Horoszkiewicz „es ge-
statten, den Ertrinkungstod als solchen am Seziertisch zu er-
kennen'', in ihrem Zustandekommen auf das Engste mit dem Er-
trinkungsvorgang verknüpft. Es sind das 1. die Hyperaerie Cas-
per's, 2. die Verdünnung des in der linken Herzhälfte befindlichen
Blutes und 3. die Anwesenheit von Ertränkungsflüssigkeit im
oberen Dünndarm.
Nun sind wir aber trotz außerordentlich zahlreicher experi-
menteller Arbeiten zur Zeit noch weit davon entfernt, behaupten
zu dürfen, daß uns der Ertrinkungsvorgang bereits hinlänglich be-
kannt sei. Im Gegenteil: selbst in prinzipiellen Punkten gehen
die Anschauungen der bedeutendsten Autoren noch weit ausein-
ander!
In der nachfolgenden Tabelle habe ich versucht zwei ver-
160
X. Maroulibs
schiedenartige Darstellungen des Ertrinkungsvorganges kurz aber
möglichst übersichtlich zu skizzieren, wie sie einerseits von v. Hof-
mann und andern Forschem, andererseits von Brouardel, dem
sich Wachholz und Horoszkiewicz in ihrer Arbeit ange-
schlossen haben, gegeben worden sind:
Tabelle I.
Die Stadien resp. Phasen während des Ertrinkens
nach Brouardel und Loye resp.
nach Wachholz und Horosz-
kiewicz.
nach Ton Hof mann nnd anderen
Forschem
1. Stadium des Atemstill-
s tan des. Seine Dauer beträgt in der
Eegel etwa eine Minute.
2. Stadium der Dyspnoe, in
welchem krampfhafte Atemzüge mit
Vorherrschen der Exspirationen ausge-
führt werden. Dauer ca. eine Minute.
3. (Nach einer Atempause von Vs
bis 1 Minute) Stadium der As-
phyxie, welches sich durch tiefe, nach
eingetretener Bewußtlosigkeit ausge-
führte, sogenannte „terminale" Atem-
züge kennzeichnet.
1. Phase der Überraschung: 1 bis
2 Inspirationen mit nachfolgenden Ex-
spirationen.
Dauer 4—16 Sekunden.
2. Phase des Atemstillstandes:
Dauer 27—60 Sekunden.
3. Phase der tiefen Atmung: Der
Ertrinkende atmet tief mit offenen
Augen und schluckt Wasser.
Dauer 60—150 Sekunden.
4. Phase der aufgehobenen Atmung:
Schwund der Sensibuität; die Pnpülen
erweitern sich.
Dauer 60—96 Sekunden.
ö. Phase der terminalen Atem-
bewegungen.
Dauer 29 — 50 Sekunden.
Die Abweichungen in diesen Darstellungen beruhen aber nicht
etwa nur auf einer verschiedenartigen Einteilung und Bezeichung
der einzelnen Stadien resp. Phasen des Ertrinkungsvorganges,
sondern der wichtigste Unterschied besteht darin, daß während
V. Hofmann annimmt, daß die Ertränkungsflussigkeit erst mit
den terminalen Atembewegungen in die Luftwege eindringt, —
also nach der Tabelle etwa 2 (bis 3) Minuten nach Beginn des
Ertrinkungsaktes, — nach der Ansicht der anderen Forscher
(Brouardel usw.) der bei weitem größte Teil der Ertränkungs-
flussigkeit schon zu Beginn der dritten Phase in die Atemwege
gelangt, also schon 31 bis 76 Sekunden nach dem Hineingelangen
des ertrinkenden Individuums in das flüssige Medium.
Die Entscheidung der Frage nach dem'Zeitpunkte
desEintritts der Flüssigkeit in dieLuftwege scheint
mir aber in verschiedener Beziehung von prinzipieller
Bedeutung zu sein.
Zur Lehre vom Ertarinknngstode. 161
Denn einerseits ist, wie ich in einer Arbeit über „Ertrinkungs-
gefahr und Rettungswesen an der See" nachgewiesen zu haben
glaabe, die Aussicht auf Wiederbelebung eines Ertrin-
kenden in hohem Maße von dem Zeitpunkt abhängig, in welchem
die Ertränknngsflüssigkeit in die Luftwege eindringt, und zwar
sind nach meinen dortigen Ausführungen die Aussichten auf Wieder-
belebung um so günstiger, je später die Flüssigkeit eindringt, um
so ungünstiger, je früher sie eindringt.
Andererseits ist aber die Entstehung und derOrad der Blut-
verdünnung, die als Symptom des Ertrinkungstodes zur Zeit
sehr, ausgedehnte und eingehende Bearbeitung findet, auch von
dem Zeitpunkt des Eintritts der Ertränknngsflüssigkeit in die
Luftwege abhängig. Denn je früher dieselbe eindringt und je
länger danach noch die Lebensfunktionen andauern, um so mehr
Flüssigkeit kann in den kleinen Kreislauf und allmählich in den
gesamten Blutkreislauf übertreten, um so ausgesprochener und
leichter nachweisbar die Blutverdünnung werden.
Eine Klärung dieser wichtigen Frage kann meiner Meinung
nach herbeigeführt werden, wenn folgende Gesichtspunkte bei der
Darstellung des Ertrinkungsvorganges genügende Berücksichtigung
finden.
Der Gesamtverlauf des Ertrinkungstodes wird in der Haupt-
sache von zwei einander widerstreitenden Vorgängen beherrscht.
Den einen Vorgang möchte ich als das „Stadium der
Abwehr" kennzeichnen: Das in die Flüssigkeit hineingelangte
Individuum strebt danach, aus dem flüssigen Medium zu entr
kommen, und wehrt sich mit allen ihm zur Verfugung stehenden
Mitteln gegen das Eindringen der Ertränknngsflüssigkeit in die
Atemwege. Die in Frage kommenden Abwehrmittel sind ebenso
zahlreich wie verschiedenartig und zum Teil in ihrer Wirksamkeit
schon geprüft und genügend gewürdigt; so spielen dabei bei mehr
oder minder erhaltenem Bewußtsein der Wille des Individuums
einerseits und seine Reflexerregbarkeit andererseits eine Rolle. Die
'^ Reizung der Haut, der Nasen-, Rachen- sowie der Kehlkopf- und
^ Bronchialschleimhaut durch das Wasser bedingen Atemstülstand
i' oder krampfartige Exspirationen. Wird durch die Gewohnheit des
i - Atmcfns zu Beginn oder infolge des sich einstellenden Sauerstoff'-
hungers im Verlaufe des Ertrinkungsvorganges eine Inspiration
!'■ ausgeführt und mit ihr Flüssigkeit in die Atemwege gebracht, so
:' wird unmittelbar darauf durch eine heftige Exspiration dieselbe
ii zunächst wieder herausbefördert — Nicht berücksichtigt ist aber
Deutsches Archiv f. klin. Medizin. 86. Bd. 11
162 X. Margulies
bisher meines Wissens der Schlnckmechanismus, der bei der Ab-
wehr zweifellos auch einen gewissen Einfluß hat, am so mehr als
y. Hof mann im Magen bereits Ertränkangsflüssigkeit fand, ehe
dieselbe sich in den Lungen nachweisen ließ. Und doch ist es
uns allen bekannt, daß, wenn wir beim Baden, Schwimmen oder
Tauchen unversehens Wasser in den Mund bekommen, das letztere
kaum je in die Luftröhre gelangt, sondern meist unwillkürlich
durch einen Schluckakt in die Speiseröhre abgeleitet wird. — Femer
halte ich es für möglich, daß auch die freie Bewegung des Er-
trinkenden bei der Abwehr eine Rolle spielt; vermag derselbe doch
bei ungehinderter Benutzung seiner Brust- und Extremitäten-
muskulatur dem etwa eindringenden Wasser durch Kompression
des Thorax Widerstand zu leisten.
So dauert denn dieses Stadium der Abwehr unter wechsel-
seitiger Mitwirkung der verschiedenen Abwehrmittel mehr oder
minder lange Zeit, ehe es allmählich, je mehr das Bewußtsein und
die Reflexerregbarkeit schwinden, in ein anderes Stadium über-
geht, das ich als dasjenige der „Wehrlosigkeit" bezeichnen
möchte: Das Individuum vermag dem Eindringen der Flüssigkeit
in die Atemwege keinen aktiven Widerstand mehr zu leisten, es
treten tiefe Inspirationen auf, durch welche die Flüssigkeit bis in
die feinsten Bronchiolen hineingesogen wird, in welchen sie wie in
kapillaren Röhrchen vermöge der Adhäsionskraft mit beträchtlicher
Gewalt zurückgehalten wird.
Die Frage nach dem Zeitpunkt des Eintritts der Flüssigkeit
in die Luftwege fällt nun mit der Frage zusammen, wann der
Übergang aus dem ersten in das zweite Stadium stattfindet. Da
es aber nicht möglich ist, einheitlich zu entscheiden, wie lange
die oben aufgeführten Abwehrmittel ihre Wirksamkeit ungestört
entfalten können, kann man meiner Meinung nach die hier schwe-
bende Frage nur ganz allgemein in folgendem Sinne beantworten:
Je mehr und je früher das eine oder das andere dieser
Abwehrmittel in seiner Wirkung beeinträchtigt oder
je früher es gänzlich aufgehoben wird, — um so
schwächer wird die Abwehr sein und um so früher
wird sie nachlassen; und andererseits wird um so
früher und wohl auch in um so größerer Menge die
Flüssigkeit in die Luftwege eindringen.
Unter Berücksichtigung dieser Gesichtspunkte wird es erklär«
lieh, wie zwei so gründliche Forscher wie v. Hof mann und
Brouardel die Frage nach dem Zeitpunkt des Eintritts der
Zur Lehre vom Ertrinkungstode. 163
Ertränkongsflüssigkeit in die Atemwege in so abweichendem Sinne
beantworten konnten: das liegt an der Verschiedenheit
der von ihnen gewählten Versnchsanordnnng.
y. Hof mann hat Tieren, bevor er sie in eine chemisch leicht
nachweisbare Ertränknngsflüssigkeit brachte, eine Schlinge nm den
Hals gelegt; wenn er diese nun zuzog, bevor noch die terminalen
Atemzüge eingetreten waren, fand er keine oder nur wenig Er-
tränknngsflüssigkeit in den Lungen, wohl aber bereits im Magen;
wenn er aber die terminalen Atembewegungen ihren Verlauf nehmen
ließ und dann die Schlinge zuzog, konnte die Flüssigkeit bis in
die feinsten Bronchien und gar nicht selten bis in die Alveolen
hinein nachgewiesen werden. Er mußte daraufhin zu dem Schlüsse
gelangen, daß erst im letzten Stadium, in dem der terminalen
Atembewegungen, die Flüssigkeit in die Atemwege eindrang. Bei
dieser Versuchsanordnung haben aber auch alle oben bezeichneten
Abwehrmittel bis zu dem Augenblick, in welchem die Schlinge zu-
gezogen wurde, ungestört zur Entfaltung gelangen können.
Brouardel hingegen hat seine Versuchstiere auf ein Brett
aufgebunden, das Tier tracheotomiert und in die Trachealwunde
Kanülen von der Gestalt eines Y eingeführt. Der eine Arm der
Kanälen erlaubte den Tieren frei zu atmen, der andere war mit
einem Wasserbehälter verbunden und blieb zunächst geschlossen.
Zu Beginn des Versuches wurde der mit der Luft in Verbindung
stehende Arm der Trachealkanüle geschlossen, der andere hingegen,
welcher mit dem Wasserbehälter in Verbindung stand, geöifnet.
Die in einzelnen Phasen in die Luftwege aspirierten Wassermengen
wurden durch eine genial ausgeführte Schwimmervorrichtung genau
notiert. Und hierbei zeigte es sich, daß bereits zu Beginn der
dritten Phase, also weit früher als es v. Hof mann konstatiert
hatte, plötzlich einige rapide und tiefe Atembewegungen gemacht
wurden, bei welchen dann auch innerhalb auffallend kurzer Zeit
eine große Menge von Flüssigkeit in die Atemwege eindrang. —
Wie steht es aber bei solcher Versuchsanordnung mit den dem
ertrinkenden Tiere zur Verfügung stehenden Abwehrmitteln ? ! Die
freie Bewegung des Tieres ist aufgehoben; es ist in Inspirations-
stellung aufs Brett gefesselt, wirksame Exspirationen können nicht
ausgeführt werden; der Schluckmechanismus ist vollkommen aus-
geschaltet. Der Ausfall dieser Abwehrmittel kann
meiner Meinung nach den früheren Eintritt der
Flüssigkeit in die Atemwege sehr wohl erklären!
Zur Stütze dieser Annahme möchte ich einige von Brouardel
164
X. Maroulies
selbst beschriebene Versuche anführen. Von vier Tieren, welche
der Forscher in der oben erwähnten Weise vorbereitet hatte, worden
zwei zu Beginn des Versuches ins Wasser versenkt, während die
beiden anderen frei in der Lnft blieben. Während nun bei den
beiden ersten Tieren erst am Schlosse der ersten ond zo Beginn
der zweiten Minute plötzlich ganz erhebliche Mengen von Wasser
in die Lungen eintraten, geschah dies bei den beiden letzten Tieren
früher, zum Teil schon während der ersten Phase. Brooardel
erklärt diesen Vorgang damit, daß bei den beiden letzten Tieren
der auf die Haut und die Nasenschleimhaut ausgeübte Reiz des
Wassers fortfiel. — Also auch hier wird dorch den Ausfall eines
der oben angeführten Abwehrmittel ein früheres Eindringen der
Ertränkungsflüssigkeit in die Atemwege bedingt!
Durch eine Reihe von Versuchen habe ich mir eine eigene
Anschauung über die hier behandelte strittige Frage zu bilden
veimocht. Ich habe zunächst vier Kaninchen von gleichem Wurf
in ein mit Wasser gefülltes Bassin versenkt, nachdem ich sie zuvor
mit einem 2 kg schweren Gewichte an den Hinterläufen beschwert
hatte. Während der ersten 2 Minuten konnte ich abwechselnd
heftige Bewegungen des ganzen Tierkörpers und völlige Ruhe —
wohl dem Atemstillstande entsprechend — beobachten. Nach ca.
2 Minuten traten langsam aufeinanderfolgende, erst kräftigere, dann
schwächer werdende tiefe Inspirationen auf, sechs bis neun an der
Zahl, bei denen sich der Körper ruckartig mehr und mehr streckte,
während der Kopf mehr und mehr nach hinten geneigt wurde. Es
handelte sich hierbei offenbar um die oben bezeichneten terminalen
Atembewegungen. Drei der Tiere wurden nach etwa 3 Minuten
schnell herausgezogen, eines jedoch unmittelbar nach der ersten
terminalen Atembewegung. Nun wurde bei jedem Tiere zunächst
sofort die Trachea bloßgelegt und unterbunden, dann wurden die
Lungen herauspräpariert und das Gewicht und Volumen der
letzteren genau bestimmt. In nachfolgender Tabelle sind die
Resultate zusammengestellt.
OQ
Gewicht
Herausgezogen nach
wieviel
Lungen-
Lungen-
u
der Tiere
Geschlecht
terminalen
Tolumen
gewicht
CO
m g
Minuten
Atembewe-
in ccm
in g
>
gaugen
1
2047
männlich
! 3V4 ! 6
49
41
2
2020
männlich
' 3V3
7
öl
43
3
2400
weiblich
i 3
9
57
46
4
2565
weiblich
2
1
37
24
« Zar Lehre vom Ertrinkungstode. Ig5
Das Gewicht der Lungen bei diesen Versuchstieren setzt sich
nnn zusammen aus dem Gewicht des Langenge webes und dem der
in den Lungen enthaltenen Ertränkungsflüssigkeit. Um nun zu
wissen, wieviel davon auf die Ertränkungsflüssigkeit kommt, muß
man das Durchschnittsgewicht der normalen Eaninchenlunge
kennen. Ich habe dasselbe an anderer Stelle ermittelt und ge-
funden, dafi auf 1 kg Körpergewicht bei Kaninchen 5,978 g Lungen-
gewicht kommen. Ziehen wir nun bei unseren Versuchstieren das
Gewicht des Lungengewebes von dem Gesamtgewicht der Lungen
ab, so bleiben ffir das Gewicht der Ertränkungsflüssigkeit beim
Tier 1 : ca. 29 g, d. h. pro kg Tiergewicht ca. 14,5 g
n ^'' r> ^^ Si r n n n n n -'■0,0 g
„ o: „ ol,5g, n y, r, n n n ^^j^ S
hingegen beim „ 4:nur 9 g, „ „ „ „ „ „3,6 g
Während demnach bei den ersten drei Versuchstieren, die nach
3 bis 3V2 Minuten, resp. nach 6 bis 9 terminalen Atembewegungen
lierausgezogen wurden, sich in den Lungen pro kg des Körper-
gewichts ca. 13,1 ccm bis 15,5 ccm Ertränkungsflüssigkeit nach-
weisen ließen, fanden sich in den Lungen des letzten Tieres,' das
nach 2 Minuten unmittelbar nach der ersten Atembewegung heraus-
gezogen wurde, pro kg seines Körpergewichts 3,6 ccm. ^)
Das Eesultat dieser Versuchsreihe wäre wohl geeignet, die
Behauptung von Hofmann's zu unterstützen, daß die Er-
tränkungsflüssigkeit in der Regel erst mit den terminalen Atem-
bewegungen in die Luftwege eindringe — (denn auch die 3,6 ccm
Wasser beim letzten Versuche sind höchst wahrscheinlich ganz
oder zum größten Teile mit der ersten terminalen Atembewegung in
die Luftwege des vierten Versuchstieres eigedrungen) — wenn nicht
erst einem gewichtigen Einwand entgegengetreten werden müßte,
der auf Grund der von Wachholz und Horoszkiewicz er-
hobenen Befunde gegen die obige Behauptung geltend gemacht
1) Diese Versnche hatte ich zunächst in anderer Absicht ausgeführt. Es
wird nämlich Ton englischen Forschern, wie ich aas 2 Referaten über einen im
Mai 1903 von Schäfer gehaltenen Vortrag „Über Tod dnrch Ertrinken nnd
Methoden der Wiederbelebung" entnehme, bestritten, daß Ertränkungsflüssigkeit
in den Lungen Ertrunkener Torhandeu sei, sie behaupten, daß etwa in die Langen
gelangendes Wasser absorbiert werde, und fände man bei Sektionen Ertrunkener
Wasser in den Lungen, so könne man annehmen, daß dieses nach dem Tode
hineingelangt sei. Demgegenüber glaube ich durch die obigen Untersuchungen
erwiesen zu haben, daß in der Tat Ertränkungsflüssigkeit in den Lungen er-
tränkter Tiere in nicht unerheblicher Menge zurückbleibt.
166 X. Mabgulibs #
werden könnte. Man könnte nämlich einwenden, daß die in den
Lungen unserer Versuchstiere vorgefundene und tatsächlich erst
mit den terminalen Atembewegungen in dieselben eingedrungene
Flüssigkeit nur ein kleiner Bruchteil der Gesamtmenge sei, die
während des ganzen Ertrinkungsaktes in die Luftwege eingedrungen
sei, und daß der größte Teil dieser Flüssigkeit schon vor Be-
ginn der terminalen Atembewegungen von der Lungenschleim-
haut resorbiert und in den Körper, insbesondere in den Blut-
kreislauf übergetreten sei. Fanden doch die erwähnten Forscher
bei ihren Versuchen, daß pro kg Körpergewicht ihrer Versuchstiere
(Hunde und Katzen) etwa 50 ccm Ertränkungsflüssigkeit in die
Atemwege eindrangen; und ist doch aus der hochgradigen von
ihnen ermittelten Blutverdünnung zu entnehmen, daß ein erheb-
licher Teil dieser Flüssigkeit (wieviel davon? ist von ihnen aller-
dings nicht festgestellt) ins Blut übergetreten sei.
Ist auch gegen diese von Wachholz und Horoszkiewicz
ausgeführten Versuche dasselbe einzuwenden wie gegen die von
Brouardel ausgetührten, daß nämlich infolge der Ausschaltung des
Schluckmechanismus und der Fesselung der Tiere die Ertränkungs-
flüssigkeit höchst wahrscheinlich früher und in größerer Menge
in die Atemwege eingedrungen sein dürfte, als unter normalen Be-
dingungen, so habe ich doch den obigen durchaus gerechtfertigten
Einwand einer experimentellen Prüfung unterzogen und festzustellen
gesucht :
1. wieviel Flüssigkeit insgesamt in die Luftwege eindringen mag,
2. wieviel davon in den Lungen zurückbleiben, und
3. wieviel aus den letzteren entweichen und in den Körper
'resp. ins Blut übertreten mag.
Da nun eine exakte Messung der in die Atemwege ein-
dringenden Flüssigkeit durch keine Versuchsanordnung besser vor-
genommen werden kann als durch die von Brouardel angegebene,
habe ich mich auch derselben bedient, jedoch zum Unterschied von
Wachholz und Horoszkiewicz meine Versuchstiere während
des Versuches in ein mit Wasser gefülltes Bassin mithineinversenkt
— (denn den von außen auf die Körperoberfläche lastenden Druck
des Wassers während des Ertrinkens darf man meiner Meinung
nach nicht ausschalten) — und darauf geachtet, daß die Wasser-
oberfläche in dem Behälter, aus welchem die Flüssigkeit in die
Trachealkanäle des Versuchstieres einfloß, sich in demselben Niveau
befand wie die Oberfläche des im Bassin befindlichen Wassers.
Znr Lehre vom Ertrinkungstode.
167
kl
(Diese von Brouardel noch besonders betonte Forderung haben
Wachholz und Horoszkiewicz nicht erfüllt.)
Die Gesamtmenge der in die Atemwege des Tieres einge-
drungenen Flüssigkeit wurde bestimmt durch Wägung des Wasser-
behälters vor und nach dem Versuche, die in den Lungen zurück-
gebliebene dui'ch die bei der ersten Versuchsreihe angegebene
Methode; die Differenz dieser beiden Gewichte ergab die Flüssig-
keitsmenge, welche aus den Lungen entwichen resp. in den Körper,
insbesondere ins Blut übergetreten war.
Die Resultate der vier in dieser Weise ausgeführten Versuche
sind in der nachfolgenden Tabelle zusammengestellt:
Menge der in
die Atemwege
eingedrunge-
nen Flüssig-
keit
Menge der in
den Lunten
zarückgeuie-
benen
Flüssigkeit
insge-
samt
pro kg ^°^5ft pro kg
samt
Megen der in
den Körper
übergetre-
tenen Flüssig-
keit
insge-
samt
pro kg
1 Katze 2500
2 ' Katze ! 3060
3 Hündin 2670
4 Hund 2Ö90
16 g ,38 ccm
19 g 38 ccm
17 g I 3 ccm
16 g i30 ccm
90
87
140
130
77
67
12Ö
102
74
63
127
102
29,6
21
47,6
40,8
61
48
108
86
24,4
16
40,5
34,4
13
15
19
16
5,2
5
7,1
6,4
5 Katze 2440 16 g
Zar Schlußbemerknng gehörend!
Frei an
d. Luft
105
54 99 39,8 38 14,6 61 I 25,2
Bei dieser Versuchsanordnung ergibt sich also, daß die Menge
der von der Lungenschleimhaut resorbierten Flüssigkeit pro kg des
Köi-pergewichts nur 5 bis 7,1 ccm betrug. Ich gehe aber wohl
nicht fehl, wenn ich annehme, daß bei meinen Versuchen in der
ersten Versuchsreihe höchst wahrscheinlich noch weniger Flüssig-
keit von der Lungenschleimhaut resorbiet sein dürfte; denn bei
den letzten Versuchen ist infolge der BrouardeTschen Versuchs-
anordnung die Flüssigkeit wahrscheinlich früher in die Atemwege
eingedrungen und konnte daher auch eher resorbiert werden.
Während demnach bei jenen ersten Versuchen mit den termi-
nalen Atembewegungen pro kg des Tiergewichts 13,1 bis 15,5 ccm
Flüssigkeit in die Atemwege der Versuchstiere eindrangen, sind
von der Lungenschleimhaut derselben Tiere weniger als 5 bis
7,1 ccm Flüssigkeit resorbiert worden. Es ist demnach die Er-
tränkungsflüssigkeit zum größten Teile während des letzten
Stadiums eingedrungen.
Hiermit schließe ich die Kette der Beweise, aus denen hervor-
4
geht, daß von Hofmann's Behauptung wohl zu Recht besteht,
168 ^- Maboülibs, Znr Lehre vom Ertrinkungstode.
wenn er sagt: „Das Eindringen der Ertränkangsflüssigkeit in die
Luftwege erfolgt in der Regel erst mit den terminalen Atem-
bewegungen."
Zum Schluß noch eine kurze kritische Bemerkung!
Auffallend ist es, daß Wachholz und Horozkiewicz bei
ihren Versuchen sehr starke Blutverdünnung fanden, während nach
meinen Versuchen von der Lungenschleimhaut verhältnismäßig nur
wenig Fl&ssigkeit resorbiert wurde. Das liegt zum Teil wohl daran,
daß jene Forscher ihre Versuchstiere nicht ins Wasser versenkt
haben. Denn bei einem Versuche, in welchem ich das Tier auch
frei an der Luft ließ, wurden von 39,8 ccm Flüssigkeit, die pro kg
des Tiergewichts in die Luftwege eingedrungen waren, 25,2 ccm
von der Lungenschleimhaut resorbiert. Und dieses Besnltat, das
die hochgradige ßesorptionsfähigkeit der Lungenschleimhaut be-
weist, dürfte bei der jetzt aufstrebenden Inhalationstherapie auch
für den inneren Kliniker nicht ohne gewisses Interesse sein!
Literatur.
1. Wachholz nnd Horoszkiewicz, Experimentelle Stadien znr Lehre vom
Ertrinkungstod. Viertel] f. gerichtl. Med. 1904, Oktoberheft 28. Bd.
2. von Hofmann, Lehrb. der gerichtlichen Medizin 1898.
3. Bronardel, La Pendaison. Paris 1897.
4. Margnlies, 1. Die Casper'sche Hyperaerie. Viertel], für gerichtl. Med.
1903, Juniheft 26. Bd. 2. Ein Beitrag znr Kenntnis des Ertrinkungstodes.
Virchow^s Archiv 1904 Bd. 178. 3. Ertrinkungsgefahr und Kettungswesen
an der See. Vortrag, gehalten am 13. März 1^ auf der 26. Versammlung
der Balneoloeischen Gesellschaft in Berlin.
6. Schäfer, Über den Tod durch Ertrinken und Methoden der Wiederbelebung.
Beferate: Deutsche medizin. Wochenschr. Nr. 32 S. 256 und Münchener med.
Wochenschr. (Referent: Philippi).
XI.
Aus der kgl. med. Klinik zu Halle a. S.
(Direktor: Geh.-Rat von Mering.)
Unterenchungen über Entstehung nnd Wesen des Fötors
bei Ozäna.
Von
Privatdozent Dr. 0. Frese.
Das Auftreten üblen Geruches ist ein häufiges Symptom bei
verschiedenen Nasenleiden. Während früher alle derartigen Krank-
heitsprozesse unter dem gemeinsamen Namen ^Ozäna^^ zusammen-
gefaßt wurden, beschränkt man diese Bezeichnung jetzt auf solche Fälle,
wo eine flächenhafte Erkrankung der Nasenschleimhaut vorhanden
ist, die mit Atrophie und Bildung übelriechender Borken einher-
geht. So wohlbekannt dies Krankheitsbild jedem Arzte nun auch ist,
so wenig ergründet ist es bisher in wissenschaftlicher Beziehung. Es
gilt dieser Satz nach jeder Richtung hin. Weder herrscht Ein-
stimmigkeit der Meinungen über die Ursachen und das eigentliche
Wesen der Erkrankung noch über die Deutung ihrer wichtigsten
Symptome. Vor allem handelt es sich in letzterer Beziehung um die
Frage nach der Natur und Herkunft des Fötors, die wieder
vielfach eng zusammenhängt mit der Frage nach der Bildungs-
weise und Znsammensetzung des ozänösen Sekretes. Viele Autoren
stehen auf dem Standpunkt, da6 der Ozänageruch ein ganz spe-
zifischer sei, der sich mit Sicherheit von sonstigen üblen Gerüchen
aas der Nase unterscheiden lasse; so sagt z. B. Jurasz^), daß
der Gestank sich durch eine eigentümliche faulig-süßliche Ekel-
haftigkeit auszeichne und in seiner Spezifität stets derselbe sei;
Zarniko^, Schech') u. a. pflichten ihm hierin bei; Burger*)
1) JnraRz, Die Krankheiten der oberen Luftwege 1891.
2) Zarniko, Die Krankheiten der Nase und des Nasenrachens 1905.
3) Schech, Die Krankheiten der Mundhöhle, des Rachens u. der Nase 1902.
4) Burger, Das Empyem der Highmorshöhle. Yolkm. Sammlung klin.
Vortrage Nr. 111.
170 XI. Fresk
spricht von dem charakteristiscfaen brenzlichen Geruch der Ozäna.
Andere Autoren, wie z. B. Moritz Schmidt') vermögen keinen
qualitativen Unterschied wahrzunehmen zwischen dem Gestank der
Ozäna und gewissen mit Ulceration verbuiidenen Nasenerkrankungen.
Über die Art eines Geruches läßt sich natürlich ebensowenig
streiten wie über den Geschmack. Nach meiner Erfahrung findet
sich ein, dem ozänösen nahe verwandter Fötor nur bei manchen
tertiär luetischen Nasenaffektionen , namentlich wenn eine Er-
krankung des Knochens vorhanden ist ; fötide Nebenhöhlenempyeme
z. B. verbreiten stets einen anderen Geruch. Übrigens bieten m. L
die einzelnen Fälle von Ozäna bei aller Ähnlichkeit nicht immer
genau dieselbe Geruchsnuance dar; man kann sich davon besonders
an außerhalb der Nase aufgehobenem Sekret überzeugen.
Alle Autoren sind darin einig, daß der Fötor der Ozäna dem
Sekrete anhaftet, das in unbehandelten Fällen die Wände der
Nasenhöhlen und den Nasenrachenraum mit reichlichen festeren
oder weicheren Borken bedeckt und sich zum Teil auch in mehr
flüssigem Zustand auf dem Boden des unteren Nasengangs an-
sammelt.
Nach völliger Säuberung der Nase verschwindet der üble Ge-
ruch, wenigstens für eine Zeitlang, völlig. Es begegnet einem
allerdings nicht selten, daß trotz anscheinenden Fehlens von Sekret
doch noch Fötor bemerkbar bleibt. In solchen Fällen wird man
bei gründlicher Besichtigung der Nase, namentlich bei der Rhi-
noscopia posterior regelmäßig noch einige kleine, festanhaftende
Borken entdecken, die häufig in den hinteren Teilen des oberen
und mittleren Nasengangs liegen und deren mechanische Entfernung
sehr schwierig sein kann.
Ist die Nase aber wirklich absolut frei von Sekret, so ist auch
kein Fötor mehr bemerkbar und es dauert nach meiner Erfahrung
meist mehrere Stunden bis ein leiser Geruch von neuem auftritt,
und gewöhnlich einen halben Tag oder noch länger bis er einiger-
maßen intensiv wird.
Wenn nun auch übereinstimmend angenommen wird, daß der
Fötor an das Sekret gebunden ist, so gehen die Meinungen schon
darüber auseinander, ob das Sekret ursprünglich geruchlos ab-
gesondert wird oder von vorneherein mit dem spezifischen Gestank
behaftet ist. Letztere Ansicht ist namentlich von Jurasz*),
1) M. Schmidt, Die Krankheiten der oberen Luftwege 1903.
2) Jurasz, 1. c.
Untersnchangen Ober Entstehung nnd Wesen des Fötors bei Ozäna. 171
MicheP), Hecht*) u. ä. vertreten worden. Auf Grund zahl-
reicher eigener Versuche schließe ich mich unbedingt den Autoren
aD. die erst eine nachträgliche Entwicklung des Fötors annehmen.
Nachdem in einer Reihe von Fällen die Nase gründlich ge-
säubert war, Übertrag ich das nach 2 — 4 Stunden neugebildete
Sekret durch Ausschnauben lassen und Auswischen mit Watte in
sterilisiei*te Doppelschälchen ; dasselbe war meist erst spärlich und
regelmäßig noch geruchlos. Bei Zimmertemperatur entwickelte
sich häufig erst nach mehreren Stunden ozänöser Gestank, der
dann schnell an Intensität zunahm. Bei Aufbewahrung des Sekrets
im Brütschrank bei 37® trat der Fötor schneller auf. In einer anderen
Reihe von Fällen wurde das Sekret mittelst Gottstein'scher Tampons
gewonnen, die sofort nach gründlicher Säuberung der Nase ein-
gelegt und einige Stunden später in Doppelschälchen übertragen
wurden. Ich habe mich bei Anstellung dieser letzteren Versuche
gleichzeitig überzeugen können, daß bei der Ozäna alle Teile
der Nase das in Zersetzung übergehende Sekret liefern.
Ich verfuhr dabei so, daß nach Säuberung der Nase einzelne
Abschnitte derselben durch feste Tamponade von den übrigen
Teilen abgesondert wurden. So schloß ich z. B. den oberen Ab-
schnitt der Nase einschließlich des mittleren Nasengangs durch
feste Tamponade von den unteren Partien ab, außerdem wurde
die Nase nach dem Nasenrachenraum zu abtamponiert; das so
von der Fläche der unteren Muschel, den unteren Teilen des
Septums und dem Nasenboden gewonnene Sekret war gewöhnlich
etwas wasserreicher als das Gesamtsekret, ging aber dieselbe
stinkende Zersetzung ein. Es spricht diese Beobachtung gegen die
Theorie Grünwald 's, daß das ozänöse Sekret von erkrankten
Nebenhöhlen geliefert werde: trotzdem bei obigem Versuche die
Offnungen derselben von den unteren Abschnitten der Nase durch
feste Tamponade abgeschlossen waren, wurde ein Sekret von der
Schleimhautfläche abgesondert das die Charaktere des Ozänösen
darbot.
Ich will hier gleichzeitig bemerken, daß ich mich bei fort-
laufender Beobachtung davon überzeugt habe, daß die Bildung des
Sekrets von der Fläche der Schleimhaut her erfolgt, wie zuerst
von Gottstein') angegeben und neuerdings von Döbeli*) ge-
1) Michel y Die Krankh. der Nasenhöhle und des Nasenrachenraumes 1876.
2) Hecht, Arch. f. Laryng. 1897.
3) Gottstein, Nasenkrankheiten, Eulenburg's Realencykl. 1881.
4) Döbel i, Arch. f. Laryng. Bd. 15 1903.
172 XL Fbmb
nauer gepraft worden ist. Die Beobachtung von Jarasz, daß
sich auch die Septnmschleifflhant an der Bildung des Sekretes
beteiligt, kann ich bestätigen.
Um einen näheren Einblick in die Art der riechenden Stoffe
zn gewinnen, die im Ozänasekret vorhanden sind, habe ich mich
bemüht, dieselben dnrch chemische Analyse näher zu definieren.
Es wurde das Sekret von 6 verschiedenen Ozäna-Fällen und
außerdem die stinkenden Borken eines Falles ausgedehnter tertiärer
Nasensyphiiis untersucht. Entweder wurde das bereits stinkend
aus der Nase entleerte Sekret verarbeitet, oder die Nase wurde
zuerst gründlich gesäubert und am nächsten Morgen das neu-
gebildete Sekret in Doppelschälchen ausgeschnaubt resp. mittelst
Pinzette entfernt; das in letzterem Falle meist erst schwach
riechende Sekret wurde vor seiner weiteren Verarbeitung noch
1—2 Tage bei Zimmertemperatur aufgehoben bis es einen in-
tensiven Geruch angenommen hatte.
In 3 Fällen ließ ich 24 Stunden altes Sekret, 3 Tage lang
mit etwas sterilem Wasser aufgeschwemmt bei 37 ® im Brütschranke
stehen, bevor es der Analyse unterzogen wurde.
Es sei gleich vorweg bemerkt, daß das Resultat in allen
Fällen das gleiche war; nur insofern zeigte sich ein Unterschied
als die Quantität der Riechstoffe je nach dem Alter des
Sekrets eine verschiedene war.
Bei der Untersuchung des Materials hielt ich mich im wesent-
lichen an die Methode, welche von Hoppe-Seyler für die
Analyse der Fäces resp. faulender Eiweißsubstanzen angegeben ist.
Die Reaktion des frischeren und älteren Ozänasekrets war
stets ziemlich stark alkalisch. Das stinkende Ausgangsmaterial
wurde mit ca. 250 ccm destilliertem Wasser versetzt und über
offenem Feuer der Destillation unterworfen. Man verwendet dabei
zweckmäßig große Kochflaschen, da meist starkes Schäumen der
Flüssigkeit eintritt.
Das erste Destillat roch ebenfalls stechend widerlich, aber ent-
hielt nicht alle Riechstoffe des Ausgangsmaterials. Das Destillat
wurde dann mit Natriumkarbonat versetzt, um flüchtige Fettsäuren
zu binden und von neuem überdestilliert.
Dies 2. Destillat, welches regelmäßig weniger intensiv roch,
wurde mit Natronlauge stark alkalisch gemacht, um Phenol zu
binden und dann von neuem destilliert. In dem so gewonnenen
3. Destillat ließ sich mittels der Salpetersäureprobe regelmäßig
Indol nachweisen. Während die Reaktion bei relativ frischem
Üntersuchangen über Entstehimg aud Wesen des Fötors bei Ozäna. 173
AQsgaDgsmaterial ziemlich schwach war, nahm sie mit dem Alter
des Sekrets an Intensität zu, doch war sie niemals so stark, daß
ein Niederschlag von Nitrasoindolnitrat eingetreten wäre. Das
Ozänasekret enthält demgemäß nnr geringe Mengen yoi\ Indol,
doch ist hierbei zu berücksichtigen, daß es sich um einen sehr
intensiv riechenden Körper handelt, von dem Sparen genügen, um
eine unangenehme Gerachsempfindung hervorzurufen.
Die Seaktion des 3. Destillats auf Skatol war undeutlich.
Eine Ti*ennung desselben vom Indol mittelst Darstellung der Pikrate
gelang nicht und war auch von vorneherein kaum zu erwarten,
da die Menge der Substanzen zu gering war. Trotzdem kann mit
großer Wahrscheinlichkeit angenommen werden , daß Skatol vor-
handen war, da es ja ein regelmäßiger Begleiter des Indols ist.
Wie von diesem, so gilt auch vom Skatol, daß sich schon minimale
Mengen desselben unangenehm bemerkbar machen.
Der Snckstand des 2. Destillats wurde mit Schwefelsäure an-
gesäuert und von neuem destilliert. In dem Destillat ließ sich
Phenol mittels Millon's Reagenz nachweisen. Auch hier nahm
die Intensität der Reaktion mit dem Alter des Materials zu.
Der Rückstand des 1. Destillats (das mit Natriumkarbonat
versetzt worden war) wurde nun angesäuert ; namentlich bei leichtem
Erwärmen trat hierbei regelmäßig der charakteristische Geruch
nach flüchtigen Fettsäuren auf. Dieselben ließen sich auch
dadurch nachweisen, daß sie ein blaues Lackmuspapier röteten, wenn
dasselbe in die beim Kochen aufsteigenden Dämpfe gebracht wurde.
Der ursprüngliche Rückstand des Ausgangsmaterials war so
gut wie geruchlos, nahm aber sofort von neuem einen intensiven
ozänösen Gestank an, wenn er mit Schwefelsäure angesäuert und
erwärmt wurde. Es ließen sich auch hier wieder flüchtigeFett-
säuren durch den Geruch erkennen und durch Rötung des in die
Dämpfe gebrachten Lackmuspapiers nachweisen. Der angesäuerte
Rückstand wurde außerdem mit Äther ausgeschüttelt; nachdem sich
letzterer im Scheidetrichter abgesetzt hatte, rötete er deutlich
blaues Lackmuspapier, also ein Zeichen, daß er freie Fettsäuren
enthielt. Nach Verjagung des Äthers auf dem Wasserbade und
Aufnahme des Rückstandes mit Wasser gab letzterer mit Millon's
Keagenz die Reaktion auf aromatische Oxysäuren.
Eine andere Portion des ersten Rückstandes wurde femer
auf Pepton untersucht. Dasselbe ließ sich nach Ansfällung des
Eiweißes mittels der Biuretprobe in reichlicher Menge nachweisen.
Während frisches Ozänasekret die Peptonreaktion regelmäßig gibt.
174 ^I* Fbbss
erhielt ich dieselbe nicht bei gleich altem katarrhalischen Nasen-
sekret.
Auf die Anwesenheit von Schwefelwasserstoff und flüchtiger
schwefelhaltiger Verbindungen (Mercaptan) wurde nach der von
N i e m a n n *) angegebenen Methode untersucht. Mit 200 ccm Wasser
versetztes Ozänasekret wurde auf offenem Feuer destilliert and
das Destillat in 3^Vu Quecksilbercjanidlösung aufgefangen, indem
gleichzeitig mittelst Wasserstrahlluftpumpe ein schwacher Laft-
strom durch den ganzen Apparat hindurchgesogen wurde.
Bei Gegenwart von Schwefelwasserstoff und Mercaptan tritt
in der Quecksilbercyanidlösung ein gelber Niedei'schlag auf, der
bei der Destillation des Ozänasekrets auch tatsächlich erhalten
wurde, derselbe nahm noch an Menge zu, wenn das Ausgang-s-
material mit Schwefelsäure angesäuert wurde; ein Teil dieser
flüchtigen Substanzen war also ursprünglich an Alkali gebunden
gewesen. Zur Trennung des Schwefelwasserstoffs und Mercaptans
wird der gelbe Niederschlag, der sich in der Quecksilbercyanid-
lösung gebildet hat, heiß abfiltriert und samt dem Filter mit etwas
Wasser in einen kleinen Kolben gebracht. Destilliert man nun
von neuem, indem man noch ca. 20 ccm 5 ^o Salzsäure zusetzt, so
geht nur Mercaptan über, das in 3 % Bleiacetatlösung Gelbfärbung
hervorruft resp. Isatinschwefelsäure grün färbt. Zum Nachweis von
Schwefelwasserstoff versetzt man dann den Rückstand mit kon-
zentrierter Salzsäure und destilliert von neuem über.
In 5 % vorgelegter Bleiacetatlösung bildet sich dann bei Gegen-
wart von Schwefelwasserstoff Schwefelblei. Mercaptan wurde auch
in älterem Ozänasekret, das intensiv roch, nicht von mir gefunden,
dagegen war reichlich Schwefelwasserstoff vorhanden, der mit
dem Alter des Materials an Menge zunahm.
Eine quantitative Bestimmung der durch die Analyse er-
haltenen einzelnen Substanzen erschien bei der relativ geringen
Menge des Ausgangsmaterials wenig aussichtsreich. Aus demselben
Grunde wurde auch davon abgesehen, die einzelnen Fettsäuren
voneinander zu trennen.
Wir ersehen also aus der Analyse des Ozänasekrets und dem
sich ebenso verhaltenden einer tertiären Nasensyphilis, daß in dem-
selben verschiedene, leicht flüchtige Substanzen enthalten sind, die
einen höchst unangenehmen Geruch verbreiten. Neben Indol (Skatol),
Phenol und Schwefelwasserstoff sind hier besonders flüchtige Fett-
1) Niemann, Arch. f. Hygiene Bd. 19 1893.
Untersnchungen über Entstehung und Wesen des Fötors bei Ozäna. 175
säuren zu nennen, die ich in erster Linie für die scharfe „brenz-
liche" Noance des Ozänagestankes verantwortlich machen möchte.
Die Analyse des Ozänasekrets lehrt also, daß der Ozänageruch
kein einheitlicher ist, soadem sich ans einem „Bukett^ ver-
schiedener Düfte zusammensetzt. Hierauf beruht es m. A., daß
im Einzelfalle das Sekret nicht ganz gleichartig riecht, in dem bald
mehr die eine, bald mehr die andere Komponente des Geruchs in
den Vordergrund tritt. Die im Ozänasekret nachweisbaren riechen-
den Substanzen sind also dieselben, wie sie bei der Fäulnis von
Eiweißsubstanzen auftreten. Bemerkenswert scheint mir allerdings
das besonders starke Hervortreten flüchtiger Fettsäuren,
worauf ich später noch zurückkomme.
Diese riechenden Substanzen sind im Ozänasekret zu einem
Teil an Alkali gebunden, wie daraus hervorgeht, daß sie erst nach
Ansauerung frei werden, zum anderen Teil gehen sie aber ohne
weiteres mit Wasserdämpfen über.
Bei dem intensiven Geruch dieser flüchtigen Stoffe genügt
schon das Freiwerden einer geringen Menge, um sich in der Um-
gebung eines Ozänakranken sehr unangenehm bemerkbar zu machen.
Wodurch kommt es nun zu dem Auftreten von Fötor in dem
ursprunglich geruchlos abgesonderten Sekret?
Zur Erklärung dieser Tatsache wollen manche Autoren, z. B.
ZaufaP), den Umstand heranziehen, daß das Sekret bei der
Ozäna infolge seiner klebrigen Eigenschaften abnorm lange in der
Xase verweile und dadurch der Fäulnis anheimfalle, während ge-
wöhnliches Nasensekret meist schnell nach außen entleert werde.
Insofern steckt in dieser Ansicht zweifellos etwas Richtiges, als bei
unbehandelten Fällen die Intensität des Geruches mit der An-
sammlung und tagelangen Stagnation des Sekrets erheblich zu-
nimmt, aber das auffallend schnelle Auftreten des üblen Geruches
und seine charakteristischen Eigenschaften werden durch die Stag-
nation allein nicht genügend erklärt. Folgender Versuch, den ich
wiederholt angestellt habe, beweist, daß für die Entstehung des
Fötors in erster Linie noch andere Umstände in Frage kommen.
Wenn man nach gründlicher Säuberung der Nase frisch ge-
bildetes Ozänasekret und solches von einer gewöhnlichen chroni-
schen Rhinitis gleichzeitig in sterilisierten Doppelschälcben auf-
fängt und unter den gleichen Bedingungen aufbewahrt, so tritt
im ersteren Fall bereits nach einigen Stunden übler Geruch auf,
1) Zanfal, Über die Anomalien in der Bildung der Nasen muscheln. Ärztl.
Konresp.-Bl. f. Böhmen 1875 Nr. 23, 24.
176 XL Frsse
während es im letzteren Falle erheblich länger dauert — selbst
bei Aufbewahrung im Brütschrank mindestens 24 Stunden — bis
sich ein leiser Fötor bemerkbar macht, der außerdem einen anderen
Charakter als der ozänöse besitzt.
Ans diesem Versuch geht also hervor, daß die Ursache for
das schnelle Auftreten des Fötors von vornherein in der Zusammen-
setzung des Ozäoasekrets begründet sein muß.
Wodurch unterscheidet sich nun das Ozänasekret von der ge-
wöhnlichen katarrhalischen Absonderung?
Einer der auffallendsten Unterschiede ist sein Reichtum an
Mikroorganismen.
Während gewöhnliches Nasensekret geradezu arm an Bakterien
ist bzw. meist nur wenige Arten enthält, wimmelt es von solchen
im Ozänasekret. Auch in erst wenige Stunden altem Material
kann man regelmäßig schon zahlreiche Kokken und Stäbchen nach-
weisen.
Die Anwesenheit und Tätigkeit von Mikroorganismen ist
zweifellos eine notwendige Voraussetzung fiir das Auf-
treten des Fötors.
Wenn ich frisch abgesondertes, noch geruchloses Ozänasekret
mit pulverisiertem Sublimat verrührte und in feuchter Kammer
aufbewahrte, so entwickelte sich kein übler Geruch, während in
einem KontroUscbälchen, das mit gleichem Sekret ohne Znsatz eines
Desinficienz beschickt war, schon nach einigen Stunden Fötor be-
merkbar wurde. Ebenso blieb übler Geruch für längere Zeit aus,
wenn ich frisch gebildetes, noch geruchloses Sekret einige Minuten
in einem Reagensröhrchen strömendem Wasserdampf aussetzte;
gewöhnlich stellte sich unter diesen Umständen erst nach 2 — 3
Tagen ein allmählich zunehmender Fötor ein; die Verimpfung des
Materials auf Nährböden ergab dann jedesmal das Vorhandensein
noch lebensfähigei* Keime, die durch die kurzdauernde Erhitzung
nur vorübergehend in ihrer Lebenstätigkeit gehemmt, aber nicht
abgetötet waren.
Wurde das Sekret aber länger dauernder bzw. wiederholter
Sterilisation unterworfen und steril aufgehoben, so blieb dauernd
jede Entwicklung üblen Geruches aus.
Aus diesen Versuchen geht also hervor, daß das Auftreten
von Fötor an die Tätigkeit von Mikroorganismen gebunden ist.
Es erhebt sich hier nun die weitere Frage, ob es bestimmte
Mikroorganismen sind, die hierzu erforderlich sind.
Untenncbimgeii über Entstehung nnd Wesen des Fötors bei Ozäna. 177
Löwenberg ^X der Entdecker des sogenannten Ozänabazillus,
hatte denselben nicht nur für die Entstehung des Leidens selbst,
sondern auch für das Auftreten des Fötors verantwortlich gemacht.
Er fand nämlich, daß der genannte Bazillus auf Fleisch und
anderen Nährböden üblen Oeruch produzieren könne.
Die ätiologische Bedeutung des Ozänabazillus hat sich
heutzutage nur noch sehr geteilter Anerkennung zu erfreuen, zumal
seine Identität mit den Friedländer'schen Bazillen kaum noch zu
bezweifeln ist. Es liegt außerhalb des Rahmens dieser Arbeit, auf
diese Dinge näher einzugehen; es interessiert uns hier vor aUem
die Frage, ob der Ozänabazillus etwas mit der Entwicklung des
Fötors zu tun hat.
Während Löwenberg dies, wie gesagt, annahm, bestritt
AbeP), der die Eigenschaften des Ozänabazillus zuerst näher
untersuchte, die Angaben Löwenberg 's in entschiedener Weise.
Auf den üblichen Nährböden erzeuge der Ozänabazillus keinen
üblen, sondern einen keineswegs unangenehmen aromatischen Geruch.
Trotzdem wird auch neuerdings der Ozänabazillus von einzelnen
Autoren noch für das Auftreten des Fötors verantwortlich gemacht
Ich selbst habe mich durch zahlreiche Versuche überzeugen
können, daß der Ozänabazillus auf künstlichen Nährböden von der
verschiedensten Zusammensetzung niemals Fötor hervorruft; er tut
es unter anderem auch nicht auf Peptonlösungen und man sollte
dies doch gerade bei einem so leicht zersetzlichen Material am
ehesten erwarten, das bei offenem Stehenlassen so ungemein schnell
üblen Geruch annimmt.
Auch bei Verimpfung des Ozänabazillus auf steril aufgefangenes
menschliches Blut, auf fetthaltige Substanzen, trat selbst bei wochen-
langer Aufbewahrung kein Fötor auf.
In mit gehacktem Fleisch beschickten Böhrchen, die nach ein-
standiger Erhitzung im strömenden Wasserdampf mit OzänabaziUen
versetzt waren, wurde einige Male nach 3—4 Tagen schlechter
Geruch bemerkbar; es zeigte sich in diesen Fällen aber regel-
mäßig, daß die Sterilisation keine vollkommene gewesen war, da
bei späterer Verimpfung des Röhrcheninhalts neben den Ozäna-
baziUen andere Mikroorganismen gefunden wurden.
Gegen die Annahme, daß die OzänabaziUen zur Hervorrufung
1) Löwenberg, Le microbe de TOz^na. Annales de Flnstitat Pasteur,
Mai 1894
2) Abel, Bakteriologische Stndien über Ozäna simplex. Ans dem hygien.
Institat der Universität zu Greifswald.
Deutsche« Archiv f. klin. Medizin. 86. Bd. 12
178 XI. FRsn
von Fötor unfähig seien, ist wohl der Einwand gemacht worden,
dafi dies nur f&r künstliche Nfthrböden zutreffe, vielleicht aber
nicht für das eigenartige Sekret der erkrankten Nasenschleimhant
Um die natürlichen Bedingungen möglichst nachzuahmen, bin ich
deswegen auch so vorgegangen, daß ich frisch gebildetes, geruch-
loses Ozänasekret im Reagensröhrchen einige Minuten strömendem
Wasserdampf ausgesetzt und nach dem Erkalten mit einigen Ösen
Ozänabazillen aus einer Reinkultur beschickt habe. Wie schon
oben erwähnt ist, bleibt auch bei unvollkommener Sterilisation so
behandeltes Sekret gewöhnlich einige Tage geruchlos; dement-
sprechend war nach 24 Stunden wohl der süßlich aromatische Ge-
ruch der Ozänabazillen, aber kein ozänöser Fötor vorhanden. Wenn
nach einigen Tagen übler Geruch auftrat, so ließen sich in dem
Sekret regelmäßig andere Mikroorganismen nachweisen, die durch
die kurzdauernde Erhitzung eben nicht völlig abgetötet waren.
Ich versetzte ferner frisches geruchloses Nasensekret von ge-
wöhnlicher katarrhalischer Rhinitis mit mehreren Ösen einer Rein-
kultur von Ozänabazillen und bewahrte dasselbe bei 37 ^ in feuchter
Kammer auf. Regelmäßig ließ sich nach einigen Standen der süß-
lich-aromatische Duft der Ozänabazillen wahrnehmen, erst später
(nach frühestens 24 Stunden) trat dann außerdem ein faulig- widriger
aber nicht ozänöser Geruch auf, wie er sich in gleicher Weise in einem
Kontrollschälchen, das nicht mit Ozänabazillen versetzt war, einstellte.
Auf Grund dieser Versuche schließe ich, daß die Ozänabazillen
nicht imstande sind, üblen Geruch zu produzieren bzw. eine mit
Fötor verbundene Zersetzung des Nasensekrets einzuleiten.
Außer dem Ozänabazillus enthält das Sekret der Stinknase
nun regelmäßig eine ganze Reihe anderer Mikroorganismen.
So fand R o h r e r ^) in demselben zahlreiche verschiedene Kokken-
und Bazillenaiten.
Verschiedene dieser Mikroorganismen sind imstande, auf künst-
lichen Nährböden stinkende Zersetzungen hervorzurufen.
Klamann^) beschreibt 3 derartige Formen; Dreyfuß und
Klemperer'*) fanden eine Anzahl Bakterien, die besonders starken
Fötor erzeugten, wenn sie gemeinsam kultiviert wurden. Auch ÄbeP)
hat mehrere Bakterienarten aus Ozänasekret isoliert, die auf Eiweiß-
1) Rohr er, Verh. des Kongresses f. i. M. 1887.
2) Klamann, Allgem. med. Zentralzeitnng Berlin 1887 Nr. 76.
3) Dreyfnß n. Klemperer, Zur Bakteriologie der Ozäna. 65. Vers. d.
Naturf. u. Ärzte 1896.
4) 1. c.
Untenachnngen ttber Entstehmig and Wesen des Föton bei Oz&na. 179
Substanzen stinkende Zersetzung hery<»Tiefen. Es ist demnach
durchaus kein Mangel an Mikroorganismen im Ozänasekret vor-
handen^ welche die F&higkeit besitzen, dasselbe zu zersetzen und
die Analyse des stinkenden Sekrets hat nun ja auch ergeben, dafi
in demselben Stoffe enthalten sind, wie sie auch sonst bei der
£iwei£f&ulnis auftreten.
Warum man bei dieser Sachlage noch einen „spezifischen'^
Mikroorganismus verlangen will, der den „spezifischen^ Oeruch der
Ozäna hervorruft, ist mir nicht verständlich. Alle die Riechstoffe,
welche wir bei der Analyse des Ozänasekretes isolieren konnten
und die das Bukett desselben zusammensetzen, können zweifellos
durch die verschiedensten Mikroorganismen hervorgerufen werden.
Wenn wir als einen der Hauptunterschiede zwischen Ozäna-
sekret und dem einer gewöhnlichen Shinitis das reichliche Vor-
kommen von Mikroorganismen in dem ersteren bezeichnen mußten
und tatsächlich fanden, daß die Anwesenheit von Mikroorganismen
die conditio sine qua non ffir das Auftreten des Fötors ist, so darf
anf der anderen Seite aber nicht verkannt werden, daß die Gegen-
wart von Spaltpilzen eben nur eine der Vorbedingungen für die
Entstehung des Fötors ist, den s^weiten, ebenso wichtigen Faktor
bildet die eigenartige Zusammensetzung des Sekrets
selber. Das gewöhnliche katarrhalische Nasensekret geht auch bei
Anwesenheit reichlicher Keime erst viel später und nicht die charak-*
teristische ozänöse Zersetzung ein. Man kann sich leicht davon
äberzeogen, wenn man derartiges Sekret mit etwas Ozänaschleim,
der reichliche Mikroorganismen enthält, versetzt und im Brut-
schrank aufbewahrt. Die Ursache dieses verschiedenen Verhaltens
liegt wohl in erster Linie darin, daß das gewöhnliche katarrhalische
Nasensekret seiner Hauptsache nach aus den Produkten der Drüsen«
tätigkeit besteht. Das von den Drüsen steril abgesonderte Sekret
ist augenscheinlich einer Zersetzung wenig zugänglich und bildet
einen schlechten Nährboden für Mikroorganismen. Manche Autoren
wollen dem normalen Nasensekret ja sogar baktericide Eigenschaften
zuschreiben. Es ist auch zu bedenken, daß das Mucin, eine von den
gewöhnlichen Eiweißkörpem abweichende Zusammensetzung dar-
bietet, insbesondere eine Gruppe von Stoffen enthält, die den Cha-
rakter der Kohlehydrate zeigen; dementsprechend sind die bei
seinem Zerfall auftretenden Produkte nicht ohne weiteres denen
der eigentlichen Albuminsubstanzen gleich zu setzen.
Bei dem Sekret der Ozäna handelt es sich nun im strengen
Sinne des Wortes gar nicht um ein „Sekret".
12*
180 ^' Fabss
Wie durch anatomische Untersuchungen nachgewiesen isty gebt
bei dieser Erkrankung ein großer Teil der Drüsen, die das normale
Nasensekret liefern, zugrunde und die noch erhaltenen drüsigen
Elemente zeigen vielfach Degenerationserscheinnngen, liefern also
mutmaßlich auch kein normales Sekret mehr. An die Stelle des
eigentlichen Nasenschleims treten bei der Ozäna vorwiegend die
Produkte einer chronisch entzündeten Schleimhautfläche: Bestand-
teile des Blutplasmas, abgestoßene Epithelien und Eiterkörperchen^
also Materialien, die besonders leicht der Zersetzung unterliegen,
zumal sie vielfach schon bei ihrer Absonderung die Zeichen be-
ginnenden Zerfalls (Verfettung usw.) darbieten.
Es kommt hinzu, daß von vornherein eine Imprägnierung mit
zahlreichen Mikroorganismen stattfindet, denen das zerfallende
Material als geeigneter Nährboden dient Von Bedeutung scheint
mir femer zu sein, daß die pathologischen Produkte der Schleim-
haut größtenteils an dem Ort ihrer Entstehung haften bleiben; es
liegt dies zum Teil an dem Fehlen des flimmernden Zylinderepithels,
vorwiegend aber wohl an ihrer Zähflüssigkeit und abnormen Nei-
gung zum Eintrocknen. Moritz Schmidt meint, daß das Sekret
der Ozäna einen besonderen Stoff enthalte, der diese schnelle Ein-
trocknung veranlasse; er vergleicht ihn mit dem beim Malen ge-
brauchten Siccativ. Ich glaube, daß dies eigenartige Verhalten
einfach dem Mangel an Mucin entspringt, das bekanntlich der
Eintrocknung sehr lange widersteht.
Diese verschiedenen, eben aufgezählten Eigenschaften des
Ozänasekrets machen es verständlich, daß in der feuchten Wärme
der Nasenhöhle bereits nach kurzer Zeit in dem abgesonderten
Material Zersetzungsvorgänge eintreten, deren Gleichartigkeit mit
den stinkenden Produkten faulender Eiweißsubstanzen oben dar-
gelegt worden ist.
Bestimmte Bestandteile des Ozänasekrets für die Entstehung
der Fötors allein verantwortlich zu machen, halte ich nicht für
gerechtfertigt. So sieht z.B. Schuchardt*) in der regelmäßig
vorhandenen Metaplasie des Zylinderepithels in verhornendes
Plattenepithel die Quelle des der Ozäna eigentümlichen wider-
wärtigen Geruches. Er weist auf analoge Zersetzungsvorgänge
hin bei Schweißfüßen, Cholesteatomen, bei Entzündung der üterus-
schleimhaut, die mit Epidermisierung des Epithels einhergeht.
Gegen die ausschließliche Bedeutung der Epithelmetaplasie
1] Schuchardt, Volkmann's Samml. klin. Vorträge Nr. 340 1889.
Untennchmigen über Entstehung und Wesen des Pötors bei Ozäna. 181
spricht der Umstand, daß es Fälle von Ozäna gibt (E. FränkeP)),
in denen die Umwandlung des Epithels fehlt resp. keine erhebliche
ist Nach meiner Erfahrung findet man bei mikroskopischer Unter-
sachung von Ozänasekret überhaupt gar nicht so reichliche Platten-
epithelien, wie man nach manchen Angaben erwarten sollte, jeden-
falls treten sie gegenüber der Gesamtmenge des abgesonderten
Materials ganz in den Hintergrund.
Andere Autoren z. B. Rethi^) und Krause') sehen die Haupt-
ursache des Fötors in der fettigen Degeneration der Drüsenzellen
und der entzündlichen Produkte der Schleimhaut. Der üble Geruch
soll entstehen durch Umwandlung des Fettes in Fettsäuren.
Der Nachweis, daß auch bei gewöhnlichen akuten Rhinitiden
ausgedehnte Verfettung der Schleimhautelemente ohne ozänösen
Fötor vorkommt, beweist natürlich nichts gegen die Rethi-Erause-
sche Ansicht; wir haben ja oben gesehen, daß zum Zustandekommen
üblen Geruchs verschiedene Vorbedingungen vorhanden sein
müssen, wie sie bei einer gewöhnlichen Rhinitis in ihrer Gesamt-:
heit nicht anzutreffen sind.
Daß flüchtige Fettsäuren eine wichtige Komponente des. ozä-
nösen Geruches bilden, habe ich bei der Besprechung der Ergeb-
nisse der chemischen Analyse schon ausgeführt.
Nun wissen wir ja, daß diese Eörpei: bei jeder Eiweißfäulnis
auftreten, daß also das Vorhandensein von neutralem Fett durchaus
keine Vorbedingung für ihre Entstehung ist^ immerhin legt der
Reichtum das Ozänasekrets an flüchtigen Fettsäuren gegenüber den
anderen Spaltungsprodukten des Eiweißes doch den Gedanken nahe,
daß zum Teil eine direkte Entstehung der Fettsäuren aus neutralem
Fett stattfindet. Ich möchte daher der fettigen Degeneration der
Schleimhautelemente keine unwichtige Rolle bei der Entstehung des
Fötors zuschreiben, muß aber nochmals betonen, daß die flüchtigen
Fettsäuren nur eine, wenn auch sehr charakteristische Komponente
des Ozänagestankes bilden.
Die Ähnlichkeit der stinkenden Produkte tertiärer Nasensyphilis
mit denen der genuinen Ozäna erklärt sich m. A. so, daß durch
die Lues ähnliche Schleimhautveränderungen gesetzt werden wie
durch die gewöhnliche Ozäna, wobei wohl in erster Linie an den
1) £. Fränkel, Weitere Untersuchungen über die Rhinitis atroph, foetida
Virch. Arch. Bd. 90 1882.
2) R6thi, Znm Wesen u. zur Heilbarkeit der Ozäna. Arch. f. Laryng. Bd. 2
1895.
3) Krause, Zwei Sektionsbefnnde Ton reiner Ozäna. Virch. Arch. Bd. 85 1881.
182 XI. FKssBf Unten, ftber Entstehug: und Wewn den FOton bei OdLna.
Untergang drüsiger Elemente and den Ersatz normalen Nasen-
schleims durch die pathologisch veränderten Produkte einer ent-
zündeten Schleimhaut zu denken ist.
Wenn ich die Hauptergebnisse vorliegender Arbeit zusammen-
fasse, so sind es folgende:
1. Der Ozänagestank ist kein einheitlicher, sondern ein ^«Bukett''
verschiedener (Jerttche.
2. Die chemische Analyse des Ozänasekrets ergibt, daß es
sich bei den Riechstoffen um Substanzen handelt, die auch sonst
bei der Eiweißfaulnis auftreten.
3. Bemerkenswert ist das reichliche Vorkommen flüchtiger
Fettsäuren, die eine besonders charakteristische Komponente des
Ozänagestanks bilden.
Mutmaßlich entstehen dieselben z. T. nicht durch Eiweißfäulnis,
sondern durch direkte Umwandlung neutralen Fettes.
4. Das Ozänasekret wird geruchlos abgesondert, zersetzt sich
aber sehr schnell infolge seiner abnormen Beschaffenheit und der
Gegenwart reichlicher Mikroorganismen.
5. Der sog. Ozänabazillus ist nicht imstande, die stinkende
Zersetzung des Sekretes einzuleiten, dieselbe wird vielmehr durch
verschiedene im Ozänasekret enthaltene Mikrobenarten hervor-
gerufen, von denen z. T. nachgewiesen ist, daß sie die Fähigkeit
besitzen, stinkenden Eiweißzerfall zu veranlassen.
6. Die übelriechenden Produkte tertiärer Nasensyphilis zeigen
dieselben Eigenschaften wie die der genuinen Ozäna.
XII.
Aus der medizinischen Universitätsklinik zu Königfsbei^ i. Pr.
(Öeheimrat Prof. Dr. Li cht heim).
Znr Kenntnis der Aneurysmen der basalen Hirnarterien
nnd der bei den intrameningealen Apoplexien auftretenden
Yeränderongen der GerebrospinalflOssigkeit
Ton
Dr. W. Bindfleisch,
Privatdoient für innere Medizin und Oberarzt der Klinik.
(Mit 4 Abbildungen.)
Während die miliaren Aneurysmen der Himarterien als die
Ursache der gewöhnlichen Hirnblutungen eine sehr banale Er-
scheinung darstellen, sind die größeren Aneurysmen nicht gerade
übermäßig häufig; wenigstens für den Kliniker stellen sie eine rara
avis dar, mit der er es selten zu tun bekommt. Der Anatom kennt
sie als gelegentlichen Befund bei Sektionen, der aber auch zu den
ungewöhnlichen gehört Wenn v. Hof mann (1) über 78 im Laufe
von 20 Jahren gemachte Beobachtungen berichten konnte, so hat
dieses ohne Zweifel seinen Grund darin, daß ffir den genannten
Autor in seiner Eigenschaft als gerichtlicher Mediziner, plötzliche
und unaufgeklärte Todesfälle ein sehr großes Kontingent zu seinem
Obdnktionsmaterial stellen; in dieser Kategorie von Todesfällen
spielen aber die größeren intrakraniellen Aneurysmen eine relativ
große Kolle, da sie ziemlich häufig symptomlos verlaufen und durch
Ruptur zum rapiden Exitus letalis flihren.
Wenn nun in den nachstehenden Blättern über zwei klinisch
und anatomisch untersuchte Fälle von Aneurysma der basalen
Himarterien berichtet werden soll, so geschieht dies nicht, um
diese Fälle zum Ausgangspunkt einer eingehenden Erörterung über
die Symptomatologie und die Diagnostik des seltenen Leidens zu
machen. Ein derartiges Bedürfnis liegt nicht vor, da mehrere sehr
gute zusammenfassende Arbeiten über diesen Gegenstand sowohl
aus früherer als auch aus jüngster Zeit in der Literatur vorliegen (2).
184 ^n. Rindfleisch
Wir glauben jedoch durch die Mitteilung unserer Beobachtungen
die Symptomatologie sowohl der Aneurysmen- als auch ihres häufigen
FolgezQstandes der meningealen Blutungen bereichern und damit
zur Förderung der stets sehr schwierigen Diagnose etwas bei-
tragen zu können.
Fall I. 42 jähriges Dienstmädchen, aufgenommen am 7. Juni 1901,
entlassen am 10. Oktober 1901, gestorben am 21. Dezember 1902 in
der hiesigen Augenklinik.
Anamnese: Vor 5 — 6 Jahren 7 Wochen lang heftige Kopf-
schmerzen mit Stauungspapille (hiesige Augenklinik); auf Jodkali Besse-
rung. Völliges Wohlbefinden bis Mai 1901. Vor 4 Wochen 2 Schwindel-
attacken; seitdem Schmerzen im Rücken und in den Beinen; heute früh
plötzlich apoplektiformer Anfall.
Status bei der Aufnahme:
Mäßiger Ernährungszustand. Kein Fieber. Tiefer Sopor mit leb-
haften Jaktationen ; Druckpuls ; mehrfaches Erbrechen ; beiderseits deutliche
Stauungspapille. Andeutung von Cheyne-Stockes'scher Atmung. Keine
deutlichen Lähmungserscheinungen.
Krankheitsverlauf: Langsame Aufhellung des Sensoriums. Be-
stehenbleiben von SomnolenZy Apathie und Verdrießlichkeit ; Verschwinden
des Druckpulses und des Erbrechens. Starke Kopf- und Rückenschmerzen ;
mäßige Steifigkeit der Wirbelsäule ; Schmerzen in den Beinen ; beiderseits
starke Ischiasphänomene und Kernig'sches Symptom; lebhafte Reflexe;
SchwindelgefiLhl ; unsicherer Gang; Romberg'sches Phänomen.
Einleitung einer Inunktionskur nebst Jodkalidarreichung.
12. Juni I. Lumbalpunktion: Druck 22 mm Hg in Seitenlage; Ab-
fluß von 30 ccm gleichmäßig stark blutiger Cerebrospinalflüssigkeit. Die
Flüssigkeit ist nach dem Auszentrifugieren auffallend dunkelgelb, enthält
^4 ^/oo ^^^' (^^hach) ; keine Gerinnung ; das ziemlich spärliche Sediment
enthält außer etwas gequollenen roten Blutkörperchen spärliche meist
einkernige Leukocyten ; keine Jodreaktion. — Langsame Besserung.
14. — 16. Juni starke ürobilinurie.
22. Juni. Plötzlich auftretendes Coma mit Dmckpuls; 3 Stunden
später Zuckungen im rechten Arm beginnend sich rasch generalisierend
5 — 10 Minuten anhaltend; einmalige Wiederholung des Krampfanfalles.
Im Laufe des nächsten Tages langsame Aufhellung des Sensoriums;
heftige Kopf- und Rückenschmerzen; mehrfaches Erbrechen; keine Läh-
mungen ; Sehnenreflexe sehr schwach ; Hyperästhesie der Haut beider
Beine. Erhebliche Zunahme der Stauungspapille (rechts stärker als links) ;
keine Angenhintergrundsblutungen.
Während der nächsten Tage noch starke Apathie abwechselnd mit
Unruhe und Verwirrtheit. Fortdauer der sensiblen Reizerscheinongen ;
geringe difl'use Schwäche der Beine ; Schwächerwerden der Sehnenreflexe,
die vorübergehend gar nicht aaslösbar sind.
8. Juli. 11. Lumbalpunktion. Unter hohem Druck (60 mm Hg in
Seitenlage) fließen 25 ccm bernsteingelber klarer Flüssigkeit ab; im
spärlichen Sediment ganz vereinzelte rote Blutkörperchen und einkernige
Zur KenntniB der Aneurysmen der basalen Himarterien. 185
Ldukocyten ; kein Urobüm ; keine Jodreaktion ; Gefrierpunkt — 0,52, spezi-
fisches Gewicht 1007,1.
Danach erheblicher Rückgang der Stauungspapille ; dabei treten rechts
zahlreiche Hämorrhagien auf.
12. — 13. Juli. Ausbildung einer kompletten rechtsseitigen Oculomo-
torinslähmung ohne weitere Erscheinungen.
In den nächsten Wochen erhebliche Besserung aller meningealen
besw. Wnrzelsymptome ; yöllige Rückbildung der Torher sehr hochgradigen
Stauungspapille.
Bei der Entlassung: Komplette rechtsseitige OculomotoriuB-
lähmnng; Status nervosus im übrigen normal; Augenhintergrund völlig
normal ; bisweilen leichte Kopfschmerzen. Zwei Tage vor der Entlassung
Lumbalpunktion: Druck 10 — 12 mm Hg; Flüssigkeit völlig normal.
In der Folgezeit partielle Rückbildung der Oculomotoriuslähmung;
bisweilen geringe Kopfschmerzen; im Übrigen leidliches Wohlbefinden
nnd mäßige Leistungsfähigkeit; am 19. Dezember 1902 plötzlich auf-
tretendes Coma; keine Lähraungserscheinungen ; am 20. Dezember vor-
übergehende Besserung des Sensoriums; am 21. Dezember 1902 Tod in
tiefem Coma.
Versuchen wir nun, diese Krankengeschichte kurz zusammen-
zufassen.
Eine 42jährige Frau, die in den letzten Wochen vor ihrem
Eintritt in die Klinik zwei Schwindelanfalle überstanden hat, be-
kommt einen apoplektiformen Anfall, aus dem sie nach einiger Zeit
ohne Lähmungserscheinungen erwacht. In der Folgezeit Kopf-
schmerzen, Druckpuls, Stauungspapille, leichte psychische Störungen,
starke Keizerscheinungen seitens der spinalen Meningen bzw.
Wurzeln. Zwei Wochen nach dem ersten Anfall wieder schwerer
apoplektischer Insult mit mehreren epileptiformen Krampfanfallen,
Zunahme der Stauungspapille, langsame Aufhellung des Sensoriums,
keine Lähmungen, geringe diffuse Schwäche der Beine mit Ab-
schwächung der Patellarreflexe und meningeale Keizerscheinungen.
Nach weiteren drei Wochen Ausbildung einer kompletten rechts-
seitigen Oculomotoriuslähmung, die bestehen bleibt, während Stauungs-
papille und alle anderen Erscheinungen langsam zurückgehen. Nach
der Entlassung aus der Klinik bleibt die Patientin 1^/^ Jahr leid-
lich gesund (Oculomotoriuslähmung bessert sich im Laufe dieser
Zeit) und stirbt dann in einem abermaligen apoplektischen Anfall.
Wenn man jetzt am Schlüsse der Boobachtung den gesamten
Verlauf überblickt, so erscheint die Diagnose eines Aneurysma der
Arteria communicans posterior bzw. Carotis interna dextra mit
mehrfachen meningealen Apoplexien sehr naheliegend. Während
der klinischen Beobachtung, besonders vor dem Auftreten der Oculo-
motoriuslähmung war das Krankheitsbild weniger übersichtlich.
186 ^11- Rivx>riiKi8CH
Die Kombination von cerebralen und spinalen Erankbeits-
Symptomen, das Überwiegen der Eeizerscbeinnngen seitens der
Rfickenmarkshänte nnd hinteren Wnnseln sprachen von vornherein
für eine diffus ausgebreitete meningeale Affektion, die in Schfiben
allmählich vorwärts ging nnd sich dann zunächst langsam zurück-
bildete.
Die geläufigen Formen der Meningitis konnten ja durch den
protrahierten und ganz afebrilen Verlauf von vornherein aus-
geschlossen werden, dagegen mußte man mit der Möglichkeit einer
diffus ausgebreiteten syphilitischen Erkrankung bzw. einer diffusen
Geschwulstinfiltration der Meningen rechnen. Da die Lumbal-
punktion uns über diese Punkte Aufschluß zu geben versprach,
wurde auch diese Untersuchungsmetbode zur Klärung des kom-
plizierten Falles herangezogen. Die Resultate der mehrfach vor-
genommenen Punktionen sind in der Krankengeschichte enthalten
und sollen am Schlüsse dieser Arbeit noch eingehend gewürdigt
werden.
Es sollen hier zunächst ein Auszug aus dem Sektionsprotokoll
(Professor Dr. Max Askanazy) und das Ergebnis einiger mikro-
skopischer Untersuchungen ihren Platz finden.
Ziemlich kräftiger Körper mit blassen Hautdecken; Schädel-
dach glatt, recht dick, Diploe wenig entwickelt, stark sklerosiert;
Lamina vitrea glatt; Dura meistens hellrot, glatt, sehr stark ge-
spannt. Im Sinus longitudinalis nur wenig flüssiges Blut Innen-
fläche der Dura trocken, Himoberfläche beiderseits auffallend
trocken. Der subdurale und subarachnoidale Raum ist leer; Gyri
abgeplattet, Sulci flach. Die mäßig injizierten Himvenen platt in
die Furchen gedrückt Links fällt in den hinteren Abschnitten des
Stirnlappens und vorderen Abschnitten des Scheitellappens eine
braune Pigmentierung auf, ebenso über dem linken Occipitallappen.
Rechts ebenfalls braune Pigmentierung, besonders über dem late-
ralen Abschnitt des Occipitallappens.
Bei der Abhebung der Gehirnbasis zeigt sich vom Austritt
der Olfactorii ab eine blutige Infiltration der weichen Hirnhäute
die sich kontinuierlich subarachnoidal bis in den Wirbelkanal fort-
setzt und sich auch seitlich unter das Tentorium fortpflanzt, um
die weichen Hirnhäute des Kleinhirns zu infiltrieren. Bei Heraus-
nahme des Gehirns löst sich ein kirschroter, kugelrunder Knoten
los, der am hinteren Ende des rechten Sinus cavernosus und un-
mittelbar neben der Arteria carotis interna dextra gelegen ist.
Dieser Knoten nimmt eine Höhlung ein, der zwischen dem rechten
Zur Kenntnis der Anenirmen der bawlen Hirnuteriea. 187
ScfaläfenlappeD der rechten Carotis interna und der rechten Arteria
cerebri profunda gelten ist
Kg. 2. Querschnitt der linken Arteria carotis interna.
Auf der Dnra basalis in der vorderen Schädelgnibe rostbranoe
Aaflagei-nngen. Die basalen Sinus enthalten nur flüssiges Blut
Der Tumor zeigt an der Stelle seiner Ablösung von der Carotis
interna eine pfefferkomgroBe LQcke mit glattem Rande. Der NeiTus
ocnlomotorios dexter, der dem Tumor unmittelbar angelagert ist
erscheint etwas abgeplattet und verdünnt Die linke Arteria fossae
188 XII. Rindfleisch
Sylvii ist von frischen Blutcoagulis umgeben und ei-scheint nach
ihrer Freilegung etwas verdickt. Linke Carotis interna ziemlich
zartwandig; von ihr aus läßt sich mit ziemlich grober Sonde ein
breiter Ärterienast dem ziemlich breiten linken Ramus communi-
cans posterior entsprechend sondieren. Dieser Ast mündet in die
linke Arteria cerebri profunda, wo sich der linke Oculomotorius
über die genannte Arterie hinwegschlägt. Die linke Communicans
posterior etwas weit, doch ohne Wandverdickung. In der linken
Arteria fossae Sylvii eine gelblich weiße Wand verdickung. Rechte
Arteria carotis interna etwas dickwandiger als links. Der ebenfalls
breite Ramus communicans posterior dexter geht im Bogen nach
der Mittellinie ab und begrenzt den erwähnten Tumor medianwärts.
Der Ramus communicans posterior dexter zeigt in seinem Über-
gang in die Arteria cerebri profunda dextra eine gelblich weiße
Wandverdickung. Zwischen Arteria basilaris und cerebri profunda
dextra ein verbindendes Arterienästchen von ca. 1 cm Länge mit
verdickter Wand, das dem Ursprung der rechten Arteria profunda
cerebri entspricht. Kleinhimarterien zart.
Alle genannten Arterien sowie sämtliche Hirnnerven sind in
frische Blutcoagula eingehüllt. Arteria basilaris im ganzen ver-
dickt und derb ohne gelbliche Trübung. Auch beide Arteriae
corporis callosi, die zart sind, in frische Blutcoagula eingeschlossen.
An dem medialen Abschnitt der rechten SchläfenbeinbasiSj an der
Stelle des Knotens eine subpiale, in die Hirnsubstanz eingreifende
Blutung, an umschriebener Stelle ein rundlicher Defekt der Lücke
im Tumor entsprechend. Führt man die Sonde in die rechte Carotis
interna ein, so tritt sie an dieser Stelle zutage, entsprechend der
rechten Seite des Ramus communicans posterior. Es entspricht
also der 1 umor einem gänzlichen abgerissenen Aneurysma des rechten
Ramus communicans posterior, kurz vor der Einmündung der rechten
Carotis interna. Rechter Trigerainus mit dem Ganglion Qasseri
leicht blutig infiltriert. Am Duralüberzug des Clivus Blumbachii
findet sich eine zarte, braun pigmentierte Pseudomembran. Die
braun pigmentierten Stellen der Pia enthalten Hämosiderin, die der
Dura außerdem noch viel Hirnsand. Die Scheiden des rechten
Opticus blutig infiltriert. Im Sinus ethmoidalis etwas ödematöse
Schwellung; Siebbeinzellen trocken. Auch längs des linken Nervus
opticus blutige Infiltration bis in die Orbita hinein. Linkes Ganglion
Gasseri blutig infiltriert. Hypophysis ohne Veränderung. Am
Cerebellum setzt sich die Blutung bis auf die Oberfläche fort. Die
Seiten Ventrikel beiderseits mit zum Teil flüssigem, zum Teil locker
Znr KeaDtnia der AneorjBmen der basalen Hirnanerien. 189
Ij^eitiniienein BInt gefüllt. Coagala erstrecken sich aus dem rechten
io den linken Seitenventrikel. Die große Hirokommissnr bildet eine
bis nach vom untenninierte Brücke. Septum pellucidnm zerrissen.
Beide Ventrikel sind erweitert Das Ependym durchweg glatt and
spiegelnd. Das linke Unterhorn erhält flüssiges Blut, daa rechte
erhält ein fest«res Coagnlum und ist weiter als das linke. Aach
der dritte Ventrikel ist mit Gerinnseln angefüllt und stark er-
weitert. Die aufsteigenden Fornisschenkel sind gegen den Thalamus
opticos gepreßt; die Tela cborioidea blatig infiltriert. Der vierte
Ventrikel ist ebenfalls mit geronnenem Blnte angefüllt Eleinbim-
SDbatanz von gnter Konsistenz, im ganzen feucht. Auf einem
Frontalscbnitt durch die Mitte des rechten Schläfenlappens zeigt
sieb, daß der erwähnte submeningeale Bluterguß kontinuierlich in
das rechte Unterhorn durchgebrochen ist. Im übrigen zeigen die
Durchschnitte durch das Gehirn keine Besonderheiten, Himsnbstanz
mäßig fencbt, ziemlich blutarm.
Fig. 3. Qaenchaitt darcb das obere Donolmnrk.
Im Rückenmark findet sich eine starke blutige Infiltration der
weichen Häute bis in den Beginn des Lendenmarks. Im Dorsal-
mark läßt sich die Dura erst nach Durchtrennang lockerer Ver-
wachsungen abläsen. An einer Stelle am oberen Brustmark ist die
getrübte, sehnig weiße Arachnoidea mit der Dura fest verwachsen.
Die Rtkckenmarkssubstanz zeigt auf Querschnitten normale Bilder.
Anatomische Diagnose: Aneurysma sacciforme des Ramns
190 Xn. RiNBVLUBOH
commnnicans posterior dexter, welches das rechte Schläfenbein
usnriert hat und in das rechte Unterhom perforiert ist. Blnt in
allen Ventrikeln. Basale Mengingealapoplexie. Blntige Infiltration
der weichen Rfickenmarkshäute. Ältere braune Pigmentierungen an
der weichen und harten Hirnhaut. Einige Verwachsungen der Rücken-
markshäute. Sclerosis aortae. Mäßige Sklerose der Hirnarterien.
Zum Zweck einer genaueren roiki-oskopischen Untersuchung
wurde das Aneurysma mit dem daran hängenden Oculomotorius*
stttcke anderer Äste des Girculus Willisii (Carotis interna und
Arteria fossae Sylvii) sowie endlich das Rttckenmark in Formalin
eingelegt, in Alkohol von steigender Konzentration nachgehärtet
in Gelloidin eingebettet und geschnitten. Zur Färbung der Schnitte
wurden verwandt Hämalaun-Eosion, van Gieson'sche Färbung mit
Eisenhämatoxylinvorfärbung , Markscheidenfärbung und Färbung
der elastischen Fasern nach Weigert
Die Untersuchung des Aneurysma ergab, daß die Wand an
der unteren Fläche erheblich verdickt war, sie hatte hier eine
Stärke von 2 — 3 mm, verdünnte sich dann in den seitlichen Partien
rasch und bestand an der Vorderfläche nur noch aus einer dünnen
Lage lückenhafter Bindegewebsfasern. Der Inhalt des Sackes be-
steht aus einem ziemlich frischen roten Thrombus, in dem die
roten Blutkörperchen zum Teil noch gut erhalten sind und spär-
liche, mehrkemige Leukocyten einschließen. Bei der genaueren
mikroskopischen Untersuchung der Aneurysmen wand zeigt sich, daß
dieselbe im wesentlichen aus faserigem Bindegewebe besteht, das
zum kleineren Teile kemarm ist, zum größeren Teile eine reichliche
Zellinfiltration zeigt. Die Zellen, welche in uni'egelmäßig gestalteten
Zügen und Haufen das Bindegewebe durchsetzen, sind zum großen
Teil blaß gefärbte, etwas ovale Gebilde von der Größe polynukleärer
Leukocyten, dazwischen gewöhnliche mehrkernige Blutzellen und
an einigen Stellen, namentlich in der Umgebung kleinerer Gefäße
zahlreiche pyknotische, intensiv gefärbte runde Kerne, die ganz wie
Lymphocytenkerne aussehen. An der inneren Seite der Wand, in
unmittelbarer Nähe des Thrombus, findet sich eine größere Gruppe
großer endothelialer Zellen. Das Gewebe ist weiterhin durchsetzt
von langen dichten Zügen von Blutpigment, das aus größeren nnd
kleineren Körnchen bestehend, gewöJmlich in Zellform und Zell-
größe zusammenliegt. Die einzelnen Schichten der normalen
Arterienwand lassen sich in der so veränderten Gefäßwand nicht
deutlich erkennen; weder elastische Fasern noch Muskelfasern
konnten nachgewiesen werden.
Zur Kenntnis der Anenrysmen der basalen Hirnarterien. 191
Die übrigen Arterien weisen einige recht interessante Ver-
änderangen anf, welche ganz vorwiegend die Intima betreffen. Die
Intima ist an sämtlichen Arterien mehr weniger stark gewuchert,
und zwar handelt es sich nicht etwa nm eine gleichmäßige Yer-
dickong, sondern am scharfe, abgegrenzte, etwa ein Drittel der
Peripherie einnehmende beetartig oder in der Form von Halbmonden
in das Oef&Blnmen voi-springende Wülste, die eine erhebliche Ver-
engerang des Gefäßes znr Folge haben. Das gewucherte Intima-
gewebe ist von mäßig reichlichen, teils rundlichen, teils langen
dünnen spindelfSrmigen Kernen durchsetzt. An einigen Stellen
finden sich große Lücken in der gewucherten Intima, die am Rande
der Wncherungszone nur durch eine ganz dünne bindegewebige
Brücke von dem Gefäßlumen getrennt sind; in anderen Schnitten
sieht man diese Brücke tatsächlich durchbrochen, so daß der zum
Teil mit nekrotischem Material erfüllte Hohlraum mit dem Gefilß-
Inmen direkt kommuniziert An den Stellen, an denen die Intima
so stark gewuchert ist, erscheint die Media meist verdünnt. Im
übrigen verhalten sich Media und Adventitia normal. Auf der ge-
wucherten Intima sieht man aus Plättchen, Fibrin und Leukocyten
bestehende Thromben von mäßiger Dicke. Die Elastica ist vielfach
aufgequollen und in eine große Anzahl einzelner Lamellen auf-
gefasert Die Media an diesen Stellen vielfach verdünnt. Diese
Befunde erinnern sehr an die von Karplus ^) erhobenen, der
ebenfalls als wesentlichstes Ergebnis einen chronisch proliferierenden
von der Intima ausgehenden Prozeß konstatierte.
Anf Querschnitten des dem Aneurysma dicht angelagerten Ocu-
lomotorius, sieht man sowohl Achenzylinder als auch Markscheiden
gut erhalten.
An den Rückenmarkschnitten fällt schon bei makroskopischer
Betrachtung zu beiden Seiten eine breite Blutzone auf, die halb-
mondförmig die lateralen Ränder der MeduUa spinalis umgibt Die
mikroskopische Untersuchung zeigt, daß es sich um ein frisches
Hämatom handelt, das zwischen Arachnoidea und Pia gelegen, den
subarachnoidalen Raum stark ausgedehnt hat. Diese Ausdehnung
ist auch an der Vorderfläche und noch stärker an der Hinterfläche
des Rückenmarks zu konstatieren, doch ist der Raum hier zum
großen Teile leer, nur auf der Pia sieht man hier Reste einer
frischen Hämorrhagie. Die das Rückenmark umgebende Blut-
schicht ist am stärksten an den Seitenrändern, wo sie eine Dicke
von 1—2 mm erreicht Die Arachnoidea ist ungleichmäßig , am
stärksten an der Hinterfläche verdickt und übertrifft hier stellen-
192 XII. Rindfleisch
weise den normalen Durchmesser um das acht- bis zehnfache. Die
so verdickte Membran besteht aus einem kemarmen, faserigen
Bindegewebe, das nur an seiner Außenfläche einige umschriebene
stärkere Zellanhäufungen zeigt, die wohl einer Wucherung des
Arachnoidalepithels ihren Ursprung verdanken. An dieser Ver-
dickung partizipieren auch die die Wurzeln einscheidenden Aas-
läufer der Spinnwebenhaut An vielen Stellen sieht man Reste der
älteren Blutungen in der Form von HämosiderinschoUen und
-Kömchen. Femer finden sich in der verdickten Arachnoidea
mäßig zahlreiche Psammomkörper von verschiedener Größe, zum
Teil von ge wucherten Endothelzellen umgeben.
Die Veränderungen, die wir an den Arterien gefunden haben,
lassen nichts erkennen, was direkt auf eine spezifische Erkrankung
derselben hindeutet; da auch im übrigen weder klinische noch
anatomische Anhaltspunkte für die Annahme einer Lues vorhanden
sind, müssen wir die Gefäßerkrankung als eine gewöhnliche Arterio-
sklerose auffassen mit besonders starker Beteiligung der Intima;
ebenso liegen die Verhältnisse, wie hier vorweg bemerkt werden
mag, im zweiten Fall. Die Veränderung der Aneurysmawand selbst
repräsentiert sich als eine einfache bindegewebige Verdickung mit
reichlicher Zellinfiltration und reichlichen Resten älterer und
frischer Blutungen, wobei die elastischen Fasern und die musku-
lösen Elemente völlig zugrunde gegangen sind.
Die interessante Frage der Entstehung der Hirnaneurysmen
ist viel diskutiert worden und soll hier auch kurz besprochen
werden, obwohl unsere Fälle für die ätiologische Deutung keine
sehr greifbaren Anhaltspunkte liefern.
Abgesehen von der gewöhnlichen Arteriosklerose, den luetischen
Gefäßerkrankungen und dem Trauma sollen embolische Prozesse
in der Ätiologie der Hirnaneurysmen eine besonders große Rolle
spielen, wie es hauptsächlich von Ponfick hervorgehoben ist.
Diese Auffassung gibt eine Erklämng für das häufige Auftreten
der Hirnaneurysmen in jugendlichem Lebensalter, was in der Tat
den Aortenaneurysmen gegenüber sehr auffallend ist.
L e b e r t (2) hat in seiner ausführlichen Arbeit 82 Fälle zusammen-
gestellt ; bei 76 Fällen fanden sich Altersangaben und zwar fielen :
O J
10
V aiic
n
in
„ 15. bis 20. Lebensjahr;
22
n
n
n ^^' » ^0. „
32
n
>?
„ 40. „ 60.
8
n
n
„ 60. „ 70.
1
n
>'
„ 84. Lebensjahr;
Zur EenntniB der Aneurysmen der basalen Himarterien. 193
mithin beinahe die Hälfte aller Fälle in die Zeit bis zum 40.
Lebensjahr.
Über die Mitbeteilignng des Herzens finden sich bei Lebert
keine genauen Angaben; Ponfick bat bei allen seinen Fällen
endokarditische Veränderungen gefunden. Der Mechanismus der
Entstehung der embolischen Aneurysmen ist verschieden und
hängt ab yon der Beschaffenheit des Embolus, dessen Verhalten
nun wiederum durch die Form der Endokarditis bestimmt wird.
Die infektiösen Emboli, die von einer frischen mykotischen Endo-
karditis herstammen, erzeugen dort, wo sie hängen bleiben, einen
Substanzverlust; eine derartig geschwürig erkrankte Stelle der
Arterienwand wird nun natürlich unter dem Einfluß des auf ihr
lastenden Blutdrucks sich ausbuchten, zumal die weiche nachgiebige
Himsubstanz keinen Widerstand zu leisten vermag. Die blanden
Emboli, die von durch chronische Endokarditis verdickten Klappen
herrühren, werden am Orte ihres Hängenbleibens durch die vis a
tergo immer fester eingekeilt und können, da sie häufig sehr derb
und spitzig sind, sich schließlich in die Gefäßwand einbohren. Daß
diese Stellen nun auch einen locus minoris resistentiae gegenüber
dem Blutdruck darstellen und so leicht zum Sitz einer um-
schriebenen Ausbuchtung der Arterienwand werden können, ist
leicht verständlich.
Dies ist die Erklärung, die Ponfick für die Genese der
embolischen Aneurysmen gibt und zum Teil durch genaue mikro-
skopische Untersuchungen sicher stellt; die 6 Fälle von Him-
aneurysma, die Ponfick in seiner Arbeit mitteilt, waren sämtlich
mit älteren oder frischeren endokarditischen Prozessen kombiniert
und betrafen vornehmlich jüngere Individuen.
In unserem Fall verhielten sich die Herzklappen völlig nor-
mal ; an der Aortenintima fanden sich vereinzelt Verfettungsflecken,
sklerotische Plaques und ein atheromatöses Geschwür mit blutig
anterminierten Rändern. Mit Rücksicht auf die schweren end-
arteriitischen Veränderungen, die an den meisten Ästen des Circulus
Wilisii vorhanden waren, wird man wohl für unseren Fall in der
lokalen Gefäßafifektion die Ursache für die Aneurysmenbildung
suchen müssen.
Als besonders interessant und eigenartig verdient die sich an
den chronischen Reiz des Blutergusses anschließende chronische
Arachnitis noch einmal hervorgehoben zu werden.
Das sehr wechselvolle Krankheitsbild setzt sich im wesentlichen
aas drei Symptomengruppen zusammen.
Dentaehes Arohiv f. klin. Medizin. M. Bd. 13
194 ^n. RnVDFLBISCH
1. Allgemeine Hirnsymptome , die zum Teil in der Form
apoplektiformer Anfälle auftreten (Coroa, Druckpuls, Erbrechen,
epileptiforme Krämpfe), zum Teil längere Zeit andauern (Kopf-
schmerzen, Schwindelgefähl, leichte psychische Störungen).
2. Herdsymptome, die auf einen an der Basis des Qehirns, und
zwar in der rechten Hälfte der mittleren Schädelgrube sich ab-
spielenden Krankheitsprozeß hindeuten (Oculomotoriuslähmung
eventuell die Optikusaffektion).
3. Diffuse spinale Reizsymptome (Steifigkeit des Nackens und
der Wirbelsäule, lokale und ausstrahlende Schmerzen, Ischias-
phänomen, Kernig'sches Symptom).
Hierher sind wohl auch zu rechnen die schüttelkrampfartigen
Zuckungen in den Beinen, die vielleicht von einer Reizung der
vorderen Wurzel abhängig waren. Ebenso ist die Abschwächang
und das vorübergehende völlige Fehlen der Sehnenreflexe wohl
auf Wurzelläsion zurückzuführen.
Der Gang unserer klinischen Erwägungen, die uns nicht zum
richtigen Ziele geführt haben, ist oben bereits kurz auseinander-
gesetzt worden. Bei einer nachträglichen Revision der Diagnose
muß man freilich sagen, daß der Gedanke an ein Aneurysma der
rechten Arteria communicans posterior vielleicht hätte auftauchen
können und dann wohl auch festen Fuß gefaßt haben würde.
Die Symptomatologie der Aneurysmen der großen basalen
Hirnarterien setzt sich zusammen aus allgemeinen Hirnerscheinungen,
die den Tumorsymptomen sehr ähnlich sein können, weiterhin aus
den lokalen Veränderungen, die der Tumor an der Hirnbasis her-
vorruft und den Verschlimmerungen dieser lokalen Erscheinungen,
die sich in Kombination mit apoplektiformen Anfallen als Folge-
zustände von Rupturen ergeben.
Wenn nun diese Herdsymptome auf eine Stelle der Hirnbasis
zu beziehen sind, wo ein größeres Gefäß verläuft, das der Sitz
einer Aneurysmenbildung sein kann, und wenn diese Erscheinungen
sich kombinieren mit den Symptomen eines apoplektischen Insults,
so muß man entschieden an die Möglichkeit eines rupturierten
Aneurysmas denken.
Bei der Kritik unseres Falles muß man aber berücksichtigen,
daß die Entwicklung und der Verlauf der Krankheit sehr un-
gewöhnlich waren, was für die klinische Auffassung sehr er-
schwerend ins Gewicht fällt.
Die Aneurysmen der basalen Himarterien verlaufen bis zu
ihrer Ruptur entweder ganz symptomlos oder doch wenigstens
Znr Kenntnis der Anenrysmen der basalen Himarterien. 195
ohne sichere lokale oder einigermaßen prägnante allgemeine cere-
brale Symptome. Dann ist natürlich nur eine Vermutangsdiagnose
möglich, die auf dem Vorhandensein ätiologischer Momente und den
Kriterien, die für die Unterscheidung von meningealen und intra-
cerebralen Apoplexien maßgebend sind und weiter unten kurz be-
sprochen werden sollen, basiert.
In der Minderzahl der Fälle macht das Aneurysma neben
allgemeinen Himsymptomen Herderscheinungen, und zwar die eines
basalen Tumors, die längere Zeit bestehen können und dann unter
dem Bilde eines meist verzögerten oder schubweise verlaufenden
apoplektischen Insults in kurzer Zeit zum Tode fuhren. Die Kom-
bination dieser basalen Himnervenlähmungen, deren Sitz und Ver-
breitung für die Aneurysmen der einzelnen Äste des Circulus
Willisii ganz charakteristisch ist, mit einer terminalen Apolexie
kann auf die richtige Diagnose hinweisen, die freilich selten eine
ganz sichere sein wird. Das Aneurysma ist im klinischen Sinne
ein Tumor, und alle genannten Erscheinungen können bei echten
Himgesch Wülsten vorkommen; auch hier kann durch Blutung in
die Substanz des Tumors der Tod plötzlich unter dem Bilde einer
Apoplexie erfolgen. Es wird sich daher auch bei diesem scheinbar
typischen Verlaufe die Diagnose nicht über das Niveau einer mehr
minder großen Wahrscheinlichkeit erheben können.
Endlich gibt es noch ein Symptom, welches scheinbar be-
weisend und ja sicherlich sehr wertvoll ist, aber durch einige
neuere Autoren (B r u n s (7) und Oppenheim (8)) etwas in Miß-
kredit geraten ist, das sind die bei endokranieUen Aneurysmen
am Schädel hörbaren Geräusche. Das häufige Fehlen dieser Ge-
räusche schränkt ja den Wert dieses Zeichens zunächst schon etwas
ein; aber auch in positivem Sinne hat dieses Symptom keine ent-
scheidende Bedeutung. Man hört nämlich Geräusche auch bei ge-
fäßreichen Hirngeschwülsten und ferner bei chlorotischen Individuen,
bei denen ein schwerer cerebraler Symptomenkomplex auf einem
ganz anderen Wege zustande kommen kann (Sinusthrombose). Da
wir in unserem Falle an Aneurysma gar nicht gedacht haben, ist
die Auskultation des Schädels leider unterblieben. Immerhin ist
dieses Symptom sehr interessant und wird bei genauer Berück-
sichtigung aller Umstände gelegentlich von ausschlaggebender Be-
deutung sein können, wenn es sich um die Frage eines operativen
Eingriffs handelt, der in letzter Zeit bei intrakraniellen Anenrysmen
mehrfach mit Erfolg unternommen wurde; absolut beweisend wird
dieses Symptom übrigens, wenn Kompression der betreffenden
13*
196 ^n. Rindfleisch
Carotis am Halse (es handelt sich hier meist um Aneurysmen des
Carotissystems) das Geräusch zum Verschwinden bringt Kar-
plus ^) hat kürzlich im wesentlichen auf Orund eines solchen Ge-
räusches intra vitam die richtige Diagnose auf ein Aneurysma der
Carotis interna gestellt und die Ligatur der zugehörigen Carotis
communis ausfähren lassen, leider ohne dauernden Erfolg.
Von dem im Vorstehenden kurz skizzierten typischen Verlaufe
eines Himarterienaneurysmas zeigt nun unser Fall einige sehr
bemerkenswerte Abweichungen, die ihn zu einem ungewöhnlich
schwierigen und interessanten gestalten.
Die Prodrome sind die gewöhnlichen: Kopfschmerzen, leichte
Schwindelattacken etc., das Ungewöhnliche ist nun aber, daß die
dann eintretende Ruptur zwar einen schweren apoplektischen In-
sult hervorrufen, dann aber nicht zum Tode führt wie fast stets,
sondern nach einem längeren Krankenlager, in dessen Verlauf sich
ein wichtiges Herdsymptom ausbildet, in einen IVo Jahre be-
stehenden Zustand völliger Gesundheit hinüberleitet; dann erst
erfolgt eine zweite bzw. dritte nunmehr letal verlaufende Apoplexie.
Man kann dieser Auffassung entgegenhalten, daß die beiden ersten
schweren Attacken vielleicht gar nicht durch eine Ruptur, sondern
durch eine vorübergehende stärkere Füllung des Sackes und ander-
weitige endokranielle Zirkulationsstörungen bedingt waren, oder
daß die Blutung doch nur eine sehr geringfügige war. Dieser
Einwand läßt sich jedoch sehr leicht entkräften. Sprechen schon
die schwere und lange Dauer der Hirnsymptome für eine größere
Blutung, so wird dieselbe durch das Hinzutreten der spinalen
Symptome, die auf Senkung des Blutes in dem Subarachnoidalraam
des Rückenraums zu beziehen sind und durch das Resultat der
Lumbalpunktion, auf deren diagnostische Bedeutung später noch
genauer eingegangen werden soll, klinisch sichergestellt. Die
anatomische Untersuchung hat überdies den unwiderleglichen
Beweis für das Vorhandensein einer ausgedehnten älteren menin-
gealen Apoplexie in der Form der reichlichen über den größten
Teil der Arachnoidea sich erstreckenden Hämosiderinablagerungen
erbracht.
Sehr ungewöhnlich ist nun femer, daß erst nach der Ruptur,
die sonst das letzte Glied in der Kette der Erscheinungen dar-
zustellen pflegt, die für das Aneurysma der Arteria communicans
posterior so charakteristische Oculomotoriuslähmung auftrat Diese
1) 1. c.
Zur Kenntnis der Aneurysmen der basalen Himarterien. 197
ToUständige Umkehr des Ablaufs des ganzen Erankheitsbildes
erklärt wohl unseren diagnostischen Irrtum.
Fall 2. Aneurysma arteriae vertebralis dextrae; Tod durch Buptur.
51jährige Frau, angenommen in die medizinische Klinik am 4. Mai 1903,
gestorben am 6. Mai 1903.
Anamnese: Der Vater sowie ein Kind starben an Wassersucht.
Seit 10 Jahren bisweilen asthmatische Beschwerden, geringes Ödem der
Beine. Seit 3 Jahren häufig Aufistoßen und starke Kopfschmerzen, nie-
mals Erbrechen. Vor 3 Tagen plötzlich Aufstoßen und starke Hinter-
kopfschmerzen bis zum Tage der Aufnahme anhaltend. Auffallende
Polyurie. Kein Fieber, kein Erbrechen, freies Sensorinm. Am Tage
der Aufnahme außerhalb der Künik zwei Anfälle von tiefer Benommen-
heit mit Gyanose des Oesichts, stertoröser Atmung von vorübergehend
Cheyne-Stokes'schem Typus und Busseln über den Lungen. Der erste
Ajifall begann mit starkem Angstgefühl und lautem Aufschreien. In
beiden Anfallen Corneal- und Patellarreflexe erloschen. Andeutung
rechtseitiger FaciaJislähmung, Pupillen eng. Lichtreaktion deutlich er-
halten, kein Druckpuls. Zwischen beiden Anfallen deutliche Besserung
des Sensorinms und Bückgang der Lungen erscheinungen.
Status bei der Aufnahme : Adipositas universalis. Subfebrile Tempe-
ratur. Geringer Hydrops der Beine ; mäßige Gyanose des Gesichts ; laut
rasselnde und vertiefte Atmung ohne Cheyne-Stokes'schen Typus. Über
den Lungen reichliches, diffus verbreitetes Bassein. Herzspitzenstoß nicht
fühlbar ; Dämpfung nach links nicht genau abzugrenzen (Adipositas), nach
rechts nicht verbreitert. Töne rein, keine besondere Akzentuation des
diastolischen Tones über einem der beiden arteriellen Ostien. Harn:
Menge 600—1000 com; spezifisches Gewicht 1027—1030. Albumen
1,5 — 3,5 pro Mille; im mäßig reichlichem Sediment rote Blutkörperchen
in mäßiger Menge, spärlich Leukocyten, mäßig reichlich Nierenepithelien
mit geringer Verfettung, sehr reichlich gekörnte und hyaline, zum Teil
mit Nierenepithelien besetzte Zylinder. Nervensystem: Tiefer Sopor,
keine Lähmung der Extremitäten oder des Gesichts; keine Lähmungs-
erscheinungen im Gebiete der übrigen Himnerven, keine Sensibilitäts-
störung nachweisbar. Beflexe: Hautreflexe, Fußsohlenreflexe beiderseits
schwach, kein Babinskischer Typus; Bauchdeckenreflexe nicht anslösbar;
Gomealreflexe während der Anfälle erloschen. Sehnenreflexe: weder
Patellar- noch Achillessehnenreflexe sind auslösbar; Augenhintergrund:
beiderseits zahlreiche, zum Teil sehr große (3 — 4facher Fapillenumfang).
Blutungen: Papille geschwollen und trübe mit verwachsenen Grenzen.
. Krankheitsverlauf in der Klinik.
Kurze Zeit nach der Aufnahme plötzlich einsetzendes tiefes Koma.
Dabei Pulsverlangsamung, starke Gyanose des Gesichts, tiefe geräusch-
volle Atmung plötzlich aussetzend. Nach kurzer Zeit durchgeführter
künstlicher Atmung Besserung derselben, sowie fortschreitende Aufhellung
des Sensoriums.
In den nächsten Tagen fortdauernde Somnolenz, Bückgang des
Lungenödems und der Gyanose, im hellen Harn XJrobilinstreifen.
6. y. 12 Uhr mittags Lumbalpunktion. Anfangsdruck in Seiten-
198 ^n. Rindfleisch
läge, 32 mm Kg. Entleerung von 5 — 7 ccm hellroter wie reines Blat
aussehender Flüssigkeit^ die jedoch nicht gerinnt; die Zählung ergibt
3 200000 rote, 10 000 weiße Blutkörperchen. Im mikroskopischen
Präparat erscheinen die roten Blutkörperchen zum größten Teil kuglig
aufgequollen, heim Zentrifugieren scheidet sich eine reichliche Menge
eines hellgelben Serums ab. Abends 10^/, Uhr plötzlich tiefes Koma
und starke Cyanose, Atemstillstand bei Fortschlagen des Herzens, nach
ca. 5 Minuten Herzstillstand.
Autopsie: Im Duralraum an der Schädelbasis an allen Schädel-
gruben, besonders in der mittleren und hinteren dicke Blutcoagula, die
die basalen Teile des Gehirns (MeduUa oblongata, Kleinhirn-Brücke und
die Ghiasmagegend) vollständig einhüllen. Nach vorsichtiger Entfernung
der Coagula zeigt sich, daß die rechte Arteria vertebralis durch ein
bohnengroßesi an der medialen Seite gelegenes Aneurysma ausgebuchtet
ist, und zwar etwa ^2 ®™ ^^^ ^^^ Vereinigung beider Vertabralarterien
zur Arteria basilaris. Kleine von einem Blutgerinnsel bedeckte Per-
forationsöffnung. Beide Sehnervenscheiden sind mit geronnenem Blut fest
austamponiert, der Sehnerv ist stranguliert, zahlreiche große Blutungen
in der Hetina.
Die Untersachung des Aneurysma ist im hiesigen pathologischen
Institut von Herrn Professor Max Askanazy vorgenommen, der
mir seine Präparate freundlichst zur Verfügung stellte ; die Schnitte
sind mit Hämalauneosin und nach der Weigert'schen Methode zur
Darstellung der elastischen Fasern behandelt.
Fig. 4. Querschnitt durch die rupturierte Arteria vertebralis dextra.
Bei der Betrachtung der Schnitte bei schwacher Vergrößerung
präsentiert sich ein sehr merkvs^ürdiges Bild. Die erkrankte Arterie
stellt gar kein Rohr dar, sondern eine etwas gebogene Linie, die
an ihren beiden Enden in 2 große nach außen umgebogene halb-
kreisförmige Bögen ausläuft; besonders in Weigertpräparaten tritt
diese eigentümliche Formveränderung der Arterie, die wie eine
Klammer aussieht, sehr deutlich hervor. Das Gefäß ist also bei
seiner Ruptur völlig aufgeklappt, und die beiden Stücke der in
ihrer Längsachse gespaltenen Arterie legen sich hakenförmig um
die der Rißstelle gegenüberliegende Wand herum. Der Innenwand
eines der beiden Haken sitzt ein erbsengroßer geschichteter Throm-
Zur Kenntnis der Aneurysmen der basalen Hirnarterien. 199
bos auf. Das Gewebe um die Arterie herum zei^ eine kleinzellige
Infiltration mit meist polynukleären Zellen.
Eine eingehendere mikroskopische Untersuchung gibt nun
einen genaueren Einblick in die Wandveränderungen der ge-
borstenen Arterie.
Wenn wir von innen nach außen gehen, so finden wir die
Intima nur an einigen Stellen in geringem Grade verdickt; die
Elastica ist streckenweise in 2 oder mehrere Lamellen gespalten;
die Media ist in toto verdickt; die Verdickung ist keine ganz
gleichmäßige und hält sich in bescheidenen Grenzen; sie erreicht
höchstens das dreifache des normalen Durchmessers. Das Gewebe
der Media sieht im ganzen etwas gelockert aus; an einem der
beiden Haken sieht man in der Media eine große halbmond-
förmige Lacke, die von einer körnigen Masse ausgefüllt und von
spärlichen Balken von Mediagewebe durchzogen wird; die Adven-
titia ist mäßig verdickt, stark zellig infiltriert und von frischen
Hämorrhagien durchsetzt.
Während bei Betrachtung der Präparate mit Lupenvergrößerung
die Arterienwand mit den oben beschriebenen Bögen plötzlich ihr
Ende zu erreichen scheint, ergibt die genauere Untersuchung, daß
vereinzelte dünne Lamellen der Elastica bedeckt von aufgefaserten
Mediazügen der Wand des Thrombus aufgelagert sind und sich
schließlich ohne scharfe Grenze in einem zellig infiltrierten Ge-
webe, das den Thrombus einschließt, verlieren.
Die hauptsächlichsten Veränderungen spielen sich soweit in
der Media ab, die verdickt, aufgelockert und von tiefen Rissen
durchsetzt ist. Die übrigen Aste des Circulus Willisii bieten ganz
ähnliche Veränderungen dar wie die in dem ersten Falle, also im
wesentlichen eine chronische Wucherung des Intimagewebes.
Die Diagnose des Falles bot bis zu einem gewissen Punkte
keine besonderen Schwierigkeiten dar. Die langsame Entwicklung,
der auffallende Wechsel in der Intensität der Erscheinungen, das
gänzliche Fehlen von Lähmungen charakterisierten den Insult hin-
länglich als den einer intrameningealen Apoplexie. Nun sind aber
die gewöhnlichen Blutungen in die Hirnhäute schwer von den
Hämorrhagien der Pachymeningitis haemorrhagica interna zu unter-
scheiden.
Die Verschiedenheit in der Lokalisation beider Prozesse gibt
eine Reihe von diflferential diagnostischen Merkmalen an die Hand.
Der an der Konvexität des Hirns gelegene Blutsack der
Pachymeningitis haemorrhagica interna, der gewöhnlich über den
200 XII. BlNDFLBISCH
motorischen Rindenfelderu seine größte Mächtigkeit za erreichen
pflegt, wird natürlich viel häaflger zu hemiplegischen Erscheinungen
und zu Konvulsionen führen als die an der Him^asis sich aus-
breitenden Blutmengen der rupturierten Aneurysmen ; freilich fehlen
auch hier diese Erscheinungen nicht immer, besonders die Aneu-
rysmen der Arteria Fossae Sylvii führen nicht selten zu mehr
weniger ausgesprochener halbseitiger Lähmung, und daß schwere
Konvulsionen bei Hirnanenrysmen auftreten können, lehrt unser
erster Fall. ^
Die Ausbreitung des Blutergusses an der Himbasis bedingt
einige differentialdiagnostisch, den Konvexitätsblutungen gegen-
über verwertbare Erscheinungen, die in unserem zweiten Falle
von ausschlaggebender Bedeutung waren; ich meine die von der
starken hämorrhagischen Infarzierung der Optikusscheide ab-
hängigen Augenhintergrundsveränderungen.
Neuritis optica kommt zwar gelegentlich sowohl bei der Pachy-
meningitis haemorrhagica interna als auch bei intrameningealen
Blutungen vor, allein diese kolossalen Stauungsblutungen, wie sie
in unserem zweiten Fall vorhanden waren, fehlen dabei stets and
konnten demnach mit großer Wahrscheinlichkeit für die Annahme
einer basalen Hämorrhagie verwertet werden. Es ist wohl an-
zunehmen, daß den Augenhintergrundverändemngen bei unserem
ersten Fall eine ähnliche Bedeutung zukommt Die vollständige
Bückbildung der so erheblichen Augenhintergrundsveränderung
trotz Fortbestehen des Aneurysmensackes läßt sich für diese Auf-
fassung ins Feld führen.
Eine weitere Gruppe von diflferentialdiagnostisch wichtigen
Symptomen wird dadurch hervorgerufen, daß die Blutextravasate
bei der Fach. haem. int. durch Neomembranen abgeschlossen und
so auf die Hirnhautoberfläche beschränkt sind, während bei den
frei in das Cavum subarachnoidale berstenden Aneurysmen dem Blut
der Weg in die spinalen Meningen offen steht. Hieraus erklären
sich die spinalen Keizsymptome (Nacken- und Rückensteifigkeit,
lokale und ausstrahlende Schmerzen, Kemig'sches Symptom und
Ischiasphänomen), sowie die Störungen seitens der Patellarreflexe,
endlich die Reizerscheinungen der vorderen Wurzeln. Die ganze
letztgenannte Symptomenreihe war in unserem ersten Fall sehr
stark ausgeprägt und führte uns zu der falschen Annahme einer
diffusen gummösen Meningitis. Endlich gehört hierher die Be-
sprechung der für die Entscheidung der vorliegenden Frage sehr
bedeutungsvollen Lumbalpunktionsresultate.
Zur Kenntnis der Aneurysmen der basalen Himarterien. 201
Über etwaige Veränderungen der Cerebrospinalflüssigkeit bei
der Fach. haem. int. liegen keine Beobachtungen vor. Es ist ja
möglich, daß eine genauere cytologische und chemische Unter-
suchung des Liquor auch hierbei brauchbare Resultate liefert;
wenigstens erwartet Schnitze (11) wertvolle Aufschlüsse von
dieser Methode für die Diagnose der genannten Krankheit ; immer-
hin wird man soviel wohl a priori sagen k5nnen, daß aus den ab-
geschlossenen Säcken der Fach. haem. int. erhebliche Blutbei-
mengungen zur Cerebrospinalflüssigkeit nicht zu erwarten sind,
und darin liegt unsers Erachtens ein wichtiges differentialdia-
gnostisches Kriterium gegenüber den gewöhnlichen meningealen
Apoplexien, die natürlich, wenn sie einigermaßen beträchtlich sind,
zu einer exquisit hämorrhagischen Beschaffenheit des Liquors führen
müssen. Natürlich darf man nie vergessen, daß dasselbe für die
in einen Ventrikel durchgebrochenen intracerebralen Blutungen
gilt, die demzufolge ja auch symptomatologisch den meningealen
Apoplexien nahe stehen.
Um nach dieser Abschweifung zur Besprechung auf den zweiten
Fall noch einmal kurz zurückzukommen, so war, wie gesagt, die
Diagnose der meningealen basalen Apoplexie mit Leichtigkeit zu
stellen. Auch eine in die Ventrikel durchgebrochene intracerebrale
Blutung konnte mit Sicherheit ausgeschlossen werden. Der durch
Auszählung der Zellen festgestellte hohe Blutgehalt der Flüssig-
keit machte diese Annahme schon unwahrscheinlich, dazu das
Fehlen hemiplegischer Erscheinungen und endlich die schwere,
durch die blutige Infarzierung der Sehnervenscheide herbeigeführte
Augenhintergrundsveränderungen mußten zur unbedingten Ableh-
nung einer primär intracerebralen Blutung führen.
Der Ausgangspunkt der meningealen Apoplexie konnte bei
dem Mangel sicherer Herdsymptome höchstens vermutet werden.
Nachträglich muß man freilich sagen, daß einige Erscheinungen
vorhanden waren, die für die Diagnose einer Affektion der hinteren
Schädelgrube hätten Verwertung finden können, ich meine, die
Andeutung der rechtsseitigen Facialisparese ohne gleichseitige Ex-
tremitätenlähmung und vornehmlich die schweren Atmungsstörungen,
die bei den einzelnen Komaanfällen künstliche Atmung erforderlich
machten, und schließlich unter dem Bilde des MeduUatodes das
Ende einleiteten.
Man wird wohl nicht fehlgehen mit der Annahme, daß eine
direkte Läsion der Oblongata durch wechselnden Fühlungszustand
der aneurysmatisch erweiterten rechten Vertebralarterie für diese
202 XII. Rindfleisch
Erscheinungen verantwortlich gemacht werden muß, deren ein-
gehendere Berücksichtigung vielleicht zu der richtigen Diagnose
hätte führen können.
Die Besprechung des zweiten Falles von Aneurysma einer
basalen Himarterie hat uns Veranlassung gegeben, auf die DifiFe-
rentialdiagnose der endokraniellen Blutungen, insbesondere der
verschiedenen Formen der meningealen Apoplexie etwas näher ein-
zugehen. Eine Blutung in die Hirnhäute kann nun aber auch
eine ganz andere Genese haben, das ist die Thrombose der Him-
sinus, die durch Stauung zu einer recht beträchtlichen Extra-
vasation in das Cavum subarachnoidale führen kann. Da der
klinische Symptomenkomplex den hier besprochenen Krankheits-
bildern recht ähnlich ist, verdient ein kürzlich von uns beobachteter
sehr instruktiver Fall bei dieser Gelegenheit kurz besprochen zu
werden, zumal Beobachtungen über Lumbalpunktion bei Sinus-
thrombose in der Literatur nur spärlich vorliegen.
Fall III. 60jährige Restaurateursfrau. Aufgenommen 8. April
1902. Gestorben 19. April 1902.
Anamnese: Vorgeschichte belanglos. 10 Tage vor der Aufnahme
wurde Patientin im Verlaufe eines Streites von ihrem Ehemanne ans
dem Bett gezogen; sie schlug mit dem Hinterkopfe auf den Fußboden
auf, ohne sich irgendwelche sichtbaren Verletzungen zuzuziehen. Sie
ging während der ersten beiden Tage nach dem Fall wie früher ihrer
gewohnten Beschäftigung nach, ohne über irgend etwas zu klagen. Zwei
Tage später begann Patientin über Kopf- und Kreuzschmerzen zu klagen,
sie verlor den Appetit, klagte über Übelkeit und erbrach öfters. I>a8
Sensorium war völlig frei; das Gesamtbefinden war leidlich gut, Patientin
ging weiter umher. Ganz allmählich verschlimmerte sich der Zustand
der Kranken, die Kreuz- und Nackensch merzen wurden so heftig, daB
Patientin sich vor 5 Tagen siebzehn blutige Schröpfköpfe am Bücken
setzen ließ; die Schmerzen wurden danach etwas geringer. Sieben Tage
nach der Verletzung begann Patientin etwas unklar zu werden, sie
schlief viel und verfiel ganz allmählich in einen Zustand tiefer Benommen-
heit. Am Tage vor der Aufnahme in die Klinik wurde von Angehörigen
eine Lähmung der rechtsseitigen Gliedmaßen konstatiert, Krämpfe sind
nicht aufgetreten, Fieber ist nicht beobachtet.
Status bei der Aufnahme: Mäßiges Fieber. Puls um hundert
herum. Dürftiger Ernährungszustand. Beginnender Dekubitus am Kreuz-
bein, mäßige Arteriosklerose, geringe Albuminurie und Cylindrurie. Innere
Organe im übrigen normal.
Nervensystem: Tiefer Sopor, hochgradige Steifigkeit des Nackens
und der ganzen Wirbelsäule. Herzaktion und Atmung normal. Augen-
hintergrund normal. Diffuse Parese des rechten Facialisgebiets ; totale
Lähmung der rechtsseitigen Extremitäten mit geringen Spasmen and
vasomotorischen Störungen. Keine deutliche Steigerung der Sehnen-
Znr Kenntnis der Aneurysma der basalen Himarterien. 203
reflexe. Babinskischer Reflex a'm rechten Fuß. Am Tage der Aufnahme
erste Lumbalpunktion : Anfangsdruck in Seitenlage 6 mm Hg. Entleerung
von 20 ccm stark blutig gefärbter Gerebrospinalflüssigkeit ; Flüssigkeit
nach dem Auscentrifugieren intensiv gelb gefärbt, läßt bei spektroskopischer
TJntersDchnng einen deutlichen Hämoglobin streifen erkennen. Im Centri-
fogat deutlich gequollene rote Blutkörperchen, Leukocyten nicht vermehrt,
keine Gerinnung.
Während der ersten Tage der klinischen Beobachtung tiefer Sopor.
Vom 5. — 6. Tage ab geringe Aufhellung des Sensoriums, Bestehenbleiben
der Hemiplegie. Zweite Lumbalpunktion ergibt dasselbe Resultat wie die erste.
Der Gang der klinischen Diagnose war folgender: Die relativ lang-
same Entwicklung der Krankheitserscheinungen im Anschluß an ein
schweres Schädeltrauma ließ uns natürlich zunächst an ein epidurales
Hämatom infolge Zerreißung der Arteria meningea media oder eines ihrer
Aste denken. Nachdem nun aber durch die Lumbalpunktion eine subarach-
noidale Blutung festgestellt war, wurden wir stutzig. Es ist ja zwar
wohl denkbar, daß bei einer derartigen Verletzung die Dura mit einreißt
und das Blut dann zum Teil in den Bereich der Leptomeningen hinein-
gelangt; es kann auch durch ein Trauma zu einer Verletzung größerer
arachnoidaler Gefäße und somit zu einer primären Blutung in die weichen
Hirnhäute kommen, allein das sind immer große Seltenheiten gegenüber
der großen Masse der epiduralen Hämatome, die eben die bei weitem
häufigste Form der posttraumatischen endokraniellen Blutungen darstellen.
Wir dachten daher zunächst, daß es sich um eine gewöhnliche intracere-
brale Blutung mit Durchbruch in die Ventrikel und dadurch bedingte
Blutbeimengung zur Gerebrospinalflüssigkeit handle. Mit dieser unserer
zweiten Aufnahme stimmte nun aber der weitere Verlauf nicht sehr über-
ein. Während die Ventrikelblutungen, die sich ja gewöhnlich an sehr
voluminöse Hämorrhagien in die großen Zentralganglien anschließen,
meist in kurzer Zeit zum Tode führen, war der Verlauf in unserem Falle
•ein auffallend protrahierter. Als der erwartete Exitus nicht eintrat und
sich im Gegenteil gegen Ende der ersten Woche der Spitalsbeobachtung
der Zustand der Patientin eher etwas zu bessern schien, entschlossen
wir uns zu einem chirurgischen Eingriff in der Annahme, daß es sich
doch um eine primäre meningeale Apoplexie handeln könne.
Am 19. April wurde in der hiesigen chirurgischen Klinik von Herrn
Oeheimrat Garr& eine Trepanation des Schädels über den linksseitigen
Zentralwindungen ausgeführt. Weder auf noch unter der Dura fand sich
ein Hämatom; dagegen floß nach dem Einschneiden der Arachnoidea
ziemlich reichlich gelbbräunliche Gerebrospinalflüssigkeit ab. Die Frau
starb am Tage nach der Operation in tiefem Koma.
Autopsie: 4 cm lange sagittal verlaufende Fissur in der linken Pars
condyloidea des Hinterhauptbeins, Thrombose des linken Sinus sigmoidens
und der Sinus transversus bis zum Torcular Herophili. Die Thrombose
setzt sich in die linke Vena jugularis interna einerseits in die in den
Sinus transversus einmündenden Hirnvenen andererseits fort. Ausgedehnter
Erweicbungsherd, der Kinde und Marklager des linken Stirnlappens und
die Zentralwin düngen zum großen Teil einnimmt; Arterien sklerotisch,
sonst normal.
204 Xn. BiHDFLSISCH
Die Diagnose der Sinusthrombose ist gewöhnlich ein sehr
schwieriges Problem, da das Symptom enbild an sich nichts Charakte-
ristisches darbietet und daher von endokraniellen Blutangen, arte-
riellen Thrombosen etc. stets schwer zu unterscheiden ist. Wenn
die klinische Diagnose möglich ist, beruht sie im wesentlichen auf
dem Vorhandensein eines ätiologischen Moments (entzündliche Pro-
zesse am Schädel und seinen Bedeckungen bei der infektiösen
Sinusthrombose, schwere Kachexien mit darniederliegender Herz-
kraft, besonders im kindlichen und Greisenalter bei der sogenannten
marantischen Thrombose) sowie auf dem eventuellen Vorhandensein
von Stauungserscheinungen an der Außenfläche des Kopfes.
Eine Schädelfraktur ist im allgemeinen eine seltene Ursache
der Sinusthrombose und Kopfverletzungen werden somit für die
fragliche Diagnose kaum verwertet werden können, da sie häufiger
zu arteriellen Blutungen als zu Thrombosen fuhren.
Aus diesen Gründen erklärt sich wohl auch hier unser dia-
gnostischer Irrtum.
Was den drei in vorstehendem beschriebenen Fällen gemein-
sam ist und uns Veranlassung gegeben hat, sie einer zusammen-
fassenden Besprechung zu unterziehen, ist die Veränderung der
Cerebrospinalflussigkeit, die abhängig ist von der in den Subarach-
noidalraum erfolgten Blutung. In engem Zusammenhang hiermit
stehen einige klinische Eigentümlichkeiten dieser Erkrankungen,
die ihre Ursache in der Mitbeteiligung der Meningen haben.
In sämtlichen Fällen handelt es sich um kleinere oder gröüere
Hämorrhagien in den Subarachnoidalraum, die in den beiden ersten
Fällen arterielle Blutungen aus rupturierten Aneurysmen, im dritten
Falle eine venöse Stauungsblutung im Gefolge einer ausgedehnten
Thrombose darstellen.
Wenn man bei der Lumbalpunktion eine hämorrhagische Flüssig-
keit erhält, so ist stets zunächst die Frage zu entscheiden, ob es
sich um eine durch den Eingriff entstandene artefizielle Blut-
beimengung handelt, oder ob wirklich das Blut bereits vor der
Punktion im Subarachnoidalraum vorhanden war. Die Entschei-
dung dieser Frage ist gewöhnlich einfach; nur bei ganz frischen
Hämorrhagien können Schwierigkeiten entstehen, die sich jedoch
bei Berücksichtigung folgender Gesichtspunkte gewöhnlich aus dem
Wege räumen lassen.
Bei einer artefiziellen Blutung nimmt die rote Färbung der
Flüssigkeit meist rasch ab, was man beim Auffangen in mehreren
Rölirchen gewöhnlich leicht konstatieren kann; im anderen Falle
Zar EenntniB der Aneurysmen der basalen Himarterien. 205
bleibt der Liquor gleichmäßig rot Weiterhin pflegen größere Mengen
frisch der Cerebrospinalflüssigkeit beigemengten Blutes zu gerinnen ;
bei einer vorher erfolgten Blutung bleibt die Gerinnung aus.
Wenn man die Lumbalpunktion mehrere Tage nach einer
Meningealapoplexie ausfährt, hat sich die Cerebrospinalflüssigkeit
stets so deutlich verändert, daß keine Zweifel an dem Älter der
Blutung aufkommen können. Diese Veränderungen beziehen sich
auf die roten Blutkörperchen und auf die Flüssigkeit. Die roten
BIntscheiben verändern ihre Form vielleicht unter dem Einfluß
veränderter osmotischer Druckverhältnisse. Die kryoskopischen
Untersuchungen der Cerebrospinalflüssigkeit, die hauptsächlich von
französischen Forschern ausgeführt sind, haben noch nicht zu ganz
sicheren und allgemein anerkannten Ergebnissen geführt; der nor-
male Liquor cerebrospinalis soll dem Blute isoton, der entzündliche
hypotonisch sein. In unserem ersten Falle war von Dr. Theodor
Cohn eine Hypotonie der Cerebrospinalflüssigkeit gefunden; die
roten Blutkörperchen fanden wir in diesem Falle, wie auch bei
den anderen meningealen Blutungen gequollen.
Viel wichtiger und einwandsfreier als diese auf etwas hjrpo-
thetischer Grundlage beruhende Untersuchung der Gestalt der
roten Blutscheiben ist die Beachtung der Färbung der Cerebro-
spinalflüssigkeit. Dieselbe ist bei arteflziellen Blutungen entweder
wasserhell wie der normale Liquor stets, oder bei sehr reichlicher
Blntbeimengung der Serumbeimischung entsprechend ganz schwach
gelblich gefärbt, aber dabei natürlich absolut frei von Blutfarb-
stoff. Die von einer meningealen Blutung herrührende hämorrha-
gische Flüssigkeit erscheint, nachdem sie durch sorgfaltiges Zentri-
fogieren von körperlichen Elementen völlig befreit ist, niemals
wasserhell, sondern stets gefärbt. Intensität und Qualität der
Färbung sind abhängig von dem Grade der Blutbeimengung und
dem Alter der Blutung.
Bei frischen Blutungen sieht der Liquor gelblich, gelbrötlich
oder ausgesprochen rot aus und gibt sehr deutlich die beiden dem
Oxyhämoglobin zukommenden Streifen. Wird die Punktion längere
Zeit nach der Blutung ausgeführt, so erhält man eine gelbbräun-
liche Flüssigkeit, die das Spektrum unberührt läßt wie in unserem
ersten Fall. Daß es sich hier auch um irgend ein Derivat des
Blutfarbstoffes handeln muß, ist klar; ich komme auf diese Frage
noch einmal zurück.
Aus unseren Untersuchungen geht hervor, daß, wie dies schon
in den vorstehenden Auseinandersetzungen angedeutet ist, die Be-
206 ^n. Bindfleisch
schaffenheit der Cerebrospinalflfissigkeit bei einer subarachnoidalen
Hämorrhagie wechselt je nach dem Zeitraum, der zwischen Blutang
und Lumbalpunktion verflossen ist.
In unserem zweiten Fall ist die Punktion kurze Zeit nach
der Blutung vorgenommen; die Flüssigkeit war enorm blutreich
(3200000 Erythrocyten und 10000 Leukocyten im Kubikmillimeter),
das beim Zentrifugieren erhaltene reichliche Serum war schwach
gelblich gefärbt; ob es hämoglobinhaltig war, ist nicht untersucht
worden. Leider starb die Patientin 10 Stunden nach der Punktion,
so daß wir nicht in der Lage waren, durch wiederholte Punktionen
die weiteren Veränderungen der Cerebrospinalflüssigkeit zu verfolgen.
Im ersten Fall wurde die erste Punktion 10 Tage nach der
Blutung ausgeführt; hier erhielten wir 30 ccm einer stark und
gleichmäßig blutigen Cerebrospinalflüssigkeit (eine Zählung der
Erythrocyten ist leider unterblieben); das Serum war intensiv
dnnkelgelb gefärbt, gab jedoch keinen deutlichen Hämoglobin-
streifen. Die zweite Punktion ist in diesem Falle 4 Wochen nach
der ersten ausgeführt und ergab reichliche Mengen einer dunkel-
gelben, fast klaren Flüssigkeit mit spärlichen gequollenen roten
Blutkörperchen; spektroskopisch ließ sich weder Hämoglobin noch
Urobilin nachweisen. Zwischen diesen beiden Punktionen liegt
nun aber ein schwerer apoplektischer Insult, also vermutlich eine
neue intermeningeale Hämorrhagie. Als 3 Monate später eine
dritte Lumbalpunktion kurz vor der Entlassung der Kranken aus-
geführt wurde, war die Flüssigkeit vollständig klar und farblos
wie normaler Liquor.
Im dritten Falle endlich liegen die Verhältnisse zu kompliziert,
als daß sie sich für die Entscheidung dieser Frage verwerten ließen;
es handelt sich hier nicht um eine einmalige akute Blutung, son-
dern um eine sich allmählich vorbereitende und längere Zeit an-
haltende Stauungsblutung, von deren zeitlichem Eintritt und Dauer
man sich keine genauen irgendwie verwertbaren Vorstellungen
machen kann; die Flüssigkeit sah hier 10 Tage nach dem Trauma,
nachdem die reichlichen roten Blutkörperchen völlig auszentrifugiert
waren, dunkelgelb aus und gab einen schwachen, aber deutlichen
Hämoglobinstreifen.
Die soeben besprochenen Veränderungen der Cerebrospinal-
flüssigkeit bei intermeningealen Blutungen sind in Deutschland
bisher wenig beobachtet worden, dagegen haben einige französische
Autoren den unseren ganz ähnliche Beobachtungen gemacht. Bard,
Tuffier und Milan haben diese Verfärbung mit dem Namen der
Zur Kenntnis der Aneurysmen der basalen Himarterien. 207
Xanthochromie belegt; sie nehmen eine hämolytische Eigenschaft
der Cerebrospinalflüssigkeit an, die zu einer völligen Äuflösang
der roten Blutkörperchen führt, so daß schließlich nur ein das
Serum färbendes Pigment übrig bleibt Besonders hervorheben
möchte ich, daß die genannten Forscher nur in der ersten Zeit
nach der Blutung gelöstes Hämoglobin nachweisen konnten, und
daß bei der durch spätere Punktionen erhaltenen gelbbraunen
Cerebrospinalflüssigkeit die Untersuchung auf Hämoglobin ein nega-
tives Resultat lieferte. Die Xanthochromie wurde von dem fran-
zösischen Autor außer bei Blutungen auch bei manchen Meningi-
tiden und stark vaskularisierten Tumoren beobachtet. Etwas anders
sind die Resultate, die Froin(lO) in einem Falle von Apoplexie
mit starken meningealen Reizerscheinungen bei mehreren Lumbal-
punktionen hatte, er fand zunächst Xanthochromie, dann braune,
hierauf rote Färbung, die später wieder eine bräunliche Nuance
annahm, um schließlich farblos zu werden.
Die Schlußfolgerungen, die man aus unseren Beobachtungen
sowie denen der französischen Autoren ziehen kann, sind folgende:
Bei einer Blutung in den Subarachnoidalraum nehmen die roten
Blntkörperchen ziemlich rasch an Zahl ab und sind nach einigen
Wochen völlig verschwunden. Der Blutfarbstoff geht dabei in die
Cerebrospinalflüssigkeit über und verleiht derselben eine gelbröt-
liche bis ausgesprochen rote Verfärbung. Die rötliche, auf dem
Vorhandensein von gelöstem Hämoglobin beruhende Farbe macht
im Laufe von 1 — 2 Wochen einer bräunlichen Nuance Platz; in
der so veränderten Flüssigkeit läßt sich zunächst noch Hämoglobin
in geringer Menge nachweisen ; später liefert die Untersuchung auf
Hämoglobin ein negatives Resultat ; das Hämoglobin hat also einem
braun gefärbten Derivat Platz gemacht; wahrscheinlich handelt
es sich nm Hämatoidin; in dieser Zeit enthält der Harn der
Kranken häufig Urobilin. Schließlich schwindet der Blutfarbstoff
völlig, die Cerebrospinalflüssigkeit wird wieder völlig wasserklar.
Unsere anatomischen Untersuchungen haben, wie das ja a priori
zu erwarten war, den Beweis erbracht, daß ein großer Teil des
Blutfarbstoffes als Hämosiderin in der Arachnoidea abgelagert wird.
Ein Versuch mag hier noch kurz erwähnt werden, den wir
bei der Verfolgung der eben berührten Fragen angestellt haben.
Wir ließen eine durch starke artefizielle Blutbeimengung stark
getrübte und rot gefärbte, im übrigen normale Cerebrospinalflüssig-
keit mit einem festen Wattestopfen verschlossen bei Zimmertempe-
ratur stehen. Die roten Blutkörperchen senkten sich zunächst zu
/
208 XII- BlHDFLBISCH
Boden, die darüber stehende Flüssigkeit sah wasserhell aus, im
Laufe einiger Wochen trat auch hier eine völlige Auflösung der
roten Blutscheiben ein; der farblose Liquor färbte sich dabei
dunkelrot, blieb völlig durchsichtig und gab einen sehr deutlichen
Oxyhämoglobinstreifen. Auch jetzt, 3 Monate nach der Punktion,
sieht die Flüssigkeit dunkelrot aus und enthält reichlich Oxymo-
globin; in vitro bleibt das in der Cerebrospinalflüssigkeit gelöste
Hämoglobin also lange Zeit unverändert erhalten.
Dies sind die Tatsachen, deren völlige Aufklärung von weiteren
kryoskopischen Untersuchungen und Prüfung der hämolytischen
Eigenschaften normaler und pathologischer Cerebrospinalflüssigkeit
erwartet werden darf.
Bei der diagnostischen Verwertung dieser eigentümlichen Ver-
färbung der Cerebrospinalflüssigkeit muß nun stets berücksichtigt
werden, daß auch andere Prozesse — Meningitiden und difl'use
Geschwulstinflltrationen — zu Xanthrochromie des Liquor cerebro-
spinalis führen können, eine Beobachtung, die wir so mehrfach in
unserer Klinik gemacht haben und die inzwischen, wie bereits ge-
sagt, von Bard und Froin bestätigt ist Bei einer frischen
Blutung können diagnostische Schwierigkeiten nicht eintreten; der
starke Blutkörperchengehalt und der deutliche Hämoglobingehalt
des Liquor schützen in diesem Stadium vor jeder Verwechslung.
Anders liegen die Verhältnisse, wenn man einige Wochen nach der
Blutung punktiert; dann erhält man eine wenig getrübte, braun-
gelbe Flüssigkeit, die nur noch sehr spärlich rote Blutkörperchen
und kein gelöstes Hämoglobin mehr enthält und in der Tat zu-
nächst dem Liquor bei der diffusen Sarkomatose der Meningen
außerordentlich ähnlich sieht. Der fundamentale Unterschied
zwischen beiden Flüssigkeiten, der ihre Differenzierung sehr leicht
macht, besteht nun darin, daß der Liquor cerebrospinalis bei der
diffusen Geschwulstinfiltration entzündliche Eigenschaften annimmt,
vor allem die der spontanen Gerinnung, was bei den meningealen
Apoplexien nie beobachtet wird. Weiterhin unterscheiden sie sich
natürlich in bezug auf die cytologischen Verhältnisse; bei der
sarkomatösen Meningitis findet man sehr reichliche mononucleäre
Gebilde, ev. Geschwulstzellen, bei der subarachnoidalen Blutung
außer den Resten der roten Blutkörperchen nur spärliche weiße
Blutzellen.
Es ist nicht unwahrscheinlich, daß der Liquor bei der diffusen
Sarkomatose der Meningen seine braune Verfärbung ebenfalls einem
Zur Kenstnis der Aneniysmen der basalen Himarterien. 209
AbkömmliDg des Blutfarbstoffes verdankt, da es sich in allen diesen
Fällen nm ein sehr stark vasknlarisiertes Geschwulstgewebe handelt
Weiterhin wird Gelbfärbung der Cerebrospinalflüssigkeit be^
obachtet bei manchen gewöhnlichen Meningitiden und zwar sowohl
epidemischer als auch tuberkulöser Natur, in allen diesen Fällen
ist die Xanthochromie stets eine sehr unbedeutende.
Wir haben kürzlich bei einer schweren, von einer eiterigea
Wirbelosteomyelitis ausgehenden Myelomeningitis eine sehr merk-
würdige Verfärbung des Liquor gesehen« Die Flüssigkeit war in
diesem Falle intensiv gelbgrttn gefärbt und sab genau so aus wie
eine gesättigte wässerige Pikrinsäurelösung; auch hier bildete sich
ein sehr voluminöses Grerinnsel, das mikroskopisch im wesentlichen
aas Fibrinfäden bestand und spärliche farblose Zellen einschloß.
Über die Natur dieses eigentümlichen Farbstoffes kann ich nichts
Bestimmtes aussagen, das Spektrum blieb durch ihn unbeeinflußt.
Ein paar Worte noch über die Druckverhältnisse. Der Druck
ist bei reichlichen frischen intermeningealen Blutungen sehr stark
erhöht; er betrug — in Seitenlage gemessen — in Fall 2 kurz
nach der Blutung 32 mm Hg; in Fall 1 6 Tage nach der ersten
Blutung 22 mm Hg; bei der zweiten Punktion, die 2 Wochen nach
dem zweiten apoplektischen Insult ausgeführt wurde, spritzte die
Flüssigkeit unter dem sehr hohen Anfangsdruck von 60 mm Hg
heraus; bei der Stauungsblutung endlich war der Druck nicht
erhöht, er betrug 6 mm Hg.
Wie wir aus dem Vorstehenden gesehen haben, liefert die
Untersuchung der Färbung der Cerebrospinalflüssigkeit bei ganz
verschiedenartigen Meningealaffektionen eine Beihe von inter-
essanten Resultaten, die aber nur unter genauer Berücksichtigung
sämtlicher Begleiterscheinungen für die Diagnose verwertbar, dann
aber recht brauchbar sind, und so wird die Cbromodiagnostik neben
der Cytodiagnostik bei der Lumbalpunktion häufig mit Nutzen
herangezogen werden, ohne freilich je die Bedeutung der letzt-
genannten Methode zu erreichen.
Von der diffusen Ausbreitung des Blutes in dem gesamten
Subarachnoidalraum ist nun eine Reihe von klinischen Erschei-
nungen abhängig, die eine große diagnostische Bedeutung haben.
Die Infarzierung der Optikusscheiden mit Blut erklärt die kolos-
salen Stauungserscheinungen, die man am Augenhintergrund in
solchen Fällen wahrnimmt, und die besonders in unserem zweiten
Fall sehr stark ausgeprägt waren; auch im ersten Fall hat bei
den ersten beiden Blutungen jedenfalls auch eine derartige Blut-
DeotBches Archiv f. Uiu. Uedisin. 86. Bd. 14
210 ^^* BnayvLtBMM
tamponade der SehnervenhOllen bestaaden, wie 4ie «Aten Blntreste,
die bei der Autopsie gefnnden wurden^ dokumentieren. Wir dSrfeft
daher auch f&r diesen Fall eine derartige lokale Ursache der
Stauungspapille annehmen ; es erklärt diese Annahme ungezwangen
einige klinische Eigentümlichkeiten : das Überwiegen der Staunngs*
erscheinungen auf der rechten Seite und vielleiciit aoch die rasdn
und vollkommene Rflckbildung der Stauungspapille. Da bei den
gewöhnlichen Hirnblutungen stärkere Aug^hinteiigrundsTerfiiide-
rungen fast ausnahmslos fehlen, kann man im Zweifelsfall de^
artige hochgradige Stauungserscheinungen für die Annahme einer
meningealen Blutung mit blutiger Infarssiening der Optikusscheiden
verwerten.
Auf die Senkung des Blutes in den Subarachnoidalraam des
Rückenmarks sind die spinalen Beizerscheinungen (Nacken- und
Hüokensteiflgkeit, lokale und ausstrahlende Schmerzen, Ischias-
phänomen und Kemig'sches Symptom) zu beziehen, die in allen
Fällen vorbanden waren, in Fall 1 jedoch am meisten in den
Vordergrund traten. Die diagnostische Bedeutung dieses Ensembles
von Erscheinungen ist bei den Ventrikelblutungen seit lange be-
kannt und wird wohl auch hier durch den Übertritt des Blutes in
den Subarachnoidalraum zu erklären sein. In unserem ersten Fall
waren noch einige seltenere Symptome vorhanden, die vielleicht
auch durch eine Reizung der Wurzeln durch das Blutextravasat
zu erklären sind, nämlich die Schüttelkrämpfe in den Beinen, die
entweder von einer direkten Reizung der vorderen Wurzeln her-
rühren können, oder auf reflektorischem Wege von den hinteren
Wurzeln her zustande gekommen sind. Endlich dürfen wir die
Abschwächung und das vorübergehende totale Verschwinden der
Patellarreflexe ebenfalls auf die Zerrung und Dehnung der Wurzeb
zurückführen.
Bei frischen Blutungen beherrscht das Bild des Insults die
Scene gewöhnlich so vollständig, daß die spinalen Reizerscheinungen
in den Hintergrund treten. Man muß sie in zweifelhaften Fällen
aber sorgfältig aufsuchen und beachten, und wird sie häufig mit
Nutzen für die Differentialdiagnose der verschiedenen Formen und
Ursachen endokranieller Hämorrhagien verwerten können. Ihr dent-
liches Vorhandensein spricht stets für eine Blutung in die Hirn-
häute; ob diese eine primäre oder sekundäre ist^ ergibt sich ge-
wöhnlich aus dem weiteren Verlaufe. In unserem ersten Fall
gewannen die spinalen Erscheinungen eine mehr selbständige Be-
deutung indem sie den Insult lange überdauerten, zeitweise das
Znr Kenntnis der Aneurysmen der basalen Hirnarterien. 211
Bild völlig beherrschten und im Verein mit der Ocnlomotorins-
lähmong nns auf den Verdacht einer diffus ausgebreiteten chroni-
schen Meningealaffektion entzündlicher oder neoplastischer Natur
brachten.
Am Schlüsse dieser Arbeit ist es mir eine angenehme Pflicht,
meinem hochverehrten Lehrer und Chef, Herrn Oeheimrat Licht-
heim, ffir die liebenswflrdige Überlassung des Materials sowie
das meiner Arbeit entgegengebrachte Interesse meinen verbind-
lichsten Dank auszusprechen.
Literaturvenelcliiils.
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mariuhäute. Zeitschr. für Nerven heilkunde Bd. XXVI.
14*
XUL
Ans Dr. J. Boas' Poliklinik für Magen- nnd Darmkrankheiten
zn Berlin.
Bertrag znr Tnberknlose des Magens.
Von
Dr. M. Alexander^
ABsisUnt der PoUkliiuk.
Übereinstimmend ergibt sich nach der Durchsicht der ein-
schlägigen Literatur, daß der Tuberkulose in der Ätiologie der
Krankheiten des Magens, speziell der der Geschwülste desselben,
eine nur bescheidene Rolle zukommt. So kann, um nur 2 Beispiele
aus der jüngsten Zeit hier anzuführen, Jedlicka^) unter 87 Fällen
von Pylorusstenose keinen, und Nordmann*) unter 126 wegen
Tumoren des' Magens auf der Abteilung von Körte operierten
Patienten nur einen mit Tuberkulose des Pylorus mitteilen.
Es dürfte daher nicht unangebracht sein, über einen hierher
gehörigen Fall aus der Poliklinik meines Chefs, des Herrn Dr.
J. Boas, kurz zu referieren. Am 16. Mai 1904 wurde der 40 jäh-
rige Schlosser Edmund Schum. in die Poliklinik aufgenommen. Er
gab an, daß sein Vater an Gehirnschlag, die Mutter an Lungen-
schwindsucht, ein Bruder an Gehirnerweichung, und ein anderer an
Bauchfellentzündung gestorben sei. Patient war seit 15 Jahren
verheiratet, hatte 3 gesunde Kinder; Aborte hat die Frau nicht
durchgemacht. Er selbst war früher stets gesund gewesen bis auf
ein Ulcus molle, das er in jungen Jahren gehabt hatte. Seit
^/4 Jahren stellte sich im Anschluß an „Influenza^ zunehmende
Appetitlosigkeit ein, Patient bekam Druckschmerz und Würgen in
1) Jedli6ka, Zur operativen Behandlung des chronischen MaicengeschwOn
nnd dessen Begleiterscheinungen, aus der Arbeit: „t^ber das Ulcus yentriculi."
Sbornik Klinick^ Bd. VI. Verlag Ton Burbick und Eohant.
2) Nordmann, Zur Chirurgie der MagengeschwUlste (Carcinom, Sarkom,
Tuberkulose). Archiv f. klin. Chirurgie Bd. 73 Heft 2.
Beitrag zur Tuberkulose des Magens. 213
der Magengegend ca. ^U Stunden nach dem Essen, besonders nach
festen Sachen auftretend, klagte über Hochkommen von Wasser
oder Schleim, sowie über saures Aufstoßen, hatte jedoch nie Er-
brechen. Der Stuhl war seit derselben Zeit angehalten. Patient
nahm stark an Gewicht ab und klagte über große Mattigkeit und
Schwäche.
Die Untersuchung zeigte einen mittelgi*oßen, kräftig gebauten,
noch immer gut genährten (152 Pfund!), aber blassen Patienten.
Die rechte Pupille war — bei prompter Reaktion beiderseits —
etwas enger als die linke; sonst war nichts Abnormes an den Or-
ganen festzustellen; der Urin war frei von Eiweiß und Zucker.
Eine abnorme Resistenz im Abdomen war nicht palpabel.
Die Magenuntersuchung, die am 18. Mai vorgenommen wurde,
ergab morgens nüchtern, nach vorhergehendem Probeabendessen,
einen kaffeesatzartigen Rückstand von ca. 50 ccm, der Milchsäure
and okkultes Blut (nachgewiesen durch die Guaiacprobe) enthielt;
mikroskopisch fanden sich Muskel- und Pflanzenfasern, Stärke,
Milchsäurebazillen und gesproßte Hefe. — Am selben Tage gab
Patient an, daß er tags zuvor zum ersten Male Speise erbrochen
and in dem Erbrochenen Reste der Mahlzeiten von 2 und 3 Tagen
vorher erkannt habe.
An den beiden folgenden Tagen wurde genau der gleiche
Magenbefund erhoben, und Patient wurde deshalb, als zur Operation
besonders geeignet, nach dem städtischen Krankenhaus am Urban
verlegt. Daselbst wurde am 26. Mai die Operation von Herrn Ober-
arzt Dr. Brentano ausgeführt.
Man fühlte auch in Narkose nichts von einem Tumor. Nach
Eröffnung der Bauchhöhle durch einen Schnitt vom Proc. ensiformis
bis zum Nabel liegt das fettreiche Netz vor. Der Magen erscheint
etwas erweitert. Beim Anziehen desselben fühlt man in der Pylorus-
gegend eine ganz leichte Verdickung, augenscheinlich der Hinter-
wand angehörend. Auf der Serosa in der Pylorusgegend fanden
sich einige kleine, auf Metastasen verdächtige Knötchen von Hirse-
komgröße.
Die Resektion des Pylorus wurde beschlossen und ausgeführt.
Das durch die Operation gewonnene Präparat zeigt aufgeschnitten
ein ringförmig den Pylorus einnehmendes, flaches Geschwür mit
etwas infiltrierter Schleimhaut. Ein ca. 1 cm breiter Streifen in-
takter Schleimhaut zieht vom Magen zum Duodenum.
Dieses Präparat wurde von Herrn Prof. Dr. Ben da weiter
untersucht Derselbe hatte die Liebenswürdigkeit, mir einen Teil
214 XHL Auzahdb
desselben aar weiteren Untersachnng, vor allem aber SMiie, hier
folgenden Notizen &ber seine Untersachnngen zn überlassen, nnd
sage ich ihm auch an dieser Stdle meinen verbindliohsten Dank.
Makroskopisch ist die Schleimhaat mit einer dkken Lage von
zähem Schleim überdeckt, nach dessen Abstreichen ach eine Uaa-
rote Färbung und starke Wulstung darbietet, innerhalb deren
mehrere scharf umgrenzte Geschwüre liegen, das eine unmittelbar
bis an die Operationsgrenze heranreichend. In dem anhängenden
Netz sind auf zahlreiche Inzisionen keine Lymphdrüsen zu finden.
Es werden aus mehreren Stellen der Geschwfirsränd^ Streifm ge-
schnitten. Die Schleimhaut außerhalb der Geschwüre l&fit ^e
beträchtliche Verdickung erkennen. Die Drüsen sind deutlich ver-
längert, durch abnorm breite, stark mit Rundzellen infiltrierte fiinde-
gewebssepten voneinander getrennt, die Blutgefäße meist ausgedehnt
und stark gefällt Die kleinzellige Infiltration setzt sich in die
Muscttlaris mucosae fort, während die Drüsen überall dorchaas
scharf an der Oberfläche der Muskularis abschneiden. Am &&-
schwürsrande zeigt sich mikroskopisch keine besondere Wuchamng
der Mukosa. Die Drüsen behalten diesdbe Gestalt wie an den
entfernteren Abschnitten^ sind aber durch breitere Septen mit kldn-
zelliger Infiltration voneinander getrennt. Der Geschwüragmnd
entbehrt vollBtändig epithelialer Elemente. Er zeigt eine dichte,
kleinzellige Infiltration, in der große Ljmphocyten und PlasmazeUen
überwiegen. Diese kleinzellige Infiltration setzt sich mehr stränge
förmig in die Tiefe fort, hauptsächlich in Begleitung der Blut-
gefäße, die bisweilen thrombosiert erscheinen. In der Tiefe der ver-
dickten Submukosa finden sich rundliche Zellneater mit ungefähr
konzentrischem Bau, die im Innern schlechter färbbare, größere
Zellen, zum Teil deutliche Biesenzellen vom Langhans'schen Typus
enthalten. Ein ähnliches Verhalten zeigen auch andere Schnitte
aus den geschwürigen Teilen. An einigen Stellen geht die kldn-
zellige Infiltration mit in die Muskulatur vor. Nirgends werden
atypische Wucherungen eigentlicher Epithelien gefundien. Tuberkelr
bazillen sind nicht gefunden. Diagnose: Chronische Entzündung;
entsündliche Granulationsgeschwulst der Magenwand; wahrschein-
lich Tuberkulose.
Was den weiteren Verlauf des Falles anlangt, so stellte sich,
nach anfangs reaktionslosem Verlauf, Pneumonie beider Unterlapp^
ein, und vom 8. Tage nach der Operation an war der Verband von
galliggefärbten dünnfiüssigen, fökulent riechenden Massoi, denen
später reiner Mageninhalt beigemengt war^ durchtränkt 18 Tage
Mdl der Operation trat dter £xita» letalk ok. Im Spatam warm
Bsenud» TiÄerkelbazilleit nacliweisbar.
Bei der Sektioa zeigte der Magen i» der Cardlagegend kleinere
ESiitBiigeiL An der grofien Kurvatur ia der Nähe des Pyloras ist
eae Komiaaiiikatiaa aiit exa^ DöBndarmseklinge ; der Fiager ist
gui^ ia dea ab*^ «ad zofähreadea Sckenkel eiazuAhren. Die Näkte
«eigea keine eatzftndlichen Ersefaeinnagen. — Am Pyloms ist dia
MagMsckleünhaat infolge der EinstUpaag wallartig rerdicki Die
dea Pyloras yera&hendea Nätite habea die Dannschleiialiaat dnreh-
schaitten und dadurch eine etwa IV, cm im Durchmesser betragende
Offiiang bewirkt — Das obere Eade des Duodenum ist nekrotisiert
und steht mit der äußeren Wunde in Verbindung. Anatomische
I^gnose : Gastroenterostomie. Bronchopaeumoniea. — Hypostatische
PnemaoiiiB und Pleuritis beider Unterlappen. — Parenchymatöse
Nephritis. — Nekrose der Magraschleimhaut und der Kegio pylorica
des oberen Teils des Duodenum. — DuodenalflsteL
Trotzdem, daJS Tuberkelbazillen iu dem resezierten Magent^
nicht gefunden wurden (auch Nordmaan gelang ia seinem Falla
nur aack Darchmust^img zahlreicher Schnitte zweimal der Naeh-*
weis derselben)^ handelt es sich — wie dies ja auch schon oben ia
der Diagnose aasgedrückt ist — mit großer Wahrscheinlichkeit am
einen Fall von Tuberkulose des Pyloras. Denn ebensowenig wie
für eine carcinomatöse Neubildung gab die Untersuchung des
Tumor einen Anhaltspunkt für eine nicht tuberkulöse Granulations-
geschwulst; wohl aber spricht der gelungene Nachweis von Riesen-
zellen mit Wahrscheinlichkeit für Tuberkulose. Und zwar handelt
es sich um eine isolierte Tuberkulose des Pylorus, denn die Sektion
ergab nirgends im Körper tuberkulöse Veränderungen.
Es schließt sich hiermit unser Fall eng an die bisher mit-
geteilten Fälle von Tuberkulose des Pylorus an. Es sind dies
außer dem von Nordmann ^) der Fall von Lipscher*), den
Nordmann in seiner Arbeit anführt und neuerdings ein Fall
von Curschmann*).
Gemeinsam ist allen diesen 4 Fällen, daß bei ihnen in vivo
die Diagnose auf Carcinoma pylori gemacht wurde, und erst die
Operation bes. die mikroskopische Untersuchung den wahren Sach-
verhalt ergab. Man wird also doch bei scheinbar ganz einwand-
1) L c.
2) Ungar, med. Presse 1901, 27.
3) Carschmann, Klinischer Beitrag zur Tuberkulose des Magens. Braner's
Beitrftge zur Tuberkulose Bd. II Heft II.
216 XIII. ÄLXXAimsR, Beitrag zur Tuberkulose des Magens.
freier Diagnose auf Carcinoma pylori anch bei Patienten, die keinen
Hinweis aaf Tuberkulose geben — dies war bei allen 4 Patienten
der Fall — an die Möglichkeit einer tuberkulösen Pylorusstenose
denken müssen. Denn abgesehen davon, daß ein Tumor bei unserem,
übrigens gut genährten, Patienten nicht gefühlt wurde, kann im
allgemeinen die Diagnose auf Carcinoma pylori kaum sicherer ge-
stellt werden als in unserem Fall: Plötzlicher Beginn der Be-
schwerden im Anschluß an Influenza vor '/^ Jahren; Eräfteverfall
und Abmagerung; Appetitlosigkeit, Druckschmerz in der Magen-
gegend nach dem Essen, besonders nach festen Sachen, Aufstoßen
und Hochkommen von Flüssigkeit; nüchtern kaffeesatzartige Beste
mit Milchsäure und Blut.
Weiter können uns vieDeicht Fälle wie die citierten und der
unsere trotz des unglücklichen Ausgangs veranlassen, doch häufiger
als bisher die Pylorusstenosen überhaupt — und zwar radikal —
operieren zu lassen, ein Bestreben, das ja unter den Chirurgen
immer mehr Anhänger findet und das in jüngster Zeit besonders
energisch Jedlicka^) vertritt, der auf Grund seiner pathologisch-
anatomischen Untersuchungen zu der Überzeugung gekommen ist,
daß ein großer Teil der durch Ulcus ventriculi rotundum bedingten
Pylorusstenosen bei genauer Untersuchung die Zeichen der be-
ginnenden malignen Umwandlung darbietet.
1) 1. c.
XIV.
Aas der medizinischen Klinik und dem pathologisch-anatomischen
Institut der Universität Straßburg.
Unterstichnngen Aber die in den firgttssen nnd in der
serösen Auskleidung der menschlichen Pleura- nnd
PeritoneaMhle bei Entzflndnngen Yorkommenden Zellen.
Von
Dr. J. Lossen,
früherem Assistenzarat der KUnik,
jetzt Auistenzarst der UniT. Kinderklinik in Heidelberg.
Seit den Arbeiten von Widal (1 — 3) und anderen französischen
Autoren sowie von A. Wolff (4—5) über die in den serösen
Höhlenergüssen bei verschiedenen Prozessen vorkommenden Zell-
formen hat sich eine umfangreiche „cytodiagnostisch^^ Literatur^)
entwickelt. Schon der Name Cytodiagnostik drückt es aus, dafi
diese Untersuchungen vorwiegend oder ausschließlich den Zweck
verfolgten, aus der Art der Formbestandteile der Ergüsse einen
Bückschluß auf ihre Ätiologie zu ziehen. Die Frage, welche Bolle
die im Exsudat gefundenen Zellen bei den seiner Entstehung zu-
grunde liegenden Entzündungsprozessen spielen, trat demgegen-
über in den meisten Arbeiten ganz in den Hintergrund. Zwar
ist die Bedeutung der verschiedenen Zellarten bei der Entzündung
von anderer Seite in einer gi*oßen Beihe von Untersuchungen be-
handelt worden, doch wurden diese fast ausschließlich auf dem
Wege des Tierexperimentes angestellt. Diejenigen Prozesse, welche
beim Menschen zur Bildung seröser Exsudate führen, lassen sich
im Experiment bisher kaum nachahmen, so daß wir zu ihrem
Studium auf menschliches Beobachtungsmaterial angewiesen sind.
Von diesem Gesichtspunkt aus habe ich auf Anregung der Herren
Prof. Krehl und Prof. M. B. Schmidt die nachstehenden Unter-
1) Ansftthrliche Beferate darüber s. bei Brion(22), Gzerno-Schwarr
n. Bronstein (19) n. Lewkowicz (31).
218 XIV. LOSSKN
SQchangen yornehmlich in der Absicht untemommen , durch einen
Vergleich der Deckglaspräparate der Ergüsse mit den histologischen
Befunden in der betroffenen Serosa einen Einblick in die Be-
ziehungen zwischen den im flüssigen Exsudat gefundenen Zell-
formen und den im Gewebe sich abspielenden Entzündungsprozessen
zu gewinnen.
Ein solcher Vergleich konnte natürlich nur an einem Teil der
cytologisch untersuchten Fälle angestellt werden. Die übrigen
Untersuchungen^ bei denen eine anatomische Kontrolle nicht mög-
lich war, mögen einen neuen Beitrag zu der noch immer schweben-
den Frage liefern, welche Schlüsse wir aus dem cytologischen
Befund auf die Entstehungsursache der Höhlenergüsse ziehen
können.
Ich gebe im folgenden zunächst einige Angaben über die
Untersuchungsmethoden und über die in den Ergüssen vorkommen-
den Zellformen im aUgemeinen, sodann einen Bericht über die
einzelnen cytodiagnostischen und anatomischen Befunde, denen
jedesmal ein kurzer Auszug aus der Krankengeschichte und even-
tuell aus dem Sektionsprotokoll beigefügt ist.
Die Untersuchungen wurden an Ergüssen der Peritoneal- und
Pleurahöhle, einige auch an solchen des Perikards angestellt. Von
einer Untersuchung des Liquor cerebrospinalis haben wir Abstand
genommen, weil hier die Verhältnisse anders als bei den anderen
Körperhöhlen und für unseren Hauptzweck wenig geeignet sind.
Nur in einigen Fällen worden die Ergüsse erst bei der Sektion, in
der B«gel y^z>den sie während des Lebens durch Punktion oder Probe-
punktion ^ew<i;^nen. Meistens gelang es, die Zentrifiguierung Tor Ein-
tritt der Gerinnung auszuführen. Li einigen Fällen mußten, weil die
Ergüsse schon in wenigen Minuten gerannen, einige Tropfen fUnfprozentigor
Lösung von ozalsaurem Ammoniak zugesetzt werden» Nur selten yar*
suchten wir ein entstandenes Gerinnsel durch Ausschütteln mit Glasperlen
nach den Angaben Widars(l) zu zertrümmern : ein nicht ganz einwand-
^ies Verfahren, weil dadurch, wie Barjon und Gade(7) nachgewieeen
haben, ein Teil der polymorphkernigen Zellen zerstört wird. ÜbrigisiiB gs*
lingt es u. E. nie vollkommen, die Gerinnsel zu zertrümmern; ea handelt
flieh dabei vielmehr um ein Ausschütteln der ZeAlen aus denselben und
die von Bar Jon und C ade konstatierte Abnahme der polynucleären Leuko-
cyten nach dem Ausschütteln beruht wohl zum Teil darauf, daß diese Zellen
besonders schwer aus dem Gerinnsel zu entfernen sind. IJnvermeidiioh ist
das Widal'scfae Yer&hren oft für die Untersnohung bei dar Antopsie
entnommenen Ergüsse, die sehr häufig Fibrinflöokehen enthalten. Ein
stundenlanges Dekantiren, wie es neuerdings Preisich und Fle seh (8) statt
des Zentrifugierens empfehlen, scheint uns unzweckmäßig, weil viele Er-
güsse in der erforderlichen Zeit stets gerinnen. — Dafl 2antrifogat words
üb. die in der Pleura- u. Peritonealhdlile bei Entzünd. vorkommeDd. Zellen. 219
mit einer Platioöee auf Objektträger oder DeokgiKsohen a1lBge8tricheI^
nach dem Trocknen wurde 1. mit Hämatoxylin, 2. Hämatoxylin- Eosin nach
Fixierung mit Alkohol-Äther, 3. mit Ehrlich'schem Triacid nach Hitze-
fixiening und 4. mit dem Jenner'schen bzw. May-Grünwald'schen Eosin-
Methylenblangemisch gefärbt. Die Anwendung verschiedener Färbemethoden
ist dorchans erforderlich. Auch die Jenner'sohe Färbung, die neuerdingi
wieder Ton B i e b e r g e i 1 (9) als die für diesen Zweck souveräne empfohlen
wurde, kann fär sich allein häufig keine zuverlässigen Resultate geben.
Die Verhältnisse liegen hier viel komplizierter als bei der Untersuchung
des Blutes, da wir es mit zum großen Teil degenerierten Zellen zu tun
haben, und die Degenerationsformen der verschiedenen Arten einander
sehr ähnlich werden können. Nur durch den Vergleich der nach ver-
sohiedenen Methoden behandelten Präparate läßt sich hier ein Einblick
gewinnen. Einer genauen Bestimmung der quantitativen Verhältoiase
der einzelnen Zellformen stehen daher erhebliche Schwierigkeiten ent-
gegen, und es erscheint angesichts derselben verständlich, daß die meisten
Autoren keine bestimmten Zahlenwerte im einzelnen Fall angeben, sondern
sich mit einer ungefähren Schätzung des Verhältnisses begnügen. Den-
noch sind, wie uns immer wieder die Untersuchung des gefärbten Blut*
Präparates zeigt, genaue Auszählungen von großem Wert und geben
nicht selten ein ganz anderes Bild, als man es nach dem schätzenden
Gesamteindruck erwartet. Deshalb haben wir, wie auch Barjon und
Cade (10), Saqu6p6e (11), Biebergeil (9) u. a., bei den serösen Er-
güssen eine Auszählung der Zellen und zwar womöglich in nach versohie-
denen Methoden gefärbten Präparaten vorgenommen. Die bei verschiedenen
Färbungen gefundenen Werte stimmen oft sehr schlecht miteinander übev^
ein. Nur ein kleiner Teil dieser weitgehenden Differenzen kann auf Un-
gleichheit in der Verteilung der Zellen zurückgeführt werden, wie der
Vergleich mehrerer nach der gleichen Methode gefärbter Präparate zeigt;
eine weit größere Rolle spielt dabei der oben erwähnte Umstand, daß
wir dieselbe Zelle bei dw einen Färbung dieser, bei der anderen einer
anderen Art zuzuzählen geneigt sein können.
Das bei der Autopsie gewonnene Material wurde in Formalin fixiert
und in Alkohol nachgehärtet, in Paraffin oder Celloidin eingebettet. Die
Schnitte wurden stets mit Hämatoxylin, Hämatoxylin- Eosin und dem van
Gieson'schen Gemisch gefärbt.
Was die in den Ergüssen vorkommenden Zellformen betrifft,
so haben wir zmiä.ch8t als eine wohlcharakterisierte Grnppe, die
neatrophilen, polynncleären Leukocyten zu betrachten.
Sie zeigen in ihrer Mehrzahl mehr oder minder hochgradige Ver-
ändemngen sowohl des Kerns, wie des Protoplasmas. Die Eem-
degeneration kann einerseits in einem fortgeschrittenen Eernzerfall
bestehen, wobei der polymorphe Kern in eine Anzahl (4—6 und
mehr) voneinander vöUig getrennter Kernfragmente, die meistens
sehr stark färbbar sind und keine Kernstruktur erkennen lassen,
zerfällt Durch Loslösung solcher Kernstucke kann es zur Bildung
220 XIV. LossBN
von Ehrlich'schen Pseudolymphocyten kommen, die sich abgesehen
von der eventuell erhaltenen Granulation ihres Plasmasaumes
meistens durch die geringe Größe des Kerns von den echten
Lymphocyten unterscheiden. Auch größere granulierte Zellen ent-
halten mitunter nur einen kleinen runden, pyknotischen Kern, der
wohl als ein nach Ausstoßung anderer Kemtrümmer zurück-
gebliebenes Fragment anzusehen ist und jedenfalls keine Ähnlich-
keit mit den Kernen der granulierten Myelocyten besitzt.
Andererseits findet man häufig eine Kernverklumpung, wie sie
A. Wolff (4) beschreibt, indem die einzelnen Teile des Kernstabes
mehr und mehr zusammenrücken und so ein einheitlicher relativ
kleiner, gewöhnlich stark gefärbter Kern entsteht, an welchem
man als einziges Zeichen seiner Entstehung aus einem polymorphen
Kern nur noch eine zentrale Lücke, „das Kernloch^, nachweisen kann.
Femer kann es zu einer Blähung des gelappten Kernes
kommen, dessen einzelne Teile größer, plumper und zugleich weniger
intensiv färbbar werden. Auch auf diese Weise kann eine An-
näherung an die mononukleären Zellformen entstehen, indem ein
scheinbar einheitlicher, nur eingeschnürter oder eingeschnittener
Kern mit spärlichem Chromatin entsteht
Am Zelleib zeigt sich bald eine Schrumpfung, bald eine Ver-
größerung, oft treten kleine, mitunter auch größere Vakuolen im
Protoplasma auf. Sie dürfen wohl stets als ein Zeichen vor-
geschrittener Degeneration betrachtet werden. Die spezifischen
Granula zeigen sehr häufig eine quantitative Abnahme gegen-
über den entsprechenden Zellen des Blutes; ferner kommen mit-
unter auffallend große oder sehr kleine Granula vor. Ihre Färb-
barkeit durch Triacid ist oft erhalten, wo der Jenner'sche Farb-
stoff die einzelnen Körner nicht mehr hervortreten läßt, sondern
nur eine difi'use Eosarotfärbung des Plasmas gibt. Oft gibt aber
auch der Jenner'sche Farbstoff sehr gute Granulaförbung, in ein-
zelnen Fällen sogar. bessere als das Triacid. Einen völligen Ver-
lust der Granula fanden wir selten, jedenfalls gehört ihr Nachweis
zu den wertvollsten Kriterien für die Zugehörigkeit selbst stark
degenerierter Zellen zu den polynucleären Leukocyten.^)
Neben den neutrophilen finden sich mitunter eosinophile
Zellen und Mastzellen. Wir konnten sie jedoch im Gegen-
1) Eingehend werden die Veränderungen an den Lenkocyten, sowie an den
übrigen Exsudatzellen u. a. von Wolff (4), Widal, Ravant u. Dopter(3^
und auf Grund experimenteller Untersuchungen von Helly(12) behandelt.
üb. die in der Pleura- n. Peritonealhöhle hei Entzünd. vorkommend. Zellen. 221
satz ZU Bi ebergeil (9), der beide Formen in 10 untersuchten
serösen Ergüssen nie vermißte, nur in einem verhältnismäßig
kleinen Teil der Ergüsse finden. An Zahl treten sie hinter den
neatropbilen meistens bedeutend zurück. Der Kern der Eosino-
philen erscheint oft einheitlich nur wenig eingebuchtet oder ganz
rnnd. Auch im Blut haben diese Zellen meist weniger stark ge-
lappte Kemformen als die neutrophilen. Sonst zeigen die Kerne
meist geringere Degenerationserscheinnngen als die der neutro-
philen, auch ihre Granula weisen selten Veränderungen au£
Bar Jon und C ade (13) sehen in dem mononucleären Charakter
der eosinophilen Zellen in den Exsudaten einen prinzipiellen Unter-
schied gegenüber den polynucleären des Blutes.
Von den eosinophilen Granulationen wohl zu unterscheiden ist
eine diffuse intensive Botfärbung des Protoplasmas der poly-
nncleären Leukocyten, wie man sie mitunter an einzelnen Exem-
plaren findet und die wohl als eine Degenerationserscheinung auf-
zufassen ist.
Weit schwieriger ist eine Einteilung der mononucleärenEle-
mente unter den Exsudatzellen. Bekanntlich besteht über ihre
Herkunft, wieweit sie hämatogenen oder histogenen Ursprungs sind,
seit langem ein ausgedehnter Streit. Zur Klärung dieser Ver-
hältnisse können unsere Untersuchungen deshalb nur wenig bei-
tragen, weil wir die Zellen in den menschlichen Ergüssen in den
mannigfaltigsten Degenerationszuständen und nicht, wie im Tier-
experiment, zwar meist verändert aber doch unter annähernd gleichen,
willkürlich bestimmten Verhältnissen zu Gesicht bekommen.
Zwei Typen lassen sich wenigstens in gut erhaltenen Foimen
unter den einkernigen Elementen am leichtesten aussondern. Einer-
seits die Serosaendothelien, andererseits die als Lymphocyten
bezeichneten kleinen rundkernigen Zellen. Letztere besitzen einen
dunkel gefärbten Kern mit reicher Ghromatinsubstanz und einen
schmalen Plasmasaum, der sich mit Methylenblau blau und oft
noch intensiver als der Kern färbt Sie gleichen also durchaus
den Lymphocyten des Blutes. Zu bemerken ist freilich, daß ihre
Größe schwankender, und ihr Kern häufig nicht so regelmäßig
kreisrund als der der Blutlymphocyten ist. Ein Teil der Autoren
hält ihren hämatogenen Ursprung für bewiesen, während andere,
besonders diejenigen, die mit Ehrlich eine Emigrationsfähigkeit
der Lymphocyten leugnen, sie im Gewebe entstehen lassen.
Israel (14) nimmt wenigstens für die experimentell erzeugten
Lymphocytenexsudate in den ersten Stadien der Entzündung die
222 XIV. LoflMM
Herkunft der Zellen ans den nach Verlost des Endothelbelages
eröffneten Ljrmphspalten an. Sie zeigen verh<smäfiig geringe De-
generationserscheinnngen, am häufigsten unregelmäfiige ZellkontureB
oder einen völligen Verlust des schmalen Plasmasaumes.
Die andere Gruppe besteht aus großen ^ runden, ovalen oder
polygonalen Zellen mit einem ovalen oder runden, bläschenartigen,
chromatinarmen Kern, die schon dadurch, daß sie oft in größeren
zusammenhängenden Verbänden („Placards^) auftreten, ihre Her-
kunft vom Serosaendothel beweisen. Diese typischen Endo-
t hellen können mannigfaltige Veränderungen des Kerns und des
Protoplasmas zeigen. Am Kern finden wir oft eine starke Anf-
quellung (Wolff) mit Abnahme des Ohromatingehaltes, ferner
Änderungen der Gestalt, Einschnürungen, so daß die Unter-
scheidung von den geblähten Kernen der polynucleären Leuko-
cyten schwierig sein kann und besonders in älteren eiterigen Er-
güssen ohne den Nachweis von spezifischen Granulationen kaum
ausführbar ist. Auch kann es zu völligem Kemschwund kommen.
— Im Protoplasma treten kleine und oft auch so große Vakuolen
auf, daß durch die exzentrische Stellung des stark abgeplatteten
bohnenförmigen Kerns sogenannte Siegelringformen entstehen. Femer
geht der große Zelleib der Endothelien oft mehr oder minder weit
zugrunde, ja nicht selten findet man freie Kerne, an deren Bande
nur noch kleine Fetzchen Protoplasma haften, und die nur durch
ihre Größe, ihre Struktur und ihre geringe Färbbarkeit mit Wahr-
scheinlichkeit als Endothelkeme angesprochen werden können.
Zwischen diesen beiden Formen mononucleärer Zellen fiinden
wir eine große Anzahl von einkernigen Elementen, die sich weder
der einen noch der anderen Gruppe einreihen lassen. Über ihren
Ursprung sind verschiedene Ansichten in Geltung. Soweit man
sich dabei auf Untersuchungen von menschlichen serösen Ergüssen
stützt, werden hauptsächlich zwei Anschauungen vertreten: die
einen, besonders französische Autoren, erblicken in ihnen große
mononucleäre Leukocyten, die anderen (Wolff u. a.) halten
sie, wenigstens in ihrer Mehrzahl, für veränderte Endothelien.
Wir möchten uns dieser letzteren Auffassung anschließen, da
sich alle Stufen des Überganges von den typischen Endothe-
lien bis zu Zellen mit einem rundlichen oder eingeschnittenen
Kern und verhältnismäßig geringem Zelleib finden. Immerhin
ist es möglich, daß ein Teil der Zellen dem Blute ent-
stammt und mit den un granulierten großen mononucleären Leuko-
cyten zu identifizieren ist. Eine Entscheidung im einzelnen
üb. die in der Pleura- n. Peritonealhöhle bei Entzttnd. vorkommend. Zellen. 228
Falle ist nicht möglich. Auch Mönckeberg (15), der in ver-
hältnismäßig frischen Stadien das Verhalten der Serosaendothelien
bei experimentell erzeugter Entzündung untersuchte, konnte ab-
gestoßene Endothelien von großen einkernigen Leukocyten häufig
nicht unterscheiden. Er nimmt an, daß beide Arten phagocytär
werden können. Wir fanden bei vielen Ergüssen Einschlüsse von
Erythrocyten und poljmucleären Leukocyten in solchen Zellen, wie
auch in den typischen Endothelien. Daß ausgewanderte Fibro-
blasten eine wesentliche Bolle in dieser Gruppe von Zellen spielen,
halten ¥rir flir die flüssigen Exsudate der serösen Höhlen nicht
für wahrscheinlich.
Wir fassen diese letzterwähnte Gruppe unter dem Namen
„Mononucleäre^ zusammen und bezeichnen so im folgenden solche
Zellen, die weder durch die Größe ihres Zelleibes noch durch die
Beschaffenheit ihres Kernes als Endothelien zu erkennen sind, und
andererseits sich durch ihre Größe, eine unregelmäßigere Eemfonn
oder reichlicheres Protoplasma von den Lymphocyten unterscheiden.
Wie erwähnt, ist eine genaue Abgrenzung nicht immer möglich.
Mitunter haben wir bei den Auszählungen auf eine Trennung der
Mononuclearen von den Endothelien (welch letzteren wir ja jeden-
falls die große Mehrzahl dieser Zellen zuzählen dürfen) verzichtet
Schließlich fragt es sich, ob auch eine Umwandlung der Endo-
thelien in die als Lymphocyten bezeichneten Zellformen vorkommt,
wie es Patella (16) und neuerdings Pro seh er (17) annehmen.
Obwohl wir zugeben, daß eine Unterscheidung der Lymphocyten
TOD degenerierten Endothelien mit kleinem geschrumpftem Kern,
die ihren Zelleib fast ganz verloren haben, oft sehr schwer ist
und auch uns Bilder begegnet sind, welche den von Pröscher
als Übergangsformen angesprochenen gleichen, so glauben wir
doch, für die Mehrzahl der Lymphocyten diese Genese ablehnen
zu müssen. Eine Zunahme der Lymphocyten auf Kosten der Endo-
thelien bei wiederholter Punktion, die von Patella für die Um-
wandlung angeführt wird, ist zwar häufig beobachtet worden, doch
kommt nicht selten auch das umgekehrte Verhalten, eine Zunahme
der Endothelien, bei längerem Bestehen des Ergusses vor, wie
Bar Jon und Mazuel(18) sowie wir selbst (s. u.) beobachteten.
Im Folgenden werden nachstehende AbkürznDgen gebraucht: Häm = Häma-
toxylinftrbung; H&m-Eos = Hämatoxylin-Eosiufärbnng ; Tr=Ehrlich'scheTriacid-
{ftrbnng: Jen == Jeiiner*8cbe bzw. May-Grttnwald*8che Färbnng. — R = rote Blut-
Urperohen; W = farblose Zellen (Leukocyten und Endothelien); R=>< W be-
deatet, daß die Zahl der roten größer, annährend gleich oder geringer als die der
224 ^^* L088BN
farblosen Zellen ist (nach Schätzung im gef&rbten Präparat). — P := polynncleire
nentrophile Lenkocjten; Eo = eosinophile Leukocyten; Mst = Ha8tEellen; L =
Lymphocyten; Mo = mononucleäre Zellen (in dem p. 223 angegebenen Sinne); End
= Endotiielien ; ? = unbestimmbare Zellen.*)
Nr. 1. S 43 Jahre. 18. Oktober bis 27. Dezember 1904. Nephri-
ÜB cbron. — Seit 4 Wochen Engigkeit, seit 3 Tagen Odem. — Bechts
hinten unten kleiner Plenraerguß. Herzdämpf ang yerbreitert, Zeichen
der Hypertrophie. Im Harn 27« %o Aibumen, B, W, hyal. Zyl. Chron.
urämische Erscheinungen. Autopsie: Im Perikard ein kleiner, in der
rechten Pleura ein größerer Erguß; am rechten O.-L. leichter Fibrin-
Bohleier. Linke Pleura obliteriert. Oranularatrophie der Niere. Herz-
hypertrophie.
Untersuchung der Ergüsse, a) Rechte Pleura. 1. Probe-
punk t i o n : serös, R / W. Keine Piacards. Jen : P = 14,4 ; L = 40,0;
Mo = 4,4 ; End = 37,6 ; ? = 3,0 %
2. Probepunktion: 3. Dezember. Zunahme der End, Abnahme der
L..Häm.Eos. P = 14,8; L = 4,8; End + Mo = 77,1 ; ? == 3,3.
Jen : P = 14,0 ; L = 8,1 ; End -f Mo = 77,9.
b) Perikard (bei der Autopsie entnommen): serös. Viele sebi
große Plakards. Häm : P = 3,0; L = 5,0; Mo = 11,7; End = 80,3.
Jen:P = 5,0r L = 10,0; Mo = 12,0; End = 72,0; ?=1,0%.
Untersuchung der Serösen. a) Pleura pulm. n. cost
wenig yerdickt, geringe Infiltration. Neben spärlichen typischen Binde-
gewebskernen vorwiegend große, helle, bläschenartige, ovale oder un-
regelmäßig gestaltete, oft von einem ovalen Zelleib umgebene Kerne, und
fast ebenso reichlich kleine, runde, intensiv gefärbte Kerne mit sehr
wenig Protoplasma. Spärliche gelapptkemige und einzelne plasmareiche,
einkernige Zellen.
b) Epikard wenig verdickt, wenig infiltriert ; neben langen spindel-
förmigen Bindegewebskemen vorwiegend kleine, runde, dunkle, und spär-
liche gelappte Kerne.
Nr. 2. (J^ 4 9 Jahre. 10. November bis 3. Dezember 1904. Lues
tert. Amyloidosis. — Mit 1 9 Jahren „Tripper" ; 1 899 Hautgeschwüre ;
seit ^/^ Jahre Ödem der Füße ; seit 3 Wochen Beengung und Husten. —
Einige strahlige Hantnarben, glatter Zungengrund. Starke Albundnorie;
hyaline und granulierte Zylinder. Links Plenraerguß. Autopsie: Amy-
loid in Leber, Milz, Nieren, Darm etc.
Untersuchung des Ergusses. Linke Pleura. Probe-
punktion 14. Oktober: serös, rasche Gerinnung; sehr spärliches Zentri-
fugat. W ) R.-Häm : P = 3,5; L = 6,0: Mo = 22,6; End =
68,0 %. Jen : P = 4,0 ; L = 21,7 ; Mo = 1 1,3 ; End = 63 «/^ der er-
*) Anmerk.: Die Fälle Nr. 12, 14, 24, 27, 31, 33 entsUmmen der Univ.-Kindel^
klinik zu Heidelberg; fttr die Überlassung sage ich Herrn Geh. Hofrat Yierordt
meinen besten Dank.
üb. die in der Pleura- n. Peritonealb^ttile bei Entzünd. vorkommend. Zellen. 225
keimlMiren Zellen. Sehr viel nnbeetimmlMtfe SHemeiite; starke Degene-
ration. Keine großen Piacarda.
IJnterBaohnng der Serosa. Pleura pulm. n. pariet, mäßig
Terdiokt, geringe Infiltration : Torwiegend intensiv gefärbte runde Kerne
von verschiedener Ordße mit spttrliohem oder ohne erkennbaren Zelleib;
weniger große, unregelmäßig gestaltete, bläachenartige und aueh einige
gelappte Kerne» Spärliche plasmareiohe, einkernige Zellen. In einigen
Gefäßen Thrombose und eadarteriitische Prosesse.
Nr. 3. ^44 Jahre. 25. Oktober bis 9. November 1904. Girrhosis
hepat. — Seit August 1904 Auftreibung des Bauches, zweimal punk-
tiert. — Starker Ikterus. Ascites; Leber und Kilz auch nach Punktion
nicht fühlbar. Bascher Verfall. — Autopsie: hochgradige atroph. Leber-
eirrhose ; Milz nicht vergrößert.
Untersuchung des Ergusses, Abdomen: 3. Punktion.
8600 com ; serös ; spez. Oew. 1008 ; Alb. 7 '/« %e ' Bpärliches Zen-
trifugat. Häm : P = 4,3 ; L = 6,6 ; Mo = 18,9 ; Bnd «» 70,3. Jen : P
= 5,0; L = 10,7: Mo = 27,3; End — 57,0*^/^. End z. T. stark dege-
neriert. Keine größeren Piacards.
Untersuchung der Serosa. Periton. pariet. : wenig ver-
dickt, stellenweise stark infiltriert; vorwiegend große, helle, bläschenartige
und kleine, dunkelgefärbte, runde Kerne ; wenige gelappte. Belativ viel
einkernige Zellen mit großem Plasmaleib. Darmserosa weniger stark
infiltriert, ganz überwiegend große, helle Kerne.
Nr. 4. $ 44 Jahre. 9. Oktoker 1904 bis 7. Januar 1905. In-
snffic. et Stenosis mitralis: Cirrhosis hepatis, — Adipositas
doloros. — Seit August 1900 Ascites, oft punktiert. Starker Potus. —
Starker Ascites; Caput, medusae; nirgends Hautödem; Subikterus.
Untersuchung des Ergusses. Abdomen: 83. Punktion:
6 1, serös; spez. Gew. 1007. R ) W. Häm:Pa*0,5; L = 7,3; End
+ Mo — 92,2 %, Jen : P — l ,0 ; L =- 7,0 ; End -f Mo «= 92,0 %. Viele
große Piacards. Ziemlieh starke Degeneration.
Nr. 5. (^62Jahre, seit langem ambulant behandelt. 0 i r r h o s.
hepat. Nephrit, chron. — Maler, Potator. Seit Herbst 1903 Ödeme^
Ascites, wiederholt punktiert. — Leber vergrößert, Milz fühlbar. Im Harn
7^ bis 1 %0 Albumen; spärliche Zylinder. Seit November 1904 Pleura-
erguß links.
Untersuchung der Ergüsse, a)Abdomen: 5. Punktion Ok-
tober 1904: serös; spez. Oew. 1007; Alb. 2^/^. Eeichliches Zentrifugat.
K > W. — Häm : P — 1,1 ; L — 58,0; End — 40,9. Jen : P — 2,0 ;
L SB 50,2; End *» 47,8. Reichlich kleine und einige große PlacardSi
End. gut erhalten.
b) LinkePleura. 22. November. Probepunktion: serös. B)W.
— Häm:Pc»l,2; L = 3,0; End «. 95,8. Jen:P~5,2; L-b7,6;
End = 87,2. Viele große Piacards.
Dentsches Archiv f. klin. Medizin. 86. Bd. 15
226 XIV. LossxN
N r. 6. (7 4 3 J a h r e. Seit langem ambulant behandelt. Cirrhosis
hepatis hypersplenomegalioa luetica. — 1885 LaeB. Seit 1889
Lebercirrhose ; seit Jahren oft punktiert. — Leber vergrößert; Milz bis
Über den Nabel. Anfang Dezember 1904 mehrmals Nachsickem ans
der Pnnktionsstelle ; leichtes Fieber, Schmerzhaftigkeit des Abdomen, nach
einigen Tagen verschwindend.
üntersnchung des Ergusses. Abdomen: Punktion
12. November: serös, V« — %®/oo -^ib. R ) W. Häm : P — 21,2;
L = 37,6; Mo = 14,0; End = 24,4; ? =- 2,8%. — Jen : P = 25,0;
L = 28,5 ; Mo «s 14,5 ; End = 30,2 ; ? = 1,8. Einige kleine Piacards
zn 8 — 10 End. — 5. Dezember: Punktion: serös; R > W. H&m : P
= 72,0; L = 2,3; Mo = 8.7; End =17,0. Jen:P = 74,3; L =
6,7 ; Mo *» 5,3 : End = 13,7 %. Keine größeren Piacards.
Nr. 7. S 67 Jahre. 27.Dezember 1904 bis 16. Januar 1905. Car-
cinoma hepatis. — Seit 8 Monaten Anschwellung des Bauches. —
Starker Ascites, Leber vergrößert. — Autopsie: Primäres multipl. Ca.
hepat., carcin. Drüsen an der Porta. Peritoneum o. B. Mikroskopische
Untersuchung aus äußeren Gründen nicht möglich.
Untersuchung des Ergusses. Abdomen: Punktion 31. De-
zember: 4 1, serös, spez. Gew. 1009. Häm : P = 6,0; L = 3,3; Mo
= 18,3; End — 72,3. — Jen :T = 13,0; L= 13,7; Mo = 26,7 ; End
= 46,7 0/,.
Nr. 8. c? 32 Jahre. 5.— 20. Dezember 1904. Tbc. pulm. Stau-
ungsleber. Peritonit. chron. — Seit ^t *^^^^^ Husten und Ab-
magerung; vor 10 Jahren Auftreibung des Bauches bemerkt. — Infil-
tration des rechten O.-L. und M.-L., Ascites. Leber druckempEndlich.
— Autopsie (nur Bauchhöhle): Leber verkleinert; mikrosk. nur Stauung
mit Atrophie, keine Cirrhose ; Milz etwas vergrößert, Kapsel stark verdickt.
Am Peritoneum hier und da kleine Knötchen (nicht tuberkulös).
Untersuchung des Ergusses. Abdomen: Punktion 6. De-
zember : 8 1, serös, rasch gerinnend. H ) W. Häm : P es 3,7 ; L = 7,0;
Mo = 40,7 ; End = 48,7. Jen : P = 2,3 ; L = 6,6 ; Mo = 28,7 ; End
= 62,6.
Untersuchung der Serosa. Lebers er osa nicht verdickt,
wenig kleine, runde Kerne neben typischen, spindelförmigen. Milz-
serosa stark verdickt mit einer dicken neugebildeten Schicht ; in dieser
zahlreiche große, helle, verschieden gestaltete und kleine, annähernd
runde, intensiv gefärbte Kerne, nur spärliche polynucleäre Zellen. Am
Periton. parle t. ebenfalls eine Auflagerung, vorwiegend große, bläschen-
artige, doch auch kleine, dunkle, runde und gelappte Kerne.
Nr. 9. ? 15 Jahre. 14.— 27. November 1904. Vitium cordis
incompensat. Seit 1 Jahre Kompensationsstörungen, zeitweise Hämo-
ptoe. — Starke Dyspnoe und Ödem, Ascites. Leber- und Milzschwellnng.
In den letzten Tagen Bruststiche rechts. — Autopsie: Insnff. et Stenosis
mitralis, Insufif. aort., Stenosis tricuspidalis. In der rechten Lunge neben
kleinen hämorrhagischen und pneumonischen Herden ein großer Infarkt.
üb. die in der Pleura- tl Peritonealhöhle bei Entzünd. vorkommend. Zellen. 227
Suchte Pleura z. T. obliteriert, 30 com rötliche Flüssigkeit. In der
linken Pleura 1 1, in Perikard und Bauchhöhle ebenfalls seröse Ergüsse.
Untersuchung der Ergüsse, a) Abdomen. Punktion 18. No-
vember: 1500 ccm, serös. Spez. Gew.: 1016. Alb.: 1,6. Spärliches
Zentrifugngat. R > W. Jen : P = 4,0 ; Eo = 0,3 ; L = 71,7 ; Mo = 9,7 ;
End = 9,7; ? = 4,7. Häm:P = 2,7; L=74,8; Mo = 12,7; End =
7,1 ;? = 2,7.
b) Linke Pleura (bei der Autopsie entnommen) serös. B ) W.
Häm : P = 3,6 ; L = 14,2 ; Mo = 13,2 ; End = 65,6 ; ? = 3,4. Jen : P
= 3,6; L = 29,3; Mo = 10,5; End = 51,5; ? = 5,1.
c) Rechte Pleura (bei der Autopsie entnommen), leicht hämor-
rhagisch. Reichliches rotes Sediment. W ) R. Häm : P == 79,0 ; L =
0,5 ; Mo = 0,3 : End = 20,3. Jen : P = 82,7 ; L = 0,7 ; Mo = 2,0 ;
End =13,7; ?=1,0.
d) Perikard (bei der Autopsie entommen) serös. W ) R. Häm : P
= 0,7; L= 1,3; End = 98,0. Jen : P = 1,7; L = 3,7; End = 92,0;
? = 2,7 %. Zahlreiche große Piacards.
Untersuchung der Serösen, a) Periton. pariet. nicht
verdickt, wenig infiltriert ; spärliche typische Bindegewebskeme und wenige
runde, stark gefärbte Kerne, an einzelnen Stellen besonders der Um-
gebung von Lymphgefäßen reichlicher. Vereinzelte große plasmareiche
einkernige, keine gelapptkernigen Zellen. Darmserosa ebenso.
b) Linke Pleura nicht verdickt, wenig infiltriert; vorwiegend
ovale oder spindelförmige, bläschenartige Kerne, spärlicher kleine, runde
und keine gelappten Kerne. Einzelne einkernige Zellen mit großem, z. T.
gekörntem Zelleib.
c) Rechte Pleura über dem Infarkt wie über normalen Lungen-
partien nicht verdickt, geringe Infiltration ; neben typischen spindelförmigen,
besonders im Bereich des Infarktes reichlich kleine, runde, dunkel gefärbtoi
und fast gar keine gelappten Kerne.
d) Im Pericard. pariet. in den oberen Schichten reichlich kleine
runde, stellenweise auch große helle, selten gelappte Kerne.
Nr. 10. ? 51 Jahre. 30. November 1904. Insuff. mitral. —
Seit 1^/2 Jahren zunehmende Kompensationsstörungen. — Seit Herbst 1904
wiederholte Pleurapunktionen. Im September und Oktober öfters Hämo-
ptoe. — Autopsie: InsufiP. mitral. In beiden Luogen nekrotische, nicht
gangränöse Partien z. T. mit zentraler Höhlenbildung.
Untersuchung des Ergusses. Rechte Pleura: Probe-
punktion 18. November serös, sehr reichliches weißes Zentrifugat. Nur W.
— Häm :P = 93,7; End = 6,3%. Jen : P = 93,7 ; End = 6,0: ? =
0,3%. Mäßig starke Degenerationserscb einungen.
Untersuchung der Serosa. Pleura pulm. über normaler
Lungenpartie nicht verdickt und wenig infiltriert; kleine, rundkernige
Zellen. Am Rande einer nekrotischen Stelle vorwiegend kleine, runde,
dunkle, femer größere, bläschenartige, und nur spärliche, gelappte Kerne.
Ebenso in der z. T. organisierten fibrinösen Auflagerung.
15*
28g XIV. Lonnr
Nr. 11. ^64 Jahre. 29. Märsbis 19. Basember 1904. Carein.
yentrio. Tnberonl. palm. Fiearit. dezt. Seit einigen Monmten Ab-
magemngy viel Hatten; seit Aug^t 1904 großer PleuraergnB, einmal
panktiert. — Autopsie: Ca. ventrie. Alte Longentuberknloee. Pienrit.
taberc.
Untersnohnng des Ergusses. Rechte Pleura: Probe-
punktion im Oktober 1904 : serös ; spärliches Zentrifagat. B ) W. Häm : P
=5=13,1; L = 9M; Mo =10,0: End = öl,6V
Untersuchung der Serosa. Pleura pnlm. u. oost. itoik
verdickt. Infiltration gering; neben typischen, spindelförmigen Binde-
gewebfikemen vorwiegend kleine, ann&hemd runde, dunkle, wenige große,
helle, blfischenartige und nur ganz spärliche gelappte Kerne.
Nr. 12. ^58 Jahre. 22. November 1904 bis 25. Hara 1905.
Tubercul. pulmon. Pleuritis dext. — Über beiden Spitzen In-
filtration. Links hinten unten Dämpfung bis zum VU. pr. spin.
Untersuchung des Ergusses. Linke Pleura. Punktion
25. November : serös. W = R. Häm : P = 0,7 ; L = 69,0 ; Mo = 12,0;
End=18,3. End z. T. stark degeneriert.
Nr. 13. ^ 31 Jahre. 29. September bis 17. Oktober 1904.
Tubercul. pulm. et intestini. Pleurit dext. Peritonit. tubere.
Amyloidosis. Diabet. melit. — 1896 Hämoptoe. Seit 1903 Ödeme
und Diabetessymptome. Über beiden Lungenspitzen Infiltrationserschei-
nungen. Im Harn viel Albumen, wenig Zylinder, Zucker. Zunehmende
Ergüsse in beiden Pleuren und Abdomen. — Autopsie bestätigt die
Diagnose.
Untersuchung der Ergüsse, a) Pleura, unmittelbar post
mortem probepunktiert: wasserhelle seröse Flüssigkeit. W ) H. Sehr
starke Degeneration der Zellen. Jen : P = 40,0 ; L = 2,7 ; Mo = 12,3 ;
End = 45,0.
b) Abdomen ebenso. Jen :P= 39,3; L = 1,0; Mo = 5,3; End
= 53,0; ?— 1,3V
Untersuchung der Serösen, a) Pleura pulm. über der
tuberkulös iDfiltrierten Lunge nicbt verdickt; mäßige zellige Infiltration^
besonders im subpleuralen Gewebe. Vorwiegend kleine, runde, dunkel ge-
färbte Kerne, daneben typische spindelförmige und große, ovale bläschen-
artige. Einige polynucleäre Zellen.
b] Periton. parle t. ebenso; etwas mehr P, einzelne Tuberkel.
Nr. 14. (5^ 9 Jahre« Aufgenommen 12. April 1905. Cariei
ossium multipl. Pleurit. dext. Halsdrüsentubero. Begin-
nender Lungenspitzenkatarrh. — Seit 2. Mai kleiner Pleuraerguß
rechts hinten.
Untersuchung des Ergusses. Rechte Pleura: Probe-
punktion 4. Mai serös ; Alb. 3 ^Jq. Heichliches Zentrifogat. W > R. Zellen
meist gut erbalten ; an den End. oft Phagocytose. Häm : P = 33,9 ;
üb. die in der Plenra- n. PeritonealbOhle bei Entzünd. vorkommend. Zellen. 229
L=r4,6; Mo = 4,9; End = 56,7. Jen: F= 43,8; L= 7,4; Ho =
i^; End = 44,6. Einige Eo.
Nr. 15. (^22 Jahre. 17. Oktob. 1904 bis 7. Januar 1905. Spon-
djlit. tubere. PleuriÜB ein. — Seit Mai 1904 Pleuritii, forfc-
•ehreitende Pareae der Beine. — - Gibbu. Linke hinten unten D&mp«
fang bis aom VL pr. spin.
Untersuchung des Ergusses. Linke Pleura. Probepunk-
tion im Oktober 1 904 : hämorrhagisch ; ganz überwiegend K. Häm : P
= 1,2; L = 84,8; Mo=6,0; End = 6,4; ? = 2,4. — Jen:Pr=:2,0;
L = 86,8; Mo = 4,4; End = 5,2; ? = 1,6%.
Nr. 16. S 27 Jahre. 21. November 1904 bis 10. Januar 1905.
Tuberc. pulmon. Pleurit. — Seit 3 Jahren Abmagerung, ofl Er-
brechen. Yor 1 Tag mit Frösteln und Husten erkrankt.
Untersuchung des Ergusses. Pleura: Probepunktion 22. No-
vember: serös. K>W. Häm: P = 76,7; L=l,3; End = 22,0. —
Jen : P = 73,7; End = 26,3 ^j^. Keine Piacards. End meist gut er-
halten.
Nr. 17. ^ 15 Jahre. 15. November bis 20. Dezember 1904.
Pleurit. dext. — Yor 4 Monaten Schwellung des rechten Ellenbogens,
Fieber, dann Ascites, 2 mal punktiert, dann verschwunden. Seit 14 Tagen
Bmststiehe und Husten. — Rechts Dämpfung bis zum 2. J.-It. Keine
nachweisbare Lungenaffektion. Mäßiges Fieber.
Untersuchung des Ergusses. Rechte Pleura: Panktion
18. November: 1500 ccm, serös. Spez. Gew.: 1018. Alb. 2^^ ®/q. Spär-
liches Zentrifngat. W = R. Häm : P = 1,0 ; L = 19,3; Mo = 25,0 ;
End =54,7. Jen: P = 3,7; L = 25,0; Mo = 27,0; End = 41,7; ? =
2,7. Plaoards bis zu 30 End.
Nr. 18. c^. 16.— 26. November 1904. Pleuritis sin. — Seit
August 1904. Atembeschwerden. — Links hinten Dämpfung. Wieder-
holte Punktionen. Kein Fieber.
Untersuchung des Ergusses. Linke Pleura: Punktion:
serös. Spärliches Zentrifngat. R ) W. Etwa ^/g aller Zellen ganz unkennt-
lich; starke Degeneration der P und End. Häm : P = 31,8; L = 28,7 ;
Mo =17,1; End = 22,2. ^ Tr:P = 31,0; L=31,5; Mo = 22,0;
End =15,5^/^ der erkennbaren Zellen.
Nr. 19. <J 2 5 Jahre. 24. Oktober bis 20. November 1904. —
Pleuritis exsud. — Seit 2 Wochen Bmststiehe und Schweiße. —
Großer Pleuraerguß bis zur IE. C. Über den Lungen n. B. Rasche
Rückbildung des Ergußes.
Untersuchung des Ergusses. Linke Pleura: Probepunk-
tion 27. Oktober: serös. R>W. Häm:P = 27,3; L = 50,0; Mo =2,3;
End=17,7; ? = 2,7. Jen:P=22,5; L = 59,0; Mo = 7,0; End=:
230 2^iv. L088EN
10,0; ?= 1,5 einige Eo. Während der Rückbildung 2. Probepanktion:
Hfim:P = 2,7; L:46,3; Mo =2,3; End=45,0; ? = 3,7. Jen:P =
1,0; L = 61,3; Mo = 2,3; Bnd=32,3; ? = 3,2%.
Nr. 20. (5^ 56 Jahre. 8. November bis 3. Dezember 1904. Plen-
rit. sin: — Bisher immer gesund. Seit einigen Tagen Husten, Brnst-
stiche, Fieber. — Links hinten Dämpfung bis zum VII. pr. spin., sonst
n. B. über den Lungen. Langsame Abnahme des Ergusses. Auf 0,005
Alt-Tuberkulin Reaktion mit 38,5 <> L.
Untersuchung des Ergusses. Linke Pleura: 1. Probe-
punktion 12. November: serös. R > W. Häm-Eos : P = 37,3 ; £0 =
3,9; L = 2,7; End + Mo == 56,1. Jen :P = 47,5; Eo = 5,6; L =
7,3 ; End -{- Mo = 39,5 %. An den End oft Phagocytose; viele Piacards
von 15 — 20 End. — 2. Probepunktion 29. November: Häm-Eos:
P = 21,7; Eo = 52,3; L = 9,3 ; Mo = 6,0; End =10,7. Jen:P =
20,2; Eo = 48,8; L=10,8; Mo = 5,2; End =13,8; Mst=l,2«/^.
Nr. 21. c? 33 Jahre. 2. November bis 30. Dezember 1904. Pleu-
ritis dextr. — 24. August fiel dem Patienten ein Brett gegen die
rechte Rückenseite ; angeblich 3 Rippenbrüche. Seitdem Atembeschwerden,
Druckgefuhl, Husten. — Über beiden Spitzen katarrhal. Erscheinungen.
Rechts hinten Dämpfung bis zum VIII. Pr. spin. Pleurit. Reiben.
Untersuchung des Ergusses. Rechte Pleura: Probe-
punktion 6. November : serös ; reichliches Zentrifugat. R ) W. Ham-
Eo8:Eo = 4,7; L = 87,0; Mo = 2,3; End=6,0. Jen:Eo = 4,8; L
= 89,0; End = 5,7; Mst = 0,5 %.
Nr. 22. (J 22 Jahre. 10.— 31. Oktober 1904. Pleurit. sin. —
Mutter an Tuberc. pulmon. gestorben. Seit 3 Monaten Bruststiche und
Husten, Auswurf. — Links hinten mit Dämpfung bis zum V. pr. spin.
Untersuchung des Ergusses. Linke Pleura: Probepnnk-
tion 11. Oktober: serös, sehr rasch gerinnend. W ) R. Häm:P = 0,5;
L=13,5; End+Mo = 86,0. Jen:P = 4,0; L = 2,0; End4-Mo =
87,7 ; ? = 6,3. Keine Piacards ; starke Degeneration der End.
Nr. 23. (^48 Jahre. 31. Dezember 1904 bis 21. Februar 1905.
Pleurit. sin. Myocarditis. — Seit 10 Jahren oft Gelenkrheumatis-
mus; seit 4 Wochen Bruststiche und Engigkeit. — Links hinten Dämpfung
bis zum m. pr. spin.
Untersuchung des Ergusses. Linke Pleura: Punktion
I.Januar: 11, serös. Spez. Gew. = 1011. Alb. 1^«%. R > W. Häm :
P = l,6; L = 54,8; Mo =10,8; End = 30,8; ? = 2,0. Jen:P = l,6;
L = 47,9; Mo = 9,3; End = 41,2.
Nr. 2 4. ?4Jahre. Seit 31. Mai. —Pleuritis dext — 26. Mai
fieberhaft erkrankt. Rechts hinten Dämpfung bis zur YII. G. mit ab-
geschwächtem Atmen und Stimmfremitus.
üb. die in der Pleura- n. Peritonealhöhle bei Entzttnd. vorkommend. Zellen. 231
TTniersnchung des Ergnsaes. Keohte Pleura: Punktion:
300 com, serös. Fast nur W. Ham-Bos : P = 27,0 ; L==17,0; Mo==
12,3; Bnd = 43,7. Jen :P = 33,1; L=12,7; Mo =13,1; End =
38,0; ? = 3,1%. Keine Piacards. Starke Phagocytose der End.
Nr. 25. S d Jahre. 29.— 30. Januar 1905. Endokarditis,
Pericarditis obliter. , Pleuritis sin. — Seit ^/^ Jahre Husten;
Yor 7 Wochen Gelenkschmerzen: seit 3 Wochen Perikarditis konstatiert.
— Herz stark vergrößert; links hinten unten Bronchialatmen. Exitus. —
Autopsie: Pericardit. fibrin. haemorrh. obliter., non tubercul. Links
kleiner PleuraerguB. Auf der Pleura pulm. leichter Fibrinbelag.
Untersuchung des Ergusses. Linke Pleura: bei der Au-
topsie entnommen : kleiner rötlich gefärbter Erguß. R ) W. Häm : P =
70,3; L = 0,7; Mo = 4,7; Bnd=:15,7; ? = 8,7. Jen:P=64,3; L =
1,0; Mo = 5,3; End = 21,7; ? = 7,7%. Keine Piacards.
Nr. 26. ^17 Jahre. 27. Dezember 1904 bis 7. Januar 1905. Pneu-
mon. fibrin. Pleuritdext. — 23. Dezember in typischer Weise er-
krankt. — Großes Infiltrat des linken XJ.-L. 29. Dezember Krisis. Dämp-
fung bleibt bestehen ; lautes Bronohialatmen, abgeschwächter Fremitus.
Untersuchung des Ergusses. Rechte Pleura: Probe-
punktion 5. Januar: ganz wenig seröse Flüssigkeit, ß. } W. — Jen : P
= 51,7; L=14,3; Mo = 6,5; End =.24,8; ? = 2,8%.
Nr. 27. S 2 Jahre. 15. März bis 17. April 1905. Pleuritis
metapneumon. — Vor einigen Wochen Bronchialkatarrh. Bechts Dämp-
fung bis zur III. C, anfangs seröses, später eiteriges Exsudat ; hohes Fieber.
Thorakotomie. Exsudat besteht zum großen Teil aus festen Oerinnseln.
Tod an Herzschwäche. Autopsie: Empyemhöhle mit fibrinösen Auflage-
rungen.
Untersuchung der Ergüsse. Rechte Pleura. Probe-
punktion 1 6. März : serös, trübe, sehr reichliches Zentrifugat. B. ) W.
Ganz überwiegend P, ziemlich gut erhalten, einige Eo.
Neue Probepunktion 1. April: eiterig. W ^ B, überwiegend
P mit sehr plumpen Kernen. Spärliche End bzw. Mo, vereinzelte L.
Untersuchung der Serosa. Pleura pulm. Dicke Auflage-
rung mit spärlicher fibröser Substanz. Starke Infiltration, sehr viel große
helle Kerne, daneben besonders in den neugebildeten, weniger in den
subpleuralen Schichten reichlich gelapptkemige Zellen mit Kern zerfall,
auch extrazellnläre Kemtrümmer. Spärliche einkernige plasmareiche Zellen.
In der Pleur. cost. mehr kleine runde als gelappte Kerne.
Nr. 28. S 3^ Jahre. 24. September bis 14. November 1904. Ty-
phus abdom. Pleurit. d. — Mittelschwerer Verlauf; Agglut. = 1/50.
Keine Typhusbazillen nachweisbar. Boseolen; großer Milztumor. In der
5. Woche Pleuraerguß, der nach Punktion verschwindet.
232 XIV. LOBSBH
üntersnohnng des Ergnaset. Hechte Flenra: Prob^
punktion 17. Oktober: serÖB, reiohliohee Zentiifagat. W = R. Häm : P
= 0,7 ; L = 81,0 ; Ho -f End = 18,8. Keine Plaeards.
Nr. 29. ^23 Jahre. 13 Oktober 1904 bis 29. Januar 1905.
Typhus abdom. Pleurit sin. — Sehr schwerer Verlauf. Seit Ende
Oktober Pleuraerguß, nach 1 Monat eiterig, Thorakotomie.
Unterauehung des Ergusses. Linke Pleura: Punktion:
serös. W>R. Häm:P = d2,4; Mo + End 67,6. Jen:P = 42,8; find
-j- Mo =7 67,6. Sehr starke Degeneration besonders der End. KaiBe
Flaoards.
Nr. 30. S 26 Jahre. 21. — 28. NoYember 1904. Septiko-
pyämie. — 28. Oktober Sturs; nach 2 Tagen Fieber, „links Lungen-
entzündung*'. Hohes Fieber; rechts hinten Dämpfung. — Autopsie: Li
den iLsten der Art. pulm. septische Thromben. In£»rkte und nekrotische
Herde. Durchbruch in die rechten Pleura.
Untersuchung des Ergusses. Rechte Pleura: Probe-
punktion 23. November : rötlicher schleimiger Eiter. W ) R, überwiegend
P teils mit gut erhaltenen, teils mit plumpen Kernen und spärlichen,
leidlich färbbaren Oranula. Wenig End z. T. stark degeneriert; spar*
liehe L.
Untersuchung der Serosa. Pleura pulm. zellreich; große,
helle und kleine, runde, dunkle Kerne; keine gelappten Kerne; in der
flbrin. Auflagerung neben großen bläschenartigen reichlich gelappte Kerne.
Li der Pleura cost. einige poljnculeäre neben vielen mononucleären
Zellen.
Nr. 31. $ 5 Jahre. 17. Februar bis 3. März 1905. Empyema
pleurae dext. — Vor 2 Wochen plötzlich mit Lungenerscheinungen er-
krankt, Masemexanthem ? — Empyema necessitatis, rechte Seite total ge-
dämpft. Thorakotomie vorübergebende Besserung. --- Autopsie: abge*
schloBsene Empyemhöhle mit fibrinös- eiterig belegten Wandungen.
Untersuchung des Ergusses. Rechte Pleura: Thora*
kotomie 18. Februar: 700 com geruchloser Eiter mit großen Gerinnseln.
Nur W, oft bis zur Unkenntlichkeit degeneriert, meist P mit plumpen
schlecht farbbaren Kernen und spärliche Oranulation. Sehr viel Detritus.
Untersuchung der Serosa. Pleura pulm. verdickt, ihr Ge-
webe stark aufgelockert. In den weiten Maschen zwischen den Binde-
gewebsbündeln reichlich Erythrocyten und meist gelapptkemige, doch
auch kleine mononucleäre Zellen. Wenig große helle Kerne. Diese sind
in der Pleura cost. reichlicher, ebenso in den fibrinösen, faserarmen
Auflagerungen.
Nr. 32. c? 17 Jahre. 6. Januar 1905. Appendicitis gan-
raen. Peritonitis suppurat. diffus. — 13. Dezember an Blinddarm-
üb. die in der Pleura- u. Peritonealhöhle bei Entzünd. yorkommend. Zellen. 233
entaüodiug erkrankt; seit 31. Deaember VerBchlimmerang. — Moribund
eingeliefert. Starker MetaoriBmns. Puls 160 — 180. Temp. 40^ — An«
top sie: Diffuse eiterig fibrinöse Peritonitis mit 2 großen abgekapselten
Abscessen. Appendix ganz zerstört.
Untersuchung des Ergusses. Abdomen: Eiter bei der Au*
topsie entnommen; wenig erkennbare Zellen, teils einkernig, teils poly-
nncleär ; Granula meist nicht farbbar ; starke Yakuolisierung des Plasmas.
Sehr riel Detritus und Bakterien.
Untersuchung der Serosa. Darmserosa: geringe fibrinöse
Auflagerung; an einzelnen Stellen ist das Oewebe wenig, an anderen
stärker infiltriert. Neben großen, hellen vorwiegend kleinere, annähernd
runde, dunkel gefärbte Kerne, oft leicht eingekerbt, wenig gelappt-
kernige Zellen. In der Leberserosa und in der sie bedeckenden fibrinösen
Auflagerung vorwiegend große bläsohenartige, spärlicher gelappte Kerne.
Nr. 3 3. (J 10 Jahre. 23.— .-25. Februar. Appendicitis per-
forativa, Peritonitis suppurativa diffusa. — 18. Februar
plötzlich heftige Bauchschmerzen; häufig Erbrechen. Abdomen aufge-
trieben, über den unteren Teilen gedämpft. Inzision in der Cöcalgegend :
reichlich Eiter. Am Wurmfortsatz Geschwür und Perforation. Links
unten Oegenöffnung: ebenfalls reichlich Eiter. — Autopsie: diffuse
eiterig-fibrinöse Peritonitis.
Untersuchung des Ergusses. Abdomen: Eiter bei der
Operation entnommen. Vorwiegend Bakterien und Detritus, nur wenig
Zellen. B ) W. Starke Degeneration, P mit plumpen Kernen und
selten mit deutlichen Granula nicht immer von End und Mo zu unter-
scheiden.
Untersuchung der Serosa. Serosa des Proc. vermif.
sehr gefäßreich; stark infiltriert. Bindegewebe stark aufgelockert, in
seinen weiten Maschen reichlich Erythrocyten und Folynucleäre mit stark
zerfallenen Kernen ; in den tieferen Schichten mehr kleine, runde und große,
bläschenartige Kerne. Im Perit. pariet. weniger P, mehr spindelför-
mige Bindegewebskeme, geringe Auflockerung.
Es wurden von uns im ganzen 39 Ergüsse (bei 33 Patienten)
untersucht, darunter 27 der Pleura-, 10 der Peritoneal- und 2
der Perikardialhöhle. AufrenalemHydrops beruhten 4 Ergüsse
(Nr. 1 a und b, 2, 5 b). Davon zeigten 3 ein entschiedenes überwiegen
der End, während der Pleuraerguß Nr. 1 a auch ziemlich reichlich P
und L enthielt ; hier fand sich bei der Sektion ein Fibrinschleier auf
der Pleura pulmon. Durch allgemeineStauung bedingt waren
die Ergüsse bei Nr. 9: die des Perikards und der linken Pleura
enthielten vorwiegend End, der Ascites hauptsächlich L, während
in dem rechten Pleuraerguß über einer infarzierten Lunge die P
bei weitem überwogen. Ein gleiches Verhalten zeigte der Pleura-
erguß Nr. 10, wo die Lunge ebenfalls infarziert war. Durch lokale
234 XIV. LossKK
Stauung im Pfortaderkreislauf (Cirrbosis hepat. Carcinoma
hepat. etc.) waren 6. Ergüsse bedingt. Bei 4 davon (Nr. 3, 4, 7 und 8)
fanden sich überwiegend (mehr als '/J End, während ein älterer
Ascites (Nr. 5) etwas mehr L als End. enthielt, und ein anderer
ebenfalls lange bestehender, sehr oft punktierter (Nr, 6) neben reich-
lich L und End etwa ein Fünftel P enthielt, die in den anderen
Ergüssen nur sehr spärlich vorhanden waren. Wahrscheinlich infolge
einer Infektion traten in letzterem Falle unter leichten peritonitischen
Reizerscheinungen später ganz überwiegend P auf.
Von den entzündlichen Ergüssen waren 7 (Nr. 11—16)
sicher auf Tuberkulose zu beziehen, bei gleichzeitiger Tuber-
kulose der Lunge oder anderer Organe. Bei 3 bestand eine fort-
geschrittene Phthise, davon zeigten 2 (Nr. 11 und 12) überwiegend
lymphocytären Charakter, während ein mit Amyloidosis kompli-
zierter Pleuraerguß (Nr. 13 a) ebenso wie der entsprechende Erguß
der Bauchhöhle (Nr. 13 b) reichlich End und P in etwa gleichen
Mengen und nur wenig L enthielt. Ein ganz frischer Erguß (Nr. 14)
bei Caries ossium und beginnender Lungenspitzentuberkulose enthielt
ebenfalls in etwa gleicher Menge P und End, während die L ganz
zurücktraten. Ein hämorrhagischer Erguß bei Spondylitis tuberc.
zeigte vorwiegend L.
Pleuritiden unsicherer Ätiologie konnten wir 7 unter-
suchen. Bei 2 lange bestehenden (Nr. 21 und 23) herrschten die L
vor, in einem ziemlich frischen Erguß (Nr. 19), der auf Tuberkulose
verdächtig war, machten sie etwa die Hafte aus, bei reichlichem Vor-
handensein von P und End. Bei 3 anderen (Nr. 17, 18, 22) herrschten
die End. vor; in einem Fall (Nr. 20) mit positivem Ausfall der
Tuberkulinreaktion enthielt der Erguß anfangs Polynucleäre, darunter
einige Eo und Mst, fast in gleicher Menge wie End ; später nahmen
die ersteren, besonders die Eo, noch zu, während die End an Zahl
sehr zurückgingen. Ein vielleicht mit Bronchopneumonie kom-
binierter frischer Erguß bei einem Kinde (Nr. 24) enthielt etwa
^/g P und noch mehr End.
Ein als Komplikation einer schweren nicht tuberkulösen Peri-
karditis auftretender Pleuraerguß (Nr. 25) enthielt vorwiegend P.
Von 2 metapneumonischen Exsudaten zeigte das eine sehr
kleine und rasch verschwindende (Nr. 26) einen gemischtzelligen,
zwar vorwiegend polynucleären Charakter des spärlichen Sedimentes,
während das andere (Nr. 27) von vornherein sehr viele Zellen und
fast ausschließlich P enthielt; dieses wurde später eiterig. Von
2 Pleuraexsudaten im Verlauf eines Typhus zeigte eines (Nr. 28), das
üb. die in der Pleura- n. Peritonealhöhle bei Entzttnd. yorkommend. Zellen. 235
bei einmaliger Panktion verschwand, vorwiegend L, das andere
(Nr. 29), welches später vereiterte, neben End reichlich P.
Auf die Befände der eiterigen Exsudate (Nr. 30—33) soll hier
nicht näher eingegangen werden, sie enthielten stark degenerierte P,
daneben große einkernige, wohl als End anzusprechende Zellen und
nur einzelne L. Der Eiter bei Perforationsperitonitis enthielt re-
lativ sehr wenige stark degenerierte Zellen und bestand vorwiegend
aus Detritus und Bakterien.
Das untersuchte Material ist natürlich zu gering, um aus ihm
endgültige Schlüsse auf die Verwertbarkeit der Cytodiagnostik zu
ziehen. Dazu reicht auch ein viel größeres, einem einzelnen Be-
obachter zugängliches Material nicht aus, es müssen vielmehr da-
bei aUe diesbezüglichen Untersuchungen berücksichtigt werden.
Tun wir dies, so finden wir insofern eine Übereinstimmung unserer
Resultate mit denen anderer neuerer üntersucher, wie Czerno-
Schwarz und Bronstein (19), Vargas-Suärez (20), Preisig
und Flesch(8) u. a., daß die Ergebnisse nicht in das ursprüng-
liche Schema W i d a T s passen, welcher die cy tologische Formel für
die tuberkulösen Ergüsse als lymphocy tär, für die akut entzündlichen
als polynucleär und für die hydropischen als endothelial bezeichneta
Wie andere neuere Untersuchungen zeigen auch die unsrigen, daß
der Charakter der Exsudatzellen weniger von dem Ent«
Zündungserreger als von dem Grad der Entzündung
abhängig ist. Letzteres Moment scheint hier die Hauptrolle zu
spielen. Einerseits bewirken rasch einsetzende, starke Entzündungs-
reize und zwar nicht nur bakterielle, sondern auch mechanische wie
Lungeninfarkte ein reichliches Auftreten von P, andererseits finden
wir bei den gleichen Entzündungserregern in den Ergüssen vor-
wiegend einkernige Zellen, wenn dieselben geringere Wirkung ent-
falten. Dies zeigt sich in unseren Beobachtungen z. B. in dem ver-
schiedenen Verhalten der im Verlauf eines Typhus aufgetretenen
Ergüsse (Nr. 28 u. 29).
Was nun die tuberkulösen Ergüsse betrifi't, so zeigen sie des-
halb meistens eine lymphocytäre Formel, weil der ihnen zugrunde
liegende Prozeß einen wenig intensiven Entzündungsreiz darstellt
Daß es sich dabei nicht um eine spezifische Eigentümlichkeit des
Tuberkelbazillus handelt, geht schon daraus hervor, daß, wie
bereits von französichen Autoren beobachtet und auch im Tier-
experiment (Kölscher (23)), nachgewiesen wurde im ersten
Stadium auch in den tuberkulösen Ergüssen reichlich Polynucleäre
gefunden werden. Andererseits fanden D o p t e r und Tanten (24)
236 XIV. LossBN
auch in Pleuraergüssen bei oder nach Influenza fiberwiegesd
Lymphocyten. Der polynueleäre Charakter von Pleuraergüssen
bei bestehender Phthisis pulmonum ist nicht nur durch Misch-
infektion, sondern auch durch eine intensivere entzündliche Reizung
zu erklären.
Zur Verteidigung einer durch spezifische bakterielle Erreger
bedingten Lymphocytose werden öfters die Tierversuche von
Courmont und Arloing(25), Widal und Ravant(2) und von
Almkvist (27), die durch Injektion von Diphtherietoxinen und
Diphtheriebazillen fast ausschließlich L enthaltende Exsudate er^
zeugten, angeführt. Aber abgesehen davon, daß wir über die
Intensität der so in den Serösen verursachten Entzündungen nichts
Sicheres wissen, haben neuerdings Wolff und Torday (26) mit
verschiedenartigen Substanzen, bei der Maus sogar mit Bouillon
und sterilem Sand, den gleichen Effekt erreicht.
Zur Klärung der Frage, wie weit wir auf Grund des cyto-
logischen Befundes einen Schluß auf den tuberkulösen oder nicht-
tuberkulösen Ursprung einer sogenannten primären Pleuritis ziehen
können, fehlt es uns leider zu sehr an Merkmalen, die als Prüfstein
für die Verwertbarkeit der cytologischen Befunde dienen können,
zumal eine anatomische Eontrolle solcher Fälle nur selten möglich
ist. Wie weit wir im allgemeinen die Tuberkulose für die Ent-
stehung solcher scheinbar idiopathischen Pleuritiden anschuldigen
können, darüber sind die Ansichten noch immer geteilt. Die Tuber-
kulinreaktion kann bei der Häufigkeit alter auf Tuberkulin reagie-
render Herde hier nur bei negativem Ausfall als sicheres Kriterium
angesehen werden.
Ein eigentlich eosinophiles Exsudat sahen wir nur einmal bei
einer Pleuritis mit positivem Ausfall der Tuberkalinreaktion (Nr. 20)
sich entwickeln. In diesem Fall war jedenfalls eine stärkere
Dyspnoe, welche Vargas-Suärez (20) mit dem Auftreten von
reichlichen Eosinophilen in Zusammenhang zu bringen geneigt ist,
nicht vorhanden.
Von einigen Autoren wird das Auftreten eines vorwiegend
polynucleären oder lymphocytären Exudates von dem akuten oder
chronischen Verlauf des Entzündungsprozesses abhängig gemacht
und so die häufige Lymphocytose bei älteren tuberkulösen Exsu-
daten zu erklären versucht; so Earl (21) und Brion (22), der
allerdings bereits auf einige Ausnahmen von dieser Regel hinweist
Demgegenüber möchten wir nochmals auf das von uns und anderen
beobachtete Vorkommen von Lymphocyten in ganz akuten Ergflssen
üb. die in der Pleura- n. Peritonealhöhle hei Entzünd. vorkommend. Zellen. 237
sowohl beim Menschen als im Tierexperiment hinweisen. Die tuber*
kolösen Ergüsse und auch andere chronische Exsudate sind deshalb
so oft lymphocytär, weil hier der Entzfindungsreiz ein verhältnis-
mäfiig geringer ist Dasselbe kann aber auch bei akuten Prozessen
der Fall sein, wenn es auch hier seltener vorzukommen scheint.
Au£er der Art und der Intensität des Entwicklungungsreizes
kommt für den Charakter des Exsudates, wie Lewkowicz (31)
mit Eecht betont, auch die Reaktion des Organismus in Betracht
und diese scheint im einzelnen Fall individuell verschieden sein zu
können. In dieser Hinsicht verdienen die von Abady (32) mit-
geteilten Untersuchungen von Koger und Josu6 über den In-
halt der Vesikatorblasen bei verschiedenen gesunden und kranken
Individuen Beachtung.
Was die Endothelien betrifft, so finden wir solche in allen
Arten von Ergüssen. Sie beherrschen das Bild da, wo stärkere
Entzündnngsreize fehlen, also vor allem bei den durch allgemeine
oder lokale Stauung oder renalen Hydrops bedingten Ergüssen;
sie sind aber auch relativ reichlich in solchen Exsudaten, die ihre
Entstehung einem verhältnismäßig geringen Entzündungreize, der
^or eine spärliche Emigration hämatogener Elemente veranlaßt,
verdanken. In den Ergüssen mit vorwiegend lymphocytärem
oder polynucleärem Charakter kommen sie besonders in frühen
Stadien mitunter reichlich vor und zeigen hier oft phagocytäre
Eigenschaften gegenüber den P und R. Ein späteres Zurücktreten
derselben haben wir auch gelegentlich (Nr. 20) beobachtet. Es
kann zum Teil durch eine Zunahme der P oder L, zum Teil, wie
Xannyn (28) annimmt, durch die Bedeckung des Endothels mit
fibrinösen Auflagerungen bedingt sein. Andererseits kommt auch
eine allmähliche Zunahme der Endothelien im Erguß vor (Nr. 19),
die wohl durch die Abstoßung weiterer Teile des Serosabelages
oder durch Wucherungen an den Rändern der defekten Stellen, wie
sie Mönckeberg (15) beobachtete, verursacht ist
Auch in Stauungsergüssen können durch das Hinzutreten eines
Entzfindungsreizes neben den Endothelien andere Zellformen reich-
lich auftreten. In eklatanter Weise sehen wir das beim Lungen-
infarkt (Nr. 9 und 10), wie zuerst Barjon und Ca de (6) be-
obachteten ; femer beobachteten wir eine poly nucleäre Umwandlung
bei einem Stauungsascites (Nr. 6) infolge einer leichten Infektion.
Nicht immer aber handelt es sich um so sinnfällige Ursachen: bei
einer chronischen Nephritis enthielt der Pleuraerguß (Nr. 1 a) auffal-
lend viel Polynucleäre, die Sektion ergab einen leichten Fibrinbelag
238 XIV. LOSSEN
auf der Pleura pulmonalis. Bei selir lange bestehenden Stauungs-
ergüssen, besonders im Abdomen, scheint ein reichlicher Gehalt an
L öfter vorzukommen (Nr. 5 u. 9). Auch Achard u. Laub ry (29)
und S 0 u q u e s (30) beobachteten reichlich Lymphocjrten im Ascites
bei Lebercirrhose. Bezüglich der letzteren müfite noch untersacht
werden, ob die Lymphocystose in Zusammenhang mit der hier
nicht seltenen lokalen Tuberkulose des Peritoneum im Becken ge-
bracht werden kann; dieselbe kann bestehen, ohne daß am Peri-
toneum selbst sich sonstige Zeichen allgemeiner Entzündung —
Bötung, Fibrinabscheidung — finden. Andererseits ist die Mög-
lichkeit zuzulassen, daß die Anwesenheit eines Ergusses an und
für sich als ein schwacher chronischer Entzündungsreiz wirkt. Wir
finden ja auch nicht ganz selten bei chronischem Stauungsascites
anatomische Zeichen einer leichten chronischen Peritonitis.
Einen unmittelbaren sicheren Schluß können wir also aus der
Menge der Endothelien für die Frage: Entzündlicher oder Staunngs-
erguß? nicht ziehen, ihr fast ausschließliches Vorhandensein be-
rechtigt allerdings meist zu der Annahme des letzteren. Besondere
Bedeutung haben wohl größere Endothelverbände, „Piacards"; sie
finden sich in Stauungsergüssen besonders reichlich, bei st&rkeren
Entzündungsprozessen hingegen scheinen sie fast stets zu fehlen.
Am reichlichsten und größten fanden wir sie unter unseren Be-
obachtungen in den 2 Stauungsergüssen des Perikards (Nr.lb u. 9d),
wobei allerdings eine postmortale Desquamation nicht ausgeschlossen
ist. Immerhin waren sie größer und zahlreicher als in den post
mortem entnommenen Ergüssen anderer Körperhöhlen. — Zur Unter-
suchung von Ergüssen bei malignen Neubildungen der serösen
Häute hatten wir keine Gelegenheit.
Wenn wir nach dem Gesagten ein Ablesen der Diagnose aus
der cytologischen Formel nach dem Widarschen Schema für un-
möglich halten, so soll damit durchaus nicht geleugnet werden,
daß die cytologische Untersuchung der serösen Höhlenergüsse ein
wertvolles klinisches Hilfsmittel darstellt und unter Berücksichtigung
aller anderen Methoden wichtige diagnostische Anhaltspunkte zu
liefern vermag.
Die anatomische Untersuchung der Serosa war bei 19 Ergüssen
möglich. Wir haben dabei unser Augenmerk vorwiegend auf die
verschiedenen hier vorkommenden Zellformen gerichtet Wir fanden
im wesentlichen folgende Formen:
1. Lange schmale spindelförmige, mehr oder minder intensiv
gefärbte Kerne, z. T. von einem schwach gefärbten, ebenfalls lang-
Db. die in der Pleura- n. Peritonealhöhle bei Entzünd. vorkommend. Zellen. 239
gestreckten Plasmaleib umgeben. Sie liegen den Bindegewebs-
fasern eng an und finden sich meist in ziemlich regelmäßigen Ab-
stäDden, bald reichlicher, bald spärlicher in den verschiedenen
Präparaten.
2. Große, meistens ovale oder fast spindelförmige, seltener
runde, häufig unregelmäßig begrenzte, schwach gefärbte, bläschen-
artige Kerne mit deutlichem, distinktem Chromatingerüst und deut-
lichem KeiTikörperchen. Sie sind oft von einem unregelmäßigen,
unscharf begrenzten oder abgerundeten Zelleib umgeben.
3. Kleinere, annähernd runde, intensiv gefärbte Kerne, deren
Kontur selten kreisrund ist, vielmehr gewöhnlich eine oder auch
mehrere Einkerbungen und Einschnitte zeigt. Mitunter haben sie
leicht ovale oder Bohnenform. Ein Zelleib läßt sich um diese
Kerne nicht oder nur in Form eines feinen Plasmasaums erkennen.
4. Intensiv gefärbte, deutlich gelappte Kerne mit einem meist
deutlich sichtbaren, relativ großen, meist annähernd runden Zell-
leib. Die Kerne zeigen alle Übergänge von der beginnenden
Lappung bis zum völligen Zerfall in einzelne kleine, verschieden-
gestaltige, meist sehr stark färbbare Fragmente, die sich mitunter
auch extracellulär finden.
5. Spärliche Zellen mit einem vei*schieden großen, gewöhnlich
einheitlichen Kern und einem großen, meist polygonal gestalteten
Plasmaleib, in welchem man eine grobe schollige Körnung wahr-
nehmen kann.
Von diesen Zellformen können wir die sub 1 und 4 angeführten
ohne weiteres bekannten Gattungen einreihen. Nr. 1 erkennen wir
als typische Bindegewebszellen, Nr. 4 als polynucleäre bzw. poly-
moi*phkemige Leukocyten, wie wir sie in den gleichen Präparaten
neben größeren und kleineren mononucleären Zeilen in den Gefäß-
durchschnitten finden. Die unter 5 angeführten Elemente gehören
wohl zu der Gruppe der plasmareichen granulierten Zellen (Klas-
matocyten, Plasmazellen, Mastzellen), auf deren Spezifizierung und
Bedeutung hier nicht näher eingegangen werden soll. In den
sub 2 beschriebenen Formen dürfen wir wohl mit Gewißheit Ab-
kömmlinge von fixen Bindegewebszellen, junge gewucherte Fibro-
blasten, erblicken. Sie stimmen mit den Elementen, welche
Marchand (33), v. Büngener (34), Hammerl (35) u. a. in ihren
experimentellen Arbeiten über die bei der Entzündung vorkommen-
den Zellen beschrieben und als junge Fibroblasten angesprochen
haben, durchaus überein.
Schwierigkeit bereitet nur die Deutung der sub 3 geschilderten
240 XIV. LOSBBV
Zellen. Am meisten Ähnlichkeit zeigen sie besonders dnrch die
intensive Färbbarkeit ihres Kernes nnd die Kleinheit ihres Zell-
leibes mit den Lymphocyten. Doch tragen wir wegen der bedeu-
tenderen Größe nnd des oft etwas unregelmäßigen Kontnrs des
Kernes Bedenken, sie ohne weiteres mit den Lymphocyten des
Blutes zu identifizieren. Noch mehr unterscheiden sie sich von
den großen mononudeären Zellen, die Marchand nnd seine
Schfiler bei ihren experimentellen Untersuchungen besonders in
den früheren Stadien der Entzündung sowohl in den Gefäßen wie
außerhalb derselben reichlich beobachteten, die anfangs als grofie
mononucleäre Leukocyten betrachtet, später von Marchand (36}
als Adventitiazellen gedeutet wurden. Diese Zellen haben einen
viel gi*ößeren und schwächer gefärbten Kern, der sich mehr dem
der jungen Fibroblasten nähert Wir fanden sie öfters in Gefaß-
querschnitten, selten außerhalb dieser.
Gegen die Vermutung, daß es sich bei den sub 3 beschriebenen
Zellbildern etwa um Querschnitte durch typische spindelförmige
Bindegewebskerne handeln könne, spricht das Fehlen von quer-
getroffenen Bindegewebszügen in ihrer Umgebung. Auch von den
kleinen Eundzellen, welche wir bei den chronischen interstitiellen
Entzündungen, z. B. der Granularatrophie der Niere oft massenhaft
im Bindegewebe finden, unterscheiden sie sich durch die etwas be-
trächtlichere Größe und die weniger regelmäßige Gestalt ihres
Kernes und besonders durch ihre Anordnung, indem sie sich nicht
wie bei der erwähnten kleinzelligen Infiltration, in größeren oder
kleineren dichten Anhäufungen, sondern in beträchtlichen Abständen
voneinander ziemlich gleichmäßig im Gewebe verteilt finden. Ihre
Menge ist nicht nur in den verschiedenen untersuchten Fällen,
sondern oft auch in den verschiedenen Schichten der Serosa eine
sehr wechselnde.
Endlich kommt in Frage, ob diese Zellen eine Beziehung zu den
polymorphkernigen Leukocyten haben, ob es sich um ursprünglich
gelapptkernige Zellen, die infolge der Beschaffenheit ihrer Umgebung
an einer charakteristischen Entfaltung ihrer Kemform und ihres Zell-
leibes gehindert sind, handeln kann. Für diese scheinbar femliegende
Annahme spricht die kompakte Beschaffenheit und das hohe Tinktions-
vermögen ihrer Kerne, während ihr vor allem die geringe Größe des
Zelleibes im Vergleich mit dem der polynucleären Leukocyten zu
widersprechen scheint. Wir kommen auf die Frage nach der Be-
deutung der in Rede stehenden Zellen noch ausführlich zurück, nach-
dem wir einen Vergleich zwischen den in den flüssigen Ergüssen ge-
üb. die in der Pleora- u. Peritonealhöhle bei Entzttnd. vorkommend. Zellen. 241
fandenen und den im anatomischei» Präparat der Serosa nachweis-
baren Zellen, besondei*s in ihrem Mengenverhältnis, angestellt haben.
Von den im Erguß vorkommenden Zellformen finden wir in
der Serosa an£er den Oberflächenendothelien zunächst polynucleäre
Zellen; wir dürfen dieselben wohl durchweg mit den poljmucleären
neutrophilen Lenkocyten der Ergüsse identifizieren. In den wenigen
Fällen, in welchen das Exsudat eine größere Menge eosinophiler
Leukocyten enthielt, war eine anatomische Eontrolle nicht mög-
lich. Für die großen bläschenförmigen Kerne der Schnittpräparate
finden wir im Ausstrichpräparat kein Analogen. Wenn wir diese
Zellen als junge Fibroblasten ansprechen, so ist eine Auswande-
rung derselben in größerer Menge in das flüssige Exsudat un-
wahrscheinlich. Andererseits haben wir bereits oben bemerkt, daß
wir die Mehrzahl der größeren mononucleären Zellen der Ergüsse
als mehi* oder minder veränderte Endothelien anzusehen geneigt
sind. — Es bleiben die kleinen einkernigen Zellen der Exsudate,
die wir als Lymphocyten bezeichnet haben, übrig, und es fragt
sich, wie weit diesen die kleinen plasmaarmen Zellen mit annähernd
rnndem Kern in der Serosa entsprechen. Auf die Unterschiede der
letzteren gegenüber den gewöhnlichen Lymphocyten haben wir
oben hingewiesen.
Für die Entscheidung dieser Frage ist nun die Beachtung der
Mengenverhältnisse der einzelnen Zellformen im Erguß einerseits
und in der Serosa andererseits sehr wesentlich. Stellen wir einen
solchen Vergleich an, so finden wir als überraschendes Resultat in
einer ganzen Zahl der Fälle ein auffallendes Zurücktreten
der gelapptkernigen Formen in der Serosa, während sie im
Erguß reichlich vorhanden sind, und meistens ein fast völliges
Fehlen von extravaskulären Erythrocyten im anatomischen Präparate,
während die Mehrzahl der serösen Ergüsse mehr rote als weiße Zellen
enthält. Wenig tritt diese Differenz in der Menge der polynucleären
Zellen im Erguß und im Gewebe hervor, wenn sie in ersterem
überhaupt nur spärlich vertreten sind; dies gilt besonders von
denjenigen Ergüssen, deren Entstehung vorwiegend auf Stauung
oder renalen Hydrops zurückzuführen ist. Sie enthalten haupt-
sächlich abgestoßene Endothelien, und bei ihnen finden wir über-
haupt die Serosa am wenigsten verändert. Unter den Zellen herr-
schen hier meistens die mit großem hellem bläschenärtigem Kerne,
die wir als gewueherte Fibroblasten betrachten, mit allen Über-
gängen zu den typischen ßindegewebszellen vor, daneben finden sich
in wechselnder Zahl kleine rundkernige Zellen. Ähnlich verhalten
Deutsches Archiv f. klin. Medizin. 86. Bd. 16
242 XIV. Losmr
sieb die Fälle mit vorwiegend lymphocjrtärem Exsudat, bei welchen
wir neben den Fibroblasten meist reieblicher kleine, intensiv ge-
förbte, annäbemd runde Kerne im Gewebe finden. Auffällig aber
ist die erwähnte Differenz bei solchen Ergüssen, in denen die Poly-
nncleären reichlich oder überwiegend vorhanden sind (Nr. 13, 9 c, 10 1,
ja sogar bei einigen eiterigen Ergüssen der Pleura; hier finden
wir im Gewebe der Serosa und Subserosa nur ganz unverhältnis-
mäßig wenig gelapptkemige Zellen, während die große Mehrzahl
der Zellen einheitliche, annähernd runde, intensiv färbbare Kerne
und einen schmalen Plasmasaum besitzt. Nur in einem Fall von
eiteriger Peritonitis durch Perforation des Wurmfortsatzes (Nr. 33)
fanden wir in der Serosa der Appendix sehr reichlich polynncleäre
Zellen, während das Peritoneum parietalae auch hier vorwiegend
einkernige Elemente enthielt, und ebenso bei einem Empyema
pleurae (Nr. 31) in der mit starken fibrinösen Autlagerungen be-
deckten Pleura pulmonalis und costalis überwiegend polynncleäre
Leukocyten. In beiden Fällen war das Bindegewebe der Serosa
stark aufgelockert und in seinen weiten Maschen lagen reichliche
Anhäufungen dieser Zellen mit stark gelappten, oft zerfallenen
Kernen sowie zahlreiche Erythrocyten.
Wie erklärt sich nun diese auffallende Differenz in der Menge
der polynucleären Zellen im freien Erguß und im Gewebe der
Serosa, die wir bei der Mehrzahl unserer Beobachtungen fest-
gestellt haben?
Vorerst möchten wir dem Einwand begegnen, daß es sich bei
unseren diesbezüglichen Beobachtungen um chronische Entzündungen
handelte, und daß vielleicht die Zellen, die wir im Exsudat fanden,
einer wesentlich früheren Zeit entstammten als die jetzt noch im
Gewebe vorhandenen. Eine solche Annahme können wir aus-
schließen, denn es handelte sich durchaus nicht um alte Ergüsse,
sondern z. B. um Infarktpleuritiden, um eine in wenigen Wochen
tödlich verlaufende Sepsis und um eine ebenfalls noch ziemlich
frische Perforationsperitonitis. Es ist höchst unwahrscheinlich, daß
die Zellen dieser Exsudate sämtlich aus den ersten Stadien des
Entzündungsprozesses stammen sollen. Dagegen spricht schon die
bekannte rasche Regeneration von Ergüssen nach der Entleerung
durch Punktion ohne wesentliche Änderung ihrer cytologischen
Formel. Natürlich soll nicht bestritten werden, daß die Emigration
in den ersten Stadien am bedeutendsten ist und später mit dem
Nachlassen der Intensität des Prozesses abnimmt.
Zur Erklärung der geschilderten Differenz zwischen den im
üb. die in der Pleura- v. Peritonealhöhle bei Entzünd. vorkommend. Zellen. 243
Exsudat uDd den in der Serosa gefundenen Zellen gibt es u. E. zwei
Möglichkeiten. Einmal liegt der Gedanke nahe, dieDurchtritts-
geschwindigkeit der Zellen durch die Serosa dafür heranzu-
ziehen. Vielleicht wandern sie so rasch aus den Gefößen durch die
dünne Gewebsschicht hindurch in die freie Pleura- oder Peritoneal-
höhle, daß wir jeweils nur wenige auf dem schmalen Querschnitt
der Serosa finden. Diese Annahme erscheint besonders einleuchtend,
wenn man bedenkt, in wie kurzer Zeit oft ein großes zellreiches Ex-
sudat entsteht Sie würde auch das Fehlen der roten Blutkörperchen
im Gewebe in fast allen Schnittpräparaten erklären. Nur dort, wo
es zu einer massenhaften Zellauswanderung aus den Gefäßen und
gleichzeitig zu einer starken Auflockerung des fibrösen Gewebes
der Serosa kommt, sammeln sich in den Lücken des Bindegewebes
Erythrocyten und polynucleäre Leukocyten reichlich an.
Für die auch bei polynucleärem Charakter des Ergusses in der
Serosa so reichlich vorhandenen rundkemigen Zellen, müssen wir
dann annehmen, daß sie zu den Zellen des freien Höhlenergusses
in keiner Beziehung stehen, vielmehr zu jenen Elementen gehören,
welche unabhängig von den polynucleären Leukocyten sowie von
den fixen Bindegewebszellen sind und in verschiedenen Formen
auftreten können. Maxim ow (37), der ihnen den Namen Poly-
blasten gibt, nimmt an, daß sie hämatogenen Ursprungs sind oder
jedenfalls durch den Blutstrom dem Entzündungsherd zugeführt
werden, wofür neuerdings auch G. Schwarz (43) eintritt, der an
geeigneten Objekten Durchtrittsbilder von einkernigen Leukocyten
durch die Gefäßwand finden konnte, während Marchand (36) sie
von den Adventitiazellen ableitet. Sie sollen nicht nur mit den
grcßen mononucleären Zellen, sondern z. T. auch mit den Lympho-
cyten des Blutes übereinstimmen.
Eine andere Erklärung für die in Rede stehende Differenz der
Befunde im freien Erguß einerseits und in der Serosa andererseits,
wäre in der oben erörterten Annahme zu finden, daß die Zellen
mit einheitlichem, intensiv gefärbtem Kern, die wir auch bei vor-
wiegend polynucleären Exsudaten so reichlich in der Serosa finden,
aus gelapptkernigen Leukocyten hervorgegangen sind, welche durch
den Widerstand des sie umgebenden festgefügten Bindegewebes
an der Entfaltung ihres Zelleibes und an der Ausbildung der
gelappten Kemform verhindert werden. Die charakteristischen
Eigenschaften dieser Zellen können nur da hervortreten, wo es
die äußeren Bedingungen gestatten, z. B. im zirkulierenden Blute,
in den freien Ergüssen und dort, wo eine hochgradige Durch-
16*
244 XIV. LOBSEN
tränkung und Auflockerung des Gewebes darch rasche reichliche
Bildung eines flüssigen Exsudates in demselben stattgefunden hat
und die Umgebung der Zellen sich dadurch in ihrer Beschaffenheit
einem flüssigen Medium nähert.
Diese Deutung steht in Einklang mit den Anschauungen
Neumann's (38) über die wechselnde Erscheinungsweise der
weißen Blutkörperchen. Neumann geht von seinen Studien am
Froschblut und den direkten Beobachtungen einer Umwandlung
des Leukocytenkerns durch Ran vier (39), Arnold (40), Law-
d 0 w s k y (44), Metschnikoff (41) u. a. aus und beruft sich ferner
auf das häufig bei experimentellen Entzündungen beobachtete früh-
zeitige Auftreten von Lymphocyten im Exsudat und ihre spätere
Verdrängung durch polynucleäre Zellen sowie auf sein eigenes be-
kanntes Experiment der Erzeugung eines polynucleären Exsudates
bei Lympbämie (42). Er nimmt auf Grund dieser Tatsachen an,
daß die Zellen „mit abgerundeten, eingebuchteten, polynucleären
Kernen nicht aufeinander gesetzmäßig folgende Entwicklangs-
zustände einer Zelle sind", oder gar zwei voneinander genetisch
ganz unabhängigen Systemen angehören, sondern daß „diese Bilder
unter äußeren Einflüssen in einer und derselben Zelle abwechselnd
regellos auftreten können". Dabei kommt vielleicht ein aktives
Bewegungsvermögen des Kerns, vornehmlich aber ein Einfluß der
Veränderungen des kontraktilen Protoplasmas auf die Kemgestalt
zur Wirkung. „Die Lymphocyten sind Zellen, welche vermöge der
in ihnen schlummernden Kräfte mit der Tendenz, sich zu vergrößern
und freie Beweglichkeit zu gewinnen, begabt sind, zur Entfaltung
dieser Kräfte bedürfen sie günstiger äußerer Bedingungen, es muß
ihnen vor allem die Möglichkeit gegeben werden, sich aktiv zu be-
wegen, diese fehlt oder ist wenigstens sehr beschränkt, solange sie
vom Blutstrom fortgetragen werden. Sie beginnt erst, wenn diese
Zellen an der Gefäßwand zur Ruhe kommen und wenn sie in ein
von einem Exsudatstrom durchtränktes Gewebe hineingelangen; je
fltissigkeitsreicher das Gewebe dabei wird, desto größer wird der
Spielraum für die von ihnen auszuführenden Bewegungen, desto
leichter und schneller erreichen sie die Akme ihrer Entwicklung
in bezug auf Größenwachstum und Beweglichkeit Dasselbe gilt
in noch höherem Maße, wenn sich infolge des Entzündungsprozesses
Flüssigkeitsansammlungen in natürlichen Hohlräumen oder im Ge-
webe ausbilden und die Lymphocyten in dieselben hineingeraten.''
Darauf beruht es nach Neumann, daß wir bei akuten, mit
starker Exsudation verbundenen Entzündungsprozessen vorwiegend
üb. die in der Pleura- u. Peritonealhöhle bei Entzünd. vorkommend. Zellen. 245
^ße polynucleäre Zellen finden, wogegen bei chronischen Ent-
zündungen den Zellen in dem relativ trockenen Gewebe „der
Spielranm zur Ansfahrnng von Bewegungen fehlt oder sehr be-
schränkt ist".
Nach dieser Annahme einer Variabilität der Leukocyten lassen
sieb unsere Befunde leicht erklären; allerdings sind es nicht nur
chronische, sondern auch, wenigstens im klinischen Sinne, akute Ent-
zündungen, bei welchen wir das fibröse Gewebe der Serosa nur
wenig aufgelockert und in seinen Spalten nur spärliche gelappt-
kernige neben zahlreichen rundkernigen Zellen finden. Offenbar
findet auch hier die Mehrzahl der Zellen an der festgefügten Be-
schaffenheit des Gewebes ein Hindernis zur Entfaltung ihres Zell-
leibes und der Ausbildung einer gelappten Kemform und somit
zur Möglichkeit einer intensiven Fortbewegung. Nur jeweils
wenige Zellen sind in der günstigen Lage, diese Hindernisse zu
überwinden ; das sind die wenigen Polynucleären, die wir im Schnitt
finden. Diese sind gerade im Wandern begriffen, während die
anderen auf ihrer Wanderung, sei es dauernd oder nur vorüber-
gehend, durch äußere Hindernisse aufgehalten sind. Dort, wo ein
sehr hochgradiger Entzüngungssreiz eine sehr reichliche flüssige Exsu-
dation verursacht, wodurch das fibröse Gewebe stark aufgelockert
wird, findet die große Mehrzahl der emigrierten Zellen für die Ent-
faltung ihrer polynucleären Form günstige Bedingungen.
Hier wie dort gelangt schließlich wenigstens ein Teil der Zellen in
den freien Höhlenerguß. Welche Form sie dort annehmen, wird wieder
von äußeren Bedingungen abhängen, je nach den Aufgaben, die sie
finden, werden sie in ihrer großen gelapptkemigen oder in ihrer
kleinen rundkemigen lymphocytären Gestalt erscheinen. Ein solches
verschiedenes Verhalten der Leukocyten in freien Höhlenergüssen
ist nach den uhitarischen Anschauungen Neumann's bezüglich
der weißen Blutkörperchen sehr wohl denkbar. Er nimmt ja auch
an, daß diese Zellen im zirkulierenden Blute nicht immer Veran-
lassung zur Entfaltung ihrer polynucleären Form haben. In den
Ergüssen wird es vornehmlich von der Stärke des Entzündungs-
reizes abhängen, ob sie ihre gelapptkernige oder ihre rundkemige
Form annehmen. Bekanntlich wurden phagocytäre Erscheinungen
bisher nur an polynucleären bzw. gi'oßen mononucleären Leuko-
cyten, nicht an den kleinen Lymphocyten beobachtet.
Es erscheint uns daher unberechtigt, daß Vargas-Suärez (20)
einen Gegensatz zwischen der von ihm und auch von uns geteilten
Anschauung, daß geringfügige Beize eine Lymphocystose, eine starke
246 XIV. LossiN
Reizung hiDgegen das Auftreten zahlreicher Polynucleärer im freien
Höhlenerguß hervorruft, und der Neumann 'sehen Hypothese kon-
struiert, indem er sagt, „mit der Saftarmut der Gewebe bat das
nichts zu tun". Die erstere Hypothese ist nur die Deutung der Eesul-
täte einer großen Reihe eigener und fremder Beobachtungen über
den cytologischen Befund in Höhlenergüssen, diejenige Neumann 's
ein Erklärungsversuch für die Verschiedenartigkeit der bei Ent-
zündungen auftretenden Zellformen. Neumann 's Anschauung ist
nicht auf dem Boden der Untersuchungen menschlichen Materials,
sondern vornehmlich auf dem des Tierexperimentes entstanden und
wird auch auf diesem Weg^ weitere Beweise oder ihre Wider-
legung finden. Neumann selbst betrachtet sie noch nicht als
exakt bewiesen. Hier kam es nur darauf an, zu erörtern, wie weit
wir in dieser Hypothese eine Erklärung für unsere oben mitge-
teilten Befunde finden können.
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XV.
Aus dem pathologischen Institut Bern.
Über familiäres Vorkommen plötzlicher Todesfälle bedingt
dnrch Status lymphaticns.
Von
Privatdozent Dr. med. Ernst Hedinger^
1. ABsfBtenten am pathologischen Institut, gew. Volontärassistenten an der könIgL med.
Klinik in Königsberg i. Fr.
In der ausgedehnten Literatur über plötzliche Todesfälle im
Kindesalter finden sich verschiedene Angaben, nach denen mehrere
Angehörige der gleichen Familie meist unter ganz ähnlichen klini-
schen Symptomen plötzlich ad exitum kommen.
So erwähnt schon im Jahre 1614 Felix Plater, wie ich
einer Arbeit über plötzlichen Tod durch Thymushypertrophie in
gerichtlich-medizinischer Beziehung von Barack entnehme, eines
5 monatlichen Knaben, der, wie früher 2 Kinder der gleichen Familie,
unter heftigen, mit einem eigentümlichen Geräusche verbundenen
Dyspnoeanfällen plötzlich zugrunde ging. In der Bearbeitung der
Krankheiten der Thymusdrüse in Gerhardt 's Handbuch der
Kinderkrankheiten führt Heu n ig eine Beobachtung von Weber
an, die nach letzterem für ein familiäres Vorkommen einer Thymus-
hyperplasie spricht. In einer Familie, in der schon 2 Säuglinge,
die allerdings nicht seziert wurden, unter Erstickungsanfällen schnell
gestorben waren, zeigte die Autopsie bei einem ähnlich verstorbenen
5 monatlichen Säugling eine außerordentlich starke Hypertrophie
der Thymus; ein im 8. Monat geborenes Kind der gleichen Familie
zeigte ebenfalls eine mäßige Hyperplasie der Thymus.
Barack erwähnt bei der Anamnese seines zweiten Falles,
daß 2 Kinder der gleichen Familie ohne vorhergehende Erkrankung
im Bett tot aufgefunden wurden. Friedjung führt bei der Mit-
teilung eines Falles, bei dem eine unerhebliche fieberhafte Er-
über familiäres Vorkommen plötzlicher Todesfälle etc. 249
krankang bei einem 6 Monate alten Kind mit exquisitem Status
lymphaticus unter Hyperpyrexie zum Tode geföhrt hat, an, daß ein
Bruder des Kindes im Alter von wenigen Monaten, nachdem er
einen 8 Tage dauernden Darmkatarrh durchgemacht hatte und
vom Arzte schon als gesund erklärt worden war, plötzlich auf den
Annen der Mutter verschied.
£ine Beobachtung, die ebenfalls für das Vorhandensein einer
familiären Thymushyperplasie spricht, verdanken wir Avellis.
In seinem Artikel über typischen inspiratorischen Stridor der
Säuglinge, in welchem der Beweis einer den Stridor bedingenden
Tracheostenosis thymica geführt wird, erwähnt der Autor einen
Fall von familiärem inspiratorischem Stridor. In der gleichen
Familie litten 2 Kinder, das eine gleich nach der Geburt, das
andere erst 2 Monate nachher unter starkem Stridor und zwar in
dem Maße, daß die Kinder zeitweise blau wurden. Wie Avellis
angibt, hat auch Moritz Schmidt eine ähnliche Beobachtung
gemacht. In einer Familie litten 3 Kinder an chronischem Säug-
lingsstridor und starben daran. Das 4. Kind litt ebenfalls an
Säuglingsstridor, blieb aber am Leben und entwickelte sich später
normal. Eine Autopsie scheint bei den von Schmidt beobachteten
Kindern nicht vorgenommen worden zu sein, wenigstens wird eine
solche nicht erwähnt.
Über eine außerordentlich hohe Sterblichkeit der Kinder aus
einer anscheinend ganz gesunden Familie berichtet Perrin in
den Annales de medecine et Chirurgie infantiles. In einer Familie
mit 11 Kindern starben — wie ich einem Referat der Münchener
medizinischen Wochenschrift 1903 entnehme, da mir das Oiiginal
nicht zugänglich war — 9 Knaben. Nach einem geringen Unwohl-
sein, das wenige Tage dauerte, verfielen sie in einen Zustand tiefer
Somnolenz und waren meistens in weniger als einer Stunde ver-
schieden. Zwei Mädchen leben und sind gesund. Der Vater ist
strenger Alkoholiker. Eine Erklärung für diese auffallend hohe
Mortalität kann Perrin nicht geben, da eine Autopsie nicht ge-
macht wurde.
Eine ähnliche hohe Kindersterblichkeit in der gleichen Familie
zeigt unsere Beobachtung. Auf Veranlassung von Herrn Dr.
Schwander in Münchenbuchsee nahmen wir mit Herrn Professor
Howald am 22. September 1899 bei dem 6 Jahre alten Mädchen
J. K., das ganz plötzlich verstorben war, die Autopsie vor. Der
Anamnese, deren genauere Daten wir zum großen Teil der Liebens-
250
Würdigkeit Ton Herrn Dr. Schwander verdanken, entnehmen wir
zunächst folgendes:
Das Kind J. K., das am 27. Dezember 1893 geboren wurde, er-
freute sieb im großen und ganzen stets einer guten Gesundheit. Es ent-
wickelte sich in physischer wie psychischer Beziehung vollkommen normal.
Ea spielte mit den übrigen Kindern, ohne jemals über Atemnot oder
Herzklopfen zu klagen. Den £ltem fiel nie etwas Abnormes am Kinde
auf. Im März 1899 fiel das Kind aus scheinbar völligem Wohlsein
plötzlich bewußtlos um und wurde im höchsten Grade cyanotisch. Herr
Dr. Schwander fand damals das Kind völlig bewußtlos und im höchsten
Grade cyanotisch. Die Pupillen waren weit, der Kornealreflex war er-
loschen. Der Puls war sehr frequent und kaum fühlbar. Von Zeit zu
Zeit stieß das Kind durchdringend hohe Töne aus. Der ganze Anfall
dauerte ca. 2 — 3 Stunden. Gegen Ende des Anfalles verschwand die
Cyanose des Gesichtes allmählich, um einer starken Blässe Platz zu machen.
Das Kind erbrach reichlich schlecht geronneues und z. T. noch flüssiges
Blut. Auf diesen Blutverlust hin, der von Herrn Dr. Schwander aof
Verletzung der Zunge zurückgeführt wurde, kehrte das Bewußtsein wieder
zurück. Die subjektiven Klagen des Mädchens nach dem Anfall waren
nur Müdigkeit und * starkes Durstgefühl. Im Verlaufe des nächsten Tages
verschwanden aber auch diese Symptome vollständig. Das Kind war in
der folgenden Zeit wieder völlig munter. Am 21. September 1899 war
das Kind mit den Eltern auf dem Felde mit der Kartoffelernte be-
schäftigt, als es plötzlich ohne Weitere Prodrome umfiel, bewußtlos und
höchst cyanotisch wurde. Die rasch herbeigerufene Hebeamme versuchte
die Cyanose durch künstliche Atmung zu heben ; aber schon nach einigen
tiefen Atemzügen trat der Exitus ein.
Die weitere Familienanamnese lieferte folgende höchst interessante
Tatsachen: Von 9 Kindern der Familie sind jetzt schon 5 Kinder einea
ähnlichen, ganz plötzlichen Todes gestorben. Die drei ersten Kinder
starben schon im und am ersten Anfall und stets aus scheinbar völliger
Gesundheit heraus.
Zuerst starb ein Knabe im Alter von 5 Jahren und 3 Monaten.
Hier ging dem Anfall langdauerndes, kaum zu stillendes Nasenbluten
voraus. Der Knabe stieß einen Kinderwagen auf dem Felde, als er plötz-
lich umfiel und blau wurde. Nach wenigen Minuten war er eine Leiche.
Erbrechen, Krämpfe, Schaum vor dem Munde wurden nicht beobachtel
Der zweite Todesfall betraf ein 6 jähriges Mädchen, das vorher mit
Ausnahme sich öfter wiederholender Mandelentzündungen stets gesund
gewesen war. Über Kopfschmerzen, Kurzatmigkeit oder Herzklopfen
klagte es nie. Der Tod ereilte es beim Spielen in der Scheune. Plöts-
lieh wurde es bewußtlos und fiel dabei mit dem Kopf auf einen Pflog
nnd zog sich dadurch eine Schädel Verletzung zu. Nach wenigen Minuten
war es eine Leiche. Der Tod wurde damals auf die Schädelverletsung
zurückgeführt. Nach Aussagen der Eltern war aber diese Verletzung
gar nicht schwer und die Möglichkeit einer schweren Verletzung gar nicht
vorhanden, so daß ihnen damals diese Todesursache recht unwahrschein-
lich war. Eine Sektion wurde leider nicht vorgenommen.
über familiäres YoAommen. plOtiiichttr TodesfUie etc. 251
Ein drittes Kind wurde ihnen im Alter von 3 Jahren nnd 16 Tagen
aaf ganz ähnliche Weise plötzlich entrissen. Das Mädchen litt, trotzdem
es an der Matterbmst aufgezogen wurde, außerordentlich lange unter
Diarrhöen. Zeichen von Kurzatmigkeit oder Herzstörnngen waren nie
vorbanden. Bei einer Sektion des Oehims soll nach Aussagen der
Eltern nur Hyperämie konstatiert worden sein. Leider konnte uns der
damals behandelnde Arzt keine Ausklmft mehr geben.
Ein viertes Kind endlich erlag im Alter von 5 Jahren und 4 Mo-
naten einem kurzdauernden Anfall von Cyanose und Bewußtlosigkeit.
Auch hier ereilte der Tod das Kind auf dem Felde. Diesem Anfall
waren schon 2 Anfalle von Cyanose und Bewußtlosigkeit ohne Krämpfe,
Torangegangen. Während der Anfälle soll das Kind in ähnlicher Weise
geschrien haben, wie das von uns sezierte Mädchen.
Durch diese Todesfalle erschreckt, suchten die Eltern ihre Kinder
möglichst vor schwerer Arbeit und allzu anstrengenden Spielen zu
schützen, bis sie das kritische Alter von 6 Jahren überschritten hätten.
So war auch das zuletzt verstorbene Kind nie zu schweren Arbeiten
verwendet worden.
Vier Kinder leben nnd sind gesund. Das älteste Kind, ein bei der
Aufnahme der Anamnese am 22. September 1899, 18 Jahre altes Mäd-«
eben, ein 11 jähriger Knabe und ein 9 Jahre altes Mädchen zeigten nie
ähnliche Anfölle. Hingegen hat ein 3 jähriges Kind im Alter von
2 Jahren einen leichten Anfall von Cyanose durchgemacht.
Die Eltern (Vater 56 Jahre, Mutter 53 Jahre alt) sind völlig ge-
sund. Sie haben nie unter ähnlichen Anfällen zu leiden gehabt. Die
beiden Ehegatten sind einander ziemlich nahe verwandt, indem ihre Väter
Brüder waren. Der Mann ist strenger Potator. Die weitere Familien«
anamnese ist ohne Belang.
Die am folgenden Tag, den 23. September 1899 vorgenommene
Autopsie lieferte, auszugsweise mitgeteilt, folgenden Befand :
Für sein Alter gut entwickeltes Kind mit kräftiger Muskulatur und
reichlichem Panniculus. Totenstarre gut ausgebildet. Auffallend starke
Ausbildung der Livores.
Der Pectoralis ist kräftig, von normaler Farbe und Transparenz.
Bas subkutane Fett ist reichlich, hellgelb.
Das Zwerchfell steht in der Mammillarlinie links im 5., rechts im
4. Interkostalraum.
Leberrand in der Mammillarlinie 2 cm unter dem Rippenbogen. Die
Därme sind etwas aufgetrieben. Ihre Serosa glatt und glänzend. Im
kleinen Becken einige Tropfen klarer seröser Flüssigkeit. Harnblase leer.
Genitalien in normaler Lage.
Bei der Eröffnung des Thorax springt sofort die stark vergrößerte
Thymus vor. Sie ist deutlich zweilappig; die einzelnen Lappen sind
8^2 ^^ Ifti^g; cl^o größte Breite der beiden Lappen zusammen beträgt
6 cm, die größte Dicke 2 cm. Das Gewebe ist auf der Schnittfläche
sehr blutreich.
252 XV. HsDiMGER
Die Langen sind ziemlich stark retrahiert, frei. In den Flearahohlen
findet sich nur gans wenig klares Serum. Die Lungen sind groß; ne
sind gut lufthaltig, blutreich, in den abhängigen Partien findet man ge-
ringes Ödem. Die Bronchialschleimhaut ist hyperämisch. Im Herzbeutel
ca* 5 cm klaren Serums. Herz groß. Die Spitze ist vom linken Ven-
trikel gebildet. Die Konsistenz ist beidseitig gut. Mitralis für den Zeige-
finger gut durchgängig. In der linken Herzhälfte wenig flüssiges Blni
Tricuspidalis gerade für 2 Finger durchgängig. In der rechten Hen-
hälfte etwas mehr, z. T. geronnenes Blut. Die Klappen zeigen mit Aus-
nahme einiger streifigen Verfettungen an der Ventrikularfläche des langen
Mitralsegels keine Veränderungen. Umfang der Mitralis 70, der TricuB-
pidalis 77 mm. Die Aorta ascendens, die dicht oberhalb der Klappen
im Umfang 40 mm mißt, zeigt einige kleine gelbe Trübungen der Intima.
Der linke Ventrikel ist deutlich erweitert ; das Endokard ist diffus sehnig
verdickt. Die Wanddicke links beträgt 10 mm, rechts 3 mm. Die
anderen Herzhöhlen sind normal weit. Die Muskulatur des Herzens
2®igt guten Blutgehalt und gute Transperenz. Auch mikroskopisch lassen
sich nirgends Verfettungen nachweisen. Das Foramen ovale ist ge-
schlossen.
Die Zunge zeigt sehr stark entwickelte Balgdrüsen. Die Tonsillae
palatinae groß. Die submaxillaren Lymphdrüsen, die unteren Oervikal-
drüsen und wenn auch bedeutend weniger die Bronchialdrüsen sind sehr
stark vergrößert, blutreich. Die Schleimhaut von Larynx und Trachea
ist sehr hyperämisch, ebenso diejenige des Pharynx. Die Schilddrüse
ist etwas vergrößert, blutreich.
Die Milz ist doppelt so groß wie in der Norm, von guter Kon-
sistenz. Die Pulpa ist braunrot, von normaler Konsistenz. Die Follikel
sind sehr zahlreich und groß, trüb.
Die Nebennieren zeigen keine Besonderheiten. Die Nieren, die
normal groß sind, zeigen ausgesprochene Stauungsbyperämie. Im übrigen
sind sie, wie auch ans der mikroskopischen Untersuchung hervorgeht,
vollkommen normal. Der Magen darmtraktus ist ebenfalls sehr hyper-
ämisch; die Peyer'schen Plaques des Dünndarmes und die SolitärfoUikel
in Dünn- und Dickdarm sind sehr stark entwickelt; die Peyer*schen
Plaques springen stark beetartig vor. Die mesenterialen, periportalen
und retroperitonealen Lymphdrüsen sind sehr stark geschwellt; ihr Oe-
webe ist hyperämisch.
Die Leber ist etwas groß und zeigt ebenfalls ein sehr hyperämisches
Gewebe. Die Schädel- und Hirnsektion ergibt außer starker Hyperämie
der Hirnhäute und der Hirnsubstanz keine Veränderung.
Da von verschiedenen Autoren, namentlich von Richter
darauf hingewiesen wurde, daß manchen Fällen von plötzlich er-
folgtem Tode eine Kapillärbronchitis zugrrunde liegt, haben wir
die Lungen auch mikroskopisch genauer untersucht, ohne außer
Hyperämie etwas Pathologisches entdecken zu können. Die feineren
Bronchien sind nirgends affiziert, enthalten weder Schleim noch
Eiter. Die Nieren erwiesen sich bei der mikroskopischen Unter-
über familiäres Vorkommen plötzlicher Todesfölle etc. 253
sochung, wie ich bereits im Sektionsprotokoll erwähnt habe, als
normal. Die Untersuchung der Milz und der Lymphdrüsen zeigte
ein Bild, das, wie wir in einer anderen Arbeit an Hand eines
größeren Materials von Status lymphaticus noch genauer aus-
fobren werden, fast in allen solchen Fällen wiederkehrt und das
far die ganze Auffassung des Krankheitsprozesses von Belang
sein muß.
Die Follikel der Milz sind sehr groß, sie messen im Durchschnitt
^3-l mm, einige bis zu Vj^ mm. Schon bei Lupen Vergrößerung er-
kennt man einen zentralen hellen Teil, der die Hauptmasse der Follikel
aasmacbt und einen schmalen peripheren Lymphocytensaum. Die helle
zentrale Zone besteht aus einer Anhäufung teils rundlicher, teils unregel-
mäßig geformter Zellen, zwischen denen sich hier und da feinste Septen
aus spindelförmigen Zellen finden. Die Kerne der rundlichen Zellen sind
meist rund oder oval, von etwas verschiedener Größe. Die größeren sind
meist doppelt, hier und da auch 3 — 4 mal so groß wie Lymphocytenkerne,,
die kleineren zeigen ungefähr den gleichen Durchmesser wie die benach-
barten Lympbocyten. Die Kerne sind wenig chromatinreich mit deut-
licher Kemmembran und einem meist ganz zarten Chromatinnetz. In
vielen Kernen sind Kernkörperchen vorhanden. Der Zelleib ist meist
nur unscharf begrenzt, vielfach kaum erkennbar. Zwischen diesen Zellen
findet man spärliche Lymphocyten.
Kach der äußeren Lymphocytenzone hin hat man einen ganz all-
mählichen Übergang von den hellen Zellen zu den Lymphocyten. Kern-
teilangsfigoren sind nirgends erkennbar (das Präparat wurde in Sublimat
fixiert). Die Follikelarterien zeigen vielfach hyaline Umwandlung der
Wand, namentlich der Intim a. In manchen ist auch das Lumen voll-
kommen von Bluthyalin ausgefüllt. Die kapillaren Venen in der Pulpa und
namentlich auch größere Venen sind, wenn auch nicht durchwegs, so
doch sehr häufig so reichlich mit Zellen gefällt, daß ganz leukämieähn-
liche Bilder zustande kommen. Die Zellen stellen zum großen Teil
Lymphocyten dar; daneben findet man große einkernige Zellen mit ex-
zentrisch gelagertem eingebuchtetem Kern und homogenem Zelleib, also
Zellen, die den großen mononucleären Zellen Ehrliche im Blut ent-
sprechen, dann in geringer Zahl größere Zellen mit zum Teil leicht ge-
körntem Zelleib und bläschenförmigem mäßig chromatinreichem Kerne,
vielfach wohl losgelöste Endothelien und endlich in geringer Zahl mehr-
kernige Leukocyten und Zellen mit eigentümlichen Cbromatinfiguren, von
denen es nicht mit Bestimmtheit zu entscheiden ist, ob sie als Degene-
rationserscheinungen oder eventuell als mangelhafte konservierte Kern-
teilungsfiguren aufzufassen sind.
Einzelne dieser Gefäße sind prall mit roten Blutkörperchen gefüllt.
Die Arterien enthalten mit Ausnahme des oben erwähnten Hyalines in
den Follikelarterien keine oder nur ganz spärliche Zöllen.
Die Pulpa, Trabekel und Kapsel zeigen sonst keine weiteren Ver-
änderungen.
Die mikroskopische Untersuchung mehrerer Lymphdrüsen zeigt im
254 ^^' Hbdinokb
Bereich der £ixideiuab8tanz ebenfalls große helle randliche oder OTsle
Herde, 1 — 1^/, mm und mehr groß, die im wesentlichen einen ähnlicbra
Bau zeigen wie die oben beschriebenen Herde in den Milzfollikeln.
Man findet auch hier vorwiegend große rundliche Zellen mit großem, den
Lymphocytenkern um das 2 — 5 fache übertreffenden bläschenförmigen
Kern. Die Kerne sind meist mäßig ohromatinreich und lassen oft 1 bis
2 Kernkörperchen erkennen. Außer diesen rundlichen Zellen sieht man
unregelmäßig geformte Zellen mit teils ovalem, teils vielfach eingebacb-
tetem hellen bläschenförmigen Kern.
Dazwischen liegen auch hier lange spindelförmige Zellen und spär-
liche Lymphocyten. Der Übergang in die Zone der Lymphocyten ist
auch hier ein allmählicher. Kemteilungsfiguren sind nicht nachweisbar.
Die Markstränge zeigen keine Besonderheiten. Die Lymphsinus sind
meist nur undeutlich zu erkennen; vielfach sind sie mit Lymphocyten
und größeren rundlichen Zellen mit bläschenförmigem Kern angefällt.
Die Blutgefäße sind strotzend mit roten Blutkörperchen gefüllt. An-
häufungen von Lympho- und Leukocyten in den Blutgefäßen sind in
dem Maße, wie in den Venen der Milz, hier nirgends nachweisbar.
Die Thymus fällt anf Schnitten schon bei Betrachtung mit der Lupe,
durch die starke Ausbildung der Marksubstanz auf, die meist über die
Hälfte der einzelnen Läppchen einnimmt. Die Abgrenzung der Mark-
stränge gegen den Rand hin ist oft unscharf, so daß oft keimzentren-
artige Bildungen in der ßinde zustande kommen. Die feinere Zusammen-
setzung der Markstränge zeigt außer ziemlich reichlichen Hassarsehen
Körperchen im großen und ganzen ein ähnliches Bild wie die hellen
Herde in Milz und Lymphdrüsen. Neben reichlichen Lymphocyten finden
sich größere rundliche oder polymorphe Zellen mit einem teils rund-
lichen, teils unregelmäßig geformten hellen bläschenförmigen Kern, der
den doppelten bis dreifachen Durchmesser eines Lymphocytenkemes auf-
weist. Endlich findet man spärliche rundliche, bedeutend größere Zellen
mit auffallend hellem großen Kern und dann sehr reichliche, teils klei-
nere, teils größere rundliche Zellen mit meist kleinem chromatinreichem
Kern, der bald zentral, bald exzentrisch gelagert ist und einem mit
von meist ziemlich groben rundlichen mit Eosin sich intensiv färbenden
Granulationen dicht durchsetzten Protoplasma. Ein bindegewebiges Reti-
kulum ist nicht deutlich ; hier und da durchziehen neben größeren dicht mit
Erythrocyten gefüllte Kapillaren schmälste kapillare Gefäße die Markstränge.
Die Rindensubstanz zeigt die gewöhnliche Zusammensetzung aus Lympho-
cyten, zwischen welche hier und da größere vereinzelte rundliche Zellen
mit bläschenförmigem, mittelgroßem hellen rundlichen Kern liegen.
Die dicht unter den bindegewebigen Septen gegen die Rindensub-
stanz gelegenen Gefäße zeigen im Lumen neben reichlichen Erythrocyten
sehr reichliche Lymphocyten und spärliche multinucleäre Leukocyten.
Den gleichen Inhalt findet man zum Teil auch in den kleineren Gefäßen
der bindegewebigen Septen, während die größeren Venen und die Ar^
terien entweder leer sind oder neben roten Blutkörperchen in einer dem
normalen prozentuarischen Verhalten im Blute entsprechenden Menge
Lympho- und Leukocyten enthalten.
I^r famili&res Vorkommen plötzlicher Todesfälle etc. 255
Wir fanden also, wenn wir die Hauptpunkte des Sektions-
protokolls zusammenfassen, eine sehr erhebliche Vergrößerung der
Thymus (das Gewicht wurde leider nicht genommen, da die Thymus
mit den Lungen zusammen damals noch demonstriert werden sollte),
dann eine erhebliche Vergrößerung fast sämtlicher Lymphdrüsen
des Körpers, eine starke Hyperplasie der Peyer'schen Plaques und
der SolitärfoUikel im Verdauungstraktus, starke Schwellung der
Tonsillae palatinae und der Balgdrüsen des Zungengrundes, Ver-
größerung der Milz und ihrer Follikel und endlich eine ziemlich
starke exzentrische Hypertrophie des linken Ventrikels, Die
meisten Organe, namentlich die Abdominalorgane, zeigten starke
Hyperämie. Die mikroskopische Untersuchung von Lymphdrüsen
and Milz ergab das Vorhandensein von sehr großen keimzentren-
artigen Bildungen in den Sekundärknötchen und den Follikeln und
in der Milz vielfach eine starke Anfüllung der kapillaren Venen und
auch der größeren Venen mit vorzugsweise Lymphocyten. In der
Thymus wiegen die Markstränge bedeutend vor; auch hier findet
man, wenn auch seltener als in der Milz, vielfach Gefäße mit
reichlichen Lymphocyten in ihrem Lumen.
Wir gehen hier auf diese anatomischen Befunde deswegen
nicht näher ein, weil wir sie, wie schon erwähnt, im Zusammenhang
mit anderen Fällen genauer beschreiben werden. Bei der Unter-
suchung mehrerer Fälle mit Status lymphaticus bei plötzlichem
Tod und bei interkurrenten Krankheiten fanden wir vielfach Ver-
änderungen, die uns erlauben, gewisse Übergänge des Status lym-
phaticus zur Pseudoleukämie und zur Leukämie anzunehmen.
Nach der Anamnese handelt es sich, wenn wir hier die Daten noch
einmal kurz rekapitulieren, um ein 6 Jahre altes Mädchen, das nach
einem 6 Monate vor dem Tode plötzlich auftretenden Anfall von
Bewußtlosigkeit und höchster Cyanose einem zweiten kurz dauernden
ähnlichen Anfall erlag. Wenn wir die Beschreibung des Anfalles
durch den behandelnden Arzt Dr. Schwander vergleichen mit der-
jenigen, die Pott für das Asthma thymicum gegeben hat, so finden
wir darin die weitgehendste Ähnlichkeit. Nach Pott sind die Er-
scheinungen, unter denen der Tod erfolgt, stets die gleichen.
„Plötzlich biegen die Kinder den Kopf nach hinten, machen eine
lautlose, nach Luft schnappende Inspirationsbewegung, verdrehen
die Augen nach oben, die Pupillen erweitern sich. Das Gesicht,
namentlich die Lippen werden blitzblau und schwellen an. Die
Zunge zeigt sich zwischen die Kiefer eingeklemmt, schwillt um das
Doppelte an, ist stark cyanotisch, etwas was nach oben gerollt und
256 XV. Hedinojsr
fest an den Gaumen angepreßt. Die Halsvenen, stark geschwellt
und prall gefällt, treten als dicke Stränge deutlich hervor. Die
Hand wird mit ungeballtem Daumen zur Faust geballt, die Finger
cyanotisch. Der Unterarm steht in krampfhafter Pronations- und
Ädduktionsstellung. Die unteren Extremitäten sind gestreckt, die
große Zehe etwas abduziert und dorsal flektiert Die Wirbelsäule
wird im Bogen stark nach hinten gekrümmt. Einige blitzartige
Zuckungen der Gesichtsmuskeln und einige vergebliche schnappende
Inspirationsbewegungen erfolgen, aber kein Laut, kein zischendes
Eindringen von Luft durch die Stimmritze wird gehört. Auf ein-
mal löst sich der Krampf, das Gesicht verfärbt sich, wird aschgran;
die Cyanose läßt nach, die Zunge und die Lippen werden llyid
und nach höchstens 1 — 2 Minuten ist das Eind eine Leiche."
Der Ähnlichkeit der klinischen Erscheinungen nach und in
Berücksichtigung des Ergebnisses der Autopsie können wir mit Be-
stimmtheit einen Fall von sogenanntem Thymustod oder Tod in-
folge eines Status lymphaticus annehmen. Das Interessante und
Neue dieses Falles ist namentlich darin gelegen, daß vor diesem
Kinde schon vier Geschwister unter ganz ähnlichen klinischen
Erscheinungen plötzlich ad exitus kamen. Die Kinder standen un-
gefähr im gleichen Alter, zwischen 5 und 6 Jahren, nur ein Kind
war bei Eintritt des tödlichen Anfalles 3 Jahre alt. Eine Autopsie
wurde nur bei dem jüngsten Kinde vorgenommen, die aber, wenigstens
nach Aussagen der Eltern, nur eine Hyperämie des Gehirns — die
übrige Sektion wurde nicht gemacht — ergab. Ein Kind erlag erst
dem 3. Anfall von Bewußtlosigkeit und Cyanose, die übrigen Kinder
starben schon bei dem ersten AnfalL Alle Kinder starben aus
völliger oder doch nur kaum gestörter Gesundheit heraus, nur bei
einem Kinde wurde langdauerndes Nasenbluten und bei einem
anderen sich oft wiederholende Mandelentzündungen angegeben.
Trotz des Fehlens einer Sektion bei diesen Kindern glauben
wir bei der vollkommenen Übereinstimmung der klinischen Symptome,
unter denen die Kinder ad exitum kamen, die gleiche pathologisch-
anatomische Ursache für diese plötzlichen Todesfälle verantwortlich
machen zu dürfen. Wir werden in der Annahme eines familiären
Status lymphaticus noch bestärkt durch gewisse anamnestische An-
gaben und dann durch die Untersuchung der noch lebenden Kinder.
Bei einem Kinde werden oft sich wiederholende Mandelentzündungen
angegeben, welche wohl auf eine Hyperplasie der Tonsillen zorück-
zuführen sind. Die Untersuchung des jüngsten, 3 Jahre alten
Kindes, das mit 2 Jahren einen leichten Anfall von Cyanose durch-
über familiäres Vorkommen plötzlicher Todesfälle etc. 257
machte, ergab das Vorhandensein maltipler Drüsenschwellungen
im Halse, in der Achselhöhle und in den Leistenbeugen. Eine
Dämpfung im Bereiche der Thymus war nicht nachweisbar. Die
Milz war nicht palpabel. Zeichen yon Rachitis fanden sich nicht;
Oberhaupt waren bei keinem der Kinder diesbezügliche anam-
nestische Daten zu erheben. Bei den übrigen 3 lebenden Kindern
waren damals 1899 keine Zeichen eines Status lymphaticus nach-
weisbar.
Die Ursache für das Auftreten dieser familiären Hyperplasie
des lymphatischen Systems ist uns unbekannt. Die analogen Be-
obachtungen in der Literatur sind zu spärlich, als daß sie darüber
Aufklärung geben könnten. Ob in unserem Falle die nahe Ver-
wandtschaft der Eltern der Kinder oder der Alkoholabusus des
Vaters — ähnlich wie in der früher zitierten Beobachtung von
Perrin — als ursächliche Momente herangezogen werden müssen,
ist schwer zu entscheiden.
Was die weitere Anamnese der Familie K betrifft, so sind
bisher keine neuen Todesfälle vorgekommen. Sämtliche Kinder,
auch das jüngste, das bei der Untersuchung im Jahre 1899 eine
Hyperplasie der Lymphdrüsen zeigte, haben sich gut entwickelt.
Anfälle von Cyanose und Bewußtlosigkeit wurden an demselben nie
mehr beobachtet.
Es wurde mir durch die gütige Vermittlung von Herrn Dr.
Schwander ermöglicht, das jüngste Kind, das jetzt im Alter von
8 Jahren steht, am 21. Mai dieses Jahres zu untersuchen. Dasselbe
ist gut entwickelt, ohne pastösen Habitus. Am Halse findet man
multiple kleine Drüsenschwellungen, auf die ich aber deshalb nicht
zu viel Gewicht legen möchte, weil das Kind im vergangenen
Winter an einem ausgedehnten Ekzem des Kopfes litt, von dem
jetzt noch einige Besiduen zu finden sind. Die Tonsillae palatinae
sind etwas groß, ohne aber hyperplastisch genannt werden zu
können. Die Balgdrüsen am Zungengrund sind nicht vergrößert.
Lungen und Herz zeigen normale perkutorische und auskultatorische
Verhältnisse. Eine Thymusdämpfung ist nicht nachweisbar. Die
Milz ist perkutorisch nicht vergrößert, nicht palpabel. Die übrigen
Abdominalorgane weisen nichts Besonderes auf. Die Axillar- und
Inguinaldrüsen sind deutlich fühlbar, aber kaum vergrößert. Das
Kind zeigt also noch eine gewisse Hyperplasie seines Lymphdrüsen-
systems, eine Hyperplasie, die sich aber vom normalen Verhalten
nur wenig unterscheidet.
Dtntaches Archiv f. kUn. Medizin. 86. Bd. 17
2Ö8 XV. HsDocGSB, Ober familiftrei Vorkommeii plOtdielMr Todesfalle etc.
Literatur.
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Perrin, M., Rascher Tod von 9 Kindern eines Alkoholiken. Annale! de m^
decine et Chirurgie infantiles 1903.
Pott, Jahrbuch f. Kinderheilkunde Bd. XXXIV.
XVI.
Ans der Eönigl. medizin. Universitätsklinik zn Königsberg i. Pr.
(Direktor: Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Li cht heim).
Ein unter dem Bilde eines operablen EnckenmarkstnmoTB
Terlanfender Fall Ton Meningomyelitis chranica.
(Beiträge zur Diagnostik operabler Rückenmarkstumoren.)
Ton
Dr. G. Joachim,
I. Assistent der Klixük.
(Mit Tafel H.)
In den letzten 15 Jahren wnrde in der hiesigen Klinik in
4 Fällen die Diagnose auf einen operablen Rückenmarks-
tumor gestellt, und die betreffenden Patienten der chirurgischen
Klinik zur Operation überwiesen. Die beiden ersten dieser FäUe
sind bereits in einer Sitzung des hiesigen Vereins für wissenschaft-
liche Heilkunde am 18. Oktober 1891 von Geheimrat Lichtheim
besprochen worden und sind, soweit es mir aus der Literatur be-
kannt ist, nach' dem Falle von G o w e r s und H o r s 1 e y *) die
ersten überhaupt publizierten Fälle dieser Art. Zu diesen kamen
dann später noch 2 Fälle hinzu, die in dieselbe Kategorie hinein-
zugeboren schienen. In den 3 ersten dieser 4 Fälle wurde die
Diagnose durch die Operation bestätigt : es fanden sich kleine, von
der Dura mater ausgehende Geschwülste, die das Rückenmark kom-
primierten und die ohne Schwierigkeit ausgeschält werden konnten;
in allen 3 Fällen handelte es sich um Psammome.
Für den 4 Fall traf das nicht zu; es fand sich kein Tumor;
dagegen zeigte das Rückenmark und seine Häute eigentümliche
Veränderungen, deren Aufklärung erst bei der Autopsie bzw. der
mikroskopischen Untersuchung möglich war.
1) Gowers u. Horsley (Repr. from Vol. LXXI of the Medico^Chirnrgical
Transacdons 1888'
17*
260 XVI. Joachim
Bevor ich auf diesen letzten Fall ansfahrlicher eingehe, will
ich zunächst ein kurzes Sesümee von dem Verlauf der 3 ersten
Fälle geben, hauptsächlich um die Ähnlichkeit des Sjrmptomen*
bildes bei vei*schiedenartigen Affektionen zu demonstrieren and so
die im letzten Falle gestellte Fehldiagnose zu motivieren.
Fall I: 41jährige Instmannsfrau.
P/g Jahre vor der Aufnahme Kältegefühl und Schmerzen in den
Füßen, 3 Monate später zunehmende Steifigkeit und Schwäche des linken,
dann auch des rechten Beines, heftige Parästhesien in den Beinen,
namentlich dem linken. Vor 3 Monaten anfallsweise auftretende Schüttel-
fröste, begleitet von Zuckungen in den unteren Extremitäten. Keine
erheblichen Störungen der Harn- und Kotentleemng.
Bei der Aufnahme (23. April 1890): An den inneren Organen
normaler Befund. Spastische Parese beider Beine, am linken erheblich
stärker. Sensibilitätsstörungen an der unteren Körperhälfle bis hinauf
zu einer Linie, die 4 Querfinger breit unterhalb des Nabels horizontal
um den Körper verläuft, links ebenfalls stärker als rechts. Unterer
Bauchdeckenreflex und linker Patellarreflex erloschen. Bechter Patellar-
reflez gesteigert.
In der Klinik: Zunahme der Bewegungsstörungen an den Beinen
bis zur totalen Paraplegie.
Operation in der chirurgischen Klinik (Prof. Mikulicz)
(19. Juni 1890): Entfernung der Wirbelbögen des 8., 9. und 10. Brust-
wirbeis. Die Geschwulst, ein Psammom, sitzt links in der Höhe des
9. Wirbels und komprimiert das Rückenmark von hinten und links, so
daß dasselbe etwas gedreht ist. Ausschälung des Tumors; 2 Tage nach
der Operation Tod an Streptokokkenmeningitis.
Fall 11: 42 jährige Kaufmannswitwe.
1 Jahr vor der Aufnahme Parästhesien in der Lendenwirbelsäale
und im linken Bein, ^/^ Jahr später auch im rechten Bein. IJnbedeatende
Schmerzen. Gürtelgefühl, Gangbehinderung. Seit 4 Monaten erhebliche
Zunahme der Gangstörang, unwillkürliche Zuckungen in den Beinen.
Seit 2 Monaten totale Lähmung der Beine, Urinretention, später totale
Inkontinenz. Obstipation.
Bei der Aufnahme (28. August 1890): Spastische, fast totale
Lähmung der Beine und gesteigerte Sehnenreflexe. Hochgradig herab-
gesetzte Sensibilität an den Beinen und am Jßumpf, hinaufreichend bis
zu einer gürtelförmig vorn in der Höhe dcB 7. Proc. spinös, um den
Thorax herumgehenden Grenze. Incontinentia urinae.
In der Klinik: Heftige, in die Beine ausstrahlende Schmerzen.
Operation in der chirurgischen Klinik (Prof. Mikulicz)
(25. September 1890): Eröffnung des Wirbelkanals durch Abmeißelang
des 5. — 7. Proc. spinös. Da kein Tumor gefunden wird, Einfuhrung
der Sonde in den eröffneten Duralsack, die 2. Wirbel höher auf einen
Widerstand stößt. Abmeißelung des 3. und 4. Proc. spinös. Es findet
sich ein längliches Psammom in der Höhe des 3. Brustwirbels, von der
Innenfläche der Dura ausgehend, das die Medulla spinalis von rechts her
Fall von Meningomyelitis chronica. 261
komprimiert. £x8tirpation des Tamors und Excision eines Stückes Dura
mater. 13 Tage nach der Operation beginnende Bückkehr der Be-
wegungen in den Zehen. Innerhalb eines Jahres völlige Wiederherstellung
der Motilität und Besserung der Sensibilität. Vorübergehende Ataxie.
Bei der Entlassung: Geringe Hypästhesie in dem früher schon
lädierten Gebiete. HalbgürtelfÖrmige rechtsseitige, total anästhetische Zone,
der Mitte des Thorax entsprechend.
Fall III: 47jährige Polizeigehilfenfrau.
Seit 3 Monaten zunehmende Schwäche der Beine, gürtelförmige, um
die untere Thoraxapertur herumziehende, nicht in die Beine ausstrahlende
Schmerzen. Blasenstörungen.
Bei der Aufnahme (20. Mai 1898): Diffuse Parese beider Beine.
Erhebliche Herabsetzung der Sensibilität an den Beinen und am Rumpfe
bis hinauf zu einer gürtelförmig in der Höhe des 3. — 4. Brustwirbels
verlaufenden Begrenzungslinie. Am Bauch und an den Ober- und Unter-
schenkeln fast völlige Anästhesie. An den Füßen geringfügige Hyp-
ästhesie. Sehnenreflexe leicht gesteigert. Geringfügige Blaseninkontinenz.
Keine Deformität der Wirbelsäule.
In der Klinik: Hochgradige Aufgeregtheit, Schlaflosigkeit; dabei
konstante Klagen über Gürtelschmerzen in der Höhe der unteren Brust-
apertur.
Nach ca. 4 Wochen wird das linke Bein total paralytisch.
Patientin wurde dann zunächst entlassen und bekam bald darauf
eine Lähmung des rechten Beines und totale Incontinentia urinae.
Bei der 2. Aufnahme (5. Dezember 1898): Gystitis mit Bact.
coli. YoUkommene Lähmung beider Beine mit geringen Spasmen.
Sensibilität für alle Qualitäten herabgesetzt bis zu einer ringförmigen
Linie in der Höhe des 4. Proc. spinös, dorsalis, vorn bis zur 4. Rippe.
Sensibilität der Beine weniger gestört als die des Bumpfes, die der
rechten Körperhälfte weniger als die der linken. Nirgends vollkommene
Anästhesie. Sehnen- und Hautreflexe an den unteren Extremitäten ge-
steigert.
Operation in der chirurgischen Klinik (Prof. v. Eiseis-
berg) (22. Dezember 1898): Entfernung des 5. — 1. Brustwirbeldoms
und der entsprechenden Teile der Bogen. In der Höhe des 2. und
1. Proc. spinoB. findet sich hinten und rechts zwischen Dura und Mark
ein spindelförmiger, mäßig weicher, rötlicher Tumor, der sich leicht aus-
schälen läßt. Länge 2,7 cm. Breite 1,8, Dicke 1,3. Bückenmark stark
komprimiert und zur Seite gedrängt. Oberhalb und unterhalb des Tumors
eine Ansammlung von Cerobrospinalflüssigkeit. Am 5. Tage nach der
Operation Tod an Pneumokokkenmeningitis.
In den 3 hier mitgeteilten Fällen war das Symptomenbild das
einer Querschnittsläsion des Rückenmarks und zwar einer solchen,
die eine langsame Entwicklung von der einen Seite des Rücken-
marks her zeigt. Außerdem ließ sich nichts nachweisen, was für
eine Propagation des Prozesses in vertikaler Richtung gesprochen
hätte vielmehr wies alles nur auf eine horizontale Ausbreitung
2B2 S:VL JoACBUf
hixL, ein Umstand, der, wie wir später sehen werden, für die Tnmor-
diagnose von ausschlaggebender Bedeutung ist. Und da man femer
mit Rücksicht auf die initialen Schmerzen, die allerdings in den
beiden ersten Fällen recht unerhebliche waren, annehmen konnte,
daß das erste Stadium der Krankheit sich in der Nähe der Nerven-
wurzeln abspielte, so lag der Gedanke nahe, daß es sich um einen
von den Meningen ausgehenden, mithin operablen Tumor handeln
könne.
Die Sichtigkeit dieser Erwägungen wurde durch die Operation
erwiesen.
Um so lehrreicher ist der 4. Fall, bei dem ebenfalls die Disr
gnose auf einen operablen Rückenmarkstumor gestellt wurde, bei
dem sich aber, wie schon erwähnt, eine ganz andersartige Affek-
tion vorfand.
Ich lasse zunächst wieder einen Auszug der Ki*ankengeschichte
folgen:
Fall IT: 49jährige Steueraufseherstraa.
Familienanamneae ohne Belang. Patientin hat keine Kinder, hat
dagegen eine Frühgeburt durchgemacht. Sonst keine anamnestiBche
Daten für überstandene Lues.
Die ersten Krankheitesymptome begannen im April 1899, 3^/^ Jahre
▼or der Aufnahme in die Klinik. Sie bestanden in einer leichten
Schwäche beider Beine, namentlich des linken. Patientin konnte noch
alle Bewegungen mit den Beinen ausführen, ermüdete jedoch leicht.
Gleichzeitig zeigte sich eine geringe Schwäche der Harnblase, insofern
ab öfters einige Tropfen Urin unmittelbar vor oder auch nach der
Harnentleerung unwillkürlich abflössen. Diese Beschwerden hielten in
wechselnder Intensität etwas über ein Jahr an. Dann erfolgte innerhalb
2 Monaten eine nicht unerhebliche Verschlimmerung, die vor allem in
einer Zunahme der Schwäche des linken Beines sowie in SensibihtätB-
Störungen bestanden. Patientin hatte damals ein Gefühl von E^ribbeln
and Brennen im linken Fuß, das sich allmählich nach aufwärts ver-
breitete und schließlich bis auf Kreuz und Hüfte überging. Dann setzte
es sich auf den Leib fort, und zwar auch auf die rechte Seite; schließ-
lich bestand auch eine Art von GürtelgefÜhl. Parallel mit dem Auftreten
dieser Parästbesien ging eine allmählich stärker werdende Abnahme des
Gefühls im linken, weniger auch im rechten Bein einher.
£ine weitere Verschlimmerung trat im Oktober 1901 ein. Damals
stellten sich zunächst heftige zuckende Schmerzen in den Beinen, be-
sonders im linken ein, die von dort nach oben in den Leib und in den
Bücken ausstrahlten, manchmal sich auch bis in die Brust und in die
Oberarme fortgesetzt haben sollen. Die Häufigkeit dieser Schmeraattacken
wurde mit der Zeit geringer; dagegen nahm die Schwäche der Beine
beständig zu, so daß Patientin seit dem Frühjahr 1902 vollkommen ans
Bett gefesselt war. Dabei stellten sich unwillkürUche , kundauemd«
Fall von Meninogmyelitis chronica. 263
Bewegungen ia den Beinen ein, die in blitzartigen Beugungen und
Streckungen in Hüft-, Knie- und Pußgelenk bestanden.
Die ürinentleerungy die nach yorübergehenden Störungen im Beginn
der Erkrankung wieder lange Zeit ganz normal war, begann im Juni 1903
wieder Störungen im Sinn einer Inkontinenz zu zeigen. Störungen der
Stnhlentleerung bestanden nicht.
An Kopf und oberen Extramitäten wurden nie Störungen der
Sensibilität oder Motilität bemerkt.
Der bei der Aufnahme in die hiesige medizinische Klinik (25. Juni
1902) erhobene Befnndwar folgender:
Mittelgroße Frau. Kolossal entwickeltes Fettpolster. An Brust-
und Bauchorganen normaler Befund. Kleine Perforation des weichen
Gaumens. Im ITrin eine Spur Albumen, spärliches, aus Eiterkörperchen
bestehendes Sediment.
Sensorium, Intelligenz, Sprache normal. Keine Störungen SMtens
der Himnerven. Vollkommen normales Verhalten der Hals-, Brust- und
Armmuakeln. Geringe Schwäche der Bauchmuskulatur.
Untere Extremitäten:
Hechts: Abduktion im Hüftgelenk fast aufgehoben, die übrigen
Bewegungen etwas schwächer als normal. Auch im Kniegelenk nur ge-
linge Schwäche Ton Beugung und Streckung. Fuß und Zehen mit
normaler Kraft und in normalem Umfange beweglich.
Links: Im Hüftgelenk fast keine aktive Bewegung möglich.
Beugung im Ejiiegelenk ebenfalls fast aufgehoben, Streckung noch etwas
erhalten. Schwäche sämtlicher Bewegungen im Fußgelenk und in den
Zehengelenken. Mäßige Spasmen in beiden Beinen.
Geringe Steigerung der Fatellar- und Achillessehnenrefleze. Beider-
seits Babinskisches Phänomen. Bauchreflex erhalten. Während der
Untersuchung treten wiederholt unwillkürliche Bewegungen (Beugungen
im Hüft- und Kniegelenk, auch Fußbewegungen) auf.
Die Prüfung der Sensibilität, bei der sich die Parästhesien
störend geltend machten, ergab eine für alle Erapflndungsqualitäten
gleichmäßige Herabsetzung derselben an der unteren Körperhälfte, unter-
halb einer annähernd horizontal verlaufenden, durch den Proc. ensiformis
gelegten Linie. Außerdem befand sich unterhalb der angegebenen Grenze
ein Bezirk fast vollständiger Anästhesie und Analgesie an der linken
Bücken- und Bauchseite, der im Hypogastrium noch auf die rechte
Bauchseite übergri£F. Eine Zone etwas geringerer Hypalgesie resp.
-ästheaie befand sich am Außenrande des linken und am Innenrande des
rechten Fußes.
Das Gefühl für passive Bewegungen, sowie das Lagegefükl waren
an den Beinen ziemlich erheblich gestört.
Es bestand vollkommene Rententio urinae. Die Stuhlentleerung
war normal. — Normales elektrisches Verhalten sämtlicher Muskeln.
Innerhalb der ersten 2 Monate ihres Aufenthaltes in der Klinik
ergab die Beobachtung der Patientin abgesehen von einer Zunahme der
Oystitis keine wesentliche Änderung des Befundes. Dann trat nach
einer Periode heftiger, krampfartiger Schmerzen im Bauch und in den
Beinen ganz plötzlich eine erhebliche Zunahme der Parese der Beine,
264 XVI. Joachim
namentlich des linl^n ein. Die Sensibilitätsstörangen blieben unverändert
bestehen; die Spasmen an den unteren Extremitäten wurden stärker.
Schließlich trat noch eine minimale Schwähe des linken Mundfacialis
und Sypoglossus zu dem Symptomenbilde hinzu.
Die Lumbalpunktion ergab einen normalen Liquor, dem etwas
frisches Blut beigemischt war.
Um noch einmal kurz zu rekapitulieren, so handelte es sich
in diesem Fall offenbar um eine langsam fortschreitende spastische
Paraparese der unteren Extremitäten, wobei das linke Bein mehr
betroffen war als das rechte. Alle Symptome wiesen also auf eine
unvollkommene Querschnittsläsion des Dorsalmarkes hin. Die ge-
nauere Lokalisation, für die die Sensibilitätsstörungen einen An-
haltspunkt boten, machte, da die obere Grenze der Sensibilitäts-
störungen scharf zu bestimmen war, keine besonderen Schwierig-
keiten. Die Läsion mußte etwa in der Höhe des 6. und 7. Dorsal-
segments gelegen sein.
Was die Art der Querschnittsläsion betraf, so schien es sich
um einen Prozeß zu handeln, der zuerst die linke Hälfte des
betr. Rückenmarkssegmentes ergriff, um allmählich auch die rechte
Hälfte in Mitleidenschaft zu ziehen. Abgesehen von der in aller-
letzter Zeit beobachteten, äußerst geringen Facialis- und Hypo-
glossusparese war von einer Propagation der Affektion in verti-
kaler Richtung nichts zu konstatieren gewesen; die Annahme einer
Tumorbildung war also sehr naheliegend. Gegen einen von den
Meningen ausgehenden Prozeß sprach allerdings das vollkommene
Fehlen der Schmerzen als Initialsymptom ; die später aufgetretenen
Schmerzen konnte man auf eine sekundäre Beteiligung der Meningen
an dem pathologischen Prozeß zurückführen. Trotzdem konnte eine
Operabilität des vermeintlichen Tumors doch wenigstens nicht sicher
ausgeschlossen werden, zumal da die initialen Schmerzen in den
ersten beiden operierten Fällen auch recht unbedeutende waren;
und da eine in der Klinik eingeleitete Inunktionskur von keinem
Erfolg begleitet gewesen und somit eine luetische Rückenmarks-
affektion unwahrscheinlich erschien, entschloß man sich zur opera-
tiven Eröffnung des Wirbelkanals.
Die Operation wurde in der hiesigen chirurgischen Klinik
am 3. November 1902 von Dr. Bunge ausgeführt.
Nach Entfernung der Wirbelbögen des 5.-7. Brustwirbels lag
die Dura zutage. Dieselbe war mit den Wirbelbögen nicht ver-
wachsen, erschien jedoch stark verdickt; an einer Stelle war ein
flaches Knochenplättchen eingelagert. Nach Eröffnung des Dura-
Fall Ton Meningomyelitis chronica. 265
Sackes drang die Sonde nach oben weit zwischen Bückenmark and
Dura herauf, nach unten wurde die Herumführung der Sonde durch
eine sagittale, leicht trennbare Verwachsung zwischen Dura und
Pia verhindert Ein Tumor wurde nicht gefunden. — Reaktions-
lose Wandheilung.
Seit der Operation bestand eine vollkommene Paraplegie beider
Beine bis auf geringe Bewegungen der Zehen des rechten Fußes.
Neben den fortbestehenden Blasenstörungen traten nunmehr auch
Mastdarmstörungen auf. Vom 10. Tage nach der Operation be-
standen wieder sehr heftige Schmerzen und Zuckungen in den Beinen.
In der 4. Woche bildete sich unter Temperaturanstieg ein kleines
rechtsseitiges, seröses Pleuraexsudat aus.
Bei ihrer Zurückverlegung in die medizinische Klinik hatte
Patientin eine totale Paraplegie der Beine und Bauchmuskeln bei
quantitativ herabgesetzter elektrischer Erregbarkeit. Die Sensi-
bilitätsstömngen reichten rechts etwa handbreit höher hinauf als
links, jedoch nur für Schmerz- und Temperaturempfindung. Im
übrigen war der Befund etwa der gleiche wie vor der Operation.
Eine nochmalige, mit Jodkaligebrauch kombinierte Schmierkur
war ohne Erfolg. Die Sehnen- und Hautreflexe am rechten Bein
verschwanden allmählich; auch links wurden sie erheblich schwächer.
Es bildeten sich multiple Dekubitusgesch wäre aus; nachdem Patientin
mehrere Wochen stets unregelmäßiges Fieber gehabt hatte, erfolgte
unter raschem Kräfteverfall der Tod.
Bei der Sektion (Prof. Askanazy) fand sich an der Ope-
rationsstelle der Dura eine aus Muskeln- und Narbengewebe be-
stehende Schicht innig aufgelagert; die Rückenmuskulatur war
z.T. verfettet; in der Sehne des M. erector trunci Knocheneinlage-
rungen.
Der Duralsack ließ sich im Sakralteil des Rückenmarkes bequem
öffiieu; schon von der Mitte des Lendenmarkes an erschienen die
weichen Rückenmarkshäute grauweiß getrübt, außerdem fanden
sich in denselben hinten, etwa in der Mittellinie, undurchsichtige
weiße schräge Flecken und Streifen. Diese Verdickungen nahmen
nach dem Dorsalmark hin an In- und Extensität zu. Hier waren
stellenweise die pialen Gefäße unter den verdickten Meningen
kaum noch zu erkennen, während sie in der Mitte des Dorsal-
marks ganz unsichtbar wurden. Von der Mitte des Dorsalmarks
an war die Dura mit der Arachnoidea durch lockeres Zellgewebe
vereinigt, jedoch ließ sich die Verwachsung bis zur 7. Dorsalwurzel
leicht lösen. Die Dura wurde im Dorsalmark dicker, ihre Innen-
266 XYL JOACHIX
fläche erschien etwas rauh, strichweise braun pigmentiert (Die
Operationsstelle wurde zunächst unberührt gelassen.) Auch tqh
der 4. bis zur 1. Dorsal wurzel war die Dura mit den weichen
Häuten fester verwachsen, die Innenfläche der abgelösten Dura
etwas rauh, feinkörnig, die weichen Häute undurchsichtig, weiB.
In der unteren Hälfte des Cervikalmarkes wurden die Meningen
mehr und mehr transparent, um an den oberen Halssegmenten fast
normale Durchsichtigkeit zu erlangen.
Die Konsistenz des Rückenmarks erschien im ganzen wenig
verändert. Auf einem Halsmarkquerschnitt trat die linke Klein-
himseitenstrangbahn durch größere Transparenz hervor. Bei der
Schädelsektion fanden sich einige Exostosen an der Innenfläche
des Stirnbeins, ein geringer Hydrops der Meningen und der Hirn-
Ventrikel. Die Dura war in toto leicht verdickt, ihre Innenfläche
spiegelnd. Die weißen Hirnhäute waren bis auf einige Trübungen
am linken Occipitallappen und an der Hirnbasis zart, nur wenig
injiziert.
An den Organen der Brust- und Bauchhöhle wurde außer einer
mäßigen Pyelonephritis und fibrinösen Beschlägen auf den Pleuren
nichts Besonderes gefunden, insbesondere keine sicheren Zeichen
für eine überstandene Lues.
Da zur vollständigen Aufklärung des Falles eine mikroskopische
Untersuchung des Rückenmarks notwendig war, wurden die in Be-
tracht kommenden Segmente desselben in Celloidin eingebettet und
geschnitten. Die Färbung der Schnitte geschah vor allem nach
van Gieson und mit Hämalaun-Eosin. Ferner wurden angewandt
die Weigert'sche Markscheidenfärbung, Färbungen der elastisch^i
Fasern, Färbungen mit polychromem Methylenblau und Triacid.
Die stärksten Veränderungen fanden sich in der Höhe des
7. Dorsalsegments. Schnitte aus dieser Höhe des Rückenmarks
(vgl. Abbildung) zeigten zunächst eine kolossale Verdickung der
Meningen; die Gesamtdicke der Rückenmarkshäute betrug stellen-
weise 5 mm. Am mächtigsten war die Verdickung an der hinteren
Fläche des Rückenmarks, wo die Meningen in direkte Verbindung
mit dem Gewebe der Operationsnarbe treten. In der übrigen Peri-
pherie waren die Meningen durchschnittlich 3 mm dick. Eine
sichere Trennung zwischen Dura und weichen Hirnhäuten war
nicht durchführbar.
Der ganze Meningealmantel wies eine deutliche Schichtung
auf Die äußerste Schicht bestand aus derbem^ grobfaserigem
Bindegewebe mit vorwiegend zirkulärer Faserrichtung. Nach innen
Fall von MeniBgomyelitis chronica. 267
ZU worden die Fasern allmählich lockerer^ weitmaschiger; auch
fanden sich in den Maschen hier und da Zellen mit ovalem oder
spindelf5rmigem Kerne bzw. Grnppen solcher Zellen. Dann folgte
eine Schicht, die sich durch ihren Kernreichtmn und durch ihre
Armut an Bindegewebe aaszeichnete. Die Form der Zellen war
größtenteils spindelförmig; angeordnet waren sie in Bündeln, die
durch den Schnitt teils quer, teils längs getroffen waren.
Als dritte Schicht folgte wieder Bindegewebe, das allerdings
lange nicht so dicht war, wie in der äußersten Schicht. Auch hier
waren innerhalb der Maschen Zellgruppen eingelagert. Auch
größere Inseln zellreichen Gewebes waren in dieser Schicht ver-
streut, außerdem zeichnete diese sich dadurch aus, daß in ihr die
aus dem Bückenmark austretenden Nervenwurzeln eingebettet lagen
and zwar näher dem äußeren als dem inneren Rande. Die innerste
Zone der dritten Schicht war von größeren und kleineren Gefäßen
durchzogen, die teils unmittelbar an das Bückenmark herantraten,
teils von ihm noch durch eine Bindegewebslage getrennt waren.
Das Bückenmark selbst war in dieser Höhe von dem Meningeal-
mantel innig umschlossen und zu einer bandförmigen Masse kom-
primiert, die auf dem Querschnitt durch das Vorspringen eines
Meningealzapfens an der Hinterfläche ein leicht nierenförmiges Aus-
sehen zeigte. Die Dicke dieses Bückenmarksbandes betrug an der
schmälsten Stelle 2 Va — 3 mm. Wenige Millimeter unterhalb dieser
Stelle hatte der Querschnitt des Bückenmarks eine annähernd keil-
förmige Gestalt, indem die linke Hälfte des Markes erheblich
schmäler war als die rechte und seitlich fast spitz zulief. Außer-
dem zeigte sich an dieser Stelle eine reichliche Einwucherung
ziemlich zellreichen entzündlichen Gewebes von den Meningen in
die linke Hälfte des Bückenmarks.
Von einem Unterschied zwischen grauer und weißer Substanz
war keine Bede. Der Zentralkanal war obliteriert. An seiner
Stelle sah man eine Gruppe von Zellen mit runden Kernen. Die
vordere Inzisur war stark nach der Seite verzogen und erweitert
Sie wurde ausgefüllt von einem ziemlich zellreichen Gewebe, das
denselben Bau zeigte wie die mittelste der beschriebenen Meningeal-
schichten. Auch mitten im ßückenmark waren hier und da Inseln
solchen Gewebes zu finden.
In der Bückenmarkssubstanz waren nur sehr spärliche erhaltene
DÄrkhaltige Nervenfasern anzutreffen; in der Nähe der vorderen
Inzisur fanden sich auch ganz vereinzelte Ganglienzellen, welche
weder Ausläufer noch Nissl'sche Granula erkennen ließen. Alles
268 XVI. Joachim
Übrige wurde von einem lockeren, gliareichen Gewebe ausgefüllt
das von außerordentlich zahlreichen, z. T. gewundenen Blutgefäßen
kleineren Kalibers durchzogen war. Die Anordnung der Blutgefäße
war eine ganz regellose ; irgendwelche Beziehungen derselben zu
stärkeren Gliaanhäufungen waren nicht nachzuweisen. Was das
Aussehen der Blutgefäße selbst betraf, so fiel zunächst die erheb-
liche Verdickung ihrer Wände in die Augen, die auf einer Volum-
zunahme sämtlicher drei Schichten zu beruhen schien. Hier und da
sah man auch periarterielle Kundzelleninfiltrationen , die sich aber
nur in bescheidenen Grenzen hielten.
Die ganze Riickmarkssubstanz war von mehreren Rissen durch-
setzt, die annähernd parallel der Peripherie des Rückenmarks ver-
liefen. Eine besonders starke Anhäufung von Glia war in der Um-
gebung dieser Spaltbilduugen nur hier und da zu konstatieren.
Schließlich sei noch erwähnt, daß in der Peripherie des Rücken-
marks stellenweise keilförmige Rundzelleninfiltrationen anzutreffen
waren, die offenbar von den Meningen ihren Ausgangspunkt nahmen.
Bei der Färbung auf elastische Fasern stellte es sich
heraus, daß letztere am reichlichsten in der äußersten, binde-
gewebigen Schicht der Meningen vorhanden waren, während in der
innersten Schicht nur wenige elastische Elemente anzutreffen waren.
Die elastische Membran der Arterien zeigte normales Aussehen.
Die Färbungen mit Triacid aus polychromem Methylenblau er-
gaben außer der Anwesenheit vereinzelter Mastzellen in der mittleren
Meningealschicht nichts Besonderes.
Die soeben beschriebenen Veränderungen des Rückenmarks
und seiner Häute waren in annähernd gleicher Stärke nach oben
bis zum 5. Dorsalsegment, nach unten bis zum 8. Doi-salsegment
zu verfolgen. Auf dieser ganzen Strecke war das Rückenmark also
von dem erwähnten, aus drei Schichten bestehenden Meningeal-
mantel umschlossen, dessen Mächtigkeit allerdings nach unten und
oben vom 7. Dorsalsegment beständig abnahm. Ferner war auf
dieser Strecke nirgends ein deutlicher Unterschied zwischen grauer
und weißer Substanz zu erkennen; markhaltige Nervenfasern und
Ganglieu Zellen waren nur in vereinzelten Exemplaren anzutreffen.
Dazu kam in den ober- und unterhalb des 7. Dorsalsegments ge-
legenen Rückenmarksteilen noch eine Veränderung, die in ge-
ringerem Maße auch im 7. Dorsalsegment zu finden war, nämlich
Spalt- und Höhlenbildungen. Während jedoch im 7. Dorsalsegment,
an der Stelle der stärksten Schädigung, die Spalten das Rücken-
mark in toto, ohne sich an die Grenzen der grauen und weißen
Fall von Meningomyelitis chronica. 269
Substanz zu halten, durchsetzten, fanden sich im 8., bzw. im 5.
und 6. Dorsalsegment die Höhlen vorzugsweise an Stellen, wo die
graue Substanz hätte liegen sollen, bzw. wo noch Eeste von der-
selben in Gestalt von Ganglienzellen zu finden waren. Und zwar
beschränkte sich die Höhlenbildung im 8. Dorsalsegment vorzugs-
weise auf die Vorderhörner • während im 5. und 6. Dorsalsegment
ein schräg verlaufender Spalt die Gegend des rechten Hinterhorns
einnahm.
Was die Veränderungen des übrigen Rückenmarks betraf, so
ließen sich solche, abgesehen von der aufsteigenden und absteigenden
Degeneration nach unten bis zu den ersten Lumbalsegmeuten, nach
oben bis zum 7. Cervikalsegment verfolgen. Auf dieser Strecke
zeigten zunächst die weichen Hirnhäute noch eine mäßige Ver-
dickung, während die Dura keine außergewöhnliche Dicke oder
Struktur aufwies.
Demgegenüber erwiesen sich die Veränderungen des Rücken-
marks selbst als relativ hochgradig. Eine normale Querschnitts-
zeichnung war erst vom 3. Lumbal-, resp. 7. Cervikalsegment an
zu erkennen. In allen übrigen Segmenten war die Grenze zwischen
grauer und weißer Substanz noch mehr oder weniger unscharf.
Auch Höhlenbildungen innerhalb der grauen Substanz fanden sich
noch hier und da; ja, der erwähnte Spalt im rechten Hinterhorn,
den wir im 5. und 6. Dorsalsegment beschrieben haben, war bis
hinauf in das 8. Cervikalsegment zu verfolgen.
Auch die Vermehrung der Blutgefäße sowohl wie die Ver-
dickung ihrer Wendungen ließ sich noch bis ins Hals- bzw. Lenden-
mark hinein nachweisen. Dagegen zeigten die Ganglienzellen in
diesen Abschnitten durchweg normale Gestalt und Anordnung und
deutliche Nissl'sche Granula.
Das Verhalten der sekundären aufsteigenden und absteigenden
Degeneration, das an der Hand von Weigertpräparaten untersucht
wurde, bot keinen wesentlich auffallenden Befund. Absteigende ^
Degeneration fand sich ausschließlich in den Pyramidenseitenstrang-
bahnen. Auch in diesen waren immerhin einzelne Fasern wohl er-
halten. Die linke Pyramidenseitenstrangbahn schien etwas stärker
betroffen zu sein als die rechte.
Aufsteigende Degeneration ließ sich vor allem in den GolFschen
Strängen nachweisen, außerdem aber auch in den Kleinhirnseiten-
strangbahnen und in dem anschließenden Gowers'schen Bündel. Auch
hier schien die Degeneration auf beiden Seiten nicht ganz gleich
270 3[VI. Joachim
stai'k ZU sein, insofern als die linke Eleinhirnseitaüstrangbalm
etwas erheblichere Degenerationserscheinungen aufwies.
Das Ergebnis der anatomischen Untersuchung war also eise
Einengung des Rückenmarks durch eine Wucherung der Rückefi-
markshäute in der Mitte des Doi-salmarks.
Zu entscheiden wäre nun zunächst die Frage, von welcher
Rückenmarkshaut der Prozeß ausging, und in welcher Beziehnng
die Veränderungen des Rückenmarks selbst zu der Erkrankung der
Meningen standen. Zweitens wäre auch die Frage nach der Natur
des Prozesses zu erörtern.
Bei Beantwortung der ersten Frage könnte man leicht in die
Versuchung kommen, den Ausgangspunkt der ganzen Wucherung
in die Dura mater zu verlegen; dazu könnte vor allem die derbe
bindegewebige Struktur des pathologischen Gewebes verleiten.
Doch darf man andererseits auch nicht außer Betracht lassen, d&fi
die Veränderungen der weichen Hirnhäute sich auch auf solche
Gebiete des Rückenmarkes erstreckten, an denen die Dura kaum
mehr verändert erschien, ja, daß sie sogar auf die Basis cerebri
und auf den Occipitallappen übergriffen. Schon diese Tatsache
allein scheint es mir wahrscheinlich zu machen, daß die weichen
Rückenmarkshäute primär erkrankten und daß die Dura erst
sekundär an dem Ort der schwersten Erkrankung in Mitleiden-
schaft gezogen wurde.
Ganz ähnlich lagen die Verhältnisse bei einem von EöppenM
publizierten Falle von Pachymeningitis cervicalis hypertrophica, bei
dem die Veränderungen der weichen Häute sich ebenfalls nach
oben bis zur Mitte der Brücke, nach unten bis in die untersten
Teile des Lendenmarks erstreckten. Auch in einem ähnlichen, von
Le Boeuf^) mitgeteilten Falle erwies sich die Dura als ganz
intakt.
Wenn diese Auffassung richtig ist so glaube ich auch weiter
schließen zu können, daß der Dura nur die äußerste der drei be-
schriebenen Schichten entspricht, die an und für sich schon duixi
ihr festeres Gefüge und durch ihren Reichtum an elastischen Ele-
menten dem normalen Duragewebe ähnelt. Für die Entscheidung
der Frage, welcher der beiden weichen Rückenmarkshäute die
beiden inneren Schichten angehören, dürfte die Lage der Nerven-
wurzeln das Ausschlaggebende sein. Diese liegen, wie wir oben
1) M. Koppen, Arch. f. Psych. XXVII 3 1895.
2) Le Boeuf, Journ. de Bruwelles LI 32 Aoftt 1893.
Fall Ton Meniogouiyelitis chronica. 271
gesehen haben, in der innersten der 3 Schichten eingebettet Alles
was anSerbalb davon liegt, würde daher der Arachnoidea entsprechen,
und nnr die innerste unmittelbar ans Bückenmark grenzende Lage
dieser Schicht wäre demnach als Pia anzusprechen.
In welchen Beziehungen stehen nnn die Veränderungen des
Rfickenmarks selbst zu der Erkrankung der Meningen? Welches
?on beiden ist das primäre?
Zur Entscheidung dieser Frage muß sowohl der klinische Ver-
lauf wie der anatomische Befund zu Rate gezogen werden.
Im klinischen Verlauf ist ein Umstand, der gegen eine primäre
Erkrankung der Meningen spricht: das vollkommene Fehlen der
aasstrahlenden Schmerzen als Initialsymptom. Auch in dem
schon zitierten Falle von Koppen fehlten die Schmerzen im Be-
ginne der Erkrankung. Demgemäß nimmt Koppen auch an, daß
die Erkrankung des Rückenmarks mit der der Meningen gleich-
zeitig einhei^ng, resp. der letzteren sogar vorausging.
Man könnte in unserem Falle z. B. daran denken , daß das
Primäre die Gefäßerkrankungen waren, und daß diese im Rücken-
mark zu Erweichungen, in den Meningen zu plastischen Prozessen
führten. Immerhin bliebe es bei dieser Erklärung auffallend, daß
die Gefäßerkrankung sich ausschließlich auf diesen einen Teil des
Zentralnervensystems beschränkt haben sollte und die Gefäße des
Gehirns sowie die des übrigen Körpers frei ließ.
Gegen eine rein sekundäre Erkrankung des Rückenmarks ist
femer die bis ins Halsmark, andererseits bis ins unterste Bmst-
mark sich erstreckende Höhlen- und Spaltbildung innerhalb des
Rückenmarksgewebes anzuführen. Das diese lediglich eine Folge
der Meningenwucherung sein sollte, etwa durch Lymphstauung, ist
nicht gut möglich, weil in einigen SteUen, z. B. im untersten
Cervikalmark, wo noch deutliche Spaltbildung im rechten Hinter-
hom nachzuweisen ist, die Veränderungen der Meningen sich in
sehr bescheidenen Grenzen halten. Es wird somit nur der einzige
Ausweg bleiben, eine gleichzeitig mit der Meningealwucherung ein-
hergehende, auf den gleichen Ursachen beruhende selbständige
degenerative Veränderung der Rückenmarkssubstanz anzunehmen,
so daß man also den ganzen Krankheitsprozeß eher als eine
Meningomyelitis als als einfache Meningitis bezeichnen müßte.
B« der Frage nach der Ursache dieses Krankheitsprozesses
muß der erste Gedanke natürlich der sein, ob es sich nicht um
eine luetische AflFektion handelt. In der großen Mehrzahl der
mir aus der Literatur bekannten Fälle von Pachymeningitis hyper-
272 XVI. Joachim
trophica war entweder Lues in der Anamnese angegeben, oder es
fanden sich luetische Veränderungen in inneren Organen, oder e^
erinnerte wenigstens das anatomische Bild der Bäckenmarksaffektion
sehr an luetische Neubildungen.
Was nun unseren Fall betrifft, so ist das für die Annahme
einer Lues ins Feld zu führende Material nicht gerade sehr reich-
haltig. Völlig negativ fiel der anatomische Befund an den übrigen
Organen des Körpers aus, bis auf eine schon intra vitam gefundene
Anomalie, nämlich die Perforation des weichen Gaumens, die aller-
dings den Verdacht der überstandenen Lues erwecken muß. Ein
weiteres Verdachtsmoment bildet die bis auf eine Frühgeburt sterile
Ehe der Patientin.
Auch der anatomische Befund an dem Krankheitsherde selbst
ist nicht als beweisend für die syphilitische Natur des Prozesü^s
anzusehen. Der auffallende Bindegewebsreichtum der Meningeal-
wucherung, die spindelige Form der meisten Zellen, das Fehlen
jeder Spur von Nekrose, das sind alles Momente, die nicht ganz
zur Annahme einer Lues stimmen. Für letztere spricht dagegen
die Verdickung der Gefäßwandungen, die noch viel mehr in die
Wagschale fallen würde, wenn die periarterielle Infiltration sich
nicht in so bescheidenen Grenzen hielte. Jedesfalls bleibt ein
dringender Verdacht auf Lues bestehen, und auch die Erfolg-
losigkeit der Merkurialbehandlung ist nicht imstande, diesen
Verdacht zu beseitigen, da die Resorption einer derartigen binde-
gewebigen Wucherung der Meningen, besonders aber die Wieder-
herstellung eines derartig veränderten Rückenmarks über das Ma£
dessen hinausgeht, was man von einer Quecksilberkur verlangen kann.
Ein weiterer Punkt, der der Erörterung bedarf, ist die Prüfung
der Frage, inwieweit das klinische Krankheitsbild dieses Falles
sich durch den anatomischen Befund erklären läßt.
Die erste Schwierigkeit, die uns dabei in den Weg tritt ist
der halbseitige Beginn der Affektion, der zunächst an einen von
links in das Rückenmark hineinwachsenden Tumor denken liefi.
Die stärkere Degeneration der linken Pyramidenseitenstrangbahn in
den unteren Teilen des Dorsalmarkes und im Lendenmark ent-
spricht dieser klinischen Beobachtung, erklärt sie aber nicht, da
diese Degeneration mit Sicherheit als sekundäre aufzufassen ist.
Eine ziemlich befriedigende Erklärung würde hingegen die
oben erwähnte Tatsache bieten, daß das Rückenmark in einem
Abschnitte des 7. Dorsalsegments einen keilförmigen, sich nach
links verschmälernden Querschnitt aufwies; man könnte also
Fall Yon Mentngoniyelitis chronica. 273
annehmen, daß die linke Rückenmarkshälfte in dieser Höhe früher
erkrankte als die rechte, nnd daß daher links sich in derselben
Zeit stärkere Veränderungen ausbilden konnten als rechts. Auch
die schon beschriebene Einwucherung von Gewebsmassen von den
Meningen ans in die linke Rückenmarkshälfte kann man zur Er-
klärung heranziehen, analog dem Falle von Koppen, bei dem die
ganze Degeneration der Nervenstränge in ihrer gesamten Ausdeh-
nung nur als fortgeleitete, sog. Randdegeneration aufgefaßt wird.
Für den Umstand, daß die Störungen für Schmerz- und Tem-
peraturempfindung an der rechten Körperhälfte höher hinaufreichten
als links, ist wohl eine einwandsfreie Erklärung in der bis ins
Cervikalmark hinaufreichenden Höhlenbildung im rechten Hinter-
hom gegeben.
Was die schubweisen Verschlimmerungen im Krankheitsbilde
betrifft, so kann man wohl annehmen, daß ihnen akute Schübe der
chronischen Entzündung entsprochen haben. Vielleicht ist die
Schichtung der Meningealmasse als der anatomische Ausdruck
dieser akuten Schübe aufzufassen.
Vergleichen wir unseren Fall mit den bisher veröifentlichten
Fällen von Pachymeningitis spinalis, so ist zunächst zu bemerken,
daß dieser, soweit die Literatur uns zur Verfügung stand, der
einzige Fall ist, bei dem die Affektion sich vorwiegend imDorsal-
mark lokalisierte. In den weitaus meisten Fällen handelte es sich
um entzündliche Prozesse im Cervikalmark, daneben sind 2 Fälle
von Raymond^) zu erwähnen, in denen sich der ganze Prozeß in
der Gegend der Cauda equina bzw. des Conus meduUaris abspielte,
letztere Fälle allerdings ohne Autopsie.
Andererseits findet man ganz konstant ^) *) die Beobachtung,
daß der Prozeß stets die Grenzen des Hauptherdes weit überschritt,
daß er den größten Teil des Rückenmarks, und sogar die Basis
cerebri in Mitleidenschaft zog; und zwar scheint die Erkrankung
dieser Teile nicht immer ganz belanglos gewesen zu sein, wie es
aus den klinischen Symptomen hervorgeht. So trat in dem Falle
von Le Beouf(l. c.) eine Parese des rechten Oculomotorius sowie
des Hypoglossus zu den spinalen Symptomen hinzu. R o s e n* 1 a t h -^j
beobachtete bei seinem Falle außer Ptosis auch Schluckstörungen.
Auch bei unserem Falle machten sich leichte Erscheinungen
seitens der Himnerven bemerkbar, allerdings in einem gerade noch
1) F. Raymond (Nouv. Iconogr. de la Salpetriere, VIII 2 1895).
2) Wieting (Beitr. z. pathol. Anatomie u. allg;. Path. XIII 3 u. 4 1893).
3) Rosenblath (Arch f. klin. Med. LI 2 u. 3 1893),
Deutsches Archiv f. klin. Medizin, m. Bd. 18
274 XVI. Joachim, Fall Ton Meaingomyelitis chronica.
eben feststellbaren Orade, n&mlich eine Parese des lockeren unteren
Facialis und des Hypoglossus, Symptome, die man wohl unbedenk-
licb auf das anatomisch nachgewiesene Übergreifen des Prozesses
auf die Hirnbasis zurQckfäbren darf.
Hinsichtlich des ätiologischen Momentes ist in den meisten
der publizierten Fälle der luetische Charakter der Affektion fest-
gestellt worden. Sicher ausgeschlossen konnte die Lues wohl in
keinem einzigen Falle werden. Auffallend bleibt dabei der Um-
stand, daß von Heilerfolgen durch eine Merkurialbehandlung bei
dieser Affektion bisher keine Veröfientlichungen vorzuliegen scheinen.
Allerdings wurde ein von B er ger ^) veröffentlichter Fall von Pachy-
meningitis lumbalis bei Jod kaligebrauch geheilt
Welche Eonsequenzen für die Diagnose derartiger Bücken-
markserkrankungen kann man nun aus diesem Falle ziehen?
Zunächst sehen wir, daß ein halbseitiger Beginn der Affek-
tion nicht ohne weiteres die Diagnose eines Tumors sichert,
sondern daß es auch diffus-entzündliche Prozesse gibt, die einen in
das Rückenmark hineinwachsenden Tumor vortäuschen können.
Sodann glaube ich, daß die schubweise Verschlimme-
rung eines Prozesses, wie wir sie hier finden, stets mehr za-
gunsten eines entzündlichen Prozesses sprechen muß.
Was das in diesem Falle beobachtete absolute Fehlen
der initialen Schmerzen betrifft, so möchte ich darauf kein
allzu großes Gewicht legen; denn gerade bei Ruckenmarkst nmoren
können diese initialen Schmerzen in" manchen Fällen (z. B. in dem
von Gowers-Horsley(L c.)) unerträglich groß sein, in anderen
Fällen (z. B. in unseren beiden ei-sten Fällen) können sie im Sym-
ptomenbilde sehr zurückti^eten oder fast ganz fehlen.
Das Ausschlaggebende in der Unterscheidung
zwischen Tumor und entzündlichem Prozeß aber
dürfte immer darin liegen, ob man eine Propagation
des Prozesses in vertikaler Richtung nachweisen kann
oder nicht. Wo für die Annahme auch nur das unbedeutendste
Symptom spricht, wird man sich vor der Tumordiagnose stets zn
hüten haben. Auch in unserem Falle hätten die bulbären Erschei-
nungen, so minimal sie auch waren, die Operation hintanhalten sollen.
Meinem hochverehrten Chef, Herrn Geheimen Medizinalrat Prof.
Dr. Li cht heim, erlaube ich mir für die Überlassung des Mate-
rials und liebenswürdige Unterstützung bei der Abfassung dieser
Arbeit meinen besten Dank auszusprechen.
1) Berger (Deutsche med. Wochenschr. IV 50, 51, 52 1878\
Deutschrs Archiv fklimHclifi Medirin. I
XVII.
Aas der medizinischen Klinik der Universität in Königsberg L Pr.
(Direktor: Geh. Med.-Rat Prof. Dr. Lichtheim.)
Beitrag zur Fn^e der Pathogenität der Flagellaten.
Von
Br. J. Biland,
gew. ABsistenten der Klinik.
(Mit Tafel IH, IV.)
Von den den Darm des Menschen als gelegentliche Schmarotzer
bewohnenden Protozoen ist anßer den Amöben anch dem zu den
Infosorien gehörenden Balantidium coli eine pathogene Bedeutung
zuerkannt worden. Über die pathogenen Wirkungen der Flagellaten
beim Menschen und bei den Tieren äußern sich die Forscher sehr
vorsichtig.
In den Dejektionen des Menschen wurden von Flagellaten ge*
fanden: Trichomonas intestinalis Leukhard (oder vaginalis),
Megastomnm entericum Grassi (neuerdings als Lamblia
intestinalis bezdchnet) und Cercomonas hominis Davaine.
Die beiden ersten zeichnen sich durch 3 oder 4 — 8 ungleich-
große und an verschiedenen Stellen des birnförmigen Leibes sich
inserierende Geißeln aus. Die Trichomonas besitzen außerdem eine
ondulierende Membran , das Megastomum eine auf der Unterseite
des Leibes sich befindende Aushöhlung, deren es sich als Haft-
organ bedient.
Die Cercomonas, die seltener sind, sind kleiner als die Vorher-
geschilderten (bis 10 fi groß) und haben eine Geißel am Vorder-
ende. Eine undulierende Membran fehlt. Sowohl Trichomonas int
wie Cercomonas hominis sind außer im Darmkanal in verschiedenen
anderen von außen zugänglichen Organen des Menschen gefunden
worden. Trichomonas häufig im Mageninhalt bei an Carcinoma
cardiae Erkrankten (Strube, Cohnheim, Kosenfeld), im Öso-
phagus, in der Mundhöhle (Rappin), sowie in kariösen Zähnen
18*
276 XVII. BiLAND
(Prowazek), im Inhalt von Lungenkavernen, bei Lungengangrän,
ebenso wie Cercomonas in den Dithrich'schen Pfropfen. Grimm
fand sie im Eiter eines Lungen- und Leberabscesses, und schreibt
ihnen, wie ich gleich vorwegnehmen will, Pathogenität zu.
Ihr Vorkommen in der Lunge würde für eine Übertragung
durch die Luft, wahrscheinlich in enkystiertem Zustand, sprechen.
Nach anderen soll die Übertragung durch die Nahrung oder das
Trinkwasser (Epstein) erfolgen. Im Darm des Menschen halten
sie sich vorzugsweise in den vorderen Darmabschnitten, im Duo-
denum und Jejunum auf. Sie sollen nach Epstein, Skaller
und Hey auch im Dickdarm, besonders häufig im Colon ascendens
und transversum vorkommen. Sie liegen meist in der der Schleim-
haut direkt aufliegenden Schleimschicht (ß o o s), besonders auch in
den Falten der Schleimhaut, führen mit den Geißeln lebhafte Be-
wegungen aus, oder heften sich vermittels derselben fest Das
Megastomum setzt sich, wie aus den Beobachtungen von Grassi
hervorgeht, und dies soU sein normaler Lebenszustand sein
(Schewiakoff), mit seiner saugnapfförmigen Vertiefung auf die
Darmepithelien und umgreift dabei einen Teil der Epithelzelle.
Bei massenhaftem Vorkommen können sie so eine große Zahl
der Darmepithelien außer Funktion setzen (Roos, Grassi,
Schewiakoff), dadurch die Eesorption der Nahrung schädigen,
und in der Folge zu Diarrhöen und Anämie führen (Grassi,
Roos). Für die beiden anderen Flagellatengruppen, Trichomonas
und Cercomonas, sind die Ansichten weniger bestimmt, da man die
Art und Weise, wie die Tiere sich an der Schleimhaut anheften,
nicht kennt. Man hat in der beständigen Bewegung, in der sich
die Flagellatenmassen befinden, ein mechanisches Moment der
Schädigung für die Darmschleimhaut erblickt (Roos). Noth-
nagel spricht ihnen ihres weichen Körperparenchyms wegen die
Möglichkeit einer solchen Schädigung ab; während dem Roos die
Flagellaten zum mindesten für das auffallend lange Fortbestehen
der DiaiThöen verantwortlich macht. Grassi leugnet den Zn-
sammenhang zwischen Flagellaten und Diarrhöe ganz, da er reich-
liches Vorkommen von Flagellaten ohne Einfluß auf den Verlauf
von Diarrhöen beobachtete, und weil auch in den Entleerungen Ge-
sunder Trichomonaden nachgewiesen worden sind (Skaller). Die
Flagellaten kommen mit Vorliebe im dünnflüssigen Darminhalt vor.
Sie vermehren sich rapide und werden beim Durchfall, also bei
schnell erfolgenden Stuhlentleerungen mitgerissen und kommen
lebend zum Vorschein, bewegen sich sehr lebhaft^ sterben aber bald
Beitrag zur Frage der Pathogenität der Flagellaten. 277
ab, schrumpfen und verlieren die Geißeln. In den konsistenteren
Stählen finden sich die Flagellaten viel weniger zahlreich oder gar
nicht vor. Die Stühle, in denen sie sich vorfinden, sind meist al-
kalisch, gelbgefarbt, oft mehlsuppenartig, enthalten meist reichliche
Schleimbeimischnng. Die Entleerungen erfolgen fast immer schmerz-
los. Die Stühle folgen häufig kurze Zeit nach der Nahrungsauf-
nahme (Skaller). Auch Janowski hält die Anwesenheit von
Flagellaten im Darm für die Darmfunktionen für harmlos. Nur in
Aasnahmefallen nimmt er an, daß sie den Darm zu schädigen im-
stande seien, und Diarrhöen verursachen oder diese in die Länge
ziehen können. Cohnheim schreibt ihrem Erscheinen im Stuhl
nur diagnostische Bedeutung im Sinne einer Magen- und Darm-
stömng zu. Mangelhafte Salzsäuresekretion des Magens erleichtem
ihre Ansiedlung im Darm. Im gleichen ablehnenden Sinne äußern
sich Bosenfeld, Funkenstein. Soos hält einen irgendwie
geschwächten Darm für die Einnistung und Vermehrung des Para-
siten für geeigneter als einen gesunden Darm.
Epstein, der bei Kindern nach Genuß von Trinkwasser, das
mit Flagellaten infiziert war, Diarrhöen auftreten sah, spricht sich
für die Pathogenität der Trichomonaden aus. Ebenso Piccardi,
Quinke, Schürmayer, Salomon. Auch Braun nimmt an,
daß die Flagellaten bei lebhafter Vermehrung eine Steigerung von
krankhaften Prozessen im Darm oder ein Hinziehen derselben ver-
ursachen können. Es sind Fälle beobachtet, bei denen während 20
Jahren Diarrhöen bestanden, und in den Entleerungen sich be-
ständig die nämlichen Protozoen vorgefunden haben (R o o s). Über
pathologisch-anatomisch festgestellte Darmveränderungen bei der
„Flagellatendiarrhöe" wissen wir sehr wenig. In einem Fall von
May bot das Colon, das ausschließlich und reichliche Cercomonas
beherbergte, makroskopisch und mikroskopisch das Bild des
chronischen Katarrhs dar.
Übertragungsversuche auf Tiere mißglückten. Flagellaten kommen
auch bei Tieren vor, und daß sie für dieselben pathogen werden
können, beweist eine Beobachtung von Galli-Valerio. Derselbe
sah bei den Meerschweinchen des hygienischen Instituts in Lausanne
eine große Sterblichkeit auftreten. Die Tiere aßen wenig, hatten
Diarrhöen, magerten ab, und gingen oft unter Krämpfen zugrunde.
Bei der Autopsie der Tiere fanden sich außer einer Hyperämie der
Dickdarmschleimhaut keine Organveränderungen; dagegen waren
im Darminhalt des Dickdarms massenhaft Trichomonaden vor-
278 XVn. BiLAKD
handen. Die genaue bakteriologische Untersuchung des Blutes der
Tiere und der anderen Organe verlief ganz negativ.
Wir hatten im Laufe des Wintersemesters 1904 — 05 an der
medizinischen Klinik in Königsberg Gelegenheit, einen hierher ge-
hörenden Fall zu beobachten, bei dem die Diagnose auf chronische
Enteritis gestellt wurde, und bei dem sich in den Entleerungen
zahlreiche Flagellaten vorfanden. Bei der Autopsie fanden sidi
außerordentlich interessante Veränderungen der Darmwand vor.
Patient Nilajetzki, 17 Jahre alt, aas Rußland, trat am 33. Dezember
1904 in Behandlang der medizin. Klinik.
Patient war von Kind auf sohwächlioh, hatte stets Neigong zu
Durchfallen. Seit 5 Jahren sind die Durohfälle häufig aufgetreten und
konnten nur zeitweise durch Medikamente unterdrückt werden. Seit
1 Jahr bestehen dauernde Durchfalle; ärztliche Behandlung erwies sich
als erfolglos. Die Durchfälle erfolgten 3- bis 4 mal am Tage, meist
^/g — 1 Stunde nach den Mahlzeiten. Die Stühle waren makroakopis«^
blutfrei. Der Leib war meist aufgetrieben, aber nur selten schmerzhaft.
Erbrechen bestand nicht. In den 3 Wochen vor der Aufnahme in die
Klinik stellte sich öfter ein sehr belästigendes Druckgefuhl in der
Magengegend ein; zugleich mit leichtem Husten, geringem Auswarf und
hin und wieder stechenden Schmerzen über der Brust. In den letzten
Jahren ist Patient stark abgemagert. Gefiebert hat er nicht.
Der Status beim Eintritt ergab: hochgradige Magerkeit, Blässe:
keine Ödeme ; keine Drüsenschwellungen. Trockene belegte Zunge,
keine Besonderheiten der Eachenorgane. Geringgradiger Katarrh
der Luftwege. Geringer Meteorismus. Leichte Druckempfindlich-
keit des ganzen Abdomens. Keine abnormen Resistenzen durch-
zufühlen. Kein Ascites. Leber und Milz nicht vergrößert Im
frisch untersuchten flüssigen Stuhl reichliche Flagellaten (Tricho-
monas intestinalis). Keine Balantidien oder Amöben. Keine Tuberkel-
bazillen. Stühle blutfrei. Im Urin starke Vermehrung der Indikan-
ausscheidung. Blutbefund: Hb (nach Sahli) 60%, K = 4800000,
W = 12250, 1 = 3^2.
Von den weißen Blutkörperchen waren
81 7o polynucleäre Neutrophile
5 7o große Lymphocyten
11,5% kleine Lymphocyten
1% große mononucleäre Leukocyten
1 % Mastzellen
0,5% eosinophile Zellen.
In der Klinik gestaltete sich der Krankheitsverlauf folgender-
maßen :
Beitrag zur Frage der Pathogenität der Flagellaten. 279
In. den ersten 10 Tagen durchschnittlich 2—3 flüssige gelbe
Stühle, stets mit reichlichen Flagellaten. Darreichung von Tannin-
präparaten erfolglos. Ab und zu Erbrechen anacider Massen ohne
Flagellaten. Appetitlosigkeit, zeitweise Schmerzen in der Ober-
bauchgegend. Während des späteren Aufenthalts häufigeres schwach
saures Erbrechen. Freie CIH fehlt. Gesamtacidität 10—15.
Bei der Magenunterauchung : Magen nüchtern, leer; schlecht
verdautes Probefrühstück, keine freie CIH. Keine Milchsäure.
Gresamtacidität 25. Mikroskopisch etwas vermehrte Hefe. Sonst
nichts Besonderes.
In der Folgezeit Zurückgehen der Diarrhöen auf täglich einen
grangelben reichlichen dünnflüssigen und übelriechenden Stuhl, stets
mit zahlreichen Flagellaten. Erst auf mehrmalige Chininklystiere
allmähliches Verschwinden der Flagellaten. Progressiver Verfall
4 Tage ante exitum Fieberbewegungen bis 38,8 ®, zugleich Wieder-
eintreten der Diarrhöen. In den gehäuften (bis 14) Stuhlentlee-
rungen viel beigemischter Schleim, frisches Blut und ziemlich reich-
liche Leukocyten. Flagellaten sind nicht mehr zu finden. Fort-
schreitender Schwächezustand. Kein Ascites, keine Zeichen von
Peritonitis. Keine Lungen^rscheinungen. Am 24. Januar 1905
Exitus letalis.
Dem klinischen Bilde gemäß schlössen wir auf eine chronische
Enteritis, da die wiederholte Untersuchung des Stuhles auf Tuberkel-
bazillen stets negativ ausfiel, und auch die Untersuchung der übrigen
Organe uns für Tuberkulose keine Anhaltspunkte ergab. Von einer
Tuberkalininjektion war des äußerst schlechten Befindens des Pa-
tienten wegen abgesehen worden. Das Nächstliegenste war, in
dem reichlichen Flagellatenbefund des Darminhalts vielleicht die
Ursache, doch zum mindesten das die Diarrhöen unterhaltende Mo-
ment zu erblicken, der Diarrhöen, die durch ihr jahrelanges Be-
stehen zur Anämie, zum Marasmus und schließlich zum Tode führten.
Die Autopsie wurde am 5. Januar 1905 von Herrn Professor
B e n e k e vorgenommen. Ich lasse das Sektionsprotokoll in extenso
folgen :
Hochgradig abgemagerte Leiche, trockene welke Haut.
Bei der BröffDung des Abdomens liegen AasBchließlich Dünndarm-
aohlingen in ansgedehnter Breite vor. Vom Colon transversam sieht
man nur den unteren Rand. Im übrigen ist der Situs normal. Die
Leber ist etwas nach oben gedrängt. Das Peritoneum ist spiegelnd.
Ein Erguß findet sich nicht vor. Die Milz ist leicht verwachsen, klein,
ziemlich fest, trocken, dunkelrotgrau, nicht vorquellend.
Längs des ganzen Dickdarms, sowie im Mesenterium sind die L^ph-
280 XVU. BiLAMD
drüsen stark vergrößert, prall, rosarot. Der Darm ist im allgemeinen
außerordentlich schwer, dickwandig, besonders in den oberen Teilen des
Dünndarms. Aus dem Dünndarm entleeren sich bei der Herausnahme
große Mengen hellgallig-gelber Flüssigkeit. Dieselbe Flüssigkeit findet
sich auch im Magen vor. Die Mesenterialdrüsen sind zum Teil stark ver-
größert, bis zu Pflaumengröße, hellgraurot, frei von Herdeiterungen.
Mark, Follikel und Binde lassen sich auf dem Durchschnitt nicht unter-
scheiden.
Die Magenschleimhaut ist leicht körnig dünn und glatt, am Pyloros
besonders auffällig stark weißlich getrübt. Hier beginnt eine auffällige
Schwellung und Verdickung der Schleimhautfalten (Fig. I). Die
Schwellung betrifft, die Falten in voller Länge oder beschränkt sich auf
einzelne Abschnitte derselben. Die Schleimhaut ist spiegelglatt, frei von
Injektion, ganz gleichmäßig weißgrau. Auflagerungen sind hier keine
zu erkennen. Der Qallendurchschnitt geschieht ohne Schwierigkeit. Der
Gallengang zeigt eine dünne, nicht im geringsten geschwollene Schleim-
haut. Das Lumen ist eng. Die Galle selbst dunkelgelb. Die Schleim-
haut der Gallenblase glatt. Besonders aufföUig ist die kleinhöckerige
Infiltration der Dünndarmsohleimhaat zwischen den Kerkring^schen
Falten. Das ganze Bild macht den Eindruck lederartiger Veränderung.
Dieselbe setzt sich durch den ganzen Dünndarm mit allmählich ab-
nehmender Intensität fort. Immer mehr tritt die kleinhöckerige Infil-
tration in den Vordergrund. Im Ileum wird die Färbung der Schleim-
haut mehr und mehr normal. Die Dicke derselben bleibt vermehrt.
Die Infiltration erscheint feinkörnig. Die Peyer'schen Haufen sind
langgestreckt, zeigen aber keine Schwellung der Follikel. Auch im
unteren Ileum finden sich große Quantitäten dünnflüssigen, erbsensuppen-
artigen Inhalts. Nirgends zeigt sich eine Andeutung geschwürigen Zer-
falls. Erst in den hinteren Teilen des Ileum wird die Schleimhaut etwas
feuchter und hier finden sich ganz kleine schwach gerötete Schleimhaut-
defekte mit leichter Schwellung des Geschwürbodens, anscheinend
namentlich der follikulären Grundlage desselben.
Unmittelbar vor der Klappe ist die Schleimhaut weich, feucht, dick
schwach gerötet und ziemlich stark körnig. Auch finden sich hier einige
grubige Vertiefungen und eine gewisse Festigkeit der Wand, welche der
entsprechenden Stelle den Anschein einer alten Narbe gibt. Der Pro-
cessus vermiformis ist ziemlich lang. Sein Lumen an den distalen Teilen
etwas erweitert, mit flüssigem Kot und einem kleinen obstkernartigen
Gebilde gefüllt. Die Schleimhaut ist auf einer Strecke von etwa 3 cm
im mittleren Abschnitt und dann noch weiter an der Spitze vollständig
ulceriert. Die BÄnder der Geschwüre sind fetzig und leicht bel^,
nicht schiefergrau verfärbt. Der Dickdarm enthält mäßig reichlich dünn-
flüssigen Inhalt von fadem Geruch. Feste Teile flnden sich nicht. Die
Schleimhaut des Dickdarms ist diffus leicht gerötet, stellenweise kömig,
nicht verdickt, trübe.
Am Colon ascendens, dicht über der Klappe finden sich eine An-
zahl flacher querstehender Geschwüre mit deutlich abgeglättetem Schleim-
hautrand. Die Bänder sind wenig erhaben, und frei von besonders
knötchenförmigen Infiltraten. Weiterhin erscheinen eine Anzahl kleinster
Beitrag zur Frage der Patkogenit&t der Flagellaten. 281
aDscheinend etwas frischer Geschwüre, wie es scheint den Solitärfollikeln
entsprechend, welche im übrigen nur durch ganz schwache Rötung, nicht
durch Verdickung markiert sind. Große Geschwüre finden sich im
übrigen Dickdarm nicht mehr. Auch findet sich noch 1 mm den Kopf
in der Schleimhaut festsitzender Trichocephalus dispar vor. Nirgends
fallt in der Dickdarmschleimbaut ein ähnliches weiches Infiltrat wie im
Dünndarm auf. Im S-romannm und in den unteren Abschnitten des
Colon descendens ist die Schleimhaut etwas dicker gewulstet, als im
übrigen Dickdarm. Belage fehlen durchaus. Die Submucosa erscheint
hypertrophisch nicht ödematös, die Muscularis leicht hypertrophisch und
steif. Das Rektum zeigt die gleichen Veränderungen wie das S-romanum.
Hier fallen nur in der Schleimhaut zahlreiche gerötete Verdickungen
nnd kleinste gmbige Einsenkungen auf. Vielfach gewinnt man den Ein-
druck von oberflächlichen Vernarbungen flacher Schleimhautgeschwüre.
Frische Geschwüre sind nicht mehr vorhanden, mit Ausnahme einer
länglichen und 2 kleineren rundlicher Geschwüre dicht über dem Anus.
Die Analhaut zeigt nichts Auffälliges.
Die Leber ist ziemlich hart und fest und zeigt namentlich in der
Gegend des Ligament. Suspensorium scharf begrenzte hellgelbliche Herde,
deren Konturen sich auch eine Strecke weit in das Parenchym verfolgen
lassen. Gerinnungen in den Lebergefäßen fehlen. Die Leber ist im all-
gemeinen trübe, hell-rot-gelblich, die Acini verwaschen. Herderkrankungen
fehlen.
Die Nebennieren sind vollkommen fettlos, sehr schmal; die Kapsel
der Niere löst sich leicht von der glatten Oberfläche. Die Rinde ist
deutlich trübe. Das Parenchym der Hamkanälchen erscheint hellgrau.
Bas ganze Organ erscheint stark blutreich. Die retroperitonealen Drüsen
ebenso wie die Mesenterial drüsen sind leicht vergrößert und prall. Auch
die rechte Inguinaldrüse i^^t vergrößert. Sie stellt einen bohnengroßen
dünnwandigen Sack dar, der mit zähem, weißen Material gefüllt ist.
Tuberkel lassen sich weder sehen noch fühlen. Ebenso fehlt Verkalkung.
Die anstoßende Drüse ist normal. Linkerseits finden sich eine verkalkte
über erbsengroße Lymphdrüse, die übrigen sind klein und unverändert.
Hoden sind blaß, ohne Besonderheiten.
Im Herzbeutel finden sich etwa 15 ccm heller, wasserklarer Flüssig-
keit. Das Herz ist klein. Die Muskulatur schlaff, im rechten Abschnitt
etwas steifer, dunkelgrau. Im linken Ventrikel stellenweise ganz leichte
Flecke, nicht auffaserbar. Klappen normal. Aorta 51 mm, glatt elastisch.
Die linke Lunge hat eine glatte Pleura. Auf der Oberfläche der
binteren oberen Teile zeichnet sich eine große Anzahl schwarzroter, etwas
derber, leicht vorspringender Herde ab, welche auf der Schnittfläche
erbsengroß und darüber sind, und teils rein schwarzrot, teils mehr grau-
rot erscheinen. Die Bronchien sind leer, von normalem Lumen. Die
Schleimhaut der Hauptbronchien ist kaum merklich trübe, etwas dick.
In der rechten Lunge findet sich in den Bronchien etwas ödematöser
Schaum. Die Zahl der dunkelroten Herde ist hier erheblich geringer.
Die Zunge ist bedeckt, von ziemlich reichlichen, gelbweißen Belägen, die
sich leicht abstreichen lassen, desgleichen die Tonsillen und der Ösophagus,
die belegt und zum Teil gallig gefärbt sind. Sie erscheinen als weiß-
282 XVII. BiLAND
liohe Falten : typischer Soor. Die Schleimhaut darunter ist rauh, trocken,
nicht auffallig gerötet. Stellenweise treten kleine, weiße, folUkelähnliche
Kömer derselben henror. Die Trachea und der Larynz sind mit Schaum
gefüllt. Ihre Schleimhaut blaß, normal. Die Thyreoidea ist sehr klein,
hellgraurot. Die Speicheldrüsen erscheinen normal. Das Blut ist tief
dunkelrot, flüssig. Das Knochenmark des Femur ist vollkommen dunkel-
graurot.
Die Pia erscheint ziemlich stark ödematös. Die Himvenen treten
ziemlich prall hervor. Eine große Vene verläuft quer über die Stim-
windung. Ihr entsprechend seigt der Schädel eine auffallige S-f5nmge
Vertiefung. Im übrigen bestehen normale Verhältnisse.
Es wurden aus Dann- und Dickdarm an vei^chiedenen Stellen
Stücke exzidiert und zugleich mit Stücken ans der Lnnge und den
Mesenterial- und Inguinaldrüsen nach Fixierung in Formol in Paraffin
und Celloidin eingebettet. Die Schnitte wurden teils mit Eosin-
Hämalaun, teils nach van Gieson gefärbt. Bei einem Teil wurde
die Ehrlich'scbe Triacidfärbung angewandt. Daneben Schnitte nach
Gram, teils auf Plasma, und Mastzellen nach Unna, teils auf Fibrin
(nach Weigert) gefärbt. Die histologische Untersuchung derselben
ergab :
a) Dünndarm.
Bei der Untersuchung des Duodenums fällt schon bei Lupen Vergröße-
rung die starke Verdickung der Darmwand auf, eine Verdickung^ die
aber nur durch eine enorme Verbreiterung der Mukosa bedingt ist, wäh-
rend die übrigen Darmschichten völlig normale Dimensionen aufweisen
und sich auch histologisch mit Ausnahme der Submukosa durchaus normal
verhalten.
Die Verdickung des Duodenum macht sich namentlich bemerkbar
im Bereich der Kerkring'schen Falten, in welchen die Dicke der Darm-
wand bis 8 mm beträgt. Hier ist auch die Mukosa, die im ganzen Duo-
denum eine mittlere Dicke von ca. 33 mm besitzt, am stärksten verdickt,
so daß die Kerkring^schen Falten das Aussehen von dicken 5 — 6 mm
ins Darmlumen vorragenden Wülsten bekommen. Die einzelnen 2k>tten
sind außerordentlich plump und variieren in ihrem breiten und höben
Durchmesser von 0,7 — 1 mm und 3 — 2 mm (in der Norm: 0,3 — 1,0 mm
und 0,2 — 0,5 mm). Im Bereich der Kerkring'schen Wülste sind sie sehr
abgeplattet, dicht aneinander gelagert, so daß sie bei schwacher Ver-
größerung als Zotten fast nicht zu erkennen sind. Diese Dickensunabine
der Mukosa ist, wie schon bei schwacher Vergrößerung hervorgeht, bc^-
dingt durch eine enorme Zellansammlung in derselben (Fig. II). Die
Lieberkühn'schen Drüsen scheinen spärlich zu sein, eine Erscheinung, die
wahrscheinlich nur durch die starke Zellanhäufung zvdsohen ihnen be-
dingt wird.
Die Zellanhäufung setzt sich von der Mukosa auch auf die Muacu-
laris mucosa an einzelnen Stellen fort und auf die obersten Schichten dler
Beitrag zur Frage der Pathogenität der Flagellaten. 283
Snbinnkosa, in der sie Tielfaoh als ein sobmnles Band direkt unter der
MnsculariB mncoBae zn erkennen ist
Bei der mikroskopischen Untersnchnng zeigt sich die Mukosa ge*
bildet ans außerordentlich reichlichen dichtstehenden Zellen , die durch
feine spärliche Bindegewebssepten mit vereinzelten spindelförmigen Kernen
und Kapillaren voneinander getrennt, werden. Die Zellen selbst zeigen
im grofien und ganzen ziemlich identischen Bau und unterscheiden sich
Yoneiaander nur durch GrößendifiPerenzen, oder durch das mehr oder
weniger häufige Auftreten von basophilen und eosinophilen Granula im
Protoplasma. Die Kerne der kleineren Zellen haben meistens die Größe
von etwas großen Lymphocytenkemen ; sie zeigen , betrachtet bei 01-
immersion, eine deutliche Kernmembran und ein ziemlich dichtes Chro-
matinnetz, das sich hie und da an den Knotenpunkten zu gröberen oder
feineren Anhäufungen verdichtet. Um den Kern, der bald zentral, bald
mehr exzentrisch gelagert ist, findet sich ein wechselnd ausgebildetes
Protoplasma, von homogener Struktur. Die Kerne und der Zelleib der
größeren Zellen, die zum Teil erheblich größer sind, zeigen im wesent-
lichen denselben Bau wie die eben beschriebenen. Zwischen den Zellen
findet man je nach den Schnitten in wechselnder Zahl Zellen mit stark
eosinophil gefärbtem, hier und da deutlich gekörntem Zelleib. Die Zahl
dieser Zellen ist variabel. Auf einzelnen Schnitten durch das Duodenum
Bind sie auffallend zahlreich. Endlich sieht man in den mit polychrom.
Methylenblau nach Unna gefärbten Schnitten, besonders in den dem Lumen
zugerichteten Partien der Schleimhaut mäßig viele Zellen mit basophilen
Granula; dies ziemlich gleichmäßig auf allen Schnitten.
Außer den Bindegewebssepten und den Kapillaren mit hohem Endo-
thel sieht man vereinzelte ziemlich große Zellen von rundlicher oder
polyedrischer Form mit deutlichem bläschenförmigen Kern. — Ganz die
gleichen Zellen sind in der aufgelockerten Muskularis und in den obersten
Partien der Submukosa, hier vielfach um die weiten prall mit roten Blut-
körperchen gefällten Gefäße angeordnet. Die Drüsen sind, wie schon
früher hervorgehoben, meist stark auseinandergedrängt, besitzen ein hohes
normal gebildetes Zylinderepithel, das auffallend reich an Becherzellen
und Mitosen ist. In ihrem Innern und zwischen ihnen kommen ver-
einzelte Lymphocyten vor, wie auch im Lumen der Drüsen, neben schlei-
migen und feinkörnigen Massen. Das die Zotten bedeckende Epithel
fehlt auf der Höhe der Zotten fast durchwegs. Nur in den Buchten
zwischen den Zotten ist es in Form eines vielfach ziemlich beträchtlich
abgeplatteten, einschichtigen Epithels mit deutlich bläschenförmigen Kernen
▼orbanden. Zwischen den Epithelien sind an manchen Stellen Lympho-
cyten. An einzelnen Stellen zeigt das Epithel eine ganz eigentümliche
Form. Es ist dabei vielfach bis aufs doppelte verdickt. Die Zellgrenzen
sind vollkommen verwischt, die Kerne stehen zu 3 — 4 — 6 in Gruppen
beieinander, so daß ganze riesenzellartige Bildungen zustande kommen.
Zwischen diesen Kernen treten in wechselnder Zahl Lymphocyten auf.
Die äußeren Darmschichten zeigen, wie eingangs erwähnt, auch bei
genauer mikroskopischer Untersuchung keine Veränderung. Die Gefäße
sind klaffend, prall gefüllt mit roten Blutkörperchen. Hie und da finden
284 xvn. BiLAND
fiicb in der SabmokoBa PJasmazellen vor, Deben ziemlicb reicblich vor*
handenen Mastzellen und einzelnen großen 4 — 6 kernigen Zellen.
Wie schon erwähnt, erkennt man eine besonders starke Durch-
wachsung dieser Darmsehichten im Bereich der Kerkring'schen Falten.
Die Lymphgefäße des Darmes zeigen keine besonderen Veränderungen.
Vielfach sind sie von einem Mantel aus den in der Mukosa beschriebenen
Zellen, die wohl zum größten Teil Lymphocyten entsprechen, umgeben.
Die Brunner'scben Drüsen sind, so weit sie getroffen sind, ohne
Veränderung.
Die Schnitte durch die unteren Partien des Duodenum zeigen im
wesentlichen dieselben Veränderungen, wie wir sie beschrieben haben.
Die Mukosaverdickung erreicht allerdings bei weitem nicht mehr die
Masse wie oben, indem ihre mittlere Dicke 1,5 — 2 mm beträgt. Im
feinen histologischen Bau lassen sich in dem Sinne Differenzen erkennen,
als hier die kleinen Zellformen vorherrschend sind, die ohne weiteres
als Lymphocyten imponieren; währenddem im oberen Teil des Duo-
denums die großen Formen vorherrschen, die sich durch die Größe
ihres Kernes und die Mächtigkeit ihres Zelleibes von typischen Lympho-
cyten unterscheiden.
Die übrigen Darraabschnitte zeigen genau dieselben Verhältnisse,
wie wir sie oben beschrieben haben.
Entsprechende Veränderungen sind auch im Jejunum und Ileum
wahrzunehmen, nur nimmt der Prozeß, d. h. die Ansammlung der oben
beschriebenen Zellen, hier typische Lymphocyten, in der Mukosa mehr
und mehr ab. (Dicke der Mukosa 1 mm).
Als neue Erscheinung finden wir hier die im Sektionsprotokoll her-
vorgehobenen XJlcera.
Die kleinen XJlcera sind oberflächlich, sind meist auf die Mukosa
beschränkt, selten gehen sie auf die oberen Schichten der Submukosa
über. In der Umgebung der Ulcera findet man in der Mukosa, die
nirgends mehr ein Oberfiächenepithel erkennen läßt, Einlagerungen fein-
körnigen Fibrins. Im Grund der Ulcera ist ebenfalls Fibrin, in dessen
Maschen Lymphocyten und spärliche Leukocyten, die gegen die Ober-
fläche zu reichlicher sind, eingeschlossen liegen. Die Submukosa unter
dem Geschwür und neben demselben zeigt Anhäufung der gleichen Zell-
elemente wie wir sie früher in der Mukosa beschrieben haben. Daneben
findet man auch hier vereinzelte Herde von feinfadigem Fibrin. In der
aufgelockerten Submukosa sieht man überdies stellenweise zahlreiche
Zellen mit eosinophilen Granula, ziemlich reichliche Zellen mit basophilen
Granula (Mastzellen) und zerstreute Plasmazellen.
Im Bereich der großen Ulcera fehlt die Mukosa vollkommen. Die
Submukosa ist hier auf weite Strecken hin zerstört, durch Hämorrhagien
und durch ein feinfaseriges Fibrinnetz ersetzt, das wechselnde Dicke be-
sitzt, und an manchen Stellen bis an die Muskularis reicht. In des
Maschen des Fibrinnetzes wiederum Lymphocyten und Leukocyten in
geringer Zahl. Die gleichen Elemente, nämlich Lymphocyten finden sich
auch zusammen mit Plasmazellen, eosinophilen und Mastzellen in den
noch erhaltenen Stellen der Submukosa, erstere meist um die Getilfie
herum.
Beitrag zur Frage der Pathogenität der Flagellaten. 28Ö
Mit Aasnahme einer geringen Infiltration von Lymphocyten in der
Sabmukosa, ab und za auch in der tiefsten Schicht der Mukosa, zeigen
die übrigen Partien des Ileums und des Dickdarms keine weiteren Ver-
änderungen. Insbesondere findet man nirgends eine stärkere Entwick-
lung der SolitärfoUikel und der Pey er 'sehen Plaques.
Die Mesenterialdrüsen zeigen alle im großen ganzen denselben
Bau. Sie sind vergrößert. Ihre Bindegewebs- und Fettkapsel ist von
reichlichen Lymphocyten durchsetzt. Die Sekundärknötchen und Mark-
Btränge zeigen ziemlich normales Verhalten. In den Sekundärknötchen
findet man kleine Keimzentren. Die Lymphsinus sind weit und meistens
von zahlreichen Lymphocyten und Zellen mit bläschenförmigen Kernen
(wohl desquamierte Endothelien) und hie und da von Mastzellen und ganz
vereinzelten Leukocyten angefüllt. Neben diesen Zellen findet man vieL*
fach große, teils rundliche, teils ovale Zellen mit deutlichem bläschen-
förmigem, bald zentral gelagerten, bald ganz an die Peripherie gerücktem
dann oft sichelförmigem Kern. Im Protoplasma dieser Zellen liegen
1 — 2 und mehr bis 6 und 8, meist auffallend gut erhaltene Lympho-
cytenkeme, seltener rote Blutkörperchen, Chromatintrümmer und kleine
Vakuolen (Fig. III). Wir haben es hier mit exquisit phagocytären Ele-
menten zu tun, die vielfach große Ähnlichkeit zeigen mit den von Kind-
fleisch beschriebenen Makrophagen bei Typhus. Firleiewitsch hat
ähnliche, besonders reichlich mit roten Blutkörperchen beladene phago-
cytäre Zellen in den Lymphdrüsen von Säugetieren, Schuhmacher
in denen des Macacus rhebus gefunden. Heidenhein hat in der Dünn-
nnd Dick darmschleim haut unter den seßhaften Zellen des Zottenstromas
der Meerschw^-inchen ähnliche, überaus reich mit gut erhaltenen und z. T.'
mit im Zerfall begriffenen Lymphocyten beladene phagocytäre Zellen be-
schrieben.
Die Blutgefäße der Lymphdrüsen sind überall prall mit roten Blut-
körperchen gefüllt. An einzelnen Stellen nach der Rinde zu findet man
auch Hämorrhagien. Das retikuläre Bindegewebe der Lymphdrüsen zeigt
keine Besonderheiten. Die Drüsen zeigen das Bild . einer chronischen
Lymphadenitis.
Wir haben also, wenn ich den pathologisch-anatomischen Be-
fand zusammenfasse:
Bei einem seit Jahren an Diarrhöen leidenden Kranken, in
dessen Entleerungen sich massenhaft Trichomonas vorfanden und
der fortschreitendem Marasmus erlag, bei der Sektion eine ganz
eigenartige Affektion des Darmes vorgefunden. Diese besteht in
einer kolossalen diffusen Durchsetzung der Dünndarmmukosa mit
Zellen, die in den oberen Abschnitten des Duodenums etwas größer,
in den sämtlichen unteren Abschnitten in Größe und Form den
typischen kleinen Lymphocyten entsprechen. Diese Durchsetzung
der Mukosa verursacht eine außerordentliche Verdickung der-
selben, die im Duodenum am ausgesprochensten ist, von da nach
dem Ileum zu allmählich abklingt. Diese Zellanhäufung greift nur
286 XVIL BlLAND
in geringem Maße and nar auf die obersten Schichten der Sob-
makosa über; die übrigen Darmschichten sind völlig normal. Die
SoIitärfoUikel und Peyer'schen Plagues sind nicht verändert In
diesen Zellanhäufungen, sowohl im Bereiche der Makosa und der
Submukosa, kommen in wechselnder Anzahl eosinophile Zellen, Mast-
zellen und spärliche Plasmazellen vor, in der Submakosa hie und
da eine große Zelle mit mehreren Kernen. Im unteren Teil des
Deum, im Processus vermiformis und im Dickdarm sind vereinzelte,
wenig zahlreiche, kleine, flache Geschwüre, die sich meist auf die
Mukosa beschränken, zum Teil auch auf die Submukosa übergreifen
und nach Art diphtheritischer Geschwüre meist reichliche Fibrin-
einlagerungen und -Auflagerungen zeigen. Im anstoßenden Gewebe
ziemlich mchliches Vorkommen von Eosinophilen, von Mastzellen,
mäßig vielen Plasraazellen und verhältnismäßig sehr wenigen Leuko-
cyten.
Weiterhin fand sich eine diffase Schwellung der aber überall
gut abgrenzbaren Mesenterial- und Retroperitonealdrüsen vor, die
das Bild einer chronischen Lymphadenitis mit zahlreichem Vor-
kommen großer phagocytärer Elemente in den Lymphsinns auf-
weisen. Im weiteren neben extremer Abmagerung eine leichte
Gastritis follicularis, eine chronische Lymphadenitis der Inguinal-
drüsen mit teilweiser Verkäsung und Verkalkung, die wohl mit
früheren Krankheitsprozessen an den unteren Extremitäten in Zu-
sammenhang zu bringen sind. Des ferneren eine frische Broncho-
pneumonie (mikroskopisch: Ausfüllung der Alveolen mit Leuko-
cyten und desquamierten Alveolarepithelien, Überfüllung der Blut-
gefäße, reichlicher Eiter in den Bronchiallumina). Trübe Schwellung
der Leber und der Nieren. Rotes Knochenmark. Als Begleit-
erscheinung des Marasmus: Soor. Die übrigen Lymphdrüsen
boten keine Veränderungen dar. Die Milz erwies sich als klein
und fest.
Bei der histologischen Untersuchung wurde besonderes Augen-
merk auf das Auffinden von Protozoen in der veränderten Dunn-
darmschleimhaut und in den geschwürigen Prozessen gerichtet. Zu
diesem Zwecke wurde ein Teil der letzteren auf Schnittserien unter-
sucht, bei einem anderen Teil des mir von Herrn Professor Beneke
freundlichst zur Verfügung gestellten Materials wurde der Geschwürs-
boden ausgekratzt und mit den so erhaltenen Gewebsmassen Strich-
präparate angefertigt und nach Giemsa gefärbt Das Ei^ebnis
der Untersuchung war ein negatives. Es ließen sich nirgends
bei den Schnitten weder auf der Oberfläche noch im Innern der
Beitrag zar Frage der Pathogenität der Flagellaten. 287
Mukosa, noch in den Strichpräparaten Flagellaten entdecken. Aber
auch pflanzliche Parasiten fanden sich nur aaflerordentlich spärlich
vor and zwar nnr hie nnd da unter dem Epithel der DQnndarm-
mukosa und in den Geschwüren als plumpe nach Gram fftrbbare
Stäbchen, hie und da als kleine Anhäufungen von Kokken. Dieses
spärliche Vorhandensein von Mikroorganismen in den Belägen der
Gesdiwüre, in deren obersten Schichten sie sich sonst massenhaft
Torfinden, ist recht auffallend.
Daß der Flagellatennachweis nicht gelang, erklärt sich 1. da-
durch, daß dieselben entsprechend der negativen klinischen Unter-
suchung in der letzten Krankheitsperiode überhaupt oder zum
größten Teil aus dem Dannrohr entfernt waren; 2. daß die Flagel-
laten durch das Absterben, die Fixierung und Härtung der Präparate
bis zur Unkenntlichkeit entstellt worden und so der histologischen
Untersuchung entgangen sind.
Im Vordergrund des Bildes stehen die Darmveränderungen,
und es erhebt sich nun die Frage, wie wir diese zu deuten haben.
Nach dem ersten Eindruck bei der histologischen Untersuchung
war am ehesten an eine Erkrankung des lymphadenoiden Apparates
zu denken, wie wir sie .^ bei Leukämien, Pseudoleukämien und
Lymphosarkom auftreten sehen. Nur sie allein könnte neben der
klinisch auf chronische Enteritis gestellten Diagnose di£ferential-
diagnostisch in dem vorliegenden Fall in Betracht kommen und sie
muß deshalb eingehender besprochen werden.
Bei den Leukämien kommen lymphomatöse Infiltrate der Darm-
schleimhaut vor, oft mit sekundärer Nekrose und Geschwürsbildung
(Askanazy). Das Fehlen der leukämischen Beschaifenheit des
Blates in dem vorliegenden Fall weist die Möglichkeit der An-
nahme eines derartigen Prozesses von vornherein zurück, ebenso
die einer Leukosarkomatosis oder eines Chloromyelosarkoms (Stern-
berg), die in letzterer Zeit von der lymphatischen Leukämie ab-
gegrenzt worden sind und auch zu Darminfiltraten führen.
Die Pseudoleukämie Cohnheim fuhrt unter mäßiger Anämie
zu einer Schwellung der peripheren und der inneren Lymphdrüsen
und des Ijrmphoiden Gewebes, ohne durchwegs von charakteristischen
Veränderungen im Verhalten der weißen Blutkörper im Blut be-
gleitet zu sein (Grawitz). Sie ist nach Pal tau feine universelle
Erkrankung, und eine Berechtigung zur Unterscheidung in lokale
regionäre Pseudoleukämien, wie dies von einzelnen Autoren, so von
Jaccoud, der eine Pseudoleucemie intestinale beschrieb, geschehen
ist, liegt nicht vor (S t e r n b e r g), mit Ausnahme der des M y e 1 o m s.
288 XVII. BiLAHD
Bei der Pseudolenkämie sind knötchenförmige and difiuse Ein-
lagerungen im Magendarmkanal beobachtet worden. In nnserem
Falle fehlt die diffase Lymphdriisenschwellung, die vergrößerten
Mesenterial- und retroperitonealen Lymphdrüsen zeigen das Bild
der chronischen Lymphadenitis, die Milz, die bei Pseudolenkämie
stets vergrößert ist, war nicht vergrößert. Wohl zeigte das
Knochenmark rotes Aussehen, doch kann und wird dieser Befund
als eine Folge der durch die lange dauernden Diarrhöen verursachten
Anämie aufzufassen sein. Die Annahme eines regionären oder
aleukämischen Lymphoms ist äuBerst unwahrscheinlich, da es im
Darmkanal, soweit ich die Literatur überblicke, überhaupt nicht
beobachtet worden ist. In unserem Fall spricht die Beteiligung
der Mukosa eines ganzen Daimabschnittes schon a priori gegen
eine solche Annahme.
Es bleibt uns nun noch die Möglichkeit der Annahme eines
Lymphosarkoms zu erwägen.
Lymphosarkome können im Magendarmkanal primär und sekundär
vorkommen.
Nach Kun drat geht das Lymphosarkom stets von einer Gruppe
von Lymphdrüsen oder LymphfoUikeln aus, schreitet von Region
zu Region weiter, bleibt aber immer auf mehrere Regionen be-
schränkt, wodurch es sich von den Veränderungen des lymphatischen
Apparates bei Leukämie und Pseudolenkämie unterscheidet. Milz
und Leber bleiben unverändert. Das Lymphosarkom breitet sich
aus durch Übergreifen auf die Nachbarschaft, auf die benachbarten
Lymphdrüsen oder auf die Follikel der Schleimhäute, denen die
zuerst erkrankten Lymphdrüsen zugehören. Es greift über diese
hinaus, infiltriert das umgehende Gewebe und breitet sich am
raschesten im lockeren Zellgewebe aus. So in der Submukosa der
Schleimhäute, wo es meist flächenbafte Infiltrate bildet, wobei die
Schleimhaut vorerst nur fixiert wird, oder ihre oberflächliche
Schicht lange erhalten bleibt, selbst wenn auch schon das Muskel-
röhr der Darmwand ganz infiltriert ist. Es setzt auf dem Lymph-
wege Metastasen, die meist Organe befallen, die von den anderen
Geschwulstmetastasen selten betroffen werden, so die Schleimhaut
des Intestinaltraktus.
Im M agendarm traktus, besonders im Ileum, kommt es bei
primärer Lyraphosarkomatosis zu ausgedehnten flächenhaften stan-en
Infiltraten in strecken von 10 — 15 cm, die meist z^ einer spindel-
förmigen Erweiterung des Darmrohres führen und immer von einer
Erkrankung der zugehörigen Lymphdrüsen begleitet sind.
Beitrag zur Frage der Pathogenität der Flagellaten. 289
Bei einer 2. Form tritt das primäre Lymphosarkom in Form
von zahlreichen knötchenförmigen Geschwülsten auf.
Bei sekundärer Beteiligung des Darmrohrs finden sich knötchen-
förmige Bildungen und Wülste, die in keinem Zusammenhang mit
den Follikeln stehen, jedoch Neigung zeigen sich zirkulär in der
Snbmncosa auszubreiten und als schildförmige Infiltrate auf die
ganze Darmwand übergreifen.
Bei der primären, wie bei der sekundären Lymphosarkomatosis
kann es zu Ulcerationen kommen. Die Lymphosarkome stehen in
vielen Beziehungen der Pseudoleukämie nahe. Diese Ähnlichkeit
beider ergibt sich auch daraus, daß es in seltenen Fällen Über-
gänge zwischen beiden gibt. S t ö r k hat (zur Pathologie des gastro
intestinalen adenoiden Gewebes, Wiener klin. Wochenschr. 1903)
4 solche F|lle mitgeteilt. In allen 4 Fällen war der Dünndarm in
in fast ganzer Ausdehnung ergriffen, in einzelnen auch der Dick-
darm und der Magen. Die Veränderungen bestanden in Infiltraten,
die einen Teil oder ausnahmlos alle Follikel betrafen, und so teils
linsengroße, flache Erhabenheiten, teils pflaumengroße Prominenzen,
teils plampe Wülste und gestielte Bildungen darstellten und die
auf ihrer Höhe oberflächliche Nekrosen oder tiefere Ulcerationen
aufwiesen. Zugleich waren die Lymphdrüsen, in einigen Fällen
difus ergriffen, blieben aber stets scharf begrenzt, meist fand sich
eine leichte Vergrößerung der Milz vor. Im Intestmaltraktus war
aber meistens ein übergreifen des proliferierenden adenoiden Ge-
webes, das sich sonst genau in den Bereich der Submucosa hielt,
auf die Nachbarschaft zu konstatieren, so besonders in die Schleim-
haut, wo es zu hochgradiger Substitution des Mukosagewebes kam,
die makroskopisch in der Umwandlung der Darmfalten in plumpe
Wülste ihren Ausdruck fand. Da sich überdies zwischen den Infil-
traten Stellen mit normaler Schleimhaut vorfanden, und sich an anderer
Stelle ein Übergreifen von Drüsen auf die benachbarten Organe
nachweisen ließ, hat Störk trotz der in vielen Beziehungen großen
Ähnlichkeit der Bilder mit Pseudoleukämie auf ein Lymphosarkom
mit plurizentrischen Wachstum (mit zahllosen Entstehungszentren)
geschlossen. Mikroskopisch hatten sich Zellen vom Typus der
Lymphocyten neben der größeren unregelmäßig konturierten, mehr
sarkomzellenähnlich sehenden Zellen vorgefunden. Wenn wir diese
Bilder mit dem uns hier vorliegenden vergleichen, so sehen wir,
daß ein prinzipieller Unterschied vorliegt. Die Submukosa, die stets
vom Lymphosarkom und in erster Linie betroffen wird, ist hier sozu-
sagen frei; dagegen ist die Mukosa hochgradig betroffen. Ein Uber-
D«utschet Archiv f. klin. Medizin. 86. Bd. 19
290 XVIL BiLAND
wuchern auf die Maskularis und Serosa findet sich nirgends yor. Die
mesenterialen und retroperitonealen Lymphdrüsen sind wohl zum Teil
vergrößert, aber nirgends verwachsen, und sind entzündlich verändert.
Wohl zeigt das Lymphosarkom in den klinischen Elrscheinungen
gewisse Ähnlichkeit mit denen in unserem Fall. Es fuhrt zu
schwerer Schädigung des Allgemeinbefindens: zu Abmagerung,
Eräfteverfall, zu anämischem Aussehen, zu frühzeitigen hydropisch
kachektischen Ödemen, meist zu Diarrhöen, ab und zu zu Er-
scheinungen des Dens paralyticus.
Wir kommen so in der Deutung des pathologisch-anatomischen
Befundes per exclusionem auf die klinische Diagnose einer chronischen
Enteritis zurück, bei der es zu einer außergewöhnlich mächtigen
Durchsetzung der Mukosa mit kleineren und größeren lymphocyten
Formen gekommen ist. Für die Annahme einer entzündlichen Ver-
änderung der Darmwand, spricht ihre diftuse Ausdehnung, das be-
sondere Betroffensein der Mukosa, das reichliche Vorkommen von
Mastzellen, und besonders auch der histologische Befund der mesen-
terialen und retroperitonealen Drüsen.
Wir müssen uns nun die Frage nach der Ursache dieser Darm-
veränderungen und namentlich nach der Bedeutung des Flagel-
latenbefundes vorlegen.
In der Einleitung sind die Ansichten der Autoren über die
Frage der Pathogenität der Flagellaten auseinandergesetzt. Ich
möchte hier noch einen von Funkenstein veröffentlichten Fall
über Polyposis intestini anfügen, der in der medizinischen Klinik
in Königsberg beobachtet worden ist. Bei demselben wurden intra
vitam in den Dejektionen Trichomonas festgestellt und bei der
Autopsie ausgedehnte polypöse Entartung des Darms mit entzünd-
lichen Erscheinungen besonders des Duodenums und Dickdarme
vorgefunden. In diesem Fall, wie in einem zweiten von Hauser
veröffentlichten, erhob sich die Frage, ob die Protozoen für die
Darmveränderungen verantwortlich zu machen wären. Zwar konnte
bei der histologischen Untersuchung ebensowenig wie in vorliegendem
Fall der sichere Zusammenhang erbracht werden. Was für die
Annahme eines parasitären Einflusses gesprochen hätte, das war
die Anwesenheit vieler eosinophiler Zellen in der Darmwand. Auch
wir konnten in unserem Fall reichliches Vorkommen eosinophiler
Zellen stellenweise in der Mukosa des Dünndarms, sowie im Ge-
schwtirsboden feststellen. Wir wissen nun durch die Untersuchungen
von Heidenhain und neuerdings durch die von Erdely, daß
(las Vorkommen eosinophiler Zellen von reichlicher Eiweißnahrung
Beitrag znr Frage der Pathogenität der Flagellaten. 291
abhängt, and von die Schleimhaut schädigenden Momenten. Anderer-
seits hat Stutz eine Vermehrung der eosinophilen Zellen der
Darmwand bei entzfindlichen Zuständen derselben gefunden, da-
gegen bei eiterigen Prozessen im Grunde von typhösen und diph-
theritischen Geschwüren nur spärliche oder keine. Wir wissen,
daß zwischen einer Vermehrung der eosinophilen Zellen und der
Anwesenheit von tierischen Parasiten im Körper ein ziemlich regel-
mäßiger Zusammenhang besteht. So sammeln tierische Parasiten
(nach Askanazy, Streng und Musgrave das Balantidium
coli, Muskeltrichnien) eosinophile Zellen um sich herum, im Gegen-
satz zu den pflanzlichen Parasiten. Die Flagellaten, auch die
Trichomonaden bewohnen, wie wir gesehen haben, vorzugsweise
den oberen Dünndarm, das Duodenum, das Jejunum. Sie sind bei
Tieren zweifellos pathogen. Wir haben in ihnen bei reichlichem
Vorkommen ein die Darmmukosa schädigendes Moment, das zu
chronisch entzündlichen Veränderungen führen kann, wenn es sich
auf lange Zeit hinaus erstreckt. Gerade die stärksten Darm Verände-
rungen fanden wir im obersten Dünndarmabschnitt.
Wenn wir die verschiedenen Momente, wie sie aus der Kranken-
geschichte, dem makro- und mikroskopischen Befunde hervorgehen,
berücksichtigen, so müssen wir dem Vorkommen der Flagellaten
unbedingt eine wichtige Kolle, wenn nicht das einzig ausschlag-
gebende Moment für die Entstehung dieser schweren Enteritis zu-
sprechen. Die Berechtigung einer solchen Annahme finden wir in
der ganz vorzugsweisen Erkrankung des obersten Darmabschnittes,
dann in dem vielfach gehäuften Vorkommen eosinophiler Zellen;
femer in dem Mangel einer größeren Zahl pflanzlicher Mikro-
organismen und endlich in dem Auftreten so eigenartig charakteri-
sierter Darmveränderungen, wie wir sie bei ebensolange andauern-
den Diarrhöen nicht zu sehen gewohnt sind. Allerdings fehlt
uns der histologische Nachweis der Flagellaten. Wir haben aber
schon früher die Gründe auseinander gesetzt, die eventuell dafür
verantwortlich gemacht werden können. Eigentümlich, und nicht
ohne weiteres zu erklären, ist die Verschlimmerung der Diarrhöen,
in der Zeit, in der eventuell durch die medikamentöse Therapie
die Flagellaten im Stuhl zum Verschwinden gebracht worden
waren. Diese beiden Punkte müssen uns in der Auffassung, die
Flagellaten als Urheber der Enteritis anzusprechen, etwas vor-
sichtig machen ; und wir geben ohne weiteres zu, daß der stringeute
Beweis erst dann geliefert ist, wann der Nachweis der Flagellaten
in der Darmwand geglückt sein wird.
19*
292 XVII. BiLAVD
Inwieweit die Oeaehwfirsbildani^ mit den Flagellaten orsäcb-
lieh in Zusammenhang steht, läBt sich bei dem nicht gelungenen
Nachweis derselben in den Schnitten aaßei*ordentlich schwer ent-
scheiden und ist auch a priori nicht ohne weiteres anzunehmen.
Man kann dieselbe mit dem gleichen Recht den gewöhnlichen
dysenterischen Prozessen zuschreiben oder sie als katarrhalische
Daurmgeschwüre, wie sie bei Enteritis vorkommen, ansprechen. Die
Annahme eines doppelten Prozesses ist fernerhin auch deswegen
nicht -unwahrscheinlich, weil die Flagellaten, wie eingangs betont,
sich mit Vorliebe im kranken Darm ansiedeln. Es wäre sehr wohl
denkbar, daft der Prozefl mit den dysentrischen Veränderungen
im Dickdarm den Anfang nahm. Dafür würden die im Sektions-
protokoll erwähnten Narben im Dickdarm sprechen, und daft nnr
die höchst eigentümlichen Veränderungen im Duodenum und
Jejunum, die sich in keine Form der Enteritis oder Dysenterie
rubrizieren lassen, auf die Flagellaten zurückzuführen sind.
Zum Schluß erlaube ich mir, meinem hochverehrten früheren
Chef, Herrn Geheimrat Lichtheim für die Anregung zu dieser
Arbeit und für die Überlassung des Krankenmaterials meinen
herzlichsten Dank auszusprechen. Herrn Privatdozenten Dr. E. He-
din ger vom pathologischen Institut in Bern bin ich für seine
liebenswürdige Unterstützung bei der Ausführung der Arbeit sehr
zu Dank verpflichtet.
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Skaller, Kasuistische Beiträge zur Kenntnis des Vorkommens von Trichomonas
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Ziegler, Lehrb. der allg. Pathologie.
Erklärung der Abbildungen auf Tafel UI, IT.
Fig. 1. Übersiclitsbild des Daodemim.
Fig. U. Schnitt durch die Darmwand im Bereich des oberen. Abschnittes
des Dfiodenam. (Zeiß Obj. A* Okul. I.)
Fig. III. Die pbagocytftren Zellen in deB den Mesenterial-LymphdriueB.
(Zeiß ^/,, Imm. Okul. IL)
XVIIL
Aus der Eönigl. med. Univers.-Poliklmik zu Königsberg L Pr.
(Direktor: Professor Dr. J. Schreiber.)
Ober Bl.tT.q^^;en darch SeaamaL
Von
Privatdozent Dr. E. Bantenberg,
(VolontänBsistent an der KUnik vom l. Okt 1908 bis 1. Okt. 1904j
Im Anfang des Jahres 1905 machte mich mein Chef, Herr
Professor Schreiber auf einen eigenartigen Zustand aufmerksaub
den er bei 2 Patienten kurz nacheinander beobachtet hatte, und
der augenscheinlich mit der Applikation von ölklystieren in ätio-
logischem Zusammenhang stand. Diese, bekanntlich von Eußmaul
und Fl ein er zur Behandlung chronischer Obstipation empfohlenen
Ölklystiere pflegen vnr in der medizinischen Poliklinik häufig und
im allgemeinen mit gutem Erfolge anzuwenden. Während wir
bisher niemals irgendwelche erheblicheren Beschwerden bei der
Anwendung dieser Eur beobachtet hatten, erkrankten diese beiden
Patienten in direktem Anschluß an die Ölirrigation unter ziemlich
heftigen Krankheitserscheinungen. Es trat Schwächegef&hl auf,
das bei einem jungen Mädchen zu längerer tiefer Ohnmacht führte,
daneben bestanden Beklemmungen und Herzklopfen. Besonders
auffällig war jedoch neben großer Blässe des Gesichtes eine un-
gewöhnlich starke Blaufärbung der Lippen, Wangen, Ohren und
Finger gewesen, die mit starker Abkühlung dieser Körperteile und
subjektivem Kältegefühl in ihnen einherging.
Kurze Zeit, darauf kam ein neuer schwerer Fall zu unserer
Beobachtung und so stellte ich mir die Aufgabe, der Ursache dieser
Erscheinungen nachzuforschen. — Da die Olirrigationen — es
handelte sich um im Handverkauf aus verschiedenen hiesigen Apo-
theken bezogenes Sesamöl — in der von uns applizierten Menge
von 300—500 ccm von den allermeisten Patienten gut vertragen
wurden, so mußte es fast scheinen, als ob es sich bei diesen wenigen
Üb«r BlutTergiftangen durch SesamSl. 295
Patienten um eine Art von individueller Idiosynkrasie gegen das
Öl handelte. Allerdings verlor diese Annahme an Wahrscheinlich-
keit, als sich bei näherer Nachforschung herausstellte, daß einige
der Patienten die Ölklysmen eine Zeitlang gut vertragen hatten,
dann aber plötzlich einen dieser üblen Zufälle bekamen.
Immerhin machten die genannten Erscheinungen den Eindruck
einer Art von Intoxikation, was um so verwunderlicher sein mußte,
als fiber Giftwirkung des Sesamöles in der Pharmakologie nichts
bekannt ist und dasselbe auch als Medikament zum innerlichen
Gebrauche (Ersatz fär Lebertran) empfohlen worden ist. So blieb
nichts anderes fibrig, als eine zufällige oder absichtliche Verun-
reinigung des Öles durch minderwertige giftige Ölsorten anzunehmen
and in dieser Richtung mußten sich demnächst meine Nachforschungen
bewegen.
Inzwischen trat eine Häufung der beschriebenen Zufälle ein,
so daß mir meine Nachforschung nach der Art des verwendeten
Sesamöles sehr erleichtert wurde.
Es stellte sich heraus, daß das Sesaroöl, dessen Applikation
jene Zufalle im Gefolge hatte, aus 2 bestimmten Apotheken stammte
und daß diese Apotheken das Oleum sesami gallicum führten,
während mir das Öl der anderen Apotheken als Oleum sesami g e r m a -
nicum bezeichnet wurde. Ja es ließ sich sogar nachträglich nach
weisen, daß die Patienten, die lange Zeit die Ölklystiere schadlos
gebraucht hatten und dann plötzlich nach einem Klysma in der be-
schriebenen Weise erkrankten, in der Regel das Ol. sesami ger-
manicum gebraucht und dann zufallig einmal Ol. sesami gallicum
verwandt hatten.
Diese beiden Ölsorten sind verschiedener Natur nnd Abstammung.^)
Das „deutsche Sesamöl^, Leindotteröl wird aas den Samen
des Leindotters oder Butterrapses (Hyagium sativum L.) hergestellt. Es
enthält die Olyceride der Linolsäure, Ölsäure, Palmitinsäure und Eruca-
Bäure.
Das Oleum sesami gallicum, das ursprüngliche Sesamöl, wird ans
den Samen des morgenländischen Sesams (S. Orientale und S, indicnm)
gewonnen. Es enthält die Olyceride der Stearin-, Palmitin-, Linol- und Öl-
säure. Femer ist in ihm ein harzartiger Körper, ein alkohoUösliches
Öly ein bei 137^ schmelzender Alkohol und ein schon kristallisierbarer
Körper „Sesamin** gefunden worden. — Der Same der Pflanze ist früher
als Emenagogum und Abortivum verwendet worden.')
Ich fahre jetzt die von mir beobachteten Fälle an.
1) Siehe Benedikt-Ülzer, Analyse der Fette. Berlin 1897. 3. Aufl.
2) Dragendorff, Heilpflanzen. Stuttgart 1898 S. 613.
296 XVUL Eautxnbbiu}
Fall I. A. 8., 44 Jaiire, KattfmanDBfna« Obstipatio ohron.
13. März 1905. Klystier von ca. 250 ccm Ol. sesami gallicam.
Angeblich hat Patientin danach keine Beschwerden gehabt. Ihre An-
gehörigen haben — wie sie nachtraglich angeben — leichte Blaufafbong
.der Lippen und Wangen bemerkt.
15. März 1905. YormitUgs 10 XThr Klystier von 500 ccm OL ae-
•ami gallicum. 3 Stunden später Kältegefühl, Blaufärbung der Lippen.
Steigerung des Kältegefühls, große körperliche* Schwäche, später Uitze-
gefuhl. Vorübergehende subjektive Besserung zwischen 4 und 6 Uhr
Nachmittag. Danach auffallige Zunahme der Blaufärbung des Gesichtes,
bwonden der Lippen und Wangen ; Klage über Kopfschmerz. Um 7 Uhr
tiefe, selbst starken Reizen nicht weichende, ca. ^^ ständige Ohnmacht.
Nach dem fk- wachen Klage über sehr heftigen Kopfschmerz, Kältegefühl.
8^/2 Uhr nachmittags: erhebliche Blässe, Cyanose des Gesichtes, besonders
der Lippen- und Mundschleimhaut, der Finger. Körperhaut auffallend
kühl Puls mäßig gefüllt, 90 in der Minute, regelmäßig. Herztöne rein.
Respiration nicht auffällig verändert. Pupillen mittelweit, normal auf
Licht reagierend. Urinentleerung normal, seit der Oleingießaog keine
Stuhlentleerung. — Verordnung von Excitantien und Wärmegefaßen.
16. März 1905. Patient kommt zu Fuß in die Poliklinik. Kopf-
schmerzen und Kältegefühl haben nachgelassen; es besteht noch große
körperliche Schwäche. Cyanose der Lippen und Zunge noch sehr deut-
lich wahrnehmbar. Geringer Ikterus. Innerer Organbf^fund normal. Keine
Leber- keine Milzschwellung. Urin dunkelbraun, ohne £iweiß, ohne
Zucker; deutliche Bilirubinreaktion. Im Spektrum Absorptionsstreifen
für Urobilin.
17. März 1905. Völliges Wohlbefinden. Kein Ikterus. Im Harn
Bilirubin nur noch schwach, Urobilin deutlich nachweisbar.
Fall IL L. G., 34 Jahre, Kaufmannsfrau. Obstipatio chron.
9. Mai 1905. Applikation von 250 ccm Ol. sesami gallicum. Unter-
drückung des darauffolgenden Stuhldranges. Um die Mittagszeit Frost-
gefiihl, körperliche Schwäche, sichtliche Blaufärbung der Lippen. 1 Uhr
Entleerung von Stuhl und ()l. Im Laufe des Nachmittags zunehmende
Blaufärbung der Lippen und Wangen Blaufärbung der Finger, besonders
der Nägel, zunehmendes Schwächegefühl.
4 Uhr nachmittags: Elendes Aussehen, starke Blässe des Gesichtes,
vermischt mit Cyanose ; erhebliche Cyanose der Lippen und Mundschleim-
haut. Puls klein, 96. Extremitäten kühl, Temperatur 36,2 ^. Pupillen-
reaktion auf Licht normal. — In der Nacht Schlaflosigkeit. Nach einem
SchweiBausbruch subjektive Besserung.
12. Mai 1905. Die Cyanose an Lippen und Wangen noch deutlich
sichtbar. Kein Ikterus. Puls 72, regelmäßig, von normaler Spannung.
Innerer Organbefund normal. Milz und Leber nicht fühlbar. Urin bell,
klar, schwach sauer, spez. Gewicht 1002, ohne Albumen, ohne Zucker,
ohne Gallenfarbstoff. Hämoglobin (Gowers) = 70 »/^ » R = 6 820 000,
W= 10 400; mikroskopisches Blutbild normal; Blut auffallend dunkel.
13. Mai 1905. Subjektiv noch geringes Oppressions- und Schwäche-
gefühl. Appetitlosigkeit. Geringe Cyanose, mäEige Blässe, keine Ikterus.
Puls 88. Urin hell, klar, spez. Gewicht 1001 ; ohne Eiweiß, ohne Zucker,
über Blutyergiftangen dnrch Sesamöl. 297
ohne GaUeiifarbeioff. Blut dunkel, Hb = 790/o, E = 6610000, W =
8300; mikroekopiflches Blutbild normal.
15. Mai 1905. Geringe Cyanose. Blut von normaler Farbe, Hb:^=
69%, B= 5380000, W = 9500.
29. Mai 1905. Wohlbefinden. Hb = 74%, R = 4940000, W =
7200. IJiin klar, 1019; keine Eiweiß, kein Zucker.
96. Juli 1905. £iDgießung von 200 com Ol. seeami germati. Tag
aber völliges Wohlbefinden. Stuhl entleerung nach 15 Standen.
Fall III. M. K., Aufwartemädchen, 45 Jahre.
Vor 2 Monaten Abtreibung von 6 — 8 Botbriocephalen, seitdem Besse-
mng der vorher erbeblichen Anämie.
13. Juni 1905. Blässe. Blutbefund: Hb (Ghowers) = 70^^, R =
4330000, W = 6500. Im mikroskopischen Blutbild mäßige Anisocytose,
QDgleiohlnäßiger Hb-Gehalt der Erythrocyten. Unter 200 weißen Zellen
p = 83,5%, L = 2«/o, 1=12,5%, mon = 0%, 60s=l%, ma =
1*^/9. keine Normocyten.
15. Juni 1905. Wegen Obstipation Einlauf von oa. 150 ccm Ol.
sesami gallicum. Nachmittags ö Uhr klagt Patientin über große Sohwäohe,
Oppressionsgefübl. Erhebliche Blässe, erhebliche Cyanose der. Lippen,
müBige Cyanose des Gesichtes und der Hände, kein Ikterus. Kühle
Extremitäten, Puls sehr klein, 72. Innerer Organbefund normal. Urin
rötlicbgelb, sauer, klar, enthält Spuren von Albumen, keinen Zucker;
schwache Bilirubinreaktion, kein Urobilin. Blut auffalUg dunkel (schwarz-
rot). Hb = 62 %, R =. 4 780 000, W = 8500, p = 76 %, 1 = 18 %,
L = 1 %^^ mon = 1 «Z^, eos = 4 %. Auf 200 weiße Zellen 5 Normo-
blasten. Um 6 Uhr Stuhlentleerung.
16. Juni 1905. Wangen und Lippen leicht cyanotisch. Kein Ik-
terus. Urin: 1020, gelbrot. Spuren von Bilirubin und Urobilin. Blut
dttDkel, Hb = 67 % R = 4 440 000, W = 5200. p = 62 %, L = 5 %,
1 =- 2 1 %, mon = 5 %, ma = 3 %, eos == 4 %. Auf 100 weiße Zellen
1 Normoblast.
20. Juni 1905. Keine Cyanose, im Urin Spur Albumen, kein Gallen-
farbstoff. — Hb — 71 '%, R = A 650000, W = 6200.
22. Juni 1 905. R = 4 290 000, p = 74 %, 1=21 %, L = 4 %,
eo8=r 1 ®/„. Auf 200 weiße Zellen keine Normoblasten.
Fall IV. Frl. D. K., 18 Jahre.
Wegen Kopfschmerzen und Obstipation seit einigen Tagen in Be-
handlung der Poliklinik.
Leichte Blässe. Hb = 88 %, R =r: 5 490 000, W = 7100 ; innerer
Organbefund normal, Urin enthält Spuren von Eiweiß.
24. Juni 1905. Ölklysma (Ol. sesami gall.) 200 ccm 9 Uhr vor-
mittags, 13 Uhr beim Nachhausegehen große Schwäche, auffällige Blau-
färbung der Lippen und Wangen, Blässe; Rückkehr in die Poliklinik.
3 Uhr nachmittags. Patient liegt sehr matt da; erhebliche Blässe
^ Gresichtes, fleckwebe untermischt mit hochgradig cyanotischen Partien.
Besonders die Lippen, Wangen und Ohren, aber auch Hände und Füße
sind cyanotisch. Kühle Prominenzen. Puls klein, 90. Leichte Dyspnoe,
Bespiration 24. Keine Leber-, keine Milzschwellung. Pupillen mittel-
weit, reagieren auf Licht.
298 XVin. Rautbnbsro
Übelkeit, erhebliche Kop&chmerzen, Trockenheit des Mundes. —
Blut auffällig dunkel. Hb = 74%, R = 5290000, W = 8400. Mikro-
skopiBches Blutbild normal. Urin gelb, klar, 1012. Spur Albumen,
kein Zucker, kein Gallen farbstoff. um 6^, Uhr Erbrechen. Kurz dtr-
auf Stuhlentleerung. Zunahme der Kopfschmerzen. Temp. = 36^3 ^
R= 5 470000.
25. Juni 1905. In der Nacht Rückgang der subjektiven Beschwerden.
Es bestehen nur noch mäßige Kopftchmerzen und Schwächegefühl, Appe-
titlosigkeit. Geringe Blässe und Cyanose. Temp. 37,8^. Pule 80. Kein
Ikterus, keine Leber- keine Milzschwellung. Blut dunkler als normal
Verfrühter Eintritt der Menstruation.
30. Juni 1905. Wohlbefinden, keine Cyanose, normaler Ablauf der
Menstruation.
Fall V. B. B., 26 Jahre, Kaufmannsiehring. Obetip. chron.
Wegen nervöser Beschwerden in Behandlung der Poliklinik seit dem
25. Juni 1905. Blässe, Blutbefund: Hb = 84%, R = 4980000, W =
6200. Puls 102 (Frequenz sehr schwankend) innerer Organbefnnd nor-
mal. Behandlung mit Olklystieren. Anfängliches Wohlbefinden.
3. Juli 1905. Um 7 IJhr vormittags Einlauf von 200 ccm Ol. se-
sami gallicum (wie sich später herausstellt, aus einer anderen Apotheke
gekauft).
Von 10 Uhr ab sichtlich zunehmende Blässe und Cyanose, besonders
auffallend an Lippen und Fingernägeln. Hände kühl. Subjektives Be-
finden zunächst ungestört. Erst im Laufe des Nachmittags Klage über
Kopfschmerzen.
12 Uhr mittags: Blut sehr dunkel. B. = 5180000, W = 7300.
Unter 200 weiße Zellen, p = 65 %, L = 6 %, 1 = 21 % mon = 5%.
eos == 2 7o> ma = 1 7o« 1 Normoblast.
Nachmittags Stuhlentleerung. Im Urin kein Eiweiß, kein Zucker,
kein Absorptionsstreifen im Spektrum.
4. Juli 1905. Patient klagt noch über Kopfschmerzen. Leichteste
Cyanose, erhebliche Blässe. Urin ohne Eiweiß, ohne Zucker, ohne Gallen-
farbstoff; im Spektrum kein Absorptionsstreifen. — Blut: Hb = 82^,^,
W = 7500. p = 69«/o, 1 = 230/0, L— 10/,,, mon— 2%, eos==5%,
kein Normoblast.
Dieser Fall führte zu der Entdeckung, daß das öl einer bestimmten
Herkunft giftige Eigenschaften haben müßte, denn der Patient bekam
den üblen Zufall nach Gebrauch des in einer anderen Apotheke gekauften
Öles. Eine gleichzeitige weitere Beobachtung bestätig^ diese Annahme.
Fall VI. S. F., 17 Jahre, Kaufmann. Nephrolithiasis dextra.
Schwächlicher Körperbau, Puls 102. Blutdruck =133 mm Hg
(Riva-Bocci). Im Urin geringer Gehalt an Albumen, spärliche rote Blut-
körper. Hb = 85 % R = 5 320 000, W = 14 600.
4. Juli 1905. Erhält zur Vorbereitung einer Böntgendurchleuch-
tung einen Bektaleinlauf von 200 ccm Ol. sesami gall. vormittags lOV« Uhr.
TJm 12 Uhr Stuhlentleerung.
Um 3 Uhr Blässe, leichte Cyanose, geringe Kopfschmerzen. Blut
sehr dunkel. Hb = 84«/„, R = 4910000, W = 13500.
Abend temperatur = 37,8 ^ Puls 108. Blutdruck = 129 mm Hg.
Ober Blntrergiftoiigen durch SesamOl. 299
5. Juli 1905. Oerisge Cyanose. Temperatur 37,5. Urin: Spur
Albamen, kein Bilirubin, kein Absoiptionsstreifen im Spektrum. Kein
Zucker.
6. Juli 1905. Ol. eesami ger man. 400 com, als Klystier. Da-
sach Wohlbefinden.
30. Juli 1905. Patient applizierte eich wegen Obstipation zu Hause
150 ccm Ol. sesami gall. vormittags 10 XJbr.
Nachmittags 3 Uhr Blässe, deutliche Gyanose ; 5 TJhr Stuhlentleerung.
6 Uhr. Temp. 37,8. Puls 100. Blutdruck 119 mm Hg. Blut sehr
danke]. Im Spektrum die Streifen des Oxyhämoglobins. Leber, Mila
Dicht fühlbar. Urin: Spur Albumen. Kein Zucker, kein Bilirubin; im
Spektrum Absorptionsstreifen für Urobiln. Mäßige Kopfschmerzen.
28. Juli. Geringe Blässe und Gyanose. Temp. 37^.
Ans diesen Beobachtungen ergibt sich ein recht charakteristi-
sches Vergiftungsbild beim Menschen: Gefühl von großer Mattig-
keit, ev. sich bis zur Ohnmacht steigernd, Erkaltung der
peripheren Körperteile mit Frostgefühl einhergehend, Kopf-
schmerzen, die sich bis zur Unerträglichkeit steigern können;
mehr oder weniger erhebliche Gyanose und Blässe des Gre-
sichtes (namentlich der Lippen, Wangen und Ohren) und der Extremi-
täten (besonders der Nagelphalangen). An den inneren Organen,
besonders am Kespirationsapparat, keine nachweisbaren Störungen,
keine Veränderung des Urins. Dunkelfärbnng des Blutes
bis zu schwarzem resp. schwarzrotem Aussehen, aber keine nach-
weisbare Veränderung in der quantitativen Zusammensetzung seiner
morphologischen Elemente. Dauer des Zustandes ca. 12—24—36
Stunden.
Von diesem sozusagen regelmäßigem Befunde kamen nur ge-
ringe Abweichungenvor. Einmal (Fall II) wurde auf der Höhe der
Vergiftung Vermehrung der Erythrocyten konstatiert (6—7000000
Erythrocyten), deren Zahl in 24 Stunden auf 5610000 herabsank
und sich in den nächsten Tagen auf dieser Höhe hielt Da die vor
dem Eintritt der Vergiftung vorhandene Zahl der Erythrocyten un-
bekannt ist und diese Beobachtung eine vereinzelte ist, kann sie
wohl nicht als charakteristisch für diese Vergiftung angesehen
werden. In einigen Fällen traten einzelne Normocyten nach Ablauf
der Vergiftung auf.
Femer wurde in 2 Fällen eine schwache Bilirubinurie und
Urobilinurie konstatiert, zusammen mit geringem Ikterus. Offen-
bar handelte es sich um Übertritt resp. Auftreten geringer Mengen
von Oallenfarbstoff in die Blutbahn und rasch erfolgende Aus-
scheidung durch den Urin. Die Erklärung dieser Erscheinung ist
300 XYIII. Rautsnbsko
keine leichte. Es liegt nabe, bei der geschilderten Veränderung
des Blutes nach Analogie mit anderen Vergiftungen an sogenannten
hämatogenen Ikterus zu denken. Doch spricht der Umstand, daß
eine erheblichere resp. nachweisbare Zerstörung der roten Blut-
körper bei unserer Vergiftung nicht stattfindet und dafi dement-
sprechend auch eine Hämoglobinurie fehlt, gegen die Annahme
eines solchen hämatogenen resp. pleiochromen Ikterus. Vielleicht
handelt es sich um geringe parenchymatöse Veränderungen der
Leber. — Übereinstimmend berichten unsere Beobachtungen über
anffällige Dunkelfärbung des Blutes nnd unsere Nach-
forschung erstreckte sich in den letzten Fällen mit Hilfe der
Spektral unteisuchung besonders auf die Ursache dieser Verände-
rung. Ein sicheres Resultat wurde jedoch nicht erzielt. Die Ver-
mntung, daß — ähnlich wie bei Nitrobenzol und anderen Blut-
giften — Methämoglobinbildung stattgefunden habe, konnte darch
verschiedentliche spektroskopische Untersuchungen nicht erbracht
werden. Stets waren nur die für Oxyhämoglobin charakteristi-
schen Streifen im Spektrum sichtbar. Jedoch kann dieser Befand
nicht gegen die Annahme von Methämoglobinbildung verwertet
werden, da es möglich ist, daß die noch vorhandene, überwiegende
Menge des Oxyhämoglobins das Methämoglobinspektrum verdeckt.
Hervorgehoben werden muß jedoch, daß im Urin Methämoglobin-
ausscheidung nicht nachweisbar war.
Die Annahme, daß die Dunkelfärbnng des Blutes durch er-
höhte Venosität, also durch Sauerstoffmangel bedingt sei, hat in
Rücksicht auf das Fehlen einer Respirationsstörung wenig Wahr-
scheinlichkeit ^für sich.
Die Beobachtungen dieser Giftwirkung des Sesamöls nnd die
noch offenstehenden Fragen nach der Art der Blut Veränderung
forderten zu Tierversuchen heraus.
Als Applikationsmodus schien die subkutane Injektion die
zweckmäßigste zu sein. Wenigstens verloren die Versuchstiere
(Kaninchen und Hund) bei rektaler Applikation sofort einen Teil
der eingeführten Menge, nnd die Kaninchen erkrankten im Anschluß
daran, besonders heftig aber nach Eingießung des Öles in den
Magen, unter Erscheinungen eines heftigen Darmkatarrhs, die die
Beobachtung störten.
Versuch I. 20. Juli 1905 vormittags 11 Vg Uhr. Kaniacheo,
mittelgroß. Subkutane lujektion von 140 com Ol. sesami gallic. Tier
nachmittags etwas matt. Blut nicht dankler als beim gesunden KontroU-
tier. Normales Oxyhämoglobinspektrum. Mikroskopisches BlütbiM oor-
über ttntverg-iftiuigen durch SMamfil. 301
mal Urin ohne Eiweiß, ohne Zacker; kein Gallenfarbitoff, kein
Aceton.
21. Juli. Derselbe Befund. Tier bleibt in den nächiten Tagen
noch etwas metti erholt sich dann wieder.
Versuch IL 21. Juli 1905 voniiittaga 10 Uhr. Ejuainchen,
mittelgroß. Subkutane Injektion von 260 ccm Ol. aes. gail. Resultat
dasselbe wie oben.
Versuch III. 10. August yormittaga 11 Uhr. Kaninchen mittel-
groß. Injektion von 800 ccm Ol. seaami gallicum; nachmittags 6 Uhr
filatftirbe normal.
11. August vormittags 11 Uhr. Blut von normaler Farbe. Injek-
tiou von 200 ccm Ol. sesami gall. Nachmittags 7 Uhr Tier sehr matt.
Blut dnnkelrot, Blutspektrum normal. Augenhintergrund normal.
12. August. Zunehmende Schwäche. Unlust zum Fressen.
13. August vormittags 9 Uhr Exitus.
Bei der Autopsie (1 Stunde post exitum): Subkutanes Fettgewebe
der Banchhaut mit Ol durchtränkt. Muskulatur blaß. Peritoneum und
Pleara glatt, spiegelnd. Darmtraktus leer. Herzmuskel auffallend schlaff.
Langen überall gleichmäßig lufthaltig. Leberzeichnnng normal ; am vor*
deren Leberrande ein linaengroBes, weiEgelbes Knötchen. Nieren schlaff,
mit normaler Zeichnung. Harnblase leer. Blut dunkel, flüssig. Blut-
spektrum zeigt die Streifen des Oxy- Hämoglobins. Mikroskopisches Blut
bild ohne auffälligen Befund. An der Körper- und Herzmnskulatur
keine Verfettung bemerkbar.
Versuch IV. 3 mittelgroße Kaninchen erbalten jedes am 14. und
15. August je 200 ccm Ol. sesami gall. subkutan injiziert. — 16. Aug.
Blut sehwarzrot. — Tiere matt. — 1 Tier stirbt am 17., 2 am 18. Aug.
Bei der Autopsie keine auffällige Organveränderung.
Versuch V. Kontrollversuch 10. August 1905 vormittags 10 Uhr.
Mittelgroßes Kaninchen. Injektion von 250 ccm Ol. sesami germ. Nach-
mittags 7 Uhr Tier etwas matt. Blut von normaler Farbe.
11. August vormittags 11 Uhr. Injektion von 200 ccm Ol. scs. germ.
Tier an den folgenden Tagen matt. Blut dauernd hellrot. — 18. Aug.
Exitus. Keine Organ Veränderung. Normales Blutspektrum.
23. Juli munter.
Versuch VI. Mittelgroßer Hund (Teckel) erhält am 24. Juli vorm.
BV, Uhr 200 ocm Ol. ses. gall. 1 1 Uhr Mattigkeit, Erbrechen, Frösteln.
Die Mattigkeit hält an den folgenden Tagen an. Am 31. Juli wieder munter.
Versuch VII. Derselbe Hund erhält 200 ccm OL ses. gall, sub-
kutan appliziert am 1. August vormittags 11 Uhr. Blutbefund: W =
17 700, R^ 3 200 000, Temp. 37,4 ^ 7 Uhr abends Mattigkeit, Blut
normal gefärbt. W == 38 600, R = 4150000. Temp. 37,6 ^ Injektion
von 400 ccm Ol. ses. gall
2 An^st 1905. Erhebliche Mattigkeit, Freßunlust. Frösteln, Ohren
kalt. Temp. 34,7 ^ Blut dunkelrot, fast schwarz. W= 15 400,
H== 4950 000. Im Spektrum normale Hämoglobinstreifen.
3. August morgens 6 Uhr Exitus.
Bei der Autopsie : Dnrchtränkung des subkutanen Gewebes der Banch-
haut mit Öl. Muskulatur etwas trocken, dunkelrot. Peritoneum und
302 XVIII. Haütbnbbho, Über Biatvergiftiuigeii dueh SeaamdL
Pleuren glatt, spiegelnd. Herzmnskel fest. In den OefiLBen auffallend
wenig flüssiges Blut. Blutspektnun zeigt die Streifen des Oxyhamo-
globins. Ausgedehnte herdweise Infiltrationen im Unter- und
Oberlappen der linken Lunge. Die Lungenarterien bis in ihre Ver-
ästelungen II. Grades frei. Normale Läppchenzeichnung der Leber. Milz
schlaff. Nieren von normaler Konsistenz, auf dem Durchschnitt etwas
sukkulent, Zeichnung normal. Harnblase gefüllt. Im Harn geringer
Albumengehalt, kein Zucker, kein Aceton. Im geringen Sediment:
mäßig viel Leukocyten, wenig Erythrocyten, spärliche, nicht verfettete
Epithelien, wenige leicht granulierte Zylinder. Meningen des Oebims
stark injiziert. Keine pialen, keine cerebralen Blutungen. Kein Hydro-
cephalus.
Mikroskopische Blutbilder yom 31. Juli (Abends 7 Uhr) und 2. Aug.
zeigen keine Differeozen.
Die Tierversuche führten zum gleichen Resultat wie die Be-
obachtungen am Menschen : Das von uus gebrauchte Oleumsesami
g a 1 1 i c u m enthält giftige Substanzen und ruft, dem Tierkörper ein-
verleibt, schwere Vergiftungserscheinungen hervor, die bei genügen-
der Dosis tödlich enden können. Konstant wurde eine Dunkel-
färbung des Blutes beobachtet deren Natur jedoch auch durch
spektroskopische Untersuchung nicht festgestellt werden konnte.
Die zelligen Blutelemente erfuhren in dem letzten Versuche eine
absolute Vermehrung (vorübergehende Leukocytose, anhaltende Zu-
nahme der Erythrocyten); morphologische Unterschiede wurden im
mikroskopischen Bilde nicht konstatiert In den Harn trat kein
Gallenfarbstoff über.
Mit den vorliegenden Untersuchungen konnte die Ergrnndung
der Giftigkeit des von uns verwendeten Sesamöles nicht als ab-
geschlossen betrachtet werden. Es lag nahe, mit den erwähnten,
aus dem Sesam öl isolierten Körpern unbekannter Konstitution weitere
Tierversuche anzustellen und ihre eventuelle Giftwirkung zu erproben.
Dieses Vorhaben wurde jedoch in Frage gestellt, da es mir nach
Bekanntwerden der Giftigkeit jener Olsorte und bei der Absicht
nähere Untersuchungen anzustellen — unmöglich war im Handel
dasselbe giftige Ol wieder zu erhalten. Offenbar lag von irgend
einer der in Betracht kommenden Stellen eine mehr oder weniger
bewußte Verfälschung des Öles vor und man scheute sich sie mir
zuzugeben resp. dieses Öl weiter zu verkaufen. Jedenfalls war das
jetzt mir zur Verfügung gestellte Ol. sesami gall. völlig un-
giftig. — Mir schien es notwendig auf die Möglichkeit jener
starken Giftwirkung des Öles aufmerksam zu machen und vor un-
eingeschränkter Verwendung desselben zu warnen.
XIX.
Aus der Kgl. medizinischen Universitätsklinik zn Königsberg i. Pr.
(Direktor: Geheimrat Lichtheim).
HypertrophiBehe Lebereirrhose nnd Korsakow'ßche Psychose
mit Ausgang in Heilnng.
Von
Dr. Arthur Bosenfeld,
ehem. Volontärarzt der Klinik, Jetzt Assistent an der Hautklinik in Breßlan.
Wenn man klinische Erfahrungen zu verzeichnen hat, in denen
man mit einer kühnen und richtig gestellten Diagnose oder mit
therapeutischen Erfolgen prunken kann, so ist das eine erfreu-
lichere Aufgabe, als die Darstellung von Krankheitsfällen, bei denen
man sich in der Prognose getäuscht hat Doch sind eigene und
fremde Irrtümer oft nicht minder belehrend, da sie zum Nachdenken
über die Grenzen unseres Wissens anregen, und so scheint mir
auch der im folgenden mitgeteilte Fall bemerkenswert, dessen über-
raschend günstigen Verlauf wohl keiner voraussehen konnte.
A. M., Subalternbeamter, jetzt 32 Jahre. Aufnahme: 9. Mai 1903.
Anamnese (vom Vater des Patienten aufgenommen).
Familienanamnese ohne Belang. Patient hat mit 8 Jahren an Masern
lind Diphtherie, mit 9 Jahren an Typhus gelitten. Vor 6 Jahren Auf-
treten zahlreicher Leberflecke. Seit einigen Jahren öfters Nasenbluten,
im letzten Halbjahr stärker werdend, oft mehrmals täglich
ftoftretend. Vor 7 Monaten Beginn der jetzigen Krankheit
mit hochgradiger Appetitlosigkeit ohne sonstige Magen-
beflchwerden, seit ca. 4 Monaten allmählich stärker werden-
der Ikterus, starke halbkngelförmige Anschwellung des
Leibes, Hesistenz in der Lebergegend; nie Schmerzen und
Fieber, dagegen Hautjucken, Abmagerung und allgemeine
Mattigkeit; infolgedessen seit einem Monat arbeitsunfähig und seit
14 Tagen dauernd bettlägerig. Stuhlgang in den letzten Wochen
diarrhoisch, übelriechend, Farbe nicht zu ermitteln. Urin dunkel-
braun. Seit 14 Tagen ist Patient desorientiert, die ersten
3 Tage allgemeine Unruhe mit Halluzinationen ohne besonders
304 XTX. BOSBNFKLD
charakteristischen Inhalt. In letzter Zeit schläft er meist am Tage,
während er in der Nacht unruhig ist und viel phantasiert.
Fötus von Bier und Schnaps zugegeben, Lues negiert.
Status bei der Aufnahme: Mäßiger Ernährungszustand, hoch-
gradiger Ikterus, Pithyriasis versicolor; reichlich Naevi pigmen-
tosi am B.umpf. Am Herzen schwaches systolisches Geräusch, im übrigen
die Brustorgane ohne Besonderheiten. Puls 112, rhythmisch. Auf der
Haut des Abdomens deutliche Striae. Geringer frei verschieb-
licher Ascites, der nur in den zeitlichen Partien des linken Meso-
gastriums nachweisbar ist, da die seitlichen Partien des rechten Meso-
gastriums durch die darunter liegende Leber gedämpft sind.
Die Leber zeigt nach oben die normale Begrenzung;
der untere Band ist in einer schräg abwärts verlaufen-
den Linie zwischen dem 9. linken Rippenknorpel und dem
Nabel fühlbar; von da an verläuft er fast senkrecht nach
unten und läßt sich bis nahe an die Spina iliaca anterior
Buperior dextra verfolgen; die unterste Kuppe dis
rechten Lappens, die bis ins kleine Becken reicht, läßt
sich nicht abtasten. Die Oberfläche der Leber ist glatt,
die Konsistenz ziemlich hart, die Gallenblase nicht föhlbar.
Milz nicht palpabel, perkutorisch nicht vergrößert. XJrin schwarzbrann,
Gmelin positiv, geringe Eiweißtrübung; im Sediment reichlich Leuko-
cyten. mäßig reichlich hyaline, gekörnte und Epithelzylinder.
Fäces geformt, von gelber Farbe, mikroskopisch ohne Besonder-
heiten.
Blut : Hb = 75 \ (Fleischl).
Erythrocyten : 3 500000.
Leukocyten : 1 3 800.
(Prozentuales Verhältnis : Polynucleäre 84,5. Große Lymphooyten 0,5.
Kleine Lymphocyten 2, große Mononucleäre 10, Eosinophile 2,5, Mast-
zellen 0,5.)
Im Augenhintergrund beiderseits im oberen äußeren Quadranten nahe
der Papille Blutungen von Vs — \'2 Papillen große.
Status nervosus. Sprache ohne Störungen. Kein Silbenstolpem.
Gehirnnerven normal, insbesondere keine Störungen der Pupillenreaktion
und der Augenbewegung. Beim Gehen und Stehen mäßiges
Schwanken, beiAugenschluß zunehmend; an den Armen keine
ataktische Erscheinungen; mäßig starker fein schlägiger Tremor
m a n u u m , sonst keine motorischen Störungen.
In einer stumpf förmigen Zone, die von den Knieen ab-
wärts vorn bis zur Gegend des Lief ranc'schen Gelenks,
hinten bis zur Ferse hinabreicht, Analgesie, Herab-
setzung der Tast' und Temperaturempfindung; letztere am
ganzen Fuß herabgesetzt. Tiefe Sensibilität nicht gestört. Keine Dnick-
empfindlichkeit der Nervenstämme. Patellarreflexe rechts kaum,
links nicht auslösbar. Achillessehnenreflexe nicht auslösbar. Ba-
binski negativ.
Psychisches Verhalten. Patient liegt ruhig zu Bett, zeigt
keine besonderen Stimmungsanomalien; über seine Krankheit macht er
Hypertrophische Lehercirrhose und Korsokow'sche Psychose etc. 305
sich keine Sorgen, auch kümmert er sich wenig um seine Umgebung.
Er spricht spontan und antwortet in besonnener Weise auf Fragen.
Hierbei fällt eine hochgradige zeitliche und örtliche Des-
orientiertheit auf. AbweohseJnd gibt er an, sich im Oamisonlazarett,
im städtischen Krankenhans, zu Hause zu befinden. Er weiß nicht, in
welchem Monat er lebt, sagt einmal Juli, bald darauf Oktober, nicht,
wie lange er krank sei (^j^, ^j^, 1^4 Jahr), wie lange er schon in der
Klinik ist.
Ffir diese Gedächtnisschwäche hat er selbst in mäßigem Grade
ein Gefühl. Auf die Frage, wann er gedient habe, sagt er: ich weiß
es im Augenblick nicht, doch kann ich morgen meinen Militärpaß zeigen.
Über frühere Krankheiten, die er selbst ziemlich richtig angibt, will er
sich mit den Eltern besprechen, die wüßten auch, in welchem Alter er
krank gewesen sei. Er weiß nicht, wo er zuletzt gewohnt hat, was er
am Tage vorher getan hat; einmal sagt er, er sei am Tage vorher auf
Beerdigung seines Kollegen gewesen; dieselbe liegt jedoch bereite
4 Wochen zurück. Über seine frühere Beschäftigung (auch den Ort)
weiß er gut Bescheid, ebenso über sein Alter, über Dinge, die er gelernt
hat (Kriege Preußens, Kaiser, Söhne des Kaisers etc.). Beim Rechnen
kann er einfache Zahlen addieren. 63 -|- 59 ist bereite zu schwer, er
addiert die Einer, vergißt aber die Zehner hinzuzuzählen. Therapie:
Morgens nüchtern Karlsbader Salz. Fleischlose Diät.
Verlauf. 10. Mai. In der Nacht hat Patient wenig geschlafen ;
im ganzen verhielt er sich ruhig, nur einmal stand er auf, er wolle nach
Hause; in seinen Illusionen und Halluzinationen sah er Leute
mit dem Wagen fahren, einen Gärtner arbeiten.
Auch heute beschäftigt er sich in Gedanken meist mit seinen Mili-
tärverhältnissen (er sollte in diesem Jahr zu einer Übung eingezogen
werden), er glaubt im Gamisonlazarett zu sein, will nächstens eingekleidet
werden.
Den Namen des behandelnden Arztes und der Krankenschwester
kann er nicht angeben, auch weiß er nicht, ob er dieselben schon ge-
sehen hat. Bald nach dem üittagessen hat er vergessen, daß er die
Mahlzeit eingenommen hat. Orientierung in gleicher Weise gestört.
Beebnen geht heute besser. Keine katal optischen Störungen. Keine
OrÖßenideen.
14. Mai. Patient auch des Nachts ruhig, keine Halluzinationen und
Illusionen mehr. Fäces gefärbt.
28. Mai. Der Ikterus hat an Intensität wesentlich
nachgelassen; der Urin meist dunkelbraun, in den Nachmittagsstunden
öfters nur hellbraun bis gelb gefärbt. Stuhl stets gefärbt. Die Kon-
junktiven noch intensiv gelb. Mäßiges Hautjucken. Die Blutungen im
rechten Augenhintergrund sind zum größten Teil zurückgegangen. Die
Leber ist zweifellos weniger geschwollen. Schmerzen sind nie aufgetreten.
An den Unterschenkeln tritt die Yerlangsamung der Schmerzleitung mehr
hervor.
Die örtliche Orientierung ist gebessert, Patient weiß
zeitweilig seinen Aufenthaltsort richtig anzugeben; die zeitliche ist noch
sehr stark gestört. Auf die Frage, in welchem Monat wir leben, ant-
Deatacbea Archiv f. klin. Medizin. 86. Bd. 20
306 XDL. ROSBNFBLD
wortet Patient fast konstant: im Oktoker. Auch sonst spielen fixe
Ideen eine ziemlich groBe RoHe, z. B. beziehen sich seine Angaben
nnd spontanen Reden noch immer znm größten Teil aof eine Unter-
offiziersübnng, die er in nächster Zeit vorhätte; demgemäß glaubt er
aach häufig im Garnisonlazarett zu sein. In bezug auf sein«
Krankheit spricht er von einer Operation, die er gut tiberstandeD
hätte, behauptet, das Fieber hätte aufgehört etc. — Die Namen
peiner Mitkranken kennt er noch immer nicht. Addieren 2 — 3 stelliger
Zahlen geht ohne Schwierigkeit.
7. Juni. Die Leber ist deutlich kleiner als bei der
Aufnahme, ihr Rand steht 2 Querfingerbreit über Nabelhöbe, der
rechte Lappen läßt sich auch mit der unteren Kuppe in der Höhe der
Spina iliaca sup. abtasten. Milz perkutorisch deutlich vergrößert
und mit stumpfem Rande fühlbar, ziemlich hart. Urin in
den Nachmittagsstunden von gelber Farbe, Gmelin negativ ; im Morgen-
urin: Gmelin'sche Probe poMtiv. Psychisch: Örtliche Orientierung ziem-
lich gut; das Datum (Monat) wird regelmäßig falsch angegeben. Sensi-
bilität88törung ergibt an den Unterschenkeln und einem großen Teil der
Oberschenkel deutliche Hypal^esie, an einzelnen Stellen werden selbst
tiefe Nadelstiche nicht als Schmerz empfunden, hier und da Verlang-
samung der Schmerzempfindung. Uypästhesie für Tast- und Temperatar-
empfindung. Urin frei von Eiweiß.
11., 12., 16. Juni. Ohne nachweisbare Ursache Tempe-
ratursteigerung bis 39 '\
20. Juli. Ikterus bis auf leichte Gelbfärbung der Kon-
junktiven verschwunden. Harn frei von Bilirubin. Gutes All-
gemeinbefinden, Zunahme des Körpergewichts. Patient weiß zam
ersten Male das richtige Datum, während er sonst stets „Oktober**
angab.
23. Juli. Milz unterhalb des Rippenbogens fühlbar, glatt, ziem-
lich hart.
Bei der Blutentnahme aus dem Ohrläppchen auffallend starke Blutung.
Serum deutlich ikterisch.
Blut: Hb= 100% (Fleischl).
Erythrocyten : 4 950 000.
Leukocyten: 8800.
Patient weiß meist, aber nicht immer den Monat, in dem er lebe:
zeitweilig wird noch September oder Oktober angegeben. Mäßige Indo-
lenz, sonst keine Besonderheiten im psychischen Verhalten.
Die sensiblen Störungen fas.t vollständig zurück-
gegangen, nur geringe Schmerzverlangsamung und vielleicht geringe
Hypalgesie; Tast- und Temperaturempfindung normal. Patellar- und
Achiilessehnenreflexe nicht auslösbar.
Romberg schwach positiv.
28. Juli. Entlassung.
13. September. Patient stellt sich poliklinisch vor:
Sehr guter Ernährungszustand, gutes Allgemeinbefinden, guter
Appetit, Stuhlgang regelmäßig; Urin stets von normaler Färbung. Haut-
Hypertrophische Lebercirrhose nnd EorHakow'sche Psychose etc. 307
färbe zeigt keine Spur von Oelbförbung, die Konjunktiven noch eine
Spar ikterisch. Der rechte Leberlappen scheint nicht mehr so weit nach
unten zu reichen.
Milz perkutorisch und palpatorisch unverändert.
Im psychischen Verhalten hat die Umgebung des
Patienten keine Absonderlichkeiten mehr bemerkt; Patient
geht allein aus, macht Besorgungen, findet sich wie früher überall zu-
recht. Die zeitliche Orientierung scheint noch nicht voll-
ständig wiederhergestellt; obgleich er „sich gedacht hat, daß
man ihn hier sogleich nach dem Tage fragen werde ^, sagt er doch zuerst:
Freitag statt Sonnabend, weiß auch das Datum nicht sogleich richtig an-
zugeben, den Monat weiß er sogleich. Die Bereciinung, wie lange Zeit
seit seiner Entlassung aus der Klinik verstrichen sei, wieviel Zeit noch
bis zu seinem Geburtstag am 19. Oktober sei, macht ihm unverkennbar
mehr Schwierigkeit, als Kopfrechnen mit 2 bis Sstelligen Zahlen oder
Ausrechnung von Prozenten. Er hat Krankheitseinsicht, weiß,
daß er zeitweise stark verwirrt gewesen sei, besinnt sich auf manche
Einzelheiten aus der letzten Zeit seines klinischen Aufenthaltes.
Bomberg negativ. Unterhalb der Kniee geringe Herabsetzung für
Warmempfiodung, geringe Vetlangsamung der Schroerzempfindung. Pa-
tellarreflexe und Achillessehnenr ef lexe nicht auBlösbar.
Keine motorischen Störungen.
10. Januar 1904. Patient ist ziemlich korpulent geworden. Leber
und Milz nicht mehr fühlbar, perkutorisch nicht vergrößert. Pa-
tient zeigt keine Spuren des Ikterus mehr. Patellarreflexe und Achilles-
sehnenreflexe nicht auslösbar.
7. April 1904. Psychiatrische Untersuchung von Herrn Dr.
Schroeder (früher I. Assistenten an der psychiatrischen Abteilung des
städtischen Krankenhauses in Königsberg; jetzt Pnvatdozent in Breslau),
dem ich fiir seine freundlichen Bemühungen bestens danke, ergibt
folgendes :
Erinnerung an die erste Zeit in der Klinik ziemlich
gut. Eine größere Vergeßlichkeit wie vor der Krankheit, wird von dem
Patienten negiert. Eine leichte Ermüdbarkeit noch vorhanden;
er beschäftigt sich mit schriftlichen Arbeiten in einer hiesigen Klinik
(wo sein Vater Pedell ist). Seine frühere Tätigkeit habe er noch nicht
aufgenommen, weil er nicht in eine Stellung zurückwolle, wo er mit
Kollegen und Vorgesetzten Reibereien gehabt habe (was nach Erkundi-
gungen bei der Behörde auf Wahrheit beruht).
Herr Dr. Schröder nimmt an, daß Patient zu Dissimulation neigt
und daß noch weitere psychische Defekte bestehen, die sich bei ein-
maliger Untersuchung nicht erkennen ließen, jedoch bei Wiederaufnahme
der Tätigkeit sich störend bemerkbar machen würden.
1. April 1905. Noch immer völlige Alkoholabstinenz. Ziemlich
!>tark6 Adipositas; Allgemeinbefinden gut. Leber und Milz nicht palpabel,
perkutorisch nicht vergrößert. Kein Ascites. Keine Sprachstörung. Pu-
pillen normal reagierend. Anamnesfisch und objektiv keine sensiblen
Störungen an den Beinen nachweisbar. Patellarreflexe auch bei
20*
308 XIX. BOSXNFBLB
JendraBsik'schem Handgriff schwer auslösbar. Achillea-
sehnenreflexe nicht auslösbar.
Psychisch : Patient vermag nach den Angaben des Oberarztes
der Klinik, in der er aushilfsweise beschäftigt ist, selbst größere
AbSchlußrechnungen tadellos auszuführen. Er selbst gibt
an, daß ihm dies keine Schwierigkeiten mache, daß er auch' nicht leichter
ermüde, als vor der Krankheit. „Er tue dies nur, um sich zu
beschäftigen, man könne doch nicht immer spazieren gehen.**
Auf meine Frage, ob er nicht eine ernstere Tätigkeit wieder an-
fangen wolle, antwortet er : „Wozu soll ich eigentlich, es ist ja so zu
Hause auch ganz schön. **
Sonst ist in seinem Auftreten und seinen Antworten nichts Abnormes
nachweisbar. ^)
Das psychisch -nervöse Krankheitsbild des Patienten ist ohne
Schwierigkeit als Korsakow'sche Psychose zu erkennen. Die Geistes-
störung beginnt mit einem leichten deliranten Zustande, wie ihn
Patient in den letzten 2 Wochen vor der Aufnahme und zeitweilig
noch in den ersten Tagen seines klinischen Aufenthaltes darbietet,
und zeigt dann auf der Höhe der Krankheit fast sämtliche charak-
teristischen Merkmale, wie sie z.B. Bon hoff er (2) in seinem zu-
sammenfassenden Referat auf der vorjährigen Jahresversammlung
des Deutschen Vereins für Psychiatrie fordert. Die Störung der
Merkfähigkeit ist so groß, daß er nicht größere zweistellige Zahlen
addieren kann, da er nach dem Zusammenzählen der Einer bereite
die Zehner vergessen hat; und daß er trotz „relativer Klarheit
des Bewußtseins" örtlich und zeitlich desorientiert ist, da er seinen
Aufenthaltsort, das Datum, ja selbst eingenommene Mahlzeiten so-
fort aus dem Gedächtnis verliert. Infolge retroaktiver Amnesie
ist er außerstande, die Zeit seines einjährigfreiwilligen Dienstes
anzugeben oder irgendwie bestimmte Aussagen über seine Krank-
heit zu machen. Eine in den Krankengeschichten bei Korsakow-
scher Psychose öfters wiederkehrende „Situationsverkennung" finden
wir auch bei unserem Patienten in der häufig geäußerten Vor-
stellung, sich im Garnisonlazarett zu befinden. Diese Wahnidee
knüpft bei ihm an eine wirklich in Aussicht genommene militärische
Übung an und hängt im übrigen mit einer mangelhaften Deutang
der ihn umgebenden Krankenzimmer zusammen; sie weist jedoch
darauf hin, daß ihm ein gewisses Verständnis für die Art seines
Aufenthaltes geblieben ist.
1) Anmerk. bei der Korrektur: Anch bei der letzten Untersuchung
des Patienten im Oktober 1905 hatte er noch keine feste Tätigkeit aufgenommen.
Nach seineu Angaben und denen seines Vaters hätte er sich um yerscbiedene
Stellen beworben, sei aber nirgends angenommen wordeu.
Hypertrophische Lehercirrhose und Eorsakow^sche Psychose etc. 309
Die zeitliche Orientierung ist wesentlich stärker gestört und
sind die Antworten, die Patient auf Fragen über die Tageszeit, das
Datum, die Zeit seines Krankseins mit großer subjektiver Sicher-
heit vorbringt, meist völlig aus der Luft gegriffen und als „Kon-
fabulation von Gedächtnislücken" (Bonhöffer (1)) aufzufassen.
Hierher gehört auch die Angabe über die Beerdigung seines
Kollegen, die er am Tage vor der Aufnahme mitgemacht haben
will, während sie tatsächlich zeitlich mehrere Wochen zurückliegt.
Diesen Erinnerungsf&lschungen, die zu wirklich erlebten Tatsachen
noch eine deutlich erkennbare Beziehung haben, stehen die reinen
Erinnerungstäuschungen nahe, welche eine „freie Schöpfong der
Phantasie" darstellen, und die wir bei unseren Kranken in der
Erwähnung einer glücklich überstandenen Operation, in der be-
friedigten Äußerung über das angebliche Nachlassen des Fiebers
wiederfinden.
Mehr romantisch gefärbte Konfabulationen wurden von unserem
Patienten nicht geäußert Die Schulkenntnisse sind bei ihm gut
erhalten, und auch über seine frühere Tätigkeit vermag er mäßig
gut Auskunft zu geben. Zeitweilig zeigt er sogar auch auf der
Höhe der Krankheit ein gewisses Verständnis für seine psychischen
Defekte und gibt dann bei der Prüfung seines Gedächtnisses aus-
weichende Antworten. Seine Stimmung wird durch' diese rasch
auftauchende und wieder verschwindende Krankheitseinsicht jedoch
nicht beeinflußt. Er lebt sorglos in den Tag hinein, kümmert sich
nicht um die Zukunft und hat kein Interesse für seine Angehörigen
oder seine Mitkranken.
Diesen ausgesprochenen psychischen Störungen gegenüber treten
die polyneuritischen Symptome ziemlich stark zurück; sie bestehen
in mäßigem Schwanken bei geschlossenen Augen, einer Abschwächung
resp. Aufhebung der Patellar- und Achillessehnenreflexe und in einer
Hypästhesie für alle Qualitäten im Gebiet der unter- und an einigen
Teilen der Oberschenkel.
Der Verlauf der Psychose ist ein recht günstiger; unter Besse-
rung des Allgemeinbefindens schwindet die Gedächtnisstörung ziem-
lich rasch; ca. 6 Wochen nach dem Ausbruch der Krankheit zeigt
er sich oft örtlich wieder gut orientiert, nach 10 Wochen kehrt
auch die zeitliche Orientierung allmählich wieder, so daß er
2^2 Monate nach Beginn der Geisteskrankheit nach Hause ent-
lassen werden konnte. In gleicher Weise gingen die neuritischen
Störungen bis auf geringe Reste zurück. Dagegen blieb eine ge-
wisse Schwerfälligkeit in der zeitlichen Orientierung noch längere
310 XIX. ROSBMVSLD
Zeit bestehen, und auch jetzt, fast 2 Jahre nach dem Beginn der
Krankheit, scheint die ursprüngliche Persönlichkeit nicht völlig
wiederhergestellt zu sein. Zum mindesten geht aus seinen Ant-
worten bei der letzten Untersuchung hervor, daß eine der mäch-
tigsten Triebfedern des menschlichen Lebens, das Denken und
Sorgen für die Zukunft seinem Geiste fehlen; er ist völlig zu-
frieden, im Hause seiner Eltern sein täglich Brot zu essen, and
hat auch bisher eine feste Tätigkeit nicht wieder aufgenommen,
obgleich er aushilfsweise im Verwaltungsdienst der chirurgischen
Klinik selbst größere AbSchlußrechnungen auszufuhren vermag.
Di£ferentialdiagnostisch ist bei jedem Falle von Korsakow'scher
Psychose an Dementia paralytica zu denken, die hier und da
die gleichen psychisch- nervösen Symptome darbietet (Jolly (7i,
Meyer (14), Kraepelin (13)).
Bei der erhaltenen Pupillenreaktion, dem Mangel von anarthri-
tischen und aphasischen Störungen, sowie dem Fehlen aller typischen
Verfolgungs- und Größenideen wird diese Annahmen aber äußerst
unwahrscheinlich, zumal auch längere Remissionen bei Paralyse,
die einen so günstigen Verlauf vortäuschen, doch nur ganz selten
zur Beobachtung kommen (Kraepelin (13)). Auch die Anamnese,
in der Potus zugegeben, Lues aber negiert wird, spricht gegen
die letzte Annahme.
Die Rolle, welche der Alkohol in der Ätiologie des polyneuri-
tischen Irreseins spielt, ist trotz zahlreicher Arbeiten, die darüber
erschienen sind, noch nicht völlig geklärt. Seine Wirkung beruht
nach Korsakow(ll) selbst nur darauf, daß er das Gehirn für
andere Gifte empfindlicher mache. „Als nächste Ursache für die
Alteration des Nervensystems ist nach seiner Theorie auch in den
Fällen von Alkoholismus gleichwohl ein Toxin und nicht der Alkohol
selber anzusehen, da die Psychose sich bisweilen erst geraume Zeit
nach dem letztmaligen Alkoholgenuß entwickelt, also zu einer Zeit,
wo vom Alkohol nichts mehr im Organismus zurückgeblieben ist*"
Diese Ansichten wurden unter der Hand späterer Autoren vielfach
modifiziert, ohne daß jedoch ein wesentlicher Fortschritt erzielt
werden konnte; und man muß sagen, daß jede feiner ausgesponnene
Hypothese durch mangelhafte Begründung zum Widerspruch heraus-
fordert; so scheint mir auch die Idee Wehrung 's wenig glück-
lich, der in seiner letzthin erschienenen, sonst durchaus kritischen
Arbeit (21) bei den verschiedenen Infektionen und Intoxikationen
wegen des späten Auftretens der nervösen Symptome die Anti-
toxine verantwortlich machen will, obgleich wir Antikörper bei den
Hypertrophische Lebercirrhose and Eorsakow'sche Psychose etc. 311
meisten organischen und anorganischen Giften gar nicht kennen
and schädliche Nebenwirkungen der bekannten Antitoxine nicht
beobachtet sind. Übrigens stimmen fast alle Autoren mit Korsakow
in dem einen Hauptpunkte überein, daß bei der Entstehung der
polyneuritischen Psychose wie beim Delirium tremens meist zu dem
Alkoholismus noch ein anderes ätiologisches Moment hinzukommt,
wobei es dann ziemlich belanglos ist, ob man diese Doppelwirkung
sich in dem Eorsakow'schen Sinne erklärt oder ob man, wie
man es heute meistens ausdrückt, den Alkoholismus als Ursache
ansieht und der anderen Erkrankung nur eine auslösende Rolle
zuerteilt
Auch in unserem Falle sind diese zwei Momente nachweisbar
und ihr beiderseitiger Anteil an der psychischen Erkrankung
schwer abzuschätzen.
Für eine direkte Abhängigkeit der letzteren von der Leber-
affektion spricht der Parallelismus in der Intensität des Ikterus
nnd der Geistesstörung, wie wir sie bei unserem Falle im Verlauf
der Krankheit beobachten konnten. Dagegen spricht für die Be-
deutung des Alkoholismus
1. daß er die bei weitem häufigste Ursache für die Korsakow'sche
Psychose darstellt, während Leberkrankheiten nicht alkoho-
lischer Natur seit der Eorsakow'schen Beobachtung (11, Fall 1)
kaum mehr publiziert sind,
2. daß die polyneuritischen Erscheinungen höchst wahrschein-
lich auf ihn zurückgeführt werden müssen, da sie bei
Ikterus sonst nicht vorkommen; wenigstens habe ich in
der Literatur nichts derartiges gefunden und bei später
in der Klinik beobachteten Fällen von chronischem Ikterus
niemals irgendwelche Störungen im Gebiet der peripheren
Nerven nachweisen können.
Die letztere Tatsache wird auch in einer Arbeit von Kausch(8)
besonders betont, der in 2 Fällen von WeiVscher Krankheit die
geringfügigen neuritischen Störungen deshalb auf die primären
Krankheitstoxine und nicht auf Gallenretention zurückführt.
Nach Bonhöffer(l) ist auch die delirante Anfangsphase mit
einem gewissen Vorbehalt im Sinne des Alkoholismus zu verwerten.
Am wahrscheinlichsten scheint es mir, daß der Alkoholismus
einerseits die Disposition im Nervensystem geschaffen, andererseits
die Lebererkrankung hervorgerufen hat, und daß die in ihrer Folge
im Körper entstehenden resp. nicht neutralisierten Toxine schließ-
lich die psychisch-nervösen Störungen heraufgeiührt haben.
312 XIX. BOBBNYBLD
Die Gallenretention kann wohl dabei nur eine nebensächliche
Eolle gespielt haben, weil der Ikterus bei unserem Patienten ebenso
wie in dem Eorsakow'schen Fall schon längere Zeit vor dem Auf-
treten der Geistesstörung bestanden hat, und weil unsere Psychose
bei verschiedenen meist nicht ikterischen Leberaffektionen, ins-
besondere bei der Laennec'schen Oirrhose beobachtet wird (Krae-
pelin(13), Mönkemölled(15)).
Mithin werden wir auch aus dieser Kombination mit dem
Eorsako waschen Symptomenkomplex keinen Rückschluß auf die
Art der Lebererkrankung ziehen können und diese daher auch in
unserem Falle ganz unabhängig von der begleitenden Psychose fnr
sich allein zu betrachten haben.
Hier erlebten wir das merkwürdige Schauspiel, daß eine in
sechsmonatlicher Krankheit entstandene Leber-
schwellung von ganz gewaltigen Dimensionen sich bei
Alkoholabstinenz und reizloser Kost fast völlig zu-
rückbildete. Bei der Aufnahme befand sich Patient auf der
Höhe der Krankheit und es kamen differentialdiagnostisch bei
dem schlechten Allgemeinbefinden des Patienten nur eiue maligne
Neubildung und eine sehr schwer und relativ rasch verlaufende
hypertrophische Cirrhose in Betracht.
Die Geistesstörung glaubten wir als Vorboten oder Anfangs-
stadien von Cholämie auffassen zu müssen und hielten uns deshalb
für berechtigt, eine durchaus ungünstige Prognose zu stellen.
Auch heute post festum hat es seine Schwierigkeit, den Fall
in eins der gegebenen Schemen einzuordnen, wie wir sie in den
gebräuchlichen Lehr- und Handbüchern (23, 35, 38) vorgezeichnet
finden. Für die recht vielgestaltigen Krankheitsbilder von Chole-
lithiasis, Leberlues und Echinokokkus fehlen alle anamnestischen
Anhaltspunkte und pathognostischen Symptome, wie Kolikanfalle,
acholischer Stuhl, Fluktuation etc., so daß wir sie wohl ohne
weiteres ausschließen können, auch kommt eine so starke Leber-
und Milzschwellung bei diesen Affektionen kaum zur Beobachtung.
Ebenso scheint es mir fraglich, ob man den Fall nur wegen des
günstigen Ausgangs zum einfachen Icterus catarrhalis hinzurechnen
kann; es ist zwar zuzugeben, daß einige der von Herzenstein (30)
als lettre catarrhale prolong6 beschriebenen Krankheitsfälle
in bezug auf die Länge der Erkrankung und die Stärke der Leber-
und Milzschwellung unserem Patienten nicht wesentlich nachstehen,
auch der während der klinischen Beobachtungszeit stets gefärbte
Stuhl spricht nicht unbedingt gegen diese Auffassung, da wir
Hypertrophische Lehercirrhose und Korsakow'sche Psychose etc. 313
unseren Patienten erst kurz vor dem Eückgang der Lebererschei-
nimgen za Gesicht bekamen, also zn einer Zeit, in der die Periode
der acholischen Fäces schon vorüber sein konnte; gewichtige
unterschiede gegenüber den Herzenstein'schen Beobachtungen liegen
jedoch in der aufierordentlich langsamen Rückbildung der ge-
schwollenen Leber, die noch 2 Monate nach dem Schwinden des
Ikterus sich wesentlich größer und härter als normal anfühlte, und
vor allem in dem bei der Aufnahme noch nachweisbai*en vorher
wohl noch stärkeren Ascites (Striae), der mit der Annahme eines
rein katarrhalischen Ikterus kaum vereinbar ist. Anderei*seits
passen die Symptome unseres Falles in den ersten Wochen des klini-
schen Aufenthaltes zum Bilde einer schweren hypertrophischen
Lehercirrhose; auch der Alkoholismus kommt hier als Ursache
vor (Quincke (35), Wilson (40)), während die sich glatt anfüh-
lende Oberfläche der Leber, die nach Herzenstein für katarrha-
lischen Ikterus und gegen cirr ho tische Erkrankungen spricht, kein
Hindernis für die Diagnose darstellt, da die geringen Unebenheiten
bei Cirrhose im allgemeinen durch die Bauchdecken nicht palpabel
sind. Die Augenhintergrundblutungen (Litten (32)), die geringe
Leukocytose und Albuminurie werden bei den verschiedensten
Leberkrankheiten beobachtet werden und sind daher ohne dia-
gnostische und prognostische Bedeutung.
Als wichtigerer Einwand ist dagegen anzuführen, daß die
ikterische Cirrhose nach der Beschreibung von Hanot (28,29)
und den meisten späteren Autoren eine stetig foii:schreitende
Krankheit ist, die zwar gegen das Ende des Lebens einen leichten
Rückgang der Leberschwellung zeigen kann, die aber nie mit Ge-
nesung endigt; und daß auch Quincke in seinem Handbuch (35)
direkt den ungünstigen Verlauf als ein wichtiges diagnostisches
Merkmal der schwer erkennbaren Krankheit ansieht.
Demgegenüber finden wir in der Literatur der letzten Jahre
auch einige Stimmen, die sich weniger pessimistisch äußern. Gilbert
und Surmont haben in ihrem Aufsatz über Lebercirrhosen (25),
Naunyn auf dem Kongreß für innere Medizin 1901 (34) das Vor-
kommen von Heilungen betont und auch Kretz (31) und Greco (27)
erwähnen derartige Beobachtungen.
Danach halte ich es für berechtigt, auch unseren Fall als
peheilte hypertrophische Lehercirrhose aufzufassen.
Über die pathologischen Prozesse, die sich in der Leber ab-
gespielt haben, lassen sich bei dem Mangel einer Autopsie natür-
lich nur vage Vermutungen äußern.
314 XIX. ROSBHFSLD
Bei dem relativ raschen Rückgang der Leberschwellnng möchte
ich annehmen, daß die Vergrößerang des Organs zam großen Teil
durch cholangitische Prozesse mit Gallenretention, durch Hyperämie,
sowie eine Schwellung und Vermehrung der Leberzellen zustande
gekommen ist, und daß eine Wucherung des interstitiellen Binde-
gewebes eine weniger große Rolle gespielt hat. Immerhin weist
die lange bestehenbleibende Härte des Organs auf interstitielle
Schrumpfungsprozesse hin, die dann wohl bei dem Fortfall der
Schädlicfakeitsursache in einem relativ frühen Stadium zum Still-
stand gekommen sind.
„Ob man diese ausgeheilten akuten und subakut^n Degene-
rationszustände der Leber den Cirrhosen zurechnen will", ist, wie
Kretz(31) ausführt, wissenschaftlich von keiner besonderen Be-
deutung; vom praktischen Standpunkt aus scheint es im Hinblick
auf die Prognose richtiger, sie bei der Beschreibung dieses Krank-
heitsbildes zu erwähnen, da es auf der Höhe der Erkrankung bisher
klinisch unmöglich ist, sie von den übrigen ungünstig verlaufenden
Fällen zu unterscheiden.
Vielleicht wird sich die relativ akute Entwicklung des Pro-
zesses, die auf eine Verwandtschaft mit dem katarrhalischen Uterns
hinweist, späterhin für eine Abgrenzung dieser Formen verwerten
lassen.
Wie schon die oben citierten Autoren beweisen, haben wir es
in unserem Falle nicht mit einem absoluten Unikum zu tun; auch
hatten wir im letzten Jahre Gelegenheit, noch einen weiteren Kranken
zu beobachten, der trotz intensivem dreimonatlichem Ikterus, starker
Leberschwellnng und allgemeinem Verfall schließlich uns durch
glückliche Heilung überraschte.
Solche Erlebnisse mahnen zu großer Vorsicht in der Prognose
und weisen darauf hin, daß die so verbreitete pessimistische An-
schauung bei derartigen Fällen von lange dauerndem Ikterus nicht
völlig berechtigt ist.
Zum Schluß erlaube ich mir, meinem hochverehrten Lehrer
und früheren Chef Herrn Geheimrat Lichtheim für die freund-
liehe Überlassung des Falles meinen besten Dank auszusprechen.
Literatur.
a) Psychiatrisch-nearologischen Inhalts.
1. Bonliöffer, Die akuten Geisteskrankheiten der Gewohnheitstrinker. Jena
1901 p. 121 f.
Hypertrophische Lebercirrhose und Korsakow'sche Psychose etc. 315
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schiedenen Krankheiten. Referat: Nenrolog. CentralbL 19()4 p. 483.
3. Darnach nnd Gramer, Über Katalepsie und Psychose beilktems. Berliner
klin. Wochenschr. 1898 Nr. 13.
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Alkoholneuritis. Arch. f. Psychiatrie 1896.
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p. 5yo.
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p. 320, citiert nach Remak. Neuritis p. S18.
9. Klippel, Delire et autointoxication hepatique. R^yue de psychiatrie. Sep-
tember 18i97. Referiert: Jahresbericht 1898.
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11. Idem, Arch. f. Psych. Bd. 21 1890 p. 672.
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f. Psych. Bd. 23 1892.
13. Kraepelin, Psychiatrie 1903.
14. Meyer und Raecke, Zur Lehre vom Korsakow^schen Symptomenkomplex.
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15. Mönkemöller, Kasuistische Beiträge zur polyneuritischen Psychose. Allg.
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16. Raimann, Polioencephalitis superior acuta und Delirium alcoholicum als
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Wochenschr... 1900 Nr. 31.
17. Redlich, Über polyneuritische Psychose. Wiener klin. Wochenschr. 1896
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16. Remak, Neuritis. NothnagePs spez. Pathologie und Therapie 1900.
19. Tiling, Über die bei Alkoholneuritis beobachtete Geistesstörung. Allg.
Zeitschr. f. Psych. 1890 Bd. 46.
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316 ^I^' RosBVTELD, Hypertrophische Lebercirrhose n. Korsakow'Bche Psychose ete.
34. Naunyn, Eonffr. f. innere Med. 1901. Diskussion zum Vortrag von Hindi-
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40. Wilson, On the diagnosis of cirrhosis of the liver Med. News. New York
1902. Feb. 8.
XX.
Aus der dermatologischen Klinik zu Bern
(Direktor: Prof. Dr. Ja das söhn).
Znr Kenntnis des Eesorptionsyermogens der normalen
und kranken Hant nnd der Yaginalschleimhant fflr
verschiedene Salbengmndlagen nnd für wässerige Losnngen
(mit spezieller Berflcksichtignng der Jodkalisalben).
Von
Dr. Ch. Fauconnet,
piakt. Arzt in Nyon.
Die Untersuchungen, über welche ich kurz zu berichten be-
absichtige, knüpfen an die Arbeiten Lion's(l) aus der Breslauer
und Hirsch fei d's und Pollio's(2) aus der Berner dermatolo-
gischen Klinik an.
Lion hatte gefunden, daß nach Applikation von Jodkali in
Vaselin und einigen anderen Salbengrundlagen Jod im Urin nach-
zuweisen sei, trotzdem auf der Haut und in den Verbandstücken
freies Jod nicht vorhanden war. Er schloß aus seinen Versuchen,
daß Jodkali als solches von der Haut aus Vaselin etc. resorbiert
werde und daß es nur die Menge der von ihm aufgetragenen Salbe
war, welche den Jodnachweis im Urin ermöglichte.
Hirsch feld und Pollio konnten den Nachweis erbringen,
daß auch aus sehr geringen Mengen Jodkali- Vaselin Jod zur Auf-
nähme gelange; sie kamen im Gegensatz zu Lion zu der Über-
zeugung, daß das Jodkali doch zerlegt sein müßte, ehe es resorbiert
werde.
Den Grund für die Differenz zwischen Vaselin und den ana-
logen Salbenkonstituentien auf der einen, Lanolin und seinen Ana-
logis auf der anderen Seite konnten die genannten Autoren nicht
feststellen.
So wenig ich auf die historische Entwicklang der ganzen Frage hier
318 XX. Fauconnet
eintreten möchte, so muß ich doch eins nachtragen, was in den erwähnten
Arbeiten übersehen worden ist. Laff(3) hatte nämlich schon 1890
den Nachweis erbracht, daß sich außerhalb des Körpers Vaselin and
Lanolin bezüglich der Abgabe einzelner ihnen inkorporierter Sabstanzen
verschieden verhalten. Er tauchte eine mit Jodkalilanolin gefüllte Schweins-
blase in Wasser und konnte nach 24 Stunden keine Spur von JE im
Wasser auffinden. Benutzte er dagegen Vaselin statt Lanolin, so wir
schon nach einer Stunde JK im Wasser vorhanden. Dieselbe Differenz
fand er zwischen Karbolsäure-Lanolin und -Vaselin.
Ich habe besonders nach zwei yerschiedenen Richtungen die
bisherigen Feststellungen vervollständigt — einmal indem ich die
Bedingungen noch näher zu eniieren versuchte, unter denen sich
bei Applikation der Jodkalisalben und -lösungen Jod im Urin nach-
weisen läßt und dann indem ich die Resorptionsfähigkeit der
kranken mit der der gesunden Haut verglich. Als sich in letzterer
Beziehung Diflferenzen herausstellten, habe ich auch noch die K«-
sorption aus Salben von der Vagina aus in den Bereich meiner
Untersuchungen gezogen.
L
Resorptionsvermögen der normalen Haut für
Jodkalisalben.
In erster Linie kam es mir darauf an, die von L i o n gegebene
Reihe von Salbengrundlagen, bei deren Applikation (nach Zusatz
von Jodkali) sich Jod im Urin nachweisen ließ, zu vermehren
— vor allem von dem Gesichtspunkte aus, daß nachdem einmal
die Differenz von Vaselin und Lanolin festgestellt war, es znr
Charakterisierung jedes Salbenkonstituens wichtig sei festzustellen.
wie es sich von diesem Gesichtspunkt aus verhält. Dabei scheinen
mir allerdings quantitative Bestimmungen des Jodgehaltes des
Urins nicht entbehrlich, da es sich, wie aus der unten wieder-
gegebenen Tabelle hervorgeht, keineswegs immer bloß um positive
oder negative Resultate, sondern auch um große quantitative Diffe-
renzen handelt.
Bei den quantitativen Untersuchungen habe ich mich des von
Anten (4) genau angegebenen Verfahrens bedient.')
Von jeder Salbe wurden bei dieser Versuchsreihe 20 g in einer
1) Die ersten Bestimmungen habe ich in dem pharmakologfischen Institut
des Herrn Professor Heffter unter spezieller Leitung des Assistenten Herrn
Dr. Berg er ausgeführt, wofür ich auch an dieser Stelle beiden Herren meinen
besten Dank ausspreche. Weiterbin habe ich meine Untersuchungen in der der-
matologischen Klinik selbst gemacht.
Zur Kenntnis des Resorptionsyermögens der normalen und kranken Hant etc. 31
Konzentration von 10 ^/„ JK. auf einen Arm ohne zu massieren auf-
gestrichen. Direkt auf die Saibenschicht ließ ich Mosettigbattist appli-
zieren und darüber mit Qazebinden sorgfältig verbinden, so daß eine
Verschleppung der Salbe unmöglich war. Der Verband blieb 24 Stunden
liegen und die während dieser Zeit im Urin ausgeschiedene Jodkalimenge
warde bestimmt.
Tabelle.
a) Salbengrundlagen, aus welchen das Jodkali von der normalen
Hant resorbiert wird:
während der ersten 24 Stunden im
Urin ausgeschiedene Jodkalimenge
1. Yaselin (Lion) 0,3375 (eigene Bestimmung)
2. Adeps suillus (Lion) ....
3. Yasogen (Lion)
4. Naftalan Ir^^^o zwei Patienten
10^442
5. Nafalan { 0*14.0 ^^®^ Patienten
6. ünguentum paraffini .... {o'lST'i ^^^^ Patienten
7. ünguentum glycerini ....
8. Ünguentum refrigerans I
I ranzig
9. ünguentum cereum
10. Ceratum cetacei .
(0,00945 . T> *• X
10,00458 ^^"' Patienten
0,230
/0,264
\ 0,0881 !
/0,0665
V0,0128
[0,300
,312
10,;
drei Patienten
zwei Patienten
zwei Patienten
b) Salbengrundlagen, aus welchen das Jodkali von der normalen
Haut nicht resorbiert wird.
1. L^olin (Lion).
2. Adeps lanae (Lion).
3. Resorbin (Lion).
4. Fetron.
Zu dieser Tabelle habe ich folgendes hinzuzufügen. Hirsch-
feld und Polliod. c.) hatten bemerkt, daß im Jodkalischweine-
fett bald freies Jod entsteht. Dieselbe Eigenschaft das Jodkali
zu spalten fand ich für das Ünguentum refrigerans, das Ünguentum
cereum und das Ceratum cetacei. Auf Zusatz von 10 ^/o Jodkali
zu diesen frisch hergestellten Salbengrundlagen tritt meistens
schnell, besonders wenn die Salbe dem Lichte exponiert bleibt,
eine braune Verfärbung ein, welche, wie mit der Chloroformprobe
leicht nachzuweisen ist, auf frei gewordenem Jod beruht. Wird
320 XX. Fauconubt
allerdings die frische Salbe mit einem gut schließenden Verband
sofort auf die Haut appliziert, so zeigen die Salbenreste bei der
Abnahme des Verbandes nach 24 Stunden nur einen durch An-
wesenheit von freiem* Jod bedingten leicht gelblichen Ton.
Aber auch bei der Vaseline konnte ich beobachten, wie schon
nach einigen Tagen in einem gut zugeschlossenen Topf das Jod-
kali zersetzt wird. Am naltbarsten erwies sich die Jodkalisalbe,
die ich mit Unguentum glycerini hergestellt hatte; selbst nach
14 Tagen fand ich in ihr kein freies Jod.
Wenn man berücksichtigt» daß gerade aus dem Unguentum glyce-
rini die Resorption eich am schwächsten erwies, so läge der Ged&nke
sehr nahe, die Resorptionsfahigkeit des Jodkali aus einer bestimmten
Salbe Dgrund läge von dem Grade ihrer zersetzenden Einwirkung auf dAs
Jodkali abhängig zu machen.
Qegen diese Annahme aber spricht einmal -die Tatsache, daß Salben,
in denen keine oder nur eine minimale Jodkalizersetzung stattfindet (wie
Vaselin, Naftalan und Nafalan auf der einen, Unguentum glycerini auf
der anderen Seite), in bezug auf die Resorptionsmenge die größten Diffe-
renzen aufweisen, daß Salben mit stärkerer Zersetzung (wie Ungueotum
cereum) zu sehr geringe Resorption führen können. Dann aber haben, wie
oben erwähnt, Hirsch feld und Follio den kaum anfechtbaren Be-
weis erbracht, daß bei Vaselin nicht das Jodkali als solches, sondern
Jod resorbiert wird, trotzdem, wie schon Lion und in Ubereinstimmong
mit ihm Hirschfeld und Pollio und ich selbst nachweisen konnten,
doch in den Verbänden mit Jodkali vaselin auch nach 24 Stunden freies
Jod fehlt. Ich selbst konnte das auch für Naftalan, Nafalan und Un-
guentum paraffini feststellen.
Für die quantitativen Schwankungen der ausgeschiedenen Jodmenge
bei der gleichen Salbengrundlage wird man vielleicht am ehesten indivi-
duelle Differenzen — die. Versuche wurden nie beim selben Patienten
angestellt — verantwortlich machen.
Von den von mir untersuchten Salbengrundlagen hat sich nur
das Fetron wie Lanolin, die anderen haben sich wie Vaselin
verhalten.
Meine Versuche, die bisher unerklärte DiflFerenz zwischen
Vaselin etc. auf der einen, Lanolin etc. auf der anderen Seite ver-
ständlich zu machen, haben zu einem positiven Ergebnis nicht ge-
führt. Trotzdem halte ich es für berechtigt, auch sie in aller Kürze
mitzuteilen, da sie jedenfalls dazu dienen einige Erklärungsver-
suche auszuschließen.
Man hätte daran denken können, daß das Vaselin gleichsam wie ein
besonders gut abschließender Verband wirkt und die Aufnahmefähigkeit
der Haut durch Maceration etc. erhöht. Benutzt man Vaselin in Fasten-
form, so verliert es bekanntlich diese macerierenden und gewinnt ans-
Zur Kenntnis des Besorptionsyermögens der normalen und kranken Haut etc. 321
trocknende Eigenschaften. Ich habe deswegen versucht, ob es gelingt,
die Jodresorption aus Vaselin durch Zusatz von Terra silicea zu ver-
mindern oder zu verhindern. Es wurden aber bei einem Patienten, bei
dem folgende Faste (JK 5,0, Terr. silic. 25,0, Vaselin 20,0) aufgetragen
und nachher noch mit Terra silicea gepudert worden war (der Verband
blieb 48 Stunden liegen) in dieser Zeit 1,536 g JK ausgeschieden. In
dieser Weise kann also die Differenz zwischen Vaselin und Lanolin
nicht erklärt werden; das stimmt mit der von Fi lehne und Biber-
feld (5), festgestellten Tatsache überein, daß auch das Lanolin in keiner
Weise hygroskopisch wirkt (es nimmt in wasserdampfgesättigter Luft au
Gewicht nicht zu). Das stimmt ferner auch damit überein, daß es mir
im Gegensatz zu 6 a 1 1 a r d (6), der allerdings mit Bädern gearbeitet hat,
nicht gelang, bei 2 Patienten, denen ich einen Arm mit Gaze einwickelte,
die mit ca. 50 ccm einer 10 ^/q wässerigen Jodkalilösung getränkt war und
mit Mosettigbattist sorgfaltig gedeckt wurde (wodurch ein macerierender
Verband entstand) in dem 24 stündigen Urin Jod nachzuweisen.
Auch Zusatz von Wasser (10 ^/q) zu einer 10% JK-Lanolinsalbe er-
gab keine Resorption«
Hirschfeld und Pollio haben darauf hingewiesen, daß die Kon-
zentration des Jodkali in der Vaseline eine wesentliche Bedeutung fiir
die Resorption habe. Es lag daher nahe, zu untersuchen, ob bei Steige-
rung des JK-gehaltes der Lanolinsalbe eine Resorption erzielt werden
könne. Man konnte an diese Möglichkeit um so eher denken, als nach
persönlichen Mitteilungen von Herrn Prof. Heffter (nach Versuchen
von Frl. Rabinowitch) die eingangs citierten Untersuchungen Luffa
nicht vollständig bestätigt werden konnten, insofern als auf osmotischem
Wege Spuren von JK aus JK-Lanolin in Wasser übergehen können. Da-
mit wäre dann für das Experiment außerhalb des menschlichen Körpers
der prinzipielle Gegensatz zwischen Vaselin und Lanolin aufgehoben,
wenngleich die quantitativen Differenzen groß bleiben. Jedoch wurde
auch aus 20 g einer 50 ^/^ JK-Lanolinsalbe kein J resorbiert.
Heffter (7) hat in seinen Bemerkungen zu der mehrfach citierten
Arbeit von Hirschfeld und Pollio der Anschauung Ausdruck ge-
geben, daß sich, wie in anderen tierischen Fetten, auch Cholesterinfetten,
80 auch in Talgdrüsensekret bei Gegenwart von Wasser und Luft in
verhältnismäßig kurzer Zeit kleine Mengen von Wasserstoffsuperoxyd
bilden, das zerlegend auf das JK einwirkt. Man hätte, dieser Anschauung
Folge gebend, daran denken können, daß in Körpergegenden, die an Talg-
drüsen besonders reich sind, doch auch aus Lanolin eine Jodresorption
erfolgen könne. Dies trat aber bei zwei Patienten, denen ich je 10 g
einer 10 % JK-Lanolinsalbe mit impermeablem Verband in der Achsel-
höhle applizierte, nicht ein.
Auch der Zusatz von Salicylsäure zu einer JK-Lanolinsalbe vermag,
wie ich in Übereinstimmung mit Gundorow (8) auf Grund meiner
Versuche behaupten kann, die Resorption von Jod nicht zu erzielen : nur
clie Salicylsäure war im Urin nachweisbar, nicht aber J.
Endlich habe ich versucht, ob durch Massage mit Vaselin die Haut
vielleicht auchr für JK-Lanolin durchgängig werden könne. Bei einem
Patienten wurde 2 Tage nacheinander und jedesmal 5 Minuten lang
Dentsches Archiv für kUn. Medizin. 86. Bd. 21
322 XX. Fauoohket
ein Arm mit Yaselin eingerieben. Am dritten Tage worden an derselben
Stelle 20 g 10 ^o JK-Lanolin aufgelegt. Es fand keine Resorption etatt.
Es ist mir also anf normaler Haut in keiner Weise gelungen,
mit Lanolin eine Jodresorption zu erzielen. Wir müssen vorerst
annehmen, daß dieses wie die analogen Salbengmndlagen das Jod-
kali der normalen Haut gegenüber so festhalten, wie in den L u f f -
sehen Versuchen. Aber in rein mechanischer Weise läßt sich dieses
Verhalten, wie meine Versuche an kranker Haut erweisen, doch
nicht erklären.
n.
Kesorptionsvermögen der kranken Haut für
Jodkalisalben.
Ich habe festzustellen versucht, ob infolge gewisser patho-
logischer Veränderungen die Haut Jod aus Lanolin zu resorbieren
imstande sei, und ich fand in der Tat bei stark entzündlichen
Psoriasisefflorescenzen, nässenden Ekzemen, ülcera cruris eine Re-
sorption, die in manchen Fällen auffallend stark war. Als Belege
daflir seien folgende Fälle angeführt:
Patient Mu. , hochgradige difiPase , konfiaierende , etwas nässende
Psoriasis.
Versuch 1. 19. November 1904. Auflegen an einem Arm you
50 g 10 ^Iq JK-Lanolin, darüber ein gut schließender Verband mit
Mosettigbattist und Qaze. In den nächsten 24 Stunden wurden 2,642
JK im Urin ausgeschieden, also über die H&Ifte der applizierten JK-
Menge !
Patient Wi., Psoriasis ostracea.
Nach Entfernung der Krusten wird auf die psoriasiskranke Haut
folgende Salbe aufgelegt.
Versuch 2. 24. Oktober. 26 g 10% JK-Lanolin. Im Urin der
nächsten 24 Stunden wurden 0,826 JK ausgeschieden.
Versuch 3. 4. November. Das Experiment wurde mit 50 g 10^^
JK-Lanolin wiederholt. Im TJrin der nächsten 24 Stunden wurden 0,858
JK ausgeschieden.
Der Verband blieb noch 24 Stunden liegen und im Urin der nichsten
24 Stunden wurde noch 0,480 JK ausgeschieden.
Versuch 4. 12. November. Wiederholung des Versuches, nachdem
die Applikationsstelle 2 Tage lang mit Lanolin verbunden worden war
(um die Reste von Vaselin zu entfernen). 50 g 10 ^/^ JK-Lanolin; in
den nächsten 24 Stunden =r 1,628 JK im Urin. Der Verband wurde nach
24 Stunden weggenommen, in den nächsten 24 Stunden wurden noch
0,494 JK ausgeschieden.
Patient G., starke, aber sehr trockene Psoriasis.
Versuch 5. 18. November. Auflegen von 50 g 10 ^'q JK-Lanolin.
In den nächsten 24 Stunden wurden 0,247 Jk im Urin ausgeschieden.
Zar Kenntnis des ResorptionsvermOfifens der normalen nnd kranken Haut etc. 323
Patient Gil., ziemlich starke, ebenfalls sebr trockene Psoriasis.
Versach 6. 21. November. Auflegen von 50 g 10 ^/^ JK-Lanolin.
In den nächsten S4 Standen wurden 0,500 JK im Urin ausgeschieden.
Die Resorption hängt in diesen Fällen sehr von dem Grade
der entzündlichen Erscheinungen ab. Die beiden ersten Fälle
welche am stärksten resorbiert haben, waren sehr schwer und
zeigten unter den Schuppen und Krusten vielfach eine reichliche
Exsndation. Daß aber nässende Flächen oder sichtbare Defekte
in der Haut nicht unbedingt notwendig sind für die Resorption,
beweisen die Fälle G. und Gi., wo allerdings die psoriatischen Ver-
änderungen ziemlich hochgradig, aber klinisch ganz trocken waren.
Es sei hier erwähnt, daß ich bei zwei leichteren Psoriasis-
fällen, bei einem Falle von corymbiformem Syphilid und bei einem
Falle Ton schon abgelaufener artificieller Dermatitis keine Resorp-
tion fand.
Bei dem einen der beiden, an sich nicht resorbierenden, Pso-
riasisfäUe ließ ich auf einige Efflorescenzen 2 Tage lang Vaselin
auflegen. Am 3. Tage wurde der Jodkalilanolinversuch wiederholt,
diesmal mit positivem Resultat.
Versuch 7. Nachdem das Vaselin sorgfältig entfernt worden war,
worden 20 g einer 10 ^/^ JK-Lanolinsalbe aufgelegt. Der Verband blieb
48 Standen liegen.
Im TJrin der ersten 24 Stunden = 0,0444 JK
der nächsten 24 Stunden = 0,0672 JK.
Die psoriasiskranke Haut war also durch diese Vorbehandlung
mit Vaselin fiir das Jodkalilanolin durchgängig geworden. Ich er-
innere daran, daß es mir nicht gelungen war, dasselbe durch
Massage mit Vaselin für die normale Haut zu erreichen. Ich be-
merke noch, daß bei den Psoriasiskranken , welche resorbiert
haben, die Jodkalilanolinversuche vor irgend einer Behandlung
gemacht wurden. Nur bei dem Fall Wi. (Psoriasis ostracea) mußten
die dicken Krusten mit Borvaselin zuerst entfernt werden. Um
aber die daraus entstehende Fehlerquelle auszuschließen, wurde
der Arm gründlich gereinigt und vor dem Auflegen des JodkaU-
lanolin noch 2 Tage lang mit reinem Lanolin verbunden.
Daß das Kesorptionsverroögen der psoriasiskranken Haut groß
ist, beweist derselbe Fall Wi., welcher nach Auflegen von 3 g
^0% Jodkalilanolin auf eine ca. 16 qcm große, mit Leukoplast
abgegrenzte psoriasiskranke Hautfläche ca. ein Drittel der appli-
zierten Jodkalimenge resorbiert hat.
Versuch 8. 29. November. 3 g 10 \ JK-Lanolin ; im TJrin der
21
«
324 XX. Faüconnkt
nächsten 24 Stunden = 0,110 JK. Einige Tage später, als der TJrm
kein JK mehr enthielt, wurde der Versuch mit 3 g 10^/^ JK-Yaselin
unter sonst ähnlichen Verhältnissen wiederholt.
Versuch 9. 21. Dezember 1904. 3 g 10% JK-Vaselin. Im Urin
der nächsten 24 Stunden = 0,1468 JK.
Diese Versuche zeigen also, daß diese kranke Haut etwas mehr
JK aus Vaselin als aus Lanolin resorbierte.
Ich fand ferner noch, daß eine psoriasiskranke Haut das Jod-
kali aus wässerigen Lösungen resorbiert, was die normale Haut —
wie schon erwähnt — nach unseren Versuchen nicht tut. Darauf
wurde der Fall Wi. (Psoriasis ostracea) geprftft :
Versuch 10. 8. November. Die JK-Lösung wurde in der schon
einmal beschriebenen Weise appliziert. 50 ccm einer 10 ^/^ JK-Lösong
in Aq. dest. wurden aufgelegt. Nach 24 Stunden hat der Patient schon
= 1,176 JK im Urin ausgeschieden, d. h. beinahe ein Viertel der appli-
zierten JK-Menge.
Diese Tatsachen haben uns veranlaßt, zu untersuchen, ob die-
selbe kranke Haut Natrium salicylicum aus Lanolin und ans Wasser
zu resorbieren imstande wäre. In der Tat war 5 Stunden nach
Auflegen von 25 g einer 10 \ Natrium salicylicum-Lanolinsalbe
auf psoriasiskranke Haut bei den Fällen Mu., Wi. und 6i. die
Eisenchloridprobe im Urin stark positiv. Auch nach 5 stündiger
Applikation von 50 ccm 10 % wässeriger Lösung von Na. salicylic
ließ sich Salicylsäure im Urin nachweisen.
Die psoriasiskranke Haut resorbiert also nicht nur Jodkali aus
Lanolin und Wasser, sondern auch salicylsaures Natron.
Nur einen Fall von akutem Ekzem habe ich auf Resorp-
tion von Jodkali aus Lanolin prüfen können und fand dabei fol-
gendes :
Versuch 11. 24. Februar 1905. Auflegen von 20 g 10 ^/^ JK-
Lanolin. In den nächsten 24 Stunden wurden 0,225 JK ausgeschiedea.
Auch bei drei Fällen von Ulcera cruris und chronischem
Ekzem habe ich eine Resorption des Jodkali aus Lanolin festge-
stellt. Parallelversuche mit Jodfcalivaselin ergaben für das letztere
ebenfalls eine stärkere Resorption.
Patient Re., Ulcera cruris.
Versuch 12. 27. November. 5,0 g 10 »/^ JK-Lanolin = 0,058 JK
ira Urin der nächsten 24 Stunden.
Versuch 13. 5. Dezember. 5,0 g 10% JK-Vaselin == 0,0896 JK
im Urin der nächsten 24 Stunden.
Patient Ch. Ulcera cruris. Chronisches Ekzem.
Versuch 14. 7. Dezember. 20 g JK-Vaselin = 0,2200 JK im Urin
der nächsten 24 Stunden.
Zur Kenntnis des Besorptionsvermögens der noimalen und kranken Haut etc. 32S
Versach 15. 12. Dezember. 20 g JK-Lanolin === 0,07 1 75 JK im Urin
der nächsten 24 Stunden.
Patient Gia., TJlcera cruris specifica.
Versuch 16. 25, November. 20 g 10% JK-Lanolin = 0,1344 JK
im TJrin der nächsten 24 Stunden.
Ich habe schließlich festgestellt, daß die erodierte Hautfläche,
welche nach Abheben der Decke einer Cantharidenblase entsteht,
Jodkali aus Lanolin ebenfalls resorbiert.
Die erodierte Fläche betrug ca. 9 qcm ; folgende Salbe wurde auf-
gelegt :
Versuch 17. 5. Januar 1905. 3 g 10 % JK-Lanolin = 0,072 JK
im Urin der nächsten 24 Stunden.
Versuch 18. 8. Januar 1905. Die erodierte Fläche war noch stark
nissend; der Versuch vom 5. Januar wurde wiederholt
^ g 10 % JK-Lanolin = 0,08 JK im Urin der nächsten 24 Stunden.
Am 12. Januar hatte das Nässen aufgehört und die Hornschicht
war zum größten Teil wieder erneuert, zu dieser Zeit konnte
keine Resorption mehr beobachtet werden. Dieser letzte Versuch
stimmt mit einem anderen von mir gut überein. Ich fand, daS
eine Hautfläche, welche psoriasiskrank war und resorbiert hatte,
nach Heilung ebenfalls nicht mehr das Jodkali aus Lanolin zu
resorbieren imstande ist Eine Läsion der oberflächlichsten Haut-
schichten ist also zur Resorption des Jodkali aus Lanolin not-
wendig. Aber auch schon Veränderungen relativ geringen Grades,
wie bei der Psoriasis, genügen, damit größere Mengen von Jodkali
aas Jodkalilanolin zur Resorption gelangen.
Die Tatsache, daß kranke Haut im Gegensatz zur gesunden
aas Jodkalilanolin Jod aufnimmt, scheint mir einmal, wie bereits
bemerkt, dafür zu sprechen, daß es nicht die Festhaltung des Jod-
kali im Lanolin allein ist, welche die Resorption bei normaler
Haut verhindert, sondern daß wir hier an eine vorerst nicht näher
za definierende Eigenschaft der lebenden normalen Epidermis denken
müssen, welche durch Vaselin und die analogen Präparate irgendwie
modifiziert oder überwunden wird. Denn nach den L uff 'sehen
Experimenten hätte man auch bei der kranken Haut ein nega-
tives Ergebnis erwarten müssen.
Aus den von mir mitgeteilten Versuchen geht ferner hervor,
daß die Resorptionsfähigkeit der kranken Haut für Jodkali in
Unolin einen relativ feinen Maßstab für die Veränderung der
Haut abgibt Es würde sich wohl der Mühe lohnen, eine größere
Anzahl von Dermatosen in ihren verschiedenen Stadien auf diese
«funktionelle Störung" zu untersuchen.
326 ^^- Faucomiikt
Für die von mir verfolgten Ziele schien es mir zunächst wich-
tiger, festzustellen, ob das Jodkali als solches von der kranken
Haut aus Lanolin resorbiert wird oder ob, wie bei der Eesorption
dieses Salzes aus Vaselin von der normalen Haut aus, eine Spaltnng
stattfindet und das Jod allein zur Sesorption gelangt Die Aufnahme
von Natrium salicylicum aus Lanolin schien dafür zu sprechen, daB
die kranke Haut fiir das Jodkali als solches durchgängig ist.
Die definitive Entscheidung dieser Frage war durch Znsatz
von Natriumthiosulfat zu dem Jodkalilanolin zu erbringen. Konnte
nachgewiesen werden, daß dadurch die Jodresorption vermindert
oder verhindert wurde, so mußte man annehmen, daß auch bei
Jodresorption aus JodkalUanolinsalben das Jodkali gespalten und
das Jod resorbiert würde.
Leider habe ich selbst aus äußeren Gründen nur einen solchen
Versuch vornehmen können.
In einem ersten Versuch (Wi.) wurde, wie bei dem früheren, schon
erwähnten Experiment, eine Cantharidenblase gesetzt, und zwar bei dem-
selben Patienten (stets mit seiner Einwilligung).
Folgende Salbe wurde auf die erodierte Hautfläche, nach Abheben
der Blasendecke aufgelegt:
Versuch 19. 2. Februar 1905. JK 0,3, Natr. thiosulfat 1,0, La-
nolin 2,7. Im Urin der nächsten 24 Stunden wurden 0,045 J£ am-
geschieden. Vergleicht man diese Zahl mit den bei den beiden schon
erwähnten Farallelversuchen (Versuch 17, 5. Januar 1905 n. Versuch 18,
8. Januar 1905) gefundenen Werten, so sieht man, daß, als das Natrium-
thiosulfat zugesetzt war, etwas weniger resorbiert wurde (0,045 gegen
0,072 und 0,08).
Doch ist diese Differenz zu gering, um daraus Schlüsse ableiten su
können, zumal wenn man bedenkt, daß Hirschfeld und Pollio eme
außerordentlich viel stärkere Verminderung der Jodresorption durch Zu-
satz Yon nur 10 ^/^ Natriumthiosulfat zu JK-Lanolin (im Gegensatz zu
den 25^/^ meines Versuchs) erzielen konnten, wenn man femer bedenkt,
daß ich bei diesem Versuch nur 7,5 ^/^ JK-Lanolin verwendet habe und
daß die ja natürlich nie genau abzumessende Cantharidenentzündung bei
dem Patienten mit dem Natriumthiosulfatexperiment geringer war.
Ich müßte also diese Frage in suspenso lassen, wenn nicht Herr
Dr. Brinnitzer auf Veranlassung von Prof. Jadassohn nach meinem
Weggang von der Klinik noch Experimente bei einem nässenden Ekzem
gemacht hätte, welche für die Spaltung des JK auch bei der Resorption
aus JK-Lanolin sprechen.
Es wurden zunächst 10 g einer 10 ^/^ JK- Lanolinsalbe in bekannter
Weise aufgetragen und verbunden — in 24 Stunden wurden 0,269 JX
ausgeschieden. Nachdem Jod nicht mehr nachweisbar war, wurden auf
dasselbe Bein, das im wesentlichen noch unverändert war, 20 g folgender
Salbe aufgetragen. NatriunithioBulfat 15,0, Kai. jodat. 5,0, Aq. dest. 5,0,
Lanolin 40,0. Darauf trat keinerlei Jodreaktion im TJrin auf. Als
Zur Kenntnu des Besorptionsyermögens der normalen und kranken Haut etc. 327
dann auf das andere ebenfalls akut ekzematöse Bein 20 g 10% JK-
Lanolin aufgetragen wurden (ohne Zusatz von Natriumthiosulfat), wurden
0,192 JK im Urin der ersten 24 Stunden nachgewiesen.
Dieser Versuch ist kaum anders zu deuten, als daß das Jod-
kalif auch wenn es aus Lanolin in die (kranke) Haut eindringt,
dort gespalten wird.
m.
Eesorptionsvermögen der Vaginalschleimhaut für
Jo d k al Hanoi insalb en.
Nachdem die Fähigkeit der kranken Haut, aus Jodkalilanolin
zü resorbieren, dargetan war, lag es nahe, zu untersuchen, wie sich
eine Schleimhaut gegenüber solchen Salben verhielt, welche der
Haut relativ ähnlich gebaut ist, aber der Homschicht entbehrt
Aus natürlichen Gründen wurde die Vaginalschleimhaut zu
diesen Versuchen gewählt. Ich muß dabei betonen, daß die Be-
stimmung, ob es sich um wirklich absolut normale Vaginalschleim-
haut handelt, bei nicht virginellen Frauen natürlich viel schwerer
ist als bei der Haut ; irgendwelche gröbere Veränderungen aber waren
bei den von mir zu diesen Untersuchungen verwendeten Frauen
nicht vorhanden.
Um die Salben in die Vagina einzuführen, wurden dieselben auf
Gaze aofgestrichen und diese Gaze als Tampon in die Vagina durch ein
Spekulum hineingeschoben. Darüber wurde sorgfältig tamponiert.
Patientin Du.
Versuch 20. 5. Januar 1905. 6 g 10% JK-Lanolin bleiben 24 St.
in der Vagina liegen, im Urin derselben Zeit wurden 0,1216 JK aus-
geschieden.
Patientin St.
Versuch 21. 19. Januar 1905. 10 g lO^^ JK-Lanolin bleiben
24 Stunden in der Vagina liegen, im TJrin derselben Zeit wurden 0,33
JK ausgeschieden.
Patientin Im.
Versuch 22. 23. Februar 1905. 10 g 10 ^/^ JK-Lanolin bleiben
24 Stunden in der Vagina liegen, im TJrin derselben Zeit wurden 0,308
JK ausgeschieden.
Schließlich haben die Versuche mit Zusatz von Natriumthio-
Sulfat hier folgendes, soweit ich sehe einwandsfreie, Resultat er-
geben.
Versuch 23. 8. Februar. Patientin St. Li die Vagina wurde
folgende Salbe eingeführt: JK 1,0, Natr. thiosulfat 1,0, Lanolin 8,0. Im
Urin der nächsten 24 Stunden wurden 0,2 3Q JK ausgeschieden.
Versuch 24. 9. Februar. Derselbe Versuch wurde bei einer zweiten
328 XX. Paucownkt
Patientin, 6«., mit denselben Mengen von JK und Natr. thiosnlfat wieder-
holt. Im Urin der näohsten 24 Standen wurden 0,240 JK ausgeschieden.
Diese Verminderung ist noch klein dieselbe ¥nirde aber yiel größer
bei Zusatz von größeren Mengen Natrium thiosulfat.
Versuch 25. 26. Februar. Patientin Im. 1,0 JK, 2,0 Natr. thiosuU
fat, 7,0 Lanolin. Diese Salbe wird in die Vagina eingeführt. In den
nächsten 24 Stunden werden im Urin 0,1015 ausgeschieden.
Versuch 26. 2. März. Bei derselben Patientin, neuer Versuch mit
folgender Salbe: 1,0 JK, 5,0 Natrium thiosulfat, 9,0 Lanolin. Im TJrin
der nächsten 24 Stunden wurden nur 0,0275 JK ausgeschieden.
Hier ist also die Verminderung sehr stark gewesen.
Ich mache speziell noch darauf aufmerksam, wie deutlich in diesen
Versuchen die im Urin nachweisbare Jk-Menge mit der Menge des der
Salbe zugesetzten Natriumthiosulfats abnimmt.
Es ist danach nicht zweifelhaft, daß sich die Vaginalschleim-
haut dem Jodkalilanolin gegenüber wie die normale Haut dem Jod-
kalivaselin gegenüber verhielt, d. h. daß die Jodresorption erst nach
Spaltung des Jodkali erfolgt. Bestätigt sich die Auffassung, daS
auch die kranke Haut nur nach Spaltung des Jodkali aus Lanolin
resorbiert, so wäre die Vaginalschleimhaut in dieser Beziehung der
kranken Haut gleichzusetzen und es würde das dafür sprechen,
daß bei der normalen Haut die Integrität der Homschicht (welche
der Vagina fehlt) die Resorption aus Jodkalilanolin verhindert,
Zusammenfassung.
1. Nach Applikation von Jodkali in Naftalan, Nafalan, Unguentum
refrigerans, glycerini, cereum, ceratum cetacei wird (wie aus Vaselin,
Vasogen, Adeps suillus) Jod aufgenommen und zwar in sehr ver-
schiedener, nach dem Salbenkonstituens (und nach der Individualitat
der Patienten?) verschiedener Menge. Fetron verhält sich wie
Lanolin, Adeps lanae, Resorbin, — d. h. es wird kein Jod resorbiert.
2. Aus verschiedener Ursache entzündlich erkrankte Haut
(Psoriasis, akutes Ekzem, Ulcus cruris, durch Canthariden erodierte
Haut) ist imstande, aus Jodkalilanolin und Jodkali -Wasserdunst*
verbänden Jod aufzunehmen, wahrscheinlich durch Spaltung des
Jodkali (analog dem Jodkalivaselin bei gesunder Haut).
3. Ganz analog wie die kranke Haut verhält sich die Vaginal-
schleimhaut gegenüber Jodkalilanolin. Von ihr wird das Jod nach
Spaltung des Jodkali resorbiert.
4. Kranke Haut nimmt Natrium salicylicum aus Lanolin und
Wasser auf.
Zar Kenntnis des Besorptionsyermögens der normalen und kranken Haut etc. 329
Zum Schluß erlaube ich mir, meinem hochverehrten Chef, Herrn
Prof. Jadassohn, für seine Anregung zu dieser Arbeit und seine
Unterstützung bei der Ausführung derselben, sowie Herrn Prof.
Heffter für sein gütig entgegengebrachtes Interesse ergebenst
za danken.
Literatur.
1. Ljon, Festschrift für Kaposi 1900 p. 635. Die Resorptionsfähigkeit des Jod-
kali ans verschiedenen Salbengrandlagen.
2. Hirschfeld u. PoUio, Archiv für Dermat. u. Syphilis Bd. LXXII 2. Heft.,
Über die Resorption von Jod aus Jodkalisalben.
3. Lnff , Monatshefte für prakt. Dermatol. v. Unna 1890 Bd. XI p. 58.
4. Anten, Archiv für experiment. Path. u. Pharmak. Bd. XL VIII p. 335. Über
den Verlauf der Ausscheidung des Jodkaliums im menschlichen Harn.
5. Filehne u. Biberfeld, Hofmeister's BeitrS^e Bd. V p. 449. Über die
Aufnahme von Wasser und Salz durch die Epidermis und über die Hygro-
skopizität einiger Keratingebilde.
6. Gallard, Jahresbericht f. Tierchemie 1900 XXX 494.
7. Heffter, Archiv f. Dermat. u. Syphilis Bd. LXXII 2. Heft.
8. Gundorow, Archiv für Dermat. u. Syphilis Bd. LXXI p. 17. Beiträge zur
Frage über das Resorptionsvermögen der intakten Haut.
XXL
Aus der Eönigl. medizin. Klinik zu Königsberg
(Direktor Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Lichtheim).
Über Nephroparatyphns mit Schwefelwasserstoffbildnng im
Urin.
Von
Dr. Carl Klieneberger und Dr. Harry Scholz,
AABistenten der EUnik.
(Mit 1 Kurve.)
Bekanntlich verlaufen manche Typhuserkrankungen unter be-
sonders Mh und stark auftretenden Nierenerscheinungen. Solche
Formen wurden von französischen Autoren als Nephrotyphus be-
zeichnet und von anderen beim Typhus auftretenden Entzündungs-
und Reizerscheinungen der spezifischen Ausscheidungsorgane ab-
getrennt. Kußmaul (1), Curschmann (2) u.a. haben die Be-
rechtigung dieser Trennung mit Recht abgelehnt, weil die Differen-
zierung der toxischen Nierenschädigung nur auf zeitlichen oder
symptomatischen Momenten aufgebaut war.
Immerhin scheint uns die Wortprägung Nephrotyphus
ebenso treffend wie der Name Meningo typhus, da ganz ab-
gesehen von der historischen Entwicklung der Frage derartige Be-
ziehungen in markanter Kürze der Ätiologie und den besonderen
lokalen Symptomen der Krankheit gerecht werden.
Die Kenntnis von den Erregern typhöser Erkrankungen hat
sich in den letzten Jahren vor allem durch die Untersuchungen
von Schott müller (3), Brion(4) und Kayser(5) wesentlich
erweitert. Nach den grundlegenden Arbeiten über Paratyphus
dieser Autoren sind Einzelfälle und Epidemien verschiedentlich be-
schrieben worden. Es werden aber durch Typhus- oder Para-
typhusbazillen nicht nur die klassischen Typhussymptome hervor-
gerufen, es können auch, wie eine Beobachtung der Klinik zeigt,
durch Mikroorganismen der Paratyphusbazillengruppe Nieren-
erkrankungen bedingt werden, bei denen die klassischen typhösen
über Nephraparatfphiu mit SchwefelwuTCTstoffbildoDg im Orin. 331
ErsclieinQngen völlig zorUck-
treteo. Der von ntts beobach-
tete Fall von „Nephropara-
typhns" ist ganz abgesehen
von den nephritischen Erschei-
Dongen durch besondere, ab-
weisende Lebensäafterangen
der Err^er gekennzeichnet,
so daS eine genauere Kranken-
geschichte und eine Beschrei-
bung der ans dem Urin des
Kranken reingezttcbteten Ba-
zillen notwendig erscheint.
EmilfioB«, 34 Jahre t\t, -S
Gutwirt. 1-8
la. Hai 1905. 1. Anam- gj
n e 8 e : Die FamilienanaiimeM iat
belangloB. Patieat ielbat war
xbgeMhen von einer in der Kind- &8
heit äberetaadenea Lungenent- ss
zünduDg &üher ateta gesund. Seit g-
4 Jahren treten io gröBeren
Zwiacfaenrftamen , zuletzt vor *"
ebem Jahre Anfölle von Herz- SS
■j^st auf nnd es bestehen seit- gs;
dem beBoodera nach Anitren-
gungen Schmerzen in den Lenden- "
gegenden, ohne daB jemals *'-
eine Niereuerkranknng festgestellt S *
Verden wäre. e»
Patient erkrankte vor 4 ?»
Tagen mit Kopfschmerzen, E^eber, ^^
hier uod da auftretendem Er- ""
brechen, heftigen Schmerzen in ^'
den Lumbaigegenden. Die Urin- «^
menge wnrde gering, die ürin-
fsrbe dnnkelbrann , der Harn
leigte ein reichliches Sediment. -*
2. Anfnahmes tat üb: "*
Kräftiger, gut ernährter Mann xS"
TOB starker Moskolatar. Hoch- ^_
rotes Gedcht, mäßiges Fieber, ||^*' 5 8 8 SS Sg|
Bewnßtaein nicht getrübt, All* ||fl;S S S 8 8 S ■«
gemeinbefinden stark be- ^^
einträchtigt. PnU von guter 2
■
332 XXI. Kliekebbboxr u. Scholz
Spannung, magnu8| regnlaris, aequalis, 116 Schläge in der Minnte. At-
mung abdominal, von normaler Beschaffenheit, 20 Atemzüge in der
Minute. Pupillen beiderseita gleich, prompte Lichtreaktion. A u g en •
hintergrund ohne Besonderheiten. Patellarreflexe gewöhnlich.
Hautfarbe blaßgelblich. Beiderseits subkonjunktivale Blutergässe.
Zunge dickgrau belegt. Bachen gerötet; Thorax faßförmig.
Lungengrenzen etwas tiefstehend, verschieblich. Lungenscball
leicht tympanitisch ; über den Lungen spärliche, klanglose HhonchL
Hier und da trockener Husten ohne Auswurf. Am Herzen etwas
accentuierte Arterientöne. Abdomen fettreich, von normaler Konfiga-
ration, palpatorisch und perkussorisch o. Bes. Leber und Milz nicht
vergrößert. Beide Nierengegenden stark druckempfindlich. Stuhl nor-
mal gefärbt, geformt, frei von Blut und Parasiteneiern. Genitalien,
Prostata, Rektum o. Bes. IJrin braungelb, trübe, spez. Gew. 1017,
2,5^00 Albumen nach Esbach, bei einer Tagesmenge von 1800 ccm.
Heller*6che Blutprobe positiv, IJrobilin und Indikan Spuren, Zucker 0,
Diazo 0. TJrinsediment: Einzelne hyaline und Blutzylinder, ziemlich
zahlreiche Leukocyten und Erytbrocyten, spärliche Nierenepithelien und
Epithelien der Harnwege, spärliche unbewegliche Bazillen. Blutdruck
150 mm Hg (Biva-Rocci). Hb (Sahli) 95%, R. 4800000. W. 5000
(in prozentualisch normalem Verhältnis).
Diagnose: Nephritis parenchymatosa haemorrhagica ? (Typhus?)
3. Verlauf. Unter zunächst bleibendem, mäßig hohem Fieber
schwerere Allgemeinerscheinungen bei annähernd konstantem ürinbefonde
ohne Ausbildung lokaler Symptome wie (Milzschwellung, Exantheme, neue
Veränderungen an den Resorptionsorganen, Diazoreaktion). Widarsche
Serumreaktion gegenüber Typhusbazillen, Kolibazillen, Paratyphusbazillen
A und B mehrfach völlig negativ. Zunehmende Bazillenausscheidung im
Urin. Die reingezüchteten Bakterien werden durch das Patientenseram
am 8.. Tage des Krankenhausaufenthaltes bis zu 51 200 agglutiniert. Blut-
kulturen blieben steril, Stuhluntersucbungen auf Drigalskiagar ergebnislos.
19. Mai. Der Urin gibt nach 2 stündigem Stehen starken Schwefel-
wasserstoffgeruch und Schwefelwasserstoffreaktion. Völliges Fehlen der
Zylinder im Urinsediment.
U Juli. Leichtes Fieber, besseres Allgemeinbefinden. Albuminurie
um '/g ^/o^. Auf Urotropin hat die Bazillenausscheidung und die Schwefel-
wasserstoffbildung beträchtlich abgenommen. Im Urinsediment ziemlich
zahlreiche Erytbrocyten und Epithelien, spärliche Leukocyten und spär-
liche meist hyaline Zylinder.
7. Juli. Muskel- und Hautblutungen im Peroneusgebiete, geringe
skorbutähnliche Zahnfleischaffektion. Vergrößerte Milzdämpfung, zuneh-
mender Lungenkatarrh. Blutkultur ergebnislos. Urinbefund wie am
1. Juni.
8. Juni. Furunkel der Oberlippe (Staphylococcus aureus).
9. und 26. Jnni. 4 bzw. 6 tägige Fieberperioden mit steilen Morgen-
remissionen ohne Ausbildung neuer lokaler Symptome, ohne Veränderung
des Urinbefundes, mit geringer Zunahme des Katarrhs und erheblicher
Beeinträchtigung des Allgemeinbefindens. In den Zwischenzeiten bei
gutem Befinden Entfieberung und gelegentliche subfebrile Temperaturen,
Ober NephroparatyphuB mit SchwefelwasserstofFbildnn^ im Urin. 333
Rückbildung des Katarrhs, aber bleibende, geringere Albuminurie und
Sedimentveränderung des TJrins. Keine Darmerscheinungen pathologi-
scher Art.
30. Juni. Entlassung nach der letzten Fieberperiode : entfiebert,
abgemagert, auf ausdrücklichen Wunsch. Es bestehen noch die Residuen
der abgeheilten Blutungen, leicht hämorrhagische Zahnfleischschwellung;
der Lungenbefund ist normal ; die Milz ist perkussorisch vergrößert.
Urin vom spez. Gewicht 1014 enthält 0,2 %q Albumen, spärliche Ery-
throcyten, mäßig zahlreiche Leukocyten, einzelne Nierenepithelien, 18 hya-
line und 3 Zellzylinder im Präparat. Bei einer Vorstellung in der
Poliklinik Ende August 1905 war Patient völlig hergestellt, in gutem
Ernährungsznstande. Der Urin bot chemisch mikroskopisch das Ver-
balten der Norm.
Epikrise: Es lag eine akute, fieberhafte Krankheit vor, die
mit stärkeren Allgemeinerscbeinungen einherging und neben gering-
fügigem Lnngenkatarrh und fraglicher Milzschwellung durch nephri-
tische Symptome gekennzeichnet war. Im Verlaufe bemerkenswert
waren die Bazillenausscheidung im Urin, die Schwefelwasserstoil-
reaktion des kurze Zeit stehenden Hains, die als Recidive anzu-
sprechenden Fieberrückfalle und die Haut-, Muskel- und Zahnfleisch-
blutungen.
Die ursprünglich gestellte Diagnose „Nephritis'^ ließ sich schwer
mit dem bleibenden Fieber, mit der Störung des Allgemeinbefindens,
mit der Leukopenie, mit der Bronchitis bei sonst fehlenden Stauungs-
erscheinungen in Einklang bringen. Der weitere Verlauf, das weiter
fortbestehende Fieber, das Mißverhältnis zwischen dem Verhalten
des Harns (abnehmende Albuminurie bei hoher Urinmenge) und
dem subjektiven Befinden des Kranken erschütterte die anfangs
gestellte Diagnose. Gegen das Bestehen eines Typhus sprachen
die Feststellungen der WidaFschen Reaktion. Als dann Bazillen
aus dem Urin reingezüchtet wurden, die durch das Patientenserum
spezifisch und sehr hoch agglutiniert wurden, da konnte über die
ätiologische Natur der Erkrankung kein Zweifel mehr fortbestehen.
Die lokale Nierenerkrankung erklärte sich als ein besonders auf-
fälliges Symptom einer Allgemeininfektion bei einer . typhusähn-
lichen Krankheit. Das Auftreten von Blutungen der beschrie-
benen Art ist für Typhus, also auch für analoge Erkrankungen
derselben Gruppe zwar selten, aber für gewisse schwere Fälle
nicht ungewöhnlich. In unserem Falle, bei dem es, wie noch ge-
zeigt werden soll, vermutlich zur Schwefelwasserstoffbildung auch
im Organismus gekommen ist, spielt die H^S-Gärung vielleicht eine
auslösende bzw. unterstützende Rolle bei der Entstehung der Blut-
ungen und der Zahnfleischveränderung.
334 XXI. Klienbbsbgbb q. Scholz.
Die Schwefelwasserstoffbildung im Urin erfolgte, wie unsere
Untersuchungen ergaben, in eiweißhaltigen und eiweißfreien Sub-
straten, also aus Eiweiß und Salzen, sowie aus Schwefelsalzen
allein. Es fiel uns auf, daß in den ersten Tagen die Eiweißans^
Scheidung eine reichliche war, daß sie mit der Zunahme der Bak-
terien im Urin sank und mit der Abnahme derselben infolge der
Medikation auf bescheidene Werte wieder anstieg. Es ist nicht
unwahrscheinlich, daß der Ausfall an Albumen der im umge-
kehrten Verhältnis zum Bakteriengehalt stand, auf Kosten der in
den Hamwegen wachsenden Bazillen zu setzen ist, oder daß dies
Bazillenwachstum wenigstens eine hervorragende Rolle im Zustande-
kommen der geringen Albuminurie gespielt hat. Freilich scheint
mit dieser Annahme die Tatsache, daß im nativen Urin eine mini-
male Schwefelwasserstofifreaktion vorhanden war, zunächst nicht
im Einklang zu stehen. Nun ließ sich wiederholt nachweisen, daß
der steril entnommene Urin nach 2 stündigem Stehen bei 16® C.
eine starke Schwefelwasserstoffreaktion zeigte, ohne daß in dieser
kurzen Zeit eine sehr erhebliche Bakterienwucherung stattgefunden
hatte. Daraus möchten wir entnehmen, daß mindestens Schwefel-
wasserstoffvorstufen bereits im Körper gebildet waren und mit dem
frischen Urin ausgeschieden wurden.
Es wäre auch schwer zu verstehen, warum unter ungünstigen
Kulturbedingungen (eiweißfreier Urin) reichliche Schwefelwasser-
stoffbildung erfolgte, die im eiweißhaltigen, an Salzen reichen
Urin nicht statthaben sollte.
Die H^S-Bildung an sich kann, wie Petri und Maaßen(6\
gezeigt haben, unter den geeigneten Kulturbedingungen durch die
meisten, pathogenen Mikroben bei Gegenwart von Schwefel und
unterschwefligsaurem Natron oder bei Vorhandensein von Eiweiß
und Pepton stattfinden. Es sind 3 Möglichkeiten für das Vor-
kommen des Schwefelwasserstoffs im Harn gegeben: 1. Ausschei-
dung durch die Nieren bei HgS-Bildung im Körper, 2. Diffusion
durch die Blasenwand und 3. Erzeugung in den Harnwegen durch
Bakterien. Diffusion durch die Blase dürfte nur bei Anwesenheit
größerer Jaucheherde in der Nähe möglich sein. Infektionen der
Blase mit sekundärer Schwefelwasserstoffbildung in den Hamwegen
sind u. a. von Müller (7), Kosenheim(8) und Gutzmann be-
schrieben worden. Die Beobachtung von Karplus (9) läßt sich
nicht sicher verwerten, da die Schwefelwasserstoffbildung erst nach
der Urinentleerung auftrat, und weil der Urin nicht steril auf-
gefangen wurde. Thionurie durch Ausscheidung bei Autointoxi-
über NephroparatyphüB mit Schwefelwassentoffbildnng im Urin. 335
kationen sah Senator (10) bei schweren Darmkatarrhen auf-
treten.
Unser Fall wäre demnach in die Gruppe 3 einzureihen, bei
dem die Schwefelwasserstoffbildung in den Hamwegen aus Eiweiß
und Schwefelsalzen durch die Einwirkung von Bakterien erfolgte
resp. bei dem besonders die nächsten Schwefelwasserstoffvorstufen
neben geringen Mengen freien Schwefelwasserstoffs gebildet wurden.
Der aus dem steril entnommenen Urin reingezfichtete Bazillus
ist lebhaft beweglich, färbt sich mit den gewöhnlichen Anilinfarben,
nicht nach Gram, und hat Form und Größe des Typhusbazillus.
Er ist fakultativer Anaerobier. Die Agarkulturen sind fein, iri-
sierend und typhusähnlich. Bei Oberflächenwachstum auf
Agar, Glyzerinagar und Ascitesagar tritt nach 36 St.
eine geringe, durch Bleiacetatpapier deutlich nachweisbare Schwefel-
wasserstoffreaktion ein. Verflüssigter, beimpfter und
wiedererstarrter Agar und Ascitesagar wird zersprengt;
beim Wachstum erfolgt starke Schwefelwasserstoffbildung. Die
Bouillonkulturen werden gleichmäßig getrübt, ergeben nach
24 Stunden starke Schwefelwasserstoffreaktion, Indolbildung tritt
nicht ein. InPeptonwasser vom Gehalt von 1% Pepton und
Vs % Kochsalz wird weder Schwefelwasserstoff, noch. Indol gebildet.
In der Milch findet weder Gerinnung, noch deutliche Aufhellung,
dagegen erhebliche Schwefelwasserstoffbildung in den ersten 24 St.
statt. Lackmusmolke rötet sich die ersten 2 Tage leicht, um
dann stark gebläut zu werden. Drigalskinährboden wird
gebläut, Neutralrot nach anfänglicher Bräunung aufgehellt, der
Blutfarbstoff nicht verändert. Die Bazillen wachsen auf
Löffle rs er um als dicker, grauweißer Belag, auf der Kartoffel-
scheibe unsichtbar. Die Gelatine wird bei Einstichimpfung
nicht verflüssigt. Die in die verflüssigte Gelatine eingeimpften
Bazillen zersprengen die erstarrte Gelatine und bilden Schwefel-
wasserstoff. In Traubenzuckeragar wird Kohlensäure und
Schwefelwasserstoff gebildet, in einem nativen Zuckerurin wird in
24 Stunden bei Impfung mit einer Öse Kultur 2 7o Zucker zersetzt.
Normaler, eiweißfreier Urin, der mehrfach aufgekocht und fil-
triert wurde, wird in 24 Stunden unter starker Schwefelwasser-
stoffbildung diffus getrübt. Gallenfarbstoffurin wird in der Farbe
nicht verändert. Auf Setoglaucinagar findet gutes Wachstum statt.
Wir haben mit unserem Bazillus Rose 4 Koli-, 3 Typhus-,
1 Paratyphus A- und 2 Paratyphus B-Stämme kulturell verglichen.
336 XXL Klibmbbbbgsr u. Scholz
Unser Bazillus unterscheidet sich kulturell in wenigen, wohl unter-
geordneten Punkten von dem Paratyphus B (Schottmüller). Die uns zur
Verfügung stehenden Paratyphus B-Stämme hellen die Milch etwas
auf, bilden weniger stark und weniger rasch in flüssigen Medien
Schwefelwasserstoff und bilden keinen Schwefelwasserstoff beim
Oberflächenwachstum auf Agar, sowie in normalem, eiweißfi^eiem
Urin. Gerade bezüglich der H^S-Bildung aber verhielten sich auch
unsere verschiedenen Kolistämme ungleich, die einzelnen Typhus-
stämme differierten untereinander und im Gegensatz zu den anderen
Stämmen in der Stärke der H^S-Bildung. Jedenfalls zeigte der
Bazillus Rose die stärksten Schwefelwasserstoffreaktionen unter
allen untersuchten Stämmen.
Der nur aus den Harnwegen isolierte Bazillus wurde durch
das Patientenserum am 8. Tage des Krankenhausaufenthaltes bis
51 200 innerhalb einer Zeit von 2 Stunden agglutiniert (11). Die
Agglutinations Prüfung erfolgte noch 2 weitere Male mit dem-
selben Ergebnis. Dagegen wurden durch das Blutserum des Kranken
weder Typhusbazillen und Kolibazillen, noch Paratyphus A- und
Paratyphus B-Bazillen agglutiniert. Diese auffällige Tatsache, dafi
ein sonst in allen wesentlichen morphologischen und kulturellen
Punkten mit dem Paratyphus B-Bazillus übereinstimmendes Stäbchen
sich bei der Agglutinationsprüfung völlig different erwies, veran-
laßte uns, den Bazillus Eose und die uns zur Verfügung stehenden
Paratyphus B-Stämme gegenüber dem polyvalenten Schweinepest-
serum Wassermann (12) zu prüfen.
Agglutination durch polyvalentes Schweinepestsernm.
Bazillus Eose Paratyphus B
1:80+++ 1:80+++
bis 1 : 640 ++ bis 1 : 640 ++
1:5120+ 1:1280 +
1 : 10240 schwach + 1 : 2560 sehr schwach +
höher 0 höher 0
Es ergab sich also die bemerkenswerte Tatsache, daß poly-
valentes Schweinepestserum unser Stäbchen, sowie die Paratyphus
B-Bazillen hoch agglutinierte. Dagegen wurde unser Bazillus weder
durch Paratyphus A-Serum , noch durch Typhusserum bis zu einer
Verdünnung von 1 : 20 herab agglutinativ beeinflußt.
Demnach müssen wir den Bazillus Eose als zur Hog-
choleragruppe gehörig (12) ansehen. Unter den zu dieser
Oruppe gehörigen Mikroorganismen steht er dem Paratyphus
über Nephroparatyphos mit Schwefelwasserstoffbildang im Urin. 337
6-Bazillas biologisch am nächsten. Wenn wir noch Bedenken
tragen, beide Stämme zn identifizieren, so dürfte dies in dem
eigenartigen Verhalten des Patientenserums, nur den eigenen Stamm,
nicht andere Paratyphus B-Stämme zu agglutinieren, seine Erklä-
rung finden. Aus äußeren Gründen haben wir darauf verzichtet,
noch weitere Paratyphus B-Stämme bezüglich etwaiger Aggluti-
nation durch das Serum des Kranken zu prüfen. Die Erkrankung
selbst haben wir trotzdem als Nephroparatyphus bezeichnen zu
dürfen geglaubt, weil eine markante Ähnlichkeit mit gewissen
Nephrotyphen unverkennbar ist, und . weil der Krankheitserreger
der Gruppe des Paratyphusbazillus B angehört.
Abgesehen von der kliiiischen Bedeutung des Falles liegt der
Schwerpunkt dieser Beobachtung auf dem Gebiete der Agglutina-
tion. Gerade in den letzten Jahren sind öfters Typhuserkrankungen
mit fehlender Agglutination beschrieben worden. Der eine von
uns (12) hat selbst einen derartigen Fall beobachtet Dabei handelte
es sich aber um besonders schwer agglutinable Stämme oder um
fehlende Agglutininbildung im Organismus bei eindeutiger Infektion.
Hier dagegen hat eine Bakterieninvasion im Körper eine ungewöhn-
lich hohe, spezifische Agglutininbildung erzeugt. Das Agglutinin
selbst aber ist biologisch fast gleichartigen Stämmen gegenüber
absolut refraktär. Wenn es also bei derartigen typhusähnlichen
Krankheitsfällen nicht gelingt, die Erreger zu isolieren, wird die
übliche Widal'sche Reaktion, mit Typhus- und Paratyphusbazillen
angestellt, im Stich lassen und die Bubrizierung der Krankheit
unmöglich machen. Gelingt es aber, wie hier, die Erreger rein-
zuzüchten und derartige agglutinative Feststellangen zu machen,
dann mufi man sich fragen, ob man weiter spezialisieren soll und
berechtigt ist, neue Krankheitserreger bei sonst nahezu leichtem
morphologischen Verhalten auf Grund des Agglutinationsvermögens
anzunehmen.
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1. Homburger, Berl. klin. Woch. 1881 Nr. 20, 21, 22 (Mitteilungen ans der
Eußmaul'schen Klinik).
2. Curschmann, Unterleibst^rphus in Nothnagers Spez. Path. u. Ther. III 1.
3. B. Schottmttller, Über eine das Bild des Typhus bietende Erkrankung.
Deutsche med. Woch. 1900. — Weitere Mitteilungen. Zeitschr. für Hyg. u.
Infekt.-Krankh. 1900.
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ähnlichen Bakteriums im Blut.
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6. Müller, Über Schwefelwasserstoff im Harn. Berl. klin. Woch. 1887.
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7. Rosenheim nnd Gutzmann. Zar klin. . Würdignne and Genese der
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11. H. Smidt, Zur Charakterisierung der Hogcholeragrappe. Zentralbl für
Bakteriol. 1905.
12. CarlKlieneber^er, Typhasdiagnose mittels Widal-Üntersuchnngen io
zentralisierten Stationen, ^eitschr. f. ärztl. Fortbildang 1905.
XXII.
Ans der medizinischen Universitätsklinik zu Königsberg i. Pr.
(Direktor: Geh. Medizinalrat Professor Dr. Lichtheim.)
Über einen Fall von Myelitis transyersa mit MnBkelwogen
nnd eigentümlichen Yei^ndernngen der elektrischen
Reaktion.
Von
I
Dr. Julius Frohmaniiy
früherem Oberarzt der Klinik.
Während meiner Tätigkeit an der medizinischen Elinik zu
Königsberg beobachtete ich längere Zeit hindurch den folgenden
recht bemerkenswerten Fall. Herr Qeheimrat Lichtheim hatte
die Güte, ihn mir zur Veröffentlichung zu überlassen.
Carl Z., 42 Jahre alt, Besitzer aoB Nea*Jaoha, Kreis Lyck, auf*
genommen am 17. September 1900, entlassen am 15. Oktober 1901.
Anamnese: Vater an Lungenschwindsucht gestorben. Im übrigen
Familienanamnese ohne Belang. Patient ist verheiratet nnd hat gesunde
Kinder. Vor 8 Jahren mit Kopfschmerzen nnd Schwerhörigkeit Ter-
bmidene Eiterung im rechten Processus mastoideus. Heilung durch
operativen Eingriff. Vor 7 Jahren schief geheilte Fraktur des linken
Untersehenkels infolge eines Sturzes. Im übrigen war Patient bis zum
Beginne seines jetzigen Leidens völlig gesund.
An einem Nachmittage des September 1897 wurde Patient, der
infolge mehrstündiger Feldarbeit stark erhitzt und in Schweiß
gebadet war, beim Pflügen durch ein heftiges Unwetter
überrascht und in kürzester Zeit völlig durchnäßt. Bald
darauf hatte er ein leichtes Schwindelgefühl und die Em-
pfindung einer gewissen Schwere in den Beinen. In der
Annahme, daß seine mit dicken Lehmklumpen bedeckten schweren Holz-
Bchuhe ihm hinderlich wären, legte er sie ab und ging in Strümpfen
hinter dem Pfluge weiter. Aber schon nach wenigen Schritten
wurde er von einem heftigen Schwindelgefühl erfaßt und
stürzte bewußtlos nieder. Als er nach einigen Minuten
wieder zu sich kam, bestand eine totale Lähmung beider
Beine, verbunden mit reißenden Schmerzen. Arme und
22*
340 XXn. Frohmakk
Kopf konnte er frei bewegen. Ton seinen Leuten ins Bett gebracht,
wurde er 8 Tage und Nächte hindurch von fast unerträglichen Schmeraen
in den Beinen gequält. Die Lähmung blieb unverändert. Die Harn-
entleerung war erschwert, aber doch spontan möglieh.
Schwindelgefühl y Kopfschmerzen, Erbrechen fehlten. Ob etwa Fieber
bestanden hat, weiß Patient nicht. Am 4. Tage Tergchwanden die
Schmerzen unter gleichzeitigem Auftreten von Ameisenkriebeln. Nach
kurzer Zeit hörte auch dieses auf und wurde durch eine Abstumpfung
des Gefühls an den Beinen ersetzt, die seitdem unverändert
fortbesteht. Oleichzeitig kehrte die Beweglichkeit der Beine bis m
einem gewissen Grade zurück, so daß Patient nach einigen Wochen mit
Hilfe von Stöcken stehen und sich langsam fortbewegen konnte. Eme
weitere Bückbiidung der Lähmung trat aber nicht ein. Der Zustand
iBt seitdem im wesentlichen unverändert geblieben. Auch die Erschweräng
der Harnentleerung besteht in geringem Grade fort. Kein Potus. Lues
aufs entschiedenste geleugnet.
Status praesens: Großer, kräftiger, ziemlich gut genährter Mann.
Kein Fieber. Keine Drüsenschwellungen. Am Nacken einige von Akne-
pusteln stammende kleine Hautnarben. Kein Leukoderma. Sonst nirgends
narbige Hautveränderungen, auch nicht an den Genitalien.
Bachenorgane ohne Narben, ohne Perforationen. Schief geheilte
Fraktur der linken Tibia.
An der Wirbelsäule nirgends abnorme Prominenz eines Proc. spinosus;
beim Beklopfen und bei vertikaler Belastung keine Schmerzhaftigkeii
Brust- und Bauchorgane normal. TJrin klar, frei von Eiweiß und Zucker.
Nervensystem: Psyche, Sensorium, Intelligenz, Himnerven absolnt
normal. Pupillen gleich weit, mit prompter Licht- und Konvergenz-
reaktion. Gesichtsfeld normal (auch für Farben).
Motilität:
Obere Extremitäten: Grobe Kraft, aktive und passive Beweg-
lichkeit in allen Teilen völlig normal. Nirgends auch nur eine Andeutung
von myotonischer Bewegungsstörung. Überall normales Muskelvolumen.
Nirgends fibrilläre oder faszikuläre Zuckungen. Keine Zitterbewegnngen.
Untere Extremitäten: Es besteht eine recht erhebliche Schwäche
beider Beine und zwar links in etwas höherem Maße als rechts. Die
Parese betrifft alle Muskeln in ganz gleichmäßiger Weise. Es fehlt
daher nirgends eine normale Bewegung völlig; nur ist ihre Exkursions-
breite durchweg erheblich reduziert. Die Herabsetzung der groben Kraft
ist so erheblich, daß jede aktive Beinbewegung durch einen geringen
Gegendruck des TJntersnchers mit Leichtigkeit unterdrückt werden kann.
Die Lähmung ist eine hochgradig spastische. Die Oberschenkel sind in
Adduktions-, die Unterschenkel in Streckstellung fixiert. Nur mit großem
Kraftaufwande kann der Untersucher eine Abduktion in den Hüftgelenken,
eine Beugung in den Knien beim Patient ausführen. Zeitweise tretoi
unwillkürliche krampfartige, recht schmerzhafte Beugekontraktionen bald
im rechten, bald im linken Bein für die Dauer einiger Sekunden auf.
Das Muskelvolumen ist an beiden Beinen in toto etwas reduziert, aber
nirgends findet sich eine umschriebene stärkere Atrophie einer Muskel-
über einen Fall Ton Myelitis transyersa etc. 341
grnppe. An der Hinterfiäche der Beine, in den Waden, den Bengem
am Oberschenkel nnd dem Qlntaens maximns sind beiderseits sehr leb-
hafte fibrüläre und &szikaläre Zuoknngen sichtbar. Am stärksten aus-
geprägt ist diese Erscheinung an der Wadenmuskulatur. Hier sieht man
häufig besonders umfangreiche Muskelbündel in diese zuckenden und
zitternden Bewegungen geraten. Dieses Muskelspiel geht auch in der
Buhe fast unaufhörlich vor sich, wird aber besonders lebhaft, so oft
Patient anstrengende Bewegungen mit den Beinen ausführt. Von Tem-
peratureinflüssen ist es unabhängig. An der Yorderfläche der Beine
kann man ebenfalls fibrilläre Zuckungen nachweisen. Sie sind aber viel
schwächer, treten nur selten auf und beschränken sich auf das Gebiet
des Quadriceps und Tibialis antious beiderseits.
I)er Gang ist ein typisch spastisch paretischer. Patient kann sich
nur mit Hilfe von zwei Stöcken fortbewegen. Ohne diese Unterstützung
stürzt er sofort hin. Dasselbe gilt vom Stehen. Hierbei stützt sich
Patient fast ausschließlich auf das rechte Bein und wirft dabei den ganzen
Bampf nach rechts herüber, so daß er eine Haltung ähnlich der bei
Ischias scoliotica einnimmt. Beim Sitzen gleicht sich diese abnorme
Bnmpfhaltung sofort völlig aus.
Die Streckmuskeln des Rumpfes funktionieren normal. Dagegen ist
die Kraft der Bauchmuskeln herabgesetzt. Patient kann den horizontal
liegenden Oberkörper nur bis zu einem Winkel von ca. 45^ aufrichten.
Eine Weiterbewegung bis zur Vertikalen ist ohne Mithilfe der Arme
nicht möglich.
Bewegungen des Kopfes normal.
Elektrische Untersuchung.
In einer Anzahl gelähmter Muskeln tritt bei faradischer (mit frei-
schwingendem Hammer) und galvanischer, direkter und indirekter Reizung
bei mittleren Stromstärken eine mehr oder minder starke Nachdauer der
Kontraktion nach Unterbrechung des Stromes auf. Dieses Phänomen
ist bei faradischer Beizung stärker ausgeprägt als bei galvanischer und
tritt bei Nervenreiznng weniger stark hervor als bei direkter Muskel-
reizung. Die Nachdauer schwankt zwischen 2 und 25 Sekunden. Wieder-
holte, rasch hintereinander erfolgende Heizung bedingt zunehmende Ver-
kürzung der Kontraktionsnacbdauer. An ihre Stelle treten dann sehr leb-
hafte fibrilläre und fascikuläre Zuckungen. Schließlich geben die Muskeln
normale Reaktion. Nach einer Erholungspause von einer halben bis
mehreren Minuten läßt sich die Nachdauer der Kontraktion wieder auslösen.
In einzelnen Muskeln erzeugt der stärkere Reiz statt der Nachdauer über-
haupt nur fibrilläre Zuckungen.
Einzelinduktionsvorschläge (bei feststehendem Hammer) rufen stets
nur einfache kurze Zuckungen, niemals Nachdauer derselben hervor. Die
durch den konstanten oder indurierten Strom erzeugten einfachen Kon-
traktionen erfolgen blitzartig, nicht träge. Die Minimalerregbarkeit der
Hnskeln und Nerven ist nicht erhöht, und die normale Formel des
Zackungsgesetzes erhalten. Rhythmische, von der An zur Ka laufende
Wellen sind nicht auszulösen. Die mechanische Erregbarkeit der Muskeln
ist nicht erhöht. Keine Nachdauer der Kontraktion auf mechanischen Reiz.
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Die nichtgelähmten Muskehi geben durchweg eine normale elektrische
Beaktion.
In der vorstehenden Tabelle sind die Ergebnisse der elektrischen
Untersuchung zusammengestellt. Als Aeizelektrode diente stets die 3 qcm
Normalelektrode von Stintzing.
Sensibilität: Es besteht eine geringe Herabsetzung des Gefühls
für alle Qualitäten von den Zehen aufwärts bis zu einer in der Höhe
IV Froc. spinös, lumbalis gürtelförmig um den Leib herumziehenden Linie.
Reflexe: Die Bauchdeckenreflexe beiderseits normal. Cremaster-
reflex beiderseits nicht sicher auszulosen. Kitzelreflex der Fußsohle fehlt
beiderseits (Patient hat an den Sohlen sehr stark verdickte Haut). Beim
Stechen der Fußsohle beiderseits positiver Babinski'scher Beflex. Patellv-
reflex beiderseits erheblich gesteigert. Ab und zu tritt beim Aaslösen
des rechten Patellarreflexes noch neben diesem ein gekreuzter Beflex im
linken Adductor magnus auf. Bechts Fußklonus, links etwas gesteigerte
Achillessehnenreflex. Supinatorreflex beiderseits nicht auszulösen. Triceps-
reflex beiderseits normal.
Harnentleerung etwas erschwert. Patient muß stets recht lange
pressen, bis die Miktion erfolgt. Niemals Inkontinenz.
Stuhlentleerung ebenfalls etwas erschwert.
Potenz ist erhalten. Es dauert jedoch viel länger als vor der
Krankheit, bis die Ejakulation erfolgt. Libido normal.
Keine vasomotorischen Störungen.
Patient wurde in der Klinik mit dem faradischen Strom behandelt
und erhielt längere Zeit Jodkali. Eine Änderung in dem Befunde trat
nicht ein.
Der Deutung des vorliegenden Falles stehen bis zu einem ge-
wissen Punkte keinerlei Schwierigkeiten entgegen. Die spastische
Paraparese, die typische Form der Sensibilitätsstorung, die ge-
steigerten Keflexe und die Störung der Blasenfunktion weisen mit
aller Bestimmtheit auf eine Querschnittsläsion der MeduUa spinaUs
hin, die unter Berücksichtigung des Ausdehnungsgebietes der sen-
siblen und motorischen Lähmung nur ins untere Dorsalmark ver-
legt werden kann. Bei dem ganz akuten, fast apoplektiformen
Beginne der Erkrankung können nur wenige Krankheitsprozesse
ätiologisch in Frage kommen. Da für eine Embolie oder Blutung
in das Rückenmark ein kausales Moment in diesem Falle nicht
nachzuweisen ist und für die Annahme einer luetischen Erkrankung
kein Anhaltspunkt besteht, so werden wir die Diagnose auf Mye-
litis transversa acuta stellen müssen. Daß dieselbe mitunter fou-
droyant einsetzt, ist bekannt, Überanstrengung und Erkältung
zählen zu den anerkannten ätiologischen Momenten. Bei unserem
Patienten, der in Schweiß gebadet auf freiem Felde von einem
Unwetter überrascht und durchnäßt wurde, dürfte wohl Erkältung
als Ursache anzusprechen sein. Die heftigen sensiblen Reiz-
über einen Fall von Myelitis transversa etc. 349
erscheimmgen (Schmerzen, Parästhesien) sind ohne Zwang durch
eine anfangliche Mitbeteilignng der Rilckenmarkshänte an der
Entzündung zu erklären. Der aknte myeloische Prozeß ist ver-
hältnismäßig rasch abgelaufen. Die durch ihn gesetzten Läsionen
haben sich aber, wie gewöhnlich, nur in geringem Maße zurück-
gebildet. Als irreparabler Folgezustand ist die zentrale Leitungs-
lähmong im Dorsalmark zurückgeblieben. Soweit begegnet die
Analyse des Falles keinen Schwierigkeiten.
Wie steht es aber mit den bisher nicht berücksichtigten fibril-
lären Zuckungen und den auffallenden Veränderungen der elek-
trischen Erregbarkeit in einem Teile der gelähmten Muskeln?
Nach unseren bisherigen Kenntnissen können sie durch die Quer-
schnittsläsion der Medulla spinalis allein nicht erklärt werden.
Läsionen des zentralen Neurons bedingen außer der Sigidät der
Muskeln, bei lange bestehenden Lähmungen mitunter auch se-
kundäre Atrophien mit einfacher Herabsetzung der elektrischen
Erregbarkeit, aber keine qualitativen Veränderungen der Muskel-
kontraktion und ebensowenig fibrilläre Zuckungen. Beobachtet
wurden die letzteren bisher bei manchen Neurasthenien besonders
traumatischen Ursprungs, hier und da in Fällen von schwerer
Neuritis, vor allem aber bei den chronisch progressiven Erkran-
kungen des Eückenmarks und des Gehirns, die zum allmählichen
Schwunde der Ganglienzellen in den grauen Vorderhömem und in
den Kernen der Himnerven fuhren, also bei Syringomyelie, amyo-
trophischer Lateralsklerose etc. Bei der letztgenannten Affektion
können sogar ausgedehnte fibrilläre Zuckungen als einziges An-
fangssymptom lange Zeit den atrophisch spastischen Erscheinungen
vorangehen, wie wir es in einem Falle der Klinik feststellen
konnten. Es bedarf wohl keiner weiteren Erörterung, daß eine
von diesen Affektionen bei unserem Kranken nicht vorliegt.
Unter dem Namen (Myokymie, Muskelwogen) — die Bezeich-
nung stammt von Fr. Schnitze — ist nun in den letzten Jahren
ein Krankheitsbild beschrieben worden, dessen Hauptsymptom in
unaufhörlichen fibrillären und faszikulären Muskelzuckungen be-
steht. Die ersten beiden Fälle wurden von Kny 1888 unter dem
Namen Myoclonus flbrillaris multiplex mitgeteilt. 1890 veröffent-
lichte dann, wie Bernhardt hervorhebt, Morvan unter dem
Namen Chor^e fibrillaire ähnliche Beobachtungen. Bekannter wurde
<lie Affektion aber erst durch die Publikation von Fr. Schnitze
aus dem Jahre 1895. Es folgten seitdem Mitteilungen von Hoff-
mann, C.Mayer, Buber, Bernhardt, Karcher, Biancone,
350 XXU. FSORMANN
Williamson, Newmark, Meinertz, Vitek, Frenkel Im
ganzen sind bisher, soweit ich die Literatur übersehe, 20 Fälle
bekannt geworden. Gemeinschaftlich ist ihnen allen die durch die
fibrillären Zuckungen bedingte Muskelunruhe ohne Nachweis einer
anatomischen Grundlage. Das Muskelwogen kann in den ver-
schiedensten Muskelgruppen antreten, pflegt aber meist am stärk-
sten in den Waden ausgebildet zu sein. In den Fällen von
Bernhardt, Newmark Vitek, Frenkel war es streng
auf eine Gesichtshälfte beschränkt und mit tonischem Facialis-
krampf verbunden. Befallen wurden bisher stets gesunde Per-
sonen. Als ätiologische Momente werden angefahrt: Überanstren-
gung, Erkältung, Bleiintoxikation. Häufig läßt sich gar keine Ur-
sache nachweisen.
Als Begleiterscheinungen treten mitunter reißende Schmerzen«
Wadenkrämpfe, gesteigerte Schweißsekretion auf. Die Befleie
waren in einigen Fällen erhöht, in anderen herabgesetzt Bei der
Mehrzahl der Kranken erfolgte ziemlich rasche Heilung oder wesent-
liche Besserung. Bei einigen blieb der Zustand stationär, so im
Falle von Hoffmann 20 Jahre. .Über die eigentliche Ursache
der Myokymie herrscht natürlich völliges Dunkel.
Unter diesen Fällen beansprucht der von C. Mayer publizierte
für uns deshalb ein besonderes Interesse, weil er der einzige ist,
bei dem eine zentrale Leitungslähmung mit Muskelwogen kom-
biniert war. Es handelte sich um einen 71jährigen Bauemknecht,
der 6 Monate vor der Untersuchung einen Sturz auf den Kücken
erlitt. Es fanden sich Druckempfindlichkeit an den unteren Dom-
fortsätzen der Brustwirbelsäule, leichte spastische Paraparese der
Beine und starkes Muskelwogen an den unteren Extremitäten,
das durch intendierte Bewegungen noch gesteigert werden konnte.
Sensibilitätsstörungen fehlten. Offenbar lag eine traumatische
Rückenmarksaffektion vor.
Die Analogie mit unserem Kranken ist klar. In beiden Fällen
spastische Paraparese der Beine und Mnskelwogen lediglich in den
gelähmten Muskeln. Der Unterschied besteht in der verschiedenen
Ätiologie und dem differenten Verhalten der Sensibilität.
Unter diesen Umständen scheint mir die Annahme Myelitis
transversa mit Myokymie für unseren Fall am meisten Berech-
tigung zu haben und dies um so mehr, als durch sie auch die
nachgewiesenen Veränderungen der elektrischen Beaktion in be
friedigender Weise erklärt werden können.
Die Haupteigentümlichkeiten der elektrischen Veränderungei
über einen Fall von Myelitis transversa etc. 351
bei unserem Kranken bestehen in der Neigung zui- Nachdauer der
Kontraktion für beide Stromarten bei direkter und indirekter
Reizung und in der Erschöpfbarkeit dieser Eeaktion durch rasch
wiederholte Eeize.
Nachdauer der galvanischen und faradischen Kontraktion findet
sich bekanntlich als Teilerscheinung der myotonischen Reaktion bei
der Thomsen'schen Krankheit.
Gegen das gleichzeitige Vorhandensein einer Myotonie sprechen
aber hier gewichtige Bedenken. Einmal fehlen myotonische Be-
wegungsstörungen irgendwelcher Art bei unserem Patienten ab-
solut. Außerdem decken sich die bei ihm gefundenen Verände-
rungen durchaus nicht gänzlich mit der typischen MyR. Bei dieser
ist die Erregbarkeit der Muskeln bei direkter Reizung für beide
Stromarten gesteigert, die auf galvanischen Reiz erfolgenden
Zuckungen • sind träge, bei indirekter Reizung ist die Nachdauer
der Kontraktion nur durch summierte Reize und auch dann recht
schwer auszulösen. In unserem Falle fehlt die Steigerung der
Muskelerregbarkeit, die galvanischen Zuckungen sind kurz, blitz-
artig, die Nachdauer der Kontraktion ist auch bei indirekter
Reizung verhältnismäßig leicht hervorzurufen. Endlich vermissen
wir hier im Gegensatze zu der MyR die bei ihr gewöhnlich vorhan-
dene Steigerung der mechanischen Muskelerregbarkeit mit Nach-
dauer der Kontraktion auf mechanischen Reiz. Die Erschöpfbarkeit
der Reaktion durch wiederholten elektrischen Reiz, die bei unserem
Kranken so außerordentlich hervortritt, kommt dagegen auch bei
MyR vor. Sie ist bereits mehrfach bei der Myotonie beobachtet
worden, unter anderem auch von Jelly. Ich erwähne diesen Autor
besonders, weil vielfach die irrtümliche Ansicht verbreitet ist, er
habe diese Reaktion der Erschöpfbarkeit oder myasthenische Re-
aktion zuerst beschrieben und als spezifisch für die sog. Myasthenia
pseudoparalytica hingestellt. Das ist nicht zutreflFend. Jelly hat
das Verdienst, das anscheinend regelmäßige Vorkommen der Reak-
tion bei dieser Krankheit erkannt zu haben. Er selbst hebt aber
ausdrücklich hervor, daß diese Reaktion nicht etwas ganz Neues
sei, sondern daß sie zuerst Benedikt 1868, also 17 Jahre früher,
bei einigen cerebralen Lähmungen beschrieben habe. Erb zählt
1886 in seinem Handbuch der Elektrotherapie bereits eine ganze
Reihe von Krankheiten auf, bei denen sie gelegentlich beobachtet
worden ist (progressive Muskelatrophie, apoplektische Hemiplegie,
echte Muskelhypertrophie, Poliomyelitis anterior chron,, veraltete
Ischias, Paralysis agitans). Flora hat sie auch noch bei multipler
352 XXTL Fbohmann
Sklerose, Tabes, Neurasthenie, Hysterie, Pseudohypertrophie und
Eleinhirutumoren gefanden. Man sieht daraus, daß ihr Vorkommen
ein ziemlich weit verbreitetes ist, und aus ihrem Vorhandensein
allein keinesfalls auf eine Myasthenia pseudoparalytica geschlossen
werden darf. Ähnlich wie mit dieser Reaktion, die ihres spezifi-
schen Charakters entkleidet werden mußte, steht es aber auch mit
der Beurteilung der Kontraktionsnachdauer auf elektrische Beize.
Lange Zeit hindurch galt dieses Symptom als absolut be-
weisend für die Myotomie. Diese Anschauung ist nicht mehr
aufrecht zu erhalten. Zunächst haben Marina bei 2 Hysterischen
und E. Remak bei einem Manne, der vielleicht an einer spinalen
progressiven Muskelatrophie litt, eine „neurotomische'' Reaktion
beschrieben. Charakterisiert ist sie hauptsächlich durch die Nach-
dauer der Zuckung bei galvanischer und faradischer Nervenreizang.
Daneben besteht Neigung zum frühzeitigen KaSTe und AnOTe ohne
Steigerung der Minimalerregbarkeit. Diese Reaktion ist streng an die
Nervenreizung gebunden und vom Muskel aus nicht zu erzielen.
Femer ist eine ganze Reihe von Tetanieerkrankungen mit-
geteilt worden mit Erhöhung der mechanischen und direkten elek-
trischen Muskelerregbarkeit nebst Nachdauer der Kontraktion bis zu
15 Sekunden. (Ausführliche Literatur bei S c h i e f f e r d e c k e r und
Schnitze.)
Endlich sind auch in 6 Fällen von Myokymie ganz ähnliche
Veränderungen der elektrischen Erregbarkeit beobachtet worden.
Gemeinschaftlich ist ihnen allen eine Erhöhung der Erregbarkeit
die in 5 Fällen mit Nachdauer der Kontraktion verbunden war.
Im I. Fall von Kny war die Erregbarkeit bei Anwendung
beider Stromesarten, bei Muskel- und Nervenreizung erhöht Außer-
dem Kontraktionsnachdauer.
Im IL Fall von Kny sowie in den Fällen von Biancone
und Bub er bestand die erhöhte Erregbarkeit nur im Muskel und
zwar für beide Stromesarten. Daneben Kontraktionsnachdauer.
Die elektrische Reaktion vom Nerven aus war normal.
In den Fällen von Schultze und Meinertz war die Er-
höhung der Erregbarkeit nur auf faradische Muskeh'eizung nach-
weisbar. Bei dem Patienten von Schultze bestand Nachdauer der
Kontraktion, bei dem Kranken von Meinertz fehlte diese.
Die mechanische Erregbarkeit war in den Fällen von Bian-
cone, Buber, Hoffmann, Frenkel, Karcher erhöht Eine
Nachdauer der Kontraktion auf mechanischen Reiz war in keinem
Falle vorhanden.
über eineD Fall von Myelitis transversa etc. 3Ö3
Bemerkenswert ist noch, daß in den Fällen mit Ausgang in
Heilang die elektrische Reaktion wieder normal wurde.
Diagnostizieren wir in unserem Falle Myelitis mit Myokymie,
so findet das auffallende Verhalten der elektrischen Reaktion ohne
Zuhilfenahme einer weiteren Affektion eine völlig beftiedigende
Deutung. Wie ich übrigens noch besonders hervorheben möchte,
finden sich die beschriebenen elektrischen Veränderungen nur in den
Muskeln mit fibrillären Zuckungen, während alle Muskeln ohne
Muskelwogen normale elektrische Reaktion geben. Dieses Verhalten
weist vielleicht noch besonders prägnant auf die engen Beziehungen
zwischen Myokymie und elektrischer Reaktion hin. Abweichend
in unserem Falle ist das völlige Fehlen der elektrischen En*egbar-
keitssteigerung. Die oben aus der Literatur mitgeteilten Fälle
zeigen aber in dieser Hinsicht bereits untereinander wesentliche Diffe-
renzen, so daß der Mangel dieses Symptoms wohl ohne Bedeutung
für die Gesamtauffassnng ist. Das entscheidende Kriterium bleibt
m. E. die Nachdauer der Kontraktion. Daß dem Nachweis der Er-
schöpfungsreaktion, die in den bisherigen Fällen von Myok}'mie
noch nicht beobachtet wurde, eine besondere Bedeutung nicht zu-
kommt, geht aus dem früher Gesagten hervor. Die Zahl der Affek-
tionen, bei denen sie vorkommt, wird durch unseren Fall lediglich
um eine neue vermehrt.
Zum Schlüsse möchte ich nur noch kurz die Frage streifen,
ob es sich hier um eine ganz zufällige Kombination von Myelitis
und Myokymie handelt, oder ob nicht ein Zusammenhang zwischen
beiden Affektionen besteht. Ich möchte mich für letztere Annahme
entscheiden — natürlich mit einer gewissen Reserve. Aus der
Durchsicht der Literatur habe ich den Eindruck gewonnen, daß es
sich bei der Myokymie nur um ein Symptom, das bei den verschie-
densten Affektionen auftreten kann, und nicht um eine selbständige
Krankheit handelt. Unter dieser Voraussetzung scheint es mir ge-
stattet, dieses Symptom, über dessen anatomische Grundlage wir
nicht das Geringste wissen, in einen Zusammenhang mit der Myelitis
acuta transversa zu bringen. Der Entzündungsprozeß, der im Dorsal-
mark so schwere Veränderungen hervorgerufen hat, kann ursprüng-
lich auch das Lendenmark mit betroffen haben, dort aber ausgeheilt
sein unter Hinterlassung geringfügiger, vielleicht anatomisch gar
nicht nachweisbarer Veränderungen (z. B. der Ganglienzellen der
Vorderhörner), die sich klinisch unter dem Bilde der Myokymie
präsentieren.
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S. 5dl.
Sohiefferdecker und Schnitze, Beiträge eur Kenntnis der Myotonia eon-
g^enita, der Tetanie mit myotonischen Symptomen, der Paralysis agitans und
einiger anderer Muskelkrankheiten, zur Kenntnis der Aktivitätshypeitro^e
des normalen Muskelbaues. Deutsche Zeitschr. i. Nervenheilk. Bd. 25 b. 1-
Schnitze, Fr., Beiträge zur Muskelpathologie I. Myokymie (Mu8kelwog[en) be-
sonders an den unteren Extremitäten. Deutsche Zeitsohr. f. NerrenheülnnMie
Bd. 6 S. 65.
Yitek, Ein Beitrag zum primären tonischen G^ichtskrampf mit Muskel wogen.
Neurol. Zentralbl. 1904 S. 257.
Williamson, Myokymia or persistent muscular giyering. Brit. medical joomal
1900 15. Dec.
xxni.
Über eine typische firkianknng des yerlängerten Markes.
Von
Dr. L. B. HttUer,
Oberarzt der inneren Abteilnns des stftdt. Krankenhauses in Angsburg.
(Mit 1 AbbUdung und Tafel V.)
Über akute Erkrankungen der MeduUa oblongata ist ver-
hältnismäßig wenig in der med. Literatur und in den Lehrbüchern
zn finden. Das mag seinen Grund darin haben, daß das verlängerte
Mark infolge seiner geschützten Lage nur selten traumatischen
Schädigungen ausgesetzt ist, wirkt aber eine solche ein, so fährt
sie dann meist zur völligen Zertrümmerung und ein plötzlicher
Tod verhindert weitere klinische Beobachtungen. Andererseits
entwickeln sich im verlängerten Marke nur selten Entzündungen
oder Geschwulste; während die frontal und kaudal von ihr ge-
legenen Abschnitte, die Brücke, die Vierhügelgegend und das Hals-
mark häufiger der Sitz von pathologischen Prozessen sind.
Der Umstand, daß die MeduUa oblongata von krankhaften
Störungen so wenig berührt wird, muß als ein glücklicher bezeichnet
werden, denn nirgends im Körper sind so lebenswichtige Zell-
grnppen in so engem Baume zusammengedrängt, nirgends wird
eine relativ geringfügige Erkrankung so deletäre Folgen haben
wie hier.
Über die physiologischen Funktionen der komplizierten,
anatomisch gut gekannten Fasersysteme in der Medulla oblon-
gata können uns nur klinische Beobachtungen aufklären, welche
durch autoptische und mikroskopische Untersuchungen kontrolliert
werden. Eine solche bieten uns die Krankengeschichte und der
Sektionsbefund eines Falles, den ich im Jahre 1902 in der Erlanger
mediz. Klinik beobachten konnte. Dieser liegt den folgenden Er-
örterungen zugrunde. Herrn Prof v. Strümpell, meinem ehemaligen
verehrten Chef sage ich für die Überlassung des Materials zur Pub-
likation verbindlichen Dank.
D. St., 46 Jahre, fühlte sich seit dem 36. Jahre nicht mehr wohl,
DenUches Archiv f. klin. Medizin. 86. Bd. 24
356 XXIII. MÜLLBR
er litt häufig an Asthma und an kurzen SchwindelanfälleU) seit
2 Jahren stellten sich zeitweise ^r äsende Kopfschmerzen^ ein, die
meist einseitig auftretend mehrere Stunden anhielten. Vom 7. — 9. Des.
1902 mußte Patient wegen Kopfschmerzen und kurzer Schwindelanialle
die Arbeit aussetzen. Am Abend des 10. Dezember 1902 sank Herr St.
nach der Abendmahlzeit, ohne das Bewußtsein zu verlieren oder Sehmensen
zu empfinden, zusammen. Für wenige Stunden war die Sprache gelahmt,
der gereichte Tee konnte geschluckt werden, wurde aber bald wieder
•rbrodien. Am dsrauffolgenden Morgen stettte sich fl&r kurse Zeit Doppel-
sehen ein. Durch die Unfähigkeit zu gehen oder zu stehen war Patient
ans Bett gefesselt.
In der Nacht vom 16. «um 17. Dezember erwachte der Kranke
mit kalten Extremitäten und sohweißbedecktem Gesicht and klagte laot
stöhnend über „fürchterliche^ Kopfschmerzen. Seit dieser Zeit
konnte Patient nicht mehr schlucken. Trotz immer wieder-
holten Versuches und großer Anstrengung »geht kein Tropfen Flüssig-
keit hinunter". Seit dieser zweiten Attacke stellte sich auch Heiserkeit
ein und Patient fühlte fast beständig das Bedürfnis sich zu räuspern.
Da der Kranke infolge der Unfähigkeit zu schlucken in seiner If ohnong
nicht ernährt werden konnte, wurde er am 20. Dezember 1902 in die
med. Klinik zu Erlangen verbracht.
Luetische Infektion wurde negiert, Patient war seit vielen Jahren
starker Raucher (8 — 10 Zigarren täglich) und genoß früher 4 — 5 1, in
den letzten Jahren 2 — 2^1^ 1 Bier pro die. In der Familie des Patienten
sollen zahlreiche, früh zum Tode führende Fälle von Arterienerkrankoog
vorgekommen sein.
Bei der ersten klinischen Untersuchung am 21. Des. 1903
ergibt sich, daß das psychische Verhalten, das Gedächtnis und das Sprach-
vermögen völlig normal ist. Die Gesichtsmuskulatur wird beiderseits
gleich gut bewegt, auch in der Bewegnngsföhigkeit des Kopfes besteht
keine Störung. Die rechte Pupille ist etwas enger als die linke,
beide verengen sich auf Lichteinfall gut. Die Bewegungen der Augen sind
nach allen Richtungen hin frei. Zurzeit bestehen keine Doppelbilder.
Das Sehvermögen ist weder für die Feme noch für die Nähe herabgesetzt.
Die Konjunktiva des rechten Auges ist stark gerötet, auf
der Hornhaut dieses Auges ist Schleim aufgelagert, den Patient, da er
durch ihn im Sehen behindert ist, rücksichtslos mit dem Fin^r oder
dem Handrücken wegzuwischen versucht ohne dabei blinzeln zu müssen
(Anästhesie des rechten Auges!) Das Beklopfen des Hinter-
kopfes soll vor einigen Tagen sehr schmerzhaft gewesen sein, jetst ver-
ursacht es keine wesentlichen Beschwerden. Das Hörvermögen ist
auf beiden Ohren gleich gut. Die Zunge, dick schmierig belegt, wird
gerade vorgestreckt, die Artikulation ist nicht gestört. Der Geschmack-
sinn soll gegen früher etwas abgestumpft sein, Patient erkennt Ofaiain
und Kochsalzlösung sofort, Zucker und Pfefferminz erst nach einigen
Zögern (Belag der Zunge!). Das Gaumensegel wird bei der PhoBation
gut gehoben, verzieht sich aber etwas nach der linken Seite.
Die Untersuchung des Kehlkopfes wird dadurch erschwert, daß
sich die Epiglottis bei der Phonation nicht aufrichtet; bei der Brseogung
über eine typische Srkrankruig des yerlängerten Markes. S57
¥on hohen Tönen ist sher doch zu erkennen, dafi das r«cbt« Stimm-
band hewegnngslos in Hittelstellung steht und da£ das linke goi
s/i- und abdnaiert wird. Die Stimme ist rauh und hat einen leicht na-
salen Beiklang. Würgreflex ist nicht auasnlösen, Patient räuspert
mti Yiel| auch das Bäospera klingt rauh wie bei unvollständigem Schluß
der Stimmbänder.
£s besteht vollständiges Unvermögen zu schlucken.
Der Kranke versucht w^en des quälenden Durstes immer und immer
wieder Flüssigkeit zu sich zu nehmen, „verschluckt*' sich aber dabei, d. h.
es kommt Flüssigkeit in den Kehlkopf und in die Trachea, was heftigen
floBtenreiz auslöBt. Solche Versuche haben für den Patienten und dessen
ÜSQgebung etwas ungemein Beängstigendes.
Bei der erstmaligen UntersuchuDg kann an den Lungen nichts
Krankes nachgewiesen werden. Die Herzdämpfung erwies sich bis zur
linkeoi Papillarlinie verbreitert. Die Herztöne sind rein, die Herzaktion
ist nioht ganz regelmäßigi etwas beschleunigt (96). Die Jäadialarterien
sind hart, ebenso die Temporalarterien. Der Leib ist weich; Magen,
Darm und Blase funktionieren normal.
In den Extremitäten besteht keine Lähmung, alle Bewegungen
können kraftvoll ausgeführt werden, rechts allerdings nur mit der
allerstärksten Ataxie, so daß Patient, wenn er die Nase berühren
soll, zuerst an dem neben dem Bette stehenden Tischchen sich stößt,
dann ins Kopfhaar kommt und sich von dort zur Nase herunter tastet.
Die Ataxie besteht hauptsächlich bei den Bewegungen in den größeren
Gelenken (Ellenbogen und Schultergelenk) ; die Koordination bei den Be-
wegungen der Hand und der Finger ist nicht so stark gestört. Patient
ist, allerdings nur mit Mühe, imstande zu schreiben.
Besonders stark ist die Ataxie im rechten Bein, die Bewegungen
werden dort zwar mit guter Kraft, aber ungemein ausfahrend gemacht.
Infolge dieser Unsicherheit ist es dem Kranken unmöglich zu gehen oder
zu stehen; doppelseitig unterstützt hebt er das rechte Bein beim Gehen
Yiel zu hoch und läßt es stampfend fallen. Die Ataxie rechts ist so
stark, daß der Kniehackenversuch erst nach längeren Bemühungen ge-
lingt. In der Motilität des linken Armes und des linken Beines sind
keine wesentlichen Störuogen nachzuweisen.
Die Sehnenreflexe sind an der rechten oberen Extremität
nicht zu erhalten, links dagegen sind sie leicht auszulösen. Die Patellar-
und Achillessehnenreflexe sind bei der ersten IJntersuchuDg rechts schwächer
ab lioks, aber doch noch ganz deutlich. Streichen der Fußsohlen ruft
Plantarflezion der Zehen hervor, Kremaeterreflex ist beiderseits gleich-
mäßig deutlich zu erzielen.
Die TJntersuobung der Sensibilität ergibt folgenden, auf neben-
steheod» Figur verzeichneten Befund : Die Störung der Empfindung iat
in gekrwiter Weise angeordnet und zwar so, daß die rechte Ge«-
sicfatshällte und die linke Hnmpfhälffce und die linken Extremitäten
ergriffen sind. Der Oefühlsausfall erstreckt sich aber lediglich auf die
Empfindung v(hi Warm und Kalt und auf die des Schmerzes. Die
Berührungaempfindung blieb auf beiden Seiten gleichmäßig intakt, ebenso
itt der stereognostische Sinn und, was bei der hochgradigen rechtseitige^
24»
XXin. Vthhm
Ataxie besonderB BafEXlIig encheint, der UnakelBinn und der Lage-
ainn beideraeiU dnrchaae normal.
Die Behmndlnng besohränkte rieh auf möglichst gute Pflege und
auf EroShrung mit der Sonde.
In den der Aufnahme folgenden Taf^n litt der Kranke noch »ehr
unter dem qnXleaden Unvermögen za schlacken nnd anter hloGgem Hatten-
reiz, femer klagte er fiber beBt&ndigea Prickeln in der linken Hsod, er
hätte dort das OefShl als ob er elek-
trisiert würde. Der Harn enthielt deut-
lich EiwelB, aber niemals Zacker. Seit
der ersten Untersuchung waren die
Sehnen reflexe am rechten Bein ni«
mehr auszalösen, links erwiesen aic
sich aber immer als lebhaft. Die
Ataxie im rechten Bein ond bei den
Bewegungen in der rechten Schnlter
nnd im rechten Ellenbogengelenk blidi
unverSndert hochgradig, die Bewe-
gungen in der rechten Hand «anin
im Gegensatz dazu Terh<nismäBig
gnt koordiniert.
Über dem rechten UnterUppen ent-
wickelten sieh bei steigender Tempe-
ratur die Zeichen einer Entzündung,
i welche den am 26. Dezember 190S
erfolgten Exitus bedingte.
Ana dem Befunde bei der Leichen-
Öffnung sei folgendes erwKhnt: Die
Uusknlatur der linken Herzkammer er-
wies sich als hypertrophisch, sie Sttgte
starke Schwielenbildung, die KoroDu-
art«rien waren stark sklerosiert. Aach
die Aorta und die peripherischen Ar-
terien boten reich 11 ehe atheromatöte
und verkalkte Stellen. Die Hilz ond
die Nieren waren vou zahlreichen In-
farkten durchsetzt. In den Lungen
fanden sich die Zeichen einer starken
• eiterigen BroDcbJtis und mehrfache
bronchapneumonische Herde, der rechte Unterlappen war durch solche
fast ganz infiltriert.
I ' Das Gehirn bot an seiner Konvexität nichts Krankes, an der Ba«9
waren die Arterien hochgradig verändert. Die Lumina der Carotii
interna klafl^n beiderseits weit, die Arterien des Circulus »rteriocni,
insbesondere aber die Arteria basilaris und die beiden Arteriae verte-
bralee wiesen zahlreiche atheromstös entartete Stellen auf, die weißgelb-
lieb durchscheinend, nach ihrer Härte zu beurteilen schon stark mii
Kalksalzen durchsetzt waren , besonders stark waren solche Kalk-
plättchen an den Abgangsstellen der kleineren Arterien snagebUdet
über eine typische Erkrankung des verlängerten Markes. 359
Die rechte Arteria vertebralis war in ihrem oberen,
d. h. frontal zu gelegenen Teil durch geronnene Massen
prall ausgefällt, die Thrombose erstreckte sich bis an die Einmün-
dnngsstelle in die Arteria basilaris.
An der Medulla oblongata selbst konnte makroskopisch nichts Krank-
haftes nachgewiesen werden, ebensowenig an den Häuten des Gehirns.
Oehim und Rückenmark wurden in 10% EormoUösung gebracht
and nach wenigen Tagen wurden Scheiben davon in MüUer'sche Lösung
eingelegt. Die nach der Marchi'schen Methode behandelten Präparate
sind leider miBlungen, dagegen gaben die nach Weigert gefärbten
Schnitte gute Bilder. Das Studium dieser konnte folgende Yerände«
rangen feststellen:
Auf den Schnitten durch das Brustmark und das Halsmark
ist kein Zeichen von Erkrankung zu konstatieren, auch Präparate aus
den obersten Halssegmenten weisen keine Degenerationen auf. Nur
die Intima der hier mit getroffenen Yertebralarterien zeigt auf den nach
der Marchi'schen Methode behandelten Präparaten schwarze, also verfettete
Schollen. Von der Mitte der Pyramidenkreuzung ab frontal-
wärts erweist sich die rechte Arterie vertebralis thrombosiert.
In den Thrombus wachsen von der Intima her schon fibröse Sprossen ; die
Grenze zwischen dem Gerinnsel und der Innenschicht der Arterie ist
nicht mehr scharf zu erkennen. In der Adventitia sind die Vasa vasornm
strotzend gefüllt. Die linke Vertebralarterie zeigt abgesehen von Wuche-
nmgen und Verfettung der Intima nichts Klrankes.
Mit dem Auftreten der Thrombose in der rechten Yertebralarterio
ist auch im verlängerten Mark ein Degenerationsherd festzustellen. Auf
Fig. l der Tafel Y, welche nach einem Schnitte aus der Decussatio pyra-
midum gezeichnet ist ^), läßt sich erkennen, daß der Herd zwischen dem
rechten Yorderhorn und der hier schon etwas angeschwollenen Substantia
gelatinosa gelegen ist ; seine Begrenzung nach innen ist eine ganz scharfe,
nach außen liegt er der Peripherie des Markes an. In seinem Bereich
sind alle Markscheiden zugrunde gegangen, nur blasse Schollen sind noch
mit starker Yergrößerung zu erkennen. Die Gliabälkchen sind verdickt,
zwischen ihnen zeigen sich vielfache größere, rundliche Lücken. Nirgends,
auch an der Peripherie des Herdes nicht, läßt sich Bundzelleninfiltration
nachweisen. Yon der ischämischen Nekrose sind die Yorderseitenstränge
(Tractus spinotectalis et thalamicus, Tract. rubrospinalis) die Kleinhirn-
Beitenstränge (Tractus spinocerebellaris) , die spinale Trigeminuswurzel
und Substantia reticnlai'is lateralis betroffen worden. Die Pyramiden-
bahnen und die Hinterstränge mit ihren Kernen sind intakt geblieben.
Auch auf Schnitten kurz oberhalb der Pyramidenkreu-
znng ist der nekrotische Herd linear scharf begrenzt, wie wir es ähn-
lich nur bei den Plaques der multiplen Sklerose zu sehen gewohnt sind,
er reicht nach vorne bis zu der hier eben auftretenden Nebenolive,
medianwärts bis in die Zone der Fibrae arcuatae internae, nach hinten
bis in die Mitte der Substantia gelatinosa. Sein Gliagerüst ist hier nicht
mehr so gut erhalten wie noch weiter unten, seine Blutgefäße sind
1) Auf beiden Figuren wurde irrtümlicher Weise der Schnitt als von unten
gesehen gezeichnet.
360 xxni. MüLLSR
strotsend gefüllt, die Blutkörperchen differenneren sich nicht mehr deut-
lich (Thromhosierung).
Wie aus J^lg. 2 der Tafel V entnommen werden kann, ist in der
Mitte der Medalla oblongata, dort wo eich der für sie cfaarak-
terietiache Querschnitt aasgebildet hat, die erweichte Zone etwas nach
hinten gerückt, sie reicht hier nicht mehr ganz an die Peripherie^ m
daß hier noch yereinEclte Fibrae arcnatae extemae erhalten blieben. Die
vordere Begrenzung des Herdes wird durch die Olive, die innere dorfth
die mediale Schleife gebildet. Das Gebiet der Kerne des 12., 10., 9.
und 8. Gehirnnerven ist intakt geblieben, von den hier sich bildenden
Corpora restiformia ist der vordere Teil noch von der Erweichung er-
griffen worden.
Die ischämische Nekrose, die hier etwa den Umfang des Quer-
durchschnittes eines Kirschkernes hat und auch hier Imear scharf be-
grenzt ist, hat hier also zur Zerstörung der rechtsseitigen Substantia ge-
latinosa und der Substantia reticularis, ferner zum ünt^gang der spinalsa
TrigeminuBwurzel des Nucleus ambiguus vagi, der Fibrae prae-, intra- uo^
retrotrigeminales, der Fibrae cerebello-olivares und endlich dea Tractas
Bpino - cerebellaris, rubro-spinalis, spino-tectalis und spino-thalamicus ge-
führt.
Auf den Schnitten aus dem obersten Teil der MeduUa oblongsts
hat der Erweichungsherd schon an Ausdehnung verloren, er reicht nach
hinten eben noch bis an das rechtsseitige Corpus restiforme, zerstört aber
noch völlig das schmale Gebiet zwischen diesem und der Olive, so ds6
die Seitenstrangsysteme, die absteigenden Quintusfasern, die olivo-cere-
bellaren Bahnen und der Nucleus ambiguus mitergriffen sind.
Der P o n s erweist sich sowohl in seiner kaudalen wie in seiner fron-
talen Hälfte intakt, weder makroskopisch noch mikroskopisch läßt sieb
in den Präparaten eine Erweichung oder ein Faserzerfall konstatieren,
selbst von sekundärer Degeneration kann nichts festgestellt werden. Die
rubro-spinalen, die spinotectalen und thalamischen Fasern, die Quintos-
wurzeln sind rechts ebensogut wie links entwickelt. Auch in den fron-
talsten Partien der Brücke, dort wo die Vierhügel auftreten, ist keine
krankhafte Veränderung zu finden, ebenso erweisen sich Schnitte am
beiden Himschenkeln bei genauester Durchmusterung als normal. Das
Lumen der hier mitgetroffenen Arteria basilaris ist frei von Thrombose,
die Intima dieses Gefäßes zeigt aber starke Veränderungen (Wucherung
und Verfettung), wie sie für Endarteriitis charakteristisch sind.
Fassen wir den klinischen und den pathologisch-anatomischen
Befund kurz zusammen, so ergibt sich folgendes Bild : Ein 46 jäh-
riger Mann, welcher früher verhältnismäßig viel getrunken, bis in
die letzte Zeit sehr stark geraucht hatte und stets angestrengt
geistig arbeiten mußte, litt seit 10 Jahren an heftigen, anfallsweise
auftretenden Kopfschmerzen und an kurzen Schwindelzuständen.
Sowohl der Vater des Kranken als zwei seiner Onkel sind an Ar-
teriosklerose frühzeitig zugrunde gegangen. Nach mehrtägigeB,
heftigen Kopfschmerzen sank der Kranke eines Abends, ohne das
über eine typische Erkruikiiiig des verlängerten Markes. 361
BewoAtsdn za verliereD, znsammeB und war von nun ab unfähig
ZB gekot Wenige Tage darauf stellte sich unter neuerlichen
Kopfschmerzen Schlucklähmnng und starke Heiserkeit ^n. Die
Untersuchung konnte eine hochgradige Ataxie des rechten Armes
Hmd des rechten Beines^ eine gekreuzte Sensibilitätsstörung,
welche den Temperatur- und Schmerzsinn in der rechten Gesichts-
kälfte und der linken Körperhälfte betraf, und eine rechtsseitige
Stimmbandlähmung feststellen. Das psychische Verhalten und das
Sensorinm war normal geblieben. Der Kranke ging an Schluck*
Pneumonie zugrunde.
Bei der Leichenöffnung fand sich eine für das Alter des Pa-
tienten ungewöhnlich hochgradige arteriosklerotische Veränderung
der Gehimgef&Be. Die rechte Vertebralarterie war von der Höhe des
1. Cervikalsegmentes bis zu ihrer Einmündung in die Arteria basi-
laris thrombosiert. Die Folge dieser Thrombosierung war ein Er-
weichungsherd, welcher sich durch die ganze Länge der Medulla
oblongata, von der Pyramidenkreuzung bis hinauf zum Beginn des
Pons, in deren rechten Hälfte zog.
Durch diese ischämische Nekrose waren in der Höhe der
Decussatio pyramidum die rechten Vorderseitenstrangbahnen
und die hier auftretende spinale Trigeminuswurzel zerstört worden
(s. Fig. 1 Tafel V).
Auf Querschnitten aus den mittleren Partien der Me-
dulla oblongata erstreckte sich der Herd in der rechten Hälfte
des Markes von der Olive bis tief in die Corpora restiformia, so
da£ hier die Substantia gelatinosa und die Sabstantia reticularis, dei*
Nttcleus ambiguus vagi, die spinalen Trigeminusfasem, die Seiten-
strangsysteme (Tractus rubrospinalis, spino-tectalis et thalamicus
und spino-cerebellaris) und schließlich die Fibrae c^rebello-olivares
zugrunde gegangen waren.
Schnitte aus dem obersten Teil des verlängerten Markes
weisen einen wesentlich weniger umfangreichen Herd auf, der aber
doch noch die hier allerdings schmale Zone zwischen der rechten
Olive und dem Corpus restiforme völlig einnimmt.
In der Brttcke und in den Hirnschenkeln, ebenso im
Hals- oder Brustmark, ist auf Markscheidenpräparaten keine
krankhafte Veränderung und auch keine sekundäre Degeneration
nachzuweisen.
Aber auch im verlängerten Marke selbst blieb dessen linke
Hälfte durchaus intakt und auch von der rechten waren die
Pyramidenbahnen, die Olive, die Schleife, der Fasciculus longitud.
362 XXIII. MÜLLKR
posterior, das prädorsale Bündel and das Kemgebiet des 12^ lU
9., 8. und 7. Gehimnerven unversehrt geblieben. Vom Vagnsgebiet
waren die als Nucleus ambiguus bezeichnete Kemgmppe und aas-
tretende Wurzelfasern zerstört worden.
Ist nun eine Übereinstimmung zwischen den klinischen Be-
obachtungen und dem autoptischen Befunde zu konstatieren?
Die zeitweise auftretenden heftigen Kopfschmerzen und
die kurzen Schwindelan fälle, ttber welche der Kranke schon
seit mehreren Jahren zu klagen hatte, sind zwanglos aus der
hochgradigen Atheromatose der Basalarterien des
Grehimes zu erklären. Wenn sich in diesem Falle so ungewöhnlich
frohzeitig Gehimarterienerkrankung eingestellt hat, so ist einmal
die schwere hereditäre Belastung (der Vater und zwei Onkel sind
in verhältnismäßig jungen Jahren der Arteriosklerose erlegen),
dann aber auch eine Schädigung durch Alkohol, Nikotin und über-
mäßige geistige Anstrengung verantwortlich zu machen.
Mehrtägige, heftige Schmerzen im Hinterkopf und Schwindel-
anfälle, die den Kranken zum Aussetzen der Arbeit zwangen, gingen
den Lähmungserscheinungen vorher; dies und der Umstand. daS
sich das Krankheitsbild erst im Verlaufe von einigen Tagen
entwickelte, sprach mit Sicherheit dafiii*, daß die Ursache des
ganzen Symptomenkomplexes in einer allmählich sich ausbildenden
Thrombose zu suchen war. Bei einer Embolie würden sich die
Störungen ganz plötzlich entwickelt haben. Zu einer Embolie
waren auch die Vorbedingungen nicht gegeben, die Herzwände der
linken Kammer und Vorkammer zeigten nirgends Auflagerungen.
Dagegen boten die endarteriitischen Wucherungen der Gehirn-
arterien, in denen vielfach schon nekrobiotische Rückbildungen d. h.
Zerfall nachzuweisen waren, eine genügende Grundlage für die Thi'om-
bosierung. Diese bedingte dann die Ischämie und auf die Stockung
des Blutzuflusses war die Myelomalacie zurückzuführen.
Vom ersten Anfang der nervösen Erkrankung bis zum Tode
waren nur 14 Tage verstrichen. Diese Zeit des Blutabschlusses
hatte aber vollständig dazu genügt, das den Ästen der Arteria
vertebralis dextra zugehörige Gebiet der Medulla oblongata, soweit
es nicht durch Kollateralen von der linken Seite her versorg
werden konnte, nekrotisieren zu lassen. Die Markscheiden sowohl
wie die Achsenzylinder und auch die Gliafasern und die Gliakeme
waren zu einer strukturlosen Substanz umgewandelt, welche auch
bei der Behandlung mit Farbstoffen keine Differenzierung zeigte.
Wir werden uns wohl vorstellen müssen, daß ein autolytischer
über eine typische Erkrankung des verlängerten Markes. 363
•
Prozeß diese Veränderungen bedingte. Wäre dieser Prozeß nicht
durch den Tod und die Konservierung unterbrochen worden, so
würde es nach der Eoagnlationsnekrose wohl zur Erweichung und
zur Fortschaffung der chemisch-abgebauten Trttmmer durch Eömchen-
zellen gekommen sein. Recht merkwürdig ist die linear scharfe
Begrenzung des Herdes, dieser ist „wie mit Locheisen ausge-
schnitten'^. Eine Erklärung dafür, warum der Übergang vom ge-
sunden Gewebe zum völlig nekrotisierten ein so unvermittelter ist
und warum es nicht zu einer Übergangszone oder zur Bildung einer
entzündlichen Bandzone gekommen war, kann ich nicht geben.
Die scharfe Umgrenzung der Nekrose scheint aber gesetzmäßig zu
sein, in den unserer Beobachtung analogen Fällen der Literatur
ist das gleiche Verhalten der Herde beschrieben.
Die Störung dej Sensibilität in der rechten Gesichts-
hälfte kann zwanglos dadurch erklärt werden, daß die rechte ab-
steigende Trigeminuswurzel von dem Herde mit einbegriffen wurde.
Da im Bereich des 1. und 2. rechten Trigeminusastes die Em-
pfindung für Kälte vollständig erloschen war, die für Wärme
und Schmerz dagegen nur abgestumpft, und schließlich der Be-
rührungssinn völlig intakt geblieben war, muß angenommen
werden, daß in den Fasern des fünften Gehimnerven, welche, be-
vor sie sich kreuzen, aus der Brücke in die Medulla oblongata und
den obersten Teil des Kückenmarkes ziehen (Radix nervi quinti),
vorzüglich die Kälteempfindung geleitet wird und daß der Berüh-
rungsempfindung andere Bahnen zur Verfügung stehen. Die ab-
steigende Trigeminuswurzel würde also dann den durch das Hinter-
horn ziehenden Fasern der hinteren Wurzeln des Rückenmarkes
entsprechen; die absteigende Trigeminuswurzel trägt aber somit
meines Erachtens, da sie nur einer Empfindungsqualität dient
und intramedullär verläuft, ihren Namen als „Wurzel" zu Unrecht.
Die Störung der Schmerz- und Temperaturempfin-
dung in der ganzen linken Rumpfhälfte und in den
linksseitigen Extremitäten ist auf die Zerstörung der
rechtsseitigen Vorderseitenstrangbahnen (Tractus spino-tectalis et
thalamicus) zurückzuführen. Bekanntlich kreuzen sich die Fasern
flir Schmerz- und Temperaturempfindung unmittelbar nach ihrem
Eintritt ins Rückenmark durch die hinteren Wurzeln und steigen
in dem Anterolateraltrakt der gegenüberliegenden Seite nach dem
Gehirn zu auf. Durch die rechtsseitige Erweichung im verlängerten
Marke wurden also in dem vorliegenden Falle die sensiblen Bahnen
für das Gesicht vor ihrer Kreuzung, die für den übrigen Körper
364 XXIII. MÜLLBR
nach ihrer Kreazung getroffen und dadarch resaltierte das Bild
der Hemianaesthesia altemana.
Ebenso wie in allen ähnlichen Fällen der Literatur bezog «eh
die gekreuzte Sensibilitätsstörnng nur auf die Empfindung von
Schmerz- und Temperatureindrucken, der Berührungssinn war
weder im Gesicht noch am Rumpf gestört, es kann uns das nicht
wundernehmen , da die Bahnen fQr Berührungseindrücke, wie jetzt
doch allgemein angenommen wird, doppelseitig geleitet werden.
Der Kranke klagte sehr über prickelnde Schmerzen in der
rechten Gesichtshälfte und im linken Arm. Solche Parästhesien
im analgischen Gebiete sind bei Affektionen der Medalla
oblongata häufig beschrieben worden und müssen als durch den
Herd bedingte Eeizerscheinungen (zentraler Schmerz!) aufgefaßt
werden. ^)
Der Lage- und der Muskelsinn erwies sich beiderseits in-
takt; die Bahnen, welche diese Empfindungsqualität leiten, d. k
die Hinterstränge, die Hinterstrangskerne, die Fibrae arcuatae in-
temae und schliefilich die Schleifenbahnen erwiesen sich auch als
unversehrt.
Die hochgradige Ataxie des rechten Armes und des
rechten Beines ist also nicht auf eine Störung der Hinter-
strangsbahnen zurückzuführen, sie muß mit dem Übergreifen des
Herdes auf das rechtsseitige Corpus restiforme und durch die Unter-
brechung des Tractus spinocerebellaris (Kleinhirnseitenstrang) er-
klärt werden. Dann wird es auch verständlich, daß die Ataxie
im rechten Arm sich auf die Bewegungen in den großen Gelenken
(Schulter- und Ellenbogengelenk) beschränkte, während die Be-
wegungen in der rechten Hand und in den Fingern noch wohl
koordiniert ausgeführt wurden.
Auch das Fehlen der Sehnenreflexe an den rechten
Extremitäten ist durch die Läsion des rechten Corpus resti-
forme und den dadurch bedingten Ausfall des tonisierenden Ein-
flusses des Kleinhirnes zu erklären.
1) L. Mann erörterte in einem Anfsatz: „Kasuistischer Beitrag zur Lebrt
vom zentral entstehenden Schmerz, ein Fall von Encephalomalada medvllae ob-
longatae** (Berl. klin. Wochenschr. 1892 p. 244} die hier in Betracht kommeides
Verhältnisse. Der dort heschriehene Kranke, bei welchem die Erweichung der
Medalla oblongata darch eine Thrombose eines Astes der Arteria Tertebralis, der
Arteria cerebelli posterior inferior bedingt war, bot denselben Symptomenkomptex
wie unser Patient : im hypalgischen Gebiet bestanden beständig heftige Schmereea
Ton außerordentlich quälendem Charakter.
über eine typische Erkraokanf^ des verlängerten Markes. 365
Das quälendste Symptom des ganzen Krankbeitsbildes war die
YÜÜige Schlncklähmang. Der Kranke war nicht imstande,
aach nur einen Tropfen Flüssigkeit zn schlucken, infolgedessen war
der Mund immer mit Speichel und Schleim gefüllt Die mikro-
skopische Untersuchung der Schnitte aus der MeduUa oblongata
ergaben, daß die rechtsseitige Kemgruppe für die Schlundschnürer
(Nncleus ambiguus, motorischer Teil des Vagus) in das Gebiet des
Erweichungsherdes fiel, der linke Nucleus ambiguus erwies sich
aber, wie die ganze linke Hälfte des verlängerten Markes als in*
takt. Die Tatsache, daß einseitige Kemerkrankung die völlige
Unmöglichkeit des Schluckens bedingt, ist schon vielfach kon-
statiert worden und muß wohl durch eine teilweise Kreuzung der
Nervenfasern erklärt werden.
Auch der kaudale Teil des Nucleus ambiguus, also die
(hegend wo das Kemgebiet des Vagus ohne deutliche Grenze in
das des Accessorius tibergeht, war von der Erweichung ergriffen;
die rechtsseitige Stimmbandlähmung hat damit ihre ana-
tomische Begründung, denn es scheint kein Zweifel mehr zu sein,
daß das untere Gebiet des Nucleus ambiguus das Zentrum fdr die
motorische Innervation der gleichseitigen Kehlkopfmuskulatur ist.
Auch die rechtsseitige Gaumensegelparese ist auf den
Ausfall dieses Kerngebietes zurückzuführen.
Daß aber nicht nur der motorische, sondern auch der sensible
Teil des Vagus durch den Herd im verlängerten Mark ergriffen
wurde, beweist die rechtsseitige Anästhesie der Rachen-
höhle und des Kehlkopfes; diese war die mittelbare Ursache
des häufigen „Verschluckens", der Schluckpneumonien und damit
des Todes des Kranken.
Die normale Beweglichkeit der Zunge, das Erhaltenbleiben der
Geschmacksempfindung und des Gehörvermögens, die intakte Inner-
vation der Gesichtsmuskulatur ließ vermuten, daß die Kerngebiete
dieser Funktionen intakt geblieben sind, was sich auch durch die
mikroskopische Untersuchung vollauf bestätigen ließ.
Sehen wir uns in der verhältnismäßig spärlichen Literatur
der Medulla oblongata-Erkrankungen um, so finden wir
eme Anzahl nicht nur ähnlicher, sondern bis auf das Detail
durchaus analoger Fälle beschrieben. Von Bernhard*),
1) Klin. Beitrag zur Lehre der Hemianaesthes^ia alternans. Deutsche med.
Wochenschr. 1898.
366 XXni. MÜLLKB
Breuer-Marburg^), Eisenlohr*), Leyden*), v. Oordt*),
Rossolimo*), Senator*), Wallenberg') v. Rad®) u.a. mehr sind
klinische Beobachtungen veröfientlicht, die sich nahezu alle yollstandig:
mit der unserigen decken ; dort wo Abbildungen der bulbären fierd-
erkrankung gebracht werden, konnten wir erstaunt konstatieren,
daß diese durchaus mit unseren Präparaten übereinstimmen. Die
Begrenzung des Herdes ist aber nicht nur auf dem Querschnitt^
also der Breite nach, dieselbe, sondern auch nach oben und unten
in fast allen Fällen der Literatur genau die nämliche.
Es bandelt sich eben augenscheinlich um ein Gefäßgebiet das
nicht durch Kollateralen versorgt werden kann. Wallenberg
glaubt, daß dies Gebiet dem der Arteria cerebellaris posterior in-
ferior eines Astes der Arteria vertebralis entspricht und tatsächlich
hatte er die Genugtuung, daß sich in einem Falle, bei welchem er
intra vitam die Verstopfung dieses Gefäßes diagnostizierte, bei der
Autopsie ein Thrombus in diesem Gefäße feststellen ließ und die
Aileria vertebralis sich zwar arteriosklerotisch verändert und etwas
verengt, aber doch noch als durchgängig erwies. Andere Autoren
aber fanden, ebenso wie wir, eine Vertebralarterie vom Beginn der
Medulla oblongata bis an ihre Einmündung in die Arteria basilahs
völlig thrombosiert und die ischämische Erweichung war dann auch
nicht wesentlich umfangreicher als dort. Wir können, so glaube
ich, daraus schließen, daß bei der Verlegung einer Vertebral-
arterie nur das der Cerebellaris posterior inferior zugehörige Gebiet
als nicht von Kollateralen zu vei-sorgen, zugrunde geht. Während
1) Zar Klinik nnd Pathol. d. apoplektiformen Bulbärparalyse. Arbeit a. <i.
Obersteiner'schen Institute IX. Heft.
2) Über akute Bulbär- und Ponsaflfektionen. Archiv f. Psychiatrie IX. Band.
3) Zwei Fälle von akuter Bulbärparalyse. Archiv f. Psychiatrie VI. Band.
4) Beitrag zur Lehre von der apoplektiformen Bulbärparalyse mit bes. Be-
rücks. der Schlinglähmung und der Hemianästhesie. D. Zeitschr. f. Nervenheilk.
VIII. Bd.
5) Thermanästhesie und Analgesie als Symptom von Herderkrank, d. Him-
stammes. D. Zeitschr. für Nervenheilk. 23. Bd.
6) Apoplekt. Bulbärparalyse mit wechselständ. Empfindungslähmung. Arch.
f. Psych. 11. Bd.
7) Klinische Beiträge zur Diagnostik akuter Herderkrankungen des rer-
längerten Markes und der Brücke. Archiv f. Psychiatr. 27. Bd. nnd anatom. Be-
fund in einem als „akute Bulbäraffektiou" beschriebenen Falle. Arch. f. Psychiatr.
34. Bd.
8) Thrombose der Art. vertebralis an der Abgangsstelle der Arteria cerebelli
inferior posterior. Sitzungsbericht des ärztlichen Vereins in Nürnberg. Münchn.
med. Wochenschr. Nr. 48 1905.
über eine typische Erkrankung des verlängerten Markes. 367
also die Pyramiden, die Oliven, die Schleife und der Boden der
Rantengrube mit seinen Kernen bei der Verstopfung einer Vertebral-
arterie niemals leiden, verfallt das seitliche Gebiet zwischen der
Olive den Fibrae arcuatae internae und dem Corpus restiforme
der Nekrose. Die mittleren nnd dorsalen Partien des verlängerten
Markes werden also augenscheinlich nicht von Endarterien ver-
sorgt, sondern sind gut mit Kollateralbahnen versehen. Eine Er-
weichung hier wäre wohl auch mit der Fortdauer des Lebens nicht
mehr vereinbar. Daß die oben geschilderten Störungen nicht jedes^
mal zum Tode führen müssen, dafür sind mehrere Beispiele aus
der Literatur beizubringen; so starb der von Wallenberg be-
schriebene Kranke erst viele Jahre nach dem Eintritt der akuten
Bulbäraffektion, die Beobachtung v. B a d 's ^) beweist, daß Fälle
von Hemianaesthesia alternans sich wieder zurückbilden können;
ich selbst konnte erst noch vor kurzem einen Kranken unter-
suchen, bei welchem sich eine völlige Schlucklähmung und eine
gekreuzte Empfindungslähmung nach mehreren Tagen wieder behob,
als Ursache dieser Störungen mußte ich hier, wo eine schwere
hämorrhagische Diathese mit Blutungen in die Magen- und Darm-
schleimhaut in die Haut und in die inneren Organe stattfand, auch
eine Hämorrhagie in den lateralen Partien der MeduUa oblongata
annehmen, die aber augenscheinlich wieder resorbiert wurde.
In fast allen Fällen der Literatur ist ebenso wie auch bei
unserer Beobachtung eine Thrombose als Ursache der ischämi-
schen Erweichung anzusehen; diese konnte dann jedesmal auf eine
atheromatöse Entartung der Intima zurückgeführt werden.
Und zwar habe ich den Eindruck gewonnen, daß insbesondere die
frühzeitig sich einstellende Atheromatöse zu solch deletärer Gerinnsel-
bildung in der Vertebralarterie führt. Die davon ergriffenen Kranken
standen meist im mittleren Lebensalter.
Daß die erabolische Verstopfung so selten in Betracht
kommt, mag seinen Grund darin haben, daß die Vertebralarterien
sich nicht wesentlich verengem und in die weite Arteria basilaris
einmünden.
Das Krankheitsbild unseres Kranken ist grundverschieden von
dem, welches kurzweg als Bulbärparalyse bezeichnet wird.
Bei diesem Symptomenkomplex, der Paralysis glosso-labialis, führt
eine langsam fortschreitende Entartung gerade zum Untergang
1) Klinischer Beitrag zur Lehre von der HemianaeBthesia alternans. Münch.
med. Wochenschr. 1903.
368 XXIU. MÜLLBB
derjenigen Zellgruppen des verlängerten Markes, die sich in den
vorliegenden Fall als intakt erwiesen. Infolge des Schwundes der
motorischen Nervenkeme am Boden des 4. Ventrikels wird die
Muskulatur der Zunge und der Lippen atrophisch, ihre BewegUcb-
keit ist behindert, es resultieren also artikulatorische SprachstöruDgeD
(Alalie und Anarthrie). In dem vorliegenden Falle war durck die
einseitige Stimmbandlähmung und die leichte rechtsseitige GaumeB-
segelparese wohl die Stimmbildung etwas gestört (heiser und tob
nasalem Beiklang), die Artikulation der Sprache war nicht m
geringsten behindert.
Schon die Entwicklung der beiden KrankheitsbUder ist mt
ganz verschiedene. Die progressive Bulbärparaljse ist ein aQs-
gesprochen chronischer Prozefi, der von unmerklichen Anfangen,
wie der Name sagt, immer weiterschreitet. Die dieser BesprechuDf
zugrundeliegende bulbäre Erkrankung, die auf eine Störung der
Blutversorgung zurückzuführen ist, setzt naturgemäß verhältnis-
mäßig rasch ein.
Hin und wieder bedingt wohl auch eine krankhafte Neu-
bildung im verlängerten Marke eine Zerstörung von neryöseu
Elementen, insbesondere sind es gliöse Wucherungen, welche von
der Stützsubstanz im Boden des 4. Ventrikels ausgehen und zu
Lähmungen der hier lokalisierten Kemgebiete fähren; die dadorcb
entstehenden Krankheitsbilder sind je nach dem Sitz und der Aus-
dehnung der Neubildung sehr verschieden, so daß ein bestimmter
Typus nicht aufgestellt werden kann.
Der oben geschilderte Symptomenkomplex unterscheidet sich
ganz wesentlich von dem, welcher entsteht, wenn die Herd-
erkrankung nur um weniges weiter frontalwärts, in der Brücke
ihren Sitz hat. Hier stellen sich dann meist konjugierte Augen-
muskellähmuDgeu ein, das Schlucken ist gewöhnlich unbehioderL
dagegen kommt es infolge von motorischer Trigeminusparese nicht
selten zur Kaumuskellähmung. Liegt bei Ponsherden Anästhesie
im Trigeminusgebiete vor, so erstreckt sich diese auch auf die
Schleimhaut des Mundes und der Nase; besteht noch dazu ein-
seitige Eumpf- und Extremitätenanästhesie, so ist sie homo-
lateral mit der Gefühlsstörung im Gesicht. Im ganzen sind die
Sensibilitätsstörungen bei Ponserkrankungen sßlten. Bei diesen
wiegen die motorischen Ausfallserscheinungen vor und zwar i£t
für sie die gekreuzte Hemiplegie charakteristisch. Durch
einen Herd in einer Brückenhälfte werden die Facialisfasem nach
ihrer Kreuzung, die Pyramidenbahnen aber oberhalb der Decussatio
Deutsches Archiv f. Minische Medicin. Bd. 86.
Fiputiii.ffrarU.
Hifpaglassuslurn
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Veriag vfmFCWiVogelinLeipjj
über eine typische Erkrankung des verlängerten Markes. 369
unterbrochen, so daß gleichseitige Eörperlähmung mit gekreuzter
Gesichtlähmung resultiert.
Wie nun aber die gekreuzte Hemiplegie f&r die Erkrankung
der Brücke charakteristisch ist, so ist es die Hemianalgesia
alternans für solche des verlängerten Markes. Die Mög-
lichkeit für diese ist dadurch gegeben, daß die sensiblen Fasern
des fünften Gehirnnervens, bevor sie sich auf der gekreuzten Seite
nach dem Gehirn zuwenden, homolateral eine Schleife nach unten
bilden. Nach dem Eintritt in die Bilicke ziehen also die Fasern
als „spinale Trigeminuswurzel^ kaudalwärts durch die MeduUa
oblongata bis in das oberste Halsmark und senden auf diesem
Wege Äste in die Substautia gelatinosa, von wo ein sekundäres
Neuron gekreuzt frontalwärts . nach dem Gehirn zu aufsteigt
(sekundäre Trigeminusbahn). Durdi einen Herd in den seitlichen
Partien des verlängerten Markes werden die absteigenden Trige-
minusfasem derselben Seite und die Bahnen, welche die Schmei*z-
und Temperaturempfindung der gegenüberliegenden Körper-
hälfteleiten, unterbrochen. Gekreuzte Hemianalgesie kann
also, und darauf scheint mir in den Lehrbüchern nicht genügend
hingewiesen zu werden, nur durch eine Läsion an eqg um-
schriebener Stelle in der Medulla oblongata bedingt
werden und weist somit, falls nur ein Herd besteht,
immer auf eine bulbäre Erkrankung hin.
Mit dieser Art von Sensibilitätsstörungen ist dann aber auch
fast jedesmal eine völlige Schlucklähmung, eine mit dem Herde
gleichseitige Stimmbandlähmung und eine homolaterale Ataxie ver-
bunden; denn durch die Erkrankung der seitlichen Partien der
MeduUa oblongata wird wohl immer die Kerngruppe des Nucleus
ambiguus und die Kleinhimseitenstrangbahn mitergriffen.
Die klinischen Störungen, die hier geschildert wurden, und die
ihnen zugrunde liegenden anatomischen Veränderungen entsprechen
also einem zwar verhältnismäßig seltenen, aber in der Literatur
bekannten, scharf umschriebenen Krankheitsbilde. Es gibt also
neben der Bulbärparalyse katexocben noch eine andere typische
bolbäre Erkrankung, bei der gerade diejenigen Partien des ver-
längerten Markes ergriffen werden, welche bei Paralysis glosso-
labialis freibleiben.
XXIV.
Aus der medizinischen Klinik der Universität Täbingen.
(Direktor: Professor Dr. E. Bomberg.)
Ober die Milchsftnrebüdnng bei Magenkrebs.
Ton
Dr. Konrad Sick,
AsfliBtenzarzt der Klinik.
(Mit 2 Kurven.)
Die Milchsäuregärung im Mageninhalt ist seit langem als
ein wichtiger, bei Auftreten hoher Säuregi*ade als ein ausschlag-
gebender Faktor in der Diagnose des Carcinoma ventricoli an-
erkannt worden. Auf die Beziehungen zwischen diesem Gärungs-
prozeß und dem Auftreten einer bestimmten Bakterienart hat vor
nunmehr 10 Jahren Boas^) die Aufmerksamkeit gelenkt ; es waren
die „langen Bazillen^ des Mageninhalts, die er häufig in über-
raschend großen Mengen antraf. Boas hat die Bedeutung dieser
Mikroorganismen für die Milchsäurebildung erkannt und ihr Vor-
herrechen als ein diagnostisch wertvolles Merkmal der Carcinom-
erkrankung des Magens bezeichnet. Allein die Erklärungen, die
bisher für diese Tatsache vorgebracht wurden, konnten nicht völlig
genügen. Weshalb tritt gerade beim Carcinom die Milchsäure-
Produktion der langen Bazillen in den Vordergrund, während sie
unter sonst ähnlichen Umständen, bei ähnlichen Störungen der
sekretorischen und motorischen Funktionen des Magens ausbleibt?
Im folgenden soll versucht werden, einer befriedigenden Beant-
wortung dieser Frage näher zu kommen. Die Anregung zu diesen
Untersuchungen sowie vielfache Förderung in ihrem weiteren Ver-
lauf verdanke ich Herrn Professor Eomberg.
Zuerst dürfte es notwendig sein, die Ergebnisse früherer Unter-
suchungen auf diesem Gebiete festzustellen,, nachdem eine be-
1) Zentralblatt f. inn. Medizin 1895 Nr. 3.
über die Hilchsäurebildung bei Hagenkrebs. 371
trächtliche Anzahl von Arbeiten sich mit den langen Milchsäure*
bazillen vorwiegend vom klinischen Standpunkt aus beschäftigt
nnd den von von Boas festgelegten Grundtatsachen neue Einzel-
heiten hinzugefügt hat. Auf Grund dieser Arbeiten kann man die
bisher bekannten Tatsachen ungefähr folgendermaßen zusammen-
fassen :
1. Die langen Bazillen vergären verschiedene Zuckerarten zu
Milchsäure. Sie sind gegenüber anderen Milchsäurebildnem des
Magens gegen hohe Milchsäuregrade resistent.
2. Sie finden sich in der Regel bei Magencarcinom und zwar
in den größten Mengen unter Zurücktreten jeder anderen Bak-
terienart.
3. Bei nicht carcinomatös erkranktem Magen ist das Vor-
kommen dieser Bakterien nur ganz vereinzelt zuzugeben.
4. Als Vorbedingungen für die Vegetation der langen Bazillen
und der Produktion von Milchsäure sind zu nennen:
a) Motorische Insufflcienz des Magens.
b) Anacidität oder Subacidität des Magensaftes.
c) Zerklüftung der Magenoberfläche durch Geschwüre bzw.
geschwürige Neubildungen.
d) Beimischung von Blut aus den UIcerationen zum Magen-
inhalt.
Die von N a u n y n ^) und Minkowski^) studierten abnormen G&-
nmgBVorgänge im Magen führten folgerichtig zur Untersuchung der Mikro-
organismen des Mageninhalts, welche die Gärung verursachen konnten.
So hat de Bary^) bei Magenkranken der KuBmaul'schen Klinik die
langen Milchsäurebazillen im Mageninhalt zum erstenmal gesehen, wenn
er sie auch nicht isolieren und genau identifizieren konnte. Er nannte
den Spaltpilz wegen. der stumpfwinkligen („knieförmigen") Aneinander-
lagemng der Einzelindiyiduen Bacillus geniculatus. Das Zusammentrefifen
der Vegetation der langen Bazillen, der Milchsäureproduktion und der
carcinomatösen Neubildung wurde erst von Boas^), wie schon erwähnt,
in seiner klinischen Bedeutung erkannt und von 0 p p 1 e r '^) und anderen
bestätigt. Daß die langen Bazillen sich in einzelnen Fällen auch im
nicht carcinomatösen Magen sogar hei Gegenwart von freier Salzsäure
ansiedeln können, zeigen kasuistische Mitteilungen von Kosenheim u.
1) Arch. f. klm. Medizin 1882 Bd. 31 S. 225.
2) Mitteilungen aus der med. Klinik Königsberg, cit. nach Sandberg.
3) De Bary, Arch. f. exp. Path. 1886 Bd. 20 S. 243.
4) 1. c.
5) D. med. Woch. 1895 Nr. 15.
Deutsches ArchW f. klin. Medizin. 86. Bd. 25
3T? XXIY. SipK
Biokter'^), 8tf%uB^, «terob^rg»); do«b e» 9w4 cKti» Bari»-
«ckliuigßa bisher apIUUck geWdeb/^o* Pi# Fra^ ob 1HUffbiftHffepro4qktiQB
i^i Magen unter allen Umständen ab patboloigisoher Prozejß afi;saspceche^
sei^ entschied Boas dahin, daß bei sicher milch9äu]:efreier Nahrung (Am-
BchluB von Milokbaokwerk) der Mageninhalt Milchsäure auch nieht m
S)uurea aufweisi^ Weitere Mitteilungen wiese» darauf hin, daß neben
dem Salzsäuremangel eine pathologische Beimischung zum MageoijiMA«
das Bluti die Vegetation der langen Bazillen entschieden beguoetige, in-
dem die kleinen Blutgerinnsel als Wachstumzentren der langen Bazillon
dienten (R. Schmidt^), fieiohelheim'^)) — sicher eine ricbtige Be-
obachtung. Endlieh mochte ioh von den neuerea Arbeiten »oeh aaf di»
Ton Q. Sa^dbergJ^) hinweisen, der neben nM>rphoIo^ieeh wicbtigeo
Befunden für das tJberwieg;en der langen Bazillen vor allen imdereu
Bakterien bei Magencarcinom als Erklärung ihre Säureresistenz gegen-
über allen organischen Säuren erbrachte.
Übereinstimmung herrscht in dem Punkte, daß bei klinisch
und anatomisch sicherem, fortgeschrittenem Magencarcinom sich
regelmäßig lange Bazillen in beträchtlichen Mengen und deutlich
Milchsäure nachweisen läßt. Um der Ursache dieser £h*scheinaDg
näher zu kommen, war es von Interesse, festzustellen, wann die
Mikrobenentwicklung, wann die Milchsäuregärung beginnt oder,
stellt man das klinische Interesse in erste Linie, so würde die
Fragestellung lauten : Kommen diese diagnostischen Faktoren scboB
ftir das beginnende Magencarcinom zur Geltung? Eine präzise
Antwort auf diese Frage gab die Literatur nicht.
Um darüber ein eigenes Urteil zu gewinnen, untersaolite ich
den ausgeheberten oder erbrochenen MageninhaJt aller carcinonh
verdächtigen Magenkranken der Klinik auf das Vorkommen von
langen Bazillen. Die Fälle von manifestem Magenkrebs (palpabler
Tumor, hohe Milchsäurewerte etc.) sind hier nicht mit aufgeführt,
nie wurden bei ihnen mehr oder minder große Mengen von langes
Bazillen vermißt. Bei den beginnenden Ma^encarcinomen und bei
verdächtigen Fällen machte sich gleich eine methodische Schwierig-
keit fühlbar: Der gewöhnlich ausgeführte mikroskopische Nachweiv^
konnte nicht genügen, sofern nur wenig Exemplare der langen
Bazillen in Frage kommen. Die Untei^scbeidung von den zahl-
reichen stäbchenförmigen Bakterien der Mundhöhle ähnlicher
1) Zeitschr. f. klin. Med. 1895 Bd. 28 S. 513.
2) Zeitschr. f. klin. Med. 1895 Bd. 28 S. 578.
3) Wien. klin. Woch. 1898 Nr. 31.
4) Wien. klin. Woch. 1901 Nr. 2.
5) Zeitschr. f. klin. Med. 1904 Bd. 53 S. 447.
6) Zeitschr. f. klin. Med. 1904 Bd. 51 S. 80.
tV
tber die Milchs&nrebUdniig bei Magenkrebs. 373
örtße geUni^ bei starkem Überwiegen der langen Bazillen natfir-
lich leicht, bei geringem Bakteriengehalt kann sie jedoeh zur Un-
möglichkeit werden. Es lag nahe, das Kultivierangsyerfabren zu
Hilfe ro nehmen.
Die Züchtung der langen Bazillen auf künailiohen Nfthr-
bodeo wurde snerst Tcm Schlesinger und Kaufmann^) ausgeführt,
die auf sauretn Agar und auf Bierwürze gutes Wachstum erzielten und
die eharakteristisdiett Waebstumaformen beschrieben. Kaufmann und
SobeBinger^) k«Mmten auch neuerdings durch Verarbeitung großer
Hengen flüssiger Näbraubstratay in denen die langen Bazillen längere Zeit
gewachsen waren, durch Bestimmung des Zinklaktats die Milcbsäure»
pvoduktion chemisch nachweisen. Sandberg") benutzte 1 % Trauben«
sackeragar mit oder ohne Milchsäurezusatz. Nach einer Anzahl Vor-
nchea mit Ölyzerinzusatzen und verschiedenen Säuregraden der Nährböden
kai sich mir eine NährbouilloB als das günstigste Kulturmedium erwies«!,
von der 1 1 den Extrakt aus 500 g Bindfleisch mit Zusatz von 1 ^^ %
PeptcMium sieeum Witte, ^/, ^/^ Kochsalz B "/^ Traubenzucker darstellte.
Die natürlicho Azidität des Muskelextrakts, welche auf die im toten
Muskel vorhandene Paramilchsäure (Fleisehmilchsäure, rechtsdrehend)
beruht, wurde dabei unverändert gelassen, so dafi sich zusammen mit
den sauren Salzen des Muskels ein Säuregehalt ergab, der in 10 cen»
der Bouillon 1,3 — 1,6 ccm ^j^ Normalschwefelsäure entsprach. In der
solchergestalt bereiteten Bouillon bzw. auf dem durch Agarznsatz her^
gestellten festen Nährboden entfalteten die langen Bazillen ein relativ
sehr üppiges Wachstum, so daß nach 10 — 12 Stunden bereits deutlich
die Kolonien mit bloßem Auge erkannt wurden. Die optimale Tempe-
ratur lag zwischen 40 und 41^0. Unter diesen Yegetationsbedingnngen
bildeten sich sehr große und reichverzweigte Kolonien, deren Gestalt
achon öfters eingehend besehrieben worden ist; ich verweise auf die
Abbildungen der mehrfach zitierten Arbeit Sandberg' s. Diese Zu«
sammensetzung des Nährhodens war auch insofern günstig, als er, wenig-
stens in Form des Traubenzuck eragars, fast elektiv für die langen
Bazillen zu nennen war. Denn nur die rote und weiße Hefe, Sarcine
and allenfalls einzelne langsam wachsende Schimmelsporen konnten sich
auf diesem stark saurem Nährboden halten, ohne jedoch durch zu rasches
Wachstum störend zu wirken.
Unter Ausschluß der sicheren Fälle von Magencarcinom konnte
ich mit dieser kulturellen Methode im Verlauf von ca. 7 Monaten
34 Fälle untersuchen. Bei fast allen war der mikroskopische Be-
fand bei der Untei-suchung des Mageninhalts zweifelhaft. Es fanden
sich nur wenige oder gar keine verdächtigen Stäbchen. Unter den
genannten Fällen waren 5, bei denen die klinische Diagnose durch
1) Wien. kün. Rundschau 1895 Nr. 15.
2) Zentr.-Blatt f. inu. Med. 1904 Nr. 4.
3) 1. c. S. 88.
25*
374 XXIV. SicK
chirargische oder anatomische Autopsie richtig gestellt werden
konnte. Bei ihnen fanden sich regelmäßig lange Bazillen in den
A garausstrichen, während, wenigstens bei den ersten Untersuchungen,
die Milchsäure im Mageninhalt chemisch nicht nachgewiesen wenden
konnte.
So zeigte das Kaitarverfahren bei einer jangen Frau von 25 Jahren,
die scheinbar ans voller Gesundheit heraas während einer Gravidität im
7. Monat unstillbares Erbrechen bekam, im Erbrochenen die Anwesen-
heit von langen Bazillen an, während sonst kein Verdacht einer bösartigen
Nenbildong des Magens bestand. Als nach Vollendung der künstlichen
Frühgeburt der Magen der Palpation zugänglich wurde, war man ge-
nötigt ein Carcinoma pylori zu diagnostizieren, eine Diagnose, die durch
die Sektion bestätigt wurde. In ähnlicher Weise schienen bei zwei
weiteren Patientinnen, einer Frau von 31 und einer von 44 Jahren die
kulturell nachweisbaren langen Bazillen die Diagnose Magencarcinom
gegenüber der anfanglichen Vermutung einer tuberkulösen Peritonitis be-
festigt zu haben, nachdem autoptisch die maligne Neubildung des Mageu
festgestellt worden war. Endlich wurde bei einem Mann von 62 Jahren
der kultureile Nachweis der langen Bazillen als diagnostisches Moment
im Sinne des Magen Carcinoma verwertet gegenüber der Möglichkeit einer
Dyspepsie bei Lebercirrhose. Einige Monate später erwies sich bei der
klinischen Untersuchung und dann auch bei der Autopsie diese Annahme
als berechtigt.
Bis auf zwei Fälle, in denen auch das Kulturverfahren zum
Nachweis der langen Bazillen versagte — es handelte sich mit
großer Wahrscheinlichkeit bei dem einen um Achylie, bei dem
anderen um Lebercirrhose — konnten auch in allen übrigen unter-
suchten Fällen der Nachweis geliefert werden, daß im Mageninhalt
lange Bazillen in wachstumsfähigem Zustand vorkamen, ohne da£
sie sich stark vermehrten und Gärungsprodukte hervorbrachten.
Differentialdiagnostisch kamen in Betracht von andersartigen Er-
krankungen: Dyspepsia nervosa mit Anacidität und Subacidität,
Achylia gastrica, Lebercirrhose, chronische Gastritis, Peritonitis
tuberculosa. Von diesen Fällen konnte aber bei einer ganzen An-
zahl trotz des kulturellen Nachweises der langen Bazillen die
Carcinomdiagnose nicht weiter befestigt werden.
Der positive Bazillenbefund, den das Kulturverfahren bei den
autoptisch sicheren Krebserkrankungen des Magens ermöglicht
hatte, schien bis zu einem gewissen Grade für die diagnostische
Bedeutung des Nachweises solcher Milchsäurebildner ohne erkenn-
bare Milchsäure^ärung zu sprechen. Man konnte demnach geneigt
sein, auch für die nicht sicher bewiesenen, auf Magenkrebs ver-
dächtigen Fälle diagnostische Schlüsse zu ziehen. Allein erst dann
konnte man diesem Verfahren einige Bedeutung für die Früh-
über die Milchsäarebildang bei Magenkrebs. 375
diagnose der Carcinoma ventriculi beimessen, wenn in den Kreis
der Untersuchungen die große Anzahl der Dyspeptiker mit Anaci-
dität oder Snbacidität hereinbezogen wurde und bei ihnen der
Nachweis der Bakterien nicht gelang. Gegenstand der Prüfung
auf lange Milchsäurebazillen wurde besonders der Mageninhalt
von dyspeptischen Phthisikern, sodann aus dem reichen Material
der klinischen Sprechstunde der Mageninhalt junger Leute mit der
erwähnten Anomalie der Magensaftsekretion, bei denen ein Car-
cinoma ventriculi auf Grund des Allgemeinzustandes, Alters u. dgl.
so gut wie sicher ausgeschlossen werde konnte. Hier zeigte es
sich nun bald, daß bei einem nicht unbeträchtlichen Prozentsatz
dieser Leute lange Bazillen im Mageninhalt nach Probefrühstück
nachweisbar waren, wenn nur die nötige Anzahl von Platten-
kulturen angelegt und diese in genügend eingehender Weise ab-
gesucht werden konnten. Es wurden auf diese Methode unter
24 Patienten mit Snbacidität ohne nachweisliche Störung der
mechanischen Funktionen des Magens 7 Fälle konstatiert,
wo im ausgeheberten Mageninhalt Milchsäurebazillen
kulturell nachweisbar waren. Freilich waren es häufig
nur 1 — 2 Kolonien auf jeder Platte. Allein so viel dürfte jeden-
falls aus diesem Befund zu entnehmen sein, daß im Magen jeder-
zeit die langen Bazillen in wachstumsfahigem Zustand vorkommen
können, sofern nur die freie Salzsäure auf ein Minimum herab-
gesetzt oder vollständig verschwunden ist. Es kann nicht be-
zweifelt werden, daß die langen Bazillen in einzelnen Fällen bei
Gegenwart von geringen Mengen freier Salzsäure zur Entwicklung
gelangen können.^) Im Reagensglase vertragen sie einen Zusatz
von 0,04— 0,05^0 freier Salzsäure noch leidlich. Wie andere Autoren,
so konnte ich dies mehrfach beobachten, z. B. bei Carcinom der
Gallenwege und beginnendem Carcinoma ventriculi. .Schwieriger
zu erklären sind die äußerst seltenen Fälle, wo bei Ulcusstenose
infolge hochgradiger Eetention trotz beträchtlicheren Mengen freier
Salzsäure Wachstum der langen Bazillen und Milchsäuregärung
möglich wurde. Man muß dabei an besondere Verhältnisse denken :
Anpassungsfähigkeit der Bazillen an verschiedene Säuregrade ; Ver-
schiedenheit der sekretorischen Leistung einzelner Magenabschnitte
hinsichtlich Salzsäureproduktion. Alles in allem besteht aber un-
verkennbar ein gewisser Antagonismus zwischen freier Salzsäure
und den Milchsäurebildnern. Nie enthalten Mägen von normalem
Gehalt an freier Salzsäure oder mit Hyperchlorhydrie lange Ba-
1) Vgl. G. Klemperer, D. med. Woch. 1895 S. 218.
376 XXIV. SicK
Zilien ; aaffallenderweise habe ich sie bei allen anterenchten F&Uen
von wahrer Achylie vermißt.
Daß bei Kombination des Mangeis freier Salzsäure und moto-
rischer Insufficienz ohne Carcinom sehr üppige Vegetation von
langen Bazillen beobachtet werden kann, mag ein instruktiver Fall
zeigen :
J. K.y 44 jähriger Arbeiter, war gesund bis vor 5 Jahren, wo an-
geblich eine Blinddarmentzündung von ihm durchgemacht wurde. 3 Mo-
nate vor der Aufnahme am 8. April 1905 habe er eine ähnliche Dann-
erkrankung gehabt wie vor 5 Jahren, seither Verdauungsstörungen, oft
Durchfall. Seit 14 Tagen häufiges Erbrechen nach dem £esen, starke
AbmageruDg.
Als Befund ergab sich bei normaler Beschaffenheit der Brustorgane
starke Auftreibung des Abdomens; im epigastrischen Winkel vermehrte
Resistenz und gegen den linken Rippenbogen zu zwei wulstformige.
transversal verlaufende Tumoren. Die Lage des Magens war nicht mit
Sicherheit zu eruieren. Die Arterien waren gespannt, rigide, der Blttt-
druck etwas gesteigert (145 mm Hg Biva - Rocci - Recklinghausen), der
Urin enthielt 1 — 2 7oo Eiweiß, Nierenepithelien und einzelne granulierte
Zylinder, Urinmengen 1 — 1^,'^ 1.
Die Beschaffenheit des Mageninhalts nach Probemablzeit war fol-
gende : Mäßig gut verdauter mit Schleim durchsetzter Speisebrei. £r
enthielt keine freie Salzsäure; keine Milchsäurereaktion, die Gesamtacidi-
tat war 38. Mikroskopisch und kulturell waren lange Bazillen in großer
Menge nachweisbar. Die Uffelmann'sche Probe mit dem Atherextrakt
des Magensaftes angesstellt, war negativ, mit dem Magensaft selbst vor-
genommen ergab sich wiederholt die eigentümlich gelbbraune
Färbung, die bei höheren Konzentrationen von Fett-
säuren aufzutreten pflegt. Zugleich bestand mäßige motorische
Schwäche.
Nach diesem Befunde lag die Diagnose eines Magencarcinoms mit
komplizierender Nierenentzündung am nächsten ; sie wurde jedoch bald
dadurch erschüttert, daß der Tumor des linken Epigastrium sich nach
unten vergrößerte und seiner Lokalisation nach mehr auf einen Nieren-
geschwulst hinzuweisen schien. Das Befinden verschlechterte sich rasch
unter Auftreten von urämischen Erscheinungen und 14 Tage nach der
Aufnahme trat in komatösem Zustand der Tod ein. Die Sektion ergab
vollständig normale Verhältnisse am Magen ; links bestand hochgradige
Hydronephrose infolge Obliteration des linken Ureters über einem fest-
sitzenden Konkrement. Beide Nieren zeigten die Erscheinungen der
chronisch parenchymatösen Entzündung.
Überblicken wir die Ergebnisse dieser klinischen Beobach-
tungen, so dürften sie für die diagnostische Verwertung der langen
Bazillen folgendes erg:eben :
1. Bei Carcinoma ventriculi werden die langen Bazillen so
über die Milchsänrebildmig bei Magenkrebs. 377
gat wie nk vermißt Gering« M^ngien freier 8alzsAtire schadett
ihnen nidit viel.
2. Zur Frühdiagnose des Magenkrebs ist das Auftreten
dieses Spaltpilzes im Magfeninhalt nicht zu verwerten, denn
3. in einer großen Anzahl von Mag^ei^ranknngen mit Sate^-
säuremangel sind diese Bakterien kulturell im Mageninhalt nach-
gewiesen worden.
4. Entscheidend f&r Magenkrebs ist das Auftretet von größeren
Mengen chemisch gut nachweisbarer Mih^hsäure.
5. Bei Subadditat und motorischer Insufficienz des Magens
kann reichliche Vegetation der langen Bazillen Platz greifen, ohne
daß nachweisbare Mengen von Milchsäure gebildet Werden.
In diesem Zusammenhange sind vielleicht noch einige Worte
geboten über die Herkunft der langen Bazillen. Von vorn-
herein wird man mit zwei Möglichkeiten rechnen müssen: Die
Bakterien gelangen direkt mit den Speisen in den Magen oder sie
kommen mit jenen oder durch die Luft in die Mundhöhle, wuchern
dort und infizieren dann gewissermaßen den Mageninhalt, wenn
dieser den nötigen Voraussetzungen entspricht. So viel ich sehe,
hat Miller'), der vom zahnärztlichen Standpunkte aus eingehend
die Bakterienflora der Mundhöhle studierte, zum erstenmal Milch-
säurebildner im Zahnbelag und in den Interstitien der Zähne nach-
gewiesen. Ob er dabei auch die langen Bazillen gesehen hat, ist
unsicher, da er seine Milchsäurebildner auf Gelatine kultivieren
konnte, ein Nährboden, den die langen Bazillen verschmähen. Bei
24 magengesunden Patienten, von denen ich Abstriche der Mund-
höhle und des Zahnfleisches kulturell untersuchte, fanden sich
5 Leute, die lange Bazillen im Munde beherbergten. Daß bei Magen-
carclnomkranken eine solche Prüfung positiv ausfällt, kann weiter
nicht wundernehmen. In Extrakten von Semmeln, wie sie zum
Ewald-Boas'schen Probefrühstück verwendet werden, waren die
Bazillen nicht aufzufinden.
Nach all dem ist die Verbreitung der langen Bazillen im Ver-
dauungstraktus des Menschen viel allgemeiner, als man bisher an-
nahm. Eine Erklärung des inneren Zusammenhangs zwischen der Car-
cinomerkrankung des Magens und der Vegetation der langen Bazillen
konnte durch die rein klinische Betrachtungsweise nicht erbracht
werden. Ita Gegenteil, nach dem Gesagten muß die Bedeutung
des Salzsäuremangels und der Motilitätsstörungen,
1) D. med. Woch. 1885 Nr. 49.
378 XXIV. SicK
wie sie beim Magenkrebs gewöhnlich gegeben sind, für die uns
beschäftigenden Fragen geringer angeschlagen werden, als es von
vornherein zn vermnten war. Es kann nämlich nnter diesen Vor-
bedingungen zn mehr oder weniger üppiger Vegetation der langen
Bazillen kommen, ohne daß die für das Magencarcinom so charak-
teristische Milchsäurebildang bemerklich wird.
Was ist nun die Ursache, weshalb die langen Bazillen bei
Magenkrebs Milchsäure bilden, bei anderen Magenkrankheiten ohne
genügende äalzsäuresekretion jedoch nicht? Das Fehlen der freien
Salzsäure kann so wenig wie die verzögerte Entleerung des Magens
von ausschlaggebender Bedeutung sein für die Vegetation und die
Milchsäurebüdung der langen Bazillen. So blieb noch die Möglich-
keit bestehen, daß zwischen den Wachstums- und Zersetzangs-
Prozessen des Carcinoms und dem Stoffwechsel der Bakterien bis-
her unbekannte Beziehungen vorliegen. Daraus entstand die Auf-
gabe, die biologischen Eigenschaften der langen Bazillen einer ge-
nauen Prüfung zu unterwerfen.
Einer Darstellung der Biologie dieser Gärungspilze sind einige
Worte vorauszuschicken über die Methoden, die zum qualitativen
und quantitativen Nachweis der in Betracht kommenden Säuren
geeignet sind.
Zur allgemeinen Orientierung über die Anwesenheit von Milchsäure
diente die Extraktion mit Äther im Schütteltrichter. Es wurde 5 mal
mit kleineren Äther mengen (im ganzen ca. ^1^ 1 Äther) 10 — 20 ccm
Kulturflüssigkeit ausgezogen, nach Vereinigung der Atherportionen die
ätherische Lösung verdunstet, der Rückstand mit Wasser aufgenommen
und mit °/^q Normallauge titriert. Nach Leo') entspricht jeder Kubik-
centimeter der verbrauchten ^/^^ Normallauge 0,009 g Mücbsäure. Bei
Bestimmung der Fettsäuren wurde entweder die Kulturbouülon direkt
destilliert, das Destillat gegen ^/^^ Normallauge titriert und dann mit
Na3C03 bis zur schwach alkalischen Reaktion versetzt und von neuem
destilliert, wobei die flüchtigen Fettsäuren als Natronsalze zurückbleiben
und nur die etwa vorhandenen Alkohole übergehen. Um aber jede Pro-
duktion von flüchtigen Säuren durch Eiweißzersetzung zu verhindern,
wurde die neutralisierte Bouillon mit absolutem Alkohol gefällt, der Nieder-
schlag abflltriert, die alkoholischen Extrakte schwach alkalisch gemacht
und der Alkohol im Wasserbad abgedampft. Dabei gehen die Fettsäuren
als Natronsalze vollständig in den Alkohol über. Der Rückstand wird in
sehr stark verdünnter Schwefelsäure gelöst, destilliert und endlich in der
Vorlage die Acidität der Fettsäuren bestimmt.^ Qualitativ wird in dem
1) Diagnostik, Berlin 1895 S. 317.
2) Vgl. Neumeister, Lehrbuch d. phys. Chemie 1897 S. 175. — Hammsr>
sten, Lehrbuch d. phys. Chemie 1904 S. 317.
über die Milcbsäurebildnng bei Magenkrebs. 379
Destillat die AmeiseDBäore mit Silbemitraty die Essigsäure als basisch essig-
saures Eisen^ Battersäure durch den Geruch und Spuren höherer Fett-
säuren durch Zusatz von konzentrierter Chlorcalciumlösung, worauf Ab-
scheidung einer öligen Oberflächenschicht erfolgt, nachgewiesen.
Die chemisch einwandfreien Methoden des Milchsäurenach-
weises lassen sich zugleich für quantitative Bestimmungen ver-
werten. Es gibt deren im wesentlichen zwei. Die eine ist die
Herstellung des Zinksalzes, ausgehend vom Ätherrückstand.
Letzterer wird auf seine optische Aktivität geprüft. Sodann wird
mit frisch gefälltem Zinkkarbonat erwärmt und nach Beseitigung
des etwa vorhandenen bernsteinsauren Zink das Zinklaktat mehr-
mals aus Wasser umkristallisiert. Hat man das milchsaure Zink
genügend rein, so kann aus seiner Eristallform, zuverlässiger aber
aus dem Gehalt an Kristallwasser die Natur der Milchsäure ab-
geleitet werden.^) Die zweite sichere quantitative Methode ist von
Boas'j ausgearbeitet. Sie beruht darauf, daß die Milchsäure leicht
Abspaltung von Aldehyd gestattet. Das neu gebildete Aldehyd
wird in Jodoform übergeführt und die dazu notwendige Jodmenge
titrimetrisch bestimmt. Die Einzelheiten der etwas komplizierteren
Methode können am besten in der Originalarbeit nachgelesen werden.
Beide Methoden fanden Verwendung, während die Strauß'sche
Methode fiir meine Zwecke weniger geeignet erschien.
Zu qualitativen Untersuchungen steht uns eine Reaktion
ZQ Gebote, die zwar hinsichtlich ihrer Empfindlichkeit nichts zu wünschen
übrig läßt, deren Vieldeutigkeit aber ihre Handhabung sehr erschwert:
Die Eisenchloridprobe. Ob diese mit oder ohne die von TJf fei-
mann vorgeschlagene Kontrastfärbung durch verdünnte Karbolsäure aus-
geführt wird oder nicht, ist gleichgültig; bei einiger Übung wird sie
gerne entbehrt. Bei Konzentrationen unter ^o %o kann die Karbolsäure
sogar feine Farbenumschläge verdecken. In chemischer Beziehung ist
die Reaktion ein Gruppenreagenz und zwar reagieren alle ein-,
zwei- und mehrbasischen Säuren, die von den Grenzkohlenwasserstoffen
bzw. deren Alkoholen ausgehen, sobald sie eine weitere Hydroxylgruppe
in ihr Molekül aufgenommen haben. Es scheint mir dieser Punkt von
klinischer Seite aus noch nicht mit der genügenden Schärfe betont worden
zu sein ; auch die gebräuchlichen analytischen Handbücher und Kompen-
dien (Hoppe-Seyler-Thierfelder, Hofmeister) befassen sich
nicht näher mit dieser Frage, ebenso die Lehrbücher der physiologischen
Chemie (Hammarsten, Neumeister). Tatsache ist jedenfalls, daß
die anderen hydroxylierten Säuren qualitativ und quan-
titativ dieselbe Reaktion geben wie die a-Oxypropion-
1) Vgl. Nencki, Zentralbl. f. Bakter. Bd. IX S. 304.
2) Deutsche med. Wocheiischr. 1893 Nr. 34.
380 XXIV. SicK
fläare. Jedenfalls dürfen solche Sftaren hinncbtiich ihrer BeakttoBs-
fAhigkeit mtt Eisenchloridlöeungen nicht «nf gleiche Litiie mit AmeiBM^
slUire, Oxalsäure etc. gestellt werden, Sfiaren, die eine ähnliche^ aber
immerhin wohl von der Hilchsäarereaktton unterscheidbare Farbennnanc«
bervorbrio^eii. Seit den Veröffentlichungen XJffelmann's ^) haben sich
auch sämtliche späteren TJntersucher mit den etwas ungenauen Angaben
begrnügt. Daher ist bei der Üf feimann 'sehen Reaktion von yotb-
herein die Voraussetzung gemacht, daß Säuren dieser Zasammeneetzung
im menschlichen Magen nicht vorkommen^ abgesehen von Milchsäare.
Diese Voraussetzung dürfte nur unter bestimmten Bedingungen zutreffen,
nämlich unter Ausschluß von Nahrungsmitteln, die derartige Säuren ent-
halten können. Es kommt dabei in erster Linie in Betracht: Weio.
Obst, Milchbackwerk. Mit diesen Nahrungsmitteln kann Apfelsätut
(Monoxybernsteinsäure) , Weinsäure (Dioxybemsteinsäure), Traubensiure
(aus Rechts- und Linksweinsäure bestehend), Zitronensäure (Oxytiicar-
ballylsäure) und endlich exogene Milchsäure eingeführt werden. Die
Reaktion der erstgenannten Säuren ist von der Milchsäurereaktion nicht
zu unterscheiden, auch der Atherrtickstand gibt sie in gleicher Weise.
Danach müssen die genannten Nahrungsmittel vor Magen Untersuchungen
ausgeschlossen werden. Bei der Weinsäure kommt noch besonders in
Betracht, daß sie durch die vielfach gebrauchte Mischung von Weinssore
und Natriumbikarbonat behufs Magenaufblähung oft in größerer Menge
in den Magen eingeführt wird. Mehrfach ist in der Tübinger Klinik
beobachtet worden, daß der Genuß von Wein und rohem Obst auch
einige Zeit vor der Einnahme eines Probefrühstücks oder einer Probe-
mahlzeit die Anwesenheit von organischen Säuren vortäuschte.
Sonst kann man sich vor yerwechslungen bis zu einem gewissen
Grade durch Untersuchung des Atherrückstandes nach Ausätherung des
Magensaftes schützen. Bei einer ganzen Reihe von Körpern, die ähn-
liche Reaktion wie die Oxysäuren geben, fallt diese im Atherrückstand
weg. So gibt Muskelextrakt, Lösungen von Peptonum siccum Witte und
andere Albumosen, niedere und höhere Fettsäuren eine Eisenchloridreaktion,
die von der Reaktion der Milchsäure kaum zu unterscheiden ist, die aber
nach Ausätherung wegfällt. Am ähnlichsten ist die Reaktion der Ameisen-
säure auch in dünnen Lösungen ; die der Buttersäure ist rein gelb ohne
den grünlichen Farbenton, Valeriansaure kommt kaum je in genügender
Menge vor, als daß sie differentialdiagnostisch berücksichtigt werden müßte.
Die Mischung von Fettsäuren, die man unter gewissen Umständen im
Magensaft antrifft, gibt eine gelblichbraune Reaktion, nach Ausschütteln
des Magensaftes mit Äther verschwindet diese oder wird wesentlich un-
deutlicher. Die folgenden Ausführungen werden zeigen, daß es nicht
angängig ist, solche Fettsäurereaktion in ähnlichem Sinn wie die Milch-
säurereaktion zu verwerten. Es gibt auch einzelne Körper, welche die
Eisenchloridreaktion verdecken : Doppelkohlensaure Salze, Alkohol und
Rhodan (vgl. Kelling, Zeitschr. f. phys. Chemie 1894 Bd. 18 S. 397).
Über die Morphologie der langen Bazillen brauche ich unter
1) Arch. f. kliu. Med. Bd. 26 S. 431 1880 und Zeitschr. f. klin. Med. Vm
S. 392 1884.
über die Milchs&itFebilduBg bei Magenkrebs. 381
HiMwea «af die eingangs erwähüteB Arbeiten «icht viel zu safea. Kur
einige difiSeriereiide Punkte möchte ich berfthren. Entgegen einigen
anderen Angaben konnte ich keine Eigenbewegung^i der langen Bazillen
nachweisen. Die ganz geringe Bewegungsamplitude, die man bei ein-
zelnen Bazillen im hängenden Tropfen findet, dürfte als Molekularbewegung
zn eiklären sein, da man dieselbe auch nach Snblimatzusatz beobachtet.
Creißeln konnten i&rberisdi (nadi Löffler-Peppler) nicht dargestellt
werden. Sporen waren anck in sehr alten Kulturen nicht au finden,
jedenfalls nicht zu färben (mit Chrombeize), während das frische Präparat
bäufig Sporen ähnliche Gebilde vortäuschte in Gestalt von stark licht-
brechenden Körnchen, die sich jedoch immer als Bestandteile der Bazillen -
leiber herausstellten. Letztere, in den verschiedensten Ebenen gekrümmt,
stellen häufig eine Partie ihres Körpers parallel zur Hikroskopachse ein,
80 daß dieser Abschnitt des Bakterienleibes sich dem Beschauer als ein
stark glänzendes Pünktdien darbieten. Nicht selten findet man auch
Bazillen, bei denen das eigentliche Plasma eine schlauchförmige Hülle
nur streckenweise ausfüllt (Plasmolyse). Von den allgemein biologi-
schen Eigenschaften soll hervorgehoben werden, daß die langen
Bazillen nicht als obligate Aeroben angesehen werden können. Mit Ter-
verscfaiedenen anaeroben Kultiviernngsverfahren wurde gutes Wachstum
derselben erzielt, wobei übrigens in den Kolonien die kurze Form der
Stäbchen vorherrschte. Die von Sandberg hervorgehobenen verschie-
denen Wachstumsformen der Kolonien konnte man auf saurem Trauben-
zuckeragar ausgehend von 5 verschiedenen Stämmen erzeugen : Die am Band
aufgelodcerten , aus zahllosen, mäandrisch verschlungenen Fadenzügen
bestehenden Kolonien ähnlich denen des Bacillus subtilis (Typus I Sand-
berg) und die runden geschlossenen Formen (Typus II Sandberg). Die
letzteren Formen ließen sich auf Traubenzuckeragar nicht weiter als
5 — 6 Generationen fortzüchten ohne allmähliche Rückkehr zum ranken-
formigen Typus. Am häufigsten fand ich den Typus 11 mit kurzen Stäb-
chen bei Züchtung aus alten Zuckerbouillonkulturen, nachdem Erschöp-
fung der Vegetationskraft eingetreten war. Während bei Körpertempe-
ratur die Bazillen nach 8 — 10 Tagen gewöhnlich abgestorben waren,
hielten sie sich in der Kälte sehr lange lebensfähig. Eine flüssige Kultur
besaß nach 9 Monaten im Eisschrank noch teilnngsfähige Individuen.
Zu den Gärungsversuchen wurden 5 Stämme benutzt, die teils von
carcinomatösen, teils aber auch von subaciden Magenkranken stammten.
Hinsichtlich ihrer Gärfahigkeit erwiesen sich diese Stämme als fast voü-
kommen gleichwertig, eine Abnahme dieser Eigenschaft trat auch bei den
ältesten Laboratoriumsstämmen nicht ein.
Die biochemischen Prozesse, in denen sich die Lebenstätigkeit
von wachsenden Bakterien äußert, sind am klarsten zu über-
schauen, wenn man von möglichst einfachen Verhältnissen in den
Nährsubstraten ausgeht und ei*st allmählich zu komplizierter zu-
sammengesetzten Nährmedien übergehend die verwickelten Verhält-
nisse, unter denen das Bakterium im tierischen Organismus lebt,
nachahmt. Man weiß schon längere Zeit, daß manche Bakterien
382 XXIV. SicK
den zu ihrer Tätigkeit notwendigen Stickstoff aus einfachen Eiweiß-
Spaltprodukten bestreiten können. Zu diesen Spaltprodukten ge-
hören die Aminosäuren; am meisten benutzt wird das Natrium-
salz der Asparaginsäure (Aminobernsteinsäure). Ähnliche Dienste
leisten Ammoniaksalze organischer Säuren (weinsaures Ammoniak).
Mit solchen chemisch wohl bekannten Nährböden, zu denen noch
Sulfate sowie saure oder basische Phosphate hinzugefugt werden
müssen, lassen sich häufig wertvolle Aufschlüsse über den Stoff-
wechsel von Bakterien erlangen; ich erinnere nur an die Unter-
suchungen von Nößke^) über die Bedingungen der Farbstofifbil-
dung bei dem Bacillus pyocyaneus. In unserem Falle versagten
diese Kultivierungsmethoden auch bei ausgiebiger Variation der
Säuregrade der Kulturflüssigkeiten, denen durchweg 3% Trauben-
zucker zugesetzt war. Ebensowenig gelang es, die langen Bazillen
in Fleischwasser zu züchten, das den erwähnten Traubenzucker-
gehalt hatte. Bei letzterer Versuchsanordnung trat nur eine mini-
male Vermehrung des ursprünglichen Säuregrades der Nähr-
flüssigkeit ein. Die langen Bazillen er\^iesen sich demnach als
unbedingt abhängig von der Anwesenheit von Eiweiß-
körpern, die zum mindesten über den primären Spaltprodukten
des Eiweißmoleküls liegen müssen. Die geringe Menge löslicher
Eiweißkörper des Muskelextraktes genügt nicht, um den Stick-
stofl^bedarf der Bakterien zu decken, der zum Wachstum und zur
Vermehrung notwendig ist.
Dagegen genügte ein Zusatz von lVa*Vo Witte-Pepton zu der
Fleischwasser-Traubenzuckerbouillon, um, wie schon erwähnt, sehr
üppiges Wachstum zu erzielen : eine weitere Vermehrung des Pepton-
zusatzes auf 2—3 % hatte nur ganz geringe Steigerung der Säure-
produktion zur Folge. Das Witte-Pepton stellt ein Gemisch von
Alburaosen dar, dessen Herkunft und Darstellungsweise nicht ge-
nauer bekannt ist, die jedenfalls aber als Produkte der künstlichen
peptischen Verdauung von nativen Eiweißkörpern angesprochen
werden können, also wohl vorwiegend Protalbumosen.
Trotz anfänglichen guten Gedeihens und deutlicher Säure-
produktion kommt aber binnen 2—3 X 24 Stunden Wachstum und
Fermentwirkung zum Stillstand, nachdem die Gesamtsäureproduk-
tion in 10 ccra der Kulturflüssigkeit Werte erreicht hat, die zwischen
1,5—2,0 ccm ^/., Normalnatronlauge liegen. Dies ist sehr auffallend
insofern, als die Wachstumshemmung nicht erklärt werden kann
1) Arch. f. klin. Chir. Bd. 61 1901 S. 266.
über die Milchsäurebildang bei Magenkrebs. 383
durch den Grad der Säureproduktion, der, wie sich leicht zeigen
lä£t, an und für sich die Entwicklung^ der langen Bazillen keines-
wegs hindert. Ebensowenig ist eine Erschöpfung der vorhandenen
Znckennenge denkbar und nachweisbar. Somit muß das Einstellen
der WachstumsYorgänge auf der Unzulänglichkeit des stickstofif-
haltigen Nährmaterials beruhen. Allein vermehrter Zusatz des
Witte-Peptons konnte diese Wachstumshemmung nicht wesentlich
hinausschieben.
Überraschend war das Ergebnis der genaueren Analyse der
gebildeten Säure. Es stellte sich nämlich heraus, daß auch nach
sorgfältigster Ausschüttelung mit Äther die so gewonnene Menge
von ätherlöslichen Säuren, unter denen die Milchsäure in erster
Linie zu erwarten war, eine minimale blieb. Sie entsprach bei
Verwendung von 10 ccm Nährlösung 0,15 — 0,35 Vs Normalnatron-
lauge nach einer Gärungsdauer von 2 bis 8 X 24 Stunden, betrug
also ungeftlhr den 10. bis 5. Teil der insgesamt produzierten Säure.
Dieses Versagen der langen Bazillen, an deren Identität mit der
von Boas und den übrigen Autoren beschriebenen Spezies nicht
zu zweifeln war, hinsichtlich der Milchsäuregärung lenkte die Auf-
merksamkeit auf die Säuren der Fettsäurereihe, die als Neben-
produkte der Magengärungen längst bekannt waren. Es ergab
nun tatsächlich auch die Bestimmung der Gesamtmenge der flüch-
tigen Säuren, daß besonders in den ersten Tagen der Gärungs-
periode der größte Teil der Säureproduktion auf Rech-
nung der Fettsäuren zu schreiben war. So machten bei
einer Probe nach 3tägiger Gärung in dem eben beschriebenen
Nährboden die Fettsäuren = 0,8 V» Normalschwefelsäure aus bei
einer Säureentwicklung von 1,2, nach 10 Tagen hatten sich solche
= 1,5 Vs Normalsäure gebildet bei einer gesamten Acidität von
2,95 ^/j Normalsäure.
Auch die qualitative Untersuchung der Gärungsprodukte der
langen Bazillen erwies mit Bestimmtheit das Auftreten flüchtiger
Fettsäuren : Ameisensäure und Essigsäure fehlten nie, der stechende
Geruch des Destillats bewies die Anwesenheit von Buttersäure, die
Chlorcalciumprobe und das Auftreten von feinen Flöckchen und
Häuteben in der eisgekühlten Vorlage deutete auf höhere Fett-
säuren hin. Äthylalkohol war meist im Destillat durch die be-
kannten Reaktionen nachzuweisen. Gase bildeten sich nur in ganz
geringer Menge.
Die geringen Quantitäten von ätherlöslichen Säuren, welche
sich in dem nach Destillation gebliebenen Rückstand solcher eiweiß-
384 XXIV. SicK
anneii Kulturflttsaigkeiten finden, sind zwei von höheren Fettsanrai
and geben positive EisraehloridTeakticn. Ob diese kleine Men^
Milchfiäore (oder ricbtiger : Oxysäuren) als vitale MUehsfaure od«r
ete zjrmotische ^), als entstanden durch die Umlagwnngen der lebeiidei
Sibstana in der BakterieiKzelle oder durch Vergärung der yerhai-
denen KoUenhydjrate aufzufassen ist, dürfte nicht leicht m ab-
scheiden sein. Das erstere ist nicht mwahrschräilieh; es findet
nämlich eine geringe Säuerung in kohlenhydratfreien Knlturflässig-
keiten statt Da aber in jedem EiweifimoldLuI kohlenbydratähn-
liebe Gruppen zu erwarten sind, so können bei AufspaltuBg tm
Eiweifikörpem die freiwerdenden Kohlenhydrate sekundär zor Ver-
gärung gelangen und zur Milchsäurehildong Stoff geben. Demnaeli
wird diese Frage kaum mit Sicherheit zu entscheiden sein.
Eingehender Beachtung wert ist die Möglichkeit, dafi unter
den obigen Versuchsbedingungen die Fettsäuren den Alburaosen
entstammen, indem weitere hydrolytische Spaltung dieser Körper
Glykokoll, Leucin, Tyrosin und andere Aminosäuren liefere, aus
denen die entsprechenden Fettsäuren entstehen könnten. Der Prozent-
gehalt der Eiweißkörper an solchen Spaltprodukten ist sicher grtA
genug, um eine beträchtliche Fettsäureproduktion decken zu kannst -i
Gegen diese Erklärung spricht jedoch der Znckerverlust der Kultur-
lösungen, besonders aber der Umstand, daß bei Fehlen von Kohkn-
hydraten in jenen die Säurebildung auf ganz geringe Werte her-
untergeht. In einer Versuchsreibe betrug die Säurebildung unter
im übrigen ganz gleichen Bedingungen bei ötägiger Dauer der
Gärung in den zuckerfreien Nährlösungen nicht ganz Vs ^r ^^''^^
rung der in den zuckerhaltigen. Es wäre doch gezwungen anzu-
nehmen, daß bei Gegenwart von Kohlenhydraten die Au&paltung
der Eiweißkörper einen ganz anderen Verlauf nehmen sollte.
Mußte man demnach den langen Bazillen die Fähigkeit einer
primären Fettsäuregärung zuerkennen, so wurden ihre Beziehungen
zur Milchsäureproduktion und zum Magenearcinom scheinbar immer
undurchsichtiger. Zur Klarlegung dieser Verhältnisse diente mir
eine große Anzahl Versuche, die geeignet zu sein schienen die
Vegetationsbedingungen der langen Bazillen im carcinomatosen
Magen möglichst nachzuahmen. Wir wissen seit langem, dafi
Magencarcinome, besonders wenn sie ulceriert sind, eiweißhaltige
Flüssigkeit in den Magen hinein absondern; die Salomuon'sehe Probe 'M
Ij Vgl. A. Fischer, Vorlesungen über Bakterien. Jena 1903 S.219flf.
2) Vgl. Cohnheim, Chemie der Eiweißkörper. Braunschweig 1904 S. ISflf.
3) Deutsche med. Woch. 1903 Nr. 31.
über die MilchBäiur^ü^iU»^ bei Magenkrebs. 38i&
ist ei&e einfaehe D^aM^nstralion äieser Tatsache. Daher versnohte
ieh mOgliehsl wirksame Extrakt» an» Carcinomen, sodann aber
auch aus normalen^ sehr neureichen Organen (Thymns, Pankreas)
herzustellen nnd die KaltnreQ ihrer Einwirkung zu unterwerfen,
weiterhin benutzte, ich %um selben Zweck steril gewonnenes mensch-
liches Blatseram, endlich wurde direkt Carcinommagensaft dw
Nährböden zugesetzt.
Im ganzen verfüge ich über 20 derai'tige Versuchsreihen. Die
verarbeiteten Carcinome^ im ganzen 7 Versuche, waren meist Mamma-
carcin(me» operiert in der v. B.r uns 'sehen Klinik, die ich der
Liebenswürdigkeit von Herrn Privatdo^ent Dr. Blauel verdanke.
Einmal konnte ich auch ein Mageucarcinom aus dem pathologischen
Institut (Prof. V. Baumgarten) zu einem Versuche verwerten.
Mit Thymu3eztrakt (Kalbsthymus) wurden 8 Versuche ausgeführt,
einer mit Hundepankreas, zwei weitere mit Magensaft eines schweren
Magencarcinoms^ zweimal wurde steril gewonnenes Menschenblut-
sernm zu Versuchen benutzt, zweimal nicht steriles ßinderserum.
Die Technik der Herstellang von Organ extrakten erfordert einige
kurze Bemerkungen: Sicher aseptisch konnten nur die nicht ulcerierten
in sterilem Glasgefäß aufgefangenen Mammacarcinome gewonnen werden^
wahrend die >roin Schlachthaus gelieferten frischen Kalbsthymusdrüsea
durch AbapüluBg mit steriler Kochsalzlösung und Entfernung der binde-
gewebigea Hülle mit sterilen Instrumenten nur uDvolIkomoaen gereinigt
werden konnten. Darauf erfolgte Zerkleinerung in ausgekochter Fleisch-
hackmaschine und energische Zerreibung in sterilisiertem Mörser mit aus-
geglühter Kieselgur. Der Gewebsbrei wurde dann mit der gleichen
(ohne KieseljS^ux bestimmten!) Gewichtsmenge 0,9 ^y^ steriler Kochealz-
lösung versetzt und 24 Stunden im £is8chrank (bei 5 — 6 ^ C) unter
öfterem Umschütteln extrahiert. Nach früher geeammelten Erfahrungen
war ein so gewonnener Extrakt besonders in fermentativer Hinsicht
wesentlich wirksamer als die mittels der Buchner*schen Presse durch
Druck von 300— 400 Atmosphären gewonnenen Preßsäfte. Offenbar
aiad die feinen nnd äußerst harten Diaiomieenpanzer hervorragend ge-
eignet, die Zelleiber zu zeitrümmern und den löslichen Bestandteilen
des Protoplasmas einen Ausweg zu schaffen. Von diesem durch Zentri-
fogieren von korpuskularen Elemeutt^n befreiten Extrakt wurden ab-
gemessene Quantitäten zu den flüssigen Nährböden hinzugefügt. Die
bakteriologische Untersuchung dieser Gewebsbreie hatte freilich das Ke-
Bultat, daß nur eine verschwindende Minderzahl als keimfrei angesehen
werden konnte, was auch bei den aseptisch gewonnenen Tumoren nicht
befremden darf, da bei den mannigfaltigen Manipulationen eine Verun-
reinigung duroh Luftkeime kaum zu vermeiden sein dürfte. Durch kräftiges
AussuhleudoPD ia einer sehr rasch rotierenden Zentrifuge konnte die An-
saU dec Keime venringert, doch ni(^t gaae beseitigt werden.
Dieseia schwerwiegenden Übelstand ließ sich auf zweierlei Weise
386
XXIV. SicK
abhelfen . Meistens genügte es, die mit Zuckerbonillon beschickten
Kulturkolben einen Tag vor Zusatz der Oewebsextrakte mit langen Ba-
zillen zu besäen. Dadurch wurde der Säuregehalt des Nährbodens schon so
weit gesteigert, daß kaum je fremde hereingelangte Keime zur Entwicklung
kommen konnten. Wurde der Keimgehalt solcher Bouillonkulturen mittels
Agarplatten kontrolliert, so wuchsen zuerst nur lange Bazillen in reich-
licher Menge und erst später wagten sich einige kümmerliche Kolomen
fremder Bakterien hervor. Absolut sicher erhielt man Reinkulturen, wenn
die Gewebsextrakte vorher durch Berkefeldfilter filtriert worden waren,
eine Maßnahme, die nur in ganz geringem Qrade die Wirksamkeit der
Extrakte beeinträchtigte. Das als Zusatz zu den Nährböden verwendete
Blutserum vom Menschen konnte ohne Schwierigkeit vollständig steril
erhalten werden (Aderlaßblut).
Die so gewonnenen Zusätze zu den flüssigen Nährsubstraten
hatten eine außerordentlich begünstigende Wirkung auf die Säure-
produktion. Dieselbe stieg auf das 6 — 8 ja 10 fache dessen, was
in den Kontrollproben an Säureproduktion geleistet wurde. Eine
tabellarische Übersicht der einschlägigen Versuche wird dies mit
aller Deutlichkeit zeigen.
,t\ xaa
Tabelle I.
Unter Bouillon ist gemeint : Fleischwasser + 1 V« % Pepton , * .
3®/q Traubenzucker. Der primär vorhandene Säuregehalt ist bei den nachstehen-
den Zahlen in Abzne^ gebracht. Die Zahlen unter Säureprodnktion beziehen sich
anf 10 ccra Kultur-FlUssigkeit. Zu den Nährböden zugesetzt wurden mösflichst
gleiche Mengen lange Bazillen und zwar (abgesehen von Versuch XXXDl Tom
selben Stamm.
Versuchs-
nnmmer
Säureproduktion
der Bouillon
ohne Zusatz
Art und Kon-
zentration der zu-
gesetzten Gewebs-
extrakte
Säureproduktion
bei zugesetztem
Gewebsex trakt
Zeitdauer
des
Versuch-«
II
III
VIII
IX
XXIV
XXXVIII
XXXVIII
XXXIX
»
n
0,7 ccm '^5 N-Säure Mammacarc- | 7,1 ccm
extrakt 10% |
Blutserum 10% , 5,7
Magencarc- i 7,1
extrakt 2,5% J
Thymusextrakt 5%i 9,35
Mammacarc- 111,15
N-Säure
l
0,7
1.15
0,85
1,15
?»
1,5
0,75
1,4
0,H5
0,5
0.8
?>
extrakt 5%
Thymusextrakt 5% 10,1
9.95
Thymusextrakt 5% 2,95
6,8
8,95
11
11
11
11
11
11
t»
11
11
11
3 Tage
I
3 Tage
STasre
14 Tage
20T«re
3 Tage
9 Tage
ITag
2 Tage
4 Tage
Man beachte bei vorstehender Tabelle einmal die weitgehende
Unabhängigkeit der Säureproduktion von der Konzentration dei
zugesetzten Gewebsextrakte, sowie von dem Eiweißreichtum der-
selben (Serum weniger wirksam als der viel weniger N enthaltende
über die MilchsäurebUdong bei Magenkrebs. 387
Carcinomextrakt). Ferner ist durchweg zu konstatieren, daß ein
gewisses Maximnm der Sänreprodnktion in wenig Tagen erreicht
wird, nach 4 — ^5 Tagen steigt die Acidität nnr noch in ganz ge-
ringem Grade.
Bedeutungsvoller als das plötzliche Emporschnellen der Säure-
prodaktion nach Zusatz von Gewebsextrakten scheint mir die Ände-
rung des Verhältnisses von Fettsäuren und Oxyfettsäuren in dem
Sinne, daß die Milchsäure nun ganz bedeutend in den Vorder-
grand tritt Von der Gesamtsäureproduktion findet sich, je länger
die Gärung dauert, ein immer größerer Bestandteil im Ather-
extrakt wieder. Der Ätherextrakt gab in der Kegel keine Re-
aktion flüchtiger Fettsäuren und da als Repräsentant der Dioxy-
sänren die Bemsteinsäure nur in qualitativ eben nachweisbaren
Sparen sich gebildet hatte, so mußte der Säuregrad des Ather-
extraktes einigermaßen der Milchsäureproduktion selbst ent-
sprechen. Am raschesten wird man durch einen Blick auf die
graphische Darstellung einer Versuchsreihe den großen durch den
Zusatz von Gewebeextrakt bedingten Unterschied verstehen.
Unterwarf man die zur Kultivierung benutzte Nährbouillon
der Destillation bzw. der Extraktion mit Äther, so konnte man
die Anwesenheit flüchtiger Säuren — was nach der vorausgegan-
genen kräftigen Sterilisation eigentlich selbstverständlich ist, über-
haupt nicht nachweisen. Die Extraktion großer Bouillonmengen
mit Äther ergab ein positives Resultat, das aber seiner Kleinheit
wegen nicht in Betracht kommen konnte : auf 10 ccm wurde eine
Acidität der ätherlöslichen Säuren von 0,07 ^6 Normalsäure be-
rechnet. Die Beobachtung, daß Acidität des Ätherextraktes +
Acidität der flüchtigen Säuren die gesamte Säurebildung nicht er-
reichte, dürfte wohl dadurch zu erklären sein, daß ein Teil der
neugebildeten Säure fest genug an basische Eiweißkörper gebunden
war, um nicht in den Äther bzw. in das Destillat überzugehen. In
ähnlichem Sinne ist wohl auch die geringe Abnahme des Gesamt-
säuregehaltes nach Aufhören der Gärung zu verstehen, so weit
nicht schon die Flüchtigkeit der niederen Fettsäuren zur Erklärung
genügt. Die — übrigens minimale — Verdunstung sollte ja eine
Vermehrung der Acidität verursachen.
Versuch XXX XIII.
Tranbenzuckerpeptonbouillon (3 ^/^ Traubenzucker , 1 ^/<, % Pepton,
Vt% NaCl) in Portionen zu 200 ccm in Erlenmeyerkolben gefülilt,
sterilisiert.
Säuregrad der Bouillon: 10 ccm entsprechen 1,35 ccm ^6 Normal-
n^tronlange. (Indikator: Phenolphthalein.)
Deatachta Archir f. klin. Medizin. M. Bd. 26
TOe BooUIonkolb«!! werdso mit gleitshen Hengm iangv 'Bndlkn
bewbiokt nnd ti^ daranf m ämtm Tail derMlben ShymnMzJK^ ha-
zogMeUt.
KnrTe 1: Sftareprodaktion der Bonillon -|- 2"/, ThTmiiseitnkt.
I. 1. a 4. 6. a. 1. 8. ». 10. II. 1«. 11. U. li. la. T>s der Oinm«
Aciditit d. frivM
e 2: Silnreproduktion der Bonillon ohne Th^niiisextrakt.
ü. fl. 7. 8, 9. II), II. 1». 13. lt. 15. 1«. Twt d«r Ginme
. Gesamte Sänrebildan? Aciditfit des Äthereitr*kt»s.
Flilcbtige Säuren.
über die MilchsänrebUdiiiig bei Magenkrebs. 389
Um den ainwandsfreien Nachweis der Milchsäure im Ätber-
rfickstand zu fuhren wurden aus 250 ccm Bouillon (mit 2 ^/(, Thymos-
extraktznsatz) die Fettsäuren verjagt, der Rückstand mit großen
Massen Äther ausgeschüttelt und der Äther verdunstet. Der zuriick-
bleibende Sirup erwies sich als optisch inaktiv. Durch Behand-
lung mit Zinkkarbonat wurde milchsaures Zink hergestellt, das
nach mehrmaligem Umkristallisieren vorsichtig auf Chlorcalcium
getrocknet wurde.
Gewicht des Trockenrtlckstandes : 3,221 g (Gewichtskonstanz)
nach Erhitzung auf 110 <" 2 Std.: 2,6388 g
Kristallwasser = 18,205 %
was der Konstitutionsformel das Salz der Gärungsmilchsäure
Zn (C3 Hft O3) a + 3 HgO = 18,18 % Kristallwasser ziemlich gut ent-
spricht, wenn man berücksichtigt, daß Spuren von Fleischmilch-
sänre anwesend sein konnten.
Der quantitative Nachweis der neugebildeten Milchsäure wurde
nach der schon oben erwähnten Boas'schen Methode durchgeführt.
Der optisch inaktive, also im wesentlichen racemische Milchsäure
enthaltende Atherrückstand von esterartigem Geruch von 600 ccm
Bouillon, in der lange Bazillen in Gegenwart von 5% Thymus-
extrakt Milchsäuregärung bewirkt hatten, ergab nach dieser
Methode 7,27 g reine Milchsäure.
In ähnlicher Weise wie bei der Vergärung des Traubenzuckers
entfalteten die langen Bazillen auch die Fähigkeit andere Zucker-
arten unter Milchsäurebildung zu spalten. Es ergeben sich dabei
ganz analoge Verhältnisse wie bei der Glykose: Der Zusatz von
Gtowebsextrakten hatte eine bedeutende Steigerung der Milchsäure-
bildung zur Folge. Am reichlichsten war die Säurebildung bei
Glykose, dann folgte Milchzucker, Malzzucker, Rohrzucker, (der
allerdings zum Teil invertiert wurde) Lävulose.^) Hingegen ver-
mochten die langen Bazillen die Polysaccharide nicht anzugreifen;
die Stärkeldsungen blieben vollständig unverändert, obwohl Bak-
terienwachstum bei Zusatz von Pepton stattfand. Ebenso wurde
Glyzerin nicht vergoren. Die Wirkung der Gewebsextrakte ließ
sich nicht durch andersartige Zusätze von Eiweiikörpern ersetzen.
Hefennucleins&ure (2 7o Lösung) beförderte nicht irgend erheblich
«las Wachstum, etwas reichlichere Milchsäurebildung konnte durch
1) AUe diese Znckerarten wnrden zn racemischer Milchsäure vergoren.
26*
390 XXIV. SicK
Zusatz größerer Quantitäten von Kaseinnatrium (Nntrose ö— 10\)
erzielt werden.
Zur Erklärung dieses auffallenden Einflusses von Zellextrakt
auf die Gärungsprozesse der langen Bazillen können verschiedene
Möglichkeiten herangezogen werden. Das scheinbar Nächstliegende
wäre die Annahme, daß der Zusatz zum Nährboden lediglich darch
Vermehrung des stickstofiThaltigen Nährmaterials günstig wirke.
Allein dagegen lassen sich schwerwiegende Einwände erheben. Es
wurde schon erwähnt, daß eine weitere Steigerung des Albumosen-
Zusatzes zum Nährboden keine irgendwie beträchtliche Verändenmg
der Vergärung des Traubenzuckers zur Folge hatte. Demgegenüber
ist der Zuwachs an Nährmaterial, der durch 2 — 10% Zusatz der
Gewebsextrakte zur Eulturflüssigkeit bedingt ist, ein außerordent-
lich geringfügiger. Ich habe mehrfach den Stickstoffgehalt der
Organextrakte bestimmt ; dieser zusammen mit der Bestimmung des
Trockenrückstandes und der Asche läßt deutlich erkennen, da£ von
einer irgendwie ins Gewicht fallenden Steigerung des Eiweifinähr-
materials keine Eede sein kann.
So war z. B. bei Versuch VII aus 3,462 g Carcinomsaft
ein Trockenrückstand von 0,29 g
und Asche 0,052 g
zu erhalten.
Der Stickstoffgehalt von 5 ccm betrug 0,03248 g nach KjeldahL
der daraus berechnete Eiweißgehalt 4,099%.
Bei Versuch VIII gaben 4,689 g Thymusextrakt
einen Trockenrückstand von 0,562 g
Asche 0,112 g.
Der Stickstoffgehalt von 5 ccm betrug 0,03388 g nach KjeldahL
der daraus berechnete Eiweißgehalt 4,235 7o-
Besonders eindringlich spricht jedoch gegen diese Annahme die
Beobachtung, daß die Gewebsextrakte, welche durch Kieselgurfilter
filtriert waren, annähernd dieselbe gärungsbefördernde Kraft ent-
wickelten wie der unflltrierte Saft, obwohl der Stickstoffgehalt des
Filtrates nicht einmal den 5. Teil des Gehaltes der ursprünglichen
Flüssigkeit ausmachte.
Eine weitere Möglichkeit der Milchsäureproduktion wäre ge-
geben in der autolytischen Zersetzung der verwendeten Gewebs-
extrakte. Nachdem Morishima^) bei der Selbstverdauung der
Leber eine auffällige Vermehrung des Milchsäuregehalts gefunden
1) Arch. f. exp. Path. 43 S. 217.
über die Milchsänrebildang bei Magenkrebs. 391
hatte, wurde die Säurebildang der Leber von A. Magnus-Levy^)
in erschöpfender Weise untersucht. Er fand bei der aseptischen
wie bei der antiseptischen Autolyse nicht unbeträchtliche Werte
voi^ Milchsäure und flüchtigen Säuren der Fettsäurereihe. Allein
es stellte sich bei seinen Versuchen heraus, daß bei der Produktion
dieser Säuren in erster Linie die Kohlenhydrate der Leber zersetzt
wurden, der EiweiBzerfall trat demgegenüber ganz in den Hinter-
grund. Da nun die von mir benutzten Gewebsarten: bösartige
epitheliale Neubildungen und die leukocytenreiche Thymus viel
weniger glykogenhaltig sind als die Leber, so war von vornherein
eine Beeinträchtigung der Versuchsergebnisse von dieser Seite
her kaum zu befürchten. Trotzdem wurde nicht versäumt, die zu
den Versuchen verarbeiteten Gewebe auf ihre autolytischen Zer-
setzungsprodukte hin zu prüfen. Die zerkleinerten Gewebe wurden
nach den Vorschriften der antiseptischen Autolyse mit der
10 fachen Gewichtsmenge steriler 0,9 7o Kochsalzlösung versetzt und
unter Zusatz von Toluol bzw. Chloroform verschieden lange Zeit
bei Körpertemperatur der Selbstverdauung unterworfen.
Das Ergebnis war:
L Thymus. 100 g auf 1 1 Kochsalzlösung
nach 1 Woche:
Acidität von 10 ccm = 0,7 '/lo Normalnatronlauge
„ des Ätherextrakts 10 ccm = 0,125 Vio »
„ der flüchtigen Säuren 10 ccm = 0,25 Vio «
n. Thymus. 72 g auf 720 ccm steriles destilliertes Wasser
nach 4 Wochen bei Körpertemperatur:
Acidität von 10 ccm — 1,1 Vio Normalnatronlauge
,, des Ätherextrakts 10 ccm = 0,15 Vi o n
„ der flüchtigen Säuren 10 ccm = 0,35 Vio n
ni. Carcinom. 90 g auf 900 ccm steriles destilliertes Wasser
nach 12 Wochen Aufenthalt bei Körpertemperatur:
Acidität von 10 ccm = 1,6 Vio Normalnatronlauge
„ des Ätherextrakts 10 ccm = 0,54 Vio «
„ der flüchtigen Säuren 10 ccm = 0,42 Vio n
Vergleicht man die obigen geringen Säurenwerte mit der starken,
in viel kleineren Zeiträumen entstehenden Milchsäureproduktion und
andererseits die großen Mengen der der Autolyse unterworfenen
Gewebe mit dem geringen Zusatz von Gewebsextrakt zu den Kul-
1) Beitr. z. ehem. Phys. Bd. II 1902 S. 261.
3Ö2 XXIV. SicK
turen, so wird man diese Art von chemischen Umsetzmügen mcbt
mehr zur Erklärung meiner Versnchsergebnisse heranziehen wolleD.
In neuerer Zeit ist man der Frage vielftwch näher getreten,
inwieweit tierische Gewebe an sich schon glykolytische Enzyme
enthalten.*) So wurde mittels des Buchner'schen Verfahrens
(Auspressen unter hohem Druck, Fällung mit Ätheralkohol) von
Stoklasa*) aus Lunge, Muskel und Blut ein eiwelBähidielier
Körper gewonnen, der ohne Bakterienzutritt in Traubenzucke^
lösungen Milchsäuregärung verursachte. Eine derartige Wirkung
hatten die von mir auf die angegebene, einfachere Weise ge-
wonnenen Gewebsextrakte in reinen Traubenzuckerlösungen nicht.
Außerdem sind die glykolytischen Enzyme gewöhnlich nicht im-
stande, die Eieselgurfilter zu passieren, während bei den vor-
stehend geschilderten Versuchen der wirksame Bestandteil der
Eiweifllösungen offenbar die Filter passierte. Man wird daher hier
die Milchsäuregärung als primären Effekt des Bakterienstoffwechsels
ansehen müssen.
Wenn also auch der Magenkrebs als solcher nicht imstande
sein dürfte, direkt oder indirekt selbst Milchsäure in beträcht-
licheren Mengen zu liefern, so könnte er Einfluß auf die Vege-
tationsbedingungen der langen Bazillen dadurch gewinnen, dafi
Säure- bzw. Alkalimenge des Mageninhalts in erheblicher Weise
beeinflußt wird. Das sogenannte Salzsäuredefizit, entstanden durch
Bindung der Salzsäure an basische Eiweißkörper im Magensaft,
deren salzsaure Salze gegen Phenolphthalein sauer reagieren und
eine hohe Acidität erzeugen können, ist bei Magenkrebs schon
lange mit der albuminösen Absonderung der geschwürig zerfallen-
den Neubildung in Zusammenhang gebracht worden.') Es wäre
nicht unmöglich, daß die dadurch bedingte Alkalescenz des Magen-
saftes in irgendwelcher Beziehung zu der Milchsäurebildung der
langen Bazillen stünde. Allein diese Annahme ließe sich keine^r
wegs mit dem Ergebnis meiner Kultivierungsversuche in Einklang
bringen. Denn das Salzsäuredefizit der Peptonbouillonkultui'en, das
einen auffallend hohen Wert hatte (14,5—14,7 ccm Vio Normalsalz-
säui-e auf 10 ccm Bouillon), wurde durch den Zusatz von 5 % Thymus-
extrakt um durchschnittlich 0,65 Vio Normalsalzsäure, also ganz
1) Vgl. Oppenheimer, Die Fermeute nnd ibre WirknDgen. Leipzig 190S.
S. 352 ff. nnd Emmerling, Die Zersetzung: sückstofEfreier organischer Sub-
stanzen durch Bakterien. Brannschweig 1902.
2) Stoklasa, Czerny und Jelinek, Zentralbl. f. Phys. 16 1908 S. 712.
3) Klemperer, Zeitschr. f. klin. Med. Band 14 S. 147.
über die Milchsänrebildung bei Magenkrebs. 38ä
unweamtlidi' gesteigert Darauf Iconnte also der große Unterschied
der Mildisaiirebildaiig in den Knltnren nicht beruhen. Ander^^
seits wäre es auch unvereinbar mit allen sonstigen Erfahrungen
über die Vegetationsbedingungen der langen Bazillen, daß jene
durch yermehrnng der Alkalescenz des Nährsubstrates erleichtert
w&rde. Das Gegenteil ist das wahrscheinliche. Endlich ist zu be-
denken, daß das Salzsänredefizit durchaus nicht ein für das Magen-
carcinom eigentümliches Merkmal ist Man findet vielmehr auch
bei chronischem Magenkatarrh, bei Achylia gastrica und bei ner-
vQaen mit Anacidität einhergehenden Dyspepsien ein solches, frei-
lich ohne irgendwelche konstante Werte. ^) Denn basische, salz-
säorebindende Körper bilden sich auch hier: Sekret der Becher-
zelien des Magens, Peptone, Aminosäuren. Da aber bei diesen letzt-
genannten Störungen der Magenfunktion stets eine erhebliche Milch-
säoreproduktion ausbleibt, so läßt sich das Salzsäuredefizit sicher
nicht als die eigentliche Ursache dieser gesteigerten Oärungsvorgänge
ansprechen. Man müßte ja bei jenen nicht krebsigen Erkrankungen
des Magens, die mit Anacidität einhergehen, ein konstantes Sym-
ptom : das Ausbleiben der Milchsäuregärung, durch eine ganz inkon-
stante Erscheinung: das Salzsäuredefizit, zu erklären suchen.
Je mdir Mikroorganismen heutzutage als gelegentliche oder
obligate Milchsäurebildner bekannt sind — kennt man ja doch
eine Anzahl milchsäurebildender Kokken — umsomehr muß der
mögliche Einwand Beachtung finden, daß Verunreinigung der Kul-
turen mit fremdartigen Bakterien, die bei Zusatz der Gewebs-
eztrakte sich eingeschlichen hatten, das Ergebnis der mitgeteilten
Versuche unsicher machten. Wie schwierig diese Frage besonders
bei der Beurteilung von fermentativen Umsetzungen werden kann,
zeigt beispielsweise die jüngst erschienene Kritik der Cohnheim-
schen Versuche *) über die Glykolyse von Muskelpreßsaft im Verein
mit Pankreasextrakt durch Claus und Embden^), deren Berech-
tigung zu prüfen mir nicht ansteht Die genannten Autoren kommen
zu dem Schluß, daß diese vermeintlich fermentative Wirkung einzig
und allein auf Verunreinigungen — wahrscheinlich bakterieller
Natur — zu beziehen sind. Bei meinen Versuchen diesen Einwurf
auszuschließen, war eine schwierige und mühevolle Aufgabe. Sie
1) Vgl. Ewald, Berl. klin. Woch. 1892, 26 u. 27 und Honigmann, Berl.
klin. Woch. 1893 15 u. 16. — Cohn u. v. Mering, Arch. f. klin. Med. 1887
Bd. 39 S. 233. — Moritz, Arch. f. klin. Med. 1889 Bd. 44 S. 277.
2) Zeitschr. f. phys. Chem. Bd. 39 S. 336 1903.
3) Beitr. s. chem. Phys. Bd. 6 S. 214 n. 343 1905.
394
XXIV. SiCK
wurde aber in zuverlässiger Weise gelöst durch das Arbeiten mit
den keimfrei filtrierten Gewebsextrakten, nachdem erwiesen war.
daß ihre Wirksamkeit hinter den unfiltrierten Gewebssäften nicM
zurückblieb und dafi die Filtrate tatsächlich frei von entwicklungs-
fähigen Keimen gewonnen werden konnten. Trotz prinzipieller
Bedenken kann man übrigens auch den vielfach von mir benutzten
Weg einschlagen, die Säureproduktion vor der Besäung beginnen
zu lassen and durch den höheren Säuregrad die Wucherung fremder
Bakterien, die mit den Gewebsextrakten eingeschleppt wurden,
hintanzuhalten. Ich glaube dargetan zu haben, daß auch diese
Methode praktisch brauchbare Resultate bringt
Nach all diesem erhebt sich aber immer dringlicher die Frage,
wie müssen wir uns den mächtig fördernden Einfluß qnantitatiT
kleiner und auch qualitativ (nach Filtration durch die Kieselgur-
kerze) scheinbar wenig gehaltvoller Mengen von Organextrakten
auf den Ablauf der bakteriellen Lebensprozesse vorstellen.
Den Schlüssel zum Verständnis dieses Vorganges wird man
wohl durch eine Anzahl Beobachtungen erhalten, die ich über die
Hitzebestäudigkeit des wirksamen Körpers solcher Extrakte sammelte.
Erhitzte man nämlich Carcinom oder Thymuszellsäfte auf 55*, 70 •,
80 *, so wurde ihre Wirkung auf die Lebensvorgänge der langen
Bazillen empfindlich gestört. Schon die geringe Erwärmung auf
55* 1 Stunde genügte, um die Säureproduktion in den Kulturen
um reichlich Va herabzusetzen, eine solche von 60 ® (2 Stunden) ca.
um die Hälfte, die Erwärmung auf 80® verminderte die Wirksam-
keit der Extrakte binnen 15 Minuten um mehr als */«• So betrug
bei Versuch Nr. XL VIII nach 3 Tagen Gärung mit langen Bazillen
die Säureproduktion:
Kulturflüssig-
keit
Zusatz
Grad und Daner
der
£rhitznng
Sänreprodnktion
in 10 ccm der
Kaltnrfifissigkeit
100 ccm Trauben-
zuckerpepton-
bouillon
n
r
t»
0
5 ccm Thymus-
extrakt
nicht erhitzt
55 • 1 Stunde
70 0 2 Stunden
800 16 Minuten
1,0 ccm Vä Normal-
säure
9.5
6,3
4,9
3,1
»'
Ähnliche Werte erhielt man nach Zusatz von aktivem bzw.
inaktivem Blutserum.
Die geringe Hitzebeständigkeit des wirksamen Körpers in den
über die Milchsänrebildung bei Magenkrebs. 396.
Gewebsextrakten sowie seine Filtrierbarkeit durch Eieselgforfllter
endlich seine in ziemlich weiten Frenzen gegebene Unabhängigkeit
von Quantität des zugeführten Materials lassen es erlaubt oder
vielmehr als geboten erscheinen, die Wirkung dieser Gewebe als
eine fermentative zu bezeichnen. Nach der Art seiner Betätigung
kann man das supponierte Ferment der großen Gruppe der Kata-
lysatoren einreihen : Es wird ein biochemischer Prozeß, der an und
für sich in langsamem Ablauf begriffen ist, durch die Ferment-
wirknng hochgradig beschleunigt und modifiziert. Freilich ist der
Vorgang nicht entfernt so einfach wie bei den Umsetzungen orga-
nischer Verbindungen durch Enzyme oder gar wie bei den an-
organischen Katalysatoren (6 redig), da in unserem Falle die
Bakterienzelle mit dem unbekannten Faktor des lebenden Proto-
plasmas dazwischen geschaltet ist. Es bestehen mehrere Möglich-
keiten, nach denen wir uns den Abbau des Traubenzuckermoleküls
denken können. Die eine Möglichkeit ist die: die langen Bazillen
können von vornherein den Traubenzucker bis auf die Fettsäuren
spalten; in Gegenwart der Gewebsflüssigkeiten, die man sich ge-
wissermaßen als Sauerstoffüberträger denken muß, werden Oxyfett-
säuren, in erster Linie Oxypropiousäure, Milchsäure gebildet Für
die Annahme oxydativer Substanzen in den Organextrakten exi-
stieren auch anderweitige Erfahrungen. Andererseits könnten durch
Spaltung piimär gebildeter Milchsäure unter Einwirkung oxydie-
render Substanzen niedere Fettsäuren entstehen (Acetaldehyd +
Ameisensäure)
CHs
CHa
CHOH= I +HCOOH
I CHO
COOH
Ich möchte mich eher für die erstere Auffassung entscheiden,
da unter einfacheren Versnchsbedingungen die Fettsäuren primär
vorwiegen und die oxydierende Kraft der Gewebssäfte für das
Zerreißen des Milchsäuremoleküls kaum genügen dürfte. Die Zer-
setzung von Glykose zu flüchtigen Fettsäuren ist in der Bakterien-
kunde nicht ohne Beispiel ; Brieger*) hat für einen dem Pneumo-
kokkus ähnlichen, in den Fäces lebenden Kokkus diese Eigenschaft
in überzeugender Weise nachgewiesen. Für den Colibazillus fand
Baginsky') ähnliche Verhältnisse: Spaltung von Disacchariden
in Fettsäuren und Milchsäure. In analoger Weise, wie bei meinen
1) Zeitochr. f. physiol. Chemie Bd. 8 S. 306 1888.
2] Zeitscbr. f. physiol. Chemie Bd. 12 S. 434 1888.
396 XXIV. SicK
Befanden, fand er eine Steigerong der Fermentation proportifmai
mit dem £iwei%ehalt des Nähreabstrats.
Die Erkenntnis, daß Körper von Fermentnator in den Eiweil*
lösnngen wirksam sind, die den StoffWeohsel der langen BanlleD
so maßgebend beeinflussen, Atarte zn der weiteren Frage, ob diese
Eöiper einer bestimmten Grnppe von Eiweißderiyateü aagehörat
Zwar ist man hente vielfach geneigt, die Fermente nicht 9i&
chemisch deflnierbare Körper zu betrachten, sondern allein ihrem
physikalischen Aggregatznstand, ihrer Kolloidnatnr, die speziflachen
Eingeschaften zuzuschreiben. Jedenfalls aber ist die Tatsache za
berücksichtigen, daß vielfach die Fermente bestimmten Eiweiße
arten anhängen, mit ihnen ausfallen, allerdings auch nicht weiter
von ihnen zu trennen sind. Daher versuchte ich durch AussabEen
der Eiweißkörper die Eiweißfraktion festzustellen, der das Fer-
ment anhaften dfirfte. Die Versuchsanordnung ergab hier ganz
besondere Schwierigkeiten, da die einzelnen Eiweißfraktionen
empfindlichen Bakterien gegenüber als Nährsubstrat dienen mußten.
Es gelang daher erst nach einer Reihe mißglückter Versuche mit
Zinksulfat, Magnesiumsulfat und Phosphorwolframsäure, Körper, die
sich alle nicht genügend aus den Filtraten der Fraktionen ent-
fernen ließen, in der Ammoniumsulfatfällung eine für diese speziellen
Zwecke brauchbare Methode zu finden. Denn geringe Spuren von
Ammoniamsulfat, die durch Dialyse nicht vollständig entfernt werden
konnten, hinderten die Lebenstätigkeit der langen Bazillen nicht
Es worden gewöhnlich 3 Fraktionen yorgenommen : ^J^ Sättigung
(25Vt% Ammonsulfat) , V2 Sättigung (38 «/^ Ammonsulfat) und Ganz-
sättigang (alles bei Zimmertemperatur). Als Objekt der Fällung wählte
ich Einderblutserum, um eine gut gekannte Eiweißlösung zu verarbeiten.
Die 3 Fraktionen, mit denen nacheinander £u- und Pseudoglobuline»
Albumine und Prot- und Deuteroalbumosen ausgefallen waren, wurden
abfiltriert und das Filtrat der Dialyse gegen destilliertes Wasser unter-
worfen. Durch die Güte von Herrn Professor v. Hüfner wmde es
mir möglich gemacht, die Dialysiervorrichtangen des physiologisch* cheau-
sehen Inetituts zu benutzen.^) Die Dialyse geschah unter Kühlung mit
Eis in einer mit Pergamentpapier überzogenen rotierenden Trommel.
Dieser Apparat machte es möglich, das Salz in so kurzer Zeit annähernd
vollständig zu entfernen (Neßler's Reagenz ergab noch deutliche, Chlor-
baryum eben nooh erkennbare Reaktion), daß die Eiweißldsnng keine
Spur von Fäulnis zeigte. Die dialysierten Eiweißlösungen wurden auf
gleiche Volumina aufgefüllt und gleiche Quantitäten teils mit, teils ohn^
vorhergeganf^ene Filtration durch ein Berkefeldfilter zu Zuckerbouillon-
kulturen mit laueren Bazillen zugesetzt.
1) Vgl. Hafner, Zeitschr. f. physiol. Chemie Bd. 41 S. 1 1904.
, über die Milchsäarebildnng bei Magenkrebs. 397
Hier zeigte sich nun, da£ die nach OanzäättigUBg znrtck^
gebliebenen Eiweißkörper, also die den Peptonen nahesf^hendlgil
Spaltprodukte nur wenig geringere Wirkung erzielten, alu die Ge-
sanitJieit allef im Serum befindlicher EiWeiSkörper, also mit anderen
Worten: Die HauptlÖrtlerung der fetihentativen Wirkung erhalten
die langen Bazillen nicht von den nativen, sondern von den schwer
fällbai^n, albumoseähnlichen Eiweifflcörpem.
Z. B. y erstich !^XI: Zu je 100 ccm Traubensuckerbouillon nüt
langen Basillen werden gleiohe^ FltisBigkeitsuiclDgen diir dialysierten Fil-
tnKte anf Fraktion I, U und III zugesetst.
Sänrebildang nach 3 Tagen:
Filtrat aua I (Vs gesättigt) 5 ccm =5,7 ^/^^ NormalBäure
II (Va « ) 5 ccm = 5,3 V,^
„ m (gana „ ) 5 ccm = 4,75 ^j^^ „
Bei den durch Kieselgurfilter keimfrei filtrierten Eiweißlösungen sind
die entsprechenden Zahlen folgende.
5 ccm = 5,4 ^/^Q NormalBfinre
5 ccm = 4,7 Vio n
5 ccm = 4,4 Via «
Von derartigen Versuchsreihen stehen mir zwei gut flberein-
stimmende zur Verfögung; die Verwendung keimfrei filtrierter
EiweiBlösungen därfte die Zuverlässigkeit der Versuche garantieren.
Wegen der geringen Beimischung von Ammonsulfat war es nicht
möglich, den Stickstoffgehalt der einzelnen Filtrate durch Ejeldahl-
bestimmungen zu vergleichen. Die Intensität der Biuretreaktion
nahm, entsprechend dem verminderten Eiweißgehalt, gleichmäßig ab.
Das Besultat dieser Versuche steht in guter Übereinstimmung
mit den schönen Untersuchungen von Emerson M, die das Er-
gebnis erbracht haben, daß die autolytischen Zerfallsprodukte des
Magencarcinoms natives Eiweiß in Verdauungsprodukte der Albu-
mosenstufe überfuhren kann, welche hinwiederum die Salzsäure im
Magen binden und das Salzsäuredefizit erklären. Auch bei vor-
liegenden Versuchen liegt die hauptsächliche Förderung der Ferment-
wirkung in den primären und sekundären Abbauprodukten der
genuinen Eiweißkörper.
Die Ursache, weshalb die in den Magen mit der Nahrung
hereingelangenden Eiweißkörper keine merkliche Einwirkung auf
die Fermentation der langen Bazillen haben, durfte teils in dem
kurzen Verweilen der Eiweißabbaiiprodukte im Magen, teils in
.<einer schon herabgesetzten peptischen Verdauungskraft seine Ur-
sache haben; endlich mag ein großer Teil der Eiweißkörper der
1) Arch. f. kiin. Med. Bd. 72 S. 415 1902.
398 XXIV. SicK
Nahrung in einem ungeeigneten Zustand (gekocht, gebraten) in den
Magen gelangen.
Ganz kurz möchte ich auch noch eine Versuchsreihe berahren.
die mit Rücksicht auf die berahmten Buchner'schen Entdeckungen
von der Isolierbarkeit unorganisierter Fermente aus den Hef^
Zellen vorgenommen wurden. Es lag nahe, auch für die langen
Bazillen ein solches Kohlenhydrat spaltendes Enzym anzunehmen,
das selbständig, vom Bakterienleib getrennt, zur Wirkung kommen
könne. Um Preßsäfte herzustellen ist die Wachstumsenergie dei
langen Bazillen bei weitem zu gering. Auf den Rat von Heim
Professor Dietrich versuchte ich daher, die Bakterienleiber mit
Hilfe von flüssiger Luft zu zertrümmern.^) Das wässerige Extrakt
dieser Bakterientrümmer wurde zu Traubenznckerlösungen zugesetzt.
Allein es zeigte sich nicht die mindeste Änderung in der Kon-
zentration der gebrauchten Zuckerlösungen. Auch das . keimfreie
Filtrat von Znckerbouillon , in der die Bazillen gewachsen waren,
konnte keine Änderung in dem Traubenzuckergehalt hervorbringen.
Dagegen erwies sich die flüssige Luft als hervorragend geeignet
die zerkleinerten Organe durch Aufschließung der endocellulären
Fermente vermittelst der starken Temperaturemiedrigung in dieser
Richtung wirksam zu machen. In dem Sitzungsbericht der deutschen
chemischen Gesellschaft vom Februar 1903 teilt Bu ebner die
Isolierung eines Milchsäureenzyms aus Bakterien mit.
Der bisher geschilderte Verlauf der Gärungsprozesse bei den
langen Bazillen ist biologisch nicht uninteressant. Die Bakterien
liefern das reduzierende Ferment, das die Zuckerarten in Fettsaure-
moleküle aufspaltet. Ähnliches kann durch Erwärmen von Zucker-
lösungen mit Natronlauge künstlich herbeigeführt werden. Der
tierische Organismus, bzw. die Zerfallsprodukte desselben vollziehen
nun wiederum die Hydroxylierung jener Kohlenwasserstoffe. Dies
ist offenbar eine sehr verbreitete Funktion der tierischen Gewebe,
ich erinnere nur an die Bildung der /J-Oxybuttersäure beim
Diabetes mellitus, deren Herkunft von Fettsäuren wohl allgemein
zugegeben ist Durch Eintritt der Hydroxylgruppe an Stelle eines
Wasserstoffatoms in das Fettsäuremolekül wird letzteres gelockert
und weiterer Zerlegung fähig.
Ich will es nicht unterlassen, die hauptsächlichen Ergebnisse
der vorliegenden Untersuchungen nochmals kurz zusammenzustellen:
Die langen Milchsäurebazillen kommen im carcinomatasen
1) Vgl. 3Iacfadyen, Zeitschr. f. allg. Phys. Bd. m S. 304.
über die Milchsänrebildnng bei Magenkrebs. 399
Magen in überwiegender Menge vor und sind bei der Milchsäure-
gärang des Mageninhaltes in erster Linie tätig.
Die langen Bazillen haben eine über den Magen-
krebs weit hinausgehende Verbreitung und können sehr
häufig im Darmkanal von Kranken mit Anacidität oder
Snbacidität kulturell nachgewiesen werden. Häufig finden sie
sich in der Mundhöhle Gesunder.
Bei Fehlen von ulceriertem Magenkrebs kommen die Bazillen
nicht zu üppigerem Wachstum und bilden höchstens geringe Mengen
von Fettsäuren.
In vitro gedeihen die langen Bazillen ohne Eiweißkörper über-
haupt nicht
Bei Anwesenheit von wenig Eiweiß oder von durch Kochen
nicht koagulierbaren Eiweißarten ist die Säureproduktion geringer,
es werden vorwiegend flüchtige Fettsäuren, nur
äußerst wenig Milchsäure gebildet.
Bei Zusatz von Eiweißkörpem in Gestalt von Extrakten aus
Carcinomen oder zellreichen Organen (Thymus) oder von Blut-
serum steigt die Säureproduktion rasch an und zwar
unter Vorherrschen ätherlöslicher Säuren, hauptsächlich
Milchsäure.
Eine Reihe von Gründen spricht dafür, daß diese Einwir-
kung der Gewebsextrakte auf den Stoffwechsel der Bakterien
als fermentativ zu bezeichnen ist.
Voraussetzung für das Wachstum der langen Bazillen ist
das Fehlen der freien Salzsäure im Magensaft, bzw. ihre
Herabsetzung auf ganz geringe Mengen. Begünstigend wirkt
die Störung der Magenmotilität. Ausschlaggebend
für die Vegetation und die Milchsäuregärung sind die als Pro-
dukte der Selbstverdauung (Autolyse) des Krebses in
den Magen abgesonderten löslichen Eiweißkörper, an die Ferment-
wirkungen gebunden sind.
Für klinische Untersuchungen ist zu beachten, daß der Nach-
weis flüchtiger Fettsäuren nicht ohne weiteres im
nämlichen Sinn verwertet werden darf, wie der sichere
Nachweis von Milchsäure. Milchsäure in erheblicheren
Mengen im Mageninhalt nachgewiesen berechtigt zur Diagnose
Magenkrebs.
XXV.
über Atropin-Eumydrinwirkung bei Magendarmerkranking.
Von
Dr. med. Hagen,
Nordliausen.
Trotzdem die in ärztlichen Kreisen fast aller zivilisierten Länder
zahlreich verstreuten therapeutischen Beobachtongen und Er£ali-
rungen der Atropinwirkung im Gebiete der Magendarmerkrankaogen
(chronische Obstipation, Brucheinklemmung, Ileus) zur physiologi-
schen Erklärung notwendigerweise eine „erregende AtropiB-
Wirkung auf die glatte Muskelfaser" voraussetzen
mußten, eine solche auch durch Roßbach an der Iris und dem
Herzen, durch Hagen am Katzen- und Kaninchendarm nach-
gewiesen war; obgleich ferner die Kontroll versuche Jacobj's die
Wahrheit des Hage naschen Befundes bestätigten und noch hinzu-
fügten, daß gleichzeitig mit dieser Wirkung der peristal tische
Natronreflex lebhaft entwickelt werde, d. h. daß der
Darm sich oberhalb der Reizstelle in mehr oder weniger groSer
Ausdehnung kontrahiere, während er unterhalb derselben erschlaffe:
und obgleich auch Floel nachwies, daß alle Vorgänge am Dann,
welche seine Nerventätigkeit aufzuheben geeignet sind, auch den
Natronreflex aufheben, — so hat dennoch der Glaube an v. Bezolds
Unfehlbarkeit in fach wissenschaftlichen Kreisen die erregende Atropin-
wirkung immer wieder verneint und damit jede Fortschrittsregang
seit 1867, d. i. beinahe 4 Dezennien hindurdi, gehemmt ! Gehemmt
aber nicht zu unterdrücken vermocht!
Denn die neuesten von R. Magnus (Heidelberg) im Laufe
des Jahres 1904 ausgeführten und in Pfl&ger's Archiv für die ge-
samte Physiologie Bd. 102 u. 103 veröffentlichten Untersuchungen:
1. Versuche am überlebenden Dünndarm von Säugetieren, 2. über
die Beziehungen des Darmnervensystems zur Darmbewegung, 3. Über
die Erregungsleitung, 4. Über die Rhythmiosität und rd^ktäre
über Atropin-Enmydrmwickang bei Magendarmerkranknng. .401
Periode der Darmbewegfung, 5. Über Wiikungsweise und Äogrifis-
pankt einiger Gifte am Eatzendarm (Beim 1905), bestätigen, daß
Atropin am Eatzendarm erregend wirkt und daß alle die Beobach-
tungen, deren Richtigkeit so oft bezweifelt worden ist, im Experi-
n^ent am Tier, im Heilerfolg am Mensehen sachgemäß und wahr-
heitsgetreu im Sinne der Erregung gemacht worden »sind. Neuer-
dings hat auch Ereß dieselben Verhältnisse für den Hunde- und
Kaninchendarm festgestellt.
Damit ist y. Bezold's dogmatischer Lehrsatz „von der aus-
schließlich lähmenden Atropinwirkung'' für immer aus den Annalen
der Pharmakologie gestrichen, seine Berechtigung auf das ihm zu-
kömmliche Maß reduziert!
Bei der fundamentalen Bedeutung der Magnus'schen Unter-
suchungen für unser Thema ist ein näheres Eingehen auf dieselben
unerläßlich.
Sämtliche Versuche wurden an isolierten Darmschlingen angestellt,
welche in körperwarmer und mit Sauerstoff durch perlter Binger'schen
Xiösung^) schwammen, und deren Auerbach'scher Nervenplexus, weit
aasgebreitet zwischen Längs- und Ringmuskelschicht verlaufend, teils be-
lassen (plexushaltig), teils abgetrennt und zerstört war (plexusfrei). Das
in Frage kommende Gift ¥nirde dann in verschieden prozentigen Lösungen
der Kingerlösung hinzugefügt, und der Gang der Darmbewegung in
^aphischen Kurven aufgenommen.
Was nun die Atropinwirkung auf die Bewegung der Darmsohlinge
betrifft, so stellt Magnus zunächst Folgendes fest:
Im Gegensatz zur verbreiteten Meinung ist der Darm der Säuge-
tiere relativ unempfindlich gegen Atropin. Bayliß und Starling
sahen beim Hunde nach 30 mg Atropin noch peristaltische Beflexe,
Pendelbewegungen, und die Wirkung der Vagi und Splanohnici völlig
unverändert. Ebenso kann man auch am isolierten Darm beobachten,
daß in einer 0,05 % Lösung (0,1 g auf 200 Bingerlösung) die Darm-
bewegungen noch über 1 Stunde und länger fortgehen, dann erst werden
sie kleiner um nach und nach zu verschwinden.
Gegenüber der lähmenden Wirkung größerer Atropinmengen läßt
sieh nun, wie Hagen gefunden hat, durch kleine Dosen eine deutliche
^Erregung und Steigerung der Darmbewegung nachweisen. Außerdem
wird aber durch mäßige Dosen auch der Typus der Darmbewegung ver-
ändert, indem nämlich statt der bei der Katze normal auftretenden, großen
TonuBschwankungen, auf die sich die einzelnen Pendelbewegungen auf-
setzen, eine ganz außerordentlich regelmäßige Darmbewegung einsetzt,
an der nur . ausgiebige Pendelbewegungen und keine Tonusschwan-
1) Dieselbe enthält die physiologischen Chlorverbindungen des Natriums,
Kaliums, Caldnms und das kohlensaure Natron des Blutes und ist nach meinen
Srfahrungen therapeutisch für Herz- und Niereninsufficienz bei gleichzeitiger
liyperteiiaseher Pc^oythämie von höchster Bedeutung!
402 XXV. Haobn
kungen zu erkennen sind! Wir haben es also gegenüber der
lähmenden Wirkung grofier Atropindosen bei kleinen Mengen dee 6ifU
im wesentlichen mit 2 Erscheinungen zu tun: 1. der Erregung und
2. der Begularisierung!
Die erregende Wirkung kleiner Oaben läßt sich, wie Hagen ge-
funden hat, nicht in allen Fällen mit Sicherheit beobachten. „Ich habe
sie aber yielfach auch an intakten Därmen eintreten sehen ; und sie ist
besonders dann deutlich, wenn aus irgend einem G-runde die Dann-
bewegung vorher schwach und wenig ausgiebig war.*' Die Dosen, bei
denen diese Erregung beobachtet wurde, liegen alle etwa bei 0,1 g auf
200 Bingerlösung (0,05 %). Während diese Erregung am intakten Darm
manchmal ausbleiben kann, ist sie eine konstante Erscheinung bei den
Präparaten von Längsmuskulatur, welche mit samt dem Auerbach'sclien
Plexus von der Darmwand abgezogen werden. Derartige Präparate
führen sehr ausgiebige und durch Pausen getrennte, spontane Bewegungen
aus. Setzt man nun 0,025 — 0,075 ^/^ Atropin zu, so tritt nach kurzem
deutliche Erregung ein. Diese äußert sich erstens in einer Tonnssteige-
rung, zweitens aber dadurch, daß die Pausen fortfallen, so daß. jetzt die
Bewegungen des Längsmuskelstreifens völlig denen gleichen, welche die
Längsmuskulatur einer intakten Darmschlinge ausführt. Kleinere imd
mittlere Dosen verändern den Bewegungsmodus der intakten Schlinge.
Unter ihrer Wirkung bleiben die peristal tischen Reflexe vollständig er-
halten; und die lähmende Wirkung des Atropins tritt nach den kleinen
Dosen 0,025 — 0,05 ^/^ entweder gar nicht, oder erst nach sehr langer
Zeit ein. Vielmehr dauern die Bewegungen hier mit großer Regel-
mäßigkeit lange Zeit an. Erst größere Dosen führen zu allmählicher
Lähmung. Eine intakte Darmschlinge kommt in einer 0,3 ^/^ Lösong
etwa in 1 Stunde zur Ruhe. Der endgültige Stillstand der Bewegung
bei allen zentrenhaltigen Präparaten erfolgt nun durchaus nicht etwa
immer im Zustande der ErscblafiPung ; vielmehr kann er, sowohl bei hohem
wie bei niederem Tonus im Zustande der Verkürzung wie der Verlänge-
rung eintreten.
Überblickt man die geschilderten Versuche, so ergibt sich, daß
das Atropin schließlich das motorische Nervensystem und die Muskeln '
der Darmwand lähmt, daß aber hierzu sehr große Dosen nötig sind.
Außerdem hat sich zeigen lassen, daß kleine Dosen eine erregende
Wirkung besitzen, welche ausschließlich in dem Auerbach'schen
Plexus angreift.
Für die therapeutische Beurteilung des Atropins kommt aber
nur die Wirkung der kleinsten Dosen in Betracht: also die Er-
regung der Darmbewegung und die Regularisierung !
Eine weitere, ebenfalls therapeutisch wichtige Wirkung kleinster
Atropingaben entspringt aber aus dem Vergleich antagonistischer
Versuche des Atropins gegen Pilocarpin, Muscarin uud Physo-
stigmin. Aus ihnen ergibt sich bekanntlich, daß z. B. eine durcb
Pilocarpin bewirkte Tonussteigerung durch Atropin komplett bc-
über Atropin-EnmydrinwirkBng bei Magendarmerkranknng. 403
seitigt werden kann. Diese Aufhebung geschieht entweder dorch
Absinken des Tonus bei fortdauernden Bewegungen oder so, daß
zunächst Erschlaffung, unter Stillstand der Pendelbewegungen, ein-
tritt, dann aber, im erschlafften Zustande und bei weiterer An-
wesenheit des Qiftes, wieder lebhafte Bew^ungen einsetzen. Diese
Bewegungen haben aber in sehr vielen Fällen den typischen
Charakter der Atropinerregung ! Betrachtet man nämlich die
Dosen des Atropins, durch welche diese Wirkung hervorgerufen
wird, so zeigt es sich, da£ sie weit unter einer lähmenden Gabe
lieg^i. Vielmehr genügen schon Atropinmengen, die am normalen
Darme gerade eine erregende Wirkung äußern würden.
Wir haben also das überraschende Ergebnis, daß die geschil-
derte Wirkung des Atropins schon hervorgerufen wird durch die
minimalsten Dosen, welche am unvergifteten Präparat kaum er-
regend wirken würden, oder ohne jeden Effekt geblieben wären !
Genau derselbe Antagonismus bei den geschilderten kleinen
Gaben wird nun auch beim plexusfreien Präparat beobachtet und
dasselbe gilt in ähnlicher Weise für das Muscarin wie für das
Physostigmin.
Das bemerkenswerteste Ergebnis dieses Abschnittes ist, daß
wir noch eine neue, sehr wichtige Wirkung kleinster Atropin-
mengen kennen gelernt haben.
Zu den bereits geschilderten Effekten, der Atropinerregung
und Begularisierung der Darmbewegung kommt als Drittes hinzu,
daß Atropingaben, welche sogar noch unter den erregenden Gaben
liegen, imstande sind, Kontraktionszustände des Dai*ms, welche
durch gewisse Gifte erzeugt sind, vollständig und momentan zu
beheben. Mit einer Lälimung hat dieser Effekt nichts zu tun. Wir
lernen also erst jetzt die ProteusDatur der Atropinwirkung völlig
kennen: in kleinsten Dosen die Bewegung eines Darmes bei ge-
ringem oder mittlerem Tonus zu erregen, andererseits aber auch
maximale Kontraktionszustände [des Darms zu beseitigen. Welche
von diesen Wirkungen nun für die Beurteilung der therapeutischen
Verwendung des Atropins, z. B. bei den verschiedenen Formen des
Ileus und der Brucheinklemmung heranzuziehen ist, müssen weitere,
speziell darauf gerichtete Untersuchungen feststellen.
In meiner Abhandlung über: „das Eumydrin als Atropinersatz^
(Heilkunde v. Eoßmann und Weiß, Berlin und Wien 1905, 1. Heft)
sind dieselben bereits umfangreich ausgeführt und ihr Resultat: „daß
nur da der Atropingebrauch Aussicht auf heilenden Ei*folg bietet,
wo es gilt, den irregeleiteten Gang der Peristaltik zu regeln, den
Deutsches Archiv f. klin. Medizin. 86. Bd. 27
404 XXV. Hagen
gehemmten zu befreien, den gelähmten neu zu beleben and zu
physiologischen Normen zurückzuführen" deckt sich vollkommen
mit den experimentellen Erfahrungen am Katzen-, Hunde- und
Kaninchendarm: der Erregung, der Regularisierung und der Be-
seitigung tetanischer Zustände desselben in den Arbeiten von
Magnus und Kreß.
Jene werden durch diese pharmakologisch und physiolog:isch
begründet; diese durch jene kasuistisch erklärt! Beide vereint
beweisen die Identität der Atropinwirkung am Menschen, Fleisch-
und Pflanzenfresser, und bilden die feste Basis eines in der Patho-
logie des Magendarmkanals wichtigen therapeutischen Neabaos!
Der Gebrauch des Atropins oder seines Ersatzmittels, des
Eumydrins, wird sich in Zukunft in der Magendarmtherapie nicht
mehr so ohne weiteres beiseite schieben lassen!
Die Vielseitigkeit der Atropinwirkung macht den Zauber ihres
Erfolgs von der Dosierung des Mittels abhängig, die individuelle
Empfindlichkeit für die toxische Wirkung desselben aber verschärft
die Sorgfalt, mit der in jedem Einzelfalle die Gabengröße fest-
zustellen ist. Nimmt man hinzu, daß die unmittelbare Applikation
des Mittels am Orte der Erkrankung den Heilerfolg mehr sichert
und die toxische Allgemeinwirkung mehr verhütet, als die innere
Verabreichung, so folgt, daß die Sicherheit des therapeutischen Er-
folgs des Atropins von der Sorgfalt seiner Dosierung und seiner
topischen Verwendung abhängt. Mit ihnen wächst aber auch der
Anspruch an die Geduld, den Scharfsinn und die Aufmerksamkeit
des behandelnden Arztes. Sie erschwert ihm unter Umständen die
strenge Durchführung seiner Aufgabe und verleidet sie sogar, wenn
sie ganz unerwartet gefahrdrohende Symptome herbeifuhrt oder
aber gänzlich versagt! Beide Ereignisse sind äußerst seltene Er-
scheinungen. Sie kommen jedoch beim Atropinsulfatgebrauch vor
und lassen den Wunsch nach einem verläßlicheren Mittel gerecht-
fertigt erscheinen.
Die Geschichte des Atropingebrauchs verzeichnet nur wenige
Fälle von tödlichem Ausgange bei ophthalmiatrischer Veiivendang
bei Kindern, von solchen bei Magendarmerkrankungen weiß sit
nichts zu berichten, und die Frühsymptome der beginnenden All-
gera ein Vergiftung : Mydriasis der Pupille und rauher Hals bei sub-
kutanem oder innerem Gebrauch sind frühzeitige Warner! Dem-
nach ist die Gefahr an sich nicht groß. Da aber die Anerkennung
eines Medikaments auf seiner Verläßlichkeit beruht, dieselbe er-
fahrungsgemäß dem „Salpeter säur en Methyl-Atropin
über Atropin-Eumydrinwirkung bei Magendarmerkrankung. 405
„Eumydrin" in höherem Grade zukommt als dem Atropinsulfat,
so sei jenem vor diesem das Wort geredet!
Nach Sigm. Fränkel (Wien) (Stereochemische Konfiguration
und physiologische Wirkung. Ergebnisse der Physiologie 1904)
wurde durch die klassischen Untersuchungen von Brown und
Fräser der Nachweis geführt, daß durch die Einwirkung (Addi-
tion) von Methyljodid die Alkaloide ohne Unterschied ihres ur-
sprünglichen Wirkungscharakters eine neue therapeutische Energie
annehmen. Alle diese Produkte der Alkaloide erhalten physio-
logisch den Wirkungscharakter des Curare: sie lähmen die End-
platten der motorischen Nerven in den Muskeln. Der chemische
Vorgang ist hierbei ein Übergang des dreiwertigen Stickstoffs in
fünf wertigen ; eine Verwandlung dieser Alkaloide in quaternäre
Ammoniumbasen. Allen Ammoniumbasen aber kommt ohne Eück-
sicht auf den übrigen Bau des Moleküls Curarewirkung zu. Trifft
das zu, so gilt es auch für die Ammoniumbase des Atropins, das
Eumydrin, selbstverständlich nur in Beziehung auf den quer-
gestreiften Muskel und in toxischer Gabe. Experimentell jedoch
ist das noch nicht festgestellt! Die Wirkung des Eumydrins auf
den glatten Muskel und seine Innervation unterliegt der obigen
Beschränkung nicht, sie ist derjenigen des Atropinsulfats gleich.
Sie übertrifft dieselbe sogar, indem sie, unfähig bei kleinen Dosen
zentrale Effekte auszulösen, ihre Überlegenheit durch Gewähr gi'ößerer
Gabenbreite und prognostischer Sicherheit offenbart!
Aus der topographischen Verbreitung der glatten Muskelfaser
im Magendarmkanal, aus der Wichtigkeit ihrer physiologischen
Funktionen, sowie aus der Häufigkeit ihrer pathologischen Ab-
irrungen erhellt sofort: die Größe des Gebiets und die Bedeutung
der Wirksamkeit des Atropin-Eumydringebrauchs; und so kann man
sagen, daß es keine Strecke des Magendarmkanals, von der Cardia
an bis zum internen Schließmuskel des Rektums gibt, welche nicht
unter pathologischen Verhältnissen durch Atropin-Eumydrinwirkung
therapeutisch beeinflußt werden könnte!
Ganz auffallend kontrastiert dagegen die beispiellose Vernach-
lässigung des Mittels seitens der Fachgelehrten und der Arzte.
Der verhängnisvolle Irrtum, daß Morphin in seinen Wirkungen
vollen Ersatz für Atropin biete, hat den gesunden Fortschritt der
Magendarmtherapie lange Zeit hindurch gehemmt oder doch wenig-
stens ungünstig beeinflußt! Auch Magnus zieht in seiner vor-
trefflichen Arbeit über den Antagonismus des Atropins gegen l^o-
carpin etc. etc. den gegen Morphin nicht in das Bereich seiner
406 XXV. Haoik
ÜntersachuBgen, obgleidi d&s imgemein praktische Interesse an
einer scharfen Sonderang und Begrenzung beider Wirkongssphirea
von hervorragender therapeutischer Wichtigkeit ist! So ist es ^-
kUrlich, daß noch heute die Ansichten der Ärrte mit der Wahr-
heit der Verhältnisse nicht flbereinstimmen und daß infoIgedeBseo
therapeutische Verfahren d a Platz gegriffen haben, wo ihr offenbar
schädlicher Einfluß durch zweckentsprechendere Mittel leicht n
umgehen gewesen wäre!
Da nun Dreser durch sorgfältige Untersuchungen am Laufrad
und am Katzenauge festgestellt hatte, daß der Gebrauch des Atropin-
8ul£ats Affekte des Zentralnervensystems nicht ausschließe, der
des Eumydrins aber solche sicher vermeide, da femer die an
SchnabeTs Augenklinik in Wien durch Goldberg g^
machten vergleichenden Versuche an Stelle des Atropimsulfats
Eumydrin ophthalmiatrisch zu verwenden, für letzteres gleiche
mydriatische Intensität der Wirkung bei geringerer Dauer der-
selben ergaben, und die von Neustädter in München ver-
öffentlichten zeigten, daß die Atropinsulfatmydriasis viermal länger
(8 Tage) anhielt als die nach Eumydrin, und daß die Akkommo-
dationslähmung bei 1 % Atropinsulfat ihi Maximum schon nach
wenigen Stunden erreicht, wählend 1 \ Eumydrin nur eine Ver*
lagerung des Nabepunkts von 10 auf 32 cm bewirkt, d. L die
Eumydrinwirkung gleich günstige Erfolge brachte, so ließ sich auch
folgerichtig erwarten, daß letztere auch bei Magendarmerkraa*
kungen der Atropin Wirkung analoge Verhältnisse schaffe! Aaf
Privatdozent Weiß' (Wien) Veranlassung und gestutzt anf
Erbe's Inauguraldissertation (München) unternahm ich
es eingehendere Untersuchungen darüber anzustellen, deren Er-
gebnis, eine ganze Reihe kasuistisch mitteilsamer Fälle, die oft
wunderbare Wirkung des Atropin - Eumydrins klar und beweis-
kräftig vor Augen stellt Sie aUe aufzufuhren, hieße die Geduld
des Lesers zusehr in Anspruch nehmen, und ich beschränke mich
auf einige wenige, (eigene oder fremde) zurückzukomm^, dereo
Bedeutung für unser Thema, oder deren Eigenart und Seltenheit
an sich wohl berechtigt sind der Vergessenheit entrückt zu werden.
Für die Dosierung des Eumydrin war in allen Fällen das
Milligramm maßgebend. Dasselbe wurde mit 0,5 g Mildizucker
verrieben in halber und ganzer Gabe innerlich verabreicht, oder
in 1 ccm Wasser gelöst in beliebigen Dosen sul^utan oder inner-
lich gegeben.
Seine Verwendung fand nur da statt, wo es galt antipemtal-
über Atropin-Eumydrmwirkiing bei Magendarmerkrankung. 407
tische Bewegungen des Magendannkanals in peiistaltische umzu-
schalten, krankhaft geschwächte oder rhythmisch gestörte in ihrem
Tonus zu heben und ihren Gang zu regeln, krampfhaft erregte zu
beruhigen und zu normalen Verhältnissen zurückzurtihren und ge-
lähmte neu zu beleben und auf physiologische Bahnen hinüber-
zuleiten.
Von den zahlreichen Erkrankungen des Magens bot zunächst
die pathologische Erscheinung des Erbrechens infolge von chroni-
scher Magenektasie, Magengeschwüre, Schwangerschaft und uteriner
Dyspepsie oft Gelegenheit zu therapeutischen Erfolgen.
1. M. K.| Dienstmagd, hat sich durch schwere, ländliche Arbeit
in früherer Stellung Descensna und Retroflezid uteri mäßigen Grades,
KolpitiB und Endometritis zugezogen und leidet namentlich an gastrischen
Störungen , Kolik , Verstopfung, Brechneigung etc. Lokale Ichthyol*
behandlung und Pessarapplikation versagen und H. tritt in die Behand-
lung eines Spezialisten. Aber auch dessen 6 wöchige, namentlich durch
Massage ausgefüllte Behandlung verläuft resultatlos. H. findet dann in
der Universit&tsfrauenklinik zu H. Aufnahme und wird au ihr daselbst
die Kürzung der runden Mutterbänder nach Alexander Adam vollzogen.
Nach glattem Heilungsverlauf wird sie dann als vollkommen geheilt in
die Heimat entlassen. Mit ungewöhnlicher Intensität kehrte aber nach
kurzer Zeit, trotz sorgfältiger Schonung und streng innegehaltenen Re-
gimes, die Summe ihrer Leiden allmählich zurück, und heftige Schmerzen
in Unterleib und Kreuz, Schwäche^efühl, Schlaflosigkeit, Erbrechen,
Unfähigkeit zur Arbeit wie zur Nahrungsaufnahme nahmen derart zu,
daß H., an das Bett gefesselt, in Kürze durch Abmagerung und Kräfte-
verfall zu erliegen schien. Zudem stellte sich vor jeder Menstruation
Schwellung der kaum geschlossenen Operationsnarben beiderseits ein und
aus ihnen ergoß sich während der ersten 3 Tage eine reiche, menstruelle
Blutung! Da das unstillbare Erbrechen zumeist belästigte, erhielt H.
endlich 3 Tage hindurch 2 mg Eumydrin, an den 3 folgenden je I mg.
2 Monate hindurch fortgesetzte lokale Behandlung brachte volle Aus-
heilung.
Den Verlauf nnd die Heilung des akuten wie chroni-
schen Magengeschwürs scheint das Eumydrin sehr günstig
zu beeinflussen und seine Verbindung mit Wismut wirkt überaus
mildernd und beruhigend auf Cardia- und Pyloruskrarapf. Auch
Haas (Brunn) erprobte das Eumydrin und lobt seine Wirkung bei
funktionellen, sekretorischen und sensiblen Neurosen des Magens
und des Darms. So bei alimentärer Hypersekretion und Hyper-
chlorhydrie, beim Magensaftfluß, Gastralgie und Gastralgokinesis,
bei spastischen Zuständen des Darms, bei Perityphlitis und Appen-
dicitis !
Die Länge des Dünndarms, seine freie Beweglichkeit, der un-
408 XXV. Hagen
mittelbare Uberg^ang seiner Schleimhaut in die Ausfahrnngsgänge
unzähliger kleiner, sowie der größten Drüsen des Körpers, der
Leber und des Pankreas, disponieren offenbar mehr zu Erkran-
kungen, welche der Atropin-Eumydrinwirkung zugäugig sind, als
die einfachere Konstitution des Magens. Krankhafte Beschleunigung
oder Verlangsamung, Krampf oder Lähmung der Peristaltik sind
daher dankbare Objekte, und die topischen Verlagerungen des
Darms haben zuerst die Aufmerksamkeit der Ärzte auf die Heil-
kraft des Atropins hingelenkt. Seine größte Bedeutung gewinnt
es aber bei der Hebung paretischer oder paralytischer Affekte zn-
näclist beim Ileus und der eingeklemmten Bruchschlinge! Seine
hierbei spezifische Heilwirkung kann duich ein anderes pharmako-
logisches Mittel nicht ersetzt werden, und der noch jetzt gebräuch-
liche Notbehelf des Morphins führt die meisten Fälle von Dann-
verschluß zur Laparotomie.
Magnus' Untersuchungen haben die Lehre von der Atropin-
Wirkung dem Bereich schwankender Theorien entzogen und für
dieselbe den Beweis physiologischer Gesetzmäßigkeit erbracht Nach
letzterer ist die Atropinwirkung bei Darmverschluß nicht mehi-
Produkt blinden Zufalls und das bessere Verständnis ihrer Wir-
kungsweise löst auf das einfachste ihre zuvor unentwirrbar schei-
nenden Widersprüche. Zur Bestätigung dessen füge ich 3 durch
Atropin resp. Eumydrin geheilte lleusfälle an, welche den unan-
fechtbaren Nachweis liefern, daß beide Mittel für paralytischen wie
mechanischen Ileus gleich wirksam sind.
2. Der erste betrifft einen dramatisch belebten Fall von Darmpara-
lyse mit Ilenserscheinun^^en im Verlaufe einer Menin^omyelitis luetica.
aus dem Städtischen Siechenhause zu Frankfurt a. M. durch
Hamburf(er beschrieben (Münchner med. Wochenschr. 1 903 Nr. 6 ).
Eine 75jähri<(e hatte sich als Kinderwärterin vor vielen Jahren an einem
syphilitisch geborenem Kinde schwer infiziert. Sie wurde durch Schmier-
kur anscheinend geheilt, erkrankte aber von neuem, nach einer mehr als
10 jährigen Pause, an tertiären Symptomen, welche mit Bestimmtheit auf
den Sitz der Erkrankung im Gehirn und Brückenmark hinwiesen, i^e
nochmals angewandte antiluetische Kur war wiederum von Erfolg, der
Symptomenkomplex änderte jedoch beständig ab und brachte zuletzt
3 Tage hindurch als Folgen spinaler Darm-, Blasen- und Bauchmuskel-
lähmung, eine durch nichts zu behebende ileusartige Betentio alvi et
urinae. — Da die internen Mittel sich als unzulänglich erwiesen hatten,
blieb nur noch der Versuch mit Atropin übrig. Ein chirurgisches Ein-
greifen war in keiner Weise angezeigt. Als 1. Dosis wurde 1 mg ge-
geben, eine 2. von 2 mg folgte. Bald nach der ersten trat Schlaf und
abends Entspannung der Bauchdecken ein. Der Puls blieb regelmäßig.
über Atropiii'EumydriDwirkTing bei Magendarmerkranknng. 409
seine Freq^enz sank von 100 anf 76 p. min., die Pupillen erweiterten
sich aber nicht ad maximum. Am nächsten Tage wurden 4 stündlich je
1 mgj dann 2,2 mg gegeben. Nachmittags sank der Leib beträchtlich,
es gingen reichliche Mengen Gase, aber keine Fäces ab. Endlich am
3. Tage erfolgten, nach hohen Einläuten, Entleerungen großer Massen
alten Kotes mit stark stinkender Spülflüssigkeit.
3. Ebenso einwandfrei wie vorstehender Fall für die Atropinwirkung
bei paralytischem Ileus zeugt der folgende von B o s e c k an einem Land-
manne beobachtete bei mechanischem Darmverschluß (Münchener med.
Wochenschrift 1904 Nr. 9). Letzterem wurde wegen Carcinom das
Cöcum reseziert. Bald darauf entwickelte sich ein Narbenrecidiv, wegen
Infiltration sämtlicher umgebenden Lymphdrüsen inoperabel. Durch das
Wachstum und die Vergrößerung der Neubildung wurde das Lumen des
Darmrohrs verengt und nahezu undurchgängig. Damit steigerte sich die
Stuhl verhaltung und da kein anderes Mittel dagegen sich hilfreich erwies,
in 10 Tagen keine Entleerung gefolgt war und Erbrechen eintrat, wurden
4 mg Atropin injiziert. Nach 14 Stunden Flatus, nach 16 breiiger
Stuhl. Ein zweites Mal erfolgte dieselbe AVirkung nach Stägiger Stuhl-
verhaltung. Ein drittes Mal aber versagte, da der unabwendbare Tod
Erlösung brachte.
4. Die folgende Eigenbeobachtung fügt dem vorausgegangenen Be-
weise für die Wirksamkeit des Atropins bei Ileus den für das Eumydrin
hinzu. W. M., Rentner, 74 Jahre alt. vor Jahren von mir erfolgreich
an Osophagusstenose behandelt, sonst immer gesund, leidet seit 3 Tagen
an hartnäckiger Verstopfung, welche den üblichen Hausmitteln Bitter-
wasser, Sennaaufguß, Biziuusöl, Klysmen von Wasser, Glyzerin und Ol
dauernd widersteht. Erst am 3. Tage, in dringender Not hinzagerufen,
finde ich den Erkrankten in Bückenlage, mit gerötetem Gesicht und be-
schleunigtem Puls, mit offenkundiger Atemnot kämpfend und über große
Beängstigung klagend. Der Körper ist mit Schweiß bedeckt, die Unter-
extremitäten kühl. Der Unterleib springt senkrecht zur Körperachse
längs des unteren Kippenrandes unvermittelt kuppeiförmig hoch hervor
und zeigt an der Spitze der Kuppel den Nabel tief eingesenkt ! Die
bedeckende Epidermis, festgespannt und durchsichtig wie Glas, läßt die
zahlreichen Hautvenen, welche in gesunden Tagen wie runde, hautfarbige
Stränge aufliegen, bandartig breitgedrückt, dunkelblau und scharf kontu-
riert, durch die gläserne Haut hindurch scheinen, so daß man den Ver-
lauf, auch der kleinsten Vene, genau verfolgen kann. Der Leib erhält
dadurch ein ausgebreitetes blaues Aussehen. Die hohe Kuppelspannung
gestattet nicht dieselbe an irgend einem Orte durch Druck zu überwinden.
Der Perkussion SS cb all ist überall gleich, kurz und mäßig tympanitisch
und es gelingt nicht Leberdämpfung noch Herzgröße festzustellen. Die
Atembewegung des Thorax ist kurz und oberflächlich, die des Bauches
aufgehoben, und der Druck der Kuppel des Zwerchfells, voraussichtlich
durch hohe Expansion des Darmes, so nach oben gedrängt, daß der
dyspnoische Zustand in Erstickung überzugehen droht! — Die ganze
Sachlage verlangte rascbe und energische Hilfe, und die Zeit drängte,
zumal da ein nochmaliger Versuch, durch hohe Eingießung vom Mast-
darm her Lufl zu machen, mißlang. Die zunächst zwischen Bauchschnitt
410 ^^^- Haobit
und Atropinbehandlniig schwankende Wahl entschied sieh dann kurz für
letztere, nnd M. erhielt 1 mg Enmydrin subcntan zwischen Nabel and
Schwertfortsatz eingespritzt. Schon nach kurzer Zeit konnte H. Ifibl-
bare Erleichterung der Atmung melden, der, Föllnug des Pulses und
Nachlaß des Schweißes, auch äußerlich entsprach! Nachdem so 3 In»
jektionen in stündlichen Zwischenpausen, also 3 mg yerabreicht waren,
gingen, 4 Stunden nach der ersten G^be eine erste Blähung ab, der in
kurzen Pausen andere folgten. Mit ihnen begannen die drohenden
Symptome zu weichen, der Leib änderte seine so auffallende Gfestalt,
und mit der langsam wiederkehrenden normalen Bauchatmung war nur
noch eine empfindliche Schmerzhaftigkeit fast des ganzen Unterleibs auf
Druck verknüpft. Weder trockner Hals noch Mydriasis war nachweis-
bar. — Acht Stunden nach der ersten Eumydringabe erfolgte breiiger
Stuhl, dem sich am folgenden Tage 2 andere ohne Nachhilfe anschlössen.
Eine am frühen Morgen des anderen Tages gegebene vierte Gabe, be-
wirkte 2 Stunden hindurch Harndrang. Am 5. Tage konnte M. das
Bett verlassen und als geheilt betrachtet werden.
Dieser, durch seine hochgradige Darmmuskelatonie besonders aos-
gezeichnete Fall von paralytischem Ileus war der erste — und wohl
gelungene Versuch die Identität der Atropin- und Eumydrinwirkung fest*
zustellen.
Dieselbe auch bei Brucheinklemmung nachzuweisen, fehlte bisher die
Gelegenheit.
Auch bei Bekämpfung der CTallensteinkoliken hat sich der
Gebrauch des Atropin-Eumydrin von hervorragender Wirkung er-
wiesen ! So sehr der therapeutische Fortschritt in der Behandlung
der Gallensteinkolik durch den operativen Eingriff gefordert und
gehoben ist, der Versuch, denselben ausschließlich auf das chirur-
gische Gebiet hinüberzuleiten, ist vollkommen gescheitert und es
hat sich je länger je mehr das unabweisliche Bedürfnis eines weiteren
Ausbaus der internen Behandlung herausgestellt. Infolgedessen hat
auch die neueste Zeit mehrere erfolgreiche Verfahren gespendet,
deren Zahl noch zu vermehren vielleicht überflüssig erscheinen
möchte. Allein die vor langer Zeit schon von Stricker einge-
führte und wieder vergessene Belladonnabehandlung bietet so viele
vorteilhafte Seiten, daß es verlohnt, ihre Pflege nochmals, allerdings
im modernen Gewände der Atropin- resp. Eumydrinverwendung,
ärztlichen Kreisen zu empfehlen!
Mögen eingeklemmte Gallensteine oder entzündlich katarrha-
lische SchleimhautaflFektionen der Gallengänge Koliken veranlassen,
möge die von Wilms gegebene Anschauung über die ursächlichen
Momente von Darm-, Gallengangs- und Hamleiterkoliken zu recht
bestehen, in jedem Falle erfordert das therapeutische Verfahren,
neben der krampf- und schmerzstillenden Wirkung des Mittels, eine
''^rnii^ bd Magendarmerkranknng. 411
I ' "^ Denn der Duct
* '^'^^-s*- genetisch ans
rvorwachsend,
^ 'cufassen. Ihre
^ /erung and der
r fähig, und somit
vung!
len oder subkutanen
>nsienuig kombiniert
eilten Wärme in Form
I Unterleibs oder Kata-
n 3 Dezennien, in welchen
i es änderte, auf das Beste
!i kundig der operative Ein-
Betracht gezogen. Eine im
• iidemisch auftretende Reihe
u)g, auch für Eumydrin günstige
rscheinlich aus Gastroduodenal-
•n Träger teils zum ersten Male
iter behandelt worden waren. Die
liwereren mit Temperaturerhöhung
ilikterus, stets aber spärlichen ikteri-
)ie Anfälle bald periodisch einsetzend,
e Tage andauernd und dann niemals
1 zparoxysmen aber stets von der Gegend
i und nach verschiedenen Richtungen hin
11 sämtlich in Genesung. Da mehrere der-
111 der „Heilkunde von Koßmann und Weiß,
l)eschrieben sind, liegt es nicht im Interesse
zurückzukommen. Nur zweien von ihnen sei
Iltischen Sonderstellung unsere Aufmerksamkeit
'ufmann 62 Jahre alt, erkrankte vor 36 Jahren an
lerforierenden Magengeschwürs. Erst nach 4 Monaten
■i'ftigen Magenblutungen Herr zu werden und normale
•1 herzustellen, und unter sorgfältiger Innehaltun^ ange-
■II Diät vergingen 6 Jahre im Vollgefühl normaler Ge-
tch dieser Zeit stellten sich aber periodische Magenkrampf-
weiche besonders im Frühjahr mehrere Wochen anhielten
412 XXV. Haoek
und dann in Genesung übergingen. Ein vieljähriger, regelmäßi^r Ge-
brauch einer Karlsbader Kur milderte sswar die Anfälle zum Erträglichen,
konnte aber ihren Eintritt nicht hindern. Vor 10 Jahren ließ aich zum
ersten Male nach Beginn eines solchen Anfalls Oallenfarbstoff im Urin
nachweisen und seit dieser Zeit erscheinen regelmäßig skleraler Ikterus
mit galligem TJrin vereint. Seit 2 Jahren ist S. trotz vorsichtigster
Lebensweise und Karlsbader Kurgebrauchs noch an Diabetes erkrankt
Mitte Januar d. J. erkrankte S. wiederum an solchem AnfaUe, er-
brach wiederum grünschwarze schleimige Massen, litt mehr als je durch
die Intensität der Schmerzanfalle, ohne meine Hilfe zu beanspruchen.
Er hatte bereits in 2 Tagen 7 Oaben Morphium ä 0,015 g geuommen
ohne Erleichterung oder Schlaf zu finden. — Darauf hingerufeD, fand
ich den Erkrankten an Kräften erschöpft, von Krämpfen überwältigt,
von unstillbarem Erbrechen gequält mit kleinem Puls und ikterischer
Sklera. Der spärliche Urin dunkelbraun gefärbt.
Die erste subkutan gereichte Dosis Eumydrin (1 mg) änderte in
wenig Minuten die ganze Sachlage. Zunächst wich das Erbrechen, die
Schmerzhafbigkeit des unteren Leberrandes trat zurück, der Puls hob
sich, der aufgetriebene Leib fiel zusammen, und das Gefühl unbegrenzten
Wohlbehagens brachte den ersten Schlaf. Eine zweite Injektion be-
wirkte hellgelben Stuhlgang, indem Gallenkonkremente jedoch nicht ge-
funden wurden. Es verdient besonders hervorgehoben zu werden, daß
der geradezu frappierende Erfolg des Eumydrins nicht nur mich, son-
dern auch den Erkrankten selbst in Erstaunen setzte.
6. K. G., 68 Jahre alt, Mutter von 13 noch lebenden Kindern,
stets gesund, erkrankte im Mai d. J. an vermeintlichem Magenkrampf
und nahm deshalb meine Hilfe nach einem 3tägigen Prodromalstadium
erst dann in Anspruch, als die stetige Verschlimmerung ihres Leidens
keine Aussicht auf spontane Heilung bot. Die Untersuchung ließ zu-
nächst noch die Möglichkeit einer entzündlichen Magenaffektion oder einer
Cholecystitis offen. Da sich aber der Schmerz immer mehr auf die
Gallenblase einstellte, Rizinus hellen Stuhlgang forderte, der Urin dunkler
wurde und die Sklera gelblichen Anflug nahm, die Temperatur bis 39^ C
anwuchs sodann sogar Schüttelfrost einsetzte, gewann Cholecystitis an
Wahrscheinlichkeit. — Strenge Enthaltsamkeit, Prießnitzumschläge und
kleine Morphiumdosen in Tropfenform Sstündl. verabreicht, vermochten
nicht die drohende Gefahr einer hereinbrechenden Peritonitis günstig zu
beeinflussen. Vielmehr fingierten die nach der rechten Schulter und
dem Blinddarm plötzlich ausstrahlenden Schmerzen, bei großer Empfind-
lichkeit der Bauchdecke überhaupt, das Erbrechen saurer Massen, der
kleine Puls und kalter Schweiß — das Bild einer wirklichen Peritonitis.
Allein auch hier änderte die erste subkutane Einspritzung von l mg
Eumydrin, nachdem 0,08 g Morphium resultatlos verwandt war, die
Krankheitsverhältnisse vollkommen. Das Erbrechen verschwand sofort,
das Gebiet der Schmerzparoxysmen nahm ab, die Temperatur ^ng auf
38 ^ C zurück und die Befürchtung einer allgemeinen Peritonitis war da-
mit beseitigt !
Eine zweite Injektion regelte den Stuhlgang und vermehrte die
Ober Atropin-Eumydriuwirkung bei Mageudarmerkrankung. 413
Hamm enge und unter Beibehaltung strengster Diät, Fortsetzung der
feucht warmen Umschläge und Verabreichung eines mg Eumydrin täg-
lich konnte die Erkrankte am 8. Tage als geheilt entlassen werden.
Verlauf und Ausgang beider Fälle haben gemeinsam, daß bei
beiden eine Morphiumbehandlung eingeleitet, aus praktischen
Gründen aber nicht durchgeführt werden konnte, und, daß die da-
für eintretende Eumydrinbehandlung unerwartet günstige Wir-
kungen auslöste! Da ich zur Zeit der Beobachtung beider Fälle
die Arbeiten von Magnus noch nicht kennen gelernt hatte, ließ
sich zur Erklärung der wunderbaren Wirkungsweise des Eumy-
drin das Walten eines blinden Zufalls nicht so ohne weiteres von
der Hand weisen. Nachdem ich aber die 5. Abteilung der Magnus-
sehen Arbeit: „Über Wirkungsweise und Angriffspunkte einiger
Gifte am Katzendarm p. 32^34" kennen gelernt habe, geht daraus
die Gesetzmäßigkeit der Eumydrinwirkung ziemlich klar hervor
und sie erklärt den Vorgang vollkommen. Denn auch zwischen
Morphin und Atropin herrscht Antagonismus und unendlich kleine
Mengen Atropin resp. Eumydrin, die am Gesunden kaum Erregung
machen, sind befähigt giftige Morphiumwirkung nicht nur zu para-
lysieren, sondern noch darüber hinaus erregende Wirkung am ver-
gifteten Organ auszulösen.
Und so schließt sich hier der Erfahrung des physiologischen
Experimentes am Tier der therapeutische p]rfolg am Krankenbett
unmittelbar an, und beide erheben damit ihref Lehre zum Gesetz!
Die kombinierte Verwendung der feuchten Wärme mit Atropin-
Eumydrin hat auch für die Behandlung der Appendicitis und Peri-
typhlitis hervorragende Bedeutung!
Seit länger als 2 Dezennien bediene ich mich dieses Ver-
fahrens mit vortrefflichen Erfolgen, ohne jemals genötigt gewesen
zu sein den Schluß desselben dem Chirurgen überweisen zu müssen.
Eine ganze Reihe leichter und schwerer Fälle mit glücklichem
Ausgang hat sich in dieser langen Zeit angesammelt, und einige
davon, mit oder ohne Recidiv, sind von mir bereits anderen Orts
kasuistisch bearbeitet und bekannt gegeben. Ich verzichte daher
auf die Wiedergabe derselben an diesem Orte umsomehr, als die
Ali, und Weise des Verlaufs und Ausgangs derselben, bei dem
gleichen Verfahren, dieselben gleichfarbigen Bilder bot, voraus-
gesetzt, daß das möglichst frühzeitige Eingreifen des Verfahrens
den Gang der Heilung möglichst früh beeinflussen konnte. Es ist
selbstverständlich, daß dieses Verfahren nicht da verwendbar ist,
wo die Indikation für die operative Behandlung offen zutage
414 XXV. Haobn
Hegt. Aber für zweifelhafte Fälle, selbst bei reichlichem serösem
Erguß und erheblichen Fieberschwankongen ohne SchüttelfhMitj ist
der Atropin-Eamydringebrauch nicht kontraindiziert Er ist, wie
anch beim eingeklemmten Bmch, von prognostischer Bedeatong,
indem er nach dem ersten Gebraach ohne sichtbaren Erfolg zur
Operation, mit demselben zur internen Weiterbehandlung auffordert
Sein Eingriff in die Appendizitisbehandlung bedeutet demnach
keine Verzögerung des Heilverfahrens, wohl aber mit der Klar-
stellung der vorliegenden pathologischen Verhältnisse eine Be-
schleunigung desselben.
Das Verfahren selbst beschränkt sich auf die Eataplasmienmg
des Blinddarms und seines Adnexes und auf die subkutane resp.
innerliche Verabreichung einer anfangs kleineren Gabe (0,25—1 mgi
Eumydrin, deren resultierende VTirkung das fernere Verhalten
event. die Verabreichung größerer Gaben an die Hand gibt. Die
Reaktion aus der ersten Gabe ist maßgebend für die Folge der
anderen, und zwar so, daß es rätlich erscheint: bei augenschein-
licher Besserung gleiche oder kleinere Dosen in größeren Zwischen-
räumen — bei mangelnder Besserung oder gar Verschlimmermig
eine größere Dosis in kürzerer Zeit folgen zu lassen!
In Grimm- und Mastdarm nachweisbare Eotstauung ist durch
Glyzerinwasser-Klysmen zu beseitigen; jedoch erleidet erfahrungs-
gemäß der Stuhlgang keine Unterbrechung, und es ist deshalb
selten davon Gebrauch gemacht worden. Andererseits ist die
Nahrungszufuhr auf das geringste Maß zu beschränken, und die
Verabreichung von Fleischbrühe und Wein genügt für die wenigen
Tage vollkommen das geringe Nahrungsbedürfhis des Körpers zn
stillen. Die Wirkung des Verfahrens ist keine ruckweise unter-
brochene, sondern, erst in Gang gesetzt, gleichmäßig verlaufend,
nur langsam fortschreitend und nur allmählich der Genesung za-
führend. Die verfrühte Feststellung derselben gibt Veranlassung
zu Reeidiven, und es ist deshalb dringend erforderlich das Stadium
reconvalescentiae möglichst zeitlich auszudehnen und den Genesenen
noch lange Zeit unter Kontrolle zu halten.
Das noch heute übliche, hartnäckige Festhalten der Arzte am
Gebrauch des Morphium und der Kälte in allen Stadien der Appen-
dicitis entspringt weder wissenschaftlichen Erwägungen noch
praktischen Erfahrungen. In den meisten Fällen widerspricht so-
gar seine Anwendung der indicatio causalis und das gewöhnliche
Resultat läuft dann notgedrungen auf den operativen Eingriff hin-
aus. Denn die indicatio causalis verlangt unter allen Umständen,
über Atropin-Enmydrinwirkviig bei Magendarmerkrankung. 415
ma^ die ErkraBkiing indigeoier Natar oder aus dem Göcam fort*
g^ilaiizt sein:
1. gründliche Entleerang des Inhalts von Cöcnm nnd Appen-
dix, damit der weiteren Entwieklung infektiöser Spaltpilze
gesteuert werde,
2. gründliche Sterilisiemng derselben, sofern sie schon von
letzteren infiziert sind,
3. möglichste Einschränkung des ergriffenen Gebiets und
deshalb
4. Mafiregeln, welche dasselbe nach allen Seiten hin ab-
schließen, nnd die Umgebung vor unmittellbarer Über-
tragung schützen,
5. Schutz Tor weiterer Zufuhr infizierenden Materials.
Erst in zweiter ßeihe steht die Forderung, daß das ange-
wandte Mittel krampf- und schmerzstillend wirke!
Aber weder Morphium noch Kälte, noch beide vereint, ge-
nügen diesen Anforderungen. Denn da Morphium jede peristal-
tische Bewegung und damit die von ihr abhängigen physiologischen
Funktionen lähmt, die Kältewirkung nach Krehl sehr tief greift,
die Abkühlung des Darmes auf 28^ C nach Lüderitz denselben
seiner Funktionen beraubt und erstarren macht, so folgt not-
gedrungen aus ihrer gemeinsamen Tätigkeit die vollkommene
Lähmung des erkrankten Organes und die Unfähigkeit mit eigenen
Kräften den pathologischen Prozeß zu überwinden. Ihre gemein-
same Wirkung wird namentlich bei ernsteren, fortgeschrittenen
Fällen versagen und dann den unvermeidlichen operativen Schluß-
akt herbeiführen!
Ganz anders liegen die Verhältnisse bei Kombination der ver-
schiedenartigen Verwendung der feuchten Wärme mit lokaler oder
interner Eumydrinapplikation. Ihre Wirkungen ergänzen sich
gegenseitig, sie summieren sich sogar und erzielen dadurch Er-
folge, welche im Sinne der indicat. causal. allen nur statthaften
Anforderungen entsprechen.
Die Kataplasmierung der erkrankten Ileokökalgegend erregt
sofort aktive Hyperämie in großer Tiefe. Sie regelt und ordnet
die Zufuhr, Verteilung und Abfuhr bakterizider Stoffe im Sinne
Bier's und Wessely's; venöser Stauung, erhöhter Alkalescenz im
Sinne Hamburge r's. Sie umgibt das erkrankte Gebiet erfahrungs-
gemäß mit einem undurchdringlichen Wall phagocyter Lymph-
ströme, schließt es damit nach außen ab und regt zugleich die
416 XXV. Hagen
physiologische Tätigkeit der Resorption an. — Die durch Atropin
und Eumydrin vermittelte Peristaltik aber sorgt für lokale Ent-
fernung der aufgestauten Kotmassen, wirkt krampf- und schmerz-
stillend und leitet die entzündlich erregten Organgewebe in ruhigere,
physiologische Bahnen. Und hierin liegt der Wert des Ver-
fahrens !
Die hohe DiflFerenz, welche beide Verfahren ihrem Wesen nach
scharf voneinander trennt, findet aber auch lebhaften Ausdruck in
ihren Erfolgen. Denn während die Eis- und Morphiumbehandlang
die interne Medizin ihres therapeutischen Einflusses bei Behand-
lung der Appendicitis vollständig beraubt hat, ist die Atropin-
behandlung wohl befähigt die chirurgische Machtsphäre so einzu-
schränken, daß auch den Internen wiederum der ihnen von Sechts
wegen zukommende therapeutische Anteil zurückgegeben werde.
Mit der Exstirpation des Wurmfortsatzes und, wenn nötig mit der
Resektion eines Teils vom Blinddarm ist oft die Heilung nicht be-
endet, und eine Reihe von Übeln folgt dem operativen Eingriff
auf der Ferse. Ihre Beseitigung erfordert wiederum neue Ein-
griffe und so kommt es, daß die operativen Resultate selbst ihre
begeistertsten Anhänger nicht voll befriedigen. Das Bedürfnis nach
Verbreiterung und Verschärfung ihrer Indikationsstellung und die
Erfahrung, daß die Operation zur Zeit des entzündlichen Stadiunij^
besondere Gefahren birgt, hat sich bei ihnen gerade dermaßen aus-
gewachsen, daß „sie sich bereits von der Forderung der „Früh-
operation" auf die der „frühsten Frühoperation" verstiegen habend
Ihre andere Forderung der ausschließlich chirurgischen Behandlung
der Appendizitis legt aber der internen Medizin geradezu die Ver-
pflichtung auf für die Auffindung besserer Heilmethoden unent-
wegt tätig zu sein. So kann in Wahrheit bei rationeller Behand-
lung der Appendicitis weder der Interne des Chirurgen noch der
Chirurg des Internen entbehren, aber beider Bestrebungen vereint
sollen dem Ausbau und der Vervollkommnung ihrer Methoden
dienen, unbekümmert darum, welcher von ihnen die Palme zuzuer-
kennen sei.
In Summa geht aus Vorstehendem hervor, daß durch Ja-
coby's, Hagen's und namentlich Magnus' Beobachtungen
amTier und aus den meinigen am erkrankten mensch-
lichen Organismus die peristaltisch erregende Atropin-
wirkung am Darm auf direktem und indirektem Wege
sicher erwiesen ist! Magnus' Untersuchungen fügen
noch die Regulierung der Darmbewegungen und die
über Atropin-Eamydrinwirkung bei Magendarmerkranknng. 417
Überkompensation von Erregungszuständen durch
minimale Atropingaben hinzu und stellen somit die
von mir am Krankenbett so oft beobachteten und
schwer erklärbaren Erscheinungen als physiologisch
begründete fest! Seine vortreflFlichen Arbeiten über die Wir-
kung des Atropins auf die glatte Muskelfaser des Darms bildete
von jetzt an eine feste Basis für den Neubau der Lehre von der
Atropinwirkung bei Magendarmerkrankungen!
XXVI.
Aas der medizinischen Poliklinik in Marburg (Prof. Bomberg).
Experimentelle üntersnchnngen über die
Taberknlinreaktion.
I.
Von
Dr. H. Bahrdt,
fräherem Assistenten der Poliklinik, Jetst Assistenten der madiziniscken Klinik in Leipsif.
Mit der zunehmenden Anwendung der diagnostischen Tuber-
kulininjektion sind eine Reihe neuer Fragen aufgetaucht^ deren
Lösung noch aussteht. Sie sind teils mehr theoretischer, teils mehr
praktischer Natur. Eine praktisch besonders wichtige Frage ist
die: Verhält sich die Tuberkulinempfindlichkeit in verschiedenen
Stadien und bei verschiedener Tendenz der tuberkulösen Erkran-
kung verschieden? Namentlich die quantitativen Beziehungen
zwischen dem tuberkulösen Prozeß und der Tuberkulinempfindlich-
keit verdienen ein besonderes Interesse und fesselten auch uns in
erster Linie. Das Studium von Sektionsbefunden nach Tuber-
kulininjektion kann uns eine Reihe dieser wichtigen Fragen lösen.
I Bei Menschen bietet sich aber nur selten Gelegenheit, solche Be-
obachtungen zu machen.
Die erste größere und systematische Veröffentlichung über die dia-
gnostische Bedeutung des Koch'schen Tuberkulins von M. Beck^)
(2508 Probeinjektionen am Menschen aus den Jahren 1891 — 97 im lo-
*stitut für Infektionskrankheiten, darunter an 338 der Phthise yerdäch-
tigen) bringt sehr wenig über die Beziehungen zwischen Tuberkulin'
reaktion und dem Stadium der Tuberkulose, obwohl alle Diagnosen
durch Autopsie gesichert wurden und unter dem großen Material sich
wahrscheinlich Fälle gefunden hätten, bei denen kurz nach der Tuber-
kulininjektion die Autopsie stattfand. Die Erfahrungen an den großen
Lungenheilstätten sind natürlich fast alle ohne anatomisohe Kontrolle
durch die Sektion. Die Beobachtungen in Krankenhäusern mit Kontrolle
1) M. Beck, Deutsche med. Wochenschrift 1899 Nr. 9.
Experimentelle Untenmchiingen Über die Tnberkalinreaktion. 419
durch die Antopeis sind ftußent apärlioh und gftns einseitig« Die dwnxia
gesogenen Sohlfisse wider^rechen einsoder offc vollttändig.
Die Beobachtungen an Kindern bei der praktischen Atiwen-
dnng der Tnberkalinreaktion blieben, da hier nnr die Entschei-
dung, ob die Temperatnr-Beaktion positiv oder negativ ausfällt, in
Betracht kommt, meist ohne systematische Berücksichtigung der
anatomischen Krankheitsstadien.
Die sehließliche Lösung aller dieser Fragen wird erst möglich
sein, wenn wir das Wesen der Tuberkulinreaktion selbst kennen.
Vorläufig beseitigen wir nur eine große Zahl verschiedenster Hypo-
thesen darüber.
Es mußte von Interesse sein, zu vei*suchen, der Lösung auf
experimentellem Wege näher zu kommen. Bisher diente die ex-
perimentelle Tuberkttlininjektion therapeutischen UnteiiBuch-
ungen oder solchen über die diagnostische Bedeutung schlechtweg,
ohne Rücksicht auf das Stadium der Tuberkulose, oder sie diente
der Eontrolle einer zwecks aktiver Immunisierung erzeugten ex-
perimentellen Tuberkulose (von Behring \)) oder schließlich der
Prüfung und Wertbestimmung des Tuberkulinpräparates (Koch,
von Behring, Dönitz, Otto).
Besonders interessant sind die zahlreichen Beobachtungen, die
V. Behring bei Gelegenheit seiner Immunisierangsyersache machen
konnte. Bei zahlreichen mit verschiedenem Virus geimpften Tieren
wurde außer der Temperatur besonders die Tuberkulinreaktion zur Be-
urteilung des Fortschreitens der immunisierenden Tuberkulose heran-
gezogen. Es wurde also die Tuberkulinempfindlichkeit in verscbiedenen
Stadien und bei verschiedenen Infektionsarten festgestellt, v. Behring
machte dabei u. a. die Erfahrung, daß unter dem Einfluß der immuni-
sierenden Infektion die Tuberkulinempfindlichkeit zuerst gesteigert wird,
namentlich wenn die Beaktion auf das eingeführte Virus besonders stark
war. Im allgemeinen verschwand die Tuberkulinempfindlicbkeit wieder,
wenn die Infektionssymptome vollständig beseitigt waren und der Gesund-
heitszustand, klinisch betrachtet, ganz normal geworden war. v. Behring
warnt aber davor, aus der wiedereingetretenen Tuberkulinunempfindlich-
keit auf eingetretene Immunität zu schließen. Er hat femer beobachtet,
daß bei gewissen experimentellen Infektionen (mit RindertuberkelbaziUen)
bereits klinische Teilung und Tuberkulinnnempfindlichkeit eingetreten sein
kann, wenn sich noch Besiduen tuberkulöser Knötchen, die freilich zur
Käckbildnng, Abkapselung und Verkalkung neigen, finden. Diese Tuber-
kulininjektionen mit Kontrolle der Fieberreaktion dienten dazu, den zur
Immunisierung führenden tuberkulösen Prozeß zu verfolgen und nicht
speziell dem Stadium der Tuberkulinüberempfindlichkeit.
Experimentelle Untersuchungen, die ausdrücklich den Zu-
1) vonBehring, Beiträge zur experiment. Therapie H. ö p. VIII u. XV.
Deutsches ArohiT für klin. Medizin. 86. Bd. 28
420 XXVI. Bahrdt
sammenhang der Taberkulinreaktion mit dem Stadium der Taber-
kulose betrafen, sind, soweit uns bekannt, nur von Zapnik und
von Loewenstein nnd Bappaport unternommen worden.
Gegen die Versuchsmethoden dieser Autoren sind einige Ein-
wände zu machen. Z u p n i k ^) pr&ft die Tuberkulinreaktion, indem
er die Temperatur mißt. Fiebermessung an so kleinen Tieren ist
aber, wie KrehP) gezeigt hat, ganz unzuverlässig. Nach den
Versuchen Z u p n i k's antworten in der Tat auch gesunde Tiere aof
Tuberkulininjektionen von 0,14 ccm mit Anstiegen bis zu 1,15 * C.
— Bei den ki*anken Tieren wurden häufig auch schon vor der
Tuberkuliuinjektion Temperaturanstiege bis zu 2,0 ^ C, in einzelnen
Fällen bis zu 3,2 ^ C beobachtet. Nach vonBehring^) bewirken
alle möglichen, sonst als indifferent geltende Lösungen, verdünnt«
Glyzerinlösungen, selbst physiologische Kochsalzlösungen subkutan
bei tuberkulösen Meerschweinchen injiziert Temperatursteigerungen
bis über 40 ®, zumal, wenn sie in größerer Quantität (über 1 ccm
pro 100 g Meerschweinchengewicht) unter die Haut gespritzt werden.
Wir machten ähnliche Erfahrungen. Z u p n i k benutzt femer seine
Versuchstiere mehrmals und zwar in kurzen Intervallen. Es fallt
aber bereits die zweite Tuberkulinreaktion anders ans, als eine
erste bei noch nicht injizierten Tieren im gleichen Stadium der
Tuberkulose. Ferner kann der Einwand gemacht werden, daß das
jeweilige Stadium des tuberkulösen Prozesses infolge der mehr-
maligen Verwendung der Tiere nicht jedesmal durch Sektion kon-
trolliert werden konnte.
Ähnliche Einwende lassen sich machen gegen die Versuche
von Loewenstein und Rappaport.*)
Faßt man die Anschauungen zusammen, die aus praktischen
Erfahrungen am Menschen oder Tier oder aus experimentellen
Untersuchungen gewonnen wurden, so muß man konstatieren, daß
sie durchaus verschiedene oder unsichere sind.
Wir finden die Ansicht vertreten, daß frische tuberkulöse Pro-
zesse stärker reagieren, als ältere und umgekehrt, daß ausgedehn-
tere stärker reagieren, als kleinere und umgekehrt Wir sehen, daß
von einzelnen ein bestimmter Zeitraum bis zum Zustandekommen
der Tuberkulinüberempfindlichkeit für nötig erachtet wird und
nach anderen dieselbe von Beginn an allmählich wächst.
1) Zupnik, Deutsches Archiv fttr klin. Med. Bd. 76 p. 305.
2) Krehl, Archiv für exper. Path. Bd. 35.
3) von Behring, I.e. p. 8.
4) Loewenstein und Bappaport, Zeitschr. f. Taberkolose Bd. 5 H. 6.
Experimentelle Untenachangen über die Tuberknlinreaktion. 421
Herr Professor Bomb er g forderte mich auf, auf experi-
mentellem Wege die Beziehangen zwischen Tuber kulin-
reaktion und tuberkulösem Prozeß näher zu untersuchen.
Es wurden zunächst Versuchstiere mit Tuberkulose gleichmäßig
infiziert und in verschiedenen Stadien der Erkrankung wurde die
Tuberkulinuberempfindlichkeit quantitativ geprüft.
Wir haben oben gesagt, warum die Fieberreaktion hierfär un-
brauchbar ist Es mußte die tödliche Tuberkulinreaktion
benutzt werden. Zur Feststellung der tödlichen Tuberkulindosis
bedurften wir der Serienversuche. Im gleichen Stadium, am selben
Infektionstag wurden einer Serie von Tieren abgestufte Mengen von
Tuberkulin injiziert derart, daß der Teil der Tiere, welcher größere
Mengen erhalten hatte, dem Tuberkulin erlag. Die eben tödliche Dosis
drückte den Grad der Tuberkulinuberempfindlichkeit aus. Diese
Dosis wurde für eine große Reihe von Infektionstagen festgestellt,
und daraus eine Kurve gewonnen. Diese Kurve stellt das Ver-
halten der Tuberkulinempfindlichkeit im Verlauf der Tuberkulose
dar und gestattet Schlüsse auf die Beziehung zwischen beiden.
Wir Terwendeten za den Versuchen etwa 200 Heersch weinchen,
von denen rand 150 mit Tuberkelbazillen infiziert wurden und etwa
125 Tuberkulin erhielten. Über 100 Tiere dienten den eigentlichen Ver-
suchen, der Best zur Prüfung des Tuberkulins an gesunden Tieren, als
Kontrolltiere für den Verlauf der Tuberkulose oder zu Kontrollversnchen
mit Glycerin an gesunden und tuberkulösen Tieren.
Es wurden Meerschweinchen benutzt, hauptsächlich, weil zu den
Versuchen eine sehr große Anzahl von Tieren nötig war und es zu-
nächst galt, eine möglichst sichere und gleichmäßige Tuberkulose zu er-
isielen. Das Meerschwein dient bereits seit lange zur Prüfung des Gift-
wertes der Tuberkuline (Koch^), v. Behring*), Dönitz»), Otto*)).
Um möglichst gleiche tuberkulöse Prozesse zu erzielen, bedurften
wir einer besonderen Technik. Das von Bömer*^) bei seinen Unter-
suchungen über Tuberkelbazillenstämme verschiedener Herkunft an-
gewandte Verfahren der Infektion wurde auch von mir angewendet.
Herr Dr. Paul Bömer war so liebenswürdig, mir persönlich die Einzel-
heiten des Verfahrens zu zeigen. Nicht minder wichtig für unseren
1) B. Koch, Weitere Mitteilungen über das Tuberkulin. Deutsche med.
Wochenschr. 1891 Nr. 43.
2) Y. Behring, Beiträge zur experimentellen Therapie H. 5 p. 8.
3)Dönitz, Untersuchungen über die Wertbestimmung des gewöhnlichen
Tuberkulins. Klinisches Jahrb. Bd. 7, 1898.
4) B. Otto, Prttfnngstecbnische Erfahrungen bei der Wertbestimmung des
Tuberkulins. Klin. Jahrb. Bd. VIU 1904.
5) Paul B. Bömer, Über Tuberkelbazillenstämme verschiedener Herkunft,
▼on Behrings Beiträge z. experimentellen Therapie 1903. Heft 6.
28*
422 XXVI. Bahkdt
2weck war die Verwendung eines mögUekst gl^qhinildigeQ laMctions-
nmteriAls. Herr Gebeiner Bat ▼. Bekriag überUei um in freoad*
Hcher Weüe "eineii besooden gnt mtenmebten l>abericelbaMll«niitaiPin.
Wir bennttten bei tmeeren Versnoben den ah Tb. 1 bezeicbneten Stemme
der auB menacblicbem Sputum nacb mehreren Meerscbweinpassagen iso-
liert war und sehr gut auf den üblichen Nährböden wuchs. Er wurde
von uns bei 36 — 37^ auf Glyzerinpeptonagar fcrtgezüebtet ufid von den
vorrätigen Kulturen die 3-^4 Wochen alten KnlturraMm verwendet
Die Einzelheiten des Verfahrens sind von B.5mer (1. c.) besohriebeD.
Die Viralenz fttr Meerschweinchen war uns bekannt. Eine snbkutaoe
Infdction mit 0,001 — 0,02 g der trockenen Bazillen tötete Meerschwein-
chen durchschnittlich nach 6—8 Wochen. Die Virulenz war also eine
mittlere, jedenfalls eine geringere, als die der vom Rind stammendes
Tuberkelbazillen. Es war somit zu erwarten, daß es durch die lafisktion
zu einer Entwicklung verschiedener Städten der Erkrankung nacheinander
kommen würde, worauf os uns zunädist ankam. Obwohl nach Bö m er 's ^)
Untersuchungen bei diesem Stamm die Dosierung innerhalb der oben an-
gegebenen Grenzen nur einen geringeren Einfluß auf die Schnelli^eit
und Ausdehnung des tuberkulösen Prozesses hat, als bei anderen, vom
Rinde stammenden Tuberkel bazillen , wurde gleichwohl derlnfektions-
stoff stets genau abgemessen. Das trockene, von Kondenswasser
freie Bazillenmaterial wurde auf der analytischen Wage abgewogen, in
bestimmtem Verhältnis mit steriler physiologischer Kochsalzlösung ver-
rieben und aufgeschwemmt. Besonders sorgfaltig wurde darauf geachtet,
daß die Aufschwemmung eine möglichst gleichmäßige war ; dazu wurden
die Bazillenrasen zunächst nur mit wenig Tropfen angerieben. Die Ver-
dünnuDg wurde stets so gewählt, daß sich in 1 com der Aufschwemmung
genau 0,01 g Tuberkelbazillen befanden.
Es wurde ferner stets das Körpergewicht der Tiere bei der Dosie-
rung berücksichtigt. Alle Tiere erhielten 0,00005 pro 1 g
Körpergewicht, so daß z. B. ein Meerschwein von genau 200 g
eine Dosis von 0,01 Tuberkelbazillen, enthalten in 1 ccm Flüssigkat
injiziert bekam. Natürlich war es so nicht nötig, Tiere von gleidiem
Gewicht auszusuchen; doch kamen ausschließlich junge, noch wachsende
Tiere, meist von 200 — 300 g Körpergewicht zur Verwendung. Die in-
jizierte Flüssigkeit betrug also durchschnittlich 1 — 2 ccm. Die Infektion
geschah immer subkutan links vom nach der Achselhöhle hin. Mit der
gleichen Aufschwemmung wurde stets eine größere Anzahl von Tiem
infiziert.
Die Tuberkulininjektionen geschahen gleichfalls unter Berfiek-
sichtigung dea Körpergewichtes. Die in den TabeDen dieser ArbeR an-
gegebenen Mengen sind stets auf das Körpergewicht umgerechnet in-
jiziert worden. Es wurde stets dasselbe, in Höchst hergestellte, vom
Institut fiir experimentelle Therapie geprüfte alte Koch'sohe Tuberinilia
verwendet. Die nach dem Versuchsplan variierte Menge desselben warde
mit 0,25®/^ Karbolwasser verdünnt, so daß pro 100 g KÖipergewicht
1 ccm Flüssigkeit injiziert wurde, soweit nicht größere Mengen Tuber*
1) 1. c. p. 12.
Experimentelle Untersochangeu über die Tuberknlinreaktion. 423
kvlia verwendet wurden. Wir bestimmten den Gfiftwert zunächst für
geraiide Tiere und erhielten bei VerwenduD|* gleichaltriger, ziemlich
gl^eh schwerer Tiere gleicher Herkunft glatte Prüfungsreihen, nachdem
wir die Technik der Injektion genügend beherrschten und auch bei den
hohen Tuberkulindosen, wo mehrere ccm injiziert wurden, die Flüssig-
keitamenge möglichst gleich machten. AnfeingB hatten wir nicht immer
eindeutige Hesultate, da, je größer die injizierte Tuberkulinmenge war,
um so leichter bei der Injektion etwas verloren ging durch HerausflieBen
aus dem Stichkanal. Solche Versuche wurden nicht verwertet.
Auf der beigefügten Tabelle I wurden die Resultate bei ge-
sunden und tuberkulösen Tieren in der Weise zusammengestellt,
daß auf der Ordinate die injizierte Tuberkulinmenge, berechnet
auf 100 g Körpergewicht, und auf der Abscisse der Tag der Tuber-
kulininjektion, gerechnet vom Infektionstag an, abzulesen ist. Plus-^
bedeutet positive Reaktion, d. h. tödliche Wirkung; minus — be-
deutet das Ausbleiben derselben. Eine tödliche Wirkung wurde
nur angenommen, wenn das Tier spätestens 36 Stunden nach der
Tuberkulininjektion starb. Übrigens wurde nur einmal beobachtet,
da£ ein Tier 40 — 50 Stunden nach der Injektion starb; in der Regel
lebten die Tiere, die die Injektion länger als 36 Stunden überlebten,
noch eine größere Anzahl von Tagen, meist sogar noch länger, als
die nicht injizierten, gleichzeitig infizierten tuberkulösen Tiere, da
die einmalige Tuberkulininjektion genügte, die Widerstandsfähigkeit
^egen den tuberkulösen Prozeß zu erhöhen.
Die Schwelle des tödlichen Wertes für gesunde Tiere, deren
Bestimmung im ersten Stab der Tabelle I verzeichnet ist, stimmt
gut zu dem um weniges höheren Grenzwert bei 2 Tage alten tuber-
kulösen Prozessen. Die Tiere der ersten Stadien waren übrigens
gleicher Herkunft und gleichen Alters mit den gesunden Tieren,
ebenso war bei beiden Tuberkulin vom gleichen Prüfungsdatum
verwendet worden. Im allgemeinen mußten sich aber aus äußeren
Gründen die Versuche au tuberkulösen Tieren über einen großen
Zeitraum erstrecken, so daß auch Tiere verschiedener Herkunft
und Tuberkulin mit verschiedenen Prüfungsnummem verwendet
werden mußte. Dabei wurde jedoch absichtlich regellos verfahren,
so daß mit demselben Material möglichst auseinanderliegende Prü-
fungen vorgenommen wurden. D*ß die Resultate trotzdem glatte
wurden, spricht für die Richtigkeit der Methode.
Es war nicht immer möglich, die Versuche alle genau an be-
stimmten Infektionstagen vorzunehmen, jedoch sind die auf diese
Tage fallenden Serien von Versuchen zahlreich genug. Durch Ver-
424
XXVI. Bahbdt
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Experimentelle Untersuchungen über die Tuberknliureaktion. 425
09
Eben fühlbare, nicht scharf begrenzte weiche Infektionegeschwulst. Kleiner Absceß
5 : 0,5 mm ; hsapteachlich Lenkocyten, weniger epitbeloide Zellen.
ErbsengroBe, meist flache, weiche Infektionsgeschwulst. AbsceB 5 : l mm. Benachbarte
Achseldiüsen vergrößert und taberkalö^. Mehr epitbeloide Zellen.
^ Beginnende Vergrftßerang der Hala- nnd Mesenterialdrasen.
^ Infektionageschwnlst i : iVt cm. Deutliche Tuberkelbildone. Riesenzellen. Erbsengroße
Verk&snng. Zuweilen eben sichtbare, vereinaelte, tuberknl. Herde in Lunge n. Leber.
^ Beginnende Schwellung von Leber, Milz nnd der Bronchialdrttsen.
2 InfektionsgeschTvulst 1 : 2 cm.
N
cc
^ Zuweilen Geschwür. Infektionsgeschwulst derb. Achseldrüsen groß, beginnen zu ver-
3 Iräsen. Lunge : in der Hälfte aer Fülle Herde bis l^'t mm, grau, nicht verkäst, selten
konfluierend. Leber u. Milz: vergrößert. Herde unter l mm, weiß oder graugelb.
lO
Q 2
M rL_ ;
Q Infektionsgeschwulst bis SVt : 4Vt cm. 1 cm große Yerkäsung. Lunge : stets tub. Herde,
7i ^ z. Teil konfluierend. Leber: Herde über l mm, z. Teil konfluierend, einzelne gelb.
j§ Milz: Herde l mm.
f5 5 Einzelne Fälle von käsiger Pneumonie. Bronchialdrüse zuweilen verkäst.
O
• -^ ■ — — ^— ■
** CQ Mesenterialdrüsen: beginnende Yerkäsung.
ß c(:~t^brige Achsel; und In^uinaldrüsen vergrößert. Stets Geschwür. Milz:3:4cm. Retro-
o ^ stenialdrüsen vergrößert.
M ^
-«
® S Bronchialdrüsen stets vergrößert.
8 03 Yerkäsung auch in den fernen Achsel- und Inpruinaldrüsen.
X
«3
Lunge: zahlreiche, durchschnittlich über 1 mm ctoüb Herde, stets mehr, als 10 pro qcm
v: Ooerfläche, stets häuflg konfluierend, zum Teil weißgelb, matt. Leber: dichte, stets
^ konfluierende, gelbe Herde. Milz: meist sehr vergrößert (4 cm lang), teilweise i— 3mm
große, konfluierende, gelbe Herde.
5? _ " "
S Bronchialdrüsen stets verkäst. Halsdrüsen teilweise verkäst.
CO
cc
CO
o Lunge: Herde über 8— tt mm. Stets verkäst. Mesenterialdrüsen stets verkäst. Milz: Große
^ konfluierende tuberkulöse Herde. ^
4g6 XXVI. Bahbbt
Schiebung einzelner Injektionen auf benachbarte Tage gewinnt das
Gesamtresultat an Sicherheit und Vollständigkeit.
Um nähere Beziehungen zwischen der Überempfindlichkeit und
der Tuberkulose zu finden, war es nötig, den tuberkulösen
Prozeß in seinen verschiedenen Stadien zu verfolgen.
Es sollte untersucht werden, ob dem Charakter und den Besonder-
heiten der erhaltenen Kurve regelmäßige pathologische Voi^nge
im Verlauf der Tuberkulose entsprachen. Es wurde daher in jedem
einzelnen Versuch, bei dem das Tier an Tuberkulose starb, die
Sektion vorgenommen. Hierdurch wurde zugleich die Infektions-
methode kontrolliert. Die Resultate finden sich auf Tabelle II zu-
sammengestellt.
Die in der Tuberkulinreaktion gestorbenen Tiere wurden makro-
skopiflch untersucht und der Befund genau notiert. Wo es möglich war,
wurden Maße und Zahlen vermerkt, beBonders wurden die Infektions*
geschwulst und später die Tuberkelherde gemessen, ferner die Größe und
der Grad der Verkäenngen, die Größe der Lymphdrüsen und die Zahl
der geschwollenen Drüsen notiert. Eine Znsammenstellung der sahl-
'reichen Sektionsprotokolle gestattete so ein zuverlässiges Bild vom Ab-
lauf der tuberkulösen Prozesse bei der gewählten Infektionsweise zu ge-
winnen. Die Tafel enthält nur die wichtigsten Daten, die sich aus der
Summe der Einzelbeobachtungen ergeben.
Zur genaueren Untersuchung, besonders der Anfangsstadien, maßte
auch histologisch untersucht werden. Es wurden die Organe, be-
sonders auch die Infektionsgeschwulst fast aller sezierten Tiere in Forma-
lin eingelegt. Wir wollten dabei auch makroskopische Veränderongen
deutlicher machen, da es sich wiederholt zeigte, daß Tuberkel, z. 6. der
Lunge, makroskopisch gut sichtbar wurden, nachdem die Lungen in der
von W. Müller^) angegebenen Weise möglichst luftleer gemacht and
fixiert worden waren. Von einer großen Anzahl der Tiere wurden
Schnitte durch Infektionsgeschwulst, Drüsen und innere Organe angelegt
(Färbung teils nach van Gieson, teils mit Karbolfuchsin-Hämalftaa-
Pikrinsäure, teils mit Hämatoxylin-Eosin).
Schließlich ist zu bemerken, daß auch an den lebenden Tieren
vor der Tuberkulininjektion das Auftreten der Infektionsgeschwulst,
der Beginn der Drüsenschwellung, das Verhalten des Gewichts kon-
trolliert wurde. Der Verlauf der Erkrankung entsprach den von
Römer bei der Untersuchung desselben Tuberkelstammes beob-
achteten. Während der Tuberkulinreaktion wurden sowohl die
lokalen Wirkungen, die stärkere Schwellung der Infektionsgeschwulst
und der Drüsen, als auch die allgemeinen, vor allem Fieber, Kollaps
Lähmungen beobachtet.
1) W. Müller, Deutsches Arch. für klinische Med. Bd. 74.
Experimenteile Untersaehangen Über die Tuberknliureaktion. 427
Betrachten wir nunmehr unsere Ergebnisse auf der Tabelle I
and n, so sinkt die todliche Dosis gegen Tuberkulin bereits vom
2. Tage an und zwar dauernd bis zum tödlichen Ausgang der
Tuberkulose. Dieses Ansteigen der Tuberkulinempfindlichkeit ge-
schieht in der 1. Woche langsamer als in der 2., in der es nament-
lich zwischen dem 11. und 14. Tag rapide ist. In der 3. bis
6. ^'oche steigt die Kurve dauernd weiter, aber langsamer als in
der 2. Woche und mit abnehmender Geschwindigkeit. Schließlich
verändert sie sich, soweit sich das bei den weniger zahlreichen
Versuchen (Absterben der Tiere) feststellen läßt, kaum merklich.
Eine Abnahme der Tuberkulinempfindlichkeit war bei der von uns
gewählten fortschreitenden Infektion mit tödlichem Ausgang nicht
zu konstatieren.
Die Grenze zwischen tödlicher und nicht tödlicher Tuberkulin-
dosis ist überall eine ziemlich scharfe, wie eine Betrachtung der
einzelnen Prüfungsresultate auf Tabelle I zeigt. Es kommen nur
wenige Abweichungen vor, z. B. am 8. und 14. Tage ; sie dürften
innerhalb der Fehlergrenze liegen. Die Grenze ist auch in den
ersten Stadien ziemlich scharf und nicht nur in der Periode gegen
Ende der 3. Woche, in der man wegen der präzisen Reaktion
bisher ausschließlich Wertbestimmungen des Tuberkulins vorzu-
nehmen pflegte.
Was ergibt nun eine Gegenüberetellung der Tuberkulinempfind-
lichkeit. mit dem Verlauf der Tuberkulose und welche Schlüsse
lassen sich daraus ziehen?
Das Wichtigste ist, daß beide dauernd zunehmen. Bei sub-
kutan mit reichlichen Mengen mittel virulenter
Menschentuberkelbazillen geimpften Meerschweinchen
steigt die Tuberkulinüberempfindlichkeit dauernd
von Anfang an bis zum Tode, nahezu parallel mit der
Ausdehnung der tuberkulösen Veränderungen. Das
Ansteigen ist anfangs etwas langsamer als später, und zwar in
der 1. Woche, solange die Infektionsgeschwulst allein besteht oder
doch das Krankheitsbild beherrscht. Gleichzeitig mit dem Auf-
treten größerer zahlreicherer Herde in den inneren Organen, wäh-
rend der 2. Woche steigt die Tuberkulinüberempfindlichkeit rascher
an, um dann später dauernd weiter zu wachsen, dabei aber hinter
der fortschreitenden Ausdehnung der Tuberkulose an Geschwindig-
keit etwas zurückzubleiben.
Der tuberkulöse Prozeß entsprach dem seit lange bekannten
Vorgang bei subkutaner Impfung von Meerschweinchen mit Tuberkel-
428 XXVI. Bahrdt
bazillen in Reinkultur, wie ihn Koch beschrieben bat. Die Eontroll-
tiere gingen durchschnittlich nach 6—8 Wochen zugrunde. Es
kamen dabei natürlich auch Abweichungen vor, eine Anzahl Tiere
starb früher, meist an Pneumonie, z. B. eine Serie fast gleichzeitig
am 30. Tage, so daß sie nicht verwertet werden konnte. Einzetee
Tiere lebten auch länger als 8 Wochen. Dadurch wurde es auch
möglich, einzelne Versuche in den späten Stadien zu machen, die
aber naturgemäß spärlich ausfallen mußten.
Trotz möglichst gleichmäßiger Infektion waren die tuberknl^n
Veränderungen bei Tieren gleichen Stadiums nicht immer ganz
gleich. Zuweilen schien es, als ob sich einzelne Serien zusammen
infizierter Tiere verschieden verhielten, oft waren aber auch Unter-
schiede innerhalb derselben Serie zu finden. Wir haben deshalb
bei unserer Zusammenstellung auf Tabelle II nach Möglichkeit die
Beobachtung über das erste Auftreten, das durchschnittliche und
das ausnahmslose Vorhandensein der betreffenden anatomischen
Veränderungen getrennt. Verschiedenheiten in der Lokalisation
kamen am ehesten noch in den späteren Stadien zur Beobachtung,
z. B. derart, daß bei einem Tier die Milz fast ganz tuberkulös war,
beim anderen nur wenig und dafür mehr die Leber. Wir betonen
diese individuellen Verschiedenheiten in Ausdehnung, Grad and
Lokalisation bei einzelnen gleichzeitig und gleichmäßig infizierten
Tieren. Sie scheinen keinen merkbaren Einfluß auf die Tuberknlin-
empfindUchkeit zu haben, da sie sich nirgends durch abweichende
Resultate bei der Bestimmung der tödlichen Dosis bemerklich
machten. Es scheint vielmehr die Infektionsdauer die Tuberknlin-
empfindlichkeit mehr zu beherrschen als jene individuellen Ver-
schiedenheiten.
Die Bedeutung des rein zeitlichen Stadiums der Tuberkulose
für die Tuberkulinempfindlichkeit bei stetig fortschreitender Tuber-
kulose scheint sich besonders in der Präzision zu zeigen, die die
Kurve zeigt, obwohl anatomisch und quantitativ ganz gleiche
Stadien von Tuberkulose nicht immer bestanden. Vielleicht dentet
dies darauf hin, daß die Ausdehnung an sich nicht allein maß-
gebend ist. Gleichwohl muß man wohl im großen und ganzen den
Anstieg der Kurve als die Folge der anatomischen Ausbreitung
des Prozesses ansehen.
Die Einzelheiten des anatomischen Prozesses, seine verschie-
denen Stadien, sind noch im einzelnen, in Zusammenhang mit der
Tuberkulinempfindlichkeit näher zu betrachten. Wir sehen, daß
bereits am 2. Tag eine geringe Zunahme der Tuberkulinempfind-
Experimentelle Untersnchung^n fiber die Tnberknlinreaktiou. 429
lichkeit auftritt (tödliche Dosis 2^), die am 5. Tag, gleichzeitig
mit dem Auftreten der Achseldrüsenschwellnng deutlicher wird
(tödliche Dosis 2,1).
Die Infektionsgeschwulst nahm nach dem 8. Tage rasch zu.
Im Zentrum fand sich jetzt nicht nur reines Leukocytenexsudat,
sondern deutlich käsiger Zerfall. Die darum liegende Schicht ent-
hielt hauptsächlich epitheloide Zellen, die sich durch benachbarte
Bindegewebs- und Muskelbündel drängten. Am 8. Tage hatte das
neugebildete Gewebe in der Umgebung deutlichen Tuberkelcharakter.
Späterhin nimmt der tuberkulöse Prozeß in der Umgebung zu,
Yerkäsung tritt dann auch an ahderen Stellen ein. Bei einem Teil
der Tiere bricht die Infektionsgeschwulst nach außen durch; es
entsteht das tuberkulöse Geschwür. Im Verlauf der 2. Woche steigt
die Empfindlichkeit etwas langsamer, um so schneller dagegen am
Ende derselben gleichzeitig mit dem Auftreten zahlreicher makro-
skopischer Herde in den inneren Organen (tödliche Dosis 0,6). Diese
tuberkulösen Veränderungen entwickeln sich in der bekannten
Weise weiter derart, daß dann verschiedene Stadien tuberkulöser
Prozesse im selben Organismus anzutreffen sind, von der Bnnd-
zellenanhäufung um den Tuberkelbazillus bis zur walnußgroßen
Kaverne in der Infektionsgeschwulst. In diesem Stadium zeigt
die Kurve ein stetiges Ansteigen mit abnehmender Geschwindigkeit
Gegen Ende des tuberkulösen Prozesses (tödliche Dosis 0,5—0,1)
wurde besonders auf etwaiges Vorkommen von Heilung oder doch
von regressiven Vorgängen am tuberkulösen Herd geachtet. Eine
Heilung kam nicht vor. Bei einem einzelnen, abnorm lange lebenden
Tier, das erst am 77. Tage Tuberkulin bekam und das kurz vorher
geworfen hatte, wurde eine Tuberkulose mit deutlicher, beginnender,
bindegewebiger Abkapselung der Herde gefunden. Ein Urteil über
das Verhalten der Tuberkulinempflndlichkeit in den späten Stadien
können wir bei der geringen Zahl von Versuchen nicht f&Uen.
Es sind nun noch eine Beihe Bedenken, die sich gegen unsere
Versuche erheben, zu erörtern. Ohne weiteres gilt wohl die Paral-
lelität zwischen tuberkulösem Prozeß und Tuberkulinempflndlichkeit
etwa vom 11. Tage ab, wo wir eine disseminierte, typische Tuber-
kulose der inneren Organe fanden, wie aus der Tabelle II zu sehen
ist. Wie ist es aber in den ersten Stadien vor dem 11. Tage?
Worauf beruht diese frühe Steigerung der Empfindlichkeit? Besteht
hier überhaupt bereits ein tuberkulöser Prozeß, dem die Tuberkulin-
empflndlichkeit parallel geht?
Es ist zunächst zu erörtern, ob in diesem Stadium schon ein
430 XXVI. Bahbdt
wirklich ein taberkalöfler Prozeß and nicht nur eine auf Fraiid*
körperwirknng bernhende Gewebssch&dignng: besteht.
Zweifellos sind die Veränderungen in der Umgebung der In-
jektionsstelle zum Teil durch die Verletzung, zum Teil durch die
mit injizierte Kochsalzlösung und die wohl auch im Bazillenrasen
enthaltenen chemotaktisch wirkenden Spuren des Nährbodens der
Kulturen hervorgerufen. Es entsteht bei der Injektion einer Auf-
schwemmung von Tuberkelbazillen eine Zerreißung des Gewebes,
geringe Blutung und dann ein Absceß. Letzterer ließ sich bei
unseren Tieren oft bereits am 2. und 8. Tage nachweisen, meist
eine flache, zuerst kaum 1 mm dicke, aber 7s cm im Durchmesser
messende Schicht von dickem Eiter, umgeben von dem wesentlich
umfangreicheren Wall geröteten, blutreichen, infiltrierten Binde-
gewebes; bei den Tieren mit Tuberkulinreaktion war die Infil-
tration, der Blutgehalt und die Blutung viel stärker, als bei nicht
injizierten Tieren. Es bestand also bereits am 2. Tage eine aus-
gesprochene, ja sogar besonders deutliche Lokalreaktion, auch bei
den nicht tödlichen Tuberkulininjektionen, wie sich bei der Unter-
suchung von Tieren zeigte, die während der Reaktion durch Chloro-
form getötet worden waren. Das spricht im allgemeinen bereits
für die spezifische Natur des Prozesses.
Wir haben versucht, durch histologische Untersuchung uns
von dem Vorhandensein tuberkulöser Prozesse in den ersten Tagen
zu Überzeugen. An den durch Tuberkulin getöteten Tieren ist dies
etwas schwierig, da hier die außerordentlich heftige lokale Tuber-
kulinreaktion das Bild sehr verändert. Wir untersuchten daher
auch nicht mit Tuberkulin behandelte Kontrolltiere und solche, die
während der nicht tödlichen Reaktion durch Chloroform getötet
wurden. Es ließ sich folgendes feststellen: der kleine Absceß, der
bereits nach 2 V« Tagen auftrat, unterschied sich histologisch nicht
wesentlich von einem gewöhnlichen Absceß. Für die tuberkulöse
Natur sprach vielleicht zunächst, daß die epitheloiden Plasma-
zellen zahlreicher waren und bereits in diesem Stadium auch in
den (Tewebsspalten der Umgebung reichlich zu sehen waren. An
einzelnen Stellen erinnerte die Anordnung der Kerne dieser Zellen
schon an Biesenzellenbildung. Sichere Tuberkel mit charakteristi-
scher Anordnung von Riesenzellen und Epitheloidzellen, konnten
aber am 2.-3. Tage noch nicht konstatiert werden.
Will man in diesem Stadium eine Beziehung zwischen dem
anatomischen Prozeß und der Tuberkulinempfindlichkeit sehen, so
wäre zu konstatieren, daß der Beginn der Tuberkulinempfindlich-
£xperimeiitelle üntersnchimi^en Ober die Tnberknliiireaktion. 431
keit bereits vor Aasbildung der Tuberkel eintritt. Eine sichere
Entscheidung möchten wir hierüber nicht treffen. Zum Studiam
dieser, namentlich für die Erklämng der Tnberknlinreaktion
wichtigen Frage dürfte es sich empfehlen, einen anderen Infektions-
modns zu wählen, bei dem die Entstehung einer nicht rein tuber-
kulösen Entzündung, wie wir sie an der Impfstelle in den ersten
Tagen erhielten, möglichst vermieden wird, etwa eine intravenöse
Infektion mit einer geringen Menge einer sehr feinen Aufschwem-
mung von Bazillen. ^
Die Möglichkeit, daß bereits am 2. Tage tuberkulöse Ver-
änderungen auftreten, steht fest. Nach Untersuchungen von Wechs-
berg^) in Weigert's Laboratorium, der Tuberkelbazillen intra-
venös applizierte, beginnt bereits nach 6 Stunden, Endothelverlust
und Zerstörung der elastischen Fasern, in den Gef&ßen finden sich
Bazillen von polynucleären Lenkocyten umgeben ; nach 24 Stunden
werden bereits epitheloide Zellen gefunden. Nach 3 Tagen finden
sich bereits Riesenzellen.
Ein weiterer Einwand richtet sich gegen die spezifische Wir-
kung der Tuberkulininjektion bei unserer Yersuchsanordnung.
Wir injizierten, namentlich bei den ersten Stadien, eine größere
Flüssigkeitsmenge, als bei den Tuberkulinwertbestimmungen üblich.
V. Behring^) verdünnt so, daß auf 100 g Meerschwein durch-
schnittlich 0,25 ccm Flüssigkeit kommen. Da er aber bei dieser
Wertbestimmung nur tuberkulöse Tiere am 25. bis 30. Tag, über-
dies ein um 25% stärker wirksames Tuberkulin (Tub. a. M.) ver-
wendet, bedarf' er überhaupt nur geringerer Mengen von Tuber-
kulin. Wir wollten dagegen alle Stadien der Tuberkulose, also
auch noch fast normalemptindliche und zum Vergleich auch ge-
sunde Tiere verwenden. Bei diesen ist aber die tödliche Tuber-
kulindosis unverhältnismäßig größer. Nach Koch^) kann man
einem gesunden Meerschweinchen bis zu z^^ei Kubikzentimetern
und selbst mehr von der unverdünnten Flüssigkeit subkutan in-
jizieren, ohne daß dasselbe dadurch merklich beeinträchtigt wird.
Das von Behring verwendete, dem alten Koch'schen Tuber-
kulin analoge, aber 25% stärkere Tub. a. M. hatte für ge-
sunde Meerschweinchen einen Giftwert von 1 ccm = ca. 40 + M.,
1) Wechsberg, Ziegler's Beiträge Bd. 29 1901 p. 203— 232.
2) y. Behring, 1. c. p. 8.
3) Koch, Weitere Mitteüimgen über ein Heilmittel gegen Tnberknlose.
Deutsche med. Wochenschrift 1890 p. 1030.
432
XXVI. Baubdt
d. h. ca. 6 ccm töten gerade noch mit Sicherheit gesunde Meer-
schweinchen von 260 g. Nach dieser Berechnung würden ca. 6 ccm
altes Koch'sches Tuberkulin gesunde Meerschweinchen tod
200 g gerade noch mit Sicherheit töten. Eine genaue Wert-
bestimmung des Tuberkulins an gesunden Tieren gilt fBr on-
sicher. ^) Bei gesunden Tieren müssen sehr große Mengen Ton
Tuberkulin injiziert werden. Da könnte die tödliche Wirkung zum
Teil auf die entstehenden Verletzungen, Nekrosen durch Druck,
vielleicht auch auf die Wasserentziehung durch das Glyzerin des
Tuberkulins bezogen werden. Nach Maragliano^) trägt das
Glyzerin in den Mengen, in denen es im Tuberkulin enthalten ist
50 Volumenprozent, nach Versuchen an gesunden Tieren zur Tuber-
kulinvergiftung der Tiere stark bei. Es konnte hier also eine
Fehlerquelle vorliegen. Um einen Anhalt über die Größe der mög-
lichen Fehlerquelle zu gewinnen, bestimmten wir, zunächst an ge-
sunden Tieren, die tödliche Dosis eines Gemisches von Glyzeiin
und physiologischer Kochsalzlösung, das ebensoviel Glyzerin ent-
hielt, wie die von uns injizierten Tuberkulinmengen. Wir fanden
für gesunde Tiere, wie der folgende Versuch zeigt, die Glyzerin-
empfindlichkeit in der Tat nahe der Tuberkulinempfindlichkeit
Tabelle III. Kontrollversuche mit Glyzerin. Eochsalzlösnng.
Qesunde
Tuberkulöse Ti6re am
Dosis
Tiere
6.
8.
11. Infektionstag
1,8
1
1,9
1
2,0
21
2:2
(
2,3
2,4
2,5
-^
^—
•^^
i
1 1
+
._
-4-
~ 1
2,6
+
1
27
2,8
— --
+
f
1
1
2,9
1
3,0
+
+ 1 + ■
3,1
3,2
+
1
1
1
Die \
i^irkung des
Tuberku
lins auf
gesi
linde Tiere beruht also
1) Neufeld, Deutsche med. Wochenschr. 1899.
2) Maragliano, Der wässerige Auszug der TuberkelbaziUen und seine
Derivate.
Experimentelle Untersuchungen über die Tnberknlinreaktion. 433
zweifellos zum Teil auf dem Glyzeringehalt und dessen osmoti-
scher Wirkung, daneben vielleicht noch auf der mechanischen Wir-
kxmg der Injektion.
Um zu prüfen, ob tuberkulöse Tiere namentlich, im Beginn der
Erkrankung gegen Glyzerin allein ebenso überempfindlich sind, wie
^egen Tuberkulin, machten wir Versuche mit Glyzerin an tuber-
kulösen Tieren. Wir injizierten diesen in den ersten Stadien stufen-
weise Glyzerinkochsalzlösung und bestimmten die tödliche Dosis,
nnd zwar am ö., 8. und 11. Infektionstag. Die Resultate (Tab. III)
zeigen, daß durch die Tuberkulose die Empfindlichkeit für Glyzerin
nicht annähernd so gesteigert wird, wie die für Tuberkulin. So
ist die tödliche Dosis für Glyzerinkochsalzlösung am 1. Tag 2,4
gegen 1,7 für Tuberkulin und fast gleich der für nicht infizierte
Tiere. Daß ein tuberkulöses Tier gegen alle Eingriffe mit dem
Fortschreiten der Tuberkulose empfindlicher wird, ist ja selbstver-
ständlich. Wir leiten aus unseren EontroUversuchen das Recht
ab, die Steigerung der Empfindlichkeit gegen Tuberkulininjektionen
in unseren Versuchen im wesentlichen als eine spezifische Tuber-
knlinüberempfindlichkeit anzusehen, auch in den ersten Stadien,
wo größere Mengen von Flüssigkeit und Glyzerin mitwirkten. In
den späteren Stadien, bei kleineren Dosen, können wir von einer
absoluten Messung der Tuberkulinempfindlichkeit sprechen. Hier
kommt die Mitwirkung nicht spezifischer Stoffe und die mecha-
nische Wirkung nicht in Betracht.
Nach diesen Feststellungen ist eine ununterbrochen
fortschreitende Tuberkulose mittlerer Virulenz beim
Meerschweinchen von einer früh beginnenden dauernd
und dem tuberkulösen Prozeß parallel wachsenden
Tuberkulinempfindlichkeit begleitet.
XXVIL
Aus der Direktorialabteilung des Eppendorfer Krankenhauses
(Pi^f. Dr. Lenhartz).
Beitrag znr Pathogenese des Streptocooens mncosvs.
Von
Dr. H. Otten,
AsslBtenzarzt.
Im Jahre 1903 berichtete Schottmüller ^) in seiner Arbeil
„Die Artunterscheidung der für den Menschen pathogenen Strepto-
kokken durch Blntagar", daß es ihm gelungen sei, mit Hilfe dieses
Nährbodens verschiedene Streptokokkenarten zu differenzieren, unt^
anderen die von ihm als Streptococcus mucosus bezeichnete
Art. Schottmüller führte damals 7 Fälle an, bei denen er in
der Lage gewesen war, sei es in den erkrankten Organen, im
Eiter, sei es im lebenden oder im Leichenblut, den Streptococcus
mucosus als alleinigen Krankheitserreger kulturell nachzuweisen.
Seit dieser Publikation Schottmüller 's sind nur vereinzelte
Mitteilungen über den Streptococcus mucosus erschienen.
R. 0. Neu mann*) berichtet, daß er in 8 Fällen aus Nasen-
und Kachenschleim, aus Sputum und Tonsillenbelag einen Kapsel-
Streptokokkus zu züchten vermochte, der offenbar mit der von
Schottmüller als Streptococcus mucosus gekennzeichneten Art
identisch ist.
Eug. FraenkeP)*) hat sich über diesen Mikroorganismus in
seinen zwei Mitteilungen „Über menschenpathogene Streptokokken"
geäußert, zieht aber nur die kulturellen Eigenschaften desselben
und Tierversuche in den Kreis seiner Untersuchungen, ohne einzelne
1) Schottmüleer, Manch, med. Wochenschr. Nr. 20 ü. 21 1903.
2) R. 0. N e u m a n n , Zentralbl. f. Bakteriol. Bd. 37 1904.
3) Eu^. Fraenkel, Münch. med. Wochenschr. Nr. 12 1905.
4) Eug. Fraenkel, Milnch. med. Wochenschr. Nr. 39 1905.
Beitrag zur Pathogenese des Streptococcus mucosns. 435
klinische Beobachtangen mitzuteilen. Heim^) erwähnt einen Fall
von Otitis, bei dem der Streptococcus mucosus als einziger Erreger
kaltnrell festgestellt wurde.
In seiner Arbeit „Über die epidemische Genickstarre" fuhrt
Lenhartz^) an einer Stelle aus, daß unter 40 bakteriologisch
gesicherten Fällen bei 4 außer dem Weichselbaum'schen Meningo-
kokkus ein zweiter Erreger in dem Meningealexsudat nachgewiesen
wurde, darunter einmal auch der Streptococcus mucosus neben dem
Meningokokkus.
Auch Schottmäller^) hat diesen Fall in seiner Arbeit
„Über Meningitis cerebrospinalis epidemica" erwähnt;
dort äußert Schottmüller außerdem auch die Ansicht, daß die
von Bonome und von Panienski beschriebenen Genickstarre-
epidemien nicht durch den Weichselbaum'schen Meningokokkus, son-
dern durch den Streptococcus mucosus hervorgerufen worden sind.
Endlich hat Schottmüller*) in seiner letzten Veröffent-
lichung „Zur Ätiologie der Pneumonia crouposa" 6 Fälle
angeführt, die erkennen lassen, daß eine Form der kroupösen
Pneumonie auch durch den Streptococcus mucosus hervorgerufen
werden kann.
Weitere Fälle konnte ich in der Literatur, soweit sie mir zur
Verfügung stand, nicht auffinden. Angesichts dieser spärlichen
Mitteilungen mag es daher berechtigt erscheinen, wenn ich in den
folgenden Zeilen 6neueFälle bringe, die in den letzten 2 Jahren
auf unserer Abteilung beobachtet wurden; auch führe ich einen
7. Fall mit an, der auf einer anderen Abteilung zur Beobachtung
kam und mir freundlichst zur Verfügung gestellt wurde. In den
7 Fällen handelt es sich um folgende Erkrankung. Im 1. Falle
lag eine eiterige Bronchitis mit Hypostase der ünterlappen
vor; 2 weitere betrafen Bronchopneumonien, im 4. Fall handelte
es sich um eine kroupöse Pneumonie der linken Lunge, im
5. und 6. Fall um eiterige Meningitis und im letzten um
eiterige Pelveoperitonitis bei Rektum-Syphilis. Ich lasse
zunächst kurze Auszüge aus den Krankengeschichten und Sektions-
protokollen folgen, um dann eine kurze Besprechung anzuschließen.
I. St., 84 Jahre, Arbeiterfrau, aufgenommen am 8. Mai 1904.
Anamnestiscbe Daten nicht zu eruieren, vor 10 Tagen plötzlich erkrankt.
1) Heim, Zeitschr. f. Hyg. u. Infektionskr. Bd. 50, H. 1 1905.
2) Lenhartz, Deutsche Archiv f. klin. Med. Bd. 84 1905.
3) Schottmtiller, Münch. med. Wochenschr. Nr. 34, 35, 36 1905.
4) Schottmüller, Münch. med. Wochenschr. Nr. 30 1905.
Deutsches Archiv f. klin. Medizin, sa. Bd.' 29
436 XXVII. Ottek
Bei dei Aufnahme völlig benommeo, cyanotisch, elender PoIb, diffase
Bronchitis, Ödem der Unterschenkel, ÜIcera cruris utr.
Blntkultur (Armvene), 10 ccm, steril. Nach wenigen Standen
Exitus letalis.
Sektion : Senile Organe, Arteriosclerosis universalis, eiterige Bronchitiä)
Hypostase beider XJnterlappen.
Kultur aus dem Kerzblut: aus 10 ccm ca. 35 Kolonien Strepto-
coccus mucosus in Beinkultur.
II. B., 72 Jahre, Arbeiterswitwe, aufgenommen 26. April 1904.
Früher stets gesund, am 23. April bewußtlos vor ihrem Bett liegend auf-
gefunden. Bei der Aufnahme ins Krankenhaus moribund, benommen.
Gyanose, Tracheairasseln, linksseitige schlaflfe Hemiplegie. Die vitale
Blutentnahme (Armvene) ergibt: in 6 ccm zahllose Kolonien Strepto-
coccus mucosus rein. Exitus letalis am 27. April 1904.
Sektion: Arteriosclerosis universalis, Bronchopneumonien im linken
Unterlappen, hämorrhagiscber Erweichungsherd im rechten Stimhim:
Gallensteine.
Die bakteriologische Untersuchung des Herzbluts ergibt: zahlreiche
Kolonien Streptoc. mucos. rein; aus den bronchopneumonischen Herden
wachsen außer einigen Staphylokokken, nur Streptoc. mucos.; aus dem
Wirbelmark Streptococ. mucosus rein.
III. S., 22 Jahre, Dienstmädchen, aufgenommen am 21. Februar
1905. Anamnese nicht zu eruieren, angeblich erst seit kurzer Zeit
Halsschmerzen, Atemnot. Bei der Aufnahme ziemlich benommen, hoch-
gradige Dyspnoe, Cyanose, Trachealrassein ; Larynx mit diphtherischen
Membranen ausgekleidet, die anscheinend in die Trachea hinunterreichen:
bronchopneumonische Herde in beiden Unterlappen ; Graviditas meos. VI :
hohes Fieber, elender Puls.
Blut (Aderlaß 200 ccm) : zahllose Kolonien Streptococcus mucosus
in Beinkultur. Abstrich von Tonsillen und Kehlkopf: Diphtheriebazilleu
und Streptokokken (mucosus?) Exitus letalis bald nach der Aufnahme.
Sektion: Larynx, Trachea und Bronchien mit diphtherischen Mem-
branen ausgekleidet; konfluierte Bronchopneumonien beider Unterlappen.
Gravider Uterus mens. VI.
Kultur aus Herzblut : Zahllose Kolonien Streptococcus mucosus rein,
aus dem Wirbelmark einzelne Kolonien Streptoc. muc. ; aus den broncho-
pneumonischen Herden, außer einigen Kolonien Staphylokokken, zahl-
reiche Kolonien Streptococcus mucosus.
IV. Gz., 33 Jahre, Dienstmädchen, aufgenommen 21. Mai 1905.
Patientin spricht nur polnisch, angeblich am 14. Mai plötzlich erkrankt,
bewußtlos umgefallen, seitdem Fieber, Husten, blutigen Auswurf.
Bei der Aufnahme schwer kranker Allgemeinzustand, mäßig hohes
Fieber, sehr debiler Puls, Dyspnoe, Cyanose. Diffuse Bronchitis, pnen-
monische Infiltration des linken Oberlappens; sehr reichlich schleimig*
fadenziehendes, gelbrötliches Sputum, 200 — 300 ccm in 24 Stunden. In
den zwei folgenden Tagen verschlimmert sich der Zustand, es tritt eine
frische Infiltration auch des linken Unterlappens hinzu.
Aus dem Sputum fast in Beinkultur Streptococcus mucosus.
Beitrag zur Pathogenese des Streptococcus mncosus. 437
BInt (Armyene) : in 20 ccm zahllose Kolonien Streptococcas mncosns
in Beinknltor. 23. Mal unter zunehmender Herzschwäche Exitus letalis.
Sektion: Pneumonia crouposa lob. sup. sin. (graue Hepatisation)
imd inf. sin. (rote Hepatisation); Pleuritis fibrinosa sin. Syphilitische
Lappenleber, multiple kleine Gnmmiknoten in der Leber.
Herzblut: Streptococcus mucosus rein. Ausstrich und Kultur aus
den pneumonischen Lungen ebenfalls Streptoc. muc. rein.
y. Br., 41 Jahre, SchutzmannsfraU| aufgenommen 1. Mai 1904.
Als Kind Masern, Scharlach ; seit 8 Wochen Kopfschmerzen, seit 3 Wochen
Ohrenschmerzen rechts, eiterigen Ohrausfluß ; seitdem in spezialärztlicher
Behandlung ; 30. April 1904 abends plötzlich äußerst heftige Kopf-
schmerzen, Schwindel, Erbrechen, in der Nacht benommen.
Bei der Aufnahme ganz unklar, Fieber bis 39,2, Puls 80, debil, aus-
gesprochene Nackensteifigkeit, Hyperästhesie der Haut, Incontinentia alvi et
nrinae ; beiderseits Stauungspapillen ; Otitis media dextra perfor. purulenta.
Ohreiter im Ausstrich: Kokken in Diplo- und Streptoform, Kultur:
Streptococcus mucosus rein.
Lumbalpunktion am 1. und 2. Mai: Druck bis 240 mm, serös-
eiterige Flüssigkeit, im Ausstrich polynucleäre Leukocyten, Streptokokken,
Kultur: Streptococcus mucosus rein.
Blut (Armvene): in 20 ccm nach 18 Stunden zahllose Kolonien
Streptococcus mucosus rein.
Unter zunehmender Herzschwäche und Steigerung der meningiti-
schen Symptome Exitus letalis am 3. Mai.
Sektion: Lungen frei, geringer Milztumor. Leptomeningitis cerebro-
spinalis purulenta, Otitis media pur. dextr. Kultur aus Herzblut, Me-
niogealeiter, Mittelohreiter und Wirbelmark: Streptococcus mucosus in
Bemknltur.
VL H., 18 Jahre, Arbeiterin, aufgenommen 2. August 1904.
Anamnese: Hereditär nichts Besonderes, Eltern und Geschwister gesund:
als kleines Kind gesund, vom 12. — 14. Jahre schwere Polyarthritis, seit-
dem „Herzfehler^; mit 16 Jahren leichtes Hecidiv. Seither stets ge-
sund und arbeitsfähig. 27. Juli 1904 ziemlich plötzlich mit Kopf- und
Nackenschmerzen, Erbrechen, Fieber erkrankt; „Schnupfen^ einige Tage
vorher.
Status: Apathisch, Kopf- und Nackenschmerzen 39,8 Temperatur,
84 Pulse, Nackensteifigkeit, Stauungspapille beiderseits ; Rhinitis catarrh.,
Mitralinsufficienz. Ohren frei.
Blut (Armvene): in 20 ccm nach ca. 18 Stunden 36 Kolonien
Streptococcus mucosus rein ; Lumbalpunktion : erhöhter Druck, trüb-seröse
Flüssigkeit, Leukocyten, Streptokokken, Kultur : Streptococ. mucos. rein.
Im Nasensekret keine Streptokokken.
5. August. Dauernd hohes, remittierendes Fieber, schwere menin-
gitische Symptome, über Nacht heftige Schmerzen in den Bulbi, starke
perikorneale Lijektion, lebhafte Tränensekretion; in Blut und Lumbai-
flüssigkeit wieder Streptococcus mucosus rein.
7. August. Zeitweise unklar, hohes Fieber, Nackenstarre, beider-
seits Irido - cyclitis, Glasköpertrübung, Chemosis links. Im Blut 160
Kolonien Streptoc. muc. in 15 ccm.
29*
438 XXVn. Otten
9. AngUBt. Unmhig, anklar, Fieber zwischen 37,5 und 40,5, be-
ginnende Debilitas oordis, frische EndocarditiB mitraUs (?). MeningitiBche
Symptome unverändert. Starke Chemosis beiderseits, Iridocjclitis, Glas-
körpertrübnng, Lidödem.
15. Augnst. Garns benommen, Herzschwäche; beiderseits das Büd
einer Panophthalmie.
- In 3 Blutentnahmen stets Streptoc. muc. in B<einkultur, ebenso bei
6 Lumbalpunktionen ; höchster Spinaldruck 450 mm ; im ganzen wurden
rund 150 ccm Eiter abgelassen; jedesmal nach der Lumbalpunktion for
einige Stunden teilnehmender und frei von Kopfschmerzen.
Exitus letalis 16. August 1904.
Sektion: Empyems Sinus sphenoidalis, Meningitis cerebrospinalis
purulenta ; Mittelohren, Nase und Nebenhöhlen frei. Alte Mitralinsufficieni
und frische zarte verrncöse Auflagerungen an den Mitralsegeln ; blande
Infarkte in Milz und Nieren.
Herzblut: Streptococ. muc. in Reinkultur, desgl. aus Wirbelmsrk,
Eiter des Sinus sphenoidalis und der Meningen. Abstrich aus Galle,
Milz- und Niereninfarkten bleibt steril.
In mikroskopischen Schnitten der Mitralsegel, Milz- und Nieren-
infarkte sind Bakterien nicht nachweisbar. Beide Bulbi wurden in toto
herausgenommen zur mikroskopischen Untersuchung , über die ich weiter
unten berichten werde.
Da£ es sich in allen 6 Fällen ansschließlich um weibliche In-
dividuen gehandelt hat, mag wohl nur auf Zufall beruhen; betrefiis
des Altei-s ergibt sich, daß vom il8.— 84. Lebensjahr alle Alters-
stufen vertreten waren.
Beachtenswert ist der Umstand, daß bei allen 6 Fällen die
Kranken angaben, plötzlich mit schweren Erscheinungen er-
krankt zu sein ; der Verlauf war meist ein sehr schneller, spätestens
in 14 Tagen trat der Exitus letalis ein.
In 5 Fällen wurde der Krankheitserreger bereits
aus dem lebenden Blut kulturell nachgewiesen; in
Fall 1 blieb die vitale Blutentnahme steril, das Herzblut der
Leiche aber wies eine größere Zahl Kolonien Streptococcus mucosus
in Reinkultur auf; der Ausgangspunkt für die Bakteriämie wurde
in diesem Falle nicht festgestellt; eine bakteriologische Unter-
suchung der Lungen, möglicherweise der Ausgangspunkt, unter-
blieb bedauerlicherweise. In allen übrigen Fällen konnte dagegen
bei der Sektion der Erreger an der Stelle kulturell nachgewiesen
werden, von der aus vermutlich die Blutüberschwemmung statt-
gefunden hatte: zweimal in bronchopneumonischen Herden, einmal
in der hepatisierten Lunge, zweimal in den Meningen.
In FaU 3 bestand neben der durch den Streptococcus mucosus
bedingten Erkrankung eine schwere Diphtherie (Löffler); ob die
Beitrag zur Pathogenese des Streptococcns mucosiis. 439
aus dem ToBsillen- und Eehlkopfabstrich gezüchteten „Strepto-
kokken" als Streptococcus mucosus zu deuten sind, geht leider
aus der Krankengeschichte nicht hervor.
Fall 4 bietet ein weiteres treffendes Beispiel dafür, daß das
klinische und pathologisch-anatomische Erankheitsbild der genuinen
kroupösen Pneumonie wie durch den Diplococcus lanceolatus und
andere Erreger, so auch durch den Streptococcus mucosus allein
hervorgerufen werden kann, wie Schottmüller (1. c.) nach-
gewiesen hat Hier wurde der Streptococcus mucosus intra vitam
ans dem Blut und aus dem Sputum kulturell nachgewiesen ; an der
Leiche bot die Lunge völlig das gewöhnliche Bild der kroupösen
Pneumonie dar, und es konnte ebenfalls der Streptococcus mucosus
in Reinkultur aus dem Blut wie aus der hepatisierten Lunge (so-
wohl im Stadium der grauen wie der roten Hepatisation) einwands-
frei als einziger Erreger gezüchtet werden.
Unser 5. Fall ist insofern bemerkenswert, als nach einer
wochenlang bestehenden eiterigen Otitis plötzlich, ohne erkenn-
bares auslösendes Moment, die schwersten meningitischen Erschei-
nungen einsetzten, die in knapp 4 Tagen zum Tode führten; in
diesem Falle konnte intra vitam der Erreger im Ohreiter,
in der Lumbalpunktionsflüssigkeit und im Blut fest-
gestellt werden, ebenso bei der Sektion. Im Gegensatz zu den
von Schottmüller (1. c.) aufgeführten Fällen von Meningitis,
handelte es sich in unserem Falle um eine im Anschlüsse an eine
monatelang bestehende Otitis mit Perforation aufgetretene Menin-
gitis und Allgemeininfektion durch den Streptococcus mucosus; ein
makroskopisch - anatomisch erkennbarer Zusammenhang zwischen
Otitis media und Meningitis konnte hier bei der Sektion nicht
festgestellt werden; eine Knochenerkrankung (Felsen beinpyramide)
lag nicht vor.
Und nun noch einige Worte zu unserem letzten Falle. Auch
hier plötzliches Auftreten schwerer meningitischer Symptome bei
einer sonst kräftigen, arbeitsfähigen jugendlichen Person, bei der
zunächst der Ausgangspunkt der Meningitis nicht bestimmt anzu-
geben war; es dürfte aber wohl der vorangegangene „Schnupfen"
und das autoptisch nachgewiesene Empyem des Sinus sphenoidalis
als die Quelle der Meningitis zu betrachten sein.
Bei der Aufnahme bestand bereits eine Überschwemmung des
Blutes, in welchem der Erreger ebenso wie in der Lumbalflüssig-
keit kulturell nachgewiesen werden konnte.
Da bereits seit Jahren ein Herzfehler bestand, konnte im
440 XXVII. Otten
Laufe der klinischen Beobachtung die Vermutung ausgesprochen
werden, daß es zu einer frischen Erkrankung der affizierten Herz-
klappe kommen würde, was ja auch in der Tat autoptisch erwiesen
wurde; aus dieser frischen Endokarditis wird auch das embolische
Material herstammen, welches zu den gefundenen Infarkten in Milz
und Nieren fährte. Unter den bisher mitgeteilten Fällen von AU-
gemeininfektion durch Streptococcus mucosus ist dies das einzige
Mal, daß derartige Infarkte beobachtet wurden.
Eine mikroskopische Untersuchung sowohl der Mitralklappe
wie auch der Milz- und Niereninfarkte ließ, wie schon erwähnt,
keine Bakterien im Schnitt erkennen. ^
In diesem Falle wurde der Nachweis des Erregers intra viUun
mehrfach im Blut und in der Lumbaiflüssigkeit erbracht, ebenso
post mortem, hier außerdem im Eiter des Keilbeinempyems. Die
Untersuchung des Nasen-Rachensekrets ergab aber weder vitnl
noch post mortem den gesuchten Erreger.
Ein weiterer Befund verdient in diesem Falle besondere Er-
wähnnng, nämlich die beiderseitige Panophthalmie: diese
Komplikation trat beiderseits fast gleichzeitig auf, über Nacht nnd
fährte in wenigen Tagen zur völligen Erblindung. Die von Herrn
Dr. A. H. Pagenstecher liebenswürdiger Weise ausgeführte
Untersuchung der beiden Bulbi, wofür ich ihm auch an dieser
Stelle besonders danke, ergab unter anderem, daß in den Arterien
der Chorioidea sowie im vereiterten Glaskörper zahlreiche Strepto-
kokkenketten erkennbar waren. Wir müssen demnach hier die
Panophthalmie als eine auf dem Blutwege entstandene Metastase
ansehen.
Im Anschluß an die bisherigen Mitteilungen, bei denen es sich
stets um rapid verlaufende tödliche Infektionen durch Strepto-
coccus mucosus handelte, sei es mir gestattet, über einen anderen
P^all kurz zu berichten, bei dem der in Frage stehende Erreger
monatelang im Blute nachgewiesen werden konnte. Es
handelt sich um eine 46jährige Frau, die vom 20. Juli bis 6. No-
vember 1905 auf der geburtshilflich-gynäkologischen Abteilung M
des Krankenhauses behandelt wurde ; die Patientin litt seit Jahren
an einer syphilitischen Mastdarmstriktnr; im Anschluß daran hatten
sich periproktitische Abscesse, Fisteln, Cystopyelitis und Pelveo-
Peritonitis entwickelt; schließlich erlag die Patientin einer allge-
meinen Peritonitis und eiterigen Pleuritis.
1) Es sei mir gestattet, auch an dieser SteUe Herrn Oberarzt Dr. Staude
für die liebenswürdige Überlassung der Krankengeschichte verbindlichst zn danken.
Beitrag znr Pathogenese des StreptococcuR mncosns. 441
Hier wurde intra vitam der Streptococcus mucosus
aus einem eröffneten Douglasabsceß. aus dem Pleura-
eiter und mehrfach aus dem Blut reingezuchtet; letzteres
auch bei der Sektion. Der erste Nachweis des Erregers im
Blut wurde bereits 3Vo Monate vor dem Tode erbracht.
Über die Morphologie, Färbungsverhältnisse, kulturellen Eigen-
schaften und über die Tierpathogenität des hier in Rede stehenden
Mikroorganismus kann ich mich kurz fassen; es konnte bei den
aus unseren Fällen gezüchteten Stämmen nach keiner Richtung hin
irgend eine Eigenschaft beobachtet werden, die von den ausfEihr-
lichen Angaben Schottmüller 's in seiner ersten diesbezüglichen
Publikation (1. c.) abgewichen wäre. Die Lagerung in Diplo- und
Kettenform, das regelmäßige Vorhandensein einer Kapsel auch in
den länger fortgezüchteten Stämmen, die Notwendigkeit, stets reich-
liches Material (Eiter, Blut, Kultur) zu übertragen, um sicheres
Wachstum zu erzielen, die Färbbarkeit mit gewöhnlichen Anilin-
farben und nach Gram, die Schleimbildung, die Größe der Kolonien,
das schnelle Absterben, die Tierpathogenität, endlich das charak-
teristische Wachstum aufBlutagar: alle diese Eigenschaften
des Streptococcus mucosus konnten auch an unseren Stämmen bei
zahlreichen Züchtungsversuchen beobachtet werden ; es gelang nie-
mals, auf irgend eine Weise den Streptococcus mucosus etwa in
einen Streptococcus pyogenes erysipelatos oder in einen Streptococcus
mitis überzuführen oder umgekehrt.
Inzwischen hat Fraenkel, wie oben (1. c.) erwähnt, durch
Anwendung des v. Drigalski-Conradi'schen Nährbodens und einzelner
Modifikationen desselben weitere kulturelle Unterscheidungsmerk-
male für den Streptococcus mucosus mitgeteilt, die auch diesen
Autor in der schon früher von ihm geäußerten Ansicht bestärkt
haben, „daß jede dieser Arten (i. e. Streptococcus pyogenes ery-
sipelatos, Streptococcus mitis und Streptococcus mucosus) als eine
wohl charakterisierte und von den anderen unterscheidbare auf-
gefaßt zu werden verdient."
XXVIII.
Aus der medizinischen Klinik zu Breslau.
(Direktor: Geheimrat Professor von Strümpell.)
Über Infnsorien im TyphnsstnUe nebst Beschreibnng einer
bisher noch nicht beoachteten Art
(Balantidinm gigantenm).')
Von
Privatdozent Dr. Paul Krause.
(Mit 4 Abbildungen.)
In den letzten Jahren wird dem Studium der Protozoen seitens
der Mediziner ein größeres Interesse entgegengebracht, seit ihre
pathogene Bedeutung für einige Infektionskrankheiten, ich nenne
nur die Malaria, Trypanosomiasis, Amöbendysenterie, sicher er-
wiesen ist. Das Hauptinteresse wendet sich naturgemäß den Blut-
parasiten zu, während die im Stuhle vorkommenden Protozoen in
Deutschland nur vereinzelt studiert werden konnten, offenbar weil
einschlägige Fälle nur in spärlicher Anzahl zur Beobachtung kamen.
Deshalb sei mir eine einschlägige Mitteilung an dieser Stelle
gestattet, zumal ich dabei einige bisher noch nicht erhobene Be-
funde machen konnte.
Ich hatte Ende Juli und im August 1905 Gelegenheit, Proto-
zoen im Stuhle einer schwer erkrankten Typhuspatientin zu be-
obachten. Ich hielt den Befund zuerst für wenig wichtig, da ich an-
nahm, daß Infusorien und andere Protozoen häufiger im Typhns-
stuhle gesehen worden seien. Eine Einsicht in die mir zugängliche
Literatur belehrte mich eines Besseren. Die weitverbreiteten Mono-
graphien über Typhus abdominalis von Curschmann, Lieber-
meister, Griesinger enthalten keine Angaben darüber. Wenn
1) Im Auszuge vorgetragen in der biologischen Gesellschaft im zoologischen
Institute in Breslau.
über Infusorien im Typhasstuhle etc. 443
auch das Vorkommen von Protozoen im Stahle für den Typhusprozeß
ohne Bedeutung ist, so glaube ich doch, da auch andere, nicht gerade
bedeutsame Eigenschaften des Typhusstuhles regelmäßig besprochen
werden, daß immerhin diese Lebewesen eine kurze Erwähnung ver-
dienten.
Soweit mir die Literatur zugänglich war, scheint zuerst
Stieda^) das Vorkommen von Balantidium coli im Typhus-
stuhle beschrieben zu haben, während später Marchand*) ein
Infusorium im Typhusstuhle beschrieb, welches von Leuckart
als Trichomonas intestinalis angesprochen wurde. Ob unter
den 100 Fällen G r a s s i 's, in welchen er bei Darmkranken Flagel-
laten im Stuhle nachwies, auch Typhuskranke gewesen sind, konnte
ich nicht feststellen, da mir die Originalarbeit nicht zugänglich war.
Von den neueren Autoren beschrieb W. Janowski') (1897)
und E u r 1 0 w^) Flagellaten in den Fäces eines Typhuskranken ; in
der Mundhöhle eines solchen sah sie Rappin^). Es ist mir nicht
zweifelhaft, daß der nicht gerade seltene Befund von Flagellaten
im Stuhle von Darmkranken speziell in den Fäces von Typhus-
kranken auch noch von anderen Autoren erhoben worden ist ; wahr-
scheinlich waren eine Anzahl dieser „Darmkranken"* an Abdominal-
typhus erkrankt. Eine genaue Zusammenstellung aller bisher
beobachteten Fälle zu geben, liegt mir an dieser Stelle fern.
Ehe ich meine eigenen Befunde mitteile, seien ein paar An-
gaben aus der Krankengeschichte erwähnt:
Kurzer Auszug aus der Krankengeschichte.
Das 20 jährige Dienstmädchen Ida Seh. lag vom 10. August bis
9. September wegen Typhus abdominalis in der mediz. Klinik.
Die Kranke fieberte vom 11. Juli bis 5. August bis 40^. Die
Krankheit nahm im allgemeinen einen sehr schweren Verlauf ; die Patientin
war tagelang stark benommen , Delirien traten nicht auf. Im Blute
wurden Typusbazillen nachgewiesen, die WidaPsche Reaktion war 1 : 100
positiv. Nähere klinische Daten sollen nicht gegeben werden; nach der
Entfieberung erholte sich die Kranke auffallend langsam.
. Etwas Ausführliches will ich über die Beschafi'enheit der Stühle
1) Stieda, Über das Vorkommen von Paramäcium coli beim Menschen.
Virchow's Archiv 1866 Bd. 86 p. 286.
2) Marchand, Ein Fall von Infusorien im Typhusstuhle. Virchow's Archiv
1875 Bd. 64 p. 293.
3) W. Janowski, Flagellaten in den menschlichen Fäces. Zeitschr. f. klin.
Med. Bd. 31 p. 442.
4) Kur low, C. f. B. XXVI p. 614
5) Rappin, Thdse de Paris, citiert nach Braun, Die tierischen Parasiten.
444 XXVin. Kraubb
berichten. Die Kranke hatte Anfang Juli noch völlig regelmäßigen Stuhl
mehrere Tage vor der Aufnahme traten Durchfälle auf^ die Fac«
seien dünn gewesen und hätten wenig gefärbt ausgesehen. Der erste
in der Klinik beobachtete Stuhl am 12. Juli war dünnbreiig, hellbraun
gefärbt, roch übel nach H^S, reagierte stark alkalisch; enthielt reichlicli
Urobilin, kein Eiweiß, keine Albumosen. Mikroskopisch waren neben
vereinzelten Stärkekörnern eine große Zahl von Detritusmassen sichtbar,
daneben reichlich Kristalle von Tripelphosphat ; bei stärkerer Vergröße-
rung erkannte man massenhaft bewegliche Stäbchen von der Größe des
Bact. coli, daneben eine Anzahl von größeren Stäbchen, etwa von der
Größe der frischen Proteuskeime.
Außerdem sah ich im frischen Stuhl, etwa ^/^ Stunde nach der
Defakation , als ich denselben bei Vorbereitung des mikroskopisch-
chemischen Kurses untersuchte, im hängenden Tropfen reichliche MeDgen
von Protozoen und zwar konnte ich schon bei der ersten üntersuchang
2 Arten unterscheiden:
I. eine Flagellate,
II. ein Infusor, welches ich für das Balantidicum coli hielt.
Der Stuhl vom 13. und 14. Juli zeigte ähnliche Beschaffenheit
während am 16. Juli ein mehr breiiger Stuhl aufbrat. Die Konsistenz
der Stühle am 17., 19., 21., 23., 24., 25. war dünnflüssig, zeigte im
übrigen dieselben Eigenschaften, wie oben erwähnt ; ich hebe noch hervor,
daß die Keaktion sämtlicher Stühle stets, in frischem Zustande unter-
sucht, alkalisch war. Die Alkalescenzgrade schwankten mit ^;ioq Normal-
Salzsäure titriert (Indikator: Lackmus) zwischen 12 bis 23.
Am 25. Juli war die Patientin stark benommen, es trat eine aus-
gedehnte Furunkulose auf.
Es wurden Zymintabletten (3 X ^S^' ^ B) g^gehen , außerdem er-
hielt die Kranke Einlaufe (z. T. mit Sapo medicatus, mehrere Male mit
Essigsäure) während bis zum 23. Juli in allen Stühlen reichliche Mengen
von Protozoen nachgewiesen werden konnten, wurden sie seit den Einlaufen
weniger an Zahl, vom 9. August konnte ich selbst bei sehr ausgedehnter
Untersuchung keine Protozoen, (auch encystierte Formen nicht) mehr nach-
weisen.
Die Untersuchung von späteren Stühlen fiel gleichfalls negativ aus^
dieselben waren fast sämtlich von normaler Konsistenz und Farbe, zom
letzten Male wurde am 8. September untersucht, die Reaktion dieser
Stühle war neutral oder schwach sauer.
Die Protozoen wurden demnach nur in Stühlen
gefunden, welche dünnflüssig oder dünnbreiig und
von alkalischer Reaktion waren: außerdem maß ich her-
vorheben, daß ich in allen diesen Stühlen regelmäßig Typhus-
bazillen und vor allem reichliche Mengen von einem alkali-
bildenden Bazillus, welchen ich zur Gruppe der Bac. faecalis
alcaligenes rechne, gefunden habe; derselbe war vielfach in außer-
ordentlich reichlicher Anzahl vorhanden : ich halte sein Vorhanden-
sein für die Ursache, daß Fäces, welche nur wenige Tage standen,
über Infosorien im Typhnsstuhle etc. 445
bald beträchtlich alkalischer wurden, als sie im frischen Zustande
waren.
Es Tersteht sich eigentlich von selbst, doch hebe ich es ausdrücklich
hervor, daß ich meine ansschlaggebenden Untersuchungen nur bei frischen,
eben gelassenen Stühlen erhob; femer erwähne ich, daß ich mehrfach
mit besonderer Sorgfalt gereinigte Gefäße zum Auffangen des Stuhles
benutzen ließ.
Daraus ist ohne weiteres ersichtlich, daß die von mir gesehenen
Gebilde nicht etwa sekundär in den Stuhl der betreffenden Kranken
hineingeraten sind: sie waren vielmals auch im frischen Präparate, z. T.
in sehr großer Anzahl vorhanden.
Schon bei der ersten Untersuchung des Stuhles dieser Patientin
fielen mir bei mittlerer Vergrößerung ovoid gestaltete, beweg-
liche Gebilde auf, welche etwa 4—5 an Zahl in jedem Gesichts-
felde zu beobachten waren.
Kurze Beschreibung des Balantldinm giganteum.
Die Gestalt des beobachteten Infnsors ist ovoid, das Vorder-
ende verjüngt sich deutlich, das Hinterende ist breit abgerundet.
Der ganze Körper ist mit feinen Wimpern umgeben, die am Peristom
sind größer und etwas stärker, als die des übrigen Körpers. Die
Infusorien bewegen sich lebhaft vorwärts, doch immerhin im Ver-
gleich zu den unten zu beschreibenden Flagellaten ziemlich gravi-
tätisch. Der vor dem Peristom befindliche Teil wird fortwährend
hin und her bewegt; überhaupt sieht man, daß der ganze Körper
keine starre Form hat, sondern in gewissen Grenzen variabel ist.
Innerhalb von mehreren Minuten kommt es vor, daß sich das ganze
Infusor überpurzelt, so daß man in einer gewissen Phase fast nur
«ine runde Figur erkennt.
Wenn die Bewegung etwas an Intensität nachgelassen hat,
tritt außer dem Peristom auch die Aftei-stelle gut sichtbar hervor,
außerdem eine, hin und wieder auch zwei Vakuolen, daneben ein
großer bohnenförmiger Makronukleus neben einem bedeutend klei-
neren kugeligen Mikronukleus. Das ganze Infusor ist feinkörnig
gesprenkelt, die der Afterstelle näherliegenden Partien weisen
größere, kugelige, stark lichtbrechende Gebilde auf, vereinzelt
glaubte ich Zellreste zu sehen, doch bin ich meiner Sache nicht
ganz sicher. Bakterien erblickte ich im Inneren des Infnsors nie.
Das Infusor ist in Bewegung ; vor allem die Cilien flimmern sehr
schnell auf und ab.
Wenn eine allmähliche Abkühlung der Temperatur oder sonst-
wie eine Schädigung in den Lebensbedingungen erfolgte, werden
446 XXVUI. Kbausb
die Bewegungen im ganzen and die der Cilien allmählich geringer.
Dehnt man die Beobachtung lange genug aus, so sieht man, dat
ganz allmählich das Infusor Kugelgestalt annimmt, die äußere
Schicht wird von einer hellen Membran umgeben; die Engel dreht
sich noch ca. Va^Vs Stunde um ihre Achse. Das Innere besteht
aus einer groben Eömelung, in einzelnen Exemplaren sieht. man
noch deutlich den Eem. Allmählich sistiert die Bewegung der
Engel, und wir haben ein rundliches Gebilde vor uns mit einer
hellen schichtigen Membraii und einem grobgekömten Inneren,
vereinzelt noch größere, stark lichtbrechende Engeln enthaltend.
Was die Orößenverhältnisse anbetrifft, so kann ich nach
vielfachen, nach Dutzenden von Messungen erhaltenen Werten be-
stimmt angeben, daß die von mir beobachteten Balantidien im
frischen Zustande eine Länge von 0,09—0,3 mm hatten bei einer
Breite von 0,06 — 0,09 mm; nach ca. 10 Tagen waren sie bis zu
0,4 mm lag und 0,1—0,25 mm breit.
Was die Anordnung der Cilien anbelangt, so muß ich noch
hervorheben, daß sie eigentlich nur an den seitlichen Teilen sichtbar
waren. Ich konnte ebenso wie andere Beobachter, denen ich die Präparate
demonstrierte, keine CiÜen innerhalb von den Eandpartien entdecken;
jedenfalls fehlte die bei der gewöhnlichen Art von Balantidium coli oft
gezeichnete und regelmäßig beschriebene „Streifung''. Ich halte diesen
Befund, ebenso wie bei dem Balantidium minutum, differential-
diagnostisch für wichtig.
In bezug auf die Fortpflanzungsverhältnisse kann
ich mitteilen, daß ich die von Gurwitsch^) behauptete Kon-
jugation der Balantidien nicht beobachtet habe.
Dagegen sah ich wiederholt Querteilung der encystierten
Formen.
Über die Lebensdauer der Balantidien findet sich die An-
gabe, daß sie sich meist nur wenige Stunden, nachdem sie den Darm
verlassen haben, lebend erbalten können.
Das von mir beobachtete Balantidium suchte ich sofort, nach-
dem der Stuhl zur Verfügung stand, in folgender Weise am Leben
zu erhalten:
Ich stellte den dünnen Stuhl in mehreren Reagensgläsem in einer
feuchten Kammer bei 37 ^ C in den Thermostaten und achtete vor
allem darauf, daß die Verdunstung möglichst hintangehalten wurde.-)
1) Citiert nach Braun (s. o.J
2) Bei den späteren Versuchen leistete mir die Dreu wasche Kammer gfate
Dienste.
über Infusorien im Typhusstnhle etc. 447
Ich erwähnte schon oben, daß ich aus den Stühlen stets den
Bacillus alcaligen. faecalis in großen Mengen erhielt. Ich übertrug
daher mehrmals mehrere (3—5) ccm Stuhl in schon stark alkalisch-
reagierende Kulturen dieses Keimes und konnte auf solche Weise
das beschriebene Balantidium wiederholt 14 Tage bis 5 Wochen am
Leben erhalten. Ich glaube, daß sehr wahrscheinlich die Anwesen-
heit des Bac. alcaligenes oder seine Stoffwechselprodukte zu den
Lebensbedingungen des beobachteten Balantidium notwendig ist.
Trotz besonderer Beachtung konnte ich aber nie sehen, daß etwa
das Balantidium Bakterien als Nahrung benutzte.
Diese meine Beobachtung veranlaßte mich, Untersucher von
weiteren Fällen auf die Symbiose der Balantidien mit Bak-
terien hinzuweisen. Es ist nicht ausgeschlossen, daß auch bei
anderen Arten des Balantidium ähnliche Verhältnisse vorliegen:
ich selbst kam zu der beschriebenen Versuchsanordnung in Er-
innerung an die Tatsache, daß die Amoeba zymophila so lange am
Leben bleibt, als sie mit lebender Apiculatushefe zusammen ist.
Mit ein paar Worten will ich erwähnen, daß ich trotz der bisherigen
in der Literatur niedergelegten negativen Resultate der Vollständigkeit
halber den Versuch gemacht habe, die Balantidien an 3 Kaninchen,
2 Meerschweinchen, 3 Mäusen zu verfüttern. Wohl entdeckte ich ver-
einzelte, encystierte Formen im Stuhle der Tiere in den ersten Tagen
nach der Eingabe der Balantidien, doch vertrugen es die Tiere ohne
jede Schädigung ihres Befindens. Auch im Darminhalte der getöteten
Tiere fand ich keine lebenden Infusorien. Katzen konnte ich ans äußeren
Gründen nicht benutzen. ,
Färbung des Balantidium.
Vitale Färbung versuchte ich mit einem gewissen Erfolg
durch Zusatz einer wässerigen Lösung von Neutralrot. Es färbten
sich dabei die in dem Hinterteile des Infusors gelegenen Speise-
reste (plumpe Körner und Klumpen) braunrot bis dunkelrot, wäh-
rend das Ekto- wie das lebende Endosark der Färbung, solange
das Tier lebte, Widerstand leistete.
Bei Zusatz von Jodjodkalium in Form der LugoPschen Lösung
wurde das Balantidium sofort gelähmt; sehr gut sichtbar wurden
dabei die einzelnen Cilien, welche bei gelungenen Präparaten
weit vom Körper abstanden. Zweimal sah ich bei Zusatz von Jod-
jodkalium, daß sich einzelne Speisereste im Inneren des Tieres
blau färbten, also Stärketeilchen enthielten.
Zusatz von Methylenblau tötete die Infusorien sofort, ebenso
verdünntes Karbolfuchsin.
448 XXVm. Kbausb
Präparate, welche durch Hitze (in der Flamme) fixiert waren.
gaben im allgemeinen schlechte Bilder. Bedeutend besser wurden
dieselben, wenn ich mit Formalindämpfen oder mit Ätheralkohul
fixierte.
Färbung mit Lithionkarmin, Pikrokarmin, Häma-
toxylin gab keine schönen Resultate. Färbung mit Anilin-
farben führte bedeutend weiter. Speziell 2—5 Minuten lange
Färbung mit Löffler's Methylenblau gab zum Teil schöne
Bilder. Der Makro- wie der Mikronucleus färbten sich dabei ziem-
lich intensiv, während die Vakuole ungefärbt blieb; ferner nahm
auch eine Anzahl der grob- und feinkörnigen Granula die Farbe an.
Mehr Einblick erhielt ich in die Struktur des Balantidinm
durch Anfertigung von Präparaten, welche nach Giemsa oder
May-Grünwald gefärbt wurden: besonders die letztere Art der
Färbung empfehle ich angelegentlichst; die Methode erspart wie
ja bekannt ist, auch die Fixation.
Ich sah in vielen Präparaten, daß die Kerne des Balantidinm
sich blau färbten, also den basophilen FarbstofiT annahmen, während
die Vakuolen meist (wenigstens in einzelnen Präparaten) ein leuch-
tendes Rot annahmen, also den sauren Farbstoff. Daneben waren
zahlreiche Körnchen mehr oder minder blau gefärbt (basophil,
während neutrophile Granulation in den Hintergi'und trat Manch-
mal hatte der größte Teil des Infusors einen violetten Farben-
schimmer. Das Ektosark hob sich nur vereinzelt besonders scharf
ab. Die Zeitdauer der Färbung mit Giemsafarbe beträgt mehrere
Stunden (2—36 Std.), mit der May-Grünwald'schen Farbe erhielt
ich schon nach ^z^— V2 stündl. Färbung wiederholt gute Resultate,
doch mußte ich auch damit manchmal mehrere Stunden (bis 6—15
Std.) färben. Eine stete Kontrolle durch das Mikroskop ist jeden-
falls sehr angebracht
Färbung mit Sudan zeigte, daß wohl immer Fett in dem
Endosark der Balantidien vorhanden ist : man sah stets mehr oder
minder intensiv rot gefärbte Kugeln.
Schnittpräparate herzustellen, versäumte ich leider rechtzeitig:
als ich es mit konserviertem Stuhle versuchte, gelang es mir nicht
brauchbare Präparate herzustellen; die Schnitte zerbröckelten alle.
sowohl bei Paraffin- wie Celloidineinbettung.
Absterbebedingungen.
Wärme von 60« C tötet die Balantidien innerhalb von
V4 — \^2 Stunden (untersucht im hängenden Tropfen im heizbaren
j
über Infasorien im Typhnsstuhle etc. 449
Objekttisch). In der Kälte encystieren sie sich leicht. Zusatz
von Formal in, stärkeren Säuren (wie Salpetersäure (30%),
Schwefelsäure (5%), Essigsäure (30 ^o))? stärkere Alkalien (wie
Natronlauge (30%), Kalilauge) vertragen die Balantidien keinen
Augenblick. VerdünnteSäuren wirken gleichfalls deletär, wäh-
rend verdünnte Alkalien besser vertragen werden. Sublimat
(1:5000), Wasserstoffsuperoxyd (3%), Seifenspiritus
vernichtet sie gleichfalls; auch Seifenwasser können sie nur
kürze Zeit vertragen, ebenso Essigwasser.
Die Wirkung der Röntgenstrahlen vertrugen sie anstands-
los 6 Stunden hintereinander ebenso wie die Bakterien.
Vorkommen der Balantidien:
Ich weise kurz darauf hin, daß Malmsten im Jahre 1857 als
erster das Balantidium coli bei einem 35 jährigen Manne entdeckte,
welcher 2 Jahre vorher Cholera überstanden und seitdem an Durchfall
gelitten hatte ; M. beobachtete hoch einen II. Fall bei einer Frau, welche
an schwerer Colitis litt.
Seitdem ist der Parasit wiederholt gefunden worden und, soweit ich
finden konnte, bisher ca. 70 mal, davon entfallen
auf Deutschland 8 (5 davon in
„ KuBland 25 Königsberg)
„ Skandinavien 15
„ Finnland 7
„ Cochinchina 6
.. Italien 5
„ die Vereinigten Staaten Nordamerikas 2
„ die Sundainsel 1
„ Ägypten 1
Bedeutung des Balantidium coli in den
menschlichen Fäces.
In den allermeisten Fällen kam Balantidium coli bei Patienten vor,
welche an schwerem Darchfalle litten. In dem einen Teil der Fälle
wich derselbe nicht, auch nachdem die Balantidien beseitigt waren, in
emem anderen fanden sich auch noch Balantidien in den Fäces vor,
nachdem die Durchfälle aufgehört hatten.
Die Mehrzahl der Autoren meint, daß die Anwesenheit der Balan-
tidien mit dem Durchfalle der Kranken in keinem ursächlichen Zu-
sammenhange steht, die primäre Ursache desselben läge in anderen Mo-
menten (Dysenterie, Typhus, jauchige Geschwüre usw.). Die
Balantidien seien weiter nichts, als unschuldige Darmbewohner
(Mitter*), Casagrandi ^), Maggiora^), Th. Janowski*^) u. a.).
1) Dissertat. Kiel 1891.
2) Citiert nach W. Janowski, Zeitschr. f. klin. Medizin 31. Bd. (s. o.)
3) Zentralbl. für Bakter. 1892.
4) Cit. n. Solowjew, Z. f. B. 1901 S. 821
460 XXVm. Khause
Nach der Ansicht anderer Antoren rufen die Balantidien aaf der
Schleimhaut des Darmes, auf welcher sie sich niedergelassen haben,
katarrhalische Entzündung der Mucosa und sogar Gheschwäre hervor
(Malmsten^), Woit*), Lösch'), Bapcsewskij ^), Soos^),
Sievers*), Wlajew'), Keuschen'), Dehio*) u. a.).
Andere Forscher, wie Leuckart^®), Gurwitsch^*)\ Mosler
und Peiper **), Shegalow^'), Solowjew^*) u. a. treten für die
pathogene Bedeutung ein und sprechen sich mehr oder weniger b^
stimmt darüber aus, daß der Parasit sich nicht auf der gesunden
Schleimhaut niederläßt.
Solowjew konnte in seinem Falle durch eingehende histologiBche
Untersuchung beweisen, daß das Balantidium in allen Schichten der
Darm wand eindringt und daseibat sehr beträchtliche Veränderungen her-
vorruft : die Anwesenheit der Parasiten in der Tiefe des Gewebes mache
sowohl die Hartnäckigkeit der durch sie hervorgerufenen Leiden, wie
auch die Neigung zu öfteren Becidiven nach scheinbar völligem Ver-
schwinden erklärlich.
Es verdient des Interesses wegen jedenfalls hervorgehoben zu werden,
daß unter den ca. 70 bisher publizierten Fällen 16 vorhanden sind, bei
welchen eine Obduktion gemacht worden ist, nämlich
Fälle von Balantidium coli, bei welchen die Obdaktion
gemacht worden ist:
Malmsten 1 Fall
Beifrage 1 „
Lösch 1 r
Rapczewskij .... 1 „
Petersson 2 Fälle
Afanaszew .... 1 Fall
Edgren 1 „
Streng u. Murjrrave . 1 „
Gurwitsch 1 Fall
Wlajew 1 ,.
Th. Janowski ... 1
Welt 2 FäUe
Dehio 1 Faü
Tschigaew .... 1
Lang 1
Askanazy 1
IT
Strong und Murgrave wie Askanazy haben' ähnliche histo-
logische Befunde erheben können wie Solowjew.
Auch Henschen, welcher bisher 8 Fälle von Balantidium coli
1) Virchow'ß Arch, Bd. XII 1857.
2) Woit, Archiv f. klin. Mediz. Bd. 60 1898.
3) Lösch, cit n. Solowjew (s. o.).
4) Rapczewskij, ebenda.
5) Boos, Arch. f. klin. Medizin Bd. 51.
6) Sievers, Zeitschr. f. klin. Med. 1896.
7) Cit. n. Solowjew.
8j Archiv für Verdauungakrankheiten.
9) Cit nach Solowjew.
10) Leuckart, Die Parasiten des Menschen.
11) Siehe Braun, Die tierischen Parasiten.
12) Tierische Parasiten (Nothnagel's spez. Pathol. Bd. VI).
13) Jahrbuch f. Kinderheilk. 1899
14) Zentralbl. f. Bakteriol. Bd. 29 1901 S. 821.
über Infasorien im Typhasstnhle etc.
451
beobachtete, tritt in Fällen von schwerer Diarrhöe, in welchen sich Balanti-
dimn findet, sehr für die pathogene Bedeutung des Parasiten ein und fordert
die Entfernung desselben mit allen Mitteln, welche zur Verfügung stehen.
Soweit mir die Literatur zugänglich ist, scheint das Vor-
kommen des Balantidium coli bei der Typhusdiarrhöe bisher
nur noch von Stieda in seinem Falle beobachtet worden zu sein.
Therapeutische Notiz: Es scheint in vielen Fällen durch
Ehagüsse von Seifenwasser, yon Essigwasser, von Tanninklystieren leicht
zu gelingen, das Balantidium zu entfernen. Henschen empfiehlt Zu-
satz von 50 g Essigsäure und 5 g Acid. tannic. auf 2000 com Wasser,
Ort mann Chinineinläufe (1,0 : 1000), nachdem durch Reinigungsklysmen
der Darmschleim beseitigt ist. Innerlich ist von Ekekrantz Karbol-
säure in Pillenform, von O r t m a n n Chinarindenpulver empfohlen worden.
Arten des Balantidium.
Außerdem Balantidium coli (Malm st en) 1857 ist eine zweite
Art von Schaudinn und Jacoby als Balantidium coli
m i n u t u m beschrieben worden, welches gleichfalls in menschlichen
Fäces bei einem Patienten mit Durchfällen beobachtet wurde. Ein
zweiter Fall von Balantidium coli minutum wurde, ebenfalls aus
der Gerhardt'schen Klinik, von Schulz beschrieben.
Den Zoologen sind außer den beiden genannten Arten, welche
bisher allein beim Menschen beobachtet worden sind, noch mehrere
andere bekannt, nämlich das Balantidium entozoon, das Bai. duodeni,
das Bai. .elongätum.
Das Balantidium coli kommt, wie Leuckart entdeckt hat,
in ungeheuren Mengen fast regelmäßig im Darme des Schweines
vor, die anderen Arten finden sich bei Amphibien und in der
Leibeshöhle von polychäten Anneliden (nach Braun).
Im Interesse der leichteren Artbestimmung stellte ich die
hauptsächlichsten Unterscheidungsmerkmale des Balantidium v coli
(Malmsten) 1857 und des Balantidium minutum Schaudinn 1899
tabellarisch zusammen mit den betreffenden Eigenschaften des von
mir beobachteten
Länge
Breite
Peristom
Vakuolen
Makronucleua
Balantidium coli
0,06-0,2 mm
0,05—0,07 ,,
trichterförmig: oder
rinnenförmig
2 oder mehrere
nierenformig oder oval
Mikronnclens
Körper-
wimpem
kughg
in Längsreihen an-
geordnet, daher strei-
figes Aussehen
Deutsches Archiv für klin. Medizin.
Balant. minutum
0,02—0,032 mm
0.014-0.02 „
spaltförmig, his zur
Mitte des Körpers
reichend
eine
kuglig, in der Mitte
des Körpers gelegen
kuglig
keine streifige An-
ordnung
86. Bd.
Balant. gigant.
0,09-0,4 mm.
0,06—0,15 „
spaltförmig.
zwei.
hohnenförmig (frisch)
kuglig (gefarht).
kuglig.
keine streitige An-
ordnung.
30
452 xxvin. KfiAUBB
Das von mir beobachtete Balantidium fUlt zweifdk» dnrek
seine Or5£e auf, ich schlage daher vor, es, bis weitere Cnter-
SQchungen Torliegen, als Balantidium coli giganteum zu be-
zeichnen ; ich bemerke dazu, daß das Balantidium allerdings erst nach
ca. 10 Tagen nach Ausscheidung aus dem Dickdarm sein größtes
Wachstum erreichte. Ich glaube daher, daß mitGrößenang aben
allein nicht viel anzufangen ist, wenn man nicht weiß, wie alt das
Iniusor ist, solche Angaben zu machen, scheint z. Z. unmöglich.
Femer ist es dadurch ausgezeichnet, daß das streifige
Aussehen fehlt, welches beim B. coli durch eine Längs-
anordnung der Körperwimpem bedingt ist, vielmehr sah das Innere
durchaus gekömelt aus. Die Zahl der Vakuolen betrug zweL Der
Makronucleus war bohnenfSrmig im fiischen Präparate, im ge-
färbten ist er kuglig.
Bemerkenswert erscheint mir die Symbiose mit Trichomonas
intestinalis einerseits und andererseits mit dem Bacillus faecaL
alcaligenes.
Über den Übertragungsmodus im vorliegenden Falle ver-
mag ich keinerlei Angaben zu machen, auch nicht einmal ver-
mutungsweise.
Die pathogene Bedeutung scheint mir bei meiner Patientin
gering gewesen zu sein ; ich möchte nur vermuten, daß der Durch-
fall der Kranken bis zu einem gewissen Grade durch das BaL
giganteum mitbedingt gewesen ist, da derselbe ja aufhörte, als die
Balantidien aus den Fäces verschwunden waren.
Trichomonas intestinalis im Typhnsstuhle.
Zu gleicher Zeit mit dem Balantidium gigant. war in den
Typhusstühlen obiger Patientin Trichomonas intestinalis und zwar
in ganz außerordentlich großer Anzahl vorhanden.
Der Körper derselben betrug nach meinen wiederholten Mes-
sungen ca. 0,013—0,015 mm in der Länge, 0,007—0,008 in der
größten Breite. Der Körper war sehr veränderlich, meist spindel-
oder birnförmig, das eine Ende war mehr oder minder zu-
gespitzt, das andere leicht abgerundet. Am zugespitzten Ende
sah ich stets eine lange Geißel — meist so lang, wie der ganze
Körper, manchmal sogar etwas länger — , am abgerundeten Ende
konnten ich keine Geißel erblicken. Die Bewegungen des Tierchens
erfolgten so schnell, daß eine genauere Beobachtung erst möglich
war, wenn das Präparat längere Zeit im hängenden Tropfen ge-
standen hatte. Ich sah dann in den meisten Flagellaten einen
über Infasorien im Typhnsstahle etc. 45S
deutUcben Kern, bei einzelnen Exemplaren konnte ich eine nndu-
lierende Membran beobachten.
Es gelang mir überhaupt nur einmal die Flagellaten mit dem
May-6ränwald*schen Farbengemisch ganz schwach rosa zn f&rben;
alle anderen Färbyersnche fielen negativ ans. Die beobachteten
Formen waren nur von kursier Lebensdauer, nach ca. 10, im gfin-
sti^sten Falle nach 16 Stunden waren sie tot und ver&nderten sich
in dem stark alkalisch reagierenden Stuhle bis zur völligen Un-
kenntlichkeit.
Was die Fortpflanzungsverhältnisse anbelangt, so
beobachtete ich zweierlei:
1. eine sichere Kopulation : gewöhnlich faßte ein größeres Tier
ein etwas kleineres, indem sich die Greißeln verwickelten
und sich mit den vorderen Enden zusammen verklebten.
Nach einigem Sträuben des kleineren Tierchens blieben
sie, sich ziemlich lebhaft bewegend, ca. 3 — 6 Minuten zu-
sammen: dabei sah ich, daß das als Kern von mir ge-
deutete Gebilde allmählich an die Peripherie der Flagellate
wanderte und in seinem Inneren eine lebhafte Bewegung
vorhanden schien. Nach mehreren vergeblichen Versuchen
riß sich das kleinere Tierchen los und machte sich schließ-
lich mit langsameren Bewegungen als vorher davon, wäh-
rend das größere außerordentlich lebhafte, energische Be-
wegung zeigte;
2. sah ich Vorgänge, welche ich als Teilung deuten muß.
In einem Falle konnte ich beobachten, wie ein ganzes Nest
von Flagellaten mit ihren Geißeln verstrickt war. Worauf das
beruhte, vermochte ich nicht zu eniieren.
Ich muß noch bemerken, daß ich ähnlich wie in den Fällen
von May ^) und Roos ') zweifellose Encystierungen beobachtet habe.
Über die Flagellaten in den menschlichen Fäces und über ihre
Bedeutung für die Pathologie des Darmkanals hat W. Janowski^)
eine ausführliche Studie veröffentlicht, welche das vorhandene Ma-
terial zu sichten sucht. Seiner Arbeit sind auch 2 Tafeln mit Ab-
bildungen der von den einzelnen Autoren beobachteten Flagellaten
beigegeben.
1) Archiv f. klin. Med. Bd. 49 S. 41.
2) Ebenda Bd. 51.
3) Zeitflchr. f. klin. Mediz. Bd. 31 S. 442.
30*
454 XXVm. Kbausb
Daraus erhellt, daß sowohl die Artbestimmungen der vielen
von verschiedenen Autoren publizierten Befunde auf Schwierig-
keiten stößt, andererseits auch die pathogen e Bedeutung des Tricho-
monas für den Menschen durchaus noch nicht geklärt ist Neben
einzelnen Beobachtungen, welche zu beweisen scheinen, daß die
Trichomonaden (ebenso wie die Cercomonaden) manchmal hart-
näckige Diarrhöen hervorrufen können, gibt es weit zahlreichere,
welche dieser Ansicht mehr widersprechen, als sie bestätigen. Da
ich neue Gesichtspunkte in dieser Frage nicht beibringen kann,
möge mir hier nur der Hinweis gestattet sein, daß Flagellaten
auch in der Vagina (Trichomonas vaginal.), ferner bei exulcerierten
Ösophagus- und Magencarcinomen im menschlichen Magensafte,
ferner bei chronischen Katarrhen und Carcinomen des Magendarm-
traktus in den menschlichen Fäces auch in der neueren Zeit wieder-
holt gefunden worden sind (Roos^), Hensen'), Cohnheim^i,
Rosenfeld^X ZabeP) u. a.). Roos und Litten beobachteten
sie j e einmal im Pleuraexsudat. Nach Kannenberg und Strengt)
kommen sie auch in den Sputis resp. in den putriden Pfropfen bei
Lungenbrand vor. Rappin ^) beobachtete einmal Trichomonas in
dem Munde eines Typhuskranken.
Ob die im Harne beschriebenen Flagellaten tatsächlich aus
dem Urogenital traktus stammen oder erst später in den Harn
hineingelangt sind, ist nicht ganz sicher; es sind erneute, mit aller
Vorsicht angestellte Untersuchungen über diesen Punkt nötig, ehe
ein definitives Urteil gefällt werden kann.
Ich schließe mit dem Hinweise, daß ich überhaupt nur dami
dem Befunde von Flagellaten und Ciliaten in den menschlichen
Se- und Exkreten eine Bedeutung beimessen kann, wenn solche
Befunde sofort nach Gewinnung der Se- resp. Exkrete aus dem
menschlichen Körper erhoben werden: stehen Fäces, Urin etc
längere Zeit in olFenen Gefäßen, so ist, besonders bei etwas hoher
Außentemperatur, ein sekundäres Hineingeraten von in der
Natur immerhin weitverbeiteten Flagellaten nicht von der Hand
zu weisen.
1) S. 0.
2) Deutsches Archiv f. klin. Med. 1897 Bd. 59 S. 450.
3) Deutsche med. Wochenschr. 1903 Nr. 12—14.
4) Ebenda 1904 Nr. 47.
5) Wien. klin. Wochenschr. 1905 Nr. 38.
6) Cit. nach Braun (s. o.}.
über iDfnBorien im TjphaBstnlile etc.
After nicht sichtbar.
After
Balantidiom gigantenn).
BklaDtidinm, nach dem Lehen gezeichnet,
knrz Tor der Encvatiernng, sich noch lang-
sam drehend, Cilien nicht mehr sichtbar-
Aus der medizinischen Poliklinik in Jena.
Beitrag znr Lehre Yon der AdamB-Stokes'schen Krankheit
Von
W. Lenehtweis.^)
(Mit 5 Kurven.)
Das rege Interesse, das die Adams-Stokes'sche Krankheit
in den letzten Jahren gefunden hat, rechtfertigt es hier in Kürae
einen Fall mitzuteilen, der mir von Herrn Prof. Matthes für
eine später erscheinende Dissertation gütigst fiberlassen wurde.
Es handelt sich um einen 40jährigen Eistenmacher aus dem
Thüringer Walde, der zuerst im Sommer 1904 zur med. Poliklinik
kam und über häufige AnfäUe mit Bewußtlosigkeit klagte, die
bei sonst völliger Leistungsfähigkeit und anscheinender Gesundheit
des schwer arbeitenden Mannes auftraten. Leider konnten solche
AnfäUe weder bei der ersten Vorstellung noch bei einem späteren
dreitägigen Aufenthalt des Patienten in der Klinik beobachtet
werden. Indessen ließ die genaue Anamnese und die Untersuchung
der Zirkulationsorgane keinen Zweifel an der Diagnose „Adams-
Stokes'sche Ejrankheit" aufkommen.
Aus der Anamnese sei hervorgehoben, daß Fat. (von Kinder-
krankheiten abgesehen) immer gesund war, drei Jahre als Soldat diente
nnd in voller Gesundheit entlassen wurde. Gesohlechtliofae Infektion
wird verneint, für Lues findet sich auch kein Anhalt. Dagegen ist Pst.
starker Trinker und Eaucher.
Der erste Anfall trat vor ca. 7 Jahren plötzlich bei schwerer körper-
licher Arbeit nach reichlichem Schnapsgenuß auf. Fat. spürte ^em
heißes Gefühl vom Herzen nach dem Gehirn gehen", worauf er einige
Sekunden wie bewußtlos zusammenbrach; er konnte sich aber sofort
wieder zusammennehmen und aufraffen. Von da ab hatte er öfters An-
1) Der Verfasser hat den Druck dieser Arbeit nicht mehr erlebt; er starb
kurze Zeit nach Einsendung des Manuskriptes. Die Poliklinik betrauert in ihm
einen liebenswürdigen, fleißigen, vielseitig begabten Mitarbeiter. Gerhardt
Beitrag zur Lehre von der Adams-Stokes'Bchen Krankheit. 457
fallo, sowohl bei der Arbeit ^ wie in der Buhe. Der Anfall verläuft
immer in derselbea typieohen Folge: es wird ihm plötzlich aohwans vor
den Augen „wie blind^, dann „fahrt's vom Hersen ins Oehim*^, darauf
ist er fdr kurze Zeit bewußtlos, einige Sekunden lang. Manchmal kommen
die Anfalle öftere am Tag, manchmal tagelang nicht.
Patient, der sich anscheinend gut beobachtet, befühlte gleich nach
dem ersten Anfall seinen Puls und stellte dessen abnorme Langsamkeit
fest. Er will von da ab nie mehr als 30 Pulssohläge in der Minute ge-
habt haben. Kurz nach jedem Anfall schlug der Puls noch langsamer,
manchmal nur S5mal p. m. Pat. schildert selbst: „es kam ein Schlag,
dann eine lange Pause, dann zwei Schläge rasch hintereinander, dann
wieder nach langer Pause ein Schlag usw.; jedesmal in einer langen
Pause fuhr's wieder ins Gehirn; es war dann wie Ameisenkribbeln und
Summsen im Kopf.** Durch schnelles tiefes Atmen in der langen Puls-
pause konnte Pat. angeblich den drohenden Anfall im Keim ersticke^.
Später fiel es dem Mann auf, daß die Anfälle viel häufiger und
leichter in der fi.uhe, besonders nachts, kamen als bei der Arbeit.
Schwere körperliche Arbeit soll jedoch, wie er meint, auch einen Einfluß
auf das Auslösen der Anfälle gehabt haben, und zwar derart, daß an
Tagen schwerer Arbeit abends und besonders nachts die größte Zahl von
Anfallen erreicht wurde, oft bis zwanzig und mehr. Sechs Jahre lang
blieb dieser Zustand bestehen; die Anfülle kamen und gingen in der
beschriebenen Weise, ohne daß Pat. weniger arbeitsfähig wurde.
Im Juni 1904 hatte Pat. nach einem starken Arger bei schwerer
körperlicher Arbeit mit reichlichem Biergenuß einen sehr heftigen Anfall.
Er fiel beim Holzaufladen plötzlich um und blieb nach Aussage seiner
Frau ca. eine Stunde lang für tot liegen. Leider wurde der Puls nicht
gezählt. Pat. war bewußtlos, reagierte auf keinen Heiz, träumte aber
und erinnerte sich nachher des Traums. £r lag }iach dem Erwachen
noch Stunden lang benommen zu Bett, konnte aber folgenden Tags
wieder zur Arbeit.
Pat. kam nunmehr zur Poliklinik zur ersten Untersuchung. Aus
äuBeren Gründen konnte diese sich nicht auch auf Pulsaufnahmen er-
strecken. Die sonstige Untersuchung des Zirkulationssystemes ergab die-
selben Befunde wie später bei dem Aufenthalt des Pat. in der Klinik (s. u.).
Es wurde dem Pat. Natr. nitros. verschrieben, wovon er Besserung
verspürt haben will; wenigstens hatte er seitdem keinen ausgebildeten
Anfall mehr. Nur manchmal hat er jetzt (aus der Anamnese beim
Aufenthalt in der Klinik, April 1905), besonders beim Gehen bergauf,
leichten Schwindel (früher nicht). Femer hat er, im Gegensatz zu früher,
naohts angeblich immer Buhe. Dagegen kommen Andeutungen der
früheren Anfalle öfters vor, besonders wenn er Sonntags viel getrunken
und geraucht hat. Diese leichteren Anfalle bestehen meist nur in
leichtem Schwindelgefühl, der Puls soll dann länger aussetzen und sich
im übrigen verhalten, wie oben beschrieben. Zuckungen, Krämpfe, Läh-
mungen, Zungenbisse u. dgl. will Pat. nie gehabt haben. Er fühlt sich
sonst auch völlig wohl und ist in seiner Arbeitsfähigkeit nicht im
mindesten behindert. Abgesehen von den Anfällen klagt er einzig über
dauerndes sehr starkes Herzklopfen.
458 XXIX. LsrcHTWEis
Aus dem Status praesens (Frühjahr 1905) sei der Befund an
den Zirkolationsorganen hervorgehoben, da nur diese Besonderheiten
boten. Dämpfang des Herzens etwas von Lunge überlagert. Spitzen-
stoß sieht- und fühlbar im Y. Interkostalraum, innerhalb der Mamillsr-
linie, I. Ton laut paukend, IL Ton leise. Systolische Unreinheit über
dem ganzen Herzen, am lautesten über der Spitze. II. Aortenton und
IL Pulmonalton gleichlant. Venen dilatiert, besonders am Halse. In
den Jugularvenen deutliche, unregelmäßige, abwechselnd
starke und schwache Fulsationen, besonders im Liegen
sichtbar, frequenter als die Radial- und Carotispulse
und als die Herzkontraktionen; ihre Zahl ist nicht sicher fest-
zustellen. Puls in den fühlbaren Arterien immer 30 in der
Minute, synchron der Herzaktion. Puls groß, voll, regelmäßig,
gut gespannt, in beiden Radialarterien gleichzeitig. Arterien weich.
Blutdruck nach Oärtner 95, nach Riva-Rooci 130 mm Hg. [Aus-
kultatorisch war während der Pnlspausen über dem Herzen, auch mit
dem Phonendoskop, nichts festzustellen.]
Die Ergebnisse der weiteren Untersachungen sind kurz fol-
gende.
Innerhalb von drei Tagen wurden einige Kurven^) aufge-
nommen. Alle zeigen übereinstimmende Bilder mit Ausnahme der
Atropinkurve. die später besprochen wird.
Die Aufnahme des Spitzenstoßes (Fig. 1) ergibt zunächst^ dafi
weder Extrasystolen noch frustrane Kontraktionen die Pulsverlang-
samung bedingen: es handelt sich also um eine sog. „Ventrikel-
bradysystolie". Man berechnet aus der Kurve eine Frequenz
von 28—30 Schlägen p. m.
Kurve 1.
Spitzenstoß isoliert.
Fig. 2 u. 3 geben gleichzeitige Aufnahmen von Carotis und
V. jugularis wieder. Die Begründung der Deutung von den Details
der Venenkurve kann hier um so eher außer acht gelassen werden
als die Bilder die größte Ähnlichkeit mit den Aufnahmen nachher
noch zu erwähnender Autoren zeigen. Es ist vor allem zu er-
wähnen, daß sich die Pulse der Arterie ebensowohl durchaus regel-
mäßig folgen, wie die Vorhofswellen (a) der Venenkurve. Die
1) Sämtliche Kurven stammen aus anfallsfreier Zeit, ffie sind
mittels Durchzeichnen reproduziert. Die Zeit war in Vso Sek. geschrieben; hier
sind nur die Fünftelseknnden markiert.
Beitrag znr Lehre von der Adams- SUkea'echen Krankheit. 459
letzteren, die durch die Vorhofupulsation bedingten a-Zacken der
Venenkarve, treten häufiger auf als die mitgeteilten Carotiszacken(c).
Der Vorhof pulsiert also häufiger als die Kammer. Immerhin läßt
sich aber auch für den Vorhof nur eine Frequenz von 48—50 Pulsen
berecbnen, so daß demnach eine „echte^ Bradykardie besteht
Wie man auf den ersten Blick sieht, sind die häufigeren auriku-
lären Wellen (a) regellos in bezug auf die etwa zugehörigen Carotis-
wellen (c) in die Kurve eingestreut c-W eilen jedoch wie a- Wellen
kommen — um es nochmals zu betonen ^ unter sich immer in
gleichen Abständen. Wenn manchmal, wie in Fig. 3, eine Vorhofs-
welle auszufallen scheint, so ergibt die Ausmessung, daß diese
a- Welle mit einer c-W eile zusammentrifft, daß beide ineinander
aufgehen, daß hier also Vorhof und Ventrikel sich gleichzeitig kon-
trahierten. Die Schreibfeder hat durchgängig an solchen Punkten
besonders hohe Wellen gezeichnet.
Kurve 2.
^ Carotis. J = JugnUris. a. = Vorliofswelle.
KuTTe 3.
C = Oarotig. J = Jognlaris. ft = Vorhofswelle, c = CarotiBwelle.
Bei a 4- c snmDiieren sich Kontraktion von Vorhof nnd Kammer.
Die oben schon angedeutete Tatsache, daß die Vorhofswellen
zu den Carotiswellen nicht in der gewohnten zeitlichen Beziehung
stehen, die in der normalen Venenkurve in dem stets regelmäßigen
a-c-Intervall (dem zwischen Vorhofs- and Ventrikelkontraktion ver-
fließenden Zeitabschnitt) ihren Ausdruck findet, glauben wir nur
mit der Annahme erklären zu können, daß Vorhof und Kammer
Hnabhänig voneinander schlagen.
460 XXIX. Lbuchiwub
Folgen wir H. E. Hernig's Voiguige. der zwei Gruppen tod
„ÜberleitungBstQmngen" aotersclieidet (n&mlidi den s«itweUi|ea
VeDtrikelsyatolenftUBfall (partlellerHerzblocfc) und dieTOlUge
Emanzipation der Kammer vom Torhof (totaler Block, Dis-
soziation)), so diagnostizieren wir in nnserem F&ll
einen totalen Block, über dessen tiefere Ursache wir freilich
völlig im Unklaren bleiben.
(Ende der Kurve). a-c-Interrall lln^r aU in Kurve 4.
B = lUdialis. J = Jugnlaria. a = Vorhofiwelle. c ^ Carotiawelle.
Besonders erwähnenswert erscheint uns nun noch der Ansfal)
des Atropinversuchs. Das Atropin verursachte keine
merkliche Änderung der Kammerfrequenz, hatte da-
gegen eine geringe Steigerung der Vorhofsfrequenz
zur Folge. Diese letztere Tatsache scheint uns das gegenüber
den anderen Kurven gänzlich veränderte Aussehen der auf der
Höhe der Atropiuwirkung gewonnenen Kurve (Fig. 4 u. 5) zu er-
klären. Es besteht hier nicht etwa ein zeitweiliger Ventrikei-
systfllenausfall, wie die Gleichheit der a-c-Intervalle anzudeuten
scheint. Diese Gleichheit ist nur scheinbar nnd rührt daher, dsB
eben durch die vermehrte Frequenz des Vorhofs Venenpolsperioden
von fast genau doppelter Länge der Arterienpulsperiode entgtanden.
Beitrag zxur Lehre von der Adams-Stokes'schen Krankheit 461
Tatsächlich sind weiter voneinander entfernt liegende Intervalle nicht
völlig gleich, wie die Ausmessung am Anfang und am Ende der
Kurve zeigt. Der totaleBlock blieb also auch unter dem
A tropin bestehen, und nur die geringe Verkürzung der Vor-
hofspulsperiode konnte Bilder vortäuschen, die bei der gegebenen
Form der Kurve Regelmäßigkeiten sein mußten, in Wirklichkeit
aber Unregelmäßigkeiten blieben.
Ebensowenig wie durch Atropin wurde die Kammerfrequenz
auch durch körperliche Anstrengung (Treppensteigen, Arbeit am
Ergostaten) verändert; allerdings verfügen wir bis jetzt nur über
Zählungen des Pulses, noch nicht über Kurven, welche das Ver-
halten des Vorhofs unter diesen Umständen darlegen.
Nur wenige Beobachtungen von sicherer Dissoziation des
menschlichen Herzens sind bis jetzt beschrieben. Unseren Ausfüh-
rungen zufolge schließt sich unsei* Fall gut an die von Mackenzie^),
D. Gerhardt«), Finkeinburg«), Rihl*), Erlanger«^) und
Beiski*) veröffentlichten Fälle an.
1) Die Lehre vom Puls 1904 (Fig. 294).
2) Arch. f. exp. Path. und Pharmakol. Bd. 61 1903.
3) ArchiT f. klin. Med. Bd. 82 1905.
4) Zeitschr. f. exp. Path. und Ther. 19Q5 (Fig. 45-^7, öl -54).
5) Zentralbl. f. Physiologie 1906 Nr. 1.
6) Zeischr. f. kl. Med. Bd. 57 1905.
XXX.
Aus der medizinischen Klinik zu Bonn
(Dir. Geh.-Rat Prof. F. Schnitze).
Über Dissoziation von Vorhof- und Kammerrhythmiis.
Von
Privatdozent Dr. Rudolf Finkelnburg,
ABiistenzarzt der madizinischen Klinik.
(Mit Tafel VI.)
Hering (1), dem wir den experimentellen Nachweis verdanken,
daß nach Doixhschneidung des His 'sehen Übergangsbündels am
Säugetierherzen, Vorkammern und Herzkammern regelmäßig, aber
unabhängig voneinander automatisch weiterschlagen, unterscheidet
zwei Gruppen von sog. „Überleitungsstörungen" am menschlichen
Herzen.
Bei der ersten Gruppe handelt es sich um ein nur zeitweiliges
Versagen der Überleitungsfasern und dadurch bedingten zeitweiligen
Ausfall von Eammerkontraktionen. Dabei kann dieser zeitweilige
Vs- Ausfall in sehr verschiedener, unregelmäßiger und regelmäßiger
Aufeinanderfolge auftreten.
Bei der zweiten Gruppe der Überleitungsstörungen soll dagegen,
wie bei der Durchschneidung des His 'sehen Bundeis, jede Er-
regungsüberleitung von Vorhof auf Kammer aufgehoben sein. Nach
Hering schlagen Vorhöfe und Kammern automatisch und jede in
eigenem Rhythmus regelmäßig weiter, jedoch so, daß die Kammern
seltener wie die Vorhöfe sich zusammenziehen. Diesen Vorgang
bezeichnet Hering als Dissoziation. Dadurch, daß sich die
Dissoziation aus dem zeitweiligen Vs- Ausfall entwickeln kann, haben
beide oben genannten Gruppen enge Beziehungen zueinander.
R i h 1 (2) hat jüngst aus der H e r i n g 'sehen Klinik interessante
klinische Beiträge für beide Gruppen von Überleitungsstörungen
geliefert und namentlich 2 Beobachtungen von echter Dis-
soziation beschrieben. Er rechnet auch den kürzlich von mir
über Dissoziation* Ton Vorhof- und Kammerrhythmus. 463
als „Herzblock^ bezeichneten und beschriebenen Fall zu der zweiten
Gruppe, während ich denselben nicht als reine Dissoziation im Sinne
Hering's auffasse.
Bevor ich dies an der Hand einer Kurve nochmals begründen
will, möchte ich eine weitere Beobachtung mitteilen, bei welcher
die Kurvenanalyse keinen Zweifel läßt, daß es sich um eine echte
Dissoziation handelt.
Der 55 jährige Färber G. A. wurde am 31. Mai 1905 in daa
Johannishospital zu Bonn aufgenommen. Im Kriege 1870 erlitt er eine
Schädelverletzung durch eine Kugel, die den Schädelknochen an der
linken Kopfhälfte an der Grenze von Stirn- und Scheitelbein zersplitterte,
60 daß die Hirnhäute mit verletzt waren; wegen £iterung der Wunde
war der Kranke länger als ^j^ Jahr bettlägerig. Im Jahre 1883 machte
A. einen schweren Unterleibstyphus durch. Einige Jahre später soll zu-
erst Herzklopfen aufgetreten sein. Am 9. Februar 1902 hatte A. einen
kurz dauernden Anfall von Ohnmacht und Zucken der Glieder.
Damals stellte der Aizt schon eine hochgradige Pulsverlangsamung
fest. In der Folgezeit mehrten sich die Anfälle von kurz dauernder
Bewußtlosigkeit, die bisweilen von klonischen Zuckungen der Extremi-
täten begleitet waren. Bei einem besonders schweren Anfall im Mai
1904 wurden von dem behandelnden Arzt nur 16 Fulsschläge in
der Minute gezählt. Bisweilen verlaufen die Anfälle mit heftig aus-
strahlenden Schmerzen in den rechten Arm. In den letzten Monaten
häufig kurze Anfälle von Blaßwerden, Gefühl des Sterbens ohne Bewußt-
seinsverlust.
Die Untersuchung des für seine Jahre sehr gealtert aussehenden
Kranken ergibt zunächst an der linken Schädelseite an der Grenze von
Stirn und Scheitelbein eine 1 '/^ cm lange tiefe Knochendelle , die auf
Brück leicht empfindlich sein soll. Pulsation ist nicht fühlbar. An den
(lehimnerven sind keine Ausfallserscheinungen bemerkbar. Die Sehnen-
und Hautreflexe sind von ungewöhnlicher Stärke.
Die Herzdämpfung reicht nach rechts bis zur Mitte des Brustbeins,
nach links bis fingerbreit innerhalb der Brustwarzenlinie, auch oben bis
zur IV. Rippe. Die Herztöne pind sehr leise, an der Herzspitze hört
man ein leichtes systolisches Blasen. Der Spitzenstoß ist nicht deutlich
fühlbar. Am Herzen zählt man regelmäßig 28 bis 30 Schläge in
der Minute. Am Halse sieht man namentlich in Bückenlage die Hals-
venen stark pulsieren in wechselnder Stärke. Die Zahl der Yen en-
polse beträgt annähernd das 3 bis 4fache des Herzschlags. Die
Herztätigkeit ist im ganzen regelmäßig, nur ganz selten hört man zwei
schneller aufeinanderfolgende Herzschläge, die von einer längeren Pause
gefolgt sind. Die Badialarterie ist leicht geschlängelt und fühlt sich
mäßig hart an. Der Blutdruck ist leider nicht gemessen worden. An
den Lungen und an den Unterleibsorganen findet sich nichts Krankhaftes.
Der Urin enthält kein Eiweiß und Zucker.
Während der Beobachtungszeit blieb die Bradykardi stets die gleiche,
ebenso das Verhalten der Venenpulse. Die graphische Aufzeichnung
464 XXX. FlHKSLNBirB(^
gleiohaeitig von Carotii- und Veiieiipvlf ergab stots ein annSliend gleiches
Bild. £b wurden mehrere kurz dauernde AnfUle von BewnfiÜoai^nit
mit vorübergehender Paleverlangsamang bis aof 20 Schiige beobachtet
Knrz zuMmmengefaSt haben wir bei einem föj&hrigeii Harnt
der vor 35 Jahren eine schwere Eopfverletzang glitten, das
Symptombild der Adame-Stokes'schen Krankheit: an-
dauernde Pulsverlangsamung mit Anfällen von Bewußtlosigkeit, die
gelegentlich von Krämpfen begleitet gewesen sind. Abgesehen von
der hochgradigen andauernden Bradykardie finden wir am Herzen
nnr eine geringe Verbreiteranff nach rechts und ein systolisclies
Geräusch an der Herzspitze. Die Halsyenen zeigen eine deutliche
Pulsation, die das Drei- bis Vierfache des Herzschlags betragt
Die gleichzeitige graphische Aufzeichnung von Carotis- und
Yenenpuls ergab folgendes:
Der Arterienpuls zeigte im ganzen ein regelmäßiges Yerhaltai:
die Länge einer Pulsperiode betrug in der Regel 12—14 Ffinftel-
sekunden; hier und da fanden sich eingestreute Pulse von 10 und
11 Fttnftelsekunden.
Die Venenkurye bietet ein sehr unregelmäßiges Bild. Wir sehen,
wie auf jeden Carotispuls drei oder vier verschieden hohe
Venenpulse kommen (Fig. 1).
Durch Vergleich mit der Carotiskurve sehen wir, daß die mit c
bezeichneten kleineren oder größeren Zacken der Venenkurve vom
Carotispuls herrühren. Die auf die Carotiszacken folgenden, sich
meist durch ihre Größe auszeichnenden Erhebungen können nach
ihrem zeitlichen Verhalten zum Carotispuls als Kammerstauungs-
wellen aufgefaßt werden. Es handelt sich aber bei denselben,
wie wir gleich sehen werden, nicht nur um solche, sondern in
ihnen stecken meist noch Vorhofs wellen, die zuf&Uig mit Ven-
trikelkontraktionen zusammenfallen. Es treffen also mehrere Mo-
mente zusammen, die die auffallende Größe dieser Wellen erklär-
lich machen.
Die übrigen mit a bezeichneten Wellen folgen sich in an-
nähernd regelmäßigen Abständen von etwa 4 FünftelsekundeD.M
Dort, wo der Abstand zwischen zwei a- Wellen das Doppelte des
Gewöhnlichen beträgt, finden sich stets die vorher besprochenen
großen Erhebungen. Bisweilen erkennt man auch noch im ab-
steigenden Schenkel dieser großen Wellen oder am Fußpunkt der-
selben die sich als Zacke abhebende a-Welle.
1) Erster Abschnitt von Kurve 2.
über Dissoziation tos Yorbof- nnd Kammerrhytbmus. 466
Diese rhythmisch sich folgenden a- Wellen können wohl nur
als Vorhofswellen aufgefaßt werden.
Vergleichen wir nan weiter die Lage dieser Vorhofswellen zu
der Carotiskurve, so läßt es sich nirgendwo erkennen, daß die den
Carotiszacken vorhergehenden Vorhofspulse einen bestimmten Inter-
vall innehalten, so daß man etwa daran denken könnte, daß nach
jeder zweiten oder dritten Atriumsystole die Erregung vom Vorhof
auf die Eammermuskulatur übergeht.
Ein Blick auf die Kurve 2 zeigt Vielmehr, daß der Inter-
vall a— c beständig wechselt. Eine Kongruenz von Vorhof und
Eammertfttigkeit läßt sich demnach nicht erkennen. Wir müssen
vielmehr nach den vorliegenden Kurven annehmen, daß Atrium
und Ventrikel voneinander unabhängig schlagen, daß eine
echte Dissoziation mit völlig aufgehobener ErregungsUber-
leitung vorliegt
Der vorliegende Fall zeigt eine weitgehende Übereinstimmung
mit den beiden jüngst von Rihl (2) veröffentlichten Beobachtungen
von Dissoziation, vor allem auch bezüglich der Kammerfrequenz.
Wie Rihl schon in seiner letzten Publikation betont hat, muß es
auffallend erscheinen, daß in den bisher ziemlich sichergestellten
Fällen von Dissoziation stets die nämliche Kammerfrequenz von
annähernd 30 Schlägen beobachtet wurde; daß auch in unserem
Fall die Durchschnittsfrequenz wiederum SO betrug, spricht für
die Annahme, daß 80 vielleicht die Durchschnittsfrequenz der auto-
matisch schlagenden Kammer beim Menschen darstellt. Rihl hat
meinen ersten, von mir als „Herzblock ^ bezeichneten Fall als echte
Dissoziation aufgefaßt. Wenn ich mich hierzu nicht habe ent-
schließen können, so geschah dies aus dem Grunde, weil wir an
manchen Herzstoßkurven mit deutlich ausgeprägten Vorhofszacken
den Eindruck gewonnen hatten, daß bei den Kranken zeitweise
die Erregung vom Vorhof auf die Kammer übergehe, indem z. B.
jede dritte Vorhofssystole eine Ventrikelkontraktion auslöst. In
Fig. 3 der früheren Arbeit tritt dies bereits zutage, vor allem
aber in der jetzt beigefügten Herzstoßkurve (Kurve 3), an welcher
die Venenpulse weniger gut hervortreten. Ich möchte also eher
zu der Ansicht neigen, daß es sich bei meinem ersten Fall viel-
leicht um ein Übergangsstadium gehandelt hat, in welchem
Perioden vorübergehenden Ausfallens mehrerer Kammerkontrak-
tionen mit Perioden völliger Dissoziation von Vorhöfen und Ven-
trikeln abwechselten. Daß wir derartige Übergangsstadien der
beiden Hering'schen Gruppen nicht selten finden werden, ist
466 XXX. FlNKELVBÜSG
durchaus wahrsdieinlich.' Eine plötzliche Außerfunktionssetzuns:
des Übergangsbündels, wie im Tierexperiment, ist für gewöhnlich
wohl nicht zu erwarten. Wir werden uns nach Hering(l)die
Entwicklung der Dissoziation so vorstellen können, daß infolge
Ausfallens mehrerer Vs die Kammern, die dadurch fiir einige Zeit .
nicht unter dem Einfluß der von den Yorhöfen kommenden Er-
regung stehen, anfangs nur vereinzelte automatische Kammer- \
schlage ausführen. Je weniger Vorhofssystolen von den Herz- ^
kammern beantwortet werden, desto mehr wird der automa-V-
tische Kammerrhythmas hervortreten.
In den von unserem jetzigen Fall stammenden Kurven fandeii|
sich keine Pulsperioden, die im Sinne eines nur zeitweise a|
Ausfalls von Vs hätten gedeutet werden können. Da bereital
3 Jahre, bevor der Kranke von uns untersucht wurde, ärzüiclii
hochgradige Pulsverlangsamung bis zu 16 Schlägen in der Minute
festgestellt worden ist, erscheint die Annahme nicht unberechtigti' —
daß mit vorgeschrittener Läsion des Übergangsbündels jetzt völlige
Automatie von Vorhöfen und Herzkammern eingetreten ist.
Für die prognostische Beurteilung der Fälle mit aufgehobent^
Erregungsüberleitung ist es bemerkenswert, daß sich die Dissoziation
der Vorhof- und Herzkammertätigkeit bisweilen jahrelang nur durdh
gelegentliche Schwindel- und Ohnmachtsattacken äußern kann.
RihTs zweitem Fall soll die Pulsverlangsamung seit 12 Jähret
bestehen. In meiner ei-sten Beobachtung besteht das Leiden se^^^
3 Jahren und trotz der dauernden Bradykardie ist die Kranket
abgesehen von schnell vorübergehenden Anfallen von Herzklopfen
und Schwindel, wieder seit Monaten arbeitsfähig.
Auch in unserem jetzigen Fall wurde die abnorme Herztätig! — .
keit bereits vor 3 Jahren ärztlich festgestellt und erst in d
letzten Zeit war das Allgemeinbefinden durch gehäuft auftreten
Schwindelanfälle ein schlechtes geworden. Bei allmähliche
Ausbildung der Überleitungsstörung bis zur völligen Dissoziati
scheint sich der Organismus bis zu einem gewissen Grade der ab
normen Herztätigkeit anzupassen und nur die Anfälle excessivd^^^
Bradykardie bringen die Gefahr eines plötzlichen Todes,
Literatur. ^l
1. Hering, Die Überleitungsstörungen am Säugetierherzen. Zeitschr. f. exp0
riment. Pathol. u. Ther. Bd 2 p. 75...
2. Rihl, Analyse von fünf Fällen von Überleitungsstörangen. ibid. p. 83.
3. Finkeinburg, Beitrag zur Frage des sogenannten „Herzblocks*' bdt
Menschen. Arch. f. klin. Med. Bd. 82 p. 586. f
i
I M I I I I II I I I I I I II M I M I I IM I I I I I M I I I I M
.vs+a
Tafel VI.
Lith.Ansl.v.0scarTürsieTiauJ.©ip2iÖ
ftel-
•Höh
über Dissoziation von Vorhof- und Kammerrhythmus. 467
Erklämng zu den Abbildungen auf Tafel Tl.
Die Kuryen sind mittels Durcbzeichnens direkt nach dem Original repro-
duziert.
Alle Kurven sind Ton links nach rechts zu lesen. Die Zeit ist in Füuftel-
sekunden angegeben (außer bei 3).
Bezeiclmung: a = Vorhof welle, c = Carotiswelle, ts = Kammerstaunngs-
welle.
Figur 1. Carotis-Jugularispuls. Die auffallend hohen Venenpulse meist
hinter der Carotiszacke sind entstanden durch Zusammentreffen von Ventrikel-
stanun^welle und gleichzeitiger Vorhofwelle (mit Ventrikelkontraktion).
Figur 2. Die ersten 4 Pulsperioden bei langi^mem, die folgenden be-
schnellem Gang des Jacquet^schen Apparates. Die a-Wellen folgen sich in regel-
mäüigen Abständen.
Figur 3. An der Herzstoßkurve sieht man vor jeder Herzphase deutlich
die kleine Vorhofszacke a. Es scheint, dafi regelmäßig jede dritte a-Zacke von
einer Ventrikelkontraktion gefolgt ist.
DeaUohes ArohiY f. klin. Medizin. 8ti. Bd. 31
XXXI.
über die Abhängigkeit der Wirkung der flnorescierenden
Stoffe Yon ihrer Konzentration.
Von
A. Jodlbauer und H. y. Tappeiner.
Die bisherigen Untersuchungen über fluorescierende (photodyna-
mische) Stoffe wurden in der Regel in Konzentrationen von 0,005 bis
0,05% ausgeführt. Eine genauere Untersuchung über die Abhängigkeit
der Wirkung von der Konzentration mußte wegen vordringlicherer
anderer Arbeiten bis jetzt aufgeschoben bleiben. An Zellen ist
dieselbe schwierig durchfuhrbar, da die Verhältnisse hier wegen
der Giftigkeit der Stoffe und wegen der Abhängigkeit der photo-
dynamischen Wirkung von der Aufnahme in die Zelle sehr ver-
wickelt sind. Bei Enzymen kommen diese Faktoren nicht in B^
tracht. Es wurde daher Invertin als Untersuchungsobjekt ge-
wählt und die Jodabspaltung aus Jodkalium zum Vergleiche
herangezogen.
Über den Einfluß der Dichte des Eosins bei letzterer Reaktion
hat bereits W. Straub Versuche ausgeführt In der ersten Mit-
teilung^) kommt er zu dem Ergebnisse, „daß von einem gewissen
minimalen Grenzwert ab die Jodabspaltung proportional der Eosin-
konzentration wächst." Aus einem Versuche der zweiten Arbeit •»
aber wird die Folgerung gezogen, „daß man mit ein und derselben
Menge Eosin bei gleicher Dauer der Belichtung um so mehr Jod
abspalten kann, je verdünnter die Eosinlösung ist." Nach unseren
in der Folge mitgeteilten Untersuchungen kommt in keinem dieser
Sätze der wahre Sachverhalt zum Ausdrucke. Da Straub die
von ihm befolgte Versuchsanordnung nicht näher beschreibt, so
1) Milnch. med. Wochenschrift 1904 Nr. 25.
2) Arch. f. exp. Path. u. Pharmakol. Bd. 51 383.
Abhängigkeit d. Wirknng d. flnorescierenden Stoffe Ton ihrer Konzentration. 469
kann nicht ersehen werden, wodurch er zu diesen Angaben gefuhrt
wurde.
Versuchsanordnung: Das Prinzip der Anordnung ist ein
sehr einfaches : Lösungen von Invertin und Jodkaiium versetzt mit
einer flnorescierenden Substanz in steigender Konzentration werden
unter gleichen Verhältnissen eine bestimmte Zeit dem Lichte aus-
gesetzt und das Invertierungsvermögen resp. das abgeschiedene
Jod nachher bestimmt. Bei der Ausführung aber ist zu beachten,
daß erstens die Schichtendicke der Lösungen so groß genommen
wird, daß die Absorption des Lichtes in allen Konzentrationen
wenigstens annähernd vollständig bleibt und daß zweitens der Zu-
tritt des SauerstoflFs ein ausreichender ist. Der ersteren Bedingung
kann in Versuchen mit ruhenden Lösungen in Kuvetten oder
Schalen „Schalen- oder Standversuche" leicht entsprochen werden,
die Erfüllung der zweiten erscheint nur in Versuchen mit bewegten
Lösungen „Schüttel versuche" gesichert. Wir haben beide Versuchs-
arten benützt.
Schalenversuche: Die Verwendung allseitig geschlossener,
planparalleler Kuvetten mit Luftraum scheiterte an dem Umstände,
daß die obere Platte bei der Exposition in Sonne alsbald mit
dicken Tropfen verdunsteten und wieder kondensierten Wassers
sich beschlug, wodurch der Zutritt des Lichtes sehr ungleich
werden mußte. Es blieb daher nichts anderes übrig als oflfene
runde Schalen mit ebenem Boden und senkrechter Wandung, sog.
Kristallisationsschalen, zu nehmen. Sie hatten einen Durchmesser
von 57—58 mm und wurden in der Eegel mit 30 ccm Lösung ge-
füllt, so daß die Schichtendicke 1,2 cm betrug. Versuche mit
0,6 und 2,4 cm Schichtendicke ergaben im wesentlichen dasselbe
Resultat. Bei der Exposition wurden die Schalen an einem offenen
Fenster im Kreise dicht aneinandergereiht aufgestellt, die Seiten-
wände waren mit lichtdichtem Papier außen verkleidet, so daß das
Licht nur von oben zutreten konnte ; bei den Versuchen in Sonnen-
licht Würde die Inzidenz durch einen Spiegel senkrecht gemacht.
Der Änderung der Konzentration der Lösungen während der Ex-
position wurde durch Ergänzung des Wassers so gut wie möglich
entgegengetreten, ein völliger Ausschluß dieser Fehlerquelle war
natürlich nur durch die folgende Me):hode gegeben.
„Schüttel versuche": Dünnwandige Reagenszylinder von
18 mm Weite und 16 cm Länge wurden zu V* niit den Lösungen
gefüllt und an der Peripherie einer nahezu senkrecht gestellten
drehbaren Scheibe befestigt. Die Vorrichtung wurde bereits in
31*
470 XXXI. JODLBACER tt. TaPPBINKB
der Arbeit über Bakterien und Fadenpilze verwendet und ist in
Fig. 1 a und 1 b der folgenden Mitteilung abgebildet Die in zer-
streutem Tageslicht oder in der Sonne aufgestellte Scheibe machte
ca. 30 Umdrehungen in der Minute, ebenso oft erfolgte also eine
Umschüttelung in den Keagenszylindern.
In den wesentlichen Zügen führten die Schüttelversnche zu
den gleichen Ergebnissen wie die Schalenversuche, so daß sie als
zuverlässige Ergänzung der letzteren verwertet werden konnten.
Eine Fehlerquelle haftet indes auch ihnen au , bedingt durch die
in den verdünnten Lösungen eintretende Hydrolyse. Sie konnte
in unseren Versuchen durch Zusatz eines Überschusses von Alkali
(NH3J nicht korrigiert werden, weil die Jodabspaltung aus Jod-
kalium schon bei geringer Alkalescenz der Lösung nicht mehr
eintritt und das Invertin durch Alkali bekanntlich zerstört wird.
Als Lichtquelle diente in den Jodkalium versuchen die
Sonne (Exposition 7—8 Stunden); in den Versuchen mit Invertin
genügte, da seine Lichtempiindlichkeit sehr viel größer ist und die
Versuche in der besten Jahreszeit (Juli) ausgeführt wurden, zer-
streutes Tageslicht ^u — IV2 Stunden Dauer. Bezüglich de>
zu den Versuchen verwendeten Jodkaliums sei erwähnt, daß e^
reinstes von E. Merck bezogenes war. Zur Herstellung seiner
Lösungen (3 — 6 %) diente frisch destilliertes, also säurefreies Wasser.
In solchen absolut neutralen Lösungen ist die Jodabspaltung darcli
Licht allein eine sehr langsame. Infolgedessen ergaben die Null-
versuche d. h. die Versuche ohne Zusatz fluorescierender Substanz
in den (geschlossenen) Schüttel versuchen regelmäßig keinen titrier-
baren Wert, wogegen in den (offenen) Schalenversuchen die Jod-
bildung eine wechselnde war, je nach dem Reichtum der Atmo-
sphäre an jodabspaltenden Faktoren. Die Bestimmung des Jod^
geschah durch Thiosulfat Viooo'^^^rmal nach Zusatz von Stärke.
Die genaue Titrierung ist in den konzentrierteren Lösungen der
Fluoresceine keine leichte Aufgabe, da die Endreaktion schwer zu
erkennen ist. Nach unseren Erfahrungen fährt man am besten,
wenn man die Titrierung in Reagenszylindern vornimmt und selbe
so lange fortsetzt, als die einfallenden Tropfen des Thiosulfats
bei leichtem Schwenken noch Wolken erzeugen, welche bei stärkerem
Schütteln sich wieder ausgleichen.
Da? zu den Invertinversuchen verwendete Präparat war eben-
falls von E. Merck bezogen. Es löste sich sehr gut in Wasser.
Es kam in Lösungen von ca. 0,12 ^/o in Verwendung, welche durch
Zentrifugieren noch völlig geklärt wurden. Zur Bestimmung des
Abhäng^keit d. Wirkung d. flnorescierenden Stoffe yon ihrer Konzentration. 471
In vertierungs Vermögens wurden sie mit 10% Rohrzuckerlösung zu
gleichen Teilen versetzt und nach 10 Stunden Stehen im Dunkeln
die Drehung durch einen Halbschattenapparat nach Laurent
bestimmt. Die Drehung vor der Invertierung ist +3,20®, nach
derselben, wenn sie ganz vollständig ist, — 1,04 ^
I. Yersnche mit FluoresceTnen.
Tabelle 1. Übersichtsversuch an Jodkalium.
In Schalen zu gleicher Zeit vorgenommen. Schichtendicke
1,2 cm; Exposition 10 — 5 Uhr in Sonne. Die Fluoresceine wurden
als Natronsalze verwendet, ebenso in den folgenden Versuchen.
Verbranchte ccra Thiosulfat.
Konzen- i
tration des | Fluorescein
Farbstoffes
Tetrachlor-
flnorescein
Tetrabrora- Tetrajod-
flnorescein I fluorescein
Tetrachlor-
tetrajod-
fluorescein
lOO
-normal
lOOO
lOOOO
100000
1,
llOOOOOO n
0
2,3
20,2
14,5
4,5
1,2
0,4
3,1
18,0
13,8
9,1
4,2
14,0
17.2
17,0
22,8
15,2
17,0
13,8
16,6
6,6
5,2
7,2
20,8
23,0
18,0
10,6
Der Versuch ergibt für alle Fluoresceine das Gemeinsame, daß
die Wirkung mit abnehmender Konzentration zunächst zu einem
Maximum, das zwischen Konzentration Vicoo-i^örmal und \,oooo-
normal liegt, ansteigt und dann abfällt. Der Abfall ist bei dem
Fluorescein rascher als bei den anderen Stoffen, was darauf hin-
deutet, daS die Absorption des Lichtes in den sehr stark ver-
dünnten Lösungen dieses Stoffes bei der angewandten Schichten-
dicke nicht mehr vollständig war.')
Tabelle 2. Genauere Bestimmung des Maximums.
Die einzelnen Versuchsreihen sind an verschiedenen Tagen in
Sonne ausgeführt; Exposition 9—5 Uhr; sie sind daher unter-
einander nicht vergleichbar. Die Betrachtung jeder einzelnen Reihe
ergibt, daß das Maximum nahe bei Konzentration Vsooo'^^lekular
sich befindet.
1) Vergleiche die in der folgenden Abhandlung angeführten Messungen von
H. Lehmann.
472
XXXI. JODLBAUBR U. TAPPEIMSa
Verbrauchte ccm Thiosulfat.
Konzentration
des Farbstoffes
Fluorescein Eosin
Schalenversnch Scbalenversach
Schichtendicke i Schichtendicke
1,2 cm 1,2 cm
Eosin
Schüttel-
versuch
Erythrosm
SchalenTer«.
Schichten-
dicke 2i cm
Vioo-normal
...
1.
/200 n
1,0
/looo r
6.1
/«OOO n
11,0
/4000 n
—
/lOOoO r
9,8
/«OOOO n
8,5
/lOOOOO r
4,8
llOOOOifO n
0
0,8
4,0
5,4
6,1
6,6
6,5
5,8
5,9
4.4
2,0
0
1,2
1.3
1.6
2,1
1,9
1,8
1,1
0,6
0.5
0
14,7
21,0
21.0
19.4
15,9
13.6
0.3
Tabelle 3. Versuche an Invertin mit Eosin in
zerstreutem Tageslicht.
Schalenversuch
"
Konzentration
Schichtendicke
Schttttelversttch
Schüttel versuch
des Eosins
1,2 cm
Belichtung
^U Std.
Belichtungs-
zeit ^U Std.
Belichtungszeit
V4 Std.
D
rehung am Saccharometer.
Vioo-normal
0«06'
0^08'
(fnv
1/
/200 n
00 Ol'
h 0« 04'
+ 00 45'
1/
/40O n
4. 0«03'
h 0^31'
1
1000 r>
+ 0° 15'
- 1»21'
- 1053'
- 10 54'
«2000 n
~i- 0» 32'
- 10 42'
1;
/lOOOO n
+ 0«31'
h 1^40'
- - 10 45'
-- 1035'
/ 20000 y
-f- 0^ 28'
.
- 1035'
1/
/lOOOOO n
- - 0« 05*
- POO'
- _ 10 24'
/ 1 000000 n
-h 0« Ol'
h 00 09'
— QOIO'
0
+ 0^ 02'
h 00 Ol'
— 00 10'
Die Versuche ergeben, daß sowohl die Jodabspal-
tung aus Jodkalium als auch die Schädigung des In-
vertins mit abnehmender Konzentration des zuge-
setzten Fluoresceins zu einem Maximum ansteigt
und sodann langsam dann rascher wieder abfällt.
Die Lage des Maximum ist nahe bei Konzentration
V>ooo"iiormal.
Das gleiche ergeben die bereits veröffentlichten Versuche über
die Eder'sche Reaktion: Die Erhöhung der Geschwindigkeit
der Kalomelausscheidung durch zugesetzte Bluoresceine hat eben-
falls in der Nähe der Konzentration ^/jooo-ßormal ihr Maximum.')
1) A. Jüdlbauer u. H. v. Tappeiner, Das photochemische Verhalten
Abhängigkeit d. Wirkung d. fluorescierenden Stoffe von ihrer Konzentration. 473
•
Die Ergebnisse unserer Versuche sind somit mit
den im Eingange erwähnten Angaben von Straub
nicht vereinbar. Sie stehen dagegen in sehr be-
merkenswerter Analogie mit der von 0. Gros gefun-
denen Wirkungsweise des Fluoresceins und seiner
substituierten Derivate auf andere Farbstoffe und
Leukobasen dieser Reihe.*)
Die Veränderung; welche diese Leukobasen und Farbstoffe im
Lichte erfahren, beruht nämlich nach Gros auf Oxydation der-
selben und diese Oxydation wird durch Zusatz von Fluorescein
oder seiner balogensubstituierten Derivate beschleunigt. Diese
katalytische Wirksamkeit betätigt sich schon bei außerordentlich
geringen Konzentrationen und geht mit steigender Konzentration
durch ein Maximum, das (wie in unseren Versuchen) zwischen der
Konzentration V2500 ^^^ Vi 000 -bimolekular gelegen ist. Als Beleg
seien die beiden einschlägigen Versuche "(Tabelle 31 und 32 der
Abhandlung von Gros) hier wiedergegeben. Die Versuche sind
in zylinderförmigen Gefäßen von 100 ccm Inhalt, welche mit
50 ccm der zu untersuchenden Lösung und öO ccm Sauerstoff ge-
füllt waren und auf einer Scheibe im Sonnenlichte rotierten, an-
geführt.
Tabelle 31.
Zusammensetzung der Lösung: Verbrauchter Sauerstoff
in ccm
40 ccm \ 100* norm. Fluoresceinleukobase +
10 ccm ^;5oo-norm. Tetrajodfluorescein 75,0
82,5
77,5
HoO 18,0
Tabelle 32.
40 ccm ^ioo"^oriD- Fluoresceinleukobase -f-
10 ccm \5(,o-norm. Tetrabromfluorescein 81,7
w /200 >? n t7V/,Ä
Vi /lOO n »r '"?•
11 /50 n n 44,0
„ H,0 13,1
des Quecksilber Oxalats bei Abwesenheit von Sauerstoff und bei Anwesenheit ge-
wisser fluorescierender Stoffe. Berichte d. D. ehem. GeseUsch. 38 2602.
1) 0. Gros, Über die Lichtempfindlichkeit des Fluoresceins und seiner sub-
stituierten Derivate, sowie der Leukobasen derselben. Zeitschr. f. physikalische
Chemie Bd. 37 p. Iö7— 192, konf. auch 0. Knoblauch ibidem 29 527!
1
w ,200 rf n
1'
n /lOO r »?
n
474
XXXI. JODLBAUBR U. TaPPEINSR
II. TersQch mit Methylenblaa.
Er wurde an Invertin als Schüttelversuch in zer-
streutem Tageslichte von 12—6 Uhr an einem klaren Mai-
tage ausgeführt Da Methylenblau die Invertierung hemmt (nach
den Dunkel versuchen in Abhandlung I), wurde dem Versuche eine
entsprechende Anzahl mit schwarzem Papier verkleideter Röhren
beigegeben. Die Differenz der Polarimeterablesungen ans den
Hell- und Dunkelröhren gibt die Lichtschädigung.
Tabelle 4.
Konzentration
Drehung
am Saccharometer
des Methylenblans
1
heU
dunkel
Differenz
Viooo-iiormal -\
- 2»2(y
1
4- 0« 55*
+ P25'
/fOOO n [
h 2« 36'
-f 0^20'
+ 2« 15'
/loooo n \ ~
- pacy
OMo'
-h P45'
/SOOOO n ~
- V IV
1
— 0«18'
4- P29'
1/
lOOOOO n
- 00()5'
— (y>26'
+ o«2r
0
- 0^ 32'
— 0«3ü'
0»02'
Der Versuch ergibt, daß Methylenblau sich den
Fluoresceinen analog verhält, indem seine Wirkung
mit steigender Konzentration durch ein Maximum
geht, das in der Nähe von Vaooo'^^l^'^'ilÄr liegt.
III. Tersuche mit Dichloranthracen — 2,7 disalfonsaurem
Natron.
SchaleuYersuche.
Q T ^1 r 0,12 proz. Invertin
Sproz. Jodkahnm- ' ^x««««.
Konzentration
des Zusatzes
lOsung,
1 1,2 cm Schichtendicke,
Exposition in Sonne
I (Juni),
Verbrauchte ccm
Thiosulfat
lösung,
0,8 cm Schichtendicke,
Exposition 7 Std. in
zerstreutem Tages-
licht,
Grade des Saccharo-
meters
'.»■
normal
I20
n
/lOO
n
'/<00
n
/lOOO
r
1/
(2000
J
n
'10000
n
0
38.2
—
25.3
+ SMO*
15.5
11,7
+ 2« 58*
8,2
6.8
+ 2® 15'
-- 0«48'
5,2
1,0
0"27'
Resultat: Die Wirkung des dichloranthracendi-
sulfonsauren Natrons nimmt mit steigender Konzen-
tration zunächst langsam, dann rascher fortwährend
Abhängigkeit d. Wirkung d. fluorescierenden Stoife von ihrer Konzentration. 475
ZU, so daß das Maximum der Wirkung mit dem Maxi-
mum der Konzentration zusammenfällt.
Äsculin scheint sich bezüglich seiner jodabspaltenden Wirkung
in gleicherweise zu verhalten, denn einige Bestimmungen, die
bei anderer Gelegenheit mit ihm von uns gemacht wurden, ergaben,
daß das Maximum der Jodabspaltung mit dem Maximum der Kon-
zentration zusammenfällt. ^)
Dieses von den Fluoresceinen und dem Methylenblau völlig
abweichende Verhalten der Dichloranthracendisulfonsäure kann nicht
dadurch verursacht sein, daß die Absorption des Lichtes bei der
angewandten Schichten dicke (0,8 — 1,2 cm) nur in der höchsten
Konzentration eine vollständige gewesen ist, denn die Wieder-
holung des Jodkaliumversuches in 16 cm Schichtendicke gab das-
selbe Resultat. Außerdem konnte der Nachweis geführt werden,
daß in dieser Schichtendicke selbst sehr verdünnte Lösungen
(\jooooo"niolekular) noch sehr ausgiebig absorbieren. Der Versuch
wurde in Ermangelung eines Spektralapparates mit Quarzoptik auf
biologischem Wege als Schutzversuch auf folgende Weise aus-
geführt. Durch eine senkrecht gestellte Röhre aus Metall, welche
mit Wasser resp. Lösung von dichloranthracendisulfonsaurem Natron
Viooooo-'iormal gefüllt und mit Quarzplatten verschlossen war, wurde
das durch eine Quarzlinse parallel gestellte Licht einer Kohleubogen-
Reflektorlampe auf ein Schälchen geleitet, in welchem sich Para-
mäcien in dichloranthracendisulfonsaurem Natron 1 : 4000 (einer im
Dunkeln vollständig ungiftigen Konzentration) befanden. Das
Schälchen war so angebracht, daß nur Licht aus der Röhre zu
ihm gelangen konnte. Ebenso blieb es vor Beginn des Versuches
vor Licht sorgfältig geschützt. Im Versuche bei Füllung der Röhre
mit Wasser waren die Paramäcien nach Belichtung von VU—2 Mi-
nuten Dauer getötet, im Versuche bei Füllung mit Dichloranthracen-
disulfosäure ließen sich nach V^ Stunde keine Zeichen von einer
Schädigung wahrnehmen. Durch das vorgelegte Filter waren mit-
hin die wirksamen Strahlen in sehr vollständiger Weise absorbiert
worden. Die Erklärung für das abweichende Verhalten der Di-
chloranthracendisulfonsäure muß daher in anderen Verhältnissen ge-
sucht werdqp.
IV. Erklärungsversuche.
Für das bei den Fluoresceinen auftretende Wir-
kungsmaximum hat 0. Gros (a. a. 0. S. 177) eine Erklärung ge-
1) Dieses Arch. Bd. 82 S. 532.
476 XXXI. JODLBAUBB U. TaPPEINEB
geben. Nach Besprechung der Möglichkeit, daß an der Reaktion
nur die Inonen des FarbstoiFes sich beteiligen und nach der Da^
legung, daß auch in diesem Falle kein Maximum möglick ist da
die absulute lonenkonzentration mit steigender Konzentration des
Farbstoffes ebenfalls stets zunehmen muß fährt er folgendermaßen
fort: „Eine Erklärung des vorliegenden Verhätnisses ist aber
gleichwohl damit gegeben, daß wir die weitere Annahme machen,
daß die Absorptionsgebiete des undissoziierten Farbstoffes und
seiner Ionen sich decken oder doch teilweise zusammenfallen.
Diese Annahme gewinnt an Wahrscheinlichkeit dadurch, daß diese
Farbstoffe in wässeriger Lösung annähernd die gleiche Farbe be-
sitzen wie in einer solchen von Alkohol, Schwefelsäure, Eisessig.
In diesem Falle würden also, gleichviel ob nur der undissoziierte
Farbstoff oder sein Ion sich an der Reaktion beteiligen, mit
steigender Konzentration zwei entgegengesetzt wirkende Faktoren
sich betätigen. Einmal nämlich wird die Konzentration des wirk-
samen Bestandteils erhöht und damit die Reaktionsgeschwindig-
keit. Andererseits wird aber der andere Bestandteil, der durch
seine Absorption die Intensität des Lichtes vermindert ebenfalls
vermehrt, und es läßt sich leicht einsehen, daß unter Umständen
von einer gewissen Konzentration ab der Einfluß des zweiten Fak-
tors den ersten übertreffen kann und dann natürlich ein weiteres
Steigern der Konzentration ev. ein Vermindern der Reaktions-
geschwindigkeit zur Folge haben muß.'*
Bezüglich des abweichenden Verhaltens des dichloran-
thracendisulfonsauren Natrons wurde zunächst festgestellt
daß seine Erklärung in einer Verschiedenheit der Absorptions-
gebietedes undissocierten Stoffes und des ionisierten
nicht gesucht w^erden kann. Da in der Literatur hierüber keine
ausreichenden Angaben aufgefunden werden konnten^), wurden
unter Beihilfe von Herrn Dr. H. Lehmann die Absorptionssprektra
der Lösungen des Salzes in Methylalkohol und Äthylalkohol und
der Säure in konzentr. Schwefelsäure in Eisenfunkenlicht photo-
graphisch aufgenommen.*^) Der Vergleich mit der Spektra der
wässerigen Lösungen gleicher Konzentration ergab, daß die Absorp-
tionsgebiete in allen Lösungsmitteln sehr annäherd si^ decken.
1) Die Mitteilung von E. Lominel, Wied. Ann. 6 117, über die ^Bisulfi-
bichloranthracenige Säure" beziehen sich nur auf die ätherische Lösung und den
sichtbaren Teil des Spektrums.
2) Mit freundlichst erteilter Erlaubnis des Herrn A. t. Baeyer und K. Hoff-
mann ausgeführt am Spektrographeu mit Quarzoptik des ehem. Laboratoriums
des kgl. Generalkonservatoriums.
Abhän^gkeit d. Wirkung d. fluorescierenden Stoffe von ihrer Konzentration. 477
Lösung des Salzes.
Absorption in i^ifi bei
Exposition von 30"
276—250
275—250
275—244
273—260
480-^347, 317— Ende
480—347, 310-Ende
Art des Lösungsmittels und Konzentration
Methylalkohol 1 : 10000 (gesättigte Lösung)
Wasser 1:10000
Äthylalkohol 1:40000 (gesättigte Lösung)
Wasser 1:40000
Lösung der Säure.
Konzentrierte Schwefelsäure 1 : 1000
Wasser 1 : 1000
Eine stärkere Ionisierung des dichloranthracendi-
sulfonsauren Natrons gegenüber den Natronsalzen der
Fluoresceinreihe in der Weise, daß die Dissociation bei ersterer
Substanz schon in den höchsten Konzentrationen eine maximale
wäre, kann zur Erklärung des abweichenden Verhaltens des dichlor-
anthracendisulfosauren Natron ebenfalls nicht herangezogen werden,
denn die Messung seiner Leitfähigkeit ergab zwar, daß das Salz
schon bei geringen Verdünnungen sehr weitgehend dissoziiert ist?
wesentliche Verschiedenheiten aber zwischen ihm und den Fluorescein-
verbindungen aber nicht bestehen dürften.
Herr Dr. J. Sand hatte die Freundlichkeit, die Leitfähigkeit
des dichloranthracendisulfonsauren Natrons zu bestimmen und hierüber
folgende Mitteilung zu geben.
Äquivalent-Leitfähigkeiten
für
I.
IL
Dichl oranthracendisulf onaaures
Natrium
Äquivalent
Konz. c.
3 S»
0,0339
too-norm.)
0,01694
O,O0aS9
0,00271
('•"*/ioo(>-norm.)
Ver- 1 "
dünnmig v ' ^?1 !?'?*
Naph talin monosulfonsanres Natrium.
(Ostwald, Lehrbuch II, 1, 751.)
(Lit.)
29,5
59,0
295
3690
Leitf. fi
70,8
76
81
90
Verdünnung v (Lit.)'
64
128
256
512
Äquivalent
Leitf. u
69,1
71,9
74,1
75,5
Resultat: Bei niedrigen Konzentrationen (ca. ^ loo-normal) zeigt
dichloranthracendisulfonsaures Na fast dieselbe Äquivalent-Leitfähig-
keit wie das Na-Naphtalinmonosulfonat, das rasche Ansteigen von
1^1 bei dem Dinatriumsalz deutet auf Hydrolyse hin. Nimmt man
die aus den Ostwald 'sehen Zahlen berechnete Endleitfähigkeit
i«oo = 79j5 (Bredig, Zeitschr. f. physikal. Chemie 13, 191) auch
478 XXXI. JoDLBAUER XX. Tappeiker, Abhäiig^keit d. Wirk. d. finoresc. Stoffe etc.
für das Dinatriumsalz als annähernd giltig an, so berechnet sich
der Dissociationsgrad a für eine 0,0339-n-Disalzlösnng zu a = 0,89;
bei den höheren Verdünnungen nähert sich a (wegen der Hydrolyse
nicht berechenbar) immer mehr dem Werte 1.
Der Unterschied im photodynamischen Verhalten von Eosin
nnd dichloranthracendisulfonsaurem Natron hängt vielleicht damit
zusammen, daß bei der Ionisation des Eosins eine strukturelle Ver-
schiebung im maßgebenden Teil des Moleküls (Ghinonisierung) statt-
findet und nur die Ionen photochemisch wirken, bei der Ionisation
des dichloranthracendisulfonsauren Natrons aber dissoziierte nnd
nicht dissoziierte Anteile gleich konstituiert, also wahrscheinlich
auch gleich photochemiscli wirksam sind.
Y. Bemerkungen zur therapeutischen Anwendung.
Für diese Anwendung ergeben sich aus unseren Versuchen
folgende Anhaltspunkte: Man muß trachten, das Optimum der
Konzentration in das Gewebe zu bringen. Im Falle der An-
wendung von Eosin (Natriumsalz), dessen Molekulai^ewicht in
Gramm 692 ist, wäre dies eine Lösung von ca. 0,04%. Wäre das
Gewebe eine einfache Flüssigkeit, so wäre dieser Forderung durch
Applikation des gleichen Volumens einer Eosinlösung doppelter
Konzentration in einfacher Weise genügt. Soll das Eosin aber in
einer Zelle versammelt werden, so kann der Transport nur durch
Diffusion geschehen. Die Geschwindigkeit derselben aber ist im
•allgemeinen um so höher, je größer die Konzentration der Außen-
lösung ist. Daher empfiehlt es sich, soweit dem keine anderen
Faktoren entgegenstehen, konzentrierte Lösungen anzuwenden.
Bei Dichloranthracendisulfosäure sind hochkonzentrierte L<»-
sungen schon aus dem Grunde indiziert, weil die höchste Konzen-
tration das Optimum darstellt.
Selbstverständlich hat man bei Anwendung von hohen Kon-
zentrationen bei allen Substanzen zu beachten, daß sie die wirk-
samen Strahlen sehr stark absorbieren und das Vordringen der-
selben bis in das zu behandelnde, imbibierte Gewebe nur dann er-
folgen kann, wenn die Lösungsschichten, welche das Gewebe über-
lagern, sehr dünn sind.
XXXII.
über die Beziehung der photochemischen Wirknng der
Stoffe der Flnorescelnreihe zn ihrer Flnorescenzhelligkeit
nnd ihrer Lichtempfindlichlieit
Von
H. Y. Tappeiner.
(Mit 2 Abbildungen im Text.)
Aus den an Paramäcien und an Invertin in dieser Beziehung
gemachten Beobachtungen ergab sich, da£ in der Regel die photo-
dynamische Wirkung um so größer ist, je geringer die Flnorescenz-
helligkeit.^) Besonders deutlich zeigte sich dieses Verhalten in der
Fluoresceinreihe. Die Wirkung stieg hier vom Fluorescein durch
die Chlor-, Brom- und Jodderivate bis zum Tetrachlortetrajod-
fluorescem.
Bei den Paramäcien kann dieses Verhalten zum Teil darin
seinen Grund haben, daß auch die Äufnahmsfahigkeit der Fluores-
ceine in die Zelle in gleicher Reihenfolge ansteigt. Die an Bak-
terien und Fadenpilzen mit den Fluoresceinen erhaltenen Resultate ^)
sind geeignet, diese Vermutung zu stützen.
Eine Erkläruug von allgemeiner Anwendbarkeit aber könnte hier-
aus nicht gezogen werden, denn dieses Verhalten zeigte sich auch an
einem nicht organisierten Objekte, dem Invertin. Auffallender-
weise ist es hingegen bei der Wirkung der Fluoresceine auf Jod-
kalium nicht zu konstatieren. Die Mengen des abgeschiedenen Jods
waren bei allen fünf Fluoresceinen in der Nähe der optimalen
Konzentrationen annähernd gleich, wie die Tabelle 1 der voraus-
gegangenen Abhandlung über die Abhängigkeit des Sensibilisierungs-
vermögens von der Konzentration ergibt.
Dieses verschiedene Verhalten des Invertins und Jodkaliums
1) Dieses Archiv Bd. 80 472.
2) Ebenda 84 629.
480 XXXII. Tappeiner
forderte dazu auf, der Beziehung zwischen Sensibilisierungsver-
mögen der fluorescierenden Stoffe und Fluorescenzhelligkeit dunh
weitere Versuche nachzugehen.
Sie worden mit den Natriarasalzen des Flaoresceins und seiner Sab-
stitutionsderivate ausgeführt. In denselben war nach freundlicher Mit-
teilung der Bezugsquelle (der Badischen Anilin- und Sodafabrik und der
Farbwerke vorm. Meister Lucius und Brüuning das Chlor im Phtalsäure-
resty das Brom und Jod im Resorcinrest enthalten.
I. Vergleichende Bestimmung des JodabspaltnngSTermogens
des Fluoresceins und seiner halogensubstituierten Deriyat^.
Die Bestimmung des Jodabspaltungsvermögens der Fluoresceme
in der vorigen Abhandlung geschah in offenen ruhenden Schalen. Da
diese Methode nicht so vollständige Garantien für Zuverlässigkeit ge-
währt, wie Schüttelversuche, wurde die Bestimmung in dieser An-
ordnung wiederholt.
Dünnwandige Reagensröhren von 18 mm Durchmesser und
160 mm Länge wurden mit je 10 ccm 3proz. wässeriger Jodkalium-
lösung teils mit, teils ohne Zusatz von Farbstoff gefüllt und radiär
(Anordnung 1 in Fig. 1) auf einer Drehscheibe von 30 cm Durch-
Fig. la. Anordnung 1. Fig. Ib. Anordnung 2.
messer befestigt Dieselbe stand senkrecht auf der optischen Achse
einer Kohlenbogen-Keflektorlampe von 30 Ampere 110 Volt gegen-
über. Der Hohlspiegel aus Magnaliumlegierung hatte einen Durch-
messer von 30 cm, war so gestellt daß die reflektierten parallelen
Strahlen zur Achse zunächst durch ein von Wasser durchstromt«s
Kühlgefäß mit planparalleler Glaswandung gingen und dann auf
die Scheibe trafen. Die Intensität dieser LichtqueUe (im grünen
Teile) kommt jener direkten Sonnenlichtes nache, nach einigen ver-
gleichenden Versuchen mit Jodkalium oder Invertin + Eosin als
Photometer. Die Scheibe machte ca. 25 Umdrehungen in der Minute.
Photochemische Wirkung der Fluorescel'nreihe. 481
Dotation wurde die Mischung mit Sauerstoff bewirkt und
'^ Belichtungsverhältnisse für alle Röhren gleichmäßig
^Uchtungsdauei* betrug 5 Stunden. Nach dieser Zeit
'^ene Jod mit Natrium thiosulfat Viooo-n. titriert
«nchte ccm Viooo Thiosulfat.
>.
"•I-Fluores-
eiii
4 Rr-Flnore«-
ccYn
4 J-Fluores- 4 Gl 4 J-
cein Fluorescein
0,3
1 3,8
3,6
3,4 3,3
3,6 3.6
i
•»ndes :
n
Lichte durch Zusatz von
abgeschiedenen Jods sind
e gleichen. Aus dieser
ngsvermögen für
Lichtempfind-
^^^ . ^^ ^ins und seiner sub-
^ .le sehr verschieden große.
-iie eingehende Untersuchung vor,
v^hlor, Brom, Jod die Lichtempflndlich-
^udere die jodierten Fluoresceine empfind-
.^mierten. E. Vogel bestätigt ferner die schon
. 1 gemachte Beobachtung, daß diejenigen Fluoresceine
sensibilisieren, welche am lichtempfindlichsten sind, so
omnach zwischen der Sensibilisierung an photo-
^^aphischen Bromsilbergelatineplatten und derWir-
kung auf Jodkalium in wässeriger Lösung eine be-
achtenswerte Differenz zu bestehen scheint.
Daß die Wirkung der fluorescierenden Stoffe auf Zellen, En-
zyme und Jodkalium mit der Lichtempfindlichkeit derselben in keiner
näheren Beziehung steht, wurde bereits in einer früheren Abhand-
lung aus den Eigenschaften des Akridins geschlossen.-) Es wurde
dort gezeigt, daß dieser Körper nur wenig lichtempfindlich ist,
dessen ungeachtet aber eine sehr starke Wirkung auf diese Ob-
jekte besitzt.
Das Sensibilisierungsvermögen für die Merkurioxalatreaktion
1) Wied. Annal. 43 449,
2) Dies. Archiv Bd. 82 S. 538 n. ö41.
482 XXXII. Tappeinek
(Eder) richtet sich ebenfalls nicht nach der Lichtempfindlichkeit
des zugesetzten Flnorescems. Es ist bei den sehr lichtempfindlichen
jodierten Fluorescemen erheblich geringer als bei dem nur langsam
bteichenden Fluorescein und Tetrachlorfluorescem und bei dem
nur in mäßigem Grade lichtempfindlichen Tetrabromflnorescein am
höchsten. ^)
Die angeführten Beobachtungen weisen daraufhin, daß die
photochemischen Wirkungen der fluorescierenden Stoffe in wässe-
rigen Lösungen unabhängig sind von ihrer Zersetzung im Lichte.
Hieraus resultiert die Berechtigung, die photodynamische
Erscheinung zu den katalytischen Vorgängen zu
zählen und die fluorescierenden Stoffe als Licht-
kätalysatoren zu bezeichnen.
II. Yergleiehende Bestimmung d^r Schädigung des InTertins
durch Fluorescein und seine Deriyate.
Da die Vergleichung in der eingangs citierten Abhandlung ohne
Kenntnis der optimalen Verhältnisse erfolgte, war eine Wieder-
holung des Versuches in äquimolekularer Konzentration notwendig-
Sie wurde als Schüttelversuch unter Anwendung von zerstreutem
Tageslicht an einem sehr hellen Tage von V«l — ^42 Uhr mittags
auf der Drehscheibe mit denselben weiten dünnwandigen Eeagens-
zylindem wie in obigem Jodkaliumversuche durchgeführt. Die
Zylinder waren an 20 cm langen Drahtstiften, welche in die Dreh-
scheibe von 45 cm Durchmesser eingesetzt waren wie die Speichen
an einer Radnabe, tangential derart befestigt, daß das Licht von
allen Seiten frei zutreten konnte (Anordnung 2 Fig. 1). Jede Röhre
enthielt 10 ccm Invertinlösung von 0,2%. Nach der Exposition
wurde mit gleichen Teilen lOproz. Rohrzuckerlösung versetzt und
im Dunkeln bei Zimmertemperatur stehen gelassen. Nach Ablauf
von 8 Stunden zeigte sich die Invertierung im NuUvei'suche nahezu
vollendet, sie wurde deshalb in allen Proben abgebrochen und die
Drehung an einem Halbschattenapparat nach Laurent bestimmL
Die folgende Tabelle enthält die abgelesenen Drehungen. Die
Werte der im Dunkeln ohne und mit Zusatz von Fluoresceinen
gleichzeitig vorgenommenen Kontrollversuche sind nicht aufgeführt,
weil sie mit dem Nullversuche Hell vollständig übereinstimmten.
Derselbe ergab eine Drehung von — 0® 59'.
1) A. Jodlbauer u. H. v. Tappeiner, Ber. d. D. ehem. Gesellsch. 88 26ft).
Photochemische Wirkung der Flnoresceinreihe. 483
Drehung am Polarimeter.
Konzentration I i?i„«-^„«-»¥« Tetracblor-
des Zusatzes 1 Floorescein fluoreaoein
Tetrabroni-
flaoreacein
Tetrajod. I '^SfS^ilf^-
fluorescein
0 — 0» 59'
V.iVü-normal — O« 59* — (y> 57' ' — 0*02' — 0^06'
»000 »
lOOOO »
+ 10 00'
— 0<» 58' — (>> 55' : 4- 0« 22' + ()• 30* 4-1» 25'
— 0« 58' . — 0« 54' I + 0> 21' 4- 0« 30* -f 1^ 10*
Das Ergebnis ist folgendes: Im Gegensatze zur Jod-
abspaltung aus Jodkalium ist die Schädigung des
Invertins durch die in optimaler Konzentration zu-
gesetzten Rluoresceine von verschiedener Größe. Sie
nimmt zu vom Fluorescein und Tetrachlorfluorescein,
welche bei der angewandten Lichtintensität (Tageslicht) und der
kurzen Exposition noch völlig wirkungslos waren, bis zum Te-
trachlortetrajodfluorescein. Konform mit den früheren
Beobachtungen wächst sie somit in der Tat mit Abnahme der
Fluorescenz. Ob hieraus indes auf eine nähere Beziehung beider
Erscheinungen geschlossen werden kann, ist erst durch eine ge-
genauere Vergleichung derselben möglich, welche im nächsten
Abschnitt erfolgen soll.
III. Messung der Fluorescenzhelligkeit des Fluoresceins
und seiner Derivate.
über die Fluorescenzhelligkeit der Stoffe der Flnoresceinreihe
liegen zwar bereits Messungen vor.*) Sie erstrecken sich jedoch
nicht auf alle hier in Betracht kommenden Glieder. Außerdem
wurden diese Messungen an wässerigen Lösungen ausgeführt, welche
zur Korrektion des durch die Hydrolyse verursachten Fehlers mit
Alkali (Ammoniak) im Überschusse versetzt waren. Bei den photo-
dynamischen Versuchen an Jodkalium und Invertin konnte diese
Korrektion aber nicht vorgenommen werden, weil bei alkalischer
Reaktion einerseits die oxydierende Wirkung der fluorescierenden
Stoffe auf Jodkalium schon sehr abgeschwächt ist und anderer-
seits das Invertin sehr rasch sich zersetzt. Um vergleichbare Be-
stimmungen zu erhalten, wurde daher Herr Dr. Hans Lehmann
von mir veranlaßt, im pharmakologischen Institut Bestimmungen
der Fluorescenzhelligkeit an einfachen wässerigen Lösungen der
Natriumsalze von Fluorescemen vorzunehmen.
Die Versuchsanordnung zeigt beistehende Figur 2. Als Me6^
instrument diente ein Krüß'sches Spektrometer mit beweghobem Doppel*
1) O. Knoblauch, Ann. d. Physik Bd. 54.
Deutachee Archiv f. klin. Medizin. 86. Bd. 32
484
XXXII. Tappsimsr
spalt 8. Durch den oberen Spalt drang das Fluorecsenzlicht ein , durch
den unteren wurde mittels eines totalreflektierenden Prismas V das Ver-
gleichslicht geschickt. Durch Veränderung der Spaltbreite wurden die
beiden Spektra auf gleiche Helligkeit gebracht und ihr Helligkeitsver-
hältnis an der Trommel T abgelesen.
Die Lichtquelle war eine 200 kerzige Nemstlampe L ohne Glas-
hülle, die in einem lichtdichten Gehäuse zentrisch befestigt war. Mittels
eines kleinen Diaphragmas D wurde die hellste Stelle des Nemstkorpen
herausgeblendet, um eine möglichst punktförmige Lichtquelle zu erhalten.
Der Kollimator K mit Linse sandte dann ein breites, gleichmäßiges,
paralleles Strahlen bündel auf die Olaswanne W, in welcher die zu unter-
suchende Substanz gelöst war, und welche so orientiert war, daß das ao
der Glaswand reflektierte Licht nicht in das Spektrometer fiel. Femer
wurde besonders darauf geachtet, daß der KouTergenzwinkel des
Spektrpmeters immer gleichmäßig vom Fluor enscenzlicht ausgefällt war.
Die Wanne war so lang, daß bei nicht zu schwachen Lösungen alles
auffallende Licht absorbiert wurde.
Fig. 2.
Die Vergleicbslichtquelle war ein Stück mattschwarzes Papier F,
welches von der einen Hälfte des lichterregenden Strahlenbündels g^
trofien wurde und dessen Beflexionsvermögen gemessen worden war. Bei
sehr schwach fluorescierenden Substanzen wurden vor dem Vergleichs-
prisma einige Rauchglasscheiben eingeschaltet, deren Absorptionsvermögen
ebenfalls bekannt war. Es wurde immer nur im Maximum der Ab-
sorption bzw. der Fluorescenz gemessen, da die zu untersuchenden Körper
einer Gruppe angehörten und in bezng auf die spektrale Lage dieser
Maxima nur wenig verschieden waren.
Die Messungen der Fluorescenzhelligkek sind natürlich keine ab-
soluten, da sie aber unter vollständig gleichen Bedingungen ausgeführt
wurden y können sie aufeinander bezogen werden. Die Absorption wnrde
in der üblichen Weise (nach Krüß) gemessen.
Die Messungen beginnen erst bei Verdünnungen unter */ioooo""*^"°*^'
da die Absorption in den höheren Konzentrationen bei der gewählten
Photochemische Wirknng der Flaorescemreihe.
485
Schichtendicke 1 cm noch total war. Den Vergleichen mit den photo-
chemischen Bestimmungen tut dies keinen Eintrag; zur Orientierung
ist bei jedem Stoffe die Konzentration
1/
0
00
beigefügt.
lOOOü
- normal ausgedrückt in
I. Flnorescein-Na (Vioooo-normal = 0,0376«/oo).
Konzentration
pro 1000 ccm
Absorbiert es
Licht
in 1 cm Dicke
Kelative
Fluorescenz-
helligkeit
F'a = Flnorescenz-
vermögen
0,02000
1000
500
250
125
91,2%
68 %
49 %
38 \
14 %
37%
34%
26%
22%
15%
0,41
0,50
0.53
0,58
1,01
n. Tetrachlorfluorescein-Na (Vioono'J^orni*! =
0,0469o/oo).
0,02000
99%
37%
0,37
1000
88%
33 <
0,39
500
58%
29%
0,50
250
42%
24%
0,57
125
240/^
IQO"
^^ 10
0,80
irr. Tetrab
romflaoresceltn-
Na (Vioooo-normal =
= 0,069 0 oo).
0,02000
99,5%
8,8%
0,088
1000
93,7%
8,3%,
0,090
500
76,0%
8,2 %
0,108
250
57,0%
^A'lo
0,130
125
46,0%
6,4%
0,140
IV. Tetrajodfluorescein-Na (Vioooo-»ormal = 0,088%o).
0,02000
1000
500
250
125
99,1%
88,9%
71,7^0
49,0%
26,8%
14/ 0/
HS /o
14/ 0/
,1& /o
18/0/
/15 10
12/ 0/
/l5 '0
11/ 0'
,1A 0
0,00942
0,01050
0,01209
0,01633
0,06407
V. Tetrachlortetrajodfluorescein-Na (Vioooo" normal =^ 0,1018%o).
0,02000
1000
500
250
125
97,5%
80,0%
56,2%
42,5%
33,6%
18/ ^ 0/
/15 10
13/ 0/
/l.'» /o
19 8 0/
11. s( 0/
' /C
15 /p
lA .0
ly 0,.-
0,00889
0,01082
0,01459
0,01851
0,02183
Der Vergleich der Fluorescenzhelligkeit der Fluoresce'ine mit
ihrer Wirkung auf Invertin ergibt folgendes:
Das Sensibilisierungsvermögen steigt zwar von
den Stoffen größter Fluorescenzhelligkeit zu jenen
geringster. Dieses Ansteigen ist jedoch kein gleich-
mäßiges und geht mit dem Absinken der Fluores-
32*
486 XXXII. Tappbinkr, Photochemiscbe Wirkung der Flnoresceinreihe.
cenzhelligkeit nicht parallel. Vom Fluorescem (Hellij?-.
keit 37 ^!^^\ das bei der angewandten kurzen Expositionszeit
wirkungslos war, zum Tetrabromfluorescein (Helligkeit 8,8 ® ^ ^ ^^
ein großer Sprung; zwischen diesem und dem Tetrajodfluorescein
ist die Zunahme sehr gering, obgleich die Helligkeit von 8,8 \.
auf unter 1 ** o gesunken ist. Von Tetrajod- zum Tetrachlortetrajod-
fluorescein steigt die Wirkung wieder sehr stark an, die Helligkeit-
hingegen differiert zwischen beiden Stoffen nur sehr wenig (^*/,5 : '• ,v
Eine nähere Beziehung zwischen der Fluorescenzhelligkeit und dem
Sensibilisierungsvermögen scheint demnach nicht zu bestehen.
Die Auffindung der Ursache, weshalb die Fluoresceine anf
Jodkalium alle gleich, auf Invertin aber so verschieden wirken.
muß späteren Untersuchungen überlassen bleiben. Ich beschranke
mich vorerst auf die Andeutung der Richtung in der dieselben viel-
leicht zunächst sich zu bewegen haben werden. Nach den bei
Bakterien und Schimmelpilzen gemachten Erfahrungen*) verhalten
sich die fluorescierenden Stoffe gegenüber diesen mit derberen Mem-
branen abgegrenzten Zellenarten selektiv. Ihre photochemische
Wirkung scheint daher von der Durchlässigkeit der Membran ab-
hängig zu sein und nur im unmittelbaren Bereiche der (einge-
drungenen) Moleküle der fluorescierenden Substanz stattfinden zu
können. Im Anschlüsse hieran wäre es nun denkbar, daß eine ge-
wisse Annäherung resp. Bindung der fluorescierenden Substanz an das
Enzym eine Bedingung zu dieser Wirkung ist. Auf das völlige
Fehlen einer solchen Bindung ließe sich dann auch vielleicht da^s
Versagen der wenigen auch in Sonnenlicht auf Invertin unwirk-
sam befundenen Substanzen^) zurückfuhren.
1) Dies. Arch. Bd. S4, 529.
2) Dies. Arch. Bd. 82, 524.
XXXIII.
Aas der medizinischen Universitätspoliklink zn Leipzig
(Geheimrat Prof. Dr. F. A. Hoff mann).
Zar Klinik der umschriebenen £ntzflndan$;en des
Diclidarms nnd seines Peritoneums.
Von
Dr. A. Bittorf,
ehem. Assistenten der Poliklinik, z. Z. Assistenten der mediz. Klinik Breslau.
Seit ich auf die Symptome und die anatomischen Veränderungen
bei der in Deutschland kaum beachteten akuten Entzündung der
Flexura sigmoidea (1) aufmerksam machte, sind meine Beobach-
tungen von verschiedenen Seiten (2, 3) bestätigt worden. Ich selbst (4)
konnte bald an einigen Fällen neue Tatsachen mitteilen unter gleich-
zeitigem Hinweis auf die besser bekannte Pericolitis, analoge Ent-
zündungen an anderen Dickdarmabschnitten, *und die chronisch ent-
zündlichen Veränderungen am 8. romanum.^) Auch neuerdings sind
wieder hierher gehörige Beobachtungen (5, 6, 7) mitgeteilt worden.
Gerade diese Mitteilungen veranlassen mich, nochmals auf
diese Fragen zurückzukommen und meine neueren Beobachtungen
zur Klärung des Krankheitsbildes und dessen Entstehung zu ver-
öffentlichen.
Einige akute, nicht exsudative Fälle von Entzündung der
Flexura sigmoidea, die ich seither sah, übergehe ich, da sie nur
das über die Symptomatologie (Fieber, Allgemeinerscheinungen, ev.
Leibschmerzen, charakteristische Resistenz, Art der Stuhlentleerung,
Harnbefunde) Mitgeteilte bestätigen. Nur ein Fall sei kurz skiz-
1) Vielfach ist der Name Slgmoiditis nnd Colitis gebraucht. Abgesehen von
der falschen Bildung des ersten, versteht man unter diesem Namen eigentlich nur
Katarrhe der Schleimhaut, nicht tiefere bes. peritoneale Entzündungen. Ich
schlage vor, stets von Pericolitis mit Zusatz des betr. Darmabschnittes (z. B.
Col. asc, Flex. sigm.) und ev. anatomischer Bezeichnung (fibrinosa, exsudativa)
oder von Paracolitis in entsprechenden Fällen zu reden.
488 XXXin. BiTTOBP
ziert, da es sich um den seltnen Fall von Exsudat um die Flexura
sigmoidea handelt.
Fall 1. Eänd S., 6 Jahre. Vor 5 — 6 Wochen erkrankte das bis
dahin gesande Kind mit Schmerzen in der rechten ünterbanchgegend
Fieber bis 38,5 ^. Der Arzt konstatierte Blinddarmreizung, da sieb keine
Resistenz fand. Diese Elrankheit heilte ab nnd es entwickelte sieb vor
etwa 2 — 3 Wochen (angeblich nach Druck auf den Leib) wieder unter
Fieber bis 38,5 ^ in der linken Unterbauchgegend eine schmerzhafte
Resistenz bei allgemeiner Abgeschlagenheit. Jetzt geringe Schmerzen
in der linken Bauchseite. Gestern nach Ol. Ric. schleimige Ausleerong.
Tuberkulöse Belastung besteht nicht.
Status 23. März 1905: Kind etwas blaß und abgekommen. Herz
und Lungen ohne krankhaften Befund. Temperatur (früh und nach-
mittags) 37,6 ^
Linke Unterbauchgegend vorgewölbt. Von Nabelhöhe nach abwärts
bis dicht über die Symphyse eine gleichmäßig runde, druckempfindliche
Resistenz, die lateral bis dicht an die Spina anterior superior medial
fast bis zur Mittellinie reicht. Palpation vom Rektum ans negativ.
Dieser Befund war so charakteristisch, daß nur eine exsu-
dative Entzündung um die Flexura sigmoidea resp. das unterste
Ende des Colon desc. in Frage kam. Die Entscheidung über den
Ausgangspunkt (Flex. sigm.) läßt sich mit Sicherheit aus dem Befund
vom 28. Juli 1905 treffen: In der linken Fossa iliaca zwischen Nabel
und Spina anterior superior (entspr. der Flex. sigm.) eine deutlich
wurstförmige , nicht empfindliche Resistenz; mitunter spontane
Schmerzen an dieser Stelle, häufiger Kopfschmerz, Mattigkeit. Tem-
peratur normal.
Als exsudative Entzündungen an der Flexura sigmoidea kann
ich nur 3—4 unter etwa 20 mitgeteilten Fällen akuter Erkrankung
anerkennen, einschließlich der vorstehenden Beobachtung. Ich muß
Walcha gegenüber nach wie vor daran festhalten, daß Exsudate hier
viel seltener sind als an anderen Dickdarmabschnitten, an denen sie
relativ häufig vorkommen. Walcha's Beobachtungen, mit denen er
meine Beobachtungen zu widerlegen sucht, beweisen übrigens das
eben Gesagte. Sein einziger Fall ohne Exsudat (Fall 2) ist der einzige
Fall isolierter Erkrankung des Sromanum; die übrigen Erkran-
kungen mit Exsudaten lokalisierten sich am Colon transversum
(Fall 4), Colon descendens (ohne Flex. sigm.) (Fall 3) und Flexura
coli sinistra (wahrscheinlich Colon transv., Colon descendens und
ev. oberster Abschnitt des S romanum) (Fall 1). Sein Schluft-
resultat ist also nur Folge unscharfer Krankheitsbestimmungen.
Dieser auffällige Gegensatz im Verhalten der verschiedenen
Entzttndangfeu des Dickdarmfl und seines Peritoueums. 489
Dickdarmftbschnitte ^), veranlaßte mich, eingehender mit diesen
Fragen mich zu beschäftigen. Ein ev. verschiedener krankmachen-
der Eeiz, die Kotstauung, wie ich sie früher schilderte, konnte nicht
die Ui^ache sein, da der Darminhalt in der Flexura sigmoidea,
wo er physiologisch länger liegt und stärker eingedickt ist, wohl
häufigen (wie es aach die Erfahrungen bei den nicht seltenen chro-
nischen Entzündungen des Dickdarms, auf die ich noch zu sprechen
komme, lehren) und auch leicht intensiver reizend wirkt. Es lag
darum nahe, nach anatomischen Unterschieden zu suchen, die sich
auch tatsächlich ünden ließen. Im allgemeinen ist bekanntlich In-
tensität der Erkrankung bei gleicher Intensität des Reizes abhängig
von der Art der Blut Versorgung, so daß bei gleichem Reiz der
schlechter ernährte Teil schwerer erkrankt als der besser ernährte.
P^^xsudative Entzündung ist aber immer der Ausdruck intensiverer
Erkrankung als einfach fibrinöse oder hyperämische.
Als wesentliches, sicheres Resultat fand ich nun das Folgende,
obgleich noch genauere anatomische Untersuchungen hier wünschens-
wert wären. Am gesamten Dickdarm ist die Blutversorgung
schlechter als am Dünndarm, bei dem ein engeres und stärker
anastomosierendes öefäßnetz besteht. Das gleiche Verhalten zeigt
das Lymphgefäßsystem (vgl. Heizmann u. a.).
Der schlechtest versorgte Dickdarmabschnitt ist das
Cöcum und besonders der Processus vermiformis (v. Cott,
Breuer, cit nach Nothnagel (8), Waldeyer(9) u. a.). Colon
ascendens und Colon transversum sind nächst schlecht versorgte
Teile (Waldeyer, Spalteholz (10)). Besser versorgt ist das
Colon descendens, am besten aber die Flexura sigmoidea,
„denn die Zweige (der Arteria sigm.) sind dichter gestellt und bil-
den kleinere Bögen" (9), (vgl. auch Spalteh[olz (10), Gegenbaur
u. a.). Mit diesen Ergebnissen stimmen auch die Experimente
Litten'sdl^ überein. Er erhielt bei Unterbindung des Stammes
oder der Aste der Art. mes. sup. Gangrän des Darmes, während
er bei Unterbindung der Art. mes. inf. und ihrer Äste keine
Gangiän erhielt. Er leitete dieses Verhalten aus dem besseren
Collateralkreislauf her, die besonders die Flexura sigm. von der Art.
haemorrh. med. erhält. Es kommt wohl auch, meines Erachtens, der
bessere venöse Abfluß durch die hier bestehenden Anastomosen
des Pfortadergebietes mit dem der unteren Hohlvene in Frage.
l) In FaU 2 von Pericolitis (Her. I ) meiner früheren Beobachtungen (4) bestand,
wie der weitere Verlanf zeigte (plötzliches starkes Kleinerwerden der Resistenz),
ebenfalls ein Exsudat an der linken Flexa r nnd am Quercolon.
490 XXXm. BiTTOBF
Ähnliche Erfahrungen sind übrigens aach am Menschen von den
Chirurgen K^macht Ich erinnere an die Gangr&n des Quercolons
nach Unterbindung der Art colica med. (Krön lein).
Noch eine andere anatomische Tatsache verdient Beachtttne
die Verschiedenheit in der Art der Suspension der verschiedenen
Dickdarmabschnitte untereinander und im Vergleich zum Dünn-
darm, dementsprechend die Verschiedenheit des Peritonealüberzu^
und das wechselnd große Mesocolon.
Durch eine freiere Suspension wird die Beweglichkeit vermehrt
sie besteht dann nicht nur in einfacherer Änderung des Lumens,
sondern es kommen dazu die peristaltischen Lokomotionen. Diese
haben aber wieder eine Erleichterung der Zirkulation zur Fol^e.
Auch wird an einem ganz von Peritoneum umkleideten Daim-
abschnitt die rein örtliche Blutversorgung besser sein, als an einem
nur partiell bedeckten. Auch dieser Gesichtspunkt führt uns zn
einer ähnlichen Klassifikation der Dickdarmteile wie der früheit.
Am Cöcum und Proc. vermiformis ist wohl von peristalstisch-loko-
motorischen Bewegungen keine Rede. Ähnlich liegen die Verhält-
nisse am aufsteigenden Dickdarm, an der rechten und linken Flexur
und am Beginn des Colon transversum, dort wo das Peritonenm
von der Niere und dem Duodenum direkt auf das Quercolon über-
geht (Spalteholz). Am freisten beweglich ist das S. romauam'i.
das auch hierin dem Dünndarme näher steht.
Vergleichen wir hiermit die klinischen Erfahrungen, so zeigen
sie einen vollkommenen Parallelismus zu den anatomischen Tat-
sachen. Die häufigsten exsudativen Entzündungen
finden wir am Proc. vermiformis und Cöcum. *-j (Wir dürfen
diese Form auch aus klinischen Gründen in unsere Betrachtung ein-
beziehen, denn auch hier handelt es sich meist um einen analogen
Reiz (Kotstein, Fremdkörper), wie ich ihn für die Pericolitis ge-
schildert habe.) Am seltensten ist eine Exsudat bildung am
8romanum\ besonders wenn man die Häufigkeit der chronischen
Fälle und die nun schon recht stattliche Zahl der veröffentlichten
akuten Fälle berücksichtigt
Für den übrigen Dickdarm ergeben sich, wenn ich die Lite-
raturangaben, soweit sie verwendbar, und meine eigenen Beohach-
1) Die Ursache dieses eigenartigen Verhaltens liegt wohl in der Auf^a^
der Flex. m^m., die besondere Arbeit verlangt, in dem Austreiben des eingpe-
dickten Inhalts in den Enddarm.
2) Ich möchte auf die sicher nicht seltene echte Typhlitis und Peri^yphlitii
stercoralis ausdrücklich hinweisen.
Entzünänngen des Dickdarms und seines Peritoneums. 491
taugen zusammenstelle, folgende Zahlen. Von 23 Fällen von
Pericolitis (Windscheid, P'leiner, Eisenlohr, Pal, Boas,
eigene Beobachtung, Walcha, mündliche Mitteilung des
Herrn Dr. Gröber) sind sicher 19 exsudativ. Diese 19 verteilen
sieb folgendermaßen:
9 mal Colon ascendens,
7 mal Colon transversum ^),
3 mal Colon descendens.
Unter etwa 20 Fällen von Entzündungen der Flex. sigm. sind
nur 3—4 exsudativ.
Ich glaube, daß dieses Resultat überraschend die anatomischen
Tatsachen bestätigt.
Aber noch andere Beobachtungen können hier angeführt werden.
So heilte in PaTs 4. Falle das anfangs miterkrankte Colon des-
cendens schnell ohne Exsudat, während am gleichzeitig befallenen
Colon ascendens sich ein solches entwickelte.
Einen weiteren Beleg kann ich mit der folgenden eigenen Be-
obachtung liefern, die ich gekürzt wiedergebe.
17. Oktober. Anamnese: Frau S., 41 Jahre, hat angeblich vor
mehreren Jahren eine Blinddarmentzündung darchgemacht. In letzter
Zeit Stuhlgang bald angehalten, bald leicht durchföllig. Vor 3 Tagen
traten Schmerzen in der rechten Unterbauehgegend, bald auch Schmerzen
in der linken Unterbauchgegend, Beschwerden beim Urinieren auf. Fieber.
Status: Bei der verfallenen Frau, deren Herz und Lungen keinen
Befund boten, fand sich ein weiches Abdomen. Garren beim Berühren.
Deutliche Resistenz, wurstformig, an der Flex. sigm., undeut-
licher in der Gegend des Blinddarms. Schmerzhaftigkeit dieser
Gegenden recht« mehr als links, Blasengegend sehr empfindlich.
18. Oktober. Patientin hat sich einen Darmeinlauf, trotz Verbots,
zu machen versucht, danach heftigere Schmerzen, Ohnmachtsanfälle. Der
Leib ist in den unteren Partien aufgetrieben, r. / 1., sehr druckempfind-
lich, Leibkrämpfe, denen sichtbare Peristaltik der Därme in der linken
Bauchhaifte entspricht. Aufstoßen. Winde gehen nicht ab.
Nachmittags 16 900 Leukocyten. Abends Leib noch stärker
aufgetrieben: Aufstoßen. Einige Winde abgegangen.
19. Oktoker. Etwas besser. AVinde abgegangen. Druckempfind-
lichkeit konzentriert sich auf rechte Unterbaucb- und Blasengegend.
Abends Schmerzen im linken Hypochondrium und linken Brustseite.
20. Oktober. Deutliche Resistenz in der rechten Unterbauchgegend
(Fossa iliaca ausfüllend) bis zur Mittellinie reichend, sehr empfindlich.
1) Am Colon transversum ist häufig zuerst der Übergang zu einer der
Fiexuren oder das oben geschilderte Anfangsstttck befallen, weiterhin erst schreitet
der Prozeß auf einen größeren oder kleineren Abschnitt fort.
492 XXXIII. BiTTOBP
21. Oktober. Subj. besser. 1 Stuhlgang spontan. Leib weniger
empfindlich. 25 000 Leukocyten. ^)
Von nun an bessert sich rasch das Befinden; Fieber schwindet; die
Resistenz geht zurück ; reichliche dünne und knoUige Stühle stark stinkend^
Schleimbeimeogungen ; nach nochmaligem vorübergehenden Erbrechen tritt
schließlich Heilung ein.
Auch hier heilt also der Prozeß am Colon desc. resp. Sro-
manum schneller ab als das Cöcum resp. Proc. vermiformis, der
anscheinend exsudativ entzündet ist, obwohl anfänglich ein um-
gekehrtes Verhalten vielleicht zu erwarten war.
Ich glaube so zur Genüge gezeigt zu haben, daß die verschie-
denen Dickdarmabschnitte sich verschieden gegenüber Reizen ver-
halten, und daß diese Tatsache auf Grund bestehender anatomischer
Unterschiede leicht zu begreifen ist.
Der Entzündungsreiz ist der schon früher geschilderte. Es
ist dazu nicht immer etwa ein großer Kotballen nötig, sondern es
genügen wohl in den Haustren liegenbleibende feste Knoten. Nahm
ich nun früher an, daß durch größere oder kleinere so entstandene
Läsionen die reizenden Substanzen, seien sie chemisch oder bak-
teriell, in die Tiefe drängen, so scheint es mir jetzt nicht unmög-
lich, daß im Blute zufallig zirkulierende Bakterien sich an einem
solchen locus minoris resistentiae ansiedeln. Hierfür spricht viel-
leicht Dolega's Fall, wo nach Scharlach die Erkrankung auf-
trat. Herr Dr. Gröber, Assistent der Poliklinik, hatte die Güte
mir 2 Fälle von akuter Entzündung (nicht exsudativ) des Sro-
manum zur Veröffentlichung mitzuteilen, die sich an kroupöse Pneu-
monien anschlössen. Im 1. Falle trat sie zur Zeit der Lösung aal
im 2. Falle, der schnell letal verlief, schon am Tage nach dem
initialen Schüttelfrost. Perityphlitis kann bekanntlich ebenfalls
nach Angina auftreten.
Vielleicht gehört hierher die folgende Beobachtung, die ich
gekürzt wiedergebe, die auch sonst klinisches Interesse bietet.
Anamnese: Knabe G., 7 Jahre. Vater an Tuberkulose gestorben.
Von Krämpfen^ nervöser Belastung in der Familie nichts bekannt. Kind
immer schwächlich, hatte nie Krämpfe (auch nicht beim Zahnen). Seit
gestefn Leibschmerzen.
Status 14. Dezember 1904: Skrophulöses Kind, bekommt wahrend
der Sprechstunde typischen epileptischen Anfall (Deviation der
1) Auffallend ist die hohe Zahl der Leukocyten gerade zur Zeit der Besserung,
entgegen der ihr zugeschriebenen Bedeutung. Das klinische Bild sprach schon
an diesem Tage für günstigen Ausgang. Eine ähnliche Erfahrung konnte ich
schon früher (4) mitteilen.
Entzündangen des Dickdarms und seines Peritoneums. 493
Augen, tonisch-kloniflche Zuckungen der Gesichts-, Arm- und Bein-
mnskulatur, Atemstillstand, Cyanose, weite lichtstarre Papillen, Yerlust
der Patellarreflexe, am Ende des Anfalls Schaum vor dem Munde).
Kurz nach dem Anfall weite, trag reagierende Papillen, Reaktion
später besser. Patellarreflexe kehren zurück. Zunächst folgt Schlaf,
dann leichte Benommenheit. Geringe Zeichen überstandener Rhachitis.
Herz und Lungen normal. Temperatur (1^/2 Stunden nach dem
Anfall) 39,6 ^ Typische, außerordentlich schmerzhafte
Resistenz in der Gegend der Plexura sigmoidea.
Abends Temperatur 39,5 ^. Resistenz unverändert. Reichlich gelber
Farbstoff nach Kochen mit Salpetersäure im Harn.
15. Dezember. Früh 39,0^. 2 mal ausgeleert. Cöcumgegend auch
empfindlich, daselbst Gurren. Leib gespannt.
Abends 1 mal ausgeleert. Temperatur 38,7 ^. Leib weich. Rechte
Fossa iliaca nicht mehr empfindlich, linke Fossa iliaca noch druckempfind-
lich, keine Resistenz mehr. Keine Krämpfe.
16. Dezember. Reichlich ausgeleert. Früh 38,5^. 12 900 Lenk o-
c y t e n. Abends 38,5 ^.
17. Dezember. Nachts Leibschmerzen. Vormittags Temperatur 39^.
Leib links druckschmerzhaft, sehr gespannt, rechts nicht empfindlich,
weich, Gurren.
Abends 38,2 ^ (nach Ol. Ricin.).
18. Dezember. 38,2^. Husten, Nasenflügel atmen. Mittags 39 ^
Rechte Uuterbauchgegend druckempfindlich. Abends 38,8 ^. Links hinten
unten Schallverkürzung, Atem abgeschwächt.
19. Dezember 38,8 ^ Abends 38,4 0.
Es verschwindet bis zum 22. Dezember der letzte Rest der Emp-
findlichkeit des Abdomens. Dagegen entwickelt sich eine atypische Pneu-
monie des linken Unterlappens mit seröser Pleuritis (Probepunktion
10. Januar 1905). Mitte Januar unter Entwicklung einer Pleurasynechie
Heilung.
Der Knabe machte im Oktober 1905 eine Bronchitis und Enteritis
durch. Hat bisher nie wieder einen Krampfanfall gehabt.
Ist auch der 1. Anfall der Pericolitis flex. sigm. hier wohl
nicht auf hämatogene Infektion zurückzuführen, so liegt es doch
nahe bei der Verschlechterung am 17. Dezember an diesen Weg
zu denken, da sich am nächsten Tag eine Pneumonie entwickelt.
Interessant ist dieser Fall durch den initialen Krampf-
an fall. Ohne auf die schwierige Frage der reflektorischen Epi-
lepsie, der Abgrenzung derselben von den Kinderkonvulsionen und
Eklampsien eingehen zu wollen, sei für diesen Fall kurz das Fol-
gende gesagt. Es handelte sich um einen Anfall, der alle Kriterien
des einzelnen epileptischen Anfalls trug. Er trat bei einem Alter
ein. wo die Kinderkonvulsionen kaum mehr vorkommen.
Ich möchte diesen Anfall als echt epileptischen auf-
494 XXXIII. Bittorf
fassen, wenn sich auch keine Epilepsie entwickelt hat.*) Schon
früher habe ich die bei diesen Krankheiten häufigen Autointoxi-
kationserscheinungen betont (erinnern will ich auch an die starke
Indikanausscheidung, die häufig besteht). Sollte es nicht möglich
sein, daß in einem schweren Falle ev. bei gewisser Disposition ein
vorübergehender Intoxikationszustand des Gehirns sich entwickelt,
der dem hypothetischen Zustand des Gehirns bei Epilepsie gleicht?
Um die Vielgestaltigkeit der Krankheitsbilder zu zeigen, führe
ich noch einige Beobachtungen gekürzt auf.
Anamnese: Frl. F., 53 Jahre, schon früher wegen Tabes dors.
und Hysterie in Behandlung, hat nie früher Gelbsucht, keinerlei
Zeichen von Gallensteinkrankheit geboten. War jetzt
3 Wochen im Krankenhaus wegen nervöser Beschwerden, während dieser
Zeit Leibschmerzen. 8 Tage nach Entlassung angeblich Schüttelfrost,
dabei Magenschmerzen, Leibschmerzen nach der linken Schulter aus-
strahlend. Dazu gesellte sich Gelbsucht. Obstipation hatte schon früher
bestanden.
Status 23. November: Mäßig genährte, ikterische Person. Mit
merkwürdiger Deformität des Sternums (Man. ist gegen Gorp. etwa um
90 ^ abgebogen, von Geburt, Zwillingskind). Herz und Lungen obn6
Besonderheiten. Arteriosklerose. Tabes dorsalis. Leib bei Palpation
empfindlich, besonders links zwischen Bippenbogen und Spin. il. ant. sup.
Leber: Stark vergrößert, Gallenblase ebenfalls deutlich vergrößert
palpabel. An die Leber anschließend resp. unter ihr hervorkommend
und von ihr trennbar eine nach unten etwas unter den Nabel reichende,
nach links mit dem unteren Bippenrande abschließende, gleichmäßig runde
feste Besistenz. Temperatur 38 ^.
In den nächsten Tagen trat vorübergehend Urticaria auf. Milz*
tumor wurde ebenfalls festgestellt. Zeitweise Wadenkrämpfe.
Nach längerer Pause stellte Patientin sich am 20. Oktober wieder
vor. Der Ikterus ist geringer, Leber noch vergrößert, Tkt
oben geschilderte Tumor verschwunden. Colon ascendens, Colon
transversum im ganzen Verlauf und Flexura sigmoidea als
dicke, wurstförmige, sehr schmerzhafte Gebilde palpabel. Bas
Col. transversum liegt an der Stelle der früheren Besistenz. Angeblich
Blutabgang im Stuhl. Erbrechen. Bektum ohne Befund. Milz tumor
besteht noch.
23. Oktober. Ikterus vielleicht etwas stärker. Leber kleiner. Milz-
tumor. In der rechten Fossa iliaca sehr dicke, walzenförmige Besistenz.
sehr schmerzhaft. Nur undeutliche Besistenz etwa in Nabelhöhe am
Colon transversum. Colon descendens und Flexura sigmoidea wurst-
förmig verdickt; Schmerzhaftigkeit von oben nach unten abnehmend.
Wandernieren.
30. Oktober. Milztumor kaum noch palpabel. Leber noch palpabel
1) Vielleicht reihen sich einzelne Fälle HenocVs(12) hier an. ailerdmgs
sind alles kleinere Kinder.
Entzündungen des Dickdarms nnd seines Peritonenms. 495
bei tiefem Inspirinm, nicht empfindlich. Resistenz in der rechten Fossa
iliaca unverändert. Am Quercolon fast vollkommen, am ab-
steigenden Colon normales Verhalten. Flexura sigmoidea noch
etwas verdickt. Lenkocyten: 12 600.
Ikterus geringer. Wadenkrämpfe. Im Urin nur noch
Urobilin.
1. November. Milstumor verschwunden. Leber noch palpabel, aber
kleiner. Haut noch ikterisoh, Sclerajein weiß.
Quercolon ohne Befund. Flexura sigmoidea kaum, Cöoum
noch deutlich verdickt. Nirgends Tumorbildung!
Subj. besser. Besserung bei späterer Untersuchung weiter fort-
geschritten (Gewichtszunahme).
Die Entstehung des Ikterus ist in diesem Falle aus den ana-
tomischen Lagebeziehungen vom Colon transversum zum Ductus
choledochus leicht verständlich. Das Quercolon zieht an der Stelle
über das Duodenum, wo der Ductus choledochus an dieses heran-
tritt und das Peritoneum vom Duodenum direkt auf das Colon
übergeht. Das sich hier entwickelnde peri- und paracolitische
Exsudat konnte daher leicht den Duct. choledochus komprimieren
und zur Vergrößerung der Gallenblase, Leber und zum Ikterus
führen. (Vergl. Spalteholz Fig. 563 u. a.) Mit Schwund des
Exsudates, das vielleicht in den Darm durchbrach (Blutabgang),
trat Besserung des Ikterus ein. Eine vielleicht fortgeleitete
stärkere Entzündung des Ductus choledochus war, wie der weitere
Verlauf zeigte, nicht eingetreten.
Die Möglichkeit, daß Gallensteine hier vorliegen, war leicht
auszuschließen. In einem anderen Falle von Pericolitis wohl des
Colon ascendens bei einem jüngeren Individuum, der unter hohem
Fieber verlief, war zunächst die Diagnose auf Gallenblasenempyem
(ohne Ikterus) gestellt. Hier hatten schon einige Tage vorher
Magenkrämpfe und dann sehr heftige Schmerzen in der Gallenblasen-
gegend, die in der rechten Schulter ausstrahlten, bestanden. Erst nach
Abklingen der akuten Erscheinungen ließ sich das Intaktsein von
Leber und Gallenblase und die isolierte Schmerzhaftigkeit und
Verdickung des Colon ascendens feststellen.
In dem oben erwähnten Falle konnte man durch die Waden-
krämpfe und den Milztumor sich im späteren Stadium leicht zur
Diagnose MorbusWeilii verführen lassen. Der charakteristische
Anfangsbefund ließ über das vorliegende Erankheitsbild nicht im
Zweifel.
Der infektiöse Milztumor ist bisher bei Pericolitis nicht
beachtet. Allerdings bestand er vielleicht auch in Fall 1 von
496 XXXIII. BiTTOBF
Windscheid. Ich selbst beobachtete noch einen 2. Fall mit
Milztumor.
Anamnese: Frau K., 47 Jahre, viel an Verstopfang gelitten, seit
14 Tagen Durchfall, gelb-schleimig, Leibschmenoi, Übelkeit^ Mattigkeit
Kopf seh merzen .
Status: Colon transvers. sehr druckempfindlich, undeutlich ver-
dickt, Col. desc. und Flex. sigm.^ stark wurstförmig verdickt, sehr dmck-
empfindlich. Kein Fieber. Kein sonstiger, abnormer Befund.
Nach einigen Tagen bei demselben Darmbefund geringer Milztmnor.
2 Tage später Milztumor sehr deutlich. Col. desc. fast nicht
mehr verdickt; Col. transv. noch empfindlich.
In 2 ähnlichen Fällen sah auch Herr Dr. Gröber, wie er
mir mitteilte, länger bestehenden Milztumor.
Es scheint danach namentlich bei länger dauernden Erkran-
kungen dieser Art Milztumor nicht selten zu sein; er kann
aber auch in akuten Fällen auftreten und die Differentialdiagno^e
gegen Typhus abdominalis ist stets zu erwägen.
Die chronischen Krankheitsformen, die bereits Leube als
häufige bezeichnete, lokalisieren sich, wie ich schon oben erwähnte,
anscheinend bei weitem am häufigsten am Col. descendens und
S romanum. Ihre Symptome und anatomische Grundlage habe
ich speziell für die Flexura sigmoidea früher (4) geschildert. \) Ich
habe dort auch gewarnt vor der Verwechslung mit chronischen
Katarrhen dieser Stellen und ihren Folgen, die ja ein ähnliches
Bild liefern. Trotzdem ist neuerdings in einigen Fällen diese
Verwechslung vorgekommen, die wegen der Therapie nicht gleich-
gültig zu sein scheint.
Neuerdings ist mir die Häufigkeit von Magenbeschwerden bei
diesen Patienten aufgefallen. Bald wird über Aufstoßen, Appetit-
losigkeit, Übelkeit, Erbrechen, bald über außerordentlich heftige,
krampfartige Schmerzen geklagt. Die Magensymptome können die
einzigen subjektiven Beschwerden sein. Die folgende Kranken-
geschichte mag das Gesagte beweisen.
Junger kräftiger Mensch klagt über heftige Magenschmerzen. £<
1) Rose 11 heim gibt an, daß die Flex. sigm. sich beim AufblShen des
Darmes mit Luft weniger füllt als des übrige Colon. Diese Angabe kann ich
aus zahlreichen Beobachtungen (bei Eontrolle des Resultats mit Röntgendurcb-
leuchtungj bestätigen. Wenn er dieses Verhalten aber in seinem FaUe aus einer
krankhaften Reizbarkeit und Spasmus des S roman. zu erklären sucht, so mochte
ich dagegen betonen, daß, so viel ich gesehen habe, dies das konstante Verhalt^Q
bei normalen Individuen ist. Auch bei Eingießungen von Wismutbrei füllt sieh
die Flex. viel weniger.
Entzttndaugren des Dickdarms und seines Peritoneums. 497
besteht Obstipation. Kein Appetit. Schon früher Anfälle von Magen-
schmerzen mit Verstopfung.
Status: Temperatur 36,7 ^ Bradykardie, 50 Pulse. Leichte
Cyanose. Lunge: ohne Befund. Herz: 1. Ton vielleicht unrein, 2. Pul-
monalton accentuiert.
Urin: — E.
Leib: Plätschern in der Magengegend. Cöcum wenig verdickt und
druckempfindlich, Colon transv. und desc. stärker verdickt, am stärksten
verdickt und empfindlich S. rom.
^/g 1 2 Uhr Magen ausgehebert, reichlicher Bäckstand (^j^S Uhr :
1 Tasse Kaffee und 1 Brötchen): reichlich freie Salzsäure.
4—5 Tage später (nach Ol. Bio., Prießnitz, Diät): Appetit gut.
Geringere Besistenz der Flexura sigm. und des Cöcum. Kein
Plätschern.
V^ll Uhr Magen ausgehebert (gegen 8 Uhr Kaffee und
3 Brötchen): geringer Bückstand, freie Salzsäure.
Es bestand gleichzeitig eine Verlangsamung der Entleerung
des Magens. Es handelt sich aber hierbei nicht um die Verlang-
samung der Motilität, wie wir sie bei chronisch Obstipierten kennen
(Vgl. neuestens V e i e 1 (13) ), sondern nach den bestehenden Schmerzen
möchte ich an reflektorischen Pylorospasmus denken. Dafür spricht
nicht nur in diesem Falle die schnelle Besserung, sondern wohl
auch die Bradykardie. Auch in einem anderen analogen Falle, bei
dem dauernd eine Verdickung des Col. ascendens und der Flex.
sigmoidea besteht, tritt bei stärkerer Schwellung und Zunahme der
Druckempfindlichkeit derselben mitunter nach den heftigsten Magen-
krämpfen Erbrechen ein. Das Erbrochene enthält dann z. B. nachts
2—4 Uhr noch reichlich Beste des Mittagbrotes. Außerhalb der
Anfälle besteht keinerlei Verlangsamung der Magenentleerung. Die
Magenschmerzen können allerdings nicht allein Folge eines reflek-
torischen Pylorospasmus, sondern entweder in die Magengegend pro-
jizierte Schmerzen des Quercolons oder durch Fortleitung der Ent-
zündung verursachte Schmerzen sein (vgl. Ebstein (14)).
Diese chronischen Zustände fuhren ganz allmählich hinüber zu
anderen Krankheitsbildern, die bald als einfache, bald als spasti-
sche Obstipation aufzufassen sind. Immerhin lassen sie sich auch
von diesen auf Grund der früher geschilderten Symptome ab-
grenzen, wenn diese häufig auch die Vorläufer unserer Erkran-
kung sind.
Kurz zu erwähnen sind nur noch die diagnostisch unklaren
Fälle von chronisch remittierendem oder intermittierendem Fieber,
oder sporadischen Schüttelfrösten, Milztumor, ev. hoher Leukocy-
tose, bei denen keinerlei lokale Symptome festgestellt werden
498 XXXIII. BiTTOBv, Eutziindungeu des Dickdarms nnd seines Peritonenms.
können. Plötzlicher Durchbrach von Eiter in den Dann, in das
Peritoneum, in die Pleura, mitunter auch erst die Autopsie
zeigen, daß es sich um paracolitische Eiterungen handelte. Viel-
leicht kann die genaueste Berücksichtigung der Anamnese nnd der
initialen, subjektiven Beschwerden in solchen Fällen doch die
Diagnose sichern.
Zum Schlüsse sei es mir gestattet, Herrn Geheimrat Prof. Hoff-
mann für sein freundliches Interesse an dieser Arbeit and Hern
Dr. Gröber für die Überlassung einschlägiger Beobachtungen
meinen verbindlichsten Dank auszusprechen.
Literatnr.
1. Bittorf, Berl. klin. Wochenschr. 1903 7. ~ 2. Edlefsen, Berl. klin.
Wochenschr. 1903 47. — 3. Ewald, Berl. klin. Wochenschr. 1903 48,49-
4. Bittorf, Mttnch. med. Wochenschr. 1904 4. — ö. Walcha, Deutsche med.
Wochenschr. 1904 35. — 6. Schütz, Ziegler*s Beiträge, 7. Supplcm. 1905.-
7. Rosenheim, Zettschrift f. klin. Medizin Bd. 54. — 8. Nothnagel, N., Hand-
huch Bd. XVn 1898. — 9. Waldeyer, Abhandl. der königl. prenß. Akad. der
Wissensch. zu Berlin 1900. — 10. Spalteholz, Atlas d. Anatomie. — 11. Litten,
Yirchow's Arch. Bd. 63 1876. — 12. Ben och. Vorles. über Kinderkraakheittt
11. Aufl. 1903. — 13. Veiel, Deutsches Arch. f. klin. Mediz. Bd. 82 19(Ä. -
14. Ebstein, Die chron. Stuhl Verstopfung. 1901.
XXXIV.
Kleinere Mitteilnngen.
1.
Zur Frage der Formveränderungen der
Herzmuskelkerue.
Von
Dr. Edm. Forster,
Aasifltent an der psych, und Nervenklinik der kgl. Charit6 Berlin.
Im 83. Band dieses Archivs p. 274 — 287 ist eine Arbeit von
Dr. Ryokichi Inada „Experimentelle Untersuchungen über die Form
der Herzmuskelkerne ^ erschienen, die mich zu folgender Äußerung ver-
anlaßt.
Der Verf. legte sich die Frage vor, ob bei reiner Herzhypertrophie
besondere Kemformen auftreten. Sehr richtig suchte er, bevor er an
diese Frage herantrat, auf Veranlassung Prof. E.omberg's erst fest-
zustellen, ob die bedeutende Formveränderung des Herzmuskels bei seiner
Zusammenziehung und seiner Erschlaffung auch Veränderungen der Kem-
form im Gefolge hat. Zu diesem Zwecke untersuchte er Herzen von
Kaninchen, die durch Gifbwirkung in Systole oder Diastole gebracht
worden waren.
Er kam zu dem Resultate, daß die Formunterschiede recht deutlich
sind. Bei den in Systole fixierten Herzen sind die meisten Kerne kurz
und breit, auf dem Querschnitt rund. Bei den in Diastole untersuchten
Herzen beherrschen sehr schmale und lange Kerne das Bild.
Ich habe schon früher ^) dieses selbe Thema experimentell behandelt,
in einer Arbeit, die Herr Inada nicht gekannt zu haben scheint. Ich
bin zu Ergebnissen gelangt, die dem Befunde von Herrn Inada, der
nicht ganz vollständig ist, durchaus entsprechen.
Ich habe zunächst erschlaffte und kontrahierte Herzen auch durch
Giftwirkung erhalten: später bin ich in der Weise verfahren, daß ich
das aus dem lebendigen Tier ausgeschnittene, noch schlagende Herz in
eine Fixierungsflüssigkeit (Alkohol, Formol etc.) brachte, wo es noch
einige Male weiter schlug und dann in kräftiger Systole stehen blieb und
1] £dm. Forst er, Die Kontraktion der glatten Mnskelzellen und der Herz-
muskelzellen. Anat. Anzeiger XXV. Bd. 1904 p. 338— 35ö.
Deutocbes Archiv f. klin. Medizin. 86. Bd. 33
500 XXXIV. Kleinere Mitteilungen.
fixiert wurde. Um erschlaffte Herzen zu erhalten, brachte ich d»
lebendig herauBgeschnittene Organ in eine schwache Cocainlosung. Es
blieb dort nach einigen Schlägen in vollkommener Erschlaffung stehen.
Auf diese Weise habe ich Herzen von Hund, Kaninchen, Maulwurf,
Hamster, Maus, Ratte, Frosch und Kröte untersucht. Bei den er-
schlafften Herzen kam ich zu demselben Resultat wie Herr I n a d a. Idi
ÜBuid, daß die Kerne langgestreckt, stäbchenförmig sind. Ich muß hieno
aber bemerken, daß lange nicht alle Kerne in demselben Herzen die
gleiche Form haben, man findet kleinere und größere, kürzere and
längere nebeneinander: die Kerne im Ventrikel sind kürzer und ver-
hältnismäßig breiter als die des Vorhofs, im erschlafften Herzen aber
sind sie alle glatt und langgestreckt. Beim kontrahierten Herzen aber
finden wir ein ganz anderes Bild. Allerdings sehen die Kerne dort sof
den ersten Blick bedeutend kürzer und breiter aus: sieht man aber ge-
nauer zu, so erkennt man, daß diese Verkürzung und Verbreiterung nur
eine scheinbare ist: in Wirklichkeit wird sie durch eine Spiralwindiug
des Kerns vorgetäuscht. Ich bin überzeugt, daß Herr Inada, falls er
seine Präparate von kontrahierten Herzen mit einer guten Olimmersion
betrachtet, diese in der genannten Arbeit von mir beschriebene Spiral-
windang des Kerns wiederfinden wird. Je nach dem Grad der Eon-
traktion findet man nur ein- bis zweimal gedrehte Kerne oder, bei sehr
starker Kontraktion, solche, die derartig eng gewunden sind, daß sie bei
ungenauer Betrachtung eine Querstreifung vortäuschen. Diese sehen
dann, wenn man sie mit schwacher Vergrößerung betrachtet so ans, wie
Herr Inada es beschrieben und abgebildet hat: kurz und dick.
Wie ich in meiner Arbeit glaube nachgewiesen zu haben, beraht
diese Spiralwindung des Kerns darauf, daß bei der Kontraktion die
Herzmuskelfaser sich spiralig aufrollt. Diese Bewegung muß der Kern
passiv mitmachen und so können wir aus dem Grad der Spiralwindong
der Kerne direkt den Kontraktionszustand der Faser ablesen.
Bei der glatten Muskelzelle haben wir das gleiche Verhalten: bei
der Kontraktion rollt sie sich spiralig auf. Auch hier macht der Ken
diese Bewegung mit : bei erschlafften Zellen ist er langgestreckt, stäbchen-
förmig, bei kontrahierten spiralig gedreht, wie man das sowohl an ex-
perimentell vorbehandeltem Material, als auch an menschlichem, wo man
ja in den Kernen der meist schlaffen Venen und denen der meist stark
kontrahierten Arterien ein gutes Vergleichsobjekt hat — leicht erkennen
kann.
Diese meine Beobachtungen sind der Gegenstand einer künlich er-
schienenen Arbeit geworden. ')
Während ich erfreulicherweise konstatieren kann, daß der Autor die
faktische Grundlage meiner Behauptungen, insofern sie die Kemverände-
rungen der glatten Muskelzellen betrifft, vollkommen bestätigt, stimmt er
in bezug auf die Herzmuskelfasern und den kausalen Zusammenhang mit
der physiologischen Kontraktion nicht mit mir überein.
1) Gustav Schlater, Zur Frage der sogenannten Spiralwindnng der Muskel*
zellenkeme. Anat. Anzeiger XXVII. Bd. 1905 p. 337--346.
XXXIY. Kleinere Mitteilungen. 501
Fär die Herzmnskelfasem leugnet er die spiralige Anfrollung, anch
sagt er, die Kerne geben in keinem Falle Anlaß, von einer Spiralwindung
zu reden. In einer Anmerkung sagt er zwar, daß man zuweilen (aber
sehr selten) Bilder zu Oesicht bekommt, welche eine wirkliche Spiral-
windung der ganzen Faser zeigen, er hält dies aber höchstwahrscheinlich
fdr eine pathologische Erscheinung.
Schlater meint, was die Kerne der Herzmnskelfasem anlangt,
könnte folgender Umstand mich irregeleitet haben. „Da ja das Binde-
gewebsstroma des Myokards von einem Netze von Blutgefäßen durchsetzt
ist, welche die MuskelfSeisem verschiedenartig überkreuzen oder ihnen
parallel verlaufen, so bekommt man zuweilen solche Bilder zu Gesicht,
wo von dem Blutgefäß selbst, von seinen Wandungen, auf den ersten
Blick (besonders wenn wir die Dicke des Schnittes berücksichtigen) wenig
zu sehen ist und die Kerne der in diesen Wandungen gelegenen glatten
Muskelzellen wie frei in und zwischen den Herzmuskelfasern zu liegen,
also als wie zu' diesen gehörig erscheinen. In diesen Fällen könnten also
die Kerne der glatten Muskelzellen in der Myokardschicht mit den Kernen
der Herzmuskelfasern verwechselt werden (so möchte ich Fig. 8 und 9
von Forster auffassen). Solche Bilder habe ich gesehen, aber ein
einigermaßen ernsteres Studium der Präparate zeigt uns den Irrtum.''
Was nun eine solche Verwechslung betrifft, so glaube ich Herrn
Schlater mit vollster Bestimmtheit versichern zu können, daß sie
mir nicht passiert ist. Ich habe meine vielen Präparate mit der größt-
möglichen Qenauigkeit durchmustert und glaube als Histologe genügend
bewandert zu sein, um einem solchen Irrtum, nicht zu verfallen. Es sind
sicher Herzmuskelkerne, an denen ich die Spiral windung beobachtet habe.^)
Es scheint aber, daß Schlater sich nur bei den nicht experimen-
tell vorbehandelten Präparaten ablehnend gegen meine Beobachtungen
verhält, denn später schreibt er folgenden Satz, durch den ich mich sehr
geehrt fühlen kann: „Ich beabsichtige in nächster Zeit die interessanten
Versuche von Forster zu wiederholen, und zwar an jungen Ka-
ninchen- und Tritonherzen, jedoch nicht, um das von Forst er Er-
mittelte nachzuprüfen: es läßt sich ja sogar theoretisch schwer dagegen
etwas einwenden."
Gegen meine Ansicht der Spiral windung des Kerns führt Schlater
ein Präparat aus dem Myokard einea 5^9 monatlichen menschlichen Em-
bryos an.
Er bildet hier 4 Kerne ab, die keine Spiralwindung zeigen und die
kürzer, etwas dicker und nicht so lang und schlank sind als die Kerne
aus der Aorta (dicht am Herzen), die er in demselben Schnitt ent-
nommen hat und bei denen eine spiralige Formveränderung vorkommt.
In dem Myokard gewahrte er zwar öfter Kerne, welche eine ganz leichte
1) Bei dieser Gelegenheit möchte ich erwähnen, daß ich vor Verö£fentlichung
meiner Arbeit mit einem hervorragenden Histologen über meine Beobachtung
sprach. Dieser holte daraufhin eine Menge Serienschnitte, durch kontrahierte
Froschherzen, die er zu anderem Zwecke gemacht hatte, hervor, und er fand
darin dann auch gleich die Spiral windung der Kerne, die er daraufhin mit ge-
wissem Gebäck, das eine solche Form hat, verglich.
33*
502 XXXIV. Kleinere Mitteilungen.
VerkrümmnDg zeigen; diese Kerne gäben aber in keinem Falle AnlaB,
von einer Spiral windung zu reden.
Ich halte diese Beobachtong von Schlater für dnrchaos richtig,
sie stimmt auch mit meinen Erfahrungen überein. Bei einem nicht be-
sonders Yorbehandelten Herzen habe ich nie gefunden, daß alle Mnskel-
bündel kontrahiert gewesen waren, im Gegenteil, oft waren die meistea
schlaff. Dagegen kriegt man Arterien unter dem Mikroskop &st nur in
kontrahiertem Zustand zu Gesicht.
So ist es auch nicht verwunderlich, daß Schlater an demselheo
Schnitt eines menschlichen Herzens die Muskelkeme der Aorta in kon-
trahiertem Zustand angetroffen hat, während die Kerne des getroffenen
Herzmuskelbündels schlaff waren. Außerdem ist es bei diesem Fotos
durchaus nicht erwiesen, daß das Herz überhaupt kontrahiert war, riel
leicht aber ließen sich bei weiterem Suchen doch Bündel finden, die
kontrahiert sind, und bei denen man dann die kontrahierten, spiralig ge-
drehten Kerne antreffen würde.
Ich habe die spiralig gewundenen Kerne nicht nur an experimentell
vorbehandeltem Material, sondern auch an aus der Leiche gewonnenem
Tier- und an menschlichem Materiet beobachtet. Ich habe mich sogar
oft gewundert, wie lange die Herzmuskelfaser noch kontraktionsfShig
bleiben kann, denn bei Fasern, die ziemlich reichlich mit Fetttropfchen
durchsetzt waren, fand ich gelegentlich doch noch eine tadellose Spiral-
windung.
Nun behauptet Schlater, es sei nicht richtig, die Formverande-
rungen des Kerns in physiologische Beziehung zur Kontraktion der Zeüe
zu bringen und als Beweis hierfür führt er die unregelmäßigen Windungen
an, die man oft antrifft.
Mir sind diese Bilder, wie sie Schlater in seiner Arbeit abbildet,
nicht entgangen. Sie erklären sich aber meines Erachtens einfach durch
zwei Umstände:
1. £s liegt der Kern der Zelle immer etwas exzentrisch (wie dies
schon den ältesten Histologen bekannt war). Windet sich nun die Zelle
spiralig, und macht der Kern diese Spiralwindung passiv mit, so kommen
die Windungen natürlich immer abwechselnd, einmal rechts, dann links
seitlicher von der Achse der Zelle zu liegen, sie erscheinen gegen-
einander verschoben (wie ich dies' schon in meiner früheren Arbeit er-
wähnt habe).
2. Es liegen die Zellen natürlich nicht immer gerade nebeneinander
im Gewebe. Im Gegenteil, sie werden oft gebogen und geknickt sein,
und gerade bei den vielfach geschlängelten kleinen Gefäßen werden die
Zellen oft sehr geknickt werden. Diese von der Kontraktion anab-
hängige Lage Veränderung der ganzen Zelle muß der Kern natürlich auch
mitmachen.
Meiner Meinung genügen diese Umstände, um die vielfach zu be-
obachtenden Abweichungen einer reinen Spiralwindung, die man sogar
selbstverständlich nennen könnte, zu erklären. Ich will übrigens gerne
zugeben, daß ich eine „Autonomie des Kerns*' im Sinne Schlater's mehr
hätte berücksichtigen sollen, wie dies auch aus der Arbeit In ad a 's
XXXIV. Kleinere Mitteüungen. 503
bei der Nachprüfung der A I b r e c h t 'Beben Befunde (E. Albrecbt, Der
Hensmaskel, Berlin 1903) hervorgeht; jedoch kann ich nicht anerkennen,
daß diese so stark wäre, daß die Benrteilong des Kontraktionszustandes
der Zelle ans dem Orad der Spiralwindnng des Kerns dadurch getrübt
würde. Man kann doch, ohne daß dies speziell erwiesen wäre, für den
Muskelzellkem keine größere Autonomie beanspruchen als für den anderer
Gewebe: und achtet man auf die beiden oben angegebenen Umstände,
so gelingt es vollkommen, aus der, dem Muskelzellkern allein eigentüm-
lichen Spiralwindung den Kontraktionszustand der Zelle abzulesen.
Dies gilt auch für die Herzmuskelfasem.
Mir ist es erst möglich geworden, die Spiralwindung der glatten
Muskelzelle zu erkennen, nachdem ich sie an der Herzmuskelfaser ge-
sehen hatte, wo sie durch die Querstreifung viel klarer zutage tritt.
Schlater gibt zu, daß die Spiralwindung der glatten Muskelzelle wahr-
scheinlich sei: „Nach allem zu urteilen, scheint sich wirklich die ganze
glatte Muskelzelle spiralig zu winden, worüber ich mich aber persönlich
zurzeit noch nicht entschieden aussprechen kann, hoffe aber in nächster
Zeit einige Beiträge zur Histologie der glatten Muskelzelle bringen zu
können.*' Ich finde, daß die Spiralwindung der Herzmuskelfaser, trotz-
dem Schlater, wie wir gesehen haben, diese nur für einige wahr-
scheinlich pathologische Fälle zugibt, viel leichter zu erkennen istyt als
die der glatten Zelle. Wie ich mich ofb überzeugt habe, kann man sie
sogar an Schnittpräparaten von menschlichem Material leicht und sicher
nachweisen.
Ich meine deshalb, an meinem Satz, daß der Kontraktionszustand
(i. e. der Orad der spiraligen Aufrollung) der glatten Muskelzelle und
der Herzmuskelfaser an dem Grad der Spiralwindung des Kerns, der die
Windung der Zelle passiv mitmachen muß, abgelesen werden kann, fest-
halten zu müssen.
Ich freue mich, daß Inada unabhängig von mir dieselbe Ansicht,
die ich schon früher ausgesprochen habe, äußert, daß die Untersuchung
der Kemform einen bisher unmöglichen Einblick in die Tätigkeit der
einzelnen Herzfasem gestattet.
504 XXXIV. Kleinere Mitteilnngeii.
2.
Aus der Königl. ungar. Universitätsnervenklinik zu Budapest
(Direktor Prof. E. Jendrässik).
Acrocyanose mit Schwellung der Weichteile.
Von
Dr. Jenö KoUarits,
ABsistent der Klinik.
(Mit 2 Abbüdungen im Text.)
Die Fälle von Acrocyanose mit Hypertrophie der Weichteile worden
von Cassirer^) Acroasphyxia hypertrophica genannt und beanspruchen
wegen ihrer Seltenheit Interesse. Ich möchte deshalb über den folgende
Fall in aller Kürze berichten.
H. J., 65 Jahre alt, Poliseioffizier, wurde am 28. April 1904 anfgenommeit
Sein Vater starb im 72. Jahre an Lnngenkraukheit, die Mutter erreichte das
Alter von 82 Jahren und starb an Altersschwäche; ein Bruder starb in dem ersten
Jahre. In der Familie ist keine Nervenkrankheit vorgekommen.
Der Kranke erinnert sich auf seine Kinderjahre nicht. Im 17. — 18. Jahre
akquirierte er einen weichen Schanker, mit eiterndem Bubo, später einen Tripper
und Epidydimitis. £r heiratete im 43. Jahre, die Ehe blieb .steril.
Der Patient gibt an, daü seine Füjße immer stark schwitzten, nnd daO er
oft an Nasenbluten litt. Er bemerkte schon vor vielen Jahren, daO die Venen
seiner Hände und FüOe erweitert sind, kann aber keinen bestimmten Zeitpunkt
angeben. Die Füße sind seit 10->12 Jahren geschwollen. Damals fiel es dem
Kranken auf, daß seine Waden sich am Eande des Schuhes vorwölben. Die Nase
ist seft 2 Jahren, die Hände sind seit November 1903 geschwollen. Die Ge-
schwulst entstand überall langsam und ist bei Tag stärker als bei Nacht, ihre
Intensität ist schwankend. We^en Schmerzen in den Gelenken wurden öfters
heiße Bäder gebraucht, dabei steigerte sich die Geschwulst. Die Geienkschmerzen
wiederholen sich oft. Der Patient beklagt sich außerdem über Parästhesien an* der
Nase, an den Händen nnd Füßen, diese Parästhesien sind besonders bei kaltem
Wetter unangenehm.
Der Patient hat seit einem halben Jahre viel Haare verloren.
Der Kranke gibt über seine Lebensweise an, daß er sowohl mit geistig
Getränken, wie auch mit Nikotin starken Abusus getrieben hat und wegen seiner
Beschäftignng im Winter oft lange Zeit im Freien zubringen mnßte.
Status praesens: Die ^sichtsfarbe ist rot, die Haut des Gesichtes ist
marmoriert, an einigen Stellen blau-violett. Unter der Haut sind kleine rote nnd
blaue Blutgefäße sichtbar. Das Gesicht ist gedunsen, besonders dick ist die
Nase und aie Haut an den nosolabialen Fnrchen. Die Haut ist dabei elastisch
nnd behält den Fingereindruck nicht, der gedrückte Teil wird auf einige Sekunden
weiß, die kleinen Blutgefäße verschwinden. Die Farbe der Lippen ist normal.
Dieselbe Veränderung ist an beiden Unterarmen und Händen vorzufindeiL
Die Farbe ist auch hier blau-violett, die Handfläche ist ein wenig lichter. Die
Haut des unteren und mittleren Drittels des Unterarmes und der Hand ist ge-
schwollen, die Geschwulst ist an der dorsalen Fläche stärker als am Handteller.
Die Geschwulst ver^ßert sich gegen die Peripherie, die obere Grenze derselboi
ist nicht scharf. Die Haut behält hier bei starkem Drucke den Fingereindrock,
wird dabei blaß, verliert aber nicht ganz ihre Farbe. Der Druck ist hier überall
ein wenig schmerzhaft, am meisten an den Gelenken. Die Hände schwitzen nicht,
sie sind kalt, besonders an den Fingerkuppen. Die Nägel zeigen keine Verän-
1) Cassirer, Die vasomotorisch-trophischen Neurosen. Berlin 1901.
XXXIV. Kleinere Hitteilangen. ö06
deranf . Unter der Haut Bind ui manchen Stellen linsengroHe konüsMnt« Knoten
■n fDnlen. Sie GFeichwolat i«t beiderseits iymmetrisch verbreitet.
An den ünterextretnttäten sind folgende Yerindeningen vorzaflnden. Die
Haat ist an den Schenkeln marnoriert, Über den Knien gespannt, glänzend.
Die Qeschwnlgt wird am oberen Ende des Unterschenkels grSÜer, nnd nimmt an
der Peripherie m. Die obere Grenze derselben ist nicht scharf. Die Fuße sind
blaa-violett verfltrbt, doch ist diese Farbe nicht so dunkel, wie an den Ober-
extremitäten. Eine kleine Hantvene des linken FnOes ist geplatzt nnd btntet
Die Haat ist anch hier Überall elastisch nnd behSlt den Fingerdrack nicht. Die
Greschwnlst beiderseits symmetrisch. Die FflUe sind kalt, diese Kilte iitt besonders
an den Zehen erheblich.
Fig. 1.
k
An der Bmsthaut sind mehrere kleinere erweiterte Venen zn sehen.
Die Hessong der Extremitäten ergibt morgens folgende Resultate, abends
sind die Zahlen hoher.
Der gröOte Umfang des Oberarmes, r. 22,5 I. 22,6 cm
Der Umfang ttber dem Ellbogengelenk, r. 24,2 1. 24,2 „
„ „ des Unterarmes 10 cm nnter dem
EUbogeugelenke, r. 23,5 1. 24,2 „
„ „ der Handwurzel. r. 19,4 1. 20,2 „
ides Daumens, r. 8 I. 8 „
des Zeigefingers. r. 7,7 I. 7,9 .
" " Gliedes .des dritten /ingers.r.s:? I. sIl :
giieaes des vierten Fingers, r. 7,9 1. 8
(dcH kleinen Fingers, r. 7,1 1. 7,6 „
{des Zeigefingers, r. 6,2 I. 6,1 „
des dritten Fingers, r. 6,7 I. 6,7 „
de« vierten Fingers, r. 5,9 I. 6,6 „
des kleinen Fingers, r. 6,4 1. 5,4 „
XXXIV. Kleinere Mitteilnngen.
Der umfang des Oberschenkeb 16 cm ttber dem
oberen PateUurande, r. 38,7 1. 39^ a
„ „ KU der Mitte de« Unterschenkels, r. 34,7 1. 34^ ,
am nnL Ende des , r. 27,8 1. 27,1 ,
Über dem Sprunggelenke, r. 35,4 1. 36,7 ,
Fig. 2.
Der Umfang an der Hitie des FuOes. r. 26,5 I. 28 cm
„ ,, am distalen Ende des FuGes, r. 23 1. 23,4 „
der groDen Zehe. r. 10,5 I. 10.8 „
„ „ der zweiten Zehe, r. 7,2 I, 7,8 ,
der dritten Zehe, r. 6,8 1. 6.8 .
der vierten Zehe, r. 6,5 1. 6,8 ,
der fünften Zehe. r. 5,8 1. 6
Die LAnge der Sohle beträgt rechts 25, links 24.5 cm.
Diese Zahlen zeigen, daü an den Obere :it rem i täten fast atisnahsmlos dir li"!;'
XXXIV. Kleinere Mitteilnngfen. 507
Seite dicker ist, an den Fingern verliert sich sich dieser Unterschied. Die Ge-
schwulst Mst an den Unterextremitäten ungleich, bald rechts, bald links größer.
Die ringerspitzen sind dünner als die Basis.
Im Knochensystem gibt es keine Veränderungen. Der Kranke hat keine
Kopfschmerzen.
Die Brost- und Baachorgane sind gesnnd. Der Pnls ist rhythmisch, die Pnls-
zalil beträgt 58 in einer Minute. Die Pulsation der Art. brachialis ist gut sicht-
bar. Die Arterien sind nicht rigid. Der Urin enthält keine fremden Bestand-
teile, die Tagesmenge beträgt läUO ccm, das spezifische Gewicht ist 1016.
Die Bewegung der angeschwollenen Extremitäten ist ein wenig erschwert.
Die Hände sind ungeschickt, die Schrift ist schlecht, das Zuknöpfen des Bockes
g'elinkt schwer. Diese Motilitätsstörung ist die Folge der Geschwulst. Bei den
Bewegungen entsteht in den Gelenken ein nicht besonders heftiger Schmerz.
Die Patellar- und Tricepssehnenreflexe sind auslösbar. Der Achillessehnen-
reflex konnte nicht ausgelöst werden. Dieses Verhalten kann als Folge der Ge-
schwulst und durch das davon bedingte mechanische Hindernis betrachtet werden.
Der Sohlenreflex und die übrigen Haatreflexe sind normal. Die Pupillen sind
mittel weit und reagieren gut auf Licht und bei Akkommodation. Das Sehver-
mög'en ist normal.
Die Sensibilität ist normal.
Der Patient gibt an, daß in seinen Händen und Füßen seit 5—6 Wochen
ein Gefühl der Wärme vorhanden ist, und daß die 2. und 3. Fingerglieder hin-
geg'en kalt sind. Auch die Zehen sind kalt.
Das Kälte-, Wärme- und Schmerzgefühl ist intakt. Auch das Mnskelgefühl
und die Stereognose ist intakt.
An dem in 12<^ C kaltes Wasser eingetauchten Finger ist keine Verände-
runi^ wahrzunehmen, danach sind die 2. und 3. Glieder des Fingers auch ob-
jektiv kalt. Der Kranke ist für Kälte überhaupt sehr empfindlich. Bei der Unter-
snchung wurden die geschwollenen Stellen schwarzblan, die Nase grün-gelblich.
Wird die Hand in 45 ® Wasser getaucht, so gewinnt sie eine rötliche Farbe,
diese Reaktion unterscheidet sich vom Normalen weder an Intensität der Farbe
noch an Schnelligkeit der Eeaktion.
Streift man mit einem Federstiel mit mäßiger Kraft über die Brust des
Kranken, so entsteht in einigen Sekunden eine weiße Entfärbung, dann bildet
sich daneben ein roter Hof, später rötet sich auch der weiße Streif und bleibt
je nach der Größe des Druckes 5 — 10 Minuten lang sichtbar. An der geschwoUenen
Kaae und Hand entsteht nach einigen Minuten eine Blässe, welche schnell schwindet.
An den Füßen treffen wir dieselben Verhältnisse an, doch entsteht hier bei
starkem Druck einige Sekunden lang auch eine geringe Rötung.
Der Kranke yerließ nach einigen Tagen die Klinik. £r verständigte mich
am 14. April 1906, daß seine Gelenkschmerzen jetzt nach warmen Bädern nach-
gelassen haben, die Geschwulst jedoch zunahm. Wir haben dann dem Patienten
tätlich 0,5g Jodnatrium verordnet, und die Anwendung von einer komprimierenden
Binde angeraten. Mit dieser Behandlung wurde in 4 Monaten eine erhebliche
Besserung erzielt, die Schmerzen ließen nach, die Geschwulst wurde geringer.
Die Krankengeschichte möge kurz zusammengefaßt werden. Es
entstand an einem 65 Jahre alten Manne langsam eine Acrocyanose,
die Nase, die Hände und Füße sind angeschwollen. Die Geschwulst ist
größtenteils elastisch. Die Knochen sind intakt. In den inneren Organen
besteht keine Veränderung, welche die Entstehung eines Ödems recht-
fertigen könnte. Die Geschwulst entspricht auch sonst nicht den bei
inneren Erkrankungen entstehendem Odem.
Diese Fälle sehen im ersten Augenblicke der Acromegalie derart
ähnlich, daß es nicht zu staunen ist, wenn die ersten solchen Fälle als
Acromegalie publiziert worden sind.
Sonza-Leite^) hat die differentielie Diagnose dieser Fälle be-
1) Souza-Leite, Th^se de Paris 1890.
508 XXXIV. Kleinei« Mitteflnngen.
sprochen. Der üntenohied besteht darin, daB in dem besprocheaen
FaUe die Basis der Finger dicker war als die Spitze, bei der Acro-
megalie hingegen sind die Finger „worstartig^, das heißt die Spitsen
sind ebenso dick wie die Basis. Im Falle Sonza-Leites sind die
Nägel normal und an den Knochen keine Veränderung wahrsonehmen.
Mit Gassirer können wir auBer den von ihm pablizierten Falle
noch die Fälle von Boettiger ^)y Hoffmann*), Soaques etOasne*)
hierher rechnen.
Sachen wir nun den Platz dieses Symptomenkomplezes in der Gruppe
der sogenannten vasomotorischen Neurosen.
Hierher gehören 3 miteinander streng verbundene Formen : die Acro-
parästhesien, die Erythromelalgie und die Raynaud'sche Krankheit
Auch die Acroparästhesien zerfallen in mehrere l>^n. In
den Fällen von Schnitze^) erscheinen Parästhesien an den £ztrenii-
täten y diese sind manchmal schmerzhaft und steif. Die Hautfarbe ist
meistens nicht verändert, doch kommt manchmal während den AnfaUen
eine weiße Färbung und Kälte vor. Die Extremitäten sind hyperfistheÜBcfa
und hyperalgetisch. Bei der vasomotorischen Neurose NothnageTs^)
sind die vasomotorischen Erscheinungen stärker, während den Anfallen
ist die Haut immer blaß, manchmal sogar kreideweiß. Es ist ersichtlich,
daß zwischen diesen Fällen kein prinzipieller Unterschied besteht. Sie
gehen ineinander über, außerdem gibt es auch Fälle, z. B. der von
Gassirer, bei welchem die geschilderten Symptome mit Baynand's
Krankheit verbunden sind und somit einen Übergang bilden.
Die Erythromelalgie besteht aus Anfällen von Schmerz, Rötung
und Schwellung der Haut an den Extremitätenden, dazu gesellen sich
oft trophische Störungen, Sekretions- und Bewegungsstörungen. Es ist
aber wichtig, daß Weir-Mitschel, der erste Beschreiber dieses Leidens,
aktive und passive Hyperämie unterscheidet. Im letzteren Falle ist die
Hautfarbe blau, es besteht daher eine Acrocyanose. Diese Acrocyanose
bildet schon einen Übergang zur Baynaud sehen Krankheit. Dieser Über-
gang wird durch diejenigen Fälle bestärkt, bei welchen anfisuigs Erythro-
melalgie bestand und später die Haynaud'schen Symptome erschienen, und
bei anderen Fällen, in welchen die beiden Symptomenkompleze sich anf
einmal an demselben Kranken ausbildeten.
Die Raynaud 'sehe Krankheit beginnt mit vasomotorischen Stö-
rungen, es bestehen Cyanose, Schmerzen und Anästhesie und sie endet
oft mit symmetrischer Gangrän.
Die kurze Aufzählung dieser Symptome zeigt, wieviel gemeinschaft-
liche Züge in diesen 3 Erkrankungen vorhanden sind; zu betonen ist
femer, daß dieselben mit Übergangsfallen zueinander verbunden sind.
Wenn ich noch dazu nehme, daß die Ätiologie gemeinsam ist,
so muß ich mich dafür aussprechen, daß die 8 Sy mptomen-
1) Boettiger, München, med. Wocbenschr. 1899 Nr. öl S. 1733.
2) Hoffmann, Deutsche med. Wocbenschr. 1895 S. 383.
3) Sonques et Gasne, Nouv. Icon. de la Salp. 1892 S. 281.
4) Schnitze, Deutsche Zeitschr f. Nervenheilk. 1892 Bd. 3 8.300.
ö) Nothnagel, Deutsches Archiv f. klin. Med. 1867 Bd. 2 S. 173.
XXXIV. Kleinere Mitteilungen. 509
komplexe eine Krankheit bilden. Die gemeinsame Ätiologie'
ist die Kälteeinwirknng. Die meisten Autoren suchen die Ursache der
Krankheit in der Kälte, und besonders in der nassen Kälte.
Was ist aber die Ursache, daß dieselbe Einwirkung nicht bei jedem
Menschen eine derartige Krankheit zustande bringt und daß die Sym-
ptome in den einzelnen Fällen abweichen. Auf diese Frage könnte man
eine angeborene Schwäche als Disposition annehmen. Diese Disposition
bestimmt es, daß die Kälteeinwirkung manchmal Erregungserscheinungen
hervorruft wie am Anüange der Erythromelalgie. Diese Disposition ist
die Ursache, daß manchmal nur Sensibilitätsstörungen entstehen, wenn
die peripheren Nervenendigungen loci minoris resistentiae sind. Die
Disposition ist die Ursache, daß in anderen Fällen die Innervation der
Gkfaße leidet, wenn die entsprechenden Oebilde schwach sind. Dazu
kommt noch als Ursache der Differenzen der verschiedene Orad der
Einwirkung. Somit wäre es auch zu erklären, wenn in irgend einer
Rückenmarkskrankheit nach derselben schädigenden Einwirkung ähnliche
Symptome entstehen.
Die bisherigen pathohistologischen Untersuchungen geben keine be-
stimmte Antwort auf die Frage, welche Gebilde erkrankt sind ? Aus den
klinischen Symptomen kann eher ein Schluß gezogen werden. Schnitze
wies darauf hin, daß in den von ihm beschriebenen Fällen von Acro-
parästhesie die peripheren Nerven auf Druck nicht schmerzten, daraus
und aus dem Umstände, daß weder Muskelatrophien noch Lähmungen
vorhanden sind, kann gefolgert werden, daß die Krankheit nicht in den
Nervenstämmen sitzt. Nach Schnitze müssen die Hautnervenendigungen
mid die kleineren sensiblen Nerven erkrankt sein. Gassirer meint,
daß in anderen Fällen auch die Gefäßnerven, peripheren gefäß-
verengemden Nerven oder auch deren Ganglien erkrankt sind. Dieselben
Argumente sprechen dagegen, daß die Erythromelalgie oder die Haynaud-
8che Krankheit mit einer Beschädigung der peripheren Nerven in Zu-
sammenhang gebracht werden könnte. Auch die trophischen Störungen
verbreiten sich nicht im Gebiete eines Nerven.
Die diffuse periphere Erscheinung der Symptome führt zum Ge-
danken, daß die schädliche Temperatureinwirkung nicht nur die peri-
pheren Nervenendigungen trifft, sondern auch direkt die Weichteile selbst
beschädigt, die Haut, das Bindegewebe imd das Gewebe der Gefäße,
somit möchte ich die Erkrankung der Gewebe als eine neben der vaso-
motorischen Neurose selbständig entstandene Veränderung betrachten.
Dafür spricht auch, daß in vielen Fällen Frostbeulen vor der Raynaud-
sehen Krankheit entstanden sind. Das gilt für den Fall von Acrocyanose
von Hoffmann. In der Monographie von Gassirer werden Legroux,
Bouchez, Myers, Makins, Yerdelle, Dominquez^ Sandvord,
Smith, Simpson, bei Legroux außerdem Raynaud, Johnston,
Versalle, Massy citiert, welche solche Beobachtungen beschrieben.
Die Frostbeulen als Vorläufer der Raynaud*schen Krankheit sprechen
auch dafür, daß hier eine Disposition dem schädigenden Einfluß zuhilfe
kommt. Legroux^) meint, daß die Frostbeulen, die Asphyxie locale,
1) Legroux, Asphyxie locale des extr^mit^s. Ses rapports avec les en-
gelores. Annales de dermatologie et de syphiligraphie 1892 S. 184.
510 XXXIV. Kleinere. Mitteilnngen.
und die symmetrocbe Gangrän verschiedene Orade der „Dystrophie necro-
pathique" sind.
Die Auffassung, welche die an den Extremitäten nach Kälteeinwirkimg
entstandenen Veränderungen als Folge von Erfrierung betrachtet, besteht.
wenn man das Wort Erfrieren nicht buchstäblich nimmt. Meritoiisch ist
die Einwirkung dieselbe bei der Erfrierung wie bei weniger starker
Kälteeinwirkungy und die Art der entstandenen Veränderung ist außer
dem graduellen unterschied dieselbe. Die besprochenen Symptomen-
komplexe haben mit den Frostbeulen das Oemeinsame, daS sie im Winter
heftiger zum Vorschein treten, im Sommer weniger Unannehmlichkeiten
bereiten. Solange die Remissionen im Sommer zurückkehren, ist kerne
definitive Destruktion vorhanden, nur wenn die Krankheit längere Zeit
dauert, kann eine irreparable Beschädigung eintreten, welche dann die
bekannten schweren Folgen mit sich bringt.
In unserem Falle war der schädigende Einfluß der Kälte auffallend.
Die Symptome passen nicht exakt in den Bahmen der beschriebenen
Symptomenkomplexe, sie stehen zu der B. a y n a u d 'sehen Erkrankung am
nächsten. Dieser entspricht die Acrocyanose am meisten, sowie anch
die Kälte der Finger, welche sich auf das zweite und dritte Glied be-
schränkt und auch objektiv nachweisbar ist, die Hypertrophie der Weicb-
teile paßt dagegen nicht dazu. Dieses abweichende Symptom kann die
Disposition verursacht haben und auch der lange, 10 — 22 jährige Bestand
der Krankheit, welcher als Vorläufer schon jahrelang erweiterte Venen
vorausgingen, kann dafür verantwortlich gemacht werden.
XXXV.
Besprechnngen.
1.
Artnr Pappenheim, Atlas der menschlichen Blutzellen.
1. Liefemng. Jena, G. Fischer, 1905.
Der Forscher, den wir schon so viele wichtige üntersnchongen üher
die Zellen des Blutes verdanken, bringt in dieser ersten Lieferung des
Atlas auf 12 Tafeln die verschiedenen Formen der weißen Blutzellen, wie
sie beobachtet werden im Blut eines gesunden Erwachsenen, eines ein-
jährigen gesunden Kindes, eines Falles von Septicopyämie, von fieber-
hafter Erkrankung mit Milztumor, von Typhus abdominalis, Malaria ter-
tiana f multipler fieberhafter Adenitis , kryptognetischer Biermer 'scher
Anämie, schwerer Chlorose , Botriocephalesanämie , chronischer lymph-
adenoider Leukämie, Leukaemia lymphosparcoroatosa, akuter lymphadeno-
ider Lymphocytenleukämie , hypertrophischer biliärer Lebercirrhose mit
Fungas pedis.
Die Präparate, die abgebildet wurden, sind hitzefixiert und mit ver-
schiedenen Farbstoffen gefärbt. Die Reproduktion der Bilder ist prächtig;
sie stellen bei weiten das schönste dar, was ich bisher von Blutbildern
sah und dürften auch den strengsten Anfordemngnn genügen.
Den Tafeln ist eine ausführliche Erklärung imd Beschreibung bei-
gegeben.
Ich möchte das Werk für außerordentlich wertvoll halten. Eine
Verständigung über Vorkommen, Bedeutung und Benennung der ver-
schiedenen Formen von Leukocyten wird auf der Grundlage dieser
herrlichen Bilder uns tatsächlich viel eher möglich sein. l. Krehl.
2.
Binswanger, Siemerling, Cramer, Koche, Westphal,
Wollenberg, Lehrbuch der Psychiatrie. Jena,
G. Fischer, 1904.
Ich habe als innerer Mediziner nicht die Kenntnisse und fühle des-
wegen nicht die Fähigkeit, dieses Lehrbuch kritisch zu besprechen. Ich
möchte das Werk der sechs bekannten Psychiater nur auch in unserem
Archiv fiir klinische Medizin anzeigen, um von unserer Seite unseren
Leserkreis daran zu erinnern, daß innere Medizin und Psychiatrie nahe
zueinander gehören und zur beiderseitigen Förderung Schulter an Schulter
stehen müssen.
Nach vielen neuerlichen Diskussionen könnte es scheinen, als ob das
nicht der Fall sei, als ob unüberbrückbare Gegensätze zwischen beiden
Disziplinen beständen. Zweifellos gibt es Meinungsverschiedenheiten, aber
sie beziehen sich doch nur auf die relativ untergeordnete Frage der Ver-
teilung gewisser Nervenkrankheiten auf beide Gebiete. Gewiß muß auch
diese Frage geregelt werden und wenn ich nicht irre, dürfte diese Ord-
nung an verschiedenen Orten eine verschiedene sein müssen. Aber wir
wollen darüber das Große und Wichtige nicht vergessen : der Arzt kann
512 XXXV. Besprechungen.
nicht Arzt sein, wenn er sich für die seelischen und körperiichen Vor^
gänge nicht in gleicher Weise interessiert. Hier greifen die beiden Ge-
biete wirklich ineinander und doch werden die Verschiedenheiten der unter-
«nchangs-i Beurteilnngs- und Behandlungsmethoden jeder Diszipline ihr
eigenes großes Oebiet mit voller Klarheit zuweisen. Wir arbeiten beide
an der Erkennung des pathologischen Entstehens und wollen beide unseren
Xranken helfen. Wir können das nur bei voller Achtung voreinander.
Deswegen empfehlen wir unseren Lesern angelegentlich dieses schöne
Buch. L. KrehL
3.
Oppenheim, Lehrbuch der Nervenkrankheiten. Berlin.
4. Auflage. 1905.
Dem mit Recht so bekannten und verbreiteten Lebrbucb Oppen-
heim's bei Erscheinen einer neuen Auflage eine Empfehlung mit aof
•den Weg zu geben, ist überflüssig. Das Charakteristische und Bedentongs-
volle des Buches scheint mir in erster Linie in der staunenswerten Aus-
bildung der neurologischen Semiotik und Kasuistik zu liegen. Obwohl
gerade die Neurologie für den Unterricht so besonders wertvoll und aadi
schon für den Anfönger so besonders interessant dadurch ist, dafi ana-
tomische und physiologische Kenntnisse und Erwägungen für sich schon
häufig eine Diagnose ermöglichen, ist doch auch auf diesem Gebiete der
Medizin das für die richtige Erkennung Maßgebende die persönliche Er-
fahrung des Arztes. Nur wer eine so unglaublich reiche Erfiahrung hat
wie Oppenheim, und wer in dieser Weise die Literatur kennt und
4sich vom Schematismus so frei hält, kann so souverän die Semiotik
schildern und kritisch beleuchten. Das ist der vomehmlicbe Punkt,
welcher dem Oppenhei m'schen Lehrbuch immer einen Platz in vorderster
Keihe sichern wird. L. KrehL
4.
A. Mayer, Die Fortschritte in der Pathologie und The-
rapie der kindlichen Verdauungsorgane in den
Jahren 1900 — 1903. Vandenhoeck u. Ruprecht, Oöttingen
1905. Preis 2,40 M.
Das Sammelreferat, welches als Sonderdruck aus dem Zentralblatt
für Stoffwechsel- und Verdauungskrankheiten vorliegt, gibt einen guten
Überblick über die Fülle der in dem Triennium erschienenen Arbeiten.
Für die Einteilung des Stoffes wählte Verf. für den größeren Teil
{Kapitel I — VI) die meist in den Lehrbüchern übliche, d. h. nach
Darmabschnitten, ein besonderes Kapitel (VII) behandelt die Parasiten
des Darmes, während die beiden letzten Abschnitte den akuten and
chronischen Verdauungsstörungen des Säuglings, einschließlich der Atro-
phie gewidmet sind.
Die Einteilung nach Darmabschnitten hat neben gewichtigen Vor-
teilen den Nachteil, daß sie manche Lokalerkrankungen aus dem Zn-
•sammenhang herausreißt und leicht zur Überschätzung ihrer Bedeutung
fuhrt. So erscheinen bei der Fülle des zu verarbeitenden Stoffes nach
XXXV. Besprechungen. 513
Ansicht des Ref. manche Affektionen , z. B. die mehr chirurgisches
Interesse heanspruohenden Erkrankungen der Zunge und Tonsillen, auf
Kosten anderer Dinge eingehender hesprochen als nötig. Geschickt und
gut abgerundet sind die Kapitel III „Krankheiten des Magens** und be-
sonders das Kapitel V „Peritonitis und Epityphlitis**. Hier ist neben
der „Pneumokokkenperitonitis**, dieser im Kindesalter nicht seltenen
Form der Peritonitis, eine prägnante Schilderung der Appendicitis ge-
geben, soweit diese Erkrankung auf Grund neuerer Beobachtungen fürs
Kindesalter charakteristisch verläuft. Bei der Bearbeitung des letzten
Teiles (Erkrankungen im Säuglingsalter) hätte an Stelle des referierenden
Tones ein mehr kritisierender dem Referat keinen Abbruch getan.
Kleine Unrichtigkeiten in den Literaturangaben und Druckfehler (s. a.
das Beferat Keller's in der Monatsschrift f. Kinderheilkunde 1905 Nr. 2)
fallen bei der Beurteilung einer so mühevollen und dankenswerten Zu-
sammenstellung nicht ins Gewicht. 0. Rommel-München.
o.
Arnold Brandeis, Beiträge zur Erziehungshygiene. Prag,
Verlag von G. Neugebauer, 1905.
Die vorliegenden Abhandlungen sind vom Verf. als Beiträge zu den
brennenden Tagesfragen der Schulhygiene gedacht, und wurden in ge-
kürzter Form als Vorträge, anläßlich des I. internationalen Kongresses
für Schulhygiene, gehalten. Im ersten Teile „Ursachen und Bekämpfung
der nervösen Erscheinungen bei der Schuljugend** geht Verf. neben der
Uberbürdungafrage besonders auf die Ursachen der Nervenalteration vor
und außerhalb der Schule ein^ und verlangt für die Erziehung zu einer
geistigen und körperlichen Gesundheit der heranwachsenden Generation
ein inniges Zusammenarbeiten von Eltern, Schullehrer und Arzt. Die
praktischen Vorschläge zur Verhütung und Beseitigung eingewurzelter
Schädigungen, die bbi dem bisher üblichen Schulsystem die Nerven
unserer Schuljugend bedrohen, verdienen gewiß außer dein Interesse
ärztlicher Leser, Beachtung von seiten der maßgebenden Behörden für
eine rationelle Erziehung und Schulreform.
Der zweite Vortrag behandelt das Thema „Organische Nährelemente
und Widerstandskraft**.
Verf. schlägt vor, durch eine geeignete Ernährung auf natürlichem
Wege Krankheitsanlagen zu bekämpfen und die Widerstandskraft des
Individuums zu erhöhen. So überzeugend und richtig dieser Satz klingt,
80 gefahrlich erscheint es, eine sogenannte „Normalemährung*^ propa-
gieren zu wollen, sei sie auch nur oberflächlich skizziert, wie dies Verf.
in der vorliegenden Abhandlung tut. Bei der praktischen Durchführung
würde Verf. z. B. gleich mit einer generellen Empfehlung reichlichen
Milchgenusses bis weit in das schulpflichtige Alter hinein bei einer nicht
kleinen Anzahl von Kindern statt des erwarteten Nutzens das Gegenteil
erreichen. Die Fragen der Ernährung und Hebung der natürlichen
Immunität bewegen sich bislang noch völlig auf dem Boden der Hypo-
these, doch dürften gerade die Beobachtungen, welche von schulärztlicher
Seite auf diesem Gebiete gemacht werden könnten, mehr Klarheit in
diese Verhältnisse bringen. 0. Rommel-München.
514 XXXV. Besprechongeii.
6.
Der gegenwärtige Stand der Kinderheilkunde und ihre
Beziehungen zu den angrenzenden WissensgebieteiL
Zwei Vorträge, gehalten in der pädiatrischen Sektion des inter-
nationalen Kongresses fiir Wissenschaften und Künste in St. Lonis
am 23. September 1904 von Theodor Escherich und
Abraham Jacob i. Verlag von S. Karger, Berlin 1905.
Der Vortrag Escherich's behandelt „die Grundlagen und Ziele
der modernen Pädiatrie^. Mit einem kurzen historischen Abriß der
Geschichte der Kinderheilkunde beginnend, zeigt Escherioh, wie die-
selbe, auf den älteren französischen und Wiener Schulen fußend, unter
dem Einflüsse der deutschen Internisten — genannt wird besondere
Gerhardt, als Begründer der deutschen Pädiatrie — zu weiterer Ent-
wicklung gelangt. Auf diesem Wege kamen auch die mächtig &nf-
blühenden Naturwissenschaften der Kinderheilkunde rasch und unmittelbsr
zugute. Durch Anwendung naturwissenschaftlicher Hilfsmethoden ist du
Gebiet der Pädiatrie speziell im letzten Jahrzehnt ganz wesentlich er-
weitert und geklärt worden. Die moderne Pädiatrie stellt nach Esche-
rich ein alle Störungen der Lebensvorgänge umfassendes, nach wissen-
i>chaftlichen Grundsätzen geordnetes und in seiner Universalität von keinem
anderen Spezialgebiete der Medizin erreichtes Lehrgebäude dar. — Der
Schlüssel zu dem Verständnis der speziellen Pathologie des kindlichen
Organismus ist nach dem Vortragenden in dem Studium der Entwicklungs-
vorgänge gelegen, und es bestehen bezüglich der durch den Kraakheits-
prozeß hervorgerufenen Reaktionen große und im Laufe des Kindesalters
fortwährend wechselnde Verschiedenheiten. Diese Theorie in ihrer Be-
ziehung zur Pathogenese der kindlichen Erkrankungen führt Esoherich
in origineller Weise im einzelnen durch und zeichnet die pathologische
Physiognomie der verschiedenen Altersstufen (Infantia, Pneritia, Pubertät)
mit markanten Zügen.
Der größte Unterschied in der therapeutischen Aufgabe des Kinder*
arztes gegenüber derjenigen des Internisten liegt nach Escherich in
der überwiegenden Bedeutung und Ausgestaltung der Prophylaxe. Der
Grundgedanke hierbei ist die andauernde und sorgfaltige Überwachung
der Lebensführung des Kindes während der ganzen, insbesondere während
der ersten Zeit des Wachstums; weiter ist Schutz und Förderung der
normalen Entwicklung geboten nach dem Satze : medicus non sit magister
sed minister naturae. Die Schlußsätze sind den modernen Gedanken
sozialer und humanitärer Bestrebungen gewidmet — dem Kinderschutze
und dem Schutze der Säuglinge. —
A. Jacobi (New Tork) behandelt in seinem Vortrag „die Ge-
schichte der Pädiatrie und ihre Beziehungen zu anderen Künsten und
Wissenschaften" .
Der erste Teil des Themas, ,, Geschichte der Pädiatrie", ist etwas
aphoristisch gehalten, doch wird der Leiter im zweiten Teil durch Beich-
haltigkeit und Originalität der Gedanken reichlich entschädigt. Es wird
das Verhältnis der Pädiatrie zur allgemeinen Medizin, zur Embryologie.
Teratologie, zur Geburtshilfe, Hygiene, zu den anderen Spezialgebieten
der Medizin, zur Kriminologie und Sozialpolitik erläutert. — Die Schluß*
XXXV. Besprechongen. 515
,\
bemerknngen sind speziell der Politik gewidmet. Die kleine Abhandlung
ist höchst anregend geschrieben nnd Yerdient die Beachtung weiterer
deutscher ärztlicher Sjreise. 0. Rom mel- München.
7.
Handbuch der experimentellen Pathologie und Pharma*
kologie. Von Prof. B. Heinz -Erlangen. I. Band 2. Hälfte
8. 481—1102, mit 134 Abbildungen im Text. O. Fischer,
Jena 1905.
Das Handbuch, dessen erster Band mit vorliegendem Teile abschließt,
ist in einem Umfang von 3 Bänden geplant. Daß der Verfasser eine
so umfangreiche und zugleich so schwierige Aufgabe unternommen hat,
spricht für ein nicht gewöhnliches Maß von Eleiß und Energie. Die
Durchführung des bis jetzt Vorliegenden aber erweist auch, daß der
Autor ein solches Werk sich wohl zutrauen durfte imd scheint fär das
Ganze* einen vollen sachlichen Erfolg zu verbürgen.
Es ist selbstverständlich, daß sehr Vieles aus einer Darstellung der
gesamten experimentellen Pathologie und Pharmakologie, sofern sie von
einem und demselben Autor geliefert wird, heutzutage nur mehr auf
Kompilation beruhen kann. Eigene und vor allem gleichmäßige eigene
Experimentalerfahrungen in allen Teilen dieser weiten Wissenschaften
sind dem einzelnen auch bei der größten Arbeitskraft nicht mehr mög-
lich. Es ist schon eine außerordentliche Leistung, wenn ein einzelner
Autor sich mit dem ganzen Gebiete literarisch genau vertraut gemacht
hat, wie es bei Heinz der Fall ist. Aber über eine solche theoretische
Durchdring^g des Stoffes hinaus erweist sich der Autor auch durch
vielfältige eigene methodische und technische Erfahrungen im Tierexperi-
mente zu einer Darstellung der Experimentalpathologie als berufen.
Der vorliegende Abschnitt behandelt das Muskelsystem und das Herz.
Die Gliederung jedes dieser beiden Kapitel geschieht in einen allgemeinen,
einen methodologischen und einen speziellen Teil. Während letzterer
hauptsächlich die experimentell ermittelten pathologischen und pharmako-
logischen Tatsachen bringt, gibt der methodologische Teil eine Übersicht
über die Experimentalmethoden, wobei auch technische und instrumenteile
Fragen ziexnlich ausführlich behandelt werden. Ein solches Eingehen
auf die Methodik gibt nicht nur einem angehenden Experimentator er-
wünschte Aufschlüsse, es fordert ohne Zweifel auch für den aufmerk-
samen Leser die kritische Bewertung der mit der betreffenden Methodik
erhaltenen Resultate. An einzelnen Punkten geht der Autor in dem
Bestreben, methodologisch möglichst erschöpfend zu sein, vielleicht zu
weit, wenn er stellenweise z. B. auch detaillierte Vorschriften für histo-
logische Färbemethoden wiedergibt. Im allgemeinen Teil eines jeden
Kapitels geht der Autor auch auf das normalhistologische und physio-
logische Verhalten der in Betracht gezogenen Organe ein. Die Behand-
lung des Stoffes ist also eine sehr extensive, wodurch das Handbuch in
didaktischer Hinsicht eine besondere, fast encyklopädistische Färbung er-
hält. In dem vorliegenden Abschnitte prävaliert das große Kapitel über
das Herz, das dem Verfasser als Experimentalpharpaakologen ja auch von
besonderer Wichtigkeit sein mußte. Beferent hat speziell dieses Kapitel
Deutsches Archiv f. klin. Medizin. 86. Bd. 34
616 XXXV. Basprechangen.
mit groBem InteresM g^esen und inttinigfache Belehrung und AnregnDg
fttts demselben geschöpft. Es sei besonders «uf die kritischa Daratellang
der neurogenen und myogenen Theorie der Herztfiiigkeit, auf die Sdiil-
derung der Experimentalmethoden für das Stadium der HerzfonktioD
und auf die erschöpfende Darstellung der toxikologischen und pharmako-
logischen Einwirkungen auf das Herz hingewiesen.
Das Handbuch ist in einem flüssigen, leicht lesbaren Stil geschrieben,
eeine Ausstattung ist, auch hinsichtlich der zahlreichen AbbUdungeD, eine
trefPliche. Es eignet sich ebenso zu systematischem Studium wie als
Nachschlagewerk und darf bei einer nahezu erschöpfenden Anführung
der Literatur als ein sehr wertvolles wissenschaftliches Hilfsmittel be-
aeichnet werden. Moritz.
8.
Die Ätiologie, Pathologie und Therapie der Sommer-
diarrhoen der Kinder. Von H. Illoway, CincinnatL
Berlin 1905 bei S. Karger. 166 Seiten.
Der Verfasser unterscheidet drei verschiedene Formen der Somma-
diarrhöen der Kinder: 1. Hitzschlag bei Kindern (Thermisohes Fieber).
2. Sommererkrankung (Summer complaint). 3. Cholera infantum. Der
fttiologische Faktor der Sommerdiarrhöen der Kinder ist nach Illoway
die Hitze der Sommermonate. Je nach ihrer Einwirkungsweiee auf die
Kinder kann es nach dem Verf. zu einer plötzlichen und raachen Über-
hitzuDg des gesamten Organismus kommen oder zu einer allgemein er-
schlaffenden Wirkung mit deutlicher Beeinträchtigung der Verdammgs*
fnnktion oder endlich zu einer l&hmenden Wirkung auf das große GkfiB-
netz der abdominalen Zirkulation.
Beim Thermischen Fieber sind Hyperpyrexie (41,5^), Erbrechen,
komaähnlicher Zustand, sowie Diarrhöen mit fiikal bleibendem Oharakter
die Hauptsymptome. Die Behandlung bestehe in erster Linie in halb-
stündlich oder stündlich zu erneuernden kalten feuchten Einpackungen.
Bei der ^Summer complaint*' sei die Beeinträchtigung der VerdanuiigB-
fhnktion und Fehlen der Salzsäure das Primäre. Schlecht verdautes
Material tritt in den Darm über, es kommt zu enormer Bakterienver-
mehrung mit ihren Folgen — unregelmäßiger Peristaltik, Krämpfen und
Diarrhöen. Bei der Cholera infantum, dieser nach dem Verf. „außerordent-
lich seltenen Krankheit**, bilden seröse spritzende Stühle, bei fehlenden
Schmerzen und hoher Temperatur die charakteristischen Symptome. Die
empfohlene Therapie weicht von der durch die deutsche Pädiatrie propa-
gierten „physikalischen Therapie^ — Magen- und Darmspülungen und reich-
licher Anwendung der Hypodermoklyse — beträchtlich ab. Die Ha(^*
Spülung wird vom Verf. als „sehr ungeeignetes Mittel" und „keineswegs
80 ungefährlicher und einfacher Eingriff'' verworfen — ähnlich die Darm-
irrigationen. Dies und noch manches andere dürfte bei deutschen Lesern
auf Widerspruch stoßen, wie diese Gastrolle des genannten Autors über-
haupt keine glückliche genannt werden kann. o. Rommel-Mflncaeo.
XXXVI.
Aus der medizinischen Klinik zu Basel.
(Direktor: Prof. Dr. W. His.)
Stndien Aber den Eiweißstoffwechsel.
n. Mitteilung.»)
Über den zeitlichen Ablauf der Eiweifizersetznng im
tierischen Oivanisnins.
Von
Dr. W. Falta,
Priyatdozent und Aasiatent.
In der Arbeit über den Eiweißstoilwechsel bei der Alkapton-
urie habe ich kurz daranf hingewiesen, daß der zeitliche Ablauf
der Zersetzung im menschlichen Organismus bei verschiedenen Ei-
weißkörpem wesentliche Differenzen aufweist.*) Das gleiche Ver-
halten konnte auch bei Stoffwechselversuchen an Diabetikern')
wahrgenommen werden. Obwohl nach unseren Vorstellungen vom
Wesen der Alkaptonurie bei dieser ein abnormer Ablauf des N-Stoff-
wechseis jiicht zu erwarten war, und auch kein Anlaß vorlag, bei
den untersuchten Diabetikern Störungen in dieser Richtung zu
vermuten, so war es doch geboten, die gleichen Versuche auch an
Menschen mit völlig normalem Stoffwechsel anzustellen. Ich habe
dabei hauptsächlich jene Eiweißkörper berücksichtigt, die, wie das
Kasein und das genuine Ovalbumin, Extreme im zeitlichen Ablauf
der Zersetzung darstellten, oder solche, die wie das koagulierte
1) Als 1. Mitteilung üt die Arbeit: Der Eiweißstoffwechsel bei der Alkap-
tonurie (Dieses Archiv Bd. 81 1904) zo betrachten. Auf einen Teil der dort rer-
<)frentliehten Versuche wird hier öfter Bezug genommen werden.
2) Vgl. auch W. Falta, Über einige Fragen des Eiweifistoffwechsels. Yer-
handl. der Naturf.-Oesellsch« zu Basel 1903.
3) W. Falta, Zur Klinik des Diabetes mellitus. Korrespondenzbl. L Schweiz.
Ärzte Nr. 22 1903 und Über einige Fragen betreifend den Eiweißstoffwechsel beim
Diabetes mellitus. Yerhandl. des Kongresses f. innere Medizin Bd. XXI, Leipzig
1904.
Dentsches Archiv f. klin. Medizin. 86. Bd. 36
518 XXXVI, Falta
Ovalbumin ein besonderes Interesse erbeischen. Neu ist der Ver-
such mit Ovovitellin. Endlich wurden auch Versuche an einem
Hund angestellt. Ich will zuerst über einige der an Menschen
angestellten Versuche berichten.
I. Kapitel. Experimenteller Teil.
I. Versuche an Menschen mit normalem StofFwechsel.
Die Anordnung war im wesentlichen dieselbe wie die bei den
Versuchen an dem Alkaptonuriker Anton M.^) Ich kann daher
auf das dort Gesagte verweisen. Da die hier mitzuteilenden Ver-
suche nur kurze Zeit (2—4 Wochen) dauern sollten, so wurde jetzt
zum Zwecke einer völlig genauen Dosierung der N-Einfuhr Fleisch
nur in Form fein gehackten Rinds- oder Kalbsfilets verwendet
Das Fleisch wurde in großen Gläsern auf Eis aufbewahrt und
täglich hiervon eine bestimmte Menge abgewogen. Auch wurde
der Kot nicht für 2— 3tägige Perioden, sondern für jeden Eiweiß-
versuchstag einzeln abgegrenzt. Die Versuchsperson erhielt an
diesen Tagen 7,5 g Kohle in 100 g Aqu. menth. pip. auf-
geschwemmt und jedesmal am folgenden Tag ebenfalls vor dem
Frühstück 1 g Karmin in demselben Vehikel. Die Abgrenzung
des Kotes eines einzelnen Tages gelingt auf diese Weise fast in
allen Fällen vollkommen. Die Kote wurden nach Zusatz von etwas
iSchwefelsäure in tarierten Porzellanschalen zuerst auf dem Wasser-
bade, dann im Wassertrockenschrank bei 98 '^ C getrocknet ge-
wogen, fein verstoßen und in sorgfältig getrockneten Fläschchen
aufbewahrt. Die N-Bestimmung im Trockenkot und im mit Thy-
mol konservierten Harn geschah nach Kjeldahl.
Die zu untersuchenden Eiweißkörper wurden auch hier iu
4 Portionen ä 20 g resp. 30 g im Laufe des Tages in Bouillon.
Wasser, KaflFee etc. immer in Anschluß an eine Mahlzeit ver-
abreicht.
A. Versuche mit koagul. Ovalbumin, Ovovitellin und Casein.
A. Schw. 36 Jahre alt, Handlanger; war vom 21. Ang. Id0.>
wegen Zerquetschung der rechten großen Zehe auf der Baseler chirurgi-
schen Klinik in Behandlung; am 25. August wurde Patient mit gütiger
Erlaubnis des Herrn Prof. Enderlen auf unsere Klinik transferiert.
AVunde gut granulierend. Patient muß noch das Bett hüten, ist sonst
völlig gesund.
\) Vgl. W. Falta, Der Eiweiüstoff Wechsel hei der Alkaptonnrie a. a. 0.
Studien über den Eiweißstoffwechsel. 519
Die Kost bestand vom 26. Augast an aus gehacktem Bindsfilet
250 g (N-Gehalt 3,2 %) Müch 800 g (N-Gehalt 0,501 % i)), 2 Eiern,
Honig 60 g, Zwieback 200 g (Singerzwieback aus einem Teich, N-Ge-
halt 2,02%), Obst 100 g, Salat 100 g, Kartoffelpüree 250 g (N-Ge-
halt der trockenen Kartoffeln 0,35%), ßutter 80 g und Rotwein 0,6 1.
Am 27. August wurde der Kot mit Karmin abgegrenzt, am 29. August
wurden 80 g coaguliertes Ovalbumin, am 2. September 80 g Ovo-
vitellin ^), am 6. September 120 g Casein puriss. pulv. (Merck) super-
poniert. Am 12. September wurde morgens wieder mit Karmin ab-
gegrenzt. Das Körpergewicht blieb während des Versuches gleich (s.
Tab. I S. 520).
Für die Berechnung des N-Gehaltes der Nahrung liegen exakte
Analysen vor vom Fleisch, Zwieback, von der Milch und vom Kartoffel-
püree. Das Gewicht der Eier betrug nach Abzug der Schale durch-
schnittlich 90 g. Der N-Gehalt wurde zu 2,2 % angenommen. Da»
macht zusammen 18,9 g N. Rechnen wir ferner für Salat, Obst und
Honig 1 g N, so ergibt sich daraus ein N-Gehalt der Standardkost von
ca. 20 g. Mit der Standardkost wurden daher in den 16 Tagen de»
Versuches ca. 320 g N eingeführt. Dazu kommt noch: 11,34 g N durch
Superposition von 80 g coagulierten Ovalbumins (N-Gehalt 14,18%),
11,72 g N durch Superposition von 80 g Ovovitellin (N-Gehalt 14,65%)
und 17,436 g N durch Superposition von 120 g Casein (N-Gehalt
14,53 %). In toto betrug daher die N-Einfahr 360,5 g.
Die Abgrenzung des Kotes gelang bei Beginn und am Ende dea
Versuches gut. Die detaillierte Abgrenzung der Kote für die einzelnen
Eiweißversuchstage und die dazwischen liegenden Perioden ließ sich in.
diesem Versuche jedoch nur in 2 Fällen durchführen, nämlich 1. für die
Periode vom 30. August bis 1. September. • In diesen 3 Tagen betrug
die Trockensubstanz des Kotes 121 g, das N-Prozent 5,82, der N in
toto 7,05 g. p. d. wurden also 40,2 g Trockensubstanz mit 2,85 g N
ausgeschieden, 2. für den Versuchstag vom 2. September. Die Trocken-
substanz betrug hier 71 g. Das N-Prozent 5,41. Es wurden daher an
diesem Tage 3,841 g mit dem Kot ausgeschieden. Für die anderen
Perioden gelang die Abgrenzung nicht ganz einwandfrei. Der Kot war
geformt, aber weich, die einzelnen Lagen nicht scharf zu trennen. Ea
wurden daher alle übrigen Kote vereinigt und zusammen untersucht. £a
ergab sich so mit Einrechnung der beiden Perioden vom 30. August
bis 1. September und vom 2. September für die ganze Dauer des Stoff-
wechselversuches 678,4 g Gesamttrockensubstanz mit 39,264 g N oder
p. d. 42,4 g Trockensubstanz mit 2,454 g N.
Die N- Ausfuhr durch den Harn betrug 323,152 g
durch den Kot 39,264 g
Gesamt-N- Ausfuhr 362,416 g
1) Sterilisierte Flaschenmilch von einer Füllung.
2) Das Ovovitellin wurde mir von den Höchster Farbwerken vorm. Meister
Lucius u. Brüning gütigst zur Verfügung gestellt, wofür ich an dieser
Stelle bestens danke.
35*
^20
XXXVI. Falla
Tabelle L
Datum
N-Einfnbr
Nim
1906
27./28. Aug.
28./29.
29.30.
30../31.
31./1. Sept.
1.2.
2,3.
3.4.
4./5.
20g
Ö./6.
<>./7.
7.8.
«.9.
9.10.
io.;ii.
11./12.
n
4 X ^ e: koagulierteB Ovalbamin
in toto=^ 31,34 g N
aog
»
-f 4 X 20 OvoVitelliii in toto
= 31,72 g N
20g
-f- 4 X 20 g Casein. purin.
(Hammarsten) in toto =
37,436 g N
20 g
T
N
S.
T
N
S.
T
N
S.
T
N
S.
T
N
S.
T
N
S.
T
N
S.
T
N
S.
1750
1470
2420
1018
1020
1016
18,515
18,481
24,732
2640
1012
30.476
•
1120
1023
17,468
1140
1024
17,556
2440
1017
21,216
2440
1017
23.912
1690
630
1012
1014
11,688
8,891
2320
20.579
1390
710
1015
1014
10,740
7.773
2100
18,513
1160
970
1022
1020
14.908
14,286
2130
29,194
930
610
1021
1027
11,015
10,442
1440
21,457
1410
970
1013
1018
10.189
aöoi
2380
18,690
1390
1210
1012
1013
10,008
8.712
2600
18,720
1260
660
1012
1028 i
9,032
7,281
1920
16,31S
1190
780
1015
1016
9,863
7,467
1970
17,330
Studien über den Biweifistoff Wechsel. 521
Es bestand daher annähernd N-61eichgewicht. Nnn ist die
Zahl für die tägliche N- Ausfuhr im Kote besonders in Anbetracht
der leicht yerdaolichen Standardkost etwas hoch. Doch ist man
sicher nicht berechtigt, dies etwa auf eine abnorm schlechte Aus-
nutzung der superponierten Eiweißkörper zu beziehen. Dies geht
hervor 1. aus der Übereinstimmung mit der für die Periode vom
30. August bis 1. September gefundenen Eot-N-Zahl (2,35 g p. d.)^
2. aus der gelungenen Abgrenzung des Kotes für den Ovovitellin-
versuch vom 2. September. Das Plus an N im Kot betrug hier
höchstens 1,4 g, was einer Ausnutzung von immerhin 86% ent-
spricht, 3. aus der erwarteten Vermehrung der N- Ausscheidung im
Harn nach der Superposition des koagulierten Ovalbumins und des
Caseins, wie weiter unten genauer ausgeführt werden soll und 4. aus
dem Vergleich von N-Gehalt der Standardkost und N- Ausfuhr durch
den Harn an den von der Eiweiß-Superposition unbeeinflußten Tagen ;
als solche können aufgefaßt werden: der 27., 28., 31. August und
1., 10. und 11. September. Aus diesen berechnet sich eine mitt-
lere N-Ausscheidung von 17,61 g. Auf den Kot kommen also bei
N-Gleichgewicht rechnerisch ca. 2,4 g N, gefunden 2,454 g.
Die detaillierte Berechnung der einzelnen Versuche ergibt:
I. Versuch mit koaguliertem Ovalbumin vpm 29. Aug.
Das Plus an N im Harn am Versuchstag (mittlere N-Ausscheidung
17,61 g) beträgt 7,122 g, am folgenden Tag noch 2,866 g. Es
stammen also 9,988 g aus dem koagulierten Ovalbumin. Ein-
geführt wurden 11,84 g, es dürften daher ca. 87,5% des koagu-
lierten Ovalbumins ausgenützt worden sein. Von dem resorbierten N
erschienen ca. 71,8% ^^ ersten, und 28,70% am 2. Tag.
IL Versuch mit Ovovitellin vom 2. September. Das Plus
an N betrug am Versuchstag 3,606 g, am 3. September 5,702 g,
am 4. September 2,969 g, am 5. September 0,903 g in tote:
18.175 g. Eingeführt wurden 11,72 g N. Wie aus dem N-Gehalt
des Kotes am 4. Tage ersichtlich ist, wurden aber nur ca. 86 %
des Eiweißes resorbiert.. Ob die nicht unbeträchtliche negative
Bilanz in diesem Versuche auf einen Versuchsfehler oder auf
andere Momente — ein ähnliches Verhalten wurde in allen Ver-
suchen mit Blutglobulin gefunden — zurückzuführen ist, läßt sich
vorderhand nicht entscheiden. Das Plus an N verteilt sich auf
die einzelnen Tage wie folgt.
27,4 % - 43,2 % - 22,6 % - 6,8 %.
522
XXXVI. Falta
in. Versuch mit Kasein vom 6. September. Das Plus
an N im Harn beträgt am Versuchstag 11,584 g, am 7. September
3,847 g, am 8. September 1,080 g, am 9. September 1,11 g in toto:
17,621 g N. In den eingeführten 120 g Kasein waren enthalten
17,436 g.
Das Kasein ist also vollständig ausgenützt worden, was
<len Resultaten früherer Versuche entspricht. Das Plus an N ver-
teilt sich auf die einzelnen Tage wie folgt:
65,7 «0 - 21,9% - 6,1% - 6,3%.
Die aus diesen Zahlen sich ergebenden Kurven werden im
Kapitel II nach Zusammenstellung sämtlicher Versuche besprochen
werden.
B. Versuche mit genninem Ovalbumin.
I. Versuch. Frau M., Hausfrau, 40 Jahre alt, befindet sich wegen
leichter Defatigatio im Spital, ist bei Beginn des Versuches wieder Töllig
hergestellt.
Die Kost bestand vom 1 9. Watz an aus : gehacktem Rindsfilet 200 g
mittags und 150 g abends (N-Qehalt 3,2%), Milch 500 g, KartoflFel-
püree 400 g, Brötchen 70 g, einem Ei, Butter 30 g, Bouillon 300 ccm,
Salat 120 g und 0,5 1 Botwein. Der N-Gehalt der Nahrung berechnet
sich auf ca. 16,4 g. Am 22. März werden auf diese Kost 80 g genuinen
Eiereiweißes (Ovalbum. puriss. pulv. (Merck) superponiert. Das Körper-
gewicht blieb während des Versuches gleich.
Tabelle IL
Datum
N-Einfuhr
o
•
bD
Es
a
03
O
a
•
N
CO
od
w
- g N-Gehalt «1« ^
« g desKotes s 1 S S
g , *o I g »5 ^
ao
OB
s
t
>5
1905
20./21. März
21. /22.
22./23.
23./24.
24./25.
25./26.
26./27.
27./28.
I
16,4 g
1870101514,9 I)
? I y 72
1370 1015 13,62 !
17,89 40
16,4 g 4- 80 g 2420 1012
genuines Ovalbumin
in toto = 27,68 g N
16,4 g 1920101819,20 •
1620, 10191 16,83 88
:i8801017 15,79
17301015:15,89
1630, 1016' 14,97
n
n
n
n
3,11 2,24
4,53
1,81
1,12
1,81
■ 1,17
16,02 + OM
19,70 + 7.98
20,37 — 3,97
4,0 3,51. 1,17 '18,00 — 1,60
1,17
16,96 — 0,56
Die N- Ausscheidung im Harn betrug an den beiden dem Oval-
bumintag vorhergehenden Tagen 14,90 resp. 13,62 g(?) (an dem
mit (?) bezeichneten Tag sind ca. 100 ccm Harn verloren ge-
Stadien über den Eiweißstoffwecbsel. 523
gangen), am letzten Versuchstag 14,97 g. Ich kann daher als
mittlere N-Äusscheidung ca. 14,95 g täglich annehmen, eine Zahl,
die zusammen mit der N-Ausscheidung im Kot (täglich 1,12 g in
der Vor- und 1,17 g in der Nachperiode) ziemlich genau der X-
Einfuhr entspricht. Die Vermehrung der N-Ausscheidung betrug
am Ovalbumintag 17,89—14,95 = 2,94 g, am folgenden Tag 19,20
bis 14,95 = 4,25 g, am 3. Tag nach der Ovalbumineinfuhr 16,83
bis 14,95 = 1,88 g, am 4. Tag 15,79—14,95 = 0,84 g und am 5. Tag
15,89—14,95 = 0,94 g. Es stammen demnach 10,85 g N aus dem
verabreichten Ovalbumin. Das Ovalbumin enthielt 14,10% N.
Es waren also 11,28 g N eingeführt worden. Die Ausnützung des
Eiereiweißes hatte sich, wie auch aus dem nur geringen Anstieg
der N-Ausscheidung im Kot zu ersehen ist, in diesem Versuche
gut gestaltet. Das Plus an N verteilt sich auf die einzelnen Tage
wie folgt:
27,1 \ - 39,9 o/o - 17,4 \ - 7,2 % - 8,4 «/,. *
IL Versuch. Adolf M., Lf^boratoriumsdiener. 29 Jahre alt,
völlig gesund. Körpergewicht: 68 kg. Vom 20. Oktober an wurde
folgende Kost gereicht: Eindsfilet 200 g, Kalbsfilet 150 g, Käse 40 g,
Brötchen 120 g, Kartoffelpüree 200, Butter 50 g, Miloh 200 g, Kom-
pott 80 g, Salat 100 g, 1 £i und eine Maggisnppenrolle. Eine genaue
Berechnung der N-Einfuhr ist in diesem Versuche leider nicht möglich,
da für Käse, Kompott und Maggi keine Analysen gemacht wurden. Die
übrigen Bestandteile der Nahrung enthielten 16,7 g N. Wir können
daher den N-Gehalt auf 19,20 g veranschlagen. Am 25. Oktober
wurden auf diese Kost 120 g genuines Ovalbumin (puriss. pulv. Merck)
in 4 pQrtionen ä 30 g superponiert. Der dem Ovalbumintag ent-
sprechende Kot erschien am 27. Oktober morgens (s. Tab. III S. 524).
Die N-Auscheidung im Harn betrug an den dem Ovalbumin-
tag vorhergehenden Tagen 16,105, resp. 16,907, resp. 18,384, resp.
18,446 g. Am 30./31. Oktober ist wohl der Einfluß der Ovalbumin-
superposition mit Sicherheit abgeklungen. An diesem Tage be-
trägt die N-Ausscheidung 17,663 g, am folgenden 18,41 g, am
1. 2. November 17,67 g. Als mittlere tägliche N-Ausscheidung der
Vor- und Nachperiode ergibt sich demnach 17,655 g. Die Ver-
mehrung der N-Ausscheidung beträgt am Ovalbumintag 20,8 bis
17,655 = 3,145 g am folgenden Tag 21,002—17,665 = 3,447 g, anr
3. Tag nach der Ovalbuminausfuhr 20,212—17,655 = 2,557 g, am
4. Tag 18,834-17,665 = 1,179 g und am 5. Tag 18,960—17,655 =
1,305 g. Es stammen demnach 11,633 g aus dem verabreichten
Ovalbumin. Letzteres enthielt aber in 120 g 16,92 g K. Es
wurden also ca. 5,3 g N weniger im Harn ausgeschieden. Daß
524
XXXVI. Falta
Tabelle III.
Datum
Diät
Harnmenge
•
QQ
e
6
0
8
• o ^
N-Gehalt 5|«^|
des Kotes -^ | .§ |'c
10 g Ä^ --
1904
1
21./22. Okt.
2310 1017
16,105 \
1,51 ,17,615
22.y23.
2040 1019
16,907.1,0,.
isiM> ■ Afu ^^^ 18.417
23./24.
2320 1021
18,384
..^
24;2ö.
. 2440 1018
18,446 }
1 1,51 19.95^
25. 26.
-|-120g geimines , ?
9
i
>
Ovalbuinin(4X30g) 2410 1019
20,8
80,5
7,91 ' 6,25 6,25 27.a>
26/27.
2560 1018 21,002
—
— 1 — — _
27. 28.
, 2270 1019 20.212
—
— — — —
28.29.
2220 1019:18,834'
— —
29.;30.
2280 1019 18,960' —
— —
— —
30./31.
, 1990 1019117,663
31.1. Nov.
187Ü 1022
18,410
— —
-^ —
1.2. -
2390 1017
17,670
—
— —
dieser N nicht zurückbehalten wurde, geht aus den Kot-N-Zahlen
hervor. Der Kot enthielt am Ovalbumintag 6,25 g N. Es sind
also nur ca. 70 ®o des verabreichten Eiereiweißes ausgenützt
worden.
Das Plus an N verteilt sich auf die einzelnen Tage wie folgt:
•27% - SO^'/o - 22% - 10% - 11%.
II. Yersuche an einem Hund.
3 jähriger Eattler 12^2 kg schwer. Der Hand wurde um 8 Uhr
morgens aus seinem Käfig in einen zweiten gebracht und war dressiert,
dort zu urinieren. Währenddessen wurde der Boden des ersten Käfigs
gründlich mit Wasser nachgespült, hierauf wurde der Hund wieder in
diesen zurückgeführt.^) Nun erhielt er das Futter, das er im Verlauf
einer Viertelstunde verzehrte. Das Futter bestand vom 8. Dezember an
aus 250 g Pferdefleisch und 60 g Schweineschmalz. Es wurde nur fett-
armes Pferdefleisch verwendet, von dem eine für den ganzen Versacb
reichende Menge fein zerhackt auf Eis in großen Qläsem aufbewahrt wurde.
Die Spülflüssigkeiten aus dem ersten und zweiten Käfig wurden mit dem
während des Tages und morgens gelassenen Harn vereinigt ; vom 24. De-
zember an wurde die erhaltene Menge immer auf 700 ccm mit Wasser
aufgefüllt.
1) Diese Methode der Hamgewinnung ist zweifellos nicht einwandsfrei, da
ja keiue Sicherheit dafür vorhanden ist, daO die Blase völlig entleert wurde. D&
es sich hier aber um sehr große Ausschläge handelt, so glaubte ich doch, die«e
Versuche veröffentlichen zu dürfen.
Stadien über den EiweiUstoffwechsel.
52&
Tabelle IV.
Datum
Nahrung
Harn-
menge
Spez.
Gew.
Ham-N
250 g Pferdefleisch
60 g Schweineschmalz
180
lOöl
8,68
n
~{ öO g genaines Ovalbnmin
2Ö0 g Pferdefleisch
60 g Schweineschmalz
210
1045
8,30
210
1045
8,88
161
1040
; 6,68
161
1047
6,81
184
1047
8,29
233
1041
8,74
310
1045
12,93a
1
700
1 1012
8,00
j
700
1014
8,19
700
1013
8,39
700
1013
8,4a
700
1022
16,07
700
1015
9,7^
700
1014
9,16
700
1014
9,15
19Ö3
16./17. Dez.
17.'18.
18. 19.
19./20.
20./21.
21.^2.
22./23.
23./24.
24./25.
25.^2«.
26./27.
27./28.
' -f- 80 g Kasein
29./30. 250 g Pferdefleisch
60 g Schweineschmalz
30./31. I ^
31/1. Jan. I
1904 < i
1./2. Jan. , 1 700 . 1013 I 8,41
Am 23. Dezember wurden 50 g genuines Ovalbumin, am
28. Dezember 80 g Kasein auf die Standardkost superponiert. Au»
den Harn-N-Zahlen vom 16. bis inkl. 22. Dezember, vom 24. bis
inkl. 27. Dezember und vom 1. Januar ergibt sich als Mittel für
die tägliche N-Ausscheidung 8^4 g. In dem Versuche mit ge-
nuinem Ovalbumin beträgt die Vermehrung der N-Ausschei-
dung 12,933- 8,14 = 4,798 g N. 50 g Ovalbumin (Ovalbumin. tech-
nie. Merck, N-Gehalt 12,04 %), enthielten 8,02 g N. Es erschienen
daher nur ca. 80*/„ des N im Harn. In dem Versuche mit Kasein
betrug die Vermehrung der N-Ausscheidung im Harn 7,93 g N am
28. Dezember, 1,58 g N am 29. Dezember, 1,01 g N am 30. De-
zember, 1,01 g N am 31. Dezember, in toto: 11,58 g N. Das ver-
wendete Kaseinpräparat (C)as. techn. Merck) enthielt 13,134®,, N^
in 80 g daher 10,507 g N. In diesem Vei^such ist sicher der ge-
samte N des Kaseins wieder ausgeschieden worden. In 2 wei-
teren Versuchen bei demselben Tier mit 60 g genuinem Oval-
bumin resp. 60 g Kasein und einer Standardkost von 200 g Fleisch^
60 g Fett und 50 g Amylum, auf deren genaue Wiedergabe ich
verzichte, erschienen nur 80 ®/o resp. 61 % des N im Harn. Da die
N-Ausscheidung im Kot nicht bestimmt wurde, läßt sich nicht
entscheiden, ob in den Versuchen I, III und IV der fehlende N
626 XXXVT. Falta
retiniert wurde, oder ob die Präparate unvollkommen ausgenutzt
wurden. Der Ablauf der N-Kurven gestaltete sich bei den Ver-
suchen III und IV ganz ähnlich wie bei I und II; nur zeigte sich
bei dem Versuch III mit genuinem Ovalbumin noch an dem dem
Versuchstag folgenden Tage eine geringe Vermehrung der X-Aus-
Scheidung, während in dem Versuch IV mit Kasein die Kurve etwas
rascher abklang als in Versuch IL Erwähnen will ich noch, daß
^in V. Versuch mit 80 g genuinem Ovalbumin mißlang, da sich bei
dem Tier Diarrhöe einstellte.
Aus den Versuchen I bis IV geht hervor, daß die Zerset-
zung des Kaseins und des genuinen Ovalbumins unter
den hier gewählten Versuchsbedingungen beim Hund gleich
schnell abläuft, und zwar gleicht der Verlauf beider Kurven
-dem Verlauf der beim Menschen für das Kasein erhalteneu Kurve.
Freilich lassen sich die Versuche beim Menschen und beim Hund
infolge der verschiedenen Versuchsanordnung nicht ohne weiteres
vergleichen. Beim Menschen wurden die Eiweißkörper in 4 Por-
tionen zu 20 g auf den ganzen Tag verteilt; auch die Standard-
kost wurde natürlich nicht auf einmal, sondern in 5 Mahlzeiten ein-
genommen; beim Hund hingegen wurde die gesamte Eiweißmencre
zusammen mit der Standardnahrung auf einmal einverleibt Nach
4en Untersuchungen von Krummacher \) läuft aber die Eiweiß-
zersetzung beim Hund nach einmaliger Darreichung der Nahrung:
rascher ab als nach mehrmaliger. Im ersten Fall steigt die N-
Kurve rasch an, sie erreicht ihren Gipfel schon nach 4—8 Stunden,
klingt dann allmählich ab und ist schon nach 16 Stunden beendet:
während bei Darreichung derselben Nahrungsmenge in mehreren
Portionen die Kurve langsamer ansteigt und erst zwischen der
16. und 20. Stunde ihr Maximum erreicht. Der ünterechied im
Ablauf der beim Menschen und beim Hund für das genuine Oval-
bumin erhaltenen Kurven ist aber meines Erachtens viel zu groß,
um durch diesen Umstand völlig erklärt werden zu können. Beim
Menschen verteilt sich ja die Zersetzung des genuinen Oval-
bumins auf 5 X -4 Stunden.'^) Besonders kommt aber wohl in Be-
tracht, daß die Kaseinkurven beim Hunde trotz einmaliger Nab-
rungszufuhr annähernd denselben Typus aufweisen wie beim
1) Krummacher, Zeitschr. f. Biolog. Bd. 35 1897.
2) Ferner ist die Verteilung der Nahrung in den Km mm acher scheu
Versuchen doch wesentlich anders, indem dort die letzte Nahrungsaufnahme nn
12 Uhr nachts, in meinen Versuchen an Menschen um 7 Uhr abends erfolgt:
außerdem wurde dort um 12 Uhr nachts die doppelte Ration verfüttert.
Stadien Über den EiweißstoiTwechsel.
527
Menschen. Da der Organismus des Hundes unter den gegebenen Ver-
suchsbedingungen nicht einmal mit dem leicht zersetzlichen Kasein in
24 Stunden fertig wurde, so ist wohl kaum anzunehmen, daß er es
mit dem genuinen Ovalbumin geworden wäre, wenn dieses auch für ihn
in dem Grade schwerer zersetzlich wäre, wie dies beim Menschen
tatsächlich der Fall ist. Diese Überlegung scheint mir den Schluß zu
erlauben, daß für den Organismus des Hundes der prinzipielle
Unterschied im Ablauf der Zersetzung des genuinen Oval-
bumins und des Kaseins nicht oder wenigstens bei weitem
nicht in demselben Maße besteht wie für den Menschen.
II. Kapitel. Zusammenstellung sämtlicher Versuche.
Für die folgende Zusammenstellung sind einerseits Versuche
benützt worden, welche entweder im Kapitel I dieser Arbeit oder
in der Arbeit über Alkaptonurie ausführlich mitgeteilt worden sind,
andererseits Versuche an Diabetikern (Bohny, A. d. C, Brunner),
von denen nur die Harn-N-Zahlen in die Tabellen aufgenommen
wurden. Eine genauere Beschreibung dieser Versuche wird in einer
späteren Arbeit folgen.
I. Versuche mit Kasein.
Tabelle V.
Am 5. Vei*such8tag Superposition des Eiweißkörpers.
1.
2. 3. 4.
1
0,
6. 7. 8. 9.
10.
11.
12.
Tag:
I.
17,556
1
29,194 21,457 18,690; 18,720
16.313
17,330
II.
11,3011,2010,70 16,76 13,45 11,74
—
III. —
13,77 13,82120,31
16,78 14,43 1 14,41
13,98 13,64
13,91
IV.i 19,40 17,87ll6,39;i« 341 26,63
20,02 , 15,88
19,00
16,62 i 17,36
17,08
V.i 18,09|17,79 25,84 ! 21,89 i 18,16
18,84
—
VI. 20,75
21,56 20,47120,80 27,44
22,49 20,92
—
1
VII.
- ,20,48' ?
27,14
21,87 ,
—
VIII.
20,29 ?
26,78
22,30 19,62 ,
—
. 1
1
IX.
—
8,19
8,39 8,43 16,07
9,72 ' 9,15 : 9,15
8,41
—
Name
Diagnose
Datum des
Versuches
Bemerkungen
II.
III.
IV.
V.
VI.
VII.
vm.
Schw.
Anton M.
n
Bohny
A. d. C.
Normal
Alkaptonurie
Diab. mell.
6. Sept. 11^05 1 120 g Gas. pur. pulv. (Merck) 4 Por-
tionen (nach Hammarsten)
2. Nov. 1902
8. Jan. 1903
r>
n
n
IX. Hund, Rattler; Normal
60 g Gas. techn. (Merck) 4 Port.
80 g „ „
12. Jan. 1903 150 g pfasmon
2. Febr. 1903 150 g „
5. Dez. 1903 120 g „
14. Jan. 1904 i 1(X) g Gas. techn. (Merck)
5. Febr. 1904 80 g Gas. puriss. (Merck)
(nach Hammarsten)
28. Dez. 1903 80 ^ Gas. techn. (Merck) auf
einmal
n
«
n
528
XXXVI. Falta
II. Versuche mit Serumalbumin.
Tabelle VL
Am d. Versnchstag Superposition des Eiweißkdrpers.
: 1.
2. 1 3.
1
4. 5. 6. i 7. ' 8. 9. 10.
1 1
11.
12. Tag
I. -
II. —
12,29 13,64
- — 19,16
1
19,38 ' 16,47 13,92 14,38 13,60 13,62
26,64 21,87 20,96 — 18,02 —
—
—
Name
Datum des
Versuches
Bemerkungen
I. Anton M.
II. A. d. C.
Alkaptonurie
Diabet. mell.
27. Febr. 1903 | 82 g Semmalbumin (Merckj
' 4 Portionen
13. Febr. 1904 ' 80 g Serumalbumiu (Merck
! 4 Portionen
III. Versuch mit Fibrin.
Tabelle VIL
Am 6. Versuchstag Superposition des Eiweißkörpera.
1.
2.
3. 4.
6. 1 6. 7. 8. 9.
1
10. 11. 12. Tag
1
I. 13,00 13,00
1
12,19 14,06
19,26 i 16,29
14,22
14,37 12,29
13,64 -
—
Name j Diagnose v^suchtr i Bemerkungen
I. Anton M.
Alkaptonurie 21. Febr. 1903
82 g Fibrin pulv. (Meick)
4 Portionen
IV. Versuch mit Gelatine.
Tabelle VIII.
Am 6., 6. und 7. Versuchstag Superposition der Gelatine.
1
1.
2.
3. 4. 5. 6. 7.
8.
9. 10.
11. 1 12. Tag-
I.;
— 7,50
1
7,94 7,02
15,32 18,09 23,36
1 1
11,61
9,33 7,41 -
Name
T^• Datum des
Diagnose Versuches
Bemerkungen
I. Anton M.
4„ , . ,(14. Sept. 1902
Alkaptonurie iL- ^
; li6. „
150 g Gelatine 3 Portionen
200g , 4
100 g „ 2
Stadien üb6r den EiweißstoSwechsel.
529
V. Yersache mit Blntglobnlin.
Tabelle IX.
Am 5. Versnchstag Snperposition des EiweißkOrpers.
1. 2. ! 3. 4.
1
5. 6. 7. 8. 9. 1 10. 11.
12. Tag
I.
II.
III.
14,41
13,98
16,62
18,61
13,64
17,36
22,41
13.91
17,08
20,09
19,82
23,12
26,21
18,14
20,28
24,04
14,78
19,29
22,66
13,89
16,87
21,79
12,83
17,20
22,18
13,63
20,65
19,67
—
Xame Diagnose v^ew^hM Bemerknngen
I. Anton M.
II. Bohny
UI. A. d. C.
Alkaptonorie
Diabet. mell.
n
17. Januar 1903 BO g Blntglobnlin.
(Höchst)
19. Januar 1903! 80 g „
23. Dez. 1903 j 80 g „
4 Portionen
r
VI. Versuche mit Hämoglobin.
Tabelle X.
Am 5. Tag des Versuches Superposiüon des Eiweißkörpers.
1. 2. 3. 4. 5.
6. 7. o. 9.
10. 11.
12. Tag
1 1
I. 1 — - — 13,80
IL — , — ? 17,18
in. — 21,63 19,91 22,45
IV. 1 nicht bestimmt
1
i
17,18
24,6
23,12
19,92
17,31 14,97
27,70 22,05
25,20 J 24,45
24,89 ' ?
1
13,31! 14,42
? ?
? 22,16
19,64 17,28
1
13,15 —
20,30
1
—
Name
Diagnose
Datum des
Versuches
Bemerkungen
I. Anton A.
II. A. d. C.
in.
IV- Brunner
Alkaptonurie 11 . März 1903 J82g Oxyhftmoglob. 4 Portionen
iv. Bunges Laborat.)
80 g Hämoglob. (Merck)
°^ S n n y
50 g „ „ „
Diab. mell.
8. Januar 1904
27.
18. Febr.'' 1903
VII. Versuche mit genuinem Ovalbumin.
Tabelle XL
Am 5. Tag des Versuches Snperposition des Eiweißkörpers.
■
1. 1 2. j 3. 4. 5. 6. 7.
8. 9. 1 10. 11. 12. Tag
I- f -
__
14,90 !l3,62 17,89 !l9,20 16,83 15.79
15,89 114,97
II.
16,105 16,907
18,38418,446 20,8 '21,002 20,21218,834
18,960
17,663
18,410 17,670
IIL
—
~~
12,86
12,56
13,42 i 14,30
13,02 13,23
14,06
13,66
— 1 —
IV.
—
12,83
13,63
16,66 17,64
15,80 14,00
14,13
13,82
14,20 13.61
V.
— >
13,60 13.52
16,86 17.55
16,05
14,97
14,86
13,80
_ _-
VI.
19,53 |17>63
19,80
19,37 19,38 24,08 ;21,34 [19,01 !l6,98
15,77 18.87 1 18,89
Vn. I 8,88 I 6,81 I 8,29 | 8,74 1 12,933] 8,00 | 8,19 , 8,39 \ 8,43
530
XXXVI. Falta
Name
Diagnose
Datum des
Versuches
Bemerkangen
I. Fr. M.
II. Adolf M.
III. Anton M.
IV. „
V. „
VI. Bohny
Normal
Normal
Alkaptonurie
n
n
Diabet. mell.
22. März 1905
25. Okt. 1904
10. Dez. 1902
23. Jan. 1903
5. März 1903
14. Febr. 1903
80 g gen. Ovalb. 4 Portionen
Präp. II
120 g gen. Ovalb.
Präp. II
50 g gen. Ovalb-
Präp. I
80 g gen. Ovalb. „
Präp. 1
82 g gen. Ovalb.
Präp. U
100 g gen. Ovalb. ,
Präp. I
VII. Hund, Rattler i Normal 23. Dez. 1903
50 ff gen. Ovalb. COvalb. techn.
Merck) auf einmal
VIII. Versuche mit koaguliertem Ovalbumin.
Tabelle XIL
Am 5. Versuchstag Saperposition des Eiweißkörpers.
1. 2.
3.
4. , 5. 6.
7. ; 8.
9. 10. , 11. 12. Tag
I.
II.
1.
2.
21,4
18,515
3.
21,56
18,481
4.
20,6
24,732 20,476
5. 6.
24,02 1 25,80
17,468
7.
25,38
17,556
8.
21,99
9. 10. 11. 12.
22,17. 22,30 21,56 20.14
1
■
Name
1 Diagnose vereaÄ Bemerkungen
1
1
I. Schw.
II. A. d. C.
Normal
Diabet. mell.
29. Aug. 1905 80 g koag. Ovalb. 4 Portionen
15. Mai 1904 !80\..n,. ^
16. Mai 1904 60j ^^" ^ " 3
1. 2.
IX. Versuch mit Ovovitellin.
Tabelle XIH.
Am 5. Versuchstag Superposition des EiweiGkörpers.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
9. 10. 11. 12. Tag
17,468; 17,556i 21,216' 23,912 20,576 18,513 — | — — -
Name
Diagnose Datum des Versuches
Bemerkungen
Schw.
Normal 1 2. September 1905
80 g Ovovitellin 4 Portionen
Studien über den EiweißstoffwechaeL
531
X. Versuche mit bromierten und jodierten EiweiTskörpern.
Tabelle XIV.
Am 6. Tag des Versuches Superposition des Eiweißkörpers.
1-
2. 3.
4.
5.
6.
7.
8.
9. I 10. I 11. 12.Tag^
I.
11
III
IV
11,89
11,74
12,36
13,66
— I 13,61
13,64' 13,131 14,00113,61 12,41| ~
11,69 I 13,09 I 13,60 13,23 13,52, 11,23
13,61 ! 13,99 13,84 12,841 12,56 —
14,33 : 16;33 i 14,40 14,04* 13,55 13,76
12;ö6
V. I I 1 13,55| 13,76 1 21,96 1 15,14 | 14,25 1 13,89i 17,36| 15,18| 13,93| —
Name
Diagnose
Datnm des
Versuches
Bemerkungen
I. Anton M.
n.
III.
IV.
n
Alkaptonurie
5. Nov. 1902
18. Nov. 1902
5. Dez. 1902
31. Jan. 1903
30 g Bromkasein 4 Portionen
Präp. I
30 g Bromkasein
Präp. II
30 g Bromalhumin
50 g Bromkasein
Präp. I
n
V. Anton M.
Alkaptonurie 6. Fehr. 1903 49 g Jodkasein 4 Portionen
Bevor ich an eine zusammenfassende Besprechung der in den
Tabellen wiedergegebenen Untersuchungen gehe, muß ich erwähnen,,
daß eine Anzahl Versuche, in denen der Ablauf der Zersetzung
weniger deutlich zutage trat, in die Tabellen nicht mit auf-
genommen wurden. Ich glaube, auf eine genaue Wiedergabe
dieser Versuche verzichten zu können. Es dürfte genügen auf die
Momente hinzuweisen, die störend gewirkt haben.
Hierher gehört der Umstand, daß bei manchen Individuen die
physiologische Breite der Schwankungen in der täglichen Harn-
N-Menge auch bei völlig genau dosierter X-Einfuhr bisweilen außer-
gewöhnlich groß gefunden wurde. Es bestand dabei N- Gleichgewicht,
wenn man die Bilanz für mehrtägige Perioden aufstellte, die Difi'e-
renzen von Tag zu Tag konnten aber 4 — 5 g betragen. Ich habe
dieses Verhalten sowohl bei Diabetikern als bei völlig gesunden
Menschen angetroffen. Auch bei ein und demselben Individuum
können anscheinend Perioden mit sehr gleichmäßigem Verlauf der
Ausscheidungen und solche mit stärkeren Schwankungen ab-
wechseln.
Derartige Schwankungen in der täglichen N-Ausscheidung
kommen bekanntlich häufig bei Nephritis vor. Eine Angabe, daß.
532 XXXVI. Falta
sie bei normalen völlig gesunden Menschen beobachtet worden,
habe ich in der Literatur vermißt. Es scheint mir bisher kaum
^.inen Anhaltspunkt zu geben, in welcher Etappe des StofiPwechsels
wir die Ursache zu suchen haben. Ich möchte bei dieser Gelegen-
heit darauf hinweisen, daß die Regelmäßigkeit der Stoffwechsel-
Vorgänge bei dem von mir untersuchten Alkaptonuriker Anton M.
mir eine um so seltenere Erscheinung zu sein scheint, je mehr meine
Erfahrung sich erweitert. Die ungemein gleichmäßige Lebensweise,
4er ausgezeichnete Appetit und yor allem das Phlegma des Mannes
mögen hierfür vielleicht die Ursache sein. Der Einfluß körper-
licher Arbeit auf den N-Stoffwechsel ist Gegenstand zahlreicher
Untersuchungen gewesen und als gering erkannt worden. Ich er-
wähne nur die Arbeiten von Argutinsky*), Krummacher-j,
J. Munk'), Pflüg er*) und Gas pari*). Sollten nicht psychische
Einflüsse (Aufregung, Sorge, Temperament, sexuelle Erregung) eine
größere Rolle spielen, als man bisher anzunehmen geneigt war?
Für das hier verfolgte Thema sind jedenfalls Versuche, die gei'ade
in solche Perioden fallen, wertlos, da sie über den Ablauf der Zer-
setzung nichts aussagen, zumal wenn Eiweißkörper mit flacher
Ausscheidungskurve untersucht werden.
Ein Moment, das ferner berücksichtigt werden muß, ist die
Retention von N im Körper. In mehreren Fällen, in denen die
gleichzeitige Bestimmung des N im Kote eine befriedigende Aus-
nutzung der Eiweißkörper ersichtlich machte, blieb nach der
Superposition doch das Plus an N im Harn weit hinter der im
Eiweißkörper eingeführten N-Menge zurück. Hier mußte N reti-
niert worden sein. Ich verfüge über einzelne Versuche, wo dabei
in der Vor- und Nachperiode sonst N-Gleichgewicht bestand. Durch
■diesen Umstand wurde allerding^s an dem Ablauf der N-Kurve nicht
viel geändert. Die Kurve erhob sich nur nicht so hoch, zeigte
Aber im wesentlichen die für den betreflfenden Eiweißkörper typi-
sche Gestalt. Bei schwer zersetzlichen Eiweißkörpem mit flacher
Kurve kann aber dadurch ein Ausschlag leicht verdeckt werden.
1) Argutinsky, Muskelarbeit nnd StickstoffumBatz. Pflüger's Arch. Bd. 46
1890.
2] Krnmmacher, Ober den Einfluß der Muskelarbeit auf die Eiweili-
2ersetzung bei gleicher Nahrung. Pflttger's Arch. Bd. 47 1890.
3) J. M unk, Du Bois' Arch. 1890.
4) Pfittger (sein Arch. 1891).
5) Caspari (Pflüger's Arch. Bd. 95 1901).
Studien über den Eiweißstoif Wechsel. 533
SO daß es den Anschein gewinnt, als ob der gesamte snperponierte*
^' nicht wieder zum Vorschein gekommen wäre.
Endlich muß ich noch auf ein drittes Moment hinweisen. Es
betrifft dies die Ansnatzang der Eiweißpräparate. Nur in den
an A. d. C. und Brunn er angestellten Versuchen sind N-Bestim-
nmngen im Kot nicht gemacht worden. Von diesen Versuchen sind
aber hier nur solche verwendet worden, bei denen aus der N- Aus-
scheidung im Harn auf eine ziemlich gute Ausnutzung der Präpa-
rate geschlossen werden konnte. Bei den anderen Versuchspersonen,
bei denen, wie gesagt, Kotanalysen vorliegen, zeigt sich nach Kasein-
oder Gelatinesuperposition meist keine Erhöhung des Kot-N. Diese
Proteinsubstanzen sind also zu 100 % ausgenützt worden. Bei den
Versuchspersonen Frau M., Schw. und Anton M. findet sich in den
Versuchen mit den anderen ICiweißkörpern meist eine geringe Ver-
mehrung des Kot-N. Bei Anton M. wäre diese Vermehrung noch
etwas höher ausgefallen, wenn die Abgrenzung für den Eiweißtag
allein, und nicht für 2— 3tägige Perioden vorgenommen worden
wäre. Die Vermehrung ist bei allen Versuchspersonen annähernd
gleich groß; sie beträgt 1 bis höchstens 2 g N. Das macht immer-
hin einen Verlust von 10 resp. 20 "/^ des Eiweißes aus. Beim
Hämoglobin ist die Ausnützung noch schlechter. In dem einen
genau durchgeführten Versuch bleiben 25% unausgenützt. Auch
die Ausnützung des genuinen Ovalbumins scheint mit steigenden
Mengen in der Einfuhr rasch schlechter zu werden. So wurden in
dem Versuch an Adolf M. mit 120 g genuinen Ovalbumins, wie
aus Harn- und Kot-N-Zahlen hervorgeht, nur ca. 66% ausgenützt,
während die gleiche Menge Kaseins von Schw. zu 100% 'aus-
genützt wurde. Auf die Ausnützung des genuinen Ovalbumins
haben aber neben der Größe der Zufuhr noch andere Momente,
wie Intaktheit der Magenverdauung entscheidenden Einfluß, Ver-
hältnisse, auf welche ich in einer späteren Arbeit ausführlich zu
sprechen kommen will. Für die Tabellen, die den zeitlichen Ab-
lauf der Zersetzung demonstrieren sollen, habe ich mit Ausnahme
des eben erwähnten Versuches an Adolf M. und der Hämoglobin-
versuche nur solche Versuche ausgewählt, bei denen die Ausnutzung
befriedigend war.
Aus der Betrachtung der Tabellen ergibt sich nun ohne weiteres,
daß die einzelnen mit einem bestimmten Eiweißkörper angestellten
Versuche untereinander große Übereinstimmung zeigen. Es läßt
sich so der Ablauf der Zersetzung für jeden Eiweißkörper in einer
gut charakterisierten, unter den gleichen Versuchsbedingungen für
D€at8che8 Archiv f. klin. Medizin. 86. Bd. 36
634 XXXVI. Falta
ihn typischen Kurve darstellen. Doch bed&rfen die einzelnen Ta-
bellen vorher noch einer genaueren Besprechung.
Tabelle V. Versuche mit Kasein.
Von den angefahrten 8 Versuchen sind wohl nur die an Schw. und
Anton M. angestellten als völlig gelungen zu betrachten. Da bei den
Diabetikern Bohny und A. d. C die Kost abwechslungsreicher sein
mußte, so war in diesen Versuchen (IV — VIII) eine ebenso genaue Do-
sierung des N-Grehaltes der Standardkost nicht möglich. Immerhin
lassen auch diese Versuche den Typus der Kaseinkurve annähernd
erkennen, indem die N-Ausscheidung am Superpositionstag rapid an-
steigt; und am 2. Tag zur halben Höhe abf&Ut; innerhalb der ersten
24 Stunden kommen also ca. 60— 70^/o, innerhalb der zweiten
24 Stunden ca. 40— 30®/o des N wieder zum Vorschein. Die
exakteren Versuche an Schw. und Anton M. zeigen aber auch
noch am 3. und 4. Tag eine deutliche Vermehrung des Ham-N.
Ich glaube völlig berechtigt zu sein, den Ablauf der Zersetzung,
wie er in diesen Versuchen speziell in Versuch I und III zutage
tritt, als für das Kasein typisch anzusehen, da, wie schon er-
wähnt, die Dosierung der N-Einfuhr in der Standardkost hier am
genauesten war und vor allem die Ham-N-Zahlen der Vor- und
Nachperiode und die exakte Übereinstimmung des Plus an N-Ein-
fuhr mit dem an N-Ausfuhr auf ein völliges N-61eichgewicht der
Versuchspei-sonen schließen lassen. Es ist ja auch von vornherein
zu erwarten, daß so kleine Ausschläge, wie sie hier am 3. and
4. Tag gefunden wurden, nur unter ganz günstigen Verhältnissen
bemerkbar werden können. Ich will hier auch schon erwähnen,
daß der gleiche Charakter der Serumalbumin-, Fibrin- und Gela-
tinekurven diese Annahme wesentlich stützt. Nehmen wir das
Mittel aus Versuch I und III, so verteilt sich das Plus an N auf
die einzelnen Tage folgendermaßen:
I. Tag: 637o - II. Tag 22"/„ - III. Tag S% —
IV Tag 7 »/o.
Tragen wir diese Werte als Ordinaten auf eine Horizontale,
durch welche wir die täglich gleiche aus der Standardkost sich
herleitende N-Ausscheidung darstellen, auf, so resultiert daraas
die in der Kurventafel, Tabelle XV mit 1, bezeichnete Kurve.
In dem Versuch I (Schw. s. Kap. I Tab. I) wurde durch ge
sonderte Bestimmung der N-Ausscheidung im Tag- und Nachtham
der Ablauf der Zersetzung noch genauer verfolgt. Als völlig un-
beeinflußt von der Superposition sind von den Tagen mit Doppel-
Studien über den Eiiveißstoffwechsel. 535*
bestimmungen nur die beiden letzten Tage des Versuches (10. nnd
11. September) zu betrachten. Die Verteilung von Wasser, N und
spezifischem Gewicht auf Tag- und Nachtharn zeigt hier dasselbe
Verhalten, wie es Eornblum^) für den normalen Menschen al&
typisch bezeichnet hat. Denn 1. die Menge des Taghams fiber-
trifft die des Nachthams ^), 2. das spezifische Gewicht des Nacht-
bams ist höher als das des Taghams und 3. am Tage wird mehr
N ausgeschieden als in der Nacht Die Menge des TN zu der de»
NN verhält sich in den beiden letzten Tagen meines Versuchesr
wie 56,4 : 43,6. Für alle von der Superposition unbeeinflußten Tage
des ganzen Stoffwechselversuches ist oben eine mittlere tägliche
N-Ausscheidung von 17,61 g berechnet worden. Nach dem Quo-
tienten 56,4:43,6 entfallen hiervon 9,93 g N auf den Tag und
7,68 g N auf die Nacht Berechnen wir nun die durch die Kasein-
znfuhr bedingte Steigerung der N- Ausscheidung för Tag und Nacht
gesondert, so ergibt sich daraus: ffir den 6. September T 4,978 g
und N 6,608 g, fftr den 7. September T 2,048 g und N 1,799 g,
für den 8. September T 0,259 g und N 0,821 g und ffir den
9. September T 0,078 g und N 1,082 g N in toto : 17,621 g. Das
Plus an N verteilt sich daher auf die einzelnen Tag- und Nacht-
perioden wie folgt:
T 28,0«/o - N 37,7% - T 6,2% - N 15,7% - T 1,5% -
N4,6% - T0,5% - N5,8%.
Aus diesen Zahlen geht mit Sicherheit hervor, daß die N-
Ausscheidung schon während der Superposition rasch ansteigt, und
in der darauffolgenden Nacht ihren Höhepunkt er-
reicht. Das höchst merkwürdige Verhalten, daß in den nun
folgenden Versuchstagen das Plus an N in der Nacht immer viel
größer ist als das bei Tage, möchte ich aber noch nicht als ge-
sichert betrachten; dazu scheint mir doch die Berücksichtigung
TN
von nur 2 Versuchstagen für die Berechnung des Quotienten ^^
nicht ausreichend. Hingegen läßt sich aus diesen Zahlen noch eine
andere sichere Tatsache entnehmen, auf die ich hier nur kurz hin-
weisen will, nämlich die, daß die Kurve gegen Ende der
1) Kornblnm, Über die Ausscfaeidung^ des Stickstoffs bei Nierenkrank-
heiten etc. Arcli. f. pathol. Anatom, u. Physiol. Bd. 127 1892.
2) Vom 4.' September au wurde daranf geachtet, daß täglich die gleiche
Menge Flüssigkeit eingeführt wurde. Außer der schon in der Standardkost ent-
haltenen Flüssigkeit wurde täglich 0,5 1 Ruch-Eptinger- Wasser getrunken.
36*
Ö36 XXXVL Falta
ersten 24 Standen rasch abfällt, zu dieser Zeit eine
deutliche Knickung erfährt und dann einen langen,
sich auf 3X24 Stunden erstreckenden Schweif nach
sich zieht.
In dem in Tabelle IV mitgeteilten Easeinversuch an einem
Hund verläuft die Zersetzung des Hauptanteiles etwas rascher als
in den eben besprochenen Versuchen an Menschen. Das Pins an
N verteilt sich dort auf die einzelnen Tage wie folgt:
L Tag 68,7 «/o - H. Tag 18,9 % - m. Tag 8,7 % -
IV. Tag 8,7 %.
Ich habe aber schon bei der Besprechung dieses Versuches
im Kapitel I darauf hingewiesen, daß ein direkter Vergleich mit
<ien an Menschen angestellten Versuchen nicht angeht, weil das
Kasein beim Hand auf einmal und zwar am Morgen des Versuchs-
tages verabfolgt wurde, wodurch allerdings die Tatsache, dafi die
Kurve auch hier einen langen Schweif aufweist, um so mehr ins Ge
wicht fallt.
Tabelle VI. Versuche mit Serumalbumin.
Bei Versuch II ist eine genaue Berechnung nicht durchfuhr-
bar, da die Analyse für den 8. Versuchstag fehlt. Bis dorthin
zeigt die Kurve aber genau den gleichen Verlauf wie in Versuch V.
In Versuch I verteilt sich das Plus an N auf die einzelnen Tage
wie folgt:
I. Tag 61 «/o ~ II. Tag 22 \ — III. Tag 6«/o — IV. Tag 11%.
Wir erhalten also dieselbe Kurve wie beim Kasein.
Tabelle VIL Versuch mit Fibrin.
Das Plus an N verteilt sich auf die einzelnen Tage wie folgt:
I. Tag 54,2 % — IL Tag 24 % — HI. Tag 10,8 % -
IV. Tag 11,6 «/o.
Die Kui've zeigt also im allgemeinen den Charakter der
Kaseinkurve, nur ist das Plus am 1. Tag etwas niedriger, das an
den folgenden Tagen etwas höher.
Tabelle VIII. Versuch mit Gelatine.
Wie aus dem raschen Abfall der Kurve nach Beendigung der
Superposition ersichtlich ist, geht der Ablauf der Zersetzung hier
wohl etwas rascher vor sich als beim Kasein; doch sind die Ver-
suchsbedingungen hier zu kompliziert (negative N-Bilanz in der
Stadien über den Eiweißstotfwechsel. 537
Vor- und Nachperiode etc.) um einen direkten Vergleich zu er-
lauben.
Tabelle IX. Versuche mit Blutglobulin.
Der Unterschied gegenüber dem für das Kasein typischen Ab-
lauf der Zersetzung liegt in dem niedrigeren Gipfel am ersten und
der stärkeren Erhebung am 2. Tag. Am deutlichsten tritt dies
in Versuch I hervor. Da dieser Versuch am genauesten durch-
geführt wurde, benütze ich ihn für die Kurventafel. Der Ablauf
ist hier folgender:
I. Tag 53,2 o/o — n. Tag 88,4% — III. Tag S,i%')
In allen 3 Versuchen ist die Vermehrung der N-Ausscheidung
am 3. Tag noch sehr deutlich. Auffallend ist femer, daß in allen
Versuchen das Plus an N im Harn etwas größer ist als die im
Eiweißkörper eingeführte N-Menge. In Versuch I tritt dies noch
deutlicher hervor, da aus den Kot-N-Zahlen hervorgeht, daß der
Eiweißkörper nur bis zu ca. 80% ausgenützt wurde. Vielleicht
haben wir es hier mit einer toxischen, die Eiweißzersetzung stei-
gernden Wirkung des verwendeten Präparates zu tun.
Tabelle X. Versuche mit Hämoglobin.
Mit Ausnahme von Versuch I sind die Kurven nicht sehr ver-
läßlich, da die Einstellung offenbar nicht genau war. Doch stimmen
sie sämtlich darin überein, daß der Gipfel der Kurve hier nicht
mehr auf den 1., sondern auf den 2. Tag fällt ; auch ist am 3. Tag
überall noch ein starkes Plus zu bemerken. In Versuch I (N-
Bestimmung im Kot!) wurden 75% ausgenützt. Der Ablauf der
Zersetzung gestaltete sich hier wie folgt:
I. Tag 41,5% - n. Tag 48% - UI. Tag 15,4%.'^)
Tabelle XL Versuche mit genuinem Ovalbumin.
V^ir begegnen hier dem anderen Extrem im Ablauf der Zer-
setzung. Die Kurven sind ganz flach, ihr Gipfel fällt durchwegs
auf den 2. Tag; auch findet sich regelmäßig noch am 3. Tag ein
beträchtliches Plus an N im Harn, welches fast so groß ist wie
das des 1. Tages. Es dauert meist 5 Tage, bis die Zersetzung
beendet ist. Der Ablauf der Zersetzung gestaltet sich in den
einzelnen Versuchen wie folgt:
1) Vgl. die Kurve 2 auf der Knnrentafel, Tabelle XV.
2) Vgl. die Kurve 3 auf der Kurventafel, Tabelle XV.
938
XXXVI. Falta
I. Tag
U. Tag
III. Tag
IV. Tag
V. Tag
1.
27,3 «/o
39,2 %
17,3 o/o
7,8 »o
8,6%
2.
27
30
22
11
4.
28.7
38,3
20.5
8,0
4.5
5.
27
34
20
10
9
Versuch 3 und 6 zeigen im allgemeinen dieselbe Kurve, sind
aber für eine genaue Berechnung ungeeignet, da in Versuch 3 die
Ausschläge zu klein sind — es wurden nur 50 g superponiert —
in Versuch 6 der N-6ehalt der Standardkost zu sehr schwankt.
Aus Versuch 1, 2, 4 und 5 'ergeben sich als Mittel folgende
Zahlen.
I. Tag 27,5 \ — IL Tag 35,6 % — lU. Tag 20 'V« —
IV. Tag 8,9% - V. Tag 8%.^)
Beim Hund verläuft die Zersetzungsknrve des genuinen Oval-
bumins ähnlich wie die des Kaseins. Ich verweise auf meine Aus-
führungen im Kap. I.
Tabelle XII. Versuche mit koaguliertem Ovalbumin.
Im Versuch I an Schw. verläuft die Kurve ähnlich wie eine
Kaseinkurve. Auffallend ist, daß eine Vermehrung des Harn-N
am 3. und 4. Tag nach der Superposition nicht ersichtlich ist ob-
wohl in diesem Versuch die Dosierung der N-Einfuhr sehr genau
war. Ich vermute aber, daß der Kurve des koagulierten Oval-
bumins doch der völlige Kaseintypus zukommt; wenigstens scheint
mir die lange andauernde Erhöhung der Ham-N-Zahlen in Ver*
such n mehr in diesem Sinne zu sprechen.
Tabelle XIII. Versuch mit Ovovitellin.
Die Kurve verläuft hier ganz ähnlich wie die des genuinen
Ovalbumins. Ich möchte aber ausdrücklich bemerken, daß mir hier
ein Versuch nicht genügend erscheint, um dies als sicher stehend
anzunehmen.
Tabelle XIV. Versuche mit jodierten und bromierten
Eiweißkörpern.
Der Ablauf der Zersetzung jodierter und bromierter Eiweiß-
körper ist in der Arbeit : Der Eiweißstoffwechsel bei der Alkap-
tonurie ausführlich besprochen worden.
Der Ablauf der Zersetzung ist in folgender Kurventafel sche-
matisch wiedergegeben.
1) Vgl. die Kurve 4 auf der Eurventafel, Tabelle XV.
Stadien Aber den EiweiBstoIFwechBel.
U?
540 XXXVI. Falta
Die Resultate dieser Untersachangen lassen sich in folgenden
Sätzen zusammenfassen:
1. Die Zersetzung größerer Mengen reiner Ei-
weißpräparate geht nicht so rasch vor sich, als man
bisher angenommen hat Unter den hier eingeschla-
genen Versuchsbedingnngen dauert es auch bei den
leicht zersetzlichen Eiweißkörpern immer minde-
stens 3 Tage, vielleicht sogar 4 Tage, bis der ge-
samte Stickstoff wieder zum Vorschein kommt.
2. Die Schnelligkeit, mit welcher dabei die
Hauptmenge des Eiweißes zersetzt wird, ist bei ver-
schiedenen Eiweißkörpern verschieden. Die hier
untersuchten Eiweißkörper und eiweißartigen Sub-
stanzen (Leim) lassen sich nach ihrer Zersetzlich-
keit folgendermaßen ordnen: a) Leim, Kasein, Serum-
albumin, Fibrin, b) Blutglobulin, c) Hämoglobin,
d) Ovovitelin (?), genuines Ovalbumin.
3. Beim Fleischfresser scheinen derartige Unter-
schiede nicht vorhanden oder weniger markant za
sein; wenigstens gilt dies für den Hund, bei welchem
die Zersetzung des Kaseins und des genuinen Oval-
bumins wohl annähernd gleich schnell verläuft
4. Durch die Denaturierung (Koagulation) wird
der Ablauf der Zersetzung des Ovalbumins wesent-
lich beschleunigt
5. Durch die Einführung von Brom, nicht aber
durch die von Jod in das Eiweißmolekül wird der
Ablauf der Zersetzung wesentlich verlangsamt
IIL Kapitel.
Für die allgemein angewandte Methodik der StoflFwechselunter-
suchungen sind die am Schlüsse des vorigen Kapitels zusammen-
gefaßten Resultate nicht ohne Bedeutung. Den Einfluß eines
Nahrungsmittels auf den Stoffwechsel kann man ja in der Weise
prüfen, daß man dasselbe nach einer längeren Hungervorperiode
darreicht oder daß man es in der Versuchsperiode an Steile einer
an N äquivalierten Menge Fleisch, Milch, Käse etc. substituiert
oder daß man es auf eine Kost von täglich gleicher Zusammen-
setzung superponiert Die Methode der Substitution hat vor allem
den Nachteil, daß dabei zwar der N des substituierten Nahrungs-
Studien über den Eiweißstoffwechsel. 541
mittels wieder ersetzt, eine Anzahl anderer Bestandteile desselben^
deren Einfluß auf den Stoffwechsel uns z. T. noch sehr wenig be-
kannt ist, ausgeschaltet werden. Aber auch für die Untersuchung
chemisch einheitlicher Nahrungsmittel wie z. B. verschiedener Ei-
weißkörper macht sich bei der Methode der Substitution der Um-
stand unangenehm bemerkbar, daß ein Teil des im Beginn jeder
nenen Periode zur Zersetzung gelangenden N-haltigen Materials
noch aus der vorhergehenden Periode stammt; ein Anteil, der bei
verschiedenen Eiweißkörpern verschieden groß sein muß. Dazu
kommt der Umstand, auf den im nächsten Kapitel genauer ein-
gegangen werden soll, daß die Ausscheidung einzelner aus der
Zersetzung des Eiweißes sich herleitender Stoffwecbselendprodukte
nicht parallel verläuft. Aus diesen Überlegungen ergibt sich die
Forderung, bei der Methode der Substitution die ersten Tage
jeder neuen Periode für die Berechnung ganz ausfallen zu lassen,,
bis der Einfluß der vorausgegangenen Ernährung völlig abge-
klungen ist Die Anzahl der auszuschaltenden Tage wird ab-
hängig sein von der Art des in der vorhergehenden Periode ge-
reichten Eiweißes und von der Größe der Zufuhr. Daß diese
Forderung berechtigt ist, läßt sich leicht demonstrieren. Ich
brauche hier nur auf die bei der Alkaptonurie geltenden Verhält-
nisse hinzuweisen. Nehmen wir an, wir wollten in einem Falle
von Alkaptonurie bestimmen, wieviel Homogentisinsäure aus zwei
verschiedenen Eiweißkörpern z. B. aus genuinem Ovalbumin und au»
Kasein gebildet wird. Würden wir nun zuerst das Ovalbumin und
dann das Kasein in je Stägigen Perioden an Stelle einer an N
äquivalenten Menge anderer Nahrungsbestandteile substituieren, so
ist bei dieser Versuchsanordnung mit Sicherheit zu erwarten, daß
ein großer Teil des Ovalbumin-N erst in der Kaseinperiode zur
Ausscheidung gelangt, während das Kasein-N schon größtenteils^
in der Kaseinperiode wieder im Harn erscheint. Es kommt so zu
einer nicht unbeträchtlichen und vor allem ganz ungleichai*tigen
Verschiebung in den N-Bilanzen der beiden Perioden. Da nun femer
die bei der Umsetzung des Eiweißes entstehende Homogentisinsäure
viel rascher ausgeschieden wird als der zugehörige N, so würde in
den einzelnen Perioden zwar fast die ganze gebildete Homogentisin-
säure, von dem entsprechenden N aber ein sehr verschiedener An-
teil im Harn erscheinen. Wir bekämen so sowohl in der Ovalbumin*
wie in der Kaseinperiode falsche Werte für den Quotienten H : N ;
er würde für die Ovalbuminperiode zu groß, für die Kaseinperiode
zu klein ausfallen. Für die Ovalbuminperiode würde der Fehler
U2
XXXVl. Falta
aUerdini^s dadurch verkleinert, daß in ihrem Beginn noch ans der
Yorperiode stammender N, zur Ausscheidung gelangt Allein es
entsteht so ein Gewirre von Kurven^ das nicht mehr zu überblicken
ist. Ein einwandsfreies Resultat ließe sich mit. dieser Methode nur
erzielen, wenn beide Perioden viel länger dauerten, und wenn, wie
oben gefordert, die ersten 3—4 Tage jeder neuen Periode ganz hqs
-der Berechnung ausgeschaltet würden.
Ganz gleiche Schwierigkeiten bestehen für die Bestimmnng
-des Quotienten D:N beim Diabetes mellitus, worauf ich in einer
4späteren Mitteilung noch zurückkommen will.
Aus der Würdigung dieser Verhältnisse ergibt sich auch die
Forderung, keine 24 stündigen Bilanzen aufzustellen, wenn nicht
€ine mindestens 5— 6tägige Periode gleicher Ernährung voraus-
gegangen ist. In meiner früheren Arbeit über den Eiweiflstoff-
Wechsel bei der Alkaptonurie ist während der ganzen Dauer des
Versuches die Berechnung der 24 stündigen Bilanzen in der Absicht
•durchgeführt worden, in dieser zweiten Arbeit zeigen zu können,
wie bedeutende positive und negative Bilanzen vorgetäuscht werden
können, wenn man sich nicht an die eben besprochene Vorschrift
hält. An allen Eiweißversuchstagen treten dort positive Bilanzen
auf, die mehrere Tage hindurch von negativen gefolgt werden.
Daß die Versuchsperson damals sich aber vollkommen im N-Gleich-
gewicht befand, geht daraus hervor, daß die positive Bilanz jedes-
mal gleich ist der Summe der folgenden negativen Bilanzen. Ich
lasse als Beispiel den Ovalbuminversuch vom 5. März folgen.
rn
rabelle XVI.
Datum
N-£infahr
Gesamt-N-Ausfuhr N-Bilanz
3./4. Mllrz
15,20
15,11
-0.09
4.1b. „
16,20
15,03
-1,17
6./6. „
26,76
18,59
_
-847
6./7. „
15,20
19,28
-4,08
rß. „
15,20
17.56
-f-S
8./9. „
15,20
16,48
-1,28
9/10. „
15,20
16,37
-i,i:
10./11. „
15,20
15,31
-0,11
Je schwerer zersetzlich ein Eiweifikörper ist, desto deutlicher
wird sich die Verschiebung der Bilanzen bemerkbar machen, ond
desto länger wird sie dauern. Dies gilt natürlich in erster Linie
für das genuine Ovalbumin. Aber auch beim Kasein beträgt ja
tder Ausfall an N im Harn am Versuchstag ca. 40 % der im KKdn
Stadien über den Eiweißstoffwechsel. 543
«nthaltenen N-Menge. Und hier sind nur verhältnismäßig kleine
Eiweißmengen verwendet worden. Bei Verwendung von 200 g eines
Eiweißpräparates können da in kurzen Versnchsperioden ganz ge^
hörige N-Retentionen vorgetäuscht wei'den.
Alle Schwierigkeiten, die für die Methode der Substitution
aufgezählt wurden, gelten für die der Superposition nicht. Der
Ablauf der Zersetzung ist hier in allen Details genau zu über-
blicken. Die Kurven der einzelnen StoflFwechselendprodukte des
N. des C, des S, P, der Homogentisinsäure etc. sind hier leicht zu
verfolgen, ein Ineinandergreifen dei-selben nicht zu fürchten; auch
wird die Aufstellung der Bilanz durch Gegenüberstellung des Plus
an Einfuhr und Ausfuhr sehr erleichtert. Die Methode hat nur
den Nachteil, daß sie der Versuchsperson am Eiweißtag ziemlich
viel zumutet, da ja die Standardkost nicht zu dürftig gewählt
w^erden darf, und daß die Zusammensetzung der Standardkost nicht
ganz ohne Einfluß auf den Ablauf der Zersetzung des Versuclis-
objekts sein wird. ^) Man wird daher gut tun, in allen Verauchs*
reihen eine Standardkost von gleicher Zusammensetzung zu ver*
wenden. Ich schlage hierfür die in Versuch A. Schw. Kapitel lA
gewählte Kostordnung vor. Bei Versuchen an Diabetikern oder
Nierenkranken müßte sie allerdings modifiziert werden; doch wäre
darauf zu achten, daß auch hier für die einzelnen Versuchsreihen
Übereinstimmung erzielt würde.
IV. Kapitel.
i^s erübrigt nun noch, die im 2. Kapitel gewonnenen Ergeb-
nisse den bisher bekannten Gesetzen des Stoffwechsels anzugliedern.
über den zeitlichen Ablauf der Eiweißzersetzung im Tierkörper
liegen bereits eine große Anzahl von Untersuchungen vor. Zuerst
haben Panum^) und Falck') beim Fleischfresser die Kurve der
N-Ausscheidung nach reichlicher Fleischfütterung verfolgt. Die
N-Ausscheidung stieg fast unmittelbar nach der Nahrungszufuhr
an und erreichte ihr Maximum etwa in der 6. Stunde. Zu dieser
Zeit war die Hälfte des verzehrten Stickstoffs wieder ausgeschieden.
1) Ich erinnere nnr an die Beeinflussung der Eiweißzersetznng durch gleich-
zeitige Fettznfuhr (Gruher^ Einige Bemerkungen über den Eiweiß-Stoffwechsel
JZeitaehr. für Biolog. Bd. 42 1901).
2) Panum, Nord, medic. Arkiv Bd. 6 Nr. 12 1874, vgl. Hermann's Handb. 6
T. 1 107.
3) Falck, Beitr. e. PhysioL Hygiene etc. von C. Ph. Falck und F. A.
Falck, Bd. 1 1875, vgl. Hermann's Handb. 6 T. 1 p. 107.
544
XXXVI. Falta
Feder ^) untersuchte in 2 ständigen Perioden. Der Einfluß der
Nahrung machte sich auch hier sofort durch beträchtliche Steige-
rung der N -Ausscheidung geltend. Die N- Ausscheidung erreichte
bei 500 g Fleisch in der 5.-6. Stunde, bei 1000 g in der 7.-8.
Stunde ihr Maximum. Das Maximum wird also durch die Steige-
rung der Zufuhr hinausgeschoben. Ist das Maximum überschritten,
so sinkt die Kurve zuerst schneller, dann langsamer ab und zieht
endlich einen langen Schweif nach sich. F. v. G e b h a r d t *) kam
gleichzeitig zu demselben Resultat. Die Arbeit Fe der 's, in der
auch Schwefelsäure- und Phosphorsäureausscheidung berücksichtigt
werden, bringt noch einen weiteren Fortschritt durch die Behand-
lung der Frage, inwieweit der zeitliche Ablauf der Resorption und
derjenige der Zersetzung zusammenfallen. Feder hat die be-
kannten Untersuchungen von Schmid-Mülheim'), in denen Hunde
in verschiedenen Intervallen nach Fleischfütterung getötet und die
Menge des noch im Magendarmkanal befindlichen Eiweißes be-
stimmt wurde, auf 2 stündige Perioden umgerechnet, und die so
gewonnene Resorptionskur\'e mit seiner Ausscheidungskurve ver-
glichen. Ich lasse hier die Tabelle Feder^s folgen:
Tabelle XVII.
Von 100 g N
Von 100 g N
Periode
werden
werden aus-
resorbiert
geschieden
1
1
36,2
8,1
2
11,2
11,8
3
9,1
13,6
4
; 12,6
13,3
5
12,8
12,3
6
13,0
10,6
7
5,2
7,6
8
f>,5
9
1
5,0
10
1
4;5
11
4,5
12
1 —
3,3
Feder glaubt die fast nur in der 1. und von der 6. Periode an
auftretenden Differenzen in beiden Kurven so erklären zu können,
1) Feder, Der zeitliche Ablauf der Zersetzung im Tierkörper. Zeitschr.
für Biolog. Bd. 17 1881.
2) F. V. Gebhardt, Pflüger's Arch. Bd. 65 1881.
3) Schmid-MUlheim,A., Untersuchungen ttber die Verdauung der Eiweifi-
körper. Arch. f. Physiol. 1879.
Studien über den Eiweißstoffwechsel. 545
daß ein beträchtlicher Teil des in den beiden ersten Standen ans
dem Verdannngskanal überschüssig zugeführten Eiweißes — über
^4 der Tagesmenge — auf irdendeine Weise den Bedingungen des
Zerfalls entzogen und im Körper aufgespeichert würde. „In den
folgenden Stunden, solange die Resorption dauert, scheint sodann
die jeweilig resorbierte Eiweißmenge stets sofort zu zerfallen, so
daß mit Abschluß der Resorption, in der 13. Stunde ungefähr, nur
mehr der anfanglich aufgespeicherte Vorrat verfügbar ist und nun
allmählich ebenfalls in die Bedingungen des Zerfalls hineinbezogen
wird."
Ich werde auf diese Vorstellung Feder's und überhaupt auf
die Diflferenzen im Ablauf der Resorptions- und Zersetzungskurven
später noch zurückkommen. Die Untersuchungen Erummacher's^)
habe ich schon im 2. Kapitel erwähnt. Sie zeigen, daß beim Fleisch-
A-esser die Eiweißzersetzung nach einmaliger Fütterung rascher
abläuft, als nach Fütterung derselben Fleischmenge in mehreren
Portionen.
Am Menschen haben Tschlenoff*), v. Veraguth*) und
Rosemann ^) den Ablauf der N- Ausscheidung nach Fleischkost
bestimmt Sie finden 2 Gipfel; der 1. fällt in die 2.-4. Stunde,
der 2. in die 6. — 7. Stunde nach der Mahlzeit.
Obwohl die genannten Arbeiten, sowohl was Versuchsgedanke
als Versuchsanordnung anbelangt, sich wesentlich von meinen Unter*
suchungen unterscheiden, so habe ich sie doch erwähnt, weil sich
einzelne Berührungspunkte finden, die ich später noch in die Dis*
kussion ziehen will. Nur die Versuche von Graffenberger*^)
lassen einen direkten Vergleich mit meinen Versuchen zu. Graf f en-
berger hat den Ablauf der Zersetzung des Fibrins, Leims, Peptons
und des Asparagins an sich selbst studiert, indem er die betreffen-
den Substanzen auf die täglich gleiche Kost superponierte. Der
Gipfelpunkt der Kurve lag bei den 3 erstgenannten Substanzen in
der 3. oder 4. Stunde nach der Einnahme, beim Pepton nach der 10.
Allein den Versuchen haftet, wie der Autor selbst betont, der Fehler
1) Rrummacher, a. a. 0.
2) Tflchlenoff, Der zeitliche Ablanf der N-Ausscheidung im Harn nach
der Mahkeit. Korr.-Bl. f. Schweizer Ärzte Nr. 3 1896.
3) V. Veraguth, Journ. o£ Physiolog. 21.
4) Rosemann, Über den Ablauf der N - Ausscheidung beim Menschen.
Pflüger's Arch. Bd. 65 1897.
ö) L. Graffenberger, Versuche zur Feststellung des zeitlichen Ablaufs
der Zersetzung von Fibrin, Leim, Pepton und Asparagin. Zeitschr. f. Biolog.
Bd. 28 1891.
546 XXXVI. Falta
an, dafi wir wegen mangelnder N-Bestimmnngen im Kot über die
Aosnätzang der Präparate nichts Sicheres wissen, besonders aber,
daß die saperponierten Mengen za klein waren — das Pias an N
betrog jedesmal nur 5 g — , wodurch die Deutung der Eurven
unsicher wird. Versuche fiber den Ablauf der Zersetzung Ter-
schiedener Eiweifikörper liegen in der Literatur bisher überhaupt
nicht vor.
Es fragt sich nun, in welcher Beziehung die Resultate meiner
Untersuchungen zu den von C. V o i t ^) aufgestellten Gesetzen des
Eiweißstoffwechsels stehen. Die den Voi tischen Gesetzen zugrunde
liegenden Untersuchungen sind sämtlich am Hunde angestellt worden.
Obwohl wir bei der Übertragung aller am Fleischfresser gewonnenen
Erfahrungen auf den StoflFwechsel des Omnivoren sehr vorsichtig"
sein müssen — ich erinnere nur an das verschiedene Verhalten
des genuinen Ovalbumins beim Menschen und Hund — und eine
systematische Nachprüfung der Yoit 'sehen Gesetze am Menschen
fehlt, so läßt sich doch bei der Betrachtung der zahllosen Unter-
suchungen des menschlichen Stoffwechsels unschwer erkennen, daß die
wichtigsten diese Gesetze auch beim Menschen sicher Geltung haben.
Dasjenige Gesetz, welches unser Interesse hier vorwiegend in An-
spruch nimmt, läßt sich folgendermaßen formulieren: Beim Über-
gang von einer eiweißarmen, aber ausreichenden zu einer eiweiß-
reichen Kost tritt nicht sofort N-Gleichgewicht ein, sondern erst nach
einiger Zeit. Die Kurve der N* Ausscheidung steigt zuerst rasch,
dann immer langsamer an; es kann mehrere Tage dauern (bis
7 Tage beim Hund und bei FleischfÜtterung) bis der neue Gleich-
gewichtszustand erreicht ist ; es dauert um so länger, je grSßer die
Differenz im Eiweißgehalt der beiden Nahrungsperioden ist Folgt
umgekehrt auf eine Periode reichlichster Eiweißkost plötzlich eine
eiweißarme Ernährung, so sinkt die N-Ausscheidung zuerst rasch,
dann immer langsamer, um nur allmählich in den neuen Gleich-
gewichtszustand Überzugehen. V o i t deutet diese Erscheinung in
der Weise, daß dem jeweiligen Eiweißgehalt der Nahrung ein be-
stimmter Eiweißgehalt der Säfte, ein bestimmter Gehalt an „zirku-
lierendem" Eiweiß entspricht. Beim Übergang von einer eiweiß-
armen zu einer eiweißreichen Nahrung muß der Organismus die
Menge seines zirkulierenden Eiweißes erhöhen — daher die
N-Retention.
1) C. Volt, in Hermann's Handbach d. Phjsiol. und der Fortpflanznnir n-
Physiolog. d. allgemeinen Stoffwechsels 1881.
Stadien über den EiweiOstoffwechsel.
547
Die Untersachongen Gruber's') haben nns die Vorstellung
des Zustandekommens der Voit' sehen Karre wesentlich erleichtert.
Grub er hat die Versuchsanordnung Voit's in der Weise modi-
fiziert, dafi er nach einer Hungervorperiode eine einmalige reich-
liche Fleischnahmng gab. Jetzt ging die Ausscheidung explosions^
artig in die Höhe, kehrte aber binnen 24 Stunden nicht zur Norm
zurück, sie wies vielmehr, nachdem sie zuerst rasch abgefallen
war, am Ende des Ffttterungstages eine deutliche Knickung auf^
und zog einen langen Schweif nach sich, der in seinem Versuch
über 2 weitere Tage dauerte, bis endlich erst am 3. Tag das
Hangerminimnm erreicht war. Aus dieser Kurve erklärt Grub er
den „N-Ansatz bei steigender und Eiweißverlnst bei fallender Ei-
weiBzufuhr". „Die vorübergehende EiweiBretention ist einfach die
Folge der Superposition der Stunden- (Tage8)-Kurven." Dies wird
von G r u b e r in folgendem Schema veranschaulicht :
Tabelle XVIIL
Ftttternngstage
Hangertage
1.
2.
3. 4.
ö.
1.
2.
3.
80
13 6
80 13
2
6
2
80
13
ö
2
80
13
ö
2
80
13
ö
2
80
93
98
100
100
20
7
2
Damit ist nun allerdings der Verlauf der Voit' sehen Kurven:
erklärt, es ist aber noch nicht erklärt, warum ein Teil des Muskel-
eiweißes in so auffallend verzögerter Weise zersetzt wird. Grube r
diskutiert die verschiedenen Möglichkeiten: eine so lange Dauer
der Resorption lehnt Gruber ab unter Hinweis auf die Schmid-
Mnlheim' sehen Erfahrungen, ebenso eine Erlahmung der Zer-
setzungskraft im Hinblick auf die Tatsache, daß die Kurve bei
erneuter Fleischdarreichung sofoit wieder in die Höhe schnellt;
eine ungleich rasche Verbrennung des Eiweißes in verschiedenen
Organen des Körpers ist bei der Geschwindigkeit des Flüssigkeit^-
austausches kaum denkbar. Als völlig unhaltbar wird besonders
die Annahme zurückgewiesen, es möchte der zurückgehaltene N
nicht Eiweiß sondern N-haltige Zersetzungsprodukte des Eiweißes^
1) Grab er, Einige Bemerkungen über den EiweiOstoffwechsel. Zeitschr.
f. Biolog. Bd. 42 1901.
548 XXXVI. Falta
sein, die ei-st allmählich den Körper verließen. Als Gegengrande
fahrt Grub er hauptsächlich folgendes an: das Ereatin könne es
nicht sein, da dieses nach seinen Untersnchangen sofort ausge-
schieden werde ^); femer ginge die Ansscheidang des Harnstoffs.
4er Harnsäure (?j und des S(?) mit der des N parallel; es lieBe
sich ferner der Gang der N- Ausscheidung durch vermehrte Flüssig-
keitszufuhr nur wenig beeinflussen und endlich käme man bei der
Berechnung des kalorischen \A'ertes der Zersetzungen zu nnm^-
liehen Resultaten, wenn man annehmen wurde, daß „der anfangs
zurückgehaltene resp. später ausgewaschene N nicht Eiweißmole-
külen, sondern kalorisch wertlosen Exkretstoffen angehöre.^ Gruber
kommt zu dem Schluß, daß das zu zerlegende Material nicht gleich-
artig ist, daß die einzelnen bei der Verdauung des Fleisches im
Darmkanal entstehenden Eiweißkörper und eiweißartigen Sub-
stanzen sich verschieden resistent gegen die Zersetzung verhalten
könnten.
Diese Vermutung Grub er 's ist durch meine Untersuchungen
insofern bestätigt worden, als einzelne Gruppen von Eiweißkörpeni
rsich als wesentlich schwerer zersetzlich erwiesen haben als andere.
Dadurch wird aber der Verlauf der Grube r'schen Kurve nur
z. T. erklärt; speziell das allmähliche Abklingen der Ausscheidong
•des aus dem Fleisch stammenden N nach der rascheren Elimi-
nation des Hauptanteiles bleibt nach wie vor unverständlich, da
wir einen ganz gleichen Charakter der Kurve auch nach Einfuhr
nur eines einzelnen Eiweißkörpers wie des Kaseins, des Serum-
Albumins, des Fibrins, Leimes etc. gesehen haben. Es trifft dies
gerade die leicht zersetzlichen Eiweißkörper. Durch gesonderte
Bestimmung des Tag- und Nachtharns ließ sich ferner zeigen,
■daß die Kaseinkurve genau dieselbe Abknickung
nach der Elimination des Hauptanteiles des N auf-
^veist. Es zeigt also dieser Typus eine völlige Übereinstimmung
mit der von Grub er beim Hund nach Fleischfütterung gewoo-
nenen Kurve. Natürlich ist durch die Ungleichartigkeit der Verhält-
nisse ein direkter Vergleich beider Kurven nur mit Vorsicht möglich;
immerhin ist aber ohne weiteres ersichtlich, daß nach Einfuhr von
Kasein, Fibrin etc. ebenso wie nach Fleischeinfuhr die Ausschei-
dung eines Teiles des eingeführten N nachhinkt, und darauf
1) Vgl. die neuen Untersuchnngen Rubner^s (Über das Verhalten der£x-
traktivstofife im Hunger. Arch. f. Hygiene.' Bd. 51 H. 1 1904), nach welchen rom
Extrakt schon 80% beseitigt sind, wenn Tom reinen Eiweiß kaum ein Viertel
.seiner Zersetzungsprodukte geliefert sind.
Studien über den Eiweißstoffwechsel. 549
kommt es hier allein an. Daß in meinem Easeinversuch der
gleiche Ablauf der Kurve auch bei Berücksichtigung 12 stündiger
Intervalle noch erkennbar ist, liegt natürlich nur an dem größeren
Angebot von Eiweiß, und der Verteilung der Einfuhr auf 11 Stunden.
Läßt sieb nun für die verzögerte Ausscheidung eines Teiles des
N eine Erklärung finden? Mit Grub er möchte ich ohne weiteres
eine Erlahmung der Zersetzungskraft und eine ungleich rasche
Verbrennung des Eiweißes in verschiedenen Organen des Körpers
ablehnen. Eine Beeinflussung der Kurven durch Extraktivstoffe
kommt für meine Versuche natürlich überhaupt nicht in Betracht.
Femer geht aus dem Vergleich der Versuche Feder's und
Schmidt- Mülheimes (s. die Tabelle XVII) hervor, daß die lange
Dauer der Eiweißzersetzung unmöglich durch eine ebensolange
Dauer der Resorption verursacht werden kann. Dies läßt sich
mit ziemlicher Sicherheit wenigstens für die am Fleischfresser ge-
wonnenen Kurven, also für die Kurven Voit^s, Feder's und
Gruber 's behaupten. Aber auch in meinen Versuchen läßt sich,
trotzdem wir über den zeitlichen Ablauf der Resorption pulver-
förmiger Eiweißpräparate so gut wie nichts wissen, bei einiger
Überlegung wohl kaum annehmen, daß die Resorption so lange
gedauert hätte und daß die verschiedene Dauer der Zersetzung
bei den einzelnen Eiweißkörpern im wesentlichen auf verschiedene
Dauer der Resorption zurückzuführen wäre; mit anderen Worten:
daß der zeitliche Ablauf der Resorptionskurve die Gestaltung
der Zersetzungskurve bedinge. Zuerst ist hier zu bedenken, daß
die gesamte an den Versuchstagen gereichte Eiweißmenge niemals
so groß war, um der Aufsaugung im Digestionsschlauch ernstliche
Schwierigkeiten zu bereiten, besonders da das Eiweißpräparat
nicht auf einmal, sondern in 4 Portionen auf den ganzen Tag
verteilt gereicht wurde. Jede Portion wurde im Anschluß an eine
Mahlzeit verzehrt, wodurch eine gute Vermischung des Eiweiß-
pulvers mit den übrigen Bestandteilen der Nahrung erzielt, die
Lösung erleichtert und eine Störung der Saftsekretion im Sinne
Pawlow's vermieden worden sein dürfte. Auch ist eine indi-
viduelle Schwäche der Darmfunktionen durch die große Anzahl
der Versuchspersonen ausgeschlossen. Ich halte es daher für sehr
wahrscheinlich, daß der Dünndarm am Morgen nach dem Ver-
suchstag schon leer war.^) Eine verspätete Resorption ist aller-
1) Sicard und Jofroit (cit. nach Schmidt-StraÜburger, Die Fäces
4es Menschen 1905 II. Anfi.) konnten durch Radioskopie nachweisen, daß die In-
Deutsches Archiv f. klin. Medizin. 8G. Bd. 37
550 XXXVI. Falta
dings noch in anderer Weise denkbar. Der Dickdarm yermagr
nicht unbeträchtliche Mengen von Eiweiß zu resorbieren, nach den
Versuchen von Czerijy und Latschenberger \) sogar bei
völligem Abschluß der Verdauungssäfte. Die Annahme einer nach-
träglichen Resorption vom Dickdarm aus ist also nicht von der Hand
zu weisen, obwohl sie in dem zur Erklärung meiner Kurven nötigen
Umfang — auch bei den leicht zersetzlichen Eiweißkörpern wärden
dann 40% des Eiweißes vom Dickdarm aus resorbiert — höchst
unwahrscheinlich ist. Diese Annahme wärde aber im besten Falle
nur noch die N- Vermehrung am 2. Tag, die am 3. Tag schon
nicht mehr erklären; dies geht aus meinen regelmäßigen Notizen
über den Abgang der vor und nach dem Versuche gereichten Ab-
grenzungspulver hervor, nach welchen das Erscheinen des ent-
sprechenden Kotes in der Mehrzahl der Fälle 36 Stunden nach
Eingabe der letzten Eiweißportion beendet war. In den Ver-
suchen mit Blutglobulin, Hämoglobin und genuinem Ovalbumin
werden aber gerade am 3. Tage noch ganz beträchtliche X-Mengen
ausgeschieden; in den Versuchen mit genuinem Ovalbumin erstreckt
sich der Ablauf der Kurve ja sogar auf einen Zeitraum von 5 Tagen.
Diese Beobachtung beweist, daß in allen Ver-
suchen die Resorptionskurve rascher abläuft als die
Zersetznngskurve und ferner, daß die dadurch be-
dingte Differenz zwischen Eesorptions- und Zer-
setzungskurve bei verschiedenen Eiweißkörpern
verschieden groß gedacht werden muß.
Dieser Satz baut sich allerdings auf der Voraussetzung auf.
daß wesentliche Differenzen zwischen dem Ablauf der Zersetzungs-
und Ausscheidungskurve nicht bestehen. Eine Zurückhaltung X-
haltiger Stoffwechsel endprodukte anzunehmen, dazu haben wir —
das ist wohl die allgemein herrschende Anschauung — nicht den
geringsten Grund. Gegen eine solche Annahme spricht schon die
kalorische Berechnung der Zersetzungen (G r u b e r a. a. O.), femer
der Umstand, daß der Harnstoffgehalt des Blutes und der Organe
keine wesentlichen Schwankungen aufweist (C. Voit a. a. 0.) und
daß beim Gesunden per os gereichter Harnstoff sofort wieder durch
^esta unter normalen Verhältnissen gewöhnlich nach ca. 7 Stunden bereits die
Banhini'sche Klappe erreichen, dann weitere 7 Stunden im Oöcnm und CokA
ascendens Terweilen, um den übrigen Dickdarm in ca. 3 Stunden zu passieren.
Die Darmpassage dauert also ca. 24 Stunden. Es stimmt dies mit den an Pa-
tienten mit KotÄsteln gesammelten Erfahrungen überein.
1) Czerny und Latschenberger, Virch. Arch. 59 1874.
Stadien über den EiweiOätoffwechsel. 55t
die Nieren ausgeschieden wird. Ich erwähne hier nur die ünter-
snchnngen von Ch. Achard und G. Paisseau.^) Diese Autoren
fugten einer sonst fixen Diät 5 Tage hindurch je 20 g Harnstoff
(=9^3 g N) bei. Die N-Kurve stieg sofort steil an, hielt sich
während der 5 Versuchstage auf gleicher Höhe und fiel nach Aus-
setzen der HarnstofFzufuhr sofort wieder zur Norm ab.-) Eine
Retention von Harnstoff tritt nur unter pathologischen Verhält-
nissen, bei der Cholera, dem Flecktyphus, der Nephritis etc. auf.
Ich möchte diesen Punkt nicht verlassen, ohne ein sehr instruk-
tives Beispiel für eine derartige Divergenz der Zersetzungs- und
Ausscheidungskurven, das sich durch die Methode der Snperposition
bei einem Nephritiker gewinnen ließ, mitzuteilen.
Stoffwechselversuch an einem Nephritiker.
Hermann Fr. 51 Jahre alt, Wagner. Eintritt in das Spital an>
23. Februar 1905.
Anamnese: Seit 14 Tagen bemerkt Patient Dunkelfärbung des
Urins und starken Satz, Schwellung der Hände und Füße, zunehmende
Müdigkeit, bisweilen Frösteln, Kopfschmerz und Herzklopfen.
Status: Kräftiger großer Patient, von gutem Ernährungszustand.
Gesicht blaß, gedunsen. Ödeme an Händen und Füßen. Körpergewicht
66 kg. Herzdämpfung nicht vergrößert, Spitzenstoß innerhalb der Mam-
millarlinie. IL Aortenton leicht accentuiert. Puls etwas härter. Lungen
normal, Leber und Milz nicht palpabel. Augenhintergrund ohne Ver-
änderungen. Im Harn reichlich Eiweiß. Massenhaftes Sediment von
dnnkelbraunroter Farbe. Mikroskopisch: massenhaft granulierte Zy-
linder, einzelne Epithelien, viele rote Blutkörperchen. Im filtrierten Harn
van Deen'sche Probe stark positiv. Harnmenge etwas vermindert, um
1400 ccm, spezifisches Gewicht 1012 — 1014. Diagnose: akute hämor-
rhagische Nephritis. Milchdiät.
1. März Harnmenge nur 2000, spezifisches Gewicht 1012, Harn
immer noch stark bluthaltig, reichliches Sediment. Eiweiß 2 ^j^^, Blut-
druck (Riva-Rocci) 160 mm Hg.
14. März Harnmenge in der letzten Woche zwischen 3000 und
4000. Ödeme verschwunden. Körpergewicht 61,9 kg.
30. März Harnmenge jetzt zwischen 2300 — 2600 ccm, spezifische»
1) Achard. Chr., und G. Painseau, Semaine med. 1904 p. 209.
2) Damit wird dem von Frank und Trommsdorff (s. später^ mathe-
matisch abgeleiteten Satz, daß das Maximum der Kurve der Abscheidnu^s-
geschwindigkeiten später fällt als das Maximum der Kurve der Zersetzungs-
gescb windigkeiten, natürlich nicht widersprochen. Allein bei dem feinen Begn-
lierungsmechanismns für den Abfluß des gebildeten Harnstoffs etc. kann es sich
wohl nur um kleine zeitliche Intervalle bandeln, welche die großen Difterenzeu
zwischen Besorption und Ausscheidung, wie sie in meinen Versuchen angenommen
werden müssen auch nur annähernd zu erklären völlig ungeeignet sind.
37*
552
XXXVI. Falta
Gewicht 1009—1010. Eiweißgehalt 2— 3%,,, Im Sediment immer
noch reichliche Zylinder und rote Blutkörperchen, im filtrierten Harn
van Deen'sche Prohe noch schwach positiv. Allgemeinbefinden etwu
besser.
Vom 28. März folgende Kost: Milch i) 3 1, Zwieback 2) 120 *r.
1 Ei, Fleischbrühe \'^ l, Reis 50 g oder Gries 50 oder Nudeln 60 g>)
Kach-Eptinger Wasser.
Tabelle XIX.*)
N-Ein-
Ham-
Suez.
N im
Datum
Diät
fnhr
1
^
menge
Gew.
Harn
8./4. April
19,7
2470
1012
18,357
4,ö. „ ; . 19,1
2370
1012
17j:)8
O.6. „ ; 20,2
2840
1012
18.498
6.7. „ * ' 19,0
2660
1014
17,715
7/8. „1 + 80 g Kasein
30,90
2980
1012
21,1»3
a/y. „ '
19,7
2950
1014
21.<»i
9. ,10. „
' 19,1
2920
1011
20.112
10.11. „
20,2
2540
1012
19.131
8. Juni. Im Laufe des Monats Mai stieg die Harnmenge allmäh-
lich an, jetzt um 3000 ccm, das spezifische Gewicht sank auf 1011 bis
1008. Blut ist seit Mitte Mai nicht mehr nachweisbar, Menge des Ei-
weißes (Bestimmung nach Scherer) 2 — 2,5 ^Voo« ^ur ganz spärlich
geformte Elemente. Herzdämpfung etwas verbreitert. II. Aorteuton
deutlich accentuiert. Puls hart. Blutdruck: 160 mm Hg. Das All-
gemeinbefinden hat sich wesentlich gebessert, Appetit gut, Körpergewicht
nimmt seit Anfang Mai dauernd zu, jetzt 68,5 kg, keine Ödeme. Dia-
gnose : chronische Nierenerkrankung.
Diät: Patient hat von Mitte Mai an täglich 100—150 g Fleisch
gut vertragen von heute an Kost wie im Versuch I, nur wurden jedes-
mal statt 60 g nur 50 g Nudeln verabfolgt (s. Tab. XX).
Der I. Versuch fällt in eine Periode, in der zweifellos N-
Gleichgewicht bestand ; dies geht aus den Harn-N-Zahlen der Vor-
periode (4. — 6. April) deutlich genug hervor. Allerdings fehlen
die N-Zahlen für den Kot. Nur am Versuchstag ist der Kot-N
bestimmt worden. Trockensubstanz = 27 g. N-Prozent = 5,00 X
1) Sterilisierte Flaschenmilch von einer Füllung, die für den ganzen Versoch
ausreichte. N-Gehalt 0,50 «/q.
2) Singer-Zwieback von einem Teig N-Gehalt 2,202 o/o-
3) Reis, Gries oder Nudeln wurden mit etwas Fleischbrühe und ca. 100 cem
dem tägl. Quantum entnommener Milch zubereitet. Beis: N-Gehalt 1,38, Gritra
2,56, Nudeln 2,97%.
4) Diese Versuche wurden von Frl. Margarethe Wachsmuth, Voloutär-
assistentin der Klinik, ausgeführt, wofür ich hiermit meinen besten Dank aus-
spreche.
Stadien über den £iweiÜstoff Wechsel.
553
in toto = 1,35 g. Das Kasein ist also sehr gut ausgenützt worden.
Da die Kost genau dieselbe war wie in Versuch II kann man wohl
mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß auch in Versuch I ca.
1,39 g N täglich mit dem Kot ausgeschieden wurden. Es besteht
also, wie schon erwähnt, N-Gleich gewicht. Nach Superposition von
80 g Kasein am 7. April sehen wir die N-Ausscheidung
in einer Kurve ablaufen, die vollständig den Kasein-
typus verleugnet und den des genuinen Ovalbumins«
nachahmt. Die durchschnittliche N- Ausscheidung: im Harn in
der Vorperiode beträgt 17,932 g N (Mittel aus 18,347, 17,158,
18,498 und 17,715). Das Plus an N beträgt 10,34» g (3,261 vom
7. April, 3,709 vom 8. April, 2,180 vom 9. April und 1,199 vom
10. April). In dem eingeführten Kasein waren 11,2 g N enthalten.
Es besteht jedenfalls auch in der zweiten Hälfte des Versuches
N-Gleichgewicht
Tabelle XX.
kl 0}
•
@
-t^ »4
Datum
Diät
g *
0)
O
CO
N im Hai
Kot
Täglich
N im Ko
Gesamt-
N-Ausfnh
N-Bilanz
1
1
1
•
•
\ Trocken-
ll./12.Jüni
19,9
3700 lOOS; ? 1 Substanz
2790 1011, 14,61 \ 106,5 g
2620 1009 14,40' 1 3,53 «/oN
1,24
12/13. „
19,1
1,24
15,85
- 3,25
13.14. „
19,9
1,24
15,64
-r- 4.26
:iNing = 3,73
Trocken-
14.15. „ '+80g Kasein
30,9
3480 1011
18,22
substanz
r — 68.5 fr
2,644
20,86
;- 10,04
1 »'W,»^ f^
} 3,870/0 N
15./16. „
19,1
2700
1017
16,63
Trocken-
substanz
= 139g
3,92% N
N in g — 5,45
1,38
18,01
— 1,09
16.17. „
n./i8. n
19,9
19,1
8260 1009 15,971
2780, 1010 14,80
1,38
1,38
17,35
16,18
-r2,ö5
-2,92
18./19. „
1
19,9
3240
1009
14,45
1,38
15,83
4,07
Der IL Versuch fällt hingegen in eine Periode starker
Körpergewichtszunahme (ohne Ödeme !) und starker Eiweißretention.
Hier ist die Berechnung der N-Einfuhr bis auf einige Zehntel ge-
nau. In den von der Superposition unbeeinflußten Tagen werden
täglich durchschnittlich -j- 3,84 g retiniert. (Mittel aus + 3,25 g
vom 12. Juni, +4,26 g vom 13. Juni und +4,07 vom 18. Juni.)
Diese Retention läßt sich bei der beständigen Körpergewichts-
zunähme und dem ausgezeichneten Allgemeinbefinden des Patienten
654 XXXVI. Falta
nur als Eiweißansatz deuten. Da die N-Ausscheidang im Harn an
den von der Superposition unbeeinflußten Tagen durchschnittlich
]4,4S5 g (Mittel aus 14,61 vom 12. Juni, 14,40 vom 13. Juni und
14,45 vom 18. Juni) ausmacht, so beträgt die Vermehrung der X-
Auscheidung nach der Kaseinsuperposition 7,680 g (3,745 g vom
14. Juni, 2,155 g vom 15. Juni, 1,495 g vom 16. Juni und 0,285 g
vom 17. Juni). Nehmen wir an, daß IV2 g N mit dem Kot ver-
loren gegangen sind, so fehlen immer noch über 2 g N in den
Ausscheidungen. Es ist also auch von dem Kasein-N dauernd
retiniert worden. Die Kaseinkurve verläuft hier voll-
kommen typisch.
Unter Berücksichtigung der Tatsache, daß bei Nierenerkran-
kungen die Harnstoffausscheidung oft stark verzögert ist M, lassen
sich die beiden Versuche wohl nur in folgender Weise deuten:
Beim I. Versuch haben wir es mit einer, allmählich in Besserung
übergehenden akuten Nephritis zu tun. Die Nieren werden hier
mit der Auscheidung des aus der Standardkost stammenden N eben
noch feitig. Daß die Harnstoffausscheidung nicht schon in der
Vorperiode verlangsamt ist — es müßte sich ja auch so ein
Oleichge wich tszus tan d einstellen können — scheint mir aus der
feinen Einstellung des Harn-N auf die kleinen Schwankungen in
der N-Einfuhr hervorzugehen. Bei einem größeren Angebot von
N versagt die Niere aber auf einmal und nun tritt Retention von
Harnstoff auf, was in der verzögerten N- Ausscheidung zum Aus-
druck kommt. Interessant ist auch die Harnflut, solange die ver-
mehrte N-Ausscheiduug anhält. Die Niere hat offenbar von dem
Vermögen, einen konzentrierten Harn zu bilden, schon stark ein-
gebüßt. Beim II. Versuch liegen die Verhältnisse bereits ganz
anders. Hier haben sich die Nieren wesentlich erholt; außerdem
findet ein starker Eiweißansatz statt. Bei dem Mehrangebot von
Eiweiß wird natürlich mehr zersetzt, aber auch mehr Eiweiß an-
gesetzt. Der aus der Zersetzung des Kaseins stammende Harnstoff
wird prompt ausgeschieden. Wir sehen hier deutlich, daß
Eiweißretention im Gegensatz zur Harnstoffreten-
tion den Ablauf der N-Kurve nicht beeinflußt Da
wir nicht den geringsten Grund zu der Annahme haben, daß in
der Zeit des I. Versuches die Eiweiß Zersetzung gelitten habe
1) Ich verweise bezüglich der Literatur an! die zusammenfassenden Arbeiten
Ton H. Strauß, Die chion. Nierenentzündungen etc. fierlin 1902 und Koresi
<i. Roth-Schulz, Pathologie u. Therapie der Niereninsnffizienz bei Nephritiden.
Leipzig 1904.
Stadien über den EiweiOstoff Wechsel. 555
SO kann dieser Versuch wohl als Beispiel dienen, daß in patho-
logischen Fällen Zersetzungs- und Ausscheidungskurven stark von-
einander abweichen können.
Bezüglich der Beeinflussung der Zersetzungskurven durch Ei-
Aveißansatz möchte ich hier noch erwähnen, daß ich dasselbe Ver-
halten wie bei dem Nephritiker Fr. auch bei gesunden Versuchs-
personen mehrere Male beobachtet habe. Wird ein Teil des
superponierten Eiweißes retiniert, so wird der Ablauf der Kurven
nur insofern beeinflußt, als die Kurve sich weniger hoch über das
-Niveau der Vor- und Nachperiode erhebt. Die Verteilung des
Plus an N auf die einzelnen Tage erfolgt aber annähernd wie
unter normalen Verhältnissen. Das Material wird also unmittel-
bar nach der Eesorption zum Ansatz herangezogen, während der
Rest in normaler Weise der Zersetzung anheimfällt. Von diesem
i^esichtspunkte aus scheint mir die Beobachtung, die ich an Anton
M.') machte, und die auch von Bloch*) in einem weiteren Falle
bestätigt wurde, interessant. Nach einem reichlichen Aderlaß
(300 ccm) trat nämlich bei gleich bleibender Diät erst am folgen-
den Tage N = Ketention auf. Nach dem eben über Resorption
und Ansatz Gesagten ist daher zu erwarten, daß die Eiweißregene-
ration erst nach Ablauf von mindestens 17 Stunden einsetzte, und
nach weiteren 24 Stunden beendet war. Tatsächlich fällt der Be-
ginn dieser Periode mit der größten Verdünnung des Blutes und
<lem Auftreten der Normoblasten zusammen.
Wir wollen nun wieder zu dem früheren Thema zurückkehren.
Eine befriedigende Erklärung für den Ablauf der N-Ausschci-
dung nach Eiweißzufuhr, gleichgültig, ob nach Fleischzufuhr oder
>Jufuhr eines einzelnen Eiweißkörpers, gleichgültig, ob bei ein-
maliger Darreichung in einer Hungerperiode oder bei Superposition
auf eine Standardkost, läßt sich nach dem gegenwärtigen Stand
unserer Kenntnisse wohl nur flnden in der Annahme eines stufen-
weisen Abbaues des Eiweißmoleküls im tierischen
Organismus.
Auf physiologischem und pathologischem Gebiet hat die
Forschung in den letzten Jahren eine Anzähl Tatsachen auf-
gedeckt, die diese Annahme gebieterisch fordert. So haben
1) W. Falta, Der EiweißstoflFwechsel bei der Alkaptonnrie a. a. 0. Ver-
such V. 9. April p. 363.
2) Bruno Bloch, Beitr. zur Kenntnis des Purin Stoffwechsels Deutsch. Arch.
t klin. Med. Bd. 83 S. öOS 1905.
556 XXXVI. Falta
Rubner*) und später Frank und Tromsdorff^) eine be-
trächtliche Differenz im zeitlichen Ablauf der C- und N-Kurven
nach Eiweißfütterung beim ruhenden Hunde gefunden. Die C-Aus-
scheidung steigt in diesen Versuchen rasch an, erreicht rascher
ihr Maximum als der N; erhält sich länger auf gleicher Höhe und
kehrt dann allmählich zur Norm zurück. Der N steigt etwas
weniger rasch an, sein Maximum liegt prozentisch höher als das
des C; der absteigende Teil der Kurve fallt zuerst rasch und
kehrt dann allmählich (ganz in Übereinstimmung mit der von
Feder und G r u b e r gefundenen Kurve) zum Hungerwerte zurück.
Auch das Maximum der Kalorienproduktion fällt früher ab als das
der N-Ausscheidung. Diese Tatsachen veranlaßten ßubnern
durch Rechnung aus der spezifisch-dynamischen Wirkung des Ei-
weißes die Zuckerbildung aus Eiweiß abzuleiten; Rubner kommt
so zu demselben Resultat, wie die Untersuchungen über Glykogen-
bildung und die klinische und experimentelle Diabetesforschung.
Der nach Abspaltung des N bleibende Rest müsse sich im wesent-
lichen wie ein Kohlehydrat das die wahre im Eiweiß vorhandene
Energiequelle darstelle, verhalten. Auf diese Weise erklären sich
ungezwungen die Differenzen im Ablauf der C- und N-Kurven nach
Eiweißeinfuhr. Auch zwischen Ablauf der Zucker- und N-Ver-
mehrung beim Diabetes nach Eiweißzufuhr sehen wir ähnliche
Divergenzen. Schon Minkowski^) und später Reilly, Nolan
und Lusk*) haben darauf hingewiesen, daß beim Pankreas- resp.
Phlorizindiabetes die Ausscheidung des Eiweißzuckers rascher be-
endet ist als die des N. Dasselbe gilt auch für den Diabetes, wie
ich in einer späteren Arbeit zeigen werde, für den Menschen.
Auch die Untersuchungen über die Alkaptonurie haben zu dem
Kapitel über den stufen weisen Abbau des Eiweißes eine neue Tat-
sache beigesteuert. Beim Übergang von einer eiweißarmen za
einer eiweißreichen Kost"), bei Superposition reiner Eiweißkörper
1) Rubner, M., tJber die tägliche Variation der EolilensänreausscheiduDg'
bei verschiedener Ernähningsweise. Beiträge zur Physiologie. Festschrift für
Ludwig. Leipzig 188/.
2) Frank, 0., und R. Trommsdorff, Der Ablauf der Eiweiltzerseuaiig
mich Fütterung mit abundanten Eiweißmengen. Zeitschr. für Biolog. Bd. 43 1902,
3) Rubner, M., Gesetze des Energieverbrauchs bei der Einährung 1902.
4) Minkowski, Untersuchungen über den Diabetes mellitus nach Exstir-
pation des Pankreas. Leipzig 1893.
5) Reilly, Nolan u. Lusk, American Journal of PhysioL 1898 vol. L
H) Langstein, L., und Erich Meyer, Beiträge zur Kenntnis der Al-
kaptonurie. Deutsches Arch. f. klin. Mediz. Bd. 78 1903.
Studien Über den Ei weilistofif Wechsel. 557
auf eine Standardkost ^) wird das Maximum der Homogentisiusäure-
ausscheidung immer viel rascher erreicht als das des N. Besondere
instruktiv sind in dieser Beziehung die H- und N-Kurven nach
Superposition genuinen Ovalbumins. indem hier die Homogentisin-
Säureausscheidung meist schon innerhalb der ersten 24 Stunden,
die N-Ausscheidung erst nach 5X24 Stunden beendet ist. Die
aromatischen Gruppen des Eiweißes werden also rasch abgespalten^
desaminiert und treten als Alkaptonsäuren in den Harn über, die
Zersetzung anderer N-haltiger Gruppen geht ihren eigenen Weg.
Ich muß hier erwähnen, daß Frank und Trommsdorff*)
noch eine andere Möglichkeit zur Erklärung der oben erwähnten
Divergenz in den C- und N-Kurven diskutieren: die Ausscheidung
der gasformigen Endprodukte durch die Lungen soll rascher er-
folgen als die Ausscheidung der Zersetzungsprodukte durch die
Nieren. Nach dieser Annahme müßte die C-Kurve einen besseren
Maßstab für den zeitlichen Ablauf der Eiweißzersetzung abgeben
als die N-Ausscheidung. Ziehen wir noch die spätere Erörterung^
Frank 's und Trommsdorff's über die Abhängigkeit der Aus-
scheidungskurve von der Zersetzungskurve heran, so müßte aller-
dings die Ausscheidungskurve für die durch die Nieren den Körper
verlassenden Eiweißstoffwechselendprodukte viel weiter hinaus-
reichen als die Zersetzungskurve. Ein derartiges Zurückbleiben
der Nierensekretion existiert aber nicht. Schon Langstein und
Meyer^) haben darauf hingewiesen, daß zwischen Stickstoff und
Homogentisinsäure, obwohl sie beide durch die Nieren ausgeschieden
werden, eine ganz gleiche Divergenz besteht wie zwischen C (Lunge)
und N (Harn). Dasselbe wie für N:H gilt natürlich auch für
Zucker :N im Harn. Endlich zeigen C:N im Harn auch unter
physiologischen Verhältnissen, wie Frank und Trommsdorff
selbst nachgewiesen haben, nach Eiweißfütterung kleine Differenzen
im zeitlichen Ablauf ihrer Ausscheidungskurven. Man könnte
immerhin noch einwenden, daß die N-haltigen Endprodukte lang*
samer durch die Nieren ausgeschieden werden als die N-freien
(Homogentisinsäure, Zucker etc.); allein dagegen spricht schon die
von Gruber betonte Tatsache, daß Mehrangebot von Eiweiß die
Harnstoffausscheidung sofort entsprechend in die Höhe treibt, be-
sonders aber der Umstand, daß per os eingeführter Harnstoff sofort
1) Falta, W., Der Eiweißstoffwechsel bei der Alkaptonurie, a.a.O.
2) Frank, Otto und Trommsdorf, a.a.O.
3) Langstein, L., und Erich Meyer, a.a.O.
558 XXXVI. Falta
eliminiert und der N leicht zersetzlicher haiiistoffbildender Sub-
stanzen, wie Asparaginsäure, mit Leichtigkeit wieder ausgeschieden
wird. So große Divergenzen zwischen Zersetzungsgeschwindigkeit
und Ausscheidungsgeschwindigkeit, daß sie hier zur Erklärnng
herangezogen werden könnten, existieren — wie ich oben aus-
geführt habe — wohl nur unter pathologischen Verhältnissen.
Ferner haben sich noch bemerkenswerte DifiTerenzen im Ab-
lauf der N-Kurve einerseits und der S- resp. P-Kurve andererseits
ergeben.
Bekanntlich haben Th. Bise hoff und C. Voit^) und später
E. Bisch off«) die Lehre aufgestellt, daß die Größe der Eiweiß-
zersetzung ebensowohl aus der X- wie aus der Schwefelssäare-
und Phosphorsäureausscheidung gemessen werden kann. Auch
<y ruber ist dieser Ansicht. Nach Feder'*) gilt dies aber nnr
für 24 stündige Perioden: wird der Ablauf der Ausscheidungen in
kleineren Zeiträumen studiert, so zeigen die entsprechenden Kurven
deutliche Differenzen. Bei Superposition größerer Eiweißmengen
werden diese Differenzen noch deutlicher zutage treten; und es
wird sich dann schon aus diesem Grunde die Bischoff-Voit'sche
Behauptung voraussichtlich auch für 24 stündige Perioden nicht
mehr aufrecht erhalten lassen. Rubner^) kommt bezüglich der
Schwefelsäurekurve zu dem gleichen Resultate wie Feder: Die
Schwefclsäurekurve erreicht das Maximum früher als die N-Kurve.
Für das Verhältnis von Phosphorsäure- und N-Kurve konnte aller-
dings bisher keine Übereinstimmung erzielt werden; denn nach
Rubner kommt das Phosphorsäuremaximum hinter, nach Feder
vor das N-Maximum zu liegen. Da aber Rubner ausgewaschenes
Fleisch verwendet hat, so wäre, wie Feder schon andeutet, wohl
möglich, daß die Gestaltung von F e d e r's Kurve auf die im Fleisch
enthaltenen phosphorsauren Salze zurückzuführen ist. Die Ursache
dieser eben besprochenen Differenzen in den N-, P- und S-Kurven
sind wohl auch nicht durch ein verschiedenes Verhalten der Niere
gegen die aus dem Eiweißzerfall sich herleitenden Stoffwechsel-
endprodukte (Harnstoff, Phosphorsäure, Schwefelsäure) zu betrachten:
1) Th. Bise hoff und C. Voit. Die Gesetze der Ernährung des Fleisch-
fressers p. 279 1860.
2) E. Bisch off, tJber die Ausscheidung der Phosphorsfture. Zeitscbr. f.
Biolo^. Bd. 3 1867.
8) Feder, a. a. 0.
4) Rubner, M.. Gesetze des Energieverbrauches bei der Emährung: 1902
p. HijS.
Stadien über den Eiweißstoffwechsel. 559
zwar müssen wir in ihrer Deutung sehr vorsichtig sein, da wir,
wie Feder hervorhebt die ^vielfach verschlungenen Wege, welche
die P- und S-haltigen Spaltungsprodukte des Eiweißes im inter-
mediären Stoffwechsel durchlaufen" (z. B. Beteiligung der Galle an
der S- Ausscheidung) nicht genügend kennen; da aber diese Kurven
rascher ablaufen als die des N, so scheinen sie mir ebenfalls für
die Annahme eines stufenweisen Eiweißabbaus zu sprechen.
Endlich hat der stufenweise Eiweißabbau sein Analogon in der
künstlichen Verdauung, indem sowohl unter dem Einfluß der Ver-
dauungs- wie der autolytischen Fermente beim Eiweißzerfall hoch
und niedrig molekulare Komplexe nebeneinander in der Verdauungs-
flüssigkeit auftreten und bei längerer Dauer der Einwirkung die
letzteren auf Kosten der ersteren zunehmen ; auch nach lange fort-
gesetzter kombiniert pept. + trypt. Verdauung finden sich noch
pohpeptidartige sehr resistente „Kerne" des Eiweißes.^)
Unsere Kenntnisse über das Schicksal des Nahrungseiweißes
im Körper, ja selbst nur über den Umfang der Eiweißspaltung im
Magen-Darmkanal sind bis heute sehr unsicher. Eine vielfach
vertretene Ansicht geht dahin, daß das Eiweiß nach einer mehr
oder minder tiefgreifenden Veränderung im Darm immer nur wieder
als Eiweiß in den Säften erscheine. Der nach Eiweißzufuhr an-
fanglich oder bei fortgesetzter Mehrzufuhr von Eiweiß auch dauernd
zurückgehaltene N könne nur vollwertigen Eiweißmolekülen ent-
sprechen; eine derartige N- Retention sei unter physiologischen
Verhältnissen der Ausdruck einer Anreicherung des zirkulierenden
Eiweißes. Diese Ansicht spiegelt sich auch in der von Feder
gegebenen Erklärung für die Dift'erenzen in der ßesorptions- und
Zersetzungskurve (siehe S. 645) wieder. Das zirkulierende Eiweiß-
molekül würde, wenn seine Zersetzung einmal eingeleitet, rasch
völlig aufgespalten, und in seine Endprodukte umgeführt.
Diese Anschauung widerspricht vor allem den eben entwickelten
Vorstellungen vom stufenweisen Abbau. Auch hat man gegen sie
eingewendet, daß nach einer eiweißreichen Mahlzeit ein enorm rascher
Zerfall, Wiederaufbau und Wiederzerfall von Eiweiß stattfinden
müßte^), besonders da zahlreiche Erfahrungen der letzten Jahre es
sehr wahrscheinlich gemacht haben, daß die Eiweißspaltung im Darm
weiter geht, als man früher angenommen hat. Eine andere Ansicht
läßt sich vielleicht in folgender Weise formulieren : Das Eiweiß wird
1) Fischer, £., und £. Abderhalden, Zeitschr. f. phys. Chein. Bd. 39
u. 40 1903.
2) Vgl. z. B. Hammarsten, Olof. Lehrb. d. phys. Chem. 1899 Nr. 587.
560 XXVI. Falta
vom Digestionstraktus teils in Form noch hoch molekularer, teils
in Form niedrig molekularer Spaltungsprodukte aufgesaugt Sie
werden nur nach Maßgabe des Bedarfs in den Geweben an das
Protoplasma verankert; was nicht zum Aufbau von Körpereiweiß
in Geweben und Säften verwendet wird, wird verbrannt, wobei die
hochmolekularen Verbindungen sich gegen die Zersetzung resistenter
erweisen. Diese Anschauung hätte den Vorteil, daß sie der Vor-
stellung über den stufenweisen Abbau gerecht wird. Die C-reichen
Atomkomplexe (auch die aromatischen) würden von vornherein
rasch abgetrennt; dadurch daß die einzelnen beim Abbau des Ei-
weißes entstehenden N-reichen Komplexe sich durch ihren 8-P-
Gehalt etc. voneinander unterscheiden, sind ferner bei einem ver-
schieden raschen weiteren Abbau auch Divergenzen in den X-, P-
und S-Kurven denkbar. Endlich würde auch das Problem, von dem
ich in der Diskussion ausgegangen bin, eine befriedigende Lösun?
finden. Die verzögerte Ausscheidung, welche nach einer eiweiß-
reichen Mahlzeit ein Teil des aus dem Eiweiß stammenden X er-
fährt, fände ihre Erklärung ohne weiteres darin, daß dies eben
der in der Form hochmolekularer Verbindungen resorbierte Anteil
ist, welcher sich gegen die Zersetzung resistenter verhielt«, und
dessen Umwandlung in die Stoff wechselend produkte so längere Zeit in
Anspruch nähme.*)
Die kalorischen Berechnungen der Zersetzung würde einer
solchen Anschauung natürlich nicht widersprechen, da es sich hier
ja nicht um Retention kalorisch wertloser Zersetzungsprodukte
handelt.-) Wir kommen so zu einer Erklärung des Ablaufes der
von Feder, Gruber und mir beobachteten Kurven, ohne im
mindesten gezwungen zu sein eine Vermehrung des zirkulierenden
Eiweißes anzunehmen. Wenn wir aber berechtigt sind, diese Kurven
ohne Vermehrung des zirkulierenden Eiweißes zu erklären, so
1) Daß man im Nachweis intermediärer Abbaaprodnkte des Eiweilies bis
vor kurzem noch wenig glücklich gewesen ist, darf bei der großen Verdünnong
derselben im Blut und der Unzulänglichkeit der bisherigen Methoden nicht
wundernehmen. Die Bedeutung des Keststickstoifs im Blute ist erst in jüngster
Zeit Gegenstand der Untersuchung geworden. Vgl. Fr. Müller, Allgem. PatJiol.
der Ernährung in v. Leyden's Handbuch der Ernährungstherapie. II. Aufl. p. 168.
und die Arbeit von H. v. Bergmann n. L. Langstein, Hofmeister's Beiträge
Bd. VI H. 1/2 1904.
2) Besitzen ja abiurete Verdauungsgemische des Pankreas noch ca. 90% dts
kalorischen Wertes des Fleisches. (Otto Loewi, Über Eiweißsynthese im Tier-
körper, Arch. f. experim. Pathol. u. Pharmak. 1902.)
Studien über den Eiweißstoffwech&el. 561
können wir diese Anschauung auch auf die Voit' sehen Kurven
übertragen, die ja durch Superposition der einzelnen Stunden, resp.
Tageskurven entstehen. Allerdings sind die Verhältnisse hier
weniger durchsichtig. Wir wissen heute, daß bei sehr reichlicher
Eiweißzufuhr Eiweißroast in geringem Grade möglich ist. Es ist
daher zu erwarten, daß beim Übergang von einer eiweißarmen
aber ausreichenden zu einer eiweißreichen Kost etwas Eiweiß an-
gesetzt und der Eiweißreichtum der Säfte in geringem Grade ver-
mehrt wird, und daß umgekehrt bei der Rückkehr zur eiweiß-
armeu Diät das angemästete Eiweiß wieder abschmilzt. Der Ei-
weißansatz erfolgt aber lange nicht in dem Grade, wie es nach
der N-Retention zu erwarten wäre. Der größte Teil der N-
Retention beim Anstieg und der vermehrten N-Ausfuhr beim Ab-
stieg der Kurve kommt sicher auf Rechnung des stufenweLsen Ei-
weißabbaus.
Zum Schluß noch einige Worte über die Verschiedenheit im
Ablauf der Zersetzung bei den untersuchten Eiweißkörpem. Durch
diese Verschiedenheit wird eine Erweiterung des zu Anfang dieses
Kapitels zitierten Voit'schen Gesetzes bedingt. Denn es ist mit
Sicherheit zu erwarten, daß, wenn ich meine Versuchsanordnung
der von Voit eingehaltenen anpassen und die einzelnen Eiweiß-
körper nicht bloß an einem Tage sondern an mehreren aufeinander
folgenden Tagen der Standardkost zufügen würde, der Anstieg der
N-Kurve bei den leicht zersetzlichen Eiweißkörpern rascher er-
folgen und rascher N-Gleichgewicht eintreten würde als bei den
schwer zersetzlichen. So würde z. B. beim Kasein schon am 3.
oder 4. Tag der Gleichgewichtszustand erreicht, beim genuinen
Ovalbumin erst am 5. oder 6. Tag. Daraus geht hervor, daß
beim Übergang von einer eiweißarmen zu einer ei-
weißreichen Nahrung die Zeit innerhalb welcher N-
Gleichgewicht eintritt, nicht bloß — wie Voit dies
gelehrt hat — von der Differenz im Eiweißgehalt
der beiden Nahrungsperioden, sondern auch von der
Art des in der Nahrung vorwiegend enthaltenen Ei-
weißkörpers abhängig ist.
Dies gilt natürlich nur für den Omnivoren Menschen und in
dieser allgemeinen Fassung nur für reine Eiweißkörper. Das ei-
weißreiche Gewebe wie z. B. Milch und Eierklar dasselbe Ver-
halten zeigen, ist zwar wahrscheinlich, müßte aber erst experimen-
tell bewiesen werden.
Wie erklären sich nun die Verschiedenheiten im Ablauf der
562 XXXVI. Falta
einzelnen Kurven? Hier gibt vor allem zu denken, daft blofie Zn-
standsändernngen des Eiweißes schon den denkbar größten EinfluJ
ansttben können. Ich erinnere an das prinzipiell verschiedene
Verhalten des Ovalbumins, wenn es von ein und demselben In-
dividuum im genuinen oder denaturierten Zustand genossen wird.
Durch diese bemerkenswerte Tatsache werden schon eine Menge
Vermutungen, die sich auf verschiedene Zusammensetzung der Ei-
weißkörper aus der Hemi- und Antigruppe, auf einen verschieden
großen Reichtum an aromatischen Gruppen, eine verschiedene Ver-
teilung des Stickstoffs im Eiweiß etc. gründen, hinfUlig; aach
scheint mir darin schon der Hinweis zu liegen, daß wir den Grand
dieser Erscheinung noch diesseits der Darm wand in einer verschie-
denen Resistenz der Eiweißkörper gegen die Wirkung der Ver-
dauungssäfte zu suchen haben. Ich möchte diese Vermutung mit
aller Reserve aussprechen, da die in der Literatur vorliegenden,
spärlichen Angaben über eine ungleiche Empfindlichkeit verschie-
dener reiner Eiweißkörper gegenüber den Verdauungsfennenten
keine genügende experimentelle Grundlage abgeben. Die Schwierig-
keit einer experimentellen Prüfling dieser Frage liegt schon —
abgesehen von den noch sehr wenig bekannten, die Qualität der
Saftsekretion beeinflussenden Faktoren, deren Erforschung von
Pawlow*) in neuerer Zeit angebahnt wurde — darin, daß sie
sich nicht mit der Untersuchung eines Fermentes auf die Ei-
weißkörper begnügen dürfte, sondern jenes Aufeinander von Fer-
mentwirkung, der Pepsin-, Trypsin-, Erepsinwirkung, wie es im
Digestionsschlauch tatsächlich besteht, nachahmen mußte. Sollte
der Abbau der einzelnen Eiweißkörper im Darm wirklich ver-
schieden weit gehen, und die Resorption der einen sich größten-
teils in Form niedrig molekularer Verbindungen vollziehen, während
die schwer zersetzlichen noch größtenteils als hochmolekulare Ver-
bindungen^) in den Säftestrom übertreten, so würden sich daraus
1) Pawlow, Die Arbeit der Verdannngsdrüsen. Wiesbaden 1898.
2) Ich habe in einem in der Natnrf. Gesellschaft zu Basel gehaltenoi Vor-
trag (vgl. die Verh. der Gesellsch. 1902) das Auftreten von Präzipitinen im Blute
nach Eierklarzufuhr als eine Bestätigung der Ansicht, daß nach Genuß von Eierei-
weiß hochmolekulare Verbindungen im Blut auftreten, aufgefaßt. Nachdem aber
Obermayer n. Pick (Biologisch ehem. Studie über das Eierklar. Wien. klia.
Kundschau 1902 Nr. 15) gezeigt haben, daß das kristallisierte Ovalbumin keifte
Präzipitine bildet, die präzipitogene Gruppe also kein integrierender Bestandteil
des Eiweißmoleküls ist, ist diese Vorstellung hinfällig. Ich habe es daher auch
unterlassen, die zahlreichen neueren Arbeiten über die Resistenz des genninefi,
nicht aber des koagulierten Eierklares gegen Trypsin Wirkung (Rosenberg Q-
Stadien über den fiiweißstoffwechsel. 56$
allerdings die Differenzen im zeitlichen Ablauf der Zersetzungs-
kurven ungezwungen erklären lassen. Daß beim Hund derartige
unterschiede nicht gefunden wurden, dürfte dieser Vorstellung
nicht hinderlich sein. Schon der Magensaft des Hundes zeichnet
sich durch einen höheren Gehalt an freier Salzsäure (0,5—0,6%
nach Pawlow^)) und durch ein wirksameres Pepsin (Klug^))-
aus; es wäre wohl verständlich, wenn sich beim Fleischfresser eine
intensivere Eiweißverdauung fände als beim Omnivoren Menschen,
wodurch eine verschiedene Resistenz der Eiweißkörper gegen die
Verdauungssäfte in den Zersetzungskurven gar nicht oder wenig-
stens nicht so deutlich zum Ausdruck käme.
Die bisher vertretene Anschauung würde sich auch noch in
anderer Hinsicht den bisher bestehenden Vorstellungen über die
Eiweißzersetzung einfügen lassen. C. V o i t ') hat bekanntlich den
Ablauf der Eiweißzersetzung auf das Guldberg- Waag'sche
Massenwirkungsgesetz zurückgeführt. Unter der Voraussetzung,^
daß das Nahrungseiweiß jenseits der Darmwrand wieder als Eiweiß
im Säftestrom erscheint und die Dauer der Resorption bei allen
Eiweißkörpern annähernd gleich ist, würden sich große Diffe-
renzen im Ablauf der Zersetzungen einzelner Eiweißkörper nicht
gut mit dieser Lehre in Einklang bringen lassen. Diese Bedenken
fallen aber weg, wenn wir bei gleichem zeitlichen Ablauf wesent-
lich qualitative Unterschiede in der Resorption supponieren,
indem einmal die Summe der leichter zersetzlichen, ein andermal
die der schwerer zersetzlichen Komplexe überwiegt.
Den Ende des IL Kapitels aufgestellten Schlußsätzen lassen
sich noch folgende hinzufügen:
6. Die Zeit, innerhalb welcher der menschliche
Organismus beim Übergang von einer N-armen aber
ausreichenden zu einer N-reichen Kost und umge-
kehrt von einer N-reichen zu einer N-armen Kost
ins N-Gleichgewicht kommt, ist nicht nur abhängig
Oppenheimer, Hofmeister's Beitr. Bd. V Heft 9 1904, hier auch die Literatur)
in die Diskussion zu ziehen, obwohl die Annahme einer Insnfficienz der Pepsin-
verdauung bei reichlicher Oyalbuminzufuhr verlockend, und die Befunde dann für
die oben besprochene VorsteUung verwertbar wären. Allein der Beweis, daU sich
hier Eierklar und Ovalbumin gleich verhält, ist noch nicht erbracht. Es sollte
aus diesem Grunde in der Stoffwechsel- und Immunitätslehre überhaupt eine
schärfere Trennung der Begriffe Eierklar und EiereiweiH platzgreifen.
1) Pawlüw, a. a. 0.
2} Klug, Pflüger's Archiv Bd. 60 1896.
3) C. Voit, Handbuch des allgem. Stoffwechsels Nr. 1 p. 363.
564 XXXVI. Falta, Stndien Über den Eiweißstoffwechsel.
von der Differenz im Eiweißgebalt der Nahrungs-
perioden sondern auch von der Art des in der Nah-
rung vorherrschend vertretenen Eiweißkörpers. In
•dieser Allgemeinheit gilt dieses Gesetz allerdings
bisher nur bei Verwendung reiner Eiweißkörper.
7. Die von C. Voit, Feder, Gruber und mir gewon-
nenen Kurven der Kiweißzersetzung erklären sich
aus dem stufenweisen Abbau des Eiweißmoleknls im
Organismus. Ein Ansatz von Eiweiß findet — ceteris
paribus — wohl nur bei längerer Dauer gesteigerter
Eiweißzufuhr statt und dann jedenfalls nicht in dem
vollen der N-Retention entsprec^iendem Umfang.
8. Bei abundanter Zufuhr von Eiweiß tritt ein
deutlicher Unterschied im zeitlichen Ablauf der Re-
sorption und N-Ausscheidung auf. Die? kann unter
physiologischen Verhältnissen nur auf Differenzen
im Ablauf der Resorptions- und Zersetzungskurven,
nicht aber der Zersetzungs- und Ausscheidun<^s-
kurven beruhen. Das Intervall zwischen Beendigung
der Resorption und der Zersetzung ist bei verschie-
denen Eiweißkörpern verschieden groß.
9. Bei Nierenerkrankungen kann die N-Ausschei-
•dungskurve des Kaseins (wahrscheinlich auch
anderer Eiweißkörper) stark von dem normalen Ty-
pus abweichen. Dies beruht auf einer größeren in-
folge Insufficienz der Nieren bedingten Differenz
der Zersetzungs- und Ausscheidungskurven.
10. Vielleicht liegt der Grund für die verschie-
-dene Zersetzlichkeit der einzelnen Eiweißkörper
schon in einer ungleichen Resistenz gegenüber der
Magen-Darmverdauung und einer dadurch bedingten
qualitativ verschiedenen Resorption. Es würde so
die Aufgabe, die dem intermediären Stoffwechsel zu-
fällt, umso geringer sein, je weiter die Aufspaltung
des Eiweißes im Darm vor sich gegangen ist
Meinem verehrten Chef, Herrn Professor His danke ich herz-
lich für sein warmes Interesse und die Förderung, die er dieser
Arbeit zukommen ließ.
Basel, Oktober 1905.
XXXVII.
Aus dem Hamburger medico-mechanischen Zander-Institut.
Über die Behandlung der Angina pectoris nnd verwandter
Zustände durch Heilgymnastik und Massage des Thorax. ')
Von
Dr. K. Hasebroek.
Seit Jahren behandle ich — abgesehen von den Fällen mit
bereits zu schwer geschädigter körperlicher Leistungsfähigkeit —
Patienten mit Angina pectoris. Der Erfolg ist bald positiv hin-
sichtlich Schwere und Häufigkeit der Attacken, bald negativ, selbst
bei jahrelang getriebener Gymnastik,
Eine Kontraindikation wird bei anginösen Zuständen nicht da-
durch gegeben, daß anatomisch Herzmuskel und Herzarterien nicht
intakt sind. Ich will dies an dem folgenden Fall, welcher zur
Sektion kam, beweisen. Der Fall hat dadurch prinzipielle Be-
deutung. Zugleich kann er als Paradigma eines positiven Erfolges
aufgestellt werden.
Fall 1. Herr L., 65 Jahre alt, Kaufmann, leidet seit jungen Jahren
an nervösen Diarrhöen, ist im übrigen gesund gewesen. In den letzten
J^ahren häufig Anwandlungen von Angst und Beklemmungsgefühlen,
„Mattigkeit der Arme'', „Gefühl eines Brettes vor der Brust*'. Span-
nung über der Brust, welche bis in die Arme sich erstreckt; Kurz-
luftigkeit nur vorübergehend bei Bewegungen. Häufig starker Schweiß-
ausbruch. Auffallende Erhöhung der Pulsfrequenz, selten unter 100 bis-
weilen 120 — 140, bei Erregung auf 180 (!) steigend. Kein subjektives
Herzklopfen, kein Schwindel, keine Kopfschmerzen, Schlaf gut. —
Status: Kleiner korpulenter Mann, mit blasser, etwas fahler Ge-
sichtsfarbe. Cor: Iktus an normaler Stelle sichtbar. Grenzen der
großen Dämpfung im 4./5. Interkostalraum nach links 9 cm, nach
rechts 3 cm von der Mitte entfernt. (Nach meiner Auffassung nur
«twas nach rechts verbreitert.) Töne laut, rein, nirgends abnorme
1) Vortrag, gehalten auf dem I. internationalen Kongreß für Physiotherapie
in Lüttich am 14. August 1905.
Deutsches Archiv f. klin. Medizin. 86. Bd. 38
566 XXXVII. Habebboek
Accentaation. PaU 124, schnellend, Arterie gespannt, rigide.
Palskarve zeigt besonders die schnellende Herzaktion dnrch leichte
Kückwärtskrümmung des Aufstieges.
Behandlung beginnt am 20. Februar durch Gymnastik. Die
Pulsfrequenz steht mächtig unter dem Einfluß der Rückenvibration, geht
einmal zurück von 115 auf 75 Schläge unmittelbar nach Gebrauch
des Zanderapparates (F. 1).
18. März. Befinden besser, Herz dauernd ruhiger. Puls 102.
17. April. Patient geht nach Baden-Baden, woselbst gleichzeitig
Gymnastik weitergetrieben wird.
22. Mai. Zurück nach Hamburg. Tägliche Gymnastik wird mit
großem Eifer wieder aufgenommen; Patient fühlt sich unter der Gym-
nastik „unverhältnismäßig viel besser"^, „Übungen sind Bedürfnis*^, Puls
selten über 90, Kurve qualitativ unverändert.
2. Juli: Vor einigen Tagen Frequenz von 64 beobachtet. Kunre
ergibt 78 pro Minute.
22. August. Befinden recht gut, „Oppressionsgefuhl beim Gehen
verschwunden^; Puls 70, nicht mehr schnellend.
2. Oktober. Patient noch einmal in Baden-Baden. Hierselbst sehr
schwere Attacken während der Nacht, mehrfach Morphium und Chloral,
Jod. Zurück nach Hamburg, woselbst die Gymnastik jedesmal wieder
Erleichterung und Frische bringt.
16. Oktober. Plötzlicher Exitus, außerhalb des Institutes, während
ruhigen Sitzens im Stuhl.
Autopsie durch die Herren Dr. Eugen Frank el u. Dr. Gläser:
„Adipositas universalis et cordis. Emphysema pulmonum. Arterioscle-
rosis et Atheromatosis aortae gravissima Art. art. ooronapum earumque
ramorum. (Diffuse Verkalkung derselben und Verengerung derselben bis
zu dem Grade, daß an manchen Asten keine Borste durch zubringen war.)
Myocarditis fibrosa inveterata et recens parietum et muscul. papill. (Die
Papillarmuskeln bis zu dem Grade atrophiert, daß die Blätter des Endo-
kardüberzuges aneinander liegen.)
Also: Trotz dieser bedeutenden pathologischen Veränderungen
am Herzen selbst zeigte sich nicht nur niemals ein bedrohliches
Symptom, sondern die Gymnastik bewirkte stets ein Wohlbefiiiden.
Dieses Wohlbefinden war ferner nicht nur ein kurz vorüber-
gehendes subjektives, welches man mit einer Suggestion abfertigen
könnte, sondern entsprach einer zweifellosen reeUen symptomati-
schen Besserung mit gleichzeitigem Rückgang einer pathologischen
Pulsquantität und -Qualität.
Ein weiterer genauer, über P/o Jahre beobachteter Fall mit
Sektionsbefund findet sich bei Nebel. ^)
Fall 2 (gekürzt wiedergegeben). Herr H., seit Jahren an quälen-
den Anfällen von Angina pectoris leidend, war einer der fleißigsten nnd
1) Nebel, Bewegungskuren mittelst schwedischer Heilgynmastik und
Massage. Wiesbaden 1889 p. 226.
Über die Behandlung der Augina pectoris etc. 567
dankbarsten Besucher unseres Institutes. Er konnte nicht genug rühmen,,
wie wohltätig ihm die täglichen Bewegungen wären, wie sehr, sie die
ungestüme, polternde Herzaktion beruhigten. 7. Januar 1887 gab er,
bei stets unregelmäßig bleibender Pulskurve an, die Anfalle würden kürzer
und leichter als früher. Vom Februar bis Juli blieb er ganz verschont ;
vom August bis November wieder häufigere, aber kurze Anfälle. Bia
.Januar 1888 versäumte er das Institut keinen Tag, versichert stets, da&
ihm die Gymnastik ein Genuß sei. Wurde jetzt bettlägerig und hydro-
pisch. Die Sektion ergab: Atherom der Goronararterie bei
Atheromatosis generalis.
Bei dem Mangel an Literatur über diesen Gegenstand dürfte
noch der folgende Bericht Nebel's über einen schweren Fall,
welchen er Gelegenheit hatte, bei Zander in Stockholm zu sehen,,
angebracht sein.
Er schreibt S. 207 a. a. 0.:
Der Kranke, welcher anfänglich kaum die Treppen zum Gymnastik-
saale ersteigen konnte und stets zu Wagen ankam und heimkehrte,
besserte sich zusehends, so daß er schon nach 4 Wochen den Heimweg
und nach 3 Monaten Hin- und Bückweg zu Fuß machte ; den ganzen
Winter durch ist er frei von allen Beschwerden geblieben, da er die
Kur regelmäßig fortsetzte.
Ich habe seit meinem mitgeteilten, lange zurückliegenden Fall
mit gleich großem, symptomatischem Erfolg eine große Anzahl von
Patienten behandelt, welche, wenngleich sie nicht zur Sektion ge-
kommen sind, die Schwere ihrer Krankheit darin dokumentierten,,
daß sie plötzlich endeten. Niemals ist jedoch der plötzliche Tod
während der Gymnastik eingetreten, sondern stets bei anderweitigem,
meistens ruhigem Verhalten. Auch Nebel betont diesen Umstand
und Zander hat meines Wissens ähnliches seit Jahren hervor-
gehoben.
Die mitgeteilten Fälle berechtigen weiter durch den Sektions-
befund zu dem Schluß, daß auch für die allgemeine Arteriosklerose
inklusive schwerer Atheromatose an der Aorta (s. Fall 1) unsere
Gymnastik keine unmittelbaren Gefahren bietet. Da gerade Arterio-
sklerose die Grundlage für die Angina pectoris liefert, so ist das
von Wichtigkeit. Um so bemerkenswerter ist dieser Umstand, als
ich seit Jahren praktisch erfahre, daß für leichtere und leichteste
Formen der Angina pectoris der Erfolg oft auffallend prompt ein-
setzt, sowohl subjektiv als objektiv unter dem Rückgang eines
schnellenden Pulses und der Spannung der Arterie.
Was eine Erklärung der in praxi stattfindenden symptomati-
schen guten Wirkung der Gymnastik auf die Angina pectoris an-
langt, so ist dieselbe in der Anregung des peripheren Vasomotoren-
38*
0<58 XXX VIL Hasebrokk
betriebes zu suchen: es sind periphere Saugkräfte, nicht zentrale
Propulsivkräfte, welche erzielt werden. Gerade unser Fall 1 ist
für die Richtigkeit dieser Auffassung bemerkenswert: es bleibt
hinsichtlich der auffallenden, subjektiven Besserung in YerbindoDg:
mit dem objektiven Rückgang der Arterienspannung bei so weit-
gediehener Herz- und Aortendegeneration gar nichts
anderes übrig, als den Effekt der Gymnastik außerhalb des
Herzens, also in der Peripherie zu suchen, wie ich es in einer
eingehenden Studie theoretisch abgehandelt habe. ^) Bei Sklerose
der Arterien ist die selbsttätige Ansaugung verringert, so daß, um
den Durchfluß durch die Peripherie zu erhalten, die Propulsivkräfte
gesteigert werden müssen von Seiten de^ Herzens, was in der patho-
logischen Blutdrucksteigerung zum Ausdruck kommt. Forcierte
Herzarbeit verlangt vermehrten Blutreichtum des Organs. Bei
vorhandener Coronararteriensklerose hat das seine Schwierigkeiten,
^s entsteht Ischämie des Herzmuskels, welche höchstwahrscheinlich
<lie Ursache des anginösen Anfalls ist. Besonders Huchard hat
auf die analogen Verhältnisse bei der Claudication intermittente
aufmerksam gemacht, bei welcher die Auslösung der Schmeraen
durch die Aktion der Wadenmuskulatur bei ungenügender Blat-
zufuhr auftritt.
Durch solcherlei Erwägungen über die periphere
Wirkungsweise der Gymnastik gewinnt die Auf-
stellung derGymnastik für eine therapeutische Indi-
kation bei Angina pectoris volle Berechtigung.
Den positiven Erfolgen der Gymnastik bei Angina pectoris
stehen, wie eingangs berührt, eine Anzahl von Fällen gegenüber,
bei denen ich keinen Erfolg sah, selbst über Jahre hinaus nicht
Es wäre von Wichtigkeit, die geeigneten Fälle von vornherein er-
kennen zu können. Ich habe lange Zeit mich damit begnügen
müssen, empirisch die Empfehlung einer konsequenten Durchfuhrung
der gymnastischen Kur davon abhängen zu lassen, ob die Patienten
subjektiv Erleichterung spürten, ob sie z. B. nach einer Versuchs-
zeit von 1— 2 Monaten ihren Weg vom Institut mit weniger Be-
schwerden machten als den Weg zum Institut.
1) Versuch einer Theorie der gymnastischen Therapie der Zirkolations-
.stöningen auf Grund einer neuen Darstellung des Kreislaufes. Dieses Archir
Bd. LXXVII p. 350—394. Vergleiche zu dieser Arbeit: Rosenbach, Berl. kliJi.
Wochenschr. 1903 Nr. 46 und Hasebroek, Erwiderung, Berl. kl. Wochenschr.
1903 Nr. 51.
über die Behandluni: d^i^ Angina pectoris etc. 5(J9
In den letzten Jahren glaube ich ein objektiveres Zeichen ge-
funden zu haben für einen Teil der unserer Behandlung zugängigen
Fälle von Angina pectoris und verwandten Zuständen, welches in
Beziehung zu stehen scheint zu der Reizbarkeit gewisser Reflex-
bahnen im Verlauf der spinalen Nerven der linken Thoraxseite.
Unter Anerkennung der oben kurz erwähnten H u c h a r d'schen
Theorie einer auftretenden Ischämie des Herzens als Ursache des
Anfalls unterscheidet man eine wahre und falsche Angina pectoris^
insofern als man für die wahre die sklerotische Verengerung, für
die falsche einen nur funktionellen Spasmus der Kranzarterie an-
zunehmen geneigt ist. Durch die Annahme der Ischämie des
Herzens wird die zweifellos bestehende reflektorische Natur ge-
wisser Formen gut erklärlich. Besonders bekannt geworden ist in
dieser Beziehung durch Rosenbach die digestive Reflexneurose
von den visceralen Vagusästen aus.
Die Beziehungen zwischen Angina pectoris und den peripheren
Nerven am Thorax sind bis jetzt, soviel ich sehe, nur insoweit be-
rührt, als man Ausstrahlungen in die Äste des Plexus brachialis
bis in die Arme resp. den linken Arm hinein, ferner die Parästhesien
in den tiefen Rückenmuskeln als zum Bilde der Angina pectoris
gehörig betrachtet. Noch in neuester Zeit hat Fränkel das
Symptom des Schmerzes als das Charakteristikum für die Angina
pectoris hingestellt Man faßt aber diese Erscheinung des Schmerzes
mehr als sekundär, als Vorgänge der Irradiation, vom Herzen aus-
gehend, auf. Rosenbach*) erwähnt bei der Angina pectoris eine
„muskuläre Form" der Beklemmung, welche er aber wohl ge-
schieden haben will von der vom Herzen ausgehenden Angina,
weil veranlaßt durch Überanstrengung der Thoraxmuskeln. Hin-
sichtlich einer auf die sensitiven Nervenbahnen zurückführbaren
Angina pectoris findet sich ferner bei Rosen b ach die Ansicht
vertreten, daß die Pseudoangina einer Hyperästhesie ihre Ent-
stehung verdankt, womit jedoch nicht gesagt wird, ob diese nur
eine vom Herzen ausgehende Neurose vortäuscht, oder ob sie re-
flektorisch tatsächlich eine am Herzen selbst entstehende Angina
pectoris veranlaßt.
Dies vorausgeschickt wende ich mich zu meiner praktischen
Beobachtung.
Findet man beim Abtasten des Thorax des Pa-
tienten linksseitig, am intensivsten in der Gegend
1) HerzkrankheiteD, Wien und Leipzig 1897 p. 360.
570 XXXVII. Hasebkoek
des Spitzenstoßes, von hier im Interkostalranm ent-
lang bis znr Achselhöhle ziehend, ausgesprocheDe
Druckempfindlichkeit, oder umschriebene Druck-
punkte an einigen Austrittstellen der Interkostal-
nerven links neben dem Sternum zwischen IL — IV, Rippe,
oder findet man bei fetten Personen, besonders Frauen,
Auffallende Druckempfindlichkeit an der linken
Mamma oder deren Unterlage, während auf der
rechten Seite eine solche Empfindlichkeit nicht oder
doch wesentlich weniger vorhanden ist, so besteht
die Wahrscheinlichkeit, daß bei der Auslösung der
Angina pectoris Attacken eine sensitive Beflei-
neurose mit im Spiel ist.
Und weiter:
Gelingt es, diese Druckempfindlichkeiten und
Druckschmerzpunkte zu beseitigen, so werden die
Attacken von Angina pectoris günstig beeinflußt
und häufig zum Verschwinden gebracht.
In folgendem meine Kasuistik:
Fall 1. Herr B., 43 Jahre alt. Schmensen in der Herzgegend,
morgens nach dem Aufstehen, muß unter gleichzeitig auftretender Be-
klemmung häufig stehen bleiben. Die körperliche Leistungsfähigkeit
bessert sich im Laufe des Tages.
Status: Mäßig korpulent. Am Thorax intensive Druckempfiod-
lichkeit in der Gegend der Mammilla, den 4./5. Interkostalraum entlauf
sich erstreckend bis an die Axillarlinie heran. Keine Druckpunkte un-
mittelbar links neben dem Sternum in den Interkostalräumen. Ab-
gesehen von dieser lokalisierten Empfindlichkeit besteht beim Massieren
eine allgemeine Empfindlichkeit der linken vorderen Thoraxseite, während
die entsprechende rechte Seite frei ist. Cor: Iktus nicht fühlbar, in
der Iktusgegend jedoch entsprechende Schwingungen von der aufgelegten
Hand leise fühlbar. Dämpfung etwas verbreitert nach rechts, nach links
die Mammillarlinie 3^/, cm überragend. Töne leise, auch die II. Töne,
welche gleich laut sind. Puls 76 regelmäßig, Arterie nicht auffallend
gespannt.
Therapie 12. März 1902: Gymnastik und Massage des
linken Thorax.
Nach 4 Wochen kaum mehr Beschwerden „besonders die Massage
hat gut getan '^.
Die lokalisierten Empfindlichkeiten sind bis auf Spuren verschwunden.
Auffallenderweise ist die Herzdämpfung links bis an die Mammillarlinie
zurückgegangen, was ich nicht etwa auf das Herz, sondern aaf den
Eückgang von durch die Massage beseitigten, etwaigen Gewebsverdich-
tungen zurückführe. Gymnastik wird bis 13. Mai 1902 weiter fortgesetzt.
über die Behandlung der Angina pectoris etc. 571
Fall 2. Herr L., 43 Jahre. Seit 3 Jahren Angina pectoris.
Schmerzen, welche krampfartig in der Herzgegend einsetzen und nach
dem linken Arm hin ausstrahlen. Besonders hei Erregungen und nach
dem Essen. Anfälle 2 — 3 mal täglich, je 2 — 5 Minuten. Anfall löst
sich jedesmal unter Blähungen. Jod, Nitroglyzerin resultatlos, Natr.
nitrosum his jetzt das heste Vorheugongsmittel.
Heftige Druckschmerzpnnkte links neben dem Sternum in den Inter*
kostalräumen ; Druckschmerz im 4./5. Interkostalraum in der Herz-
spitzengegend; auch die ganze Herzgegend mehr oder weniger empfind«
lieh beim Abtasten. — Cor: Dämpfung verbreitert, Töne laut, regel-
mäßig, II. Töne fast klingend, gleichlaut.
Therapie 25. Februar 1902: Gymnastik und Massage der
linken Thorazseite.
In den ersten 3 Wochen wenig oder gar keine Besserung, von da
ab jedoch Anfälle seltener, kürzer und weniger schmerzhaft ; einige Tage
ganz frei. Objektiv die Druckempfindlichkeiten an der linken Brustseite
verschwunden. Massage und Gymnastik bis 24. April. Auch Allgemein-
befinden wesentlich aufgebessert, Natrium nitrosum entbehrlich.
Fall 3. Herr F.^ 45 Jahre alt. Schmerzgefühl vor der Brust,
welches morgens beim Gehen häufig zum Stillstehen zwingt. Anfalls-
weise Druckgefübl und „ Puckern ** in der Herzgegend. Treibt sehr regel-
mäßig seit 12. November 1901 bis 16. November 1903 Zander'sche
Gymnastik mit Konsequenz, ohne daß das morgendliche Oppresionsgefühl
verschwunden wäre, ist jedoch nach den Übungen erfrischt.
Status: 12. November 1901. Gesundes Aussehen. Am Herzen
nichts Abnormes. Puls normal.
1. Januar 1903. Untersuchung auf Druckempfindlichkeit am linken
Thorax und notierte ich: Typische Druckpunkte links neben dem Brust-
bein in den Interkostalräumen. Im 4./5. Interkostalraum schmerzhafter
Druckbezirk bis zur Achsellinie, nach hinten herum sich ausbreitend.
Hechts Thorax frei von Druckschmerz.
Therapie: Außer der Gymnastik jetzt Massage der
linken Thoraxseite.
8. Januar 1903. Geht morgens länger, ohne daß der Schmerz
auftritt.
3. April 1903. Es gelingt nicht die Schmerzpunkte ganz zu be-
seitigen, besonders restiert beim jetzigen Aufhören der Massage der
Druckpunkt an der Herzspitze. — Gymnastik bis 16. November 1903
weiter getrieben. Ist nicht beschwerdefrei, aber besser als vor der gleich-
zeitigen Massagebehandlung.
Fall 4. Herr L., 34 Jahre. Seit 2 Jahren, allmählich zunehmend,
anfallsweise auftretendes Druckgefühl vor der Brust und Schmers, in
beide Arme ausstrahlend. Häufig Kurzluftigkeit. Auch nachts Anfalle,
Angstgefühl. Im Frühjahr 1902 Anfall einmal des Nachts so heftig,
daß der Arzt geholt werden maßte. Im Laufe des Sommers VerschUm«
memng.
Status 15. Oktober 1902. Kleiner etwas korpulenter, gesund aus-
sehender^ nicht dyspnoischer Mann.
572 XXXVII. Hasbbboek
Linke Brastseite, Herz- und Maznmillargegend in Ausdehnang yoq
2 Handflächen, allgemein druckempflndlich. Drackschmerzpnnkte an der
Austrittatelle der Interkostal nerven im linken B./4. InterkoBtalraam, neben
dem Sternum, in der linken Achsellinie nnd links neben der Wirbelsäule
in Höhe des IV. Brustwirbels. Cor: Iktus nicht fählbar, Dämpfung
etwas verbreitert. Töne rein. II. Aorten ton verstärkt; Puls 80, regel-
mäßig, voll, schwer unterdrückbar.
Therapie: Gymnastik u. Massage der linken Thorax-
se i te.
30. Oktober 1902. Die morgendlichen Beklemmungen beim ersten
Hinausgehen nicht mehr vorhanden.
15. November. Schmerzen verschwunden, Kurzatmigkeit noch vor-
handen. In der Herzgegend beim Massieren aufTallende Resistenz, fast
Schwielen artige Verdickung zu konstatieren.
13. Dezember 1902. Ohne Beschwerden. Massage ausgesetzt. Gym-
nastik wird weitergeführt.
12. Januar 1904. Seit Weihnachten wieder „ungemütliches Gefühl'
vor der Brust, oft „Druck^, welcher ausstrahlt über die linke Seite nach
dem Kücken zu und in den linken Arm. Objektiv: Heftige Druck-
schmerzpunkte 1. im 3./4. Interkostalraum, links neben dem Sternam,
2. im 4.;5. Interkostalraura in der Achsellinie. Cor: wie früher verbreitert
in der Dämpfung. Puls 68, regelmäßig, weich. Wiederaufnahme der
Massage.
9. Februar 1904. Patient ist ,,frei auf der Brust ''. Druckschmerz-
punkte verschwunden. Massage wird suspendiert, Gymnastik wird bis
14. März 1905 weiter getrieben.
Fall 5. Herr Dr. E,., 37 Jahre alt. — Sommer 1903 nach einer
Bergpartie in Pont Resina, Druck und Schmerzgefühl in der Herzgegend.
Häufige Notwendigkeit, stehen zu bleiben. Jetzt auch bei längerem
Sitzen Druckgefühl.
Status: Magerer Herr von gesundem Aussehen, ohne Dyspnoe.
Cor: Iktus 4./5. innerhalb der linken Mammillarlinie, schwach fühlbar.
Dämpfung normal. Töne rein, II. Aortenton etwas verstärkt. Puls 76,
regelmäßig, weich. Abtasten ergibt: Druckschmerz an der Iktusstelle,
von hier im 4./5. Interkostalraum entlang bis zur mittleren Achsellinie
heran, hierselbst intensivster Druckschmerzpunkt. Auch die Ansatzzacken
des linken M. pectoral. major auffallend empfindlich nebst der unteren
Partie der vorderen Achselkulisse, rechter Thorax frei.
Therapie 18. August 1903: Massage des linken Thorax
und Gymnastik.
17. September 1903. Brust freier als früher. Objektiv: Empfind-
lichkeit am linken Thorax bis auf Spuren zurückgegangen. Massage aus-
gesetzt, Gymnastik weiter.
15. Oktober 1903. Wieder leichte Beschwerden; befand sich wäh-
rend der Massage der linken Brustseite besser. Objektiv: wieder Druck-
empfindlichkeit im 4./5. Interkostalraum, vom Iktus bis zur mittleres
Achsellinie, auch im M. pectoralis. Massage wieder aufgenommen.
17. November 1908. Besserung, „große Frische", wenngleich noch
leichtes Ziehen beim Treppensteigen besteht. Bei der Massage kaum
Über die Behandlung der Angina pectoris etc. 57S
mehr Schmerz, doch will Patient bei der Applikation der Vibrations-
pelotte auf dem Herzen eine äußere Empfindlichkeit spüren. Massage
ausgesetzt. Gymnastik weiter.
24. Dezember 1903. Wieder mehr Schmerzen in der Herzgegend^
besonders bei ^spätem Aufsein** und nach Extravaganzen. Objektiv:
wieder stärkere Druckschm erzpunkte im 4./5. Interkostalraum.
28. Dezember 1903. Massage wieder aufgenommen.
9. Januar 1904. Während früher die Massage anfangs stets ein&
Steigerung der Herzschmerzen bewirkte, ist dies jetzt nicht der Fall.
Seh merzp unkte am Thorax gehen deutlich zurück.
26. Januar 1904. Nur noch ^l^ises Unbehagen^ am Herzen;
Mangel an Schlaf scheine hierfür entscheidend. Massage ausgesetzt.
Gymnastik weiter.
17. März 1904. Nicht ganz frei von Beschwerden, im allgemeinen
aber bedeutende Besserung. Hört mit der Gymnastik auf.
17. August 1904. Kommt wieder ins Institut. War 6 Wochen in
Schweden. Beschwerden schon bei leichteren Anstrengungen während der
Sommerhitze.
Status: Druckschmerzpunkte wie früher lokal isiert, doch viel weniger
intensiv. — Massage des Thorax.
25. August 1904. Besserung mit Bückgang der Druckempfind-
lichkeit.
17. September 1904. Weitere Besserung. Objektiv nur noch um-
schriebene Empfindlichkeit im 5./6. Interkostalraum, l om nach außen
von der linken Mammilla. Massage bis 18. Oktober fortgesetzt.
22. November 1904. Befindet sich dauernd sehr gut, „keine Mah-
nung von Seiten des Herzens mehr**. —
Geht 29. März 1905 zu leichten deutschen Turnübungen über auf
seinen Wunsch.
Fall 6. Heri' M., 52 Jahre alt. Seit 5 Jahren Attacken. De-
zember 1902 Influenza. Hiernach einen so heftigen Anfall von Herz-
Bchmerz, welcher nach dem linken Arm ausstrahlt, daß Patient Morphium
bekam. Hochgradige konsekutive Herzschwäche, daß Patient nach An-
gabe seines Arztes einmal sub finem vitae erschien. Seitdem fast täglich
schwere Attacken. Im Schmerzanfall ist Patient unfähig, irgend etwaa
zu tun, muß sich hinsetzen, zugleich mit der Luft ringen.
Status: Auffallend starke Greisenbogen an beiden Augen. Anfall
bei der Untersuchung: stöhnt vor Schmerzen. Abtasten ergibt heftige
Schmerzpunkte im 4.;5. Interkostalraum, etwas innerhalb der linken Mam-
milla und in der Achsel. Auch der linke Pectoralis major druckempfind-
lich. Patient kann sich kaum vor Schmerz auf dem Stuhl halten, mu&
sich hinlegen. Cor: Iktus nicht fühlbar. Dämpfung normal. Töne rein,
nirgends Accentuation. Puls 104, regelmäßig, nicht abnorm voll, schwer
unterdrückbar, Arterie gespannt.
Therapie: Massage des Thorax und Gymnastik.
Vom 23. August bis 23. Septbr. 1903 keine nennenswerte, dauernde
Besserung. Nur Erleichterung unmittelbar nach der Massage, so daß«
Patient sich alsdann im Zimmer bewegen konnte, während er vor der
Massage zu sitzen und zu liegen gezwungen war. Es gelang nicht, die
574 XXXVIL Hasbbrobk
Schinerzhaftigkeiten am Thorax zu beseitigen. Entlaseung 23. Septbr.
1905. Ende 1904 erfahre ich durch den Hansarst, daß Patient lebt und
unverändert seine schweren Attacken hat.
Fall 7. Herr J., Arbeiter. 55 Jahre alt. Kurzlnftigkeit, aaf&lls-
weise Druck vor der Brust und Schmerzen in der Herzgegend, von hier
in den linken Arm aasstrahlend. Muß oft der Schmerzen wegen stehen
bleiben. Nächte häufig gestört durch die Schmerzen.
Status: Korpulenter Mann. Herzgegend im ganzen sehr druck-
empfindlich, besonders intensiv in der Iktnsgegend ; Empfindlichkeit von
hier den 4./5. Interkostal räum entlang ziehend bis zur Achsellinie. Die
angrenzenden Interkostalräume weniger empfindlich. Rechte Seite frei.
Gor: Iktus nicht fühlbar. Dämpfung verbreitert nach beiden Seiten.
I. Ton dumpf, II. Aortenton nicht verstärkt. Puls 96, voll, weich.
7. Dezember 1903. Gymnastik und Massage.
Anfangs viel Schmerzen bei der Massage.
17. Dezember 1903. Besserung der Schmerzen.
34. Dezember 1903. Braucht wegen Herzdruck nicht mehr stehen
zu bleiben, wenngleich die Anfälle nicht ganz verschwunden sind und
besonders nachts noch auftreten.
31. Dezember 1903. Schmerzen nur noch im linken Arm.
7. Januar 1904. Nächte noch schlecht, Schmerzanfälle.
14. Januar. Gehen und Treppensteigen rasch möglich.
4. Februar. Nächte besser, nur 1 — 2 mal kurze Anfälle.
11. Februar. Nächte gut. Bei der Massage am linken Thorax kaom
Empfindlichkeit mehr zu finden. Aussetzen der Massage.
18. Februar. Wieder Sohmerzanfälle, schiebt die Verschlimmerung
auf das Aussetzen der Massage. Wiederaufnahme der Massage, bei welchen
Wiedervorhandensein von Druckschmerzpunkten konstatiert wird.
25. Februar. Befinden recht gut. Nächte ohne Attacken.
7. März. Entlassung, um die Arbeit zu versuchen.
Fall 8. Krankenschwester E. K., 49 Jahre alt. Als Herzneurose
überwiesen. Schmerzattacken in der Herzgegend, verbunden mit AngBt-
zuständen und Herzklopfen. Besonders schwer des Nachts.
Status: Am Spitzenstoß Druokempfindlichkeit , welche sich von
hier im 4./5. Interkostalraum nach der Acbsellinie hin fortsetzt, woselbit
•der Schmerz am intensivsten ist. Auch links neben dem Sternom in
den Interkostalräumen 2./3. und B./4. Druckempfindlichkeit. Die Mamma
selbst nicht empfindlich ; an der rechten Thoraxseite nichts von Empfind-
lichkeit.
18. März. Therapie: Massage des Thorax, keine Gym-
nastik.
20. April. Besserung. Nächte anfallsfrei. Leistungsfähigkeit am
Tage eine gute. Objektiv: Schmerzhaftigkeit an der linken Thoraxaeite
verschwunden.
Fall 9. Frau B,, 24 Jahre alt. Als Angina pectoris mir über-
wiesen. Vor 3 Jahren 3 — 4 Wochen bettlägerig an Rheumatismus. 8ali-
cylbehandlung. Schwere Entbindung (Placenta praevia) vor 1 Vj Jähren.
Seitdem Anfälle von Beklemmung. Frühjahr 1904, nach Trauer^ll, plötz-
liches Auftreten von Angina pectoris mit Angetzuständen. Juni 1904
über die Behandlung der Angina pectoris etc. 575
Mastkur. Aufenthalt in Pyrmont. Wiederholt AnflUle, welche mit den
Menses in Verbindung zu stehen scheinen. Anfalle jetzt fast täglich
und schwerer.
Status: Zarte Frau. Am linken Thorax isoliert im linken 4./5.
Interkostalranm 1. neben dem Sternum, 2. an der Stelle des Iktus,
3. in der Achsellinie heftige Druckschmerzpunkte, von denen der letztere
kaum Berührung zuläßt. Links Mamma frei, ganze rechte Thoraxseite
gleichfalls frei.
13. Dezember. Therapie: Massage (ohne Gymnastik).
22. Dezember. In den letzten Tagen kaum mehr einen Anfall.
Patientin gibt spontan an, daß ihr die Anfälle mit den Schmerzen der
linken Brustseite zusammen zu hängen schienen. Objektiv : Druckpunkte
noch sehr empfindlich.
29. Dezember. Anfälle nur noch in ,, Andeutungen **, „kann sie be-
kämpfen*^.
12. Januar 1905. Auch die Angstanfälle verschwunden. Nächte
ungestört. Objektiv nur noch in der Achseiiinie ein Druckschmerzpunkt,
die ganze linke Thorax- resp. Herzgegend kann schmerzlos abgetastet
werden.
16. Februar. Dauernde Besserung, hört auf, um sich einer Ope-
ration zu unterziehen.
Juni 1905 erfahre ich, daß das Befinden dauernd gut geblieben ist.
Die mitgeteilten Beobachtungen ergeben folgendes:
Soweit eine Wahrscheinlichkeitsdiagnostik überhaupt die
Trennung zuläßt, scheint sowohl bei wahrer als bei falscher An-
gina pectoris eine günstige Einwirkung der Thoraxmassage vor-
handen zu sein. Hinsichtlich der ersteren kommen besonders die
Fälle 1, 2, 3, 6, 7 in Betracht. In einigen Fällen war der Zu-
sammenhang zwischen Massage und Besserung fast experimentell
festzustellen: so zeigt Fall 3 eine Besserung der anginösen Be-
schwerden erst nach Hinzunehmen der Thoraxmassage zur bereits
2 Jahre ohne nennenswerten Erfolg getriebenen Gymnastik, und
in den Fällen 4. 5, 7 finden wir wiederholt, daß die Angina zurück-
geht nach Einsetzen der Massage, um nach dem Aufhören der-
selben wiederzukehren.
Selbst den Fall 6 mit den schwersten Erscheinungen, bei
welchem eine nennenswerte, vorhaltende Besserung nicht zu ver-
zeichnen ist, läßt einen unmittelbaren, erleichternden Einfluß der
Massage immerhin erkennen.
Es gelingt oft nicht leicht und, wie es scheint, bisweilen nicht
immer ganz, die Empfindlichkeiten und damit die Reizquelle für
die Angina pectoris zu beseitigen.
Die Anzahl der mitgeteilten Fälle, welche übrigens sämtliche
576 XXX VII. Haskbboek
und ohne getroffene Auswahl sind, dürfte genfigen, um die Auf-
merksamkeit auf die Aufnahme der Massage des Thorax in den
Behandlungsplan zu lenken.
Auf die Frage, was der Empfindlichkeit am linken Thorax zu-
grunde liegt und wie der auffallende Zusammenhang mit dem Be-
stehen und dem Verschwinden von anginösen Zuständen zu er-
klären ist, kann man wohl nur mit Vermutungen antworten. Es
liandelt sich vielleicht um dieselben unbestimmten Gewebsverdich-
tungen in der Haut, dem Unterhautzellgewebe und der Muskulatar,
welche sowohl an sich empfindlich sind als auch durch Druck hin-
durchziehende Nervenbahnen empfindlich stimmen und in einen Reiz-
zustand versetzen.
\Mr kennen aus der Massagetechnik sehr wohl solche different
konsistente Gewebspartien, ich erinnere nur an die schmerzhaft«
Affektion des Lumbagos mit und ohne Ischias und an jene Schwielen-
bildungen in der Nackenmuskulatur mit konsekutiven Kopfheur-
algien.
Zur weiteren Erklärung der reflektorischen Beziehungen
zwischen den sensitiven Nerven der linken Thoraxseite bedürfen
wir ohne Frage der Heranziehung des Nervus sympathicus, welcher
im Reizzustande, im Gegensatz zu den Fasern des N. depressor,
durch Auslösung von konstriktorischen Vorgängen an den Kranz-
arterien eine Ischämie des Herzens und damit eine Angina pectoris
sehr wohl hervorrufen könnte.
Man hat gerade in neuerer Zeit auf Grund klinischer Be-
obachtungen den Sympathicus wieder zur Verantwortung ge-
zogen für eine Reihe von sensitiven Neurosen.*) Sympathicos-
fasem stehen höchstwahrscheinlich in einem ausgedehnten Netz-
werk in und über dem Körper miteinander in Verbindung. Von
Bidder und Volkmann sind mit Sicherheit bereits 1842 Sym-
pathicusfasem in den Spinalnerven nachgewiesen, und zwar in den
uns interessierenden Nerven der Haut z. B. zu 50 7o- — Weshalb
für unsere Fälle die linke Seite gerade von primärer Empfindlich-
keit befallen ist, kann ich nicht sagen. Die Halbseitigkeit von
neuralgischen Affektionen ist uns an und für sich sehr wohl be-
kannt und in der Hönck'schen Arbeit findet sich die Betonung der auf-
fallend häufigen Linksseitigkeit des „Sympathizismus". Daß anderer-
1) Vgl. hierzu die Arbeit: Dr. Hönck, Über Nearastbenia hysterica nad
die Hysterie der Frau, Halle liK)ö, Sammlung zwangloser Abhandlungen auf dem
Gebiete der Frauenheilkunde und Geburtshilfe VI. Bd. Heft 6.
über die Behandlung der Angina pectoris etc. 577
seits die linke Seite resp. links gelegene, spinale Nervenbahnen zu
dem Herzen in gewissen Beziehungen stehen, ersehen wir aus dem
Verhalten der Angina pectoris in der Ausstrahlung des Schmerzes
vorzugsweise in den linken Plexus brachialis.
Ich komme zum Schluß:
Unsere ganze mechanische Behandlung des Zirkulationssystems
befindet sich noch immer in einem Stadium der Empirie, sowohl
in praktischer als in theoretischer Hinsicht. Noch immer gilt es,
Material zu sammeln. Ein solches Vorgehen bietet heutzutage
keine Schwierigkeiten mehr, da die gymnastischen Institute sehr
verbreitet und im Anschluß an fast alle größeren Krankenanstalten
entstanden und im Entstehen begrilFen sind. Besonders die mecha-
nische Gymnastik hat sich in unerwarteter Weise ihrer inneren
und äußeren Vorteile wegen bewährt und eingeführt. Dieser Um-
stand erlaubt eine ausgiebige Nachprüfung : und hierzu möchte ich
hinsichtlich der Angina pectoris aufgefordert haben. — Es ver-
steht sich von selbst, daß einer gleichzeitigen internen Therapie
mit Jodpräparaten etc. nichts im Wege steht!
Hamburg, 18. September 1905.
XXXVIIL
Aus der medizinischen Klinik der Universität Straßburg L E.
(Prof. von Krehl).
Über die Eiweißkorper des eiweißhaltigen Harns.
VOB
Dr. Oskar Orofi,
Yolontärassistent dar Klinik.
Seitdem man weiß, daß das bei Nierenerkrankungen durch den
Harn ausgeschiedene Eiweiß kein einheitlicher Körper ist, hat man
versucht, die Zusammensetzung dieses Eiweißgeraisches zu er-
gründen und die hierbei erhaltenen Resultate für die Praxis zn
verwerten. Vor allem schien es wichtig, Beziehungen zwischen
den im Harn ausgeschiedenen Proteinsubstanzen und der die Aus-
scheidung verursachenden Form der Nierenveränderung zu finden.
Es bestand die Aussicht, auf diesem Wege eine schärfere Trennung
der einzelnen Formen der Nierenentzündung, als sie bisher auf
Grund der klinischen Untersuchungsmethoden möglich war, zu er-
zielen, und dabei für die Prognose Anhaltspunkte zu bekommen.
Über diese Verhältnisse liegt bereits eine nicht unbeträchtliche
Zahl von Arbeiten vor, die sich in ihrer Methodik an den jeweiligen
Stand der Eiweißchemie hielten, und deren Resultate infolge davon
untereinander nicht vergleichbar und jetzt zum Teil unbrauchbar
sind. Auf eine nähere Schilderung der bisher erschienenen Arbeiten
glaube ich verzichten zu können, um so mehr, als sie von Csatary
und Calvo eingehend berücksichtigt worden sind. Der ei'ste. der
in dem eiweißhaltigen Urin Globulin nachwies, war Lehmannilf.
Dann kam eine Reihe anderer Forscher, wie Gerhardt i2),
Petri (3), Senator (4), Führy-Snethlage (5), Heynsiusi6)
und Bartels (7), die diesen Befund im wesentlichen bastätigen
konnten und mehr oder minder weitgehende Schlüsse daraus ziehen
zu können glaubten. Als man dann durch die von Hammarsten (8)
angegebenen Methode der Eiweißfällung mit Magnesiumsulfat in-
über die Eiweißkörper des eiweifihalügen Harns. 57^
Stand gesetzt warde, genaue Resultate zu erhalten, konnte man an-
fangen, die damit angestellten Untersuchungen über die Eiweiß-
körper zu verwerten. Die erste größere Arbeit auf diesem Gebiete,^
die mit Hilfe dieser Methode gemacht wurde, stammt von Hoff-
mann (9). Er fand, daß das Verhältnis der Eiweißkörper im
Nephritikerharn insofern von Wichtigkeit sei, als ein Ansteigen
des Eiweißquotienten, d. h. des Verhältnisses von Serumalbumin zu
Serumglobulin, ein prognostisch günstiges, ein Fallen ein un-
günstiges Zeichen sei. Im übrigen ist aber „der Eiweißquotient
nicht von der histologischen Veränderung der Nieren an und für
sich abhängig, es kann offenbar bei jeder Nierenerkrankung jeder
Eiweißquotient vorkommen". — Dagegen fand er bei Stauungs-
albuminurie einen niedrigen Eiweißquotienten, der, wie er ohne
vergleichende Bestimmungen ausgeführt zu haben, annimmt, dem
des Blutserums entspricht.
Nachdem dann durch Hofmeister und seine Schüler
(Kander (10), Pohl (11)) eine weitere Methode zur Trennung
und Diflferenzierung der einzelnen Eiweißkörper gegeben war, be-
stimmte Gsatdry(12) in einer großen Anzahl von Harnen diese
Verhältnisse, indem er das Globulin mit Ammonsulfat fällte und
gewichtsanalytisch bestimmte. Er fand ein starkes Schwanken dea
Eiweißquotienten, sowohl bei den einzelnen Formen der Nephritis^
als auch bei demselben Patienten innerhalb kürzerer Zeit. Immerhin
^laubt<e er, den Eiweißquotienten insofern zur Differentialdiagnose
der einzelnen Nephritisformen verwerten zu können, als ein Eiweiß-
gehalt unter V2%o ^^^ ^i^ Quotient über 10 das Vorhandensein
einer genuinen Schrumpfniere, ein Eiweißgehalt über 2^'oo? ver-
bunden mit einem Quotienten unter 1, das einer Amyloidniere an-
zeige. Die Ursache für die Schwankungen des Eiweißquotienten
sieht er in dem Umstand, „daß die Verhältniszahl der Eiweiß-
körper in geradem Verhältnis zur Strömungsgeschwindigkeit des
Blutes in den Nierenglomerulis steht", — ferner von dem Verhältnis
des Albumins und Globulins im Blutserum abhängig ist. Die Unter-
suchungen Cloettas (13) konnten im allgemeinen die Befunde
Csatärys bestätigen. In allen von ihm untersuchten Urinen
war Serumalbumin, dagegen fand er mehrfach kein Globulin. Ver-
gleichende Untersuchungen des Hani- und Bluteiweißes von künst-
lich nephritisch gemachten Kaninchen ergaben, daß Beziehungen
im Verhältnis der Eiweißkörper im Blut und im Harn desselben
Tieres nicht bestehen. Auch er glaubt, daß bei chronisch indurierter
Nephritis immer ein hoher Eiweißquotient vorhanden ist, und dai
580 XXXVIII. Gross
«in Ansteigen desselben ein günstiges prognostisches Zeichen sei
Diese letztgenannte Ansicht deckt sich mit den Angaben Hoff-
manns. Der oben geschilderten Meinung Csatärys über die Ur-
sachen der Veränderungen des Eiweißquotienten kann Cloetta
auf Grund seiner Versuche nicht zustimmen. Nachdem dann der
Nachweis erbracht war, daß das bisher als einheitlicher Körper
angesehene Globulin ein Gemisch von mehreren, (Freund und
Joachim (14), Spiro und Porges(15), Haake) voraussichtlich
von zwei Körpern sei, da ergab sich natürlich die Frage, ob \iel-
leicht, ebenso wie man es vorher für das Albumin und Gesamt-
globulin versucht hatte, aus dem Verhalten der Globulinkörper.
des Euglobulin und Pseudoglobulin, sich irgend ein Schluß auf die
Natur der Nephritis und deren Prognose, vielleicht mit Berück-
sichtigung des Eiweißqüotienten, ziehen ließe. Wall er st ein (16
zeigte dann die Anwendbarkeit der Hof meist er 'sehen Methode
für den Harn und Joachim (17), der die Verhältnisse der Eiweiß-
körper in tierischen Flüssigkeiten untersuchte, untei-zog ebenfalls
einige Harne der Analyse, wobei er das Verhalten des Globulin-
quotienten, wenn ich so das Verhältnis des Eu- zum Pseudoglobulin
nennen darf, berücksichtigte. Da aber nur wenige Urine hierbei
untersucht worden waren, so hielt ich es für angebracht, au einer
gi'ößeren Zahl von eiweißhaltigen Hamen der verschiedensten Pro-
venienz diese Verhältnisse zu prüfen. Joachim gelang es nur
insoweit, aus dem Verhalten der Eiweißkörper einen Schluß zu
ziehen, als er auf Grund einer Analyse den Satz aufstellte, daß
bei der Arayloiddegeneration der Niere die Gesamtglobulinausscbei-
dung gegenüber der des Albumins außerordentlich gesteigert ist
und diese Steigerung nicht die Pseudoglobulin-, sondern nur die
Euglobulinfraktion betrifft.
Während Joachim zur Fällung der Eiweißkörper Ammonsnlfat
benutzte, tat ich dies mittels einer bei 33 ^ gesättigten, möglichst stick-
atofffreien Glaubersalzlösung. Zur Bestimmung des Gesamteiweißgehaltes
wurden je nach der Eiweißmenge 10 — 20 ccm des klar filtrierten, so^
das 2 — 5 fache verdünnten Harnes aufgekocht und 1 ccm einer gesättigten
Zinks ulfatlösung — bei meinen ersten Analysen benutzte ich dazu einige
Kubikzentimeter gesättigter Natriumbiphosphatlösung — zugesetzt, wobei
daß Eiweiß immer schön feinflockig und quantitativ ausfallt, wie der nega-
tive Ausfall der Essigsäure-Ferrocyankali-Probe im Filtrat beweist. Der
Niederschlag wurde abfiltriert, mit heißem Wasser so lange ausgewaschen,
bis das Filtrat chlorfrei war, und der Stickstoff im Niederschlag nach
Kjeldahl bestimmt. Aus dem dabei gefundenen Wert berechnete ich,
wie es vorerst noch üblich ist, den Eiweißgehalt durch Multiplikation
mit 6,25. Die gesamte Menge der Globulinkörper wurde durch Zussti
Über die Eiweißkörper des eiweißhaltigen Harns. 581
des gleichen Volumens der Natriunasulfatlösung ausgefällt, 24 Stunden
im Thermostaten bei 33 ^ stehen gelassen, der Niederschlag abfiltriert,
mit einer Lösung, die aus einem Teil konzentrierter Natriumsulfatlösung
und 2 Teilen destilliertem Wasser bestand, ausgewaschen, in feuchtem Zu-
stande auf mehrere Stunden in den Trockenschrank bei HO*' gestellt,
sodann mit heißem Wasser ausgewaschen und der Stickstoffgehalt nach
der Kjeldablschen Methode bestimmt. Femer wurde noch das Euglo-
bulin bestimmt, wobei ich genau so verfuhr, nur daß ich das halbe Vo-
lumen der Olaubersalzlösung zusetzte und mit einer dementsprechenden
Lösung auswusch. Wenn die zu untersuchende Flüssigkeit alkalisch oder
neutral reagierte, so wurde sie mit Essigsäure schwach angesäuert, bei
hohem Eiweißgehalt (über ^/^ ^/^) wurde der Urin vor dem Ausfällen
verdünnt. Durch Subtraktion der Qlobulinmenge von der des Gesamt-
eiweißes erhält man die Menge des Albumins, durch Subtraktion des für
Euglobulin gefundenen Wertes von dem des Gesamtglobulins den Gehalt
an Pseudoglobulin. Diese Methode hat vor der von Joachim an-
gewandten den großen Vorteil, daß man zur Fällung ein stickstofiffreies
Salz verwendet. Ich hnbe bei zwei meiner Bestimmungen beide Me-
thoden verglichen und fand, daß es nicht oder nur unter Aufopferung
von sehr viel Zeit möglich ist, den Niederschlag so auszuwaschen, daß
das Filtrat scbwefelfrei, d. h. in diesem Falle der Niederschlag von allem
zur Ausfallung benutzten Ammoniaksalz frei ist. Ich habe jedesmal über
100 mal mit heißem Wasser auswaschen müssen, bis ich keine Schwefel-
säurereaktion mehr bekam, und trotzdem waren in beiden Fällen die ge-
fundenen N-Werte nach der Joachim'schen Methode höher als bei meiner
Analyse, was wohl nur auf geringe Mengen von Ammonsulfat, die in
dem Niederschlag zurückgeblieben waren, zurückzuführen ist; als Beispiel
fähre ich Analyse 37 an; während ich durch die Glaubersalzfällung für
Albumin 0,3983, fär Gesamtglobulin 0,1106, für Euglobulin 0,03H9 und
für Pseudoglobulin 0,0837 g in 100 ccm erhielt, betrugen die entsprechen-
den Werte, die durch Fällung mit Ammonsulfat gewonnen waren: 0,3914,
0,1175, 0,0456, 0,0719. Es sind dies Unterschiede, die bei Berechnung
der Quotienten recht erheblich ins Gewicht fallen. Außerdem läßt sich
der Natriumsulfatniederschlag leichter klar filtrieren als der durch Am-
moniumsulfat gewonnene. Die Einwände, die man gegen die von mir
angewandte Methode machen kann, sind folgende: Ist erstens der ver-
schieden hohe Salzgehalt verschiedener Urine nicht insofern von Einfluß,
als dadurch beim Ausfallen mit der Glaubersalzlösung, deren zugesetzte
Menge doch immer dieselbe ist, je nach der Konzentration mehr oder
weniger Eiweiß gefallt wird? Der zweite Einwand, den auch Joachim
machte, besteht darin, daß möglicherweise bei der von mir angewandten
indirekten Methode, durch Subtraktion den Wert für Albumin und Pseudo-
globulin zu finden, durch an sich geringe Fehler gröbere Fehler zustande
kommen. Um den an erster Stelle genannten Einwand auf seine Richtig-
keit zu prüfen, nahm ich vier gleich große Mengen eines möglichst hoch-
konzentrierten, eiweißhaltigen Harnes, von denen ich je 2 zur Kontrolle
zusammen verarbeitete. In der ersten Reihe wurden die Eiweißbestim-
mungen direkt ausgeführt. Die zweite Reihe wurde einer mehrtägigen
Dialyse gegen destilliertes Wasser unterworfen, bis keine Chlorreaktion
Deutsches Archiv für klin. Medizin. 86. Bd. 39
582
XXXVIII. 0BO88
mehr im Schlaaohinhalt Yorhanden war. Der Inhalt des Dialysier-
soUanohes wurde gemessen and, nachdem die dabei anagefallenen Sab-
stanaen — vor allem Eaglobulin — mit der Flüssigkeit gleichmäßig ver-
mischt war, ebenso behandelt, wie der nicht dialysierte Harn. Ich habe
mehrmals derartige vergleichende Bestimmungen aasgel&hrt and dabei
sehr gat stimmende Werte bekommen, so daß der Einwand hinfällig ist
Geringe Differenaen sind natärlich nicht au Tormeiden und waren Ton
Yomberein ▼orausinsehen, da bekanntermaßen ein Teil der Eiweißkörper,
▼or allem das Albumin, mit hindurch dialysiert. F(ir £u- und Pseudo-
globulin konnte ich einen derartigen Unterschied nicht feststellen. Im
folgenden gebe ich die Werte einer derartigen Vergleichs beatimmuiig.
Beide Volumina sind äquivalent, d. h. nach Abzug des durch die Dialyse
in den Schlauch eingedrungenen Wassers gleich.
Analyse 25. Chronische Nephritis.
Ges.
Globulin ' E«glo^- :P»eudoglob.
naÜY. Urin
dial. Urin
1,03710/^ 0,8441%
1,0299% 0,8398%
0,1930 0/^
0,1901%
0,0597 0/,
0,0580 %
0,1333%
0,1321 «e
In besag auf den zweiten Einwand habe ich ebenfalla festgestellt,
daß Fehler, die in Betracht kommen, dadurch nicht entstehen. Ich be-
nutzte zu diesem Zwecke zwei gleich große Volumina Harn. Bei dem
ersten verfuhr ich auf die gewöhnliche Art, bei dem zweiten ging ich
so vor, daß ich zunächst mit V« ^<>l- ^^^ Salzlösung ausfällte, 24 Stunden
im Brutschrank stehen ließ und abfiltrierte. So gewann ich das Euglobulin.
Zu dem Filtrat setzte ich wiederum ^/, Vol. gesättigter Glauberaalzlösong
SU, ließ wiederum stehen, filtrierte ab und hatte so das Pseudoglobalio.
Im Rest bestimmte ich das Albumin durch Koagulation. Die Werte
beider Arten von Analysen sind z. B. folgende:
Analyse 14. Subakute Nephritis.
Ges.-Eiweiß, Albumin oio^ü^
Euglob. Pseudoglob.
indir. Best,
dir. Best.
0,1974%
0,1930%
0,1430%
0,1403%
0,0544 %
0,0527%
0,0158%
0,0136%
0,0386 \,
0,039 r^.
Meine sämtlichen Analysen sind der Kontrolle wegen doppelt gemacbt.
und, wenn sie nicht genau übereinstimmten, nicht berücksichtigt worden.
Im allgemeinen wurden der Genauigkeit wegen TJrine mit weniger als
% %o E^iweiß nicht untersucht. In keinem einzigen der von mir unter-
suchten Urine habe ich das Albumin oder das Pseudoglobulin vermißt.
Bei einer einzigen Analyse (36) trat keine Euglobulinföllung ein.
Die in der ersten Kolonne meiner Tabellen verzeichnete Art der
Erkrankung ist die klinische Diagnose, die zum Teil durch die Autopiie
sichergestellt wurde.
Die Eiweißmengen der von mir untersuchten Urine akoter
über die Eiweißkörper des eiweißhaltigen Harns. 583
Nephritiden (Analyse 1 — 12), deren Ursachen zum Teil auf
Infektionskrankheiten (Diphtherie, Scharlach, Erysipel), zum Teil
auf Vergiftung (Sublimat) zurftckzufuhren, zum Teil nicht nach-
weisbar waren, schwanken zwischen 0,17 und 4,5^0* ^^ Eiweiß-
quotient war in keiner Weise von der Höbe der Eiweißmenge ab-
hängig, wie er auch in keinem Verhältnis zur Schwere des All-
gemeinbeflndeps stand. Bei den Fällen, bei denen am Harn ein
und derselben Person an mehreren Tagen Analysen ausgeführt
wurden (Analyse 5—6, 7 — 10, 11 — 12), konnte ich in keinem ein
mit der Besserung des Allgemeinzustandes und mit dem Abnehmen
der Eiweißmenge einhergehendes Steigen des Quotienten konsta-
tieren. Während bei dem einen innerhalb dreier Tage die Eiweiß-
menge von 0,17 auf 0,19^0 stieg, stieg der Eiweißquotient von
3,2 auf 6,6 : 1. Ebenso verhielt es sich in einem Falle akutester
Nephritis (11— 12j infolge von Sublimatvergiftung, die nach wenigen
Tagen unter den Erscheinungen der Niereninsufflcienz zum Tode
führte (bei der Sektion fand sich eine parenchymatöse Nephritis
mit geringer Beteiligung der Glomeruli). Obwohl der Eiweißgehalt
von einem Tage auf den anderen von 0,2 auf 0,9 ®/o stieg, stieg
der Eiweißquotient von 2 : 1 auf 3:1. In einem anderen Falle, in
dem die mit dem Harn ausgeschiedene Eiweißmenge stetig fiel, und
die vorher vorhandenen Ödeme schwanden, wie sich überhaupt der
Allgemeinzustand bedeutend besserte, stieg zwar während der
ersten 3 Tage der Eiweißquotient von 1,4 : 1 auf 2,6 : 1. Trotz er-
heblicher Besserung in jeder Hinsicht sank er aber nach 3 weiteren
Tagen wieder auf 1,2 : 1 (Analyse 7—10). Es stimmt dies mit den
Ansichten und Resultaten Hoffmanns, Csatärys und Cloettas
durchaus nicht flberein, und ist um so merkwürdiger, als es trotz
der auffallenden Besserung einer der niedrigsten Eiweißquotienten
ist, die ich überhaupt bei meinen sämtlichen Bestimmungen er-
halten habe.
Betrachtet man das Verhalten des Olobulinquotienten
bei den akuten Nephritiden, so fällt das völlig regellose Verhalten
desselben auf Bald wird mehr Euglobulin wie Pseudoglobulin
ausgeschieden, bald überwiegt die Pseudoglobulinausscheidung die
des Euglobulins, ohne jeden Zusammenhang mit der gesamten
Eiweißmenge oder dem jeweiligen Stande des Allgemeinbefindens,
oft von einem Tage zum anderen in das gegenteilige Verhältnis
umschlagend. Während er so bei einem Patienten (Analyse 7—10)
am 1. Tage 2,4 : 1 betrug, verhielten sich am nächsten Tage Eu-
globulin zu Pseudoglobulin wie 1 : 3,7, um 2 Tage darauf sich wie
39*
584 XXXVIII. Gross
1 : 1,3 ZU verhalten. Zu dieser Analysenreihe möchte ich noch auf
die Bestimmung der Eiweißkörper im Blutserum (Analyse 10 a)
dieser Patientin hinweisen. Die Analyse wurde zugleich mit der
des Harnes Nr. 10 gemacht. Zunächst fällt hier der sehr niedrige
Eiweißgehalt des Blutes auf, was wohl auf die oft festgestellte
Verarmung des Plasmas an Eiweiß bei schweren Nierenentzündungen
zurückzuführen ist. Daß das Haineiweiß tatsächlich oder wenigstens
zum allergrößten Teil aus dem Blute und nicht, wie manche Autoren
glaubten, aus zerfallenen Nierenepithelien besteht, haben Mathes(18).
Mertens(19), Leclainche und Vall6e (20), Inouye (21) und
Erben (22) mit Zuhilfenahme der biologischen Reaktion nach-
grewiesen. Ferner ist der sehr niedrige Eiweißqnotient (1:2,4)
auffallig. Es deckt sich dies vollkommen mit den Blut-Eiweili-
analysen des letztgenannten Autors. Auch er fand bei schweren
Nephritiden eine Hypalbuminose des Plasmas, einhergehend nut
einer hochgradigen Verminderung des Albumins und einer geringen
Erhöhung der andern Eiweißkörper.
Der Eiweißquotient zeigt bei subakuten und subchroni-
schen Nephritiden (Analyse 13—22) nicht so große Schwankungen.
Sie betragen 2 — 3,6 : 1, bei einer Patientin (Analyse 21, 22) 5 und
5,2 : 1. Ich möchte auch hier darauf hinweisen, daß, während bei
der einen Analysenreihe, die von einer Patientin stammt, mit der
Besserung des Zustande» und der Abnahme der Eiweißmengen im
Harn ein Sinken des Eiweißquotienten von 3,6 auf 2,6 zu beob-
achten ist (Analyse 13, 14), bei der anderen Reihe der an einem
Kranken ausgeführten Untersuchung trotz erheblicher Zunahme
des Hameiweißes und trotz erheblicher Verschlechterung des All-
gemeinbefindens bis zum Exitus letalis kein Sinken des Eiweiß-
quotienten nachzuweisen ist (Analyse 15—18). Auch dieses Ver-
halten steht also in direktem Gegensatz mit den Befunden der
oben genannten Autoren. Hier fällt ebenfalls die Unregelmäßig-
keit des Globulinquotienten auf, der bei ein und demselben Pa-
tienten (Analyse 15, 18) zwischen 1 : 2,3 und 1,5 : 1 schwankt Der
bei diesem Kranken durch Punktion entleerte Ascites hatte bei
einem Eiweißgehalt von 1,08 ®/o einen Eiweißquotienten von 1,8:1,
einen Globulinquotienten von 1 : 2,2. Ascites und Harn zeigen also
keine Beziehungen.
Wie schon oben erwähnt, glaubten Csatäry u. a. aus einem
sehr hohen Eiweißquotienten (über 10), verbunden mit einem ge-
ringen Eiweißgehalt des Urins auf eine Schrumpfniere schließen
zu dürfen. Meine Eiweißquotienten schwanken zwischen 1 und 4,3:1.
über die Eiweißkörper des eiweißhaltigen Harns. 585
Ich habe weder hier noch bei sonst irgend einer Form von Albu-
minurie einen Eiweißquotienten von 10 oder mehr gefunden. Anderer-
seits ist der Eiweiflquotient bei den von mir untersuchten chroni-
schen Nephritiden durchaus nicht immer hoch. Als höchstes betrug
er in einem Falle (Analyse 23, 24) 4,3 : 1, um am anderen Tage
auf 2 : 1 zu sinken. In einem ganz typischen Falle von Granulär-
atrophie der Niere (Analyse 22), die schon jahrelang bestand, mit
hellem, klarem, reichlichem Urin von niederem spezifischen Gewicht
und spärlichen Zylindern war er nur 1 : 1, einer der niedei^t^n
Werte, die ich überhaupt fand. Möglicherweise ist die Ursache
dieser großen Unterschiede zwischen meinen Untersuchungen und
denen Cloettas und Csatärys außer in der Methode darin zu
suchen, daß ich Urine mit einem Eiweißgehalt unter ^U^liyo nur
ausnahmsweise untersuchte. Ich tat dies, weil bei derartigen
dünnen Eiweißlösnngen die Arbeitsfehler, besonders bei der Be-
stimmung der dann doch nur in minimalster Menge vorhandenen
Globuline sehr groß sind. C a 1 v o (23) glaubt, daß bei interstitieller
Nephritis das Euglobulin manchmal nur spurenweise vorhanden ist.
Ich konnte ein derartiges Verhalten bei interstitieller Nephritis in
durchaus nicht höherem Grade feststellen, als bei anderen Formen
der Albuminurie. Die Untersuchung Calvos sind übrigens des-
wegen nicht einwandfrei, weil er gar keine quantitativen Bestim-
mungen gemacht, sondern den durch Ammonsulfat hervorgenifenen
Niederschlag der Stärke der Fällung nach abgeschätzt hat.
Von zwei Fällen hämorrhagischer Nephritis (36 und 37)
ist in dem einen (37) der sehr hohe Eiweißquotient trotz schlechten
Allgemeinbefindens bemerkenswert. Der Harn war stark mit Blut
vermischt. Der Globulinquotient schwankte auch bei diesen Fällen
völlig unregelmäßig.
Besonders interessant erschienen mir die Fälle von Stauungs*
niere zu sein, weil gerade dabei die Angaben Csatärys wegen
der oft infolge der Medikation eintretenden raschen Besserung und
des relativ schnellen Verschwindens der Allgemeinerscheinungen
leicht zu prüfen sind. Aber auch hier konnte ich nirgends einen
Znsammenhang zwischen Eiweißquotient und Krankheitsstand ent-
decken. In dem schwersten, einem zum Tode führenden Fall (Ana-
lyse 33—35), habe ich einen sehr hohen Quotienten gefunden.
Dieser Fall ist besonders beachtenswert, da die Stauung dadurch
zustande gekommen war, daß ein Abdominaltumor auf die Nieren-
gefäße drückte. Durch die Bettruhe verminderten sich die Nieren-
erscheinungen, der Eiweißgehalt des Urins sank von 0,8 auf 0,6
586 XXXVIII. Obos8
and dann auf 0,3%, begleitet von einem stetigen Sinken des
Eiweißqaotienten von 7,5 auf 6,3 und 3,6:1. Der Tod erfolgte
durch die sonstigen Erscheinungen, die der Tumor bedingte. Auf-
fällig ist femer der Umstand, daß dies der einzige sämtlicher von
mir untersuchter Fälle ist, bei dem ich — aber auch nur bei einer
einzigen Analyse — keine EuglobulinfäUung bekam.
Bei einem sichergestellten Falle von amyloider Degene-
ration der Nieren fand auch ich bei Untersuchung des Urines
wie Senator (24), Bartels (25), Csatäry und Joachim das
Globulin im Verhältnis zum Albumin sehr stark vermehrt, der
Eiweißquotient betrug nur 1:2,1, es scheint somit doch fest-
zustehen, daß ein sehr kleiner Eiweißquotient bei Amyloid Tor-
kommen kann. Dagegen konnte ich die Beobachtung Joachim's.
daß diese Olobulinvermehrnng vor allem auf Bechnung des En-
globuUns zu setzen ist, nicht bestätigen. Der Globulinquotient
betrug 1,1 : 1, er war also zwar nicht hoch, ging aber nicht unter
das Mittel herunter. In einem zweiten Falle von Amyloidniere.
bei dem die Diagnose ebenfalls durch die Sektion bestätigt wurde
— es handelte sich um eine weit verbreitete, generalisierte Amyloid-
niere mit starker Beteiligung der Nieren, wobei ein großer Teil
der Glomeruli ergriffen war — , fand ich dagegen ein direkt ent-
gegengesetztes Verhalten. Die Menge des ausgeschiedenen Albu-
mins übertraf die des Globulins um ein ganz beträchtliches, so daß
ich den hohen Eiweißquotienten von ö und 5,2 : 1 bekam. Der
Eiweißgehalt des Harns betrug 5 ^/„. Es spricht vielleicht ein sehr
niederer Eiweißquotient für das Vorhandensein einer Amyloidniere,
jedenfalls beweist aber ein hoher Eiweißquotient noch lange nicht
das Fehlen einer solchen. Der Globulinquotient betrug bei der
ersten Untei-suchung dieses Falles 1 : 2,3, das zweite Mal 1 : 2,6.
Auch bei einem weiteren Falle von schwerer Amyloidose fand ich
ähnliche Verhältnisse, der Eiweißquotient betrug 2,4 : 1, der Glo-
bulinquotient 1 : 2,5, letzterer war recht klein (Analyse 42).
Äußerst interessant ist das Verhalten der Eiweißkörper im
HaiTi bei orthostatischer Albuminurie wegen ihrer beson-
deren Stellung unter den übrigen Arten der Eiweißausscheidong
durch den Urin, da sie ja wahrscheinlich nicht auf Veränderungen
der Nierenepithelien, sondem auf Zirkulationsveränderungen zu be-
ruhen scheint. G u i b 1 a i n (26) fand in einem Falle kein Globulin.
A c h a r d und L o e p e r (27) konnten unter 4 von 5 Fällen von
orthostatischer Albuminm*ie kein Globulin nachweisen. Um so mehr
fiel es mir auf. daß ich bei einem sicheren Fall von orthosta-
über die EiweiOkörper des eiweißhaltigen Harns. 587
tischer Albuminurie (Analyse 42 und 43), den ich zu untersuchen
Gelegenheit hatte, nicht nur Olobulin fand, sondern sogar einen
sehr niederen Eiweißquotienten bekam. Er betrug nach meiner
ersten Bestimmung 1 : 1,7, bei der zweiten 1 : 1,8. Ebenso verhielt
sich der Eiweißquotient bei einem zweiten Falle von orthostatischer
Albuminurie (Analyse 44). Die Gesamteiweißausscheidung betrug
0,3773%, wovon 0,1705% auf das Albumin, 0,2068% auf das
(Globulin fielen. Das Verhältnis beider Eiweißkörper war also 1:1,2.
Außer bei dem oben genannten einen Fall von Amyloidose waren
dies die einzigen Harne, bei denen die Globulinausscheidung die
Albuminausscheidung überwog. Dieser kleine Eiweißquotient steht
bei der gutartigen Natur der orthostatischen Albuminurie in er-
heblichem Widerspruch mit der bisherigen Ansicht über den Wert
des Eiweißquotienten für die Prognose. Der Globulinquotient be-
trug 1:1,3 und 1:1,2 bei dem einen, 1:1,2 bei dem anderen Fall.
Bei einer dritten konstitutionellen Albuminurie war die Menge des
eiweißhaltigen Urines so gering, daß es mir leider nicht möglich
war. quantitative Bestimmungen zu machen. Von dem Vorhanden-
sein von Globulin konnte ich mich aber dadurch überzeugen, daß
auf Zusatz gleicher Mengen gesättigter Natriumsulfatlösung ein
relativ reichlicher Niederschlag ausfiel.
Zur weiteren Prüfung des Eiweißquotienten in prognostischer
Beziehung hielt ich es für angezeigt, die experimentellen Unter-
suchungen Cloettas zu wiederholen. Ich verfuhr dabei genau
so wie dieser, indem ich Kaninchen 5 ccm einer 5^0 Aloinlösung
subkutan injizierte; gewöhnlich trat am folgenden Tage reichlich
Eiweiß im Urin auf, das aber nach einigen Tagen wieder völlig
verschwand. Wegen der Mengen des dabei ausgeschiedenen Albu-
mens und des Verhaltens der Eiweißkörper verweise ich auf Tab. 2.
Auffällig ist dabei, daß trotz der bald eintretenden Besserung und
der geringeren Eiweißausscheidung in fast allen Fällen der Eiweiß-
quotient sinkt. Im ersten Falle blieb er unverändert.
Wenn man meine Resultate mit denen früherer üntersucher
vergleicht, so findet man insofern einen großen Unterschied, als
ich die Lehre vom Eiweißquotienten, wie sie die obengenannten
Autoren aufgestellt haben, durchaus nicht bestätigen konnte ; ja in
den meisten von mir untersuchten Fällen verhielten sich diese Ver-
hältnisse gerade umgekehrt, wie bei den früheren Untersuchem.
Ich will selbstverständlich keineswegs behaupten, daß das gerade
Gegenteil ihrer Resultate richtig wäre, sondern ich glaube, daß
sich ein Gesetz über das Verhalten des Eiweißquotienten, sei es in
588 XXXVm. Gross
prognostischer, sei es in diagnostischer Beziehung, nicht aafetellen.
und dieser sich also f&r die Praxis nicht verwerten läßt. Und
ebenso ist in dem Verhalten des Globulinquotienten, der oft von
einem Tag zum anderen in den entgegengesetzten Wert omschlägt
in keiner Beziehung auch nur eine Andeutung von Segelmäfiigkeit
zu erkennen. Die Ursachen dieser erheblichen Schwankungen im
Verhalten der EiweißkOrper ist heute noch vollkommen unbekannt.
Zum Schluß möchte ich Herrn Professor v. Krehl meinen
herzlichsten Dank aussprechen f&r das Interesse, das er meiner
Arbeit entgegengebracht hat, ebenso bin ich Herrn Dr. L. Blum
f&r die Anregung und Unterstützung bei Anfertigung der Arbeit
zu verbindlichstem Dank verpflichtet
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et 14 Juin 1901.
über die EiweiOkdrper des eiweißhaltigen Harns.
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592 XXXVIII. Gross, über die Eiweißkorper des eiweißhaltigen Harns.
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XXXIX,
Aus dem patbologischen Institut des Herzoglichen Krankenhauses
in Braunschweig.
Ein Fall von Morbns Addisonii infolge entzttndlich-
hyperplastischer Wnchernng beider Nebennieren anf
tranmatischer Grundlage.
Von
Dr. med. Bobert Borrmann,
Pix>sektor am Herzoglichen Krankenbaus in Braunschweig, PrivaUlozent an der
Universität Oöttingen.
(Mit Tafel VH, Vni)
Wenn wir von den ganz seltenen und nur vereinzelten Fällen
von Morbus Addison absehen, die ohne eine Nebennierenerkrankung
verlaufen und für die man eine alleinige Veränderung des Sym-
pathicussystems als Ursache anzunehmen geneigt ist — es sind
etwa 12 % sämtlicher Addisonfälle ~, so finden wir in den übrigen
88^0 ^iß Nebennieren verändert und mehr oder weniger hoch-
gradig zerstört. Als Ursachen dieser Veränderung kennen wir die
Tuberkulose, die Syphilis, Geschwülste (Carcinome, Sarkome) und
einfache Atrophien. Besonders bei letzteren hat man mehrfach
darüber gestritten, ob es sich um den Ausgang einer chronischen
diffusen, interstitiellen Entzündung der Nebenniere handle oder um
Atrophien sui generis, deren Ätiologie dann schwer aufzuklären
wäre.
Nur einen Fall finde ich in der Literatur von Marchand
(Virch. Archiv Bd. 81 p. 477) beschrieben, wo es sich um ein florides
Stadium bindegewebiger Wucherung beider Nebennieren handelte
mit starker Vergrößerung genannter Organe. Daneben waren ent-
zündliche Prozesse im Sympathicus und an mehreren peripheren
Nerven zu konstatieren und es fehlte — ein Befund, der den Fall
besonders interessant macht — die Hautpigmentierung. Ich komme
später noch auf diesen Fall zurück.
Wenn somit eine weitere Beobachtung von doppelseitiger
594 XXXIX. fiOHRXANN
Nebennierenerkrankung, die nicht in die vorhin genannten Gnippen
paßt, vielmehr eine bisher — abgesehen von dem Marchand'schen
Falle, mit dem eine gewisse Ähnlichkeit besteht — nicht bekannt«
Veränderung der Nebennieren repräsentiert, an sich schon die Ver-
öffentlichung rechtfertigt, so ist die letztere noch um so mehr ge-
boten, als mein Fall der erste ist, in dem als Ätiologie dieser
Nebennierenerkrankung bzw. des Morbus Addison mit Sicher-
heit ein Trauma festgestellt werden konnte.
Über die traumatische Ätiologie des Addison liegen nur
2 Arbeiten vor, die aber nicht ein wandsfrei sind. Lewin (Charite-
Annalen, 1892) hat unter 684 Fällen 25 mal ein vorangegangenes
Trauma erwähnt gefunden, doch äußert er sich nicht zu der Frage,
ob diese Traumen wirklich den Wert eines ätiologischen Faktors
haben. Weiterhin hat S c h m e y (AUgem. mediz. Centralblatt 1896 >
die Frage bearbeitet und aus der Statistik Lewin 's Fälle aus-
gesucht, die eine Entstehung des Morbus Addison auf traumatischer
Basis beweisen sollen. Diese Fälle sind aber nicht beweiskraftig
und man kann Stern (Über traumatische Entstehung innerer
Krankheiten, 1900, p. 394) nur beistimmen, wenn er sagt: „dem-
gegentlber ist zu betonen, daß die von ihm (Schmey) aus der
Lewin 'sehen Statistik exzerpierten Fälle sicher nicht geeignet
sind, bei kritischer Prfifung als „Beweise'' in dem behaupteten
Sinne zu gelten. Ein zufälliges Zusammentreffen ist weit wahr-
scheinlicher.^ „Jedenfalls wird man erst weitere Erfahrungen ab-
warten müssen, ehe man sich fiber die traumatische Entstehung
der Addison'schen Krankheit ein Urteil bilden kann.^
Demnach ist über die Bedeutung des Trauma bei der Ent-
stehung des Addison so gut wie nichts bekannt und ein in dieser
Hinsicht einwandsfreier Fall muß besonders in unserer jetzigen
Zeit, wo die Unfallbegutachtung in der Praxis eine so große Rolle
spielt, berechtigtes Interesse erwecken.
Der Fall stammt aus der Privatpraxis des Herrn Dr. Deicke
in Braunschweig, wurde von letzterem 4 Jahre hindurch, von An-
fang bis zu Ende, klinisch genau beobachtet und von mir seziert.
Herrn Dr. Deicke spreche ich für die freundliche Überlassongr
der Krankengeschichte meinen besten Dank aus.
Ich will jetzt zunächst Krankengeschichte und Sektionspratokoll
folgen lassen.
Krankengeschichte: (Herr Dr. Deicke).
Anamnese: Friedrich H., Kohlenhändler in Brannsobweig, geboren
14. Jannar 1870, gibt an, bisher immer gesund gewesen zu sein. In
Ein Fall von Morbufl Addisonii etc. 595
seiner Familie seien keine Krankheiten vorgekommen, nnr wäre eine
Sehweater mit 16 Jabren an ünterleibskrebs (?) gestorben, nachdem sie
2 Jabre vor ihrem Tode ohne Erfolg laparotomiert war.
Am 4. April 1901 verunglückte H. in der Weise, daß er anf
einem hocbbeladenen Mistwagen ausglitt, herabstürzte
und mit der rechten Seite anf die Kante einer offen-
stehenden Kiste aufschlug, wobei er sich auch den rechten
Mittelfinger anssetste. Die Schmerzen in der rechten Seite waren nach
dem Falle sehr groß, das Atmen erschwert.
Status praesens: Robuster kräftiger Mann mit gesunder Oe-
sichtsfiurbe, krausem, dunkeln Haar und etwas dunkler Hautfarbe. (Nach
Aussage des Patienten seien in seiner Familie mehrere Mitglieder mit
etwas dunkler Hautfarbe.) £s wird eine schwere Kontusion der rechten
unteren Hüoken- und Seitengegend, wie eine Fraktur der rechten 9. Bippe
festgestellt; auch sind die falschen Bippen auf der rechten Seite auf
Druck außerordentlich schmerzhaft.
Krankheitsverlauf : Nach Anwendung kalter Umschläge wird
am 3. Tage ein Heftpflastenrerband angelegt. Die Atembeschwerden
geben sich aber erst nach ca. 8 Tagen und Patient muß wegen starker
Scbmersen und allgemeiner Schwäche mehrere Wochen das Bett hüten.
Es dauert ^/^ Jahr, bis Patient wieder leichte, und ein weiteres ^/^ Jahr,
bia er wieder etwas schwerere Arbeiten verrichten kann; Patient klagt
während dieser Zeit beim Arbeiten immer noch über Schmerzen in der
rechten Seite, die nach dem Bücken hin ausstrahlen. Erst im darauf-
folgenden Winter (1901/02) bat Patient — wenn auch mit Mühe — seine
gewohnten Arbeiten wieder verrichten können, wie Kohlen laden, Säcke heben
usw. Im folgenden April (1902), also genau ein Jahr nach dem Un-
fall, wird Patientzum erstenmal von Bekannten darauf angeredet,
daß er so merkwürdig braun aussehe, seine Eltern seien wohl Zigeuner
gewesen usw. Da nun die Hautfarbe des H. an sich schon etwas dunkel,
er außerdem als Kohlenarbeiter Witterungseinflüssen und dem Kohlen-
staub ausgesetzt war, so mußte die Veränderung, die inzwischen mit
seiner Hautfarbe vor sich gegangen war, wohl recht bedeutend und auf-
fallig gewesen sein. Er selbst fühlt sich körperlich noch ganz wohl,
wenn auch nicht so gesund wie früher; er bemerkt die braune Farbe
zunächst nur im Gesicht, an den Händen und Unterarmen; auch die
Nägel mehrerer Finger sind beiderseits streifenförmig gelbbraun gefärbt.
Im Mai, also im folgenden Monat, entdeckt Patient an der Schleimhaut
der Lippen, des weichen und harten Qaumeiis, der Innenseite der Wangen
— besonders dort, wo die Zähne aufeinanderstoßen — zahlreiche schwarz-
blaue Flecken. An der Zunge einige tiefschwarze Stellen von Steck-
nadelkopf- bis Linsengröße. Im Verlauf weiterer Wochen nimmt die
Färbung der Haut und Schleimhäute immer mehr zu, so daß H. sich
schließlich scheut auszugehen, da er fürchtet, gehänselt zu werden.
Zugleich bemerkt er jetzt aunh Veränderungen in seinem Allgemein-
befinden: er magert außerordentlich ab zur großen Besorgnis seiner An-
gehörigen, er wird mißmutig, fühlt sich matt und kann seine Arbeiten
nicht in gewohnter Weise verrichten. Dabei macht ihm sein früher ganz
gesunder Magen öfler Beschwerden: nach Oenuß von Bier, sauren und
596 XXXIX. BOBRMANN
fetten Speisen empfindet er Druck in der Magengegend und Übelkeit:
es folgen gastrische Krisen mit Erbrechen, Speichelfluß. Schmersen im
Epigastrium, die. bis zum Hals hinaufziehen. Zunehmendes Schwache-
gefiihl und das Gefühl allgemeinen Krankseins, oft Schwindelanfälle.
Abnahme des Körpergewichts von 181 auf 151 Pfund. Aus dem vor-
her robusten, kräftigen und gesunden Manne ist innerhalb des letzten
Viertjßljahrs ein hinfElliger, abgemagerter Kranker geworden.
Sämtliche übrigen Organe, speziell die Lungen, sind völlig gesund,
Puls ist beschleunigt, regelmäßig, leicht unterdrückbar.
Ein Stückchen exzidierter Mundschleimhaut wird zur mikroskopi-
schen Untersuchung an das pathologische Institut des hiesigen Herzog).
Krankenhauses eingeschickt. Der Bericht (14. Oktober 1902) des Heiro
Prof. Dr. Beneke, derz. Prosektors, lautete:
nDas Epithel ist sehr dick, kräftig entwickelt, aber nicht atypisch
gewuchert. Seine untersten Schichten enthalten reichlich feinkörnig«
Pigment in den Zellen ; dasselbe findet sich weiterhin in großen und sehr
reichlichen Pigmentzellen des Papillarkörpers und der derbfibrösen Mukosa,
vorwiegend in ersterem und in der Scheide der Blutgefäße (Wander-
zellen). Das Pigment besteht immer aus feinsten Körnchen; niemab
finden sich Kohlepartikel. Histologisch entspricht also die Pigmentierung
dem physiologischen Typus der braunen bzw. Mobrenhaut, der Naevi etc.
Sollte nicht ein Morbus Addisonii vorliegen?^
Auf Grund der 3 Symptome: Pigmentierung der
Haut und der Schleimhäute, gastrische Krisen, zu-
nehmende Schwäche und Abmagerung wird klinisch
die Diagnose Morbus Addisonii gestellt.
Ätiologisch wird als wahrscheinlich angenommen, daß die
Krankheit mit der schweren Kontusion der rechten Seite bei dem
vor IV2 Jahren erlittenen Falle zusammenhängt. Es wird sich
entweder um einen Bluterguß in den Nebennieren handeln mit
nachfolgender bindegewebiger Schrumpfung oder um ein Carcinom
der Nebennieren infolge des Traumas. Es ist anzunehmen, daß der
Sympathikus bereits mitergrifFen ist.
Therapie: Nebennierentabletten, roborierende Diät. Patient magert
weiterhin ab (bis unter 100 Pfd.), die gastrischen Krisen werden heftiger,
die anfallsfreien Intervalle immer kürzer. Durch die Darreichung der
Nebennierentabletten wird eine Besserung nicht beobachtet, auch die
Herztätigkeit bleibt die gleiche: Puls beschleunigt, 100 in der Minute,
klein, gleichmäßig. Im Sommer 1 904 tritt dann noch einmal eine geringe
Besserung ein, so daß Patient sich seinem Geschäft wieder etwas mehr
widmen, sogar radfahren kann.
Am 2 7. April 1905, also 4 Jahre nach dem Unfall, kommt
Patient in die Sprechstunde (Herr Dr. Deicke) mit der Angabe, er
fühle sich sehr schlecht, und der Magen mache ihm arge Be^chwerdeo.
Zunge stark belegt. Die genossepen Speisen werden sämtlich wieder
erbrochen. Wismut. Am 30. April wird Patient liegend im Bett ge-
Ein Fall von Morbus Addisouii etc. 597
funden, pulslos, kollabiert, mit kalten Händen und Füßen. Auf der
Brust und im Rücken nichts Besonderes nacbweisbar. Herztöne schwach,
aber rein; alles wird erbrochen. Analeptica: Champagner, Tct. Yaler.
aeth. etc. Am 1. und 2. Mai keine Besserung. Wegen Schmerzen be-
kommt Patient am 2. Mai morgens eine Morphiuminjektion. Keine
Linderung. Exitus am 2. Mai 6^/^ Uhr nachmittags.
Die Sektion wurde von mir am 4. Mai in der Privat wohnung des
Verstorbenen ausgeführt und ergab folgenden Befund:
Stark abgemagerte, männliche Leiche von auffallend dunkelbrauner
Hautfarbe ; auch die Schleimhaut des Mundes zeigt Flecken von gleicher
Farbe. An den abhängigen Teilen finden sich ziemlich viele Toten-
flecken, Ödeme sind nicht vorhanden. Fettpolster fast ganz atrophisch,
Muskulatur schwach entwickelt, von gewöhnlicher Farbe. Das fettarme
Netz bedeckt die Darmschlingen bis zum Nabel. Letztere sind leicht
gebläht, Serosa blaß und glatt. In der Beckenhöhle nur wenig helle
klare Flüssigkeit. Zwerchfell steht beiderseits an der IV. Kippe, die
Leber schneidet mit dem Bippenbogen ab. Herzbeutel liegt in mäßiger
Ausdehnung frei, enthält ziemlich viel trübe, gelbliche, mit Fibrinflocken
untermischte Flüssigkeit. Das Herz selbst ist entsprechend groß, Ober-
fläche mit teils zottigen, teils flachen Fibringerinnseln bedeckt, die sich
leicht abziehen lassen. Muskulatur und Klappen des Herzens sind o. V.
Linke Lunge frei, in der Pleurahöhle gelbliche klare Flüssigkeit in
mäßiger Menge. Hechte Lunge in ganzer Ausdehnung, besonders an
der Basis, ziemlich fest verwachsen. Auf der Schnittfläche sind beide
Lungen gut blut- und lufthaltig, leicht ödematös. An der VIII., IX.
und X. Kippe rechterseits, etwas nach hinten von der Mitte gelegen,
flnden sich mäßige zirkumskripte Verdickungen (alte Frakturstellen); be-
sonders an der IX. Kippe springt nach innen ein deutlich ausgebildeter
Callus vor. Halsorgane o. B. Milz ist vergrößert, gut bluthaltig,
fühlt sich fest an ; Follikel und Trabekel deutlich. In der Gegend der
Unken und rechten Nebenniere fühlt man je eine unverschiebliche, derbe,
etwas abgeplattete Masse von über 2 Wallnußgröße auf der rechten,
fast Apfelgröße auf der linken Seite, die beiderseits . nach oben mit dem
Zwerchfell, nach unten mit der Kapsel des oberen Nierenpols, nach
medianwärts mit dem Gewebe vor der Wirbelsäule und mit letzterer selbst
fest verwachsen ist. Der rechte Leberlappen ist fast in ganzer Aus-
dehnung mit dem Zwerchfell und dem Kippenbogen verwachsen und läßt
sich schwer ablösen. Zunächst wird die Leber herausgenommen, dann
beide Nebennieren und Nieren im Zusammenhang mit dem präverte-
bralen Gewebe. Die Leber ist gut bluthaltig, zeigt außer einer ge-
ringen Stauung nichts Besonderes.
Die linke Nebenniere ist völlig ersetzt durch eine
8:6:4 cm große harte Tumormasse, die auf der Schnitt-
fläche eine weiß graue Farbe und eine derb fibröse Be-
schaffenheit zeigt. Trotz allen Suchens gelingt es nicht,
irgend einen Kest von Xebenni erensubs tanz aufzufinden.
Im Zentrum zeigt die Tumor masse eine 2bohnengroße
Nekrose von trüber, grau gelblich er Farbe, die aber kein
tuberkulöser Käse ist. Im übrigen sieht man auf den
Deutsches Archiv f. klin. Medizin. W». Bil, 40
598 XXXIX. BORHXANK
Schnittflächen keine Nekrosen weiter. Die weiBgrane
Tumormasse setzt sich xagförmig in die Zwerchf elinas-
knlatur fort und strahlt medianwärts in das prarerte-
brale Gewebe ans. Der Plexus solaris ist gröfitentsih
in die derbfibrösen Massen eingebaeken. DerSympathi-
kns zeigt sonst makroskopisch nichts Auffallendes,
weder weiter nach oben noch nach unten. Am oberen
Nierenpol ist die Tumormasse ebenfalls adhärent, durch-
setzt die Kapsel und hat den Nierenpol selbst etwa>
nach abwärts gedrückt, so daß die Nierensubstanz hier
deutlich abgeflacht und anämisch ist.
Auf der rechten Seite finden sich die gleichen, nor
in ihrer Intensität nicht so hochgradigen Veränderungen:
Bohat die Tumormasse hier nur eine Ausdehnung tou
5:4:2 cm, läßt aber im Übrigen ebenfalls keine Spur vcmi
Nebennierengewebe erkennen. Fig. l , Taf. VII, VIII zeigt uos die
beiden Nieren mit den Nebennieren im Zusammenhang; das ganze Prä-
parat ist in Konservierungsflüssigkeit etwas geschrumpft. Die linke Niere
(im Bilde rechts) ist um 90 ^ gedreht, da sonst wegen Platzmangels die
linke Nebenniere nicht hätte gezeichnet werden können. Die rechte Niere
sieht man von der Vorderfläche, die linke ist aufgeschnitten. Das präverte-
brale Gewebe, das die beiden Nebennieren untereinander verbindet, ist teil-
weise abgeschnitten zur mikroskopischen Untersuchung (wegen der Sym-
pathikusganglien.) Außerdem ist von der oberen Hälfte des rechten und vod
der unteren Hälfte des linken Neben nierentumors je eine ganze Scheine
zur mikroskopischen Verarbeitung abgeschnitten, so daß die beiden Schnitt-
flächen im Bilde nicht genau aufeinanderpassen; das sieht man auch an den
zentralen Nekrosen beiderseits. An der oberen Zirkumferenz des linken
wie rechten Nebennierentumors strahlt die weiße, derbfibröse Masse de^
letzteren in die Zwerchfellmuskulatur aus. (Die Unke Nebenniere mut
mim sich dabei um 90 '^ zurückgedreht denken.) Die Größe und Dick»'
der beiden Nebennieren tritt deutlich hervor, die Schnittflächen sind
derb, fibrös, streifig, von Nebennierensubstanz ist makroskopisch nicht das
geringste zu sehen. Der obere Pol der (gedrehten) linken Niere ist ein-
gedrückt. Die Nieren selbst, Ureteren und Beckenoi-gane sind o. B. Einige
Drüsen im prävertebralen Gewebe, besonders in der Umgebung des Tripu«
Halleri, sind vergrößert, aber weich und stellenweise von weißtrranen
Massen durchsetzt, die Tumormetastasen sein könnten.
Pathologisch- anatomische Diagnose:
Braune Pigmentierung der Haut und Schleimhäute. Doppelseitiger
Nebennierentumor (Scirrhus?) mit Metastasen in den prävertebralen
Lymphdrüsen (?). Totale Pleurasynechie rechts, Verwachsung des rcchtei.
Leberlappens mit dem Zwerchfell. Hydrothorax sinister. Oedema pul*
monum. Pericarditis sero-fibrinosa. Mäßige Stauungsmilz und -leber.
Alte Fraktarstellen an der VIII., IX. und X. Rippe.
Es wird nun zur mikroskopischen Untersuchung je eine ganze
Scheibe von dem linken wie rechten Nebennierentumor in Zenker sehe
Flüssigkeit eingesetzt, ebenso einige prävertebrale Lymphdrüsen nn«l
Ein Fall von Morbus Addisonii etc. 599
umgebendes Bindegewebe, in dem die Reste des Plexus solaris stecken.
Es werden von allen Stacken entsprechende Celloidinblöcke her-
gestellt, von denen 10 /* dicke Schnitte angefertigt werden. Die Fär-
bung der letzteren erfolgt zunächst mit Hämalaun-van Oieson-Orange.
Zn&ächst werden die Schnitte von den Nebennierentumoren
angesehen und vergeblich nach Greschwulstgewebe gesucht Weder
sieht man Carcinom, noch Sarkom, noch sonst irgend eine 6e-
schwalstart, es besteht vielmehr die ganze Masse, in der Neben-
nierensnbstanz nur noch in ganz vereinzelten kümmerlichen Epithel-
hänfchen zu erkennen ist, aus teils grobfaserigem, kernarmen, mehr
narbigen, teils zellreicherem, gewellten Bindegewebe, in das ein-
gestreut sich kleinere und größere Herde kleinzelliger Infiltration
( Lymphocyten) finden (cf. Fig. 2, Taf. VII, VIII). Mein erster Gedanke
war natürlich an Tuberkulose, doch mußte ich diese Vermutung
bald aufgeben, da nicht der geringste Anhaltspunkt dafür gefunden
wurde. Abgesehen von der genau im Zentrum der „Tumormasse**
gelegenen Nekrose, die histologisch nichts Besonderes zeigt, viel-
mehr den einfachsten Grad der Nekrose darstellt und einfach durch
schlechte Ernährungsverhältnisse im Zentrum der Masse zu er-
klären ist, finden sich in dem übrigen Gewebe gar keine Nekrosen
weiter; es fehlen femer exsudative Prozesse, Knötchenbildung,
Riesenzellen und Tuberkelbazillen, auf die natürlich auch durch
Färbungen gefahndet wurde. Es fehlt also alles, was die
Diagnose Tuberkulose gestatten könnte und somit
ist diese absolut sicher auszuschließen.
Weiterhin mußte man an Syphilis denken, doch hatte erstens
die zentrale Nekrose absolut nichts gummöses, zweitens fehlen jeg-
liche histologischen Anzeichen — soweit man ihnen überhaupt Wert
beimessen kann — , wie perivaskuläre Zellinfiltrationeu etc., und
drittens liegt ätiologisch nicht der geringste Anhaltspunkt für eine
luetische Infektion vor; vielmehr handelt es sich um einen vorher
absolut gesunden und überaus kräftigen Mann mit gesunder Frau
und gesunden Kindern.
Das mikroskopische Bild an den verschiedensten Stellen beider
Nebennierentumoren drängte zu der Annahme, daß es sich um eine
chronische entzündliche Bindegewebswucherung handeln müsse, die
nur hier und da in Schrumpfung übergegangen war, an den meisten
Stellen sich aber noch auf der Höhe, im floriden Stadium, befand.
Das sieht man vor allem schon makroskopisch an der eminenten
Größe beider Nebennieren und zweitens daran, daß die weißgrauen
Massen sich zugförmig zwischen die Zwerchfellmuskulatur hinein-
40*
600 XXXIX. BOBRMAKN
ei^strecken und ebenfalls zngf&rmig:, an Intensität abnehmend, nach
der Wirbelsäule hin ausstrahlen (cf. Fig. 1, Taf. VIL VIII). Letzteres
zeigt sich auch im mikroskopischen Bilde, wo vor^viegend Lympho-
cyten reihenweise die interstitiellen Muskelsepten des Zwerchfells
infiltrieren. Sowohl in den bindegewebigen Partien, wie auch vor
allem in den Lymphocytenhaufen finden sich nun reichlich
Figmenthaufen, die aus braunen eckigen Kornchen
oder auch aus mehr klumpigen Massen bestehen. Es
unterliegt keinem Zweifel, daß wir es hier mit den
Resten einer früheren Blutung zu tun haben, die schon
recht weit zurttckliegen muß, da die Pigmentmassen mit Ferro-
cyankali-Salzsäure keine Reaktion mehr geben.
Weiterhin fallen nun aber noch andere Gebilde auf, die vor-
wiegend in den Lymphocj tenhaufen liegen (cf. Fig. 2, Taf. VII, VIII .
meist eine runde oder wenigstens rundliche Gestalt zeigen« mit
van Gieson-Orange eine braunrote Farbe angenommen haben und
Lymphocyten in ihrem Inneren erkennen lassen. W^ir haben e>
hier sicher nicht mit Pigmentmassen zu tun (der negative Ausfall
der Eisenreaktion auch an diesen Gebilden beweist allerdings nicht> .
da sie erstens im ungefärbten Präparat völlig farblos sind, sie
zweitens mit van Gieson-Orange eine ganz andere Färbung (mehr
rotbraun) zeigen wie das Pigment und sie drittens ein ganz anderes
Aussehen haben. Man kann sie auf den ersten Blick von den
meist kleineren Pigmentschollen unterscheiden.
Am besten lassen sich diese Gebilde in Schnitten von dt-zi
prävertebralen Lymphdrüsen studieren, in denen man ebenfalls
altes Blutpigment (ohne Eisenreaktion) in großen Mengen find«^r.
Die genannten, vorläufig nicht zu definierenden kugeligen Gebilcr
liegen oft haufenweise in den Lymphdrüsenschnitten, und man kai.:.
alle möglichen Größen und Formen unterscheiden. Sie sind nirl.!
nur von Lymphocyten dicht umlagert, sondern auch mehr od^:
weniger von ihnen durchsetzt. Es unterliegt keinem Zweifei.
daß die Lymphocyten in diese fremden Körper — denr
um solche handelt es sich — einwandern und an ihre:
Auflösung sich beteiligen. In Fig. 3a,bundc habe i-l.
drei verschiedene Stadien dieses- Auflösungsprozesses gezeichntt.
Der „Fremdkörper", wie wir die Gebilde kurz nennen wollen« chtr
im Unklaren darüber zu sein, daß es sich um keine Fremdkür j*-:
im eigentlichen Sinne, um keine korpuskularen Elemente handrr.
liegt nun in Fig. 8 a inmitten von Lymphocyten. Letztere lind-:
sich aber auch innerhalb des braunroten Fremdkörpei-s und :"
Ein Fall von Morbns Addisonii etc. 601
Protoplasma ist danu nicht mehr gelb gefärbt, sondern blaß bräun-
lich. Der Körper selbst ist nicht mehr rund, sondern unregelmäßig
gestaltet, sieht stellenweise wie angefressen aus. Fig. 3 b zeigt
uns den Auflösungsprozeß in einem weiter fortgeschrittenen Stadium.
Im Inneren des Fremdkörpers, der viel kleiner ist als der in a,
bemerkt man helle runde oder längliche Bezirke, die zweifellos die
Stellen andeuten, wo Lymphocyten gelegen haben. Kerne sind in
diesen helleren Bezirken nicht mehr zu finden, auch nicht in Serien-
schnitten, so daß man annehmen muß, es sei nur noch der Proto-
plasmaleib der Lymphocyten vorhanden. Vielleicht ist auch diese
Annahme nicht richtig und der ganze Lymphocyt ist untergegangen ;
an seiner Stelle läge dann jetzt die viel heller gefärbte, also
größtenteils resorbierte, braune Masse des Fremdkörpers. Jeden-
falls sind die rundlichen helleren Bezirke keine Löcher, sondern
weisen noch eine mattbräunliche Farbe und leicht gekörnte Struktur
auf. Fig. 3c zeigt uns den Prozeß in einem noch weiteren Stadium:
von dem braunen Fremdkörper ist kaum noch etwas übrig ge-
blieben, wir sehen nur noch eine mattgefärbte, teilweise leicht
streifige, teilweise etwas gekörnte, unregelmäßig gestaltete Masse.
Ein ganz anderes Bild bieten diese Fremdkörper nun an den-
jenigen Stellen in den Nebennierentumoren, wo derbfibröses Binde-
gewebe sich findet. Sie liegen hier meist zerstreut, im Gesichts-
feld bei schwacher Vergrößerung nie mehr wie drei, meistens nur
einer. Fig. 4, Taf. VII, VIII zeigt uns eine solche Stelle, bei derselben
Vergrößerung gezeichnet (Zeiß, Imm. ^i«' wie Fig. 3 a, b und c.
Der Körper liegt mitten in grobfaserigem, sklerotischen, keni-
armen Bindegewebe, nicht von Lymphocyten umgeben ; er hat eine
mehr orangerote Färbung angenommen, ist scharf umgrenzt und
setzt sich aus mehreren einzelnen Körpern zusammen, so daß eine
Art Rosettenform resultiert. Im Inneren liegen 3 Kerne, denen
nicht mehr anzusehen ist, ob sie von Lymphocyten stammen oder
dem Bindegewebe angehören. Ich möchte wegen der Form und
der Farbentinktion das letztere glauben, ohne dafür einen Beweis
erbringen zu können.
Erwähnen muß ich noch, daß diese Fremdkörper weder nach
der Weigert'schen Fibrinfärbemethode noch nach Behandlung mit
Lugol'scher Lösung irgendwelche Reaktion zeigen.
Bevor ich nun zur Bewertung dieser soeben beschriebenen
Befunde übergehe, muß ich erst noch einige andere Bilder be-
sprechen, die sich — wenn auch selten — in den Xebennieren-
tumoren finden und die mit den beschriebenen im engen Zu-
602 XXXJX. BOKRMAhN
sammenhang zu stehen scheinen. Wir sehen nämlich in manebeu
Lymphocytenhaufen helle glänzende tropfenähnliche Kugeln, die im
ungefärbten Präparat farblos sind. Mein erster Gedanlre war
an Glykogen und die Behandlung mit Lugol'scher Lö-
sung ergab die typische Brannfärbung. Fig. 5, TatVILVIII
zeigt uns bei schwacher Vergrößerung einen von zellreichem fase-
rigen Bindegewebe eingeschlossenen Lymphocytenhaufen, in dem
die braunen Glykogentropfen sichtbar sind. Das Präparat ist mit
Hämalaun vorgefärbt und nachher mit LugoFscher Lösung be-
handelt. Das Glykogen liegt größtenteils in Zellen, deren Kern
platt an die Wand gedrückt ist. Wir haben es hier wohl sicher
mit einem Rest von Nebennierengewebe zu tun, von dem allerdinofi^
nichts weiter übrig geblieben ist als glykogenhaltige Zellen. Die.se
liegen immer in Lymphocytenhaufen und das weist daraufhin,
daß sie als eine Art Fremdkörper wirken. Noch deutlicher wird
dies aus Befunden, wo eine Gruppe von Glykogentropfen zu einem
größeren Gebilde konfluiert ist, und sich so Übergänge finden zu
den in Fig. 3 a, b und c und Fig. 4 gezeichneten braunen Körpem.
Daß die Glykogentropfen der Fig. 5 und die Fremdkörper der
Fig. 3 a, b, c und Fig. 4 nicht völlig miteinander übereinstimmen,
geht aus ihrem verschiedenen Aussehen und der Farbenreaktiou
hervor. Erstere färben sich mit Lugol typisch braun, mit van
Gieson-Orange blaßgelblich, letztere dagegen mit Lugol gar nicht,
dafür aber mit van Gieson-Orange dunkelrotbraun. Doch finden
sich Übergänge zwischen beiden.
Meiner Meinung handelt es sich hier um liegengebliebene Gly-
kogenmassen, die entweder nur eingedickt wnrden oder irgend eine
andere chemische Verbindung eingingen, die schwer löslich war
und die es notwendig machte, daß diese „Fremdkörper" duixb
Lymphocj'ten aufgelöst werden mußten. Ich komme auf diesen
Vorgang später noch einmal zurück.
Nun noch einige Worte über den histologischen Befund an
den Sympathikusganglien: sie waren von Bindegewebe durch-
wachsen, die Ganglienzellen und Nervenfasern komprimiert, atro-
phisch, erstere auch pigmentiert.
Epikrise.
Ein 31 jähriger kräftiger, robuster, stets gesunder Mann von
181 Pfund Körpergewicht erleidet einen Unfall derart, daß er von
einem hochbeladenen Mistwagen herabfilllt und zwar mit der rechten
Seite auf die Kante einer offenstehenden Kiste. Schwere Kontusion
der rechten Seite, Fraktur dreier Eippen, lange dauerndes Kranken-
£in Fall von Morbus Addieonii etc. 603
lager. Nach einem halben Jahre kann Patient wieder einigermaßen
arbeiten, nach Verlauf eines Jahres wird eine braune Verfärbung
der Haut zum ersten Male bemerkt, bald darauf auch dunkle
Flecken an der Mundschleimhaut. Zugleich tritt Veränderung des
Allgemeinbefindens ein, das langsam schlechter wird : Abmagerung,
Mattigkeit, Magenschmerzen, Übelkeit, gastrische Krisen mit Er-
brechen, Speichelfluß, Schwindelanfalle, Pulsbeschleunigung usw.
3 Monate später ist Patient um 30 Pfund abgemagert (151) und
unter zunehmender Braunfärbung der Haut und Schleimhäute hin-
fällig geworden. Es wird die Diagnose Morbus Addisonii
gestellt als Folge des vor 2 Jahren erlittenen Un-
falls. Der Patient magert trotz aller Therapie immer mehr ab
( bis unter 100 Pfund), die gastrischen Krisen werden häufiger, die
Braunfärbung der Haut intensiver und nach weiteren 2 Jahren —
also im ganzen 4 Jahre nach dem Unfall — tritt der Exitus ein.
Die Sektion ergibt als Hauptbefund eine Umwandlung beider
Nebennieren in sehr große derbe Tumoren (s. Fig. 1, Taf. VIIV, III)
unter völligem Schwund der Nebennierensubstanz. Die bindegewebige
Wucherung strahlt in das Zwerchfell und in das prävertebrale Ge-
webe aus, so daß auch die Sympathikusganglien größtenteils mit
untergegangen sind.
Mikroskopisch zeigt sich, daß es sich nicht um Tumoren
handelt, sondern um eine Vergrößerung beider Neben-
nieren infolge chronischer hyperplastischer Binde-
gewebswucherung, die nicht in Schrumpfung ausging,
sondern dauernd im Fortschreiten begriffen war. Von
Nebennierengewebe war auch mikroskopisch nichts mehr vorhanden
bis auf ganz geringe Spuren.
Die wichtigsten Fragen, die sich uns aufdrängen, sind nun
folgende: 1. Welcher Art ist die chronische Bindegewebswucherung
in den Nebennieren?
2. Aus welchem Grunde blieb diese Wucherung dauernd im
floriden Stadium und ging nicht in Schrumpfung über?
3. Inwieweit müssen wir das Trauma in diesem Falle als Ur-
sache der Nebennierenveränderung heranziehen und wie haben wir
uns seine Wirkung und Folgen vorzustellen?
Wenn wir uns zunächst der Beantwortung der Frage 1 zu-
wenden, so muß ich nochmals betonen, daß sowohl für Tuber-
kulose wie auch für Syphilis nicht der geringste An-
haltspunkt vorlag weder anamnestisch, noch aus dem
makroskopischen Sektions- wie aus dem mikroskopi-
604 XXXIX. ßoRRMANN
scheu Untersacbuiigsbefand. Diese beiden Ätiologien,
von denen besonders die erstere — die Tuberkulose — so häafis^
vorkommt nicht nur in verkäsender Form, sondern auch in chroni-
scher indurierender Form mit sekundärer Schrumpfung des Organs,
sind in unserem Falle mit Sicherheit auszuschließen.
Wir finden eben keine Schrumpfung, vielmehr beide Neben-
nieren im Stadium der fortschreitenden hyperplastischen Entzün-
dung, die zu einer vielfachen Vergrößerung beider Organe geführt
hat. Gerade deshalb müßten wir aber irgendwelche Anzeichen für
Tuberkulose — falls es sich um solche handelte — finden, denn
es wird immer betont, daß nur bei totaler Atrophie des
Organs in den narbigen Massen mikroskopische Befunde, die für
Tuberkulose sprechen, nicht mehr erhoben werden können. 80 sa<rt
Simmonds (Virch. Arch. Bd. 172): „Die Tuberkulose der Neben-
nieren kann so gründlich und mit fast vollkommener Verödung des
Parenchyms ausheilen, daß es bisweilen schwer hält, das Grund-
leiden ausfindig zu machen.^
Weiterhin sagt Simmonds, daß die tuberkulöse Ati-ophie
immer nur eine Nebeniere betreffe — eine Behauptung, für die
ich keinen (4rund sehe. Fände man dagegen eine Atrophie beider
Nebennieren mit Addison, so sei es keine Tuberkulose, sondeni
andere Prozesse gewesen, die die Atrophie bedingt hätten. Er
findet 24 hierhergehörige Fälle in der Literatur, von denen die
meisten ungenau beschrieben waren. „So kommt es, daß unsere
nur auf einigen wenigen zuverlässigen Mitteilungen basierenden
Kenntnisse dieser Form der Addison'schen Krankheit äußeret
lückenhaft sind.'* Er beschreibt dann zwei eigene Fälle Vi»n
Addison mit doppelseitiger Nebennierenschrumpfung, für die er
keine einfache Atrophie annimmt, da die Sympathikusfasem vöUis:
intakt waren ; auch glaubt er — wegen des Pigmentmangels — nicht
an eine organisatorische Wucherung in beiden Organen nach Zer-
störung dei*selben durch Blutungen, sondern an eine chronische
Entzündung: Tuberkulose oder Syphilis. Erstere war nun völlig
auszuschließen und so hält er Syphilis für sehr wahrscheinlich, da
in der Literatur Fälle von Addison bei Syphilitikern beschrieben
seien mit narbiger und schwieliger Umwandlung der Nebennieren.
Simmonds glaubt für seine beiden Fälle deshalb Sj-philis an-
nehmen zu sollen, da gewisse histologische Befunde dafür sprechen,
wie fleckweise Infiltrationen, Gefäß wand Veränderungen, Narbenbil-
dungen usw. Ferner hält er die einfache diflfuse interstitielle Ent-
zündung der Nebennieren für sehr selten. Er führt Urths Worte
Eiu Fall von Morbus Addisonii etc. 605
an: „Bei aller Anerkennung der Möglichkeit des Vorkommens einer
solchen chronischen Entzündung bin ich doch wie viele andere
Pathologen der Meinung, daß es sich in allen diesen Fällen um
Tuberkulose handelte" (Lehrbuch, Bd. II, p. 8). Simmonds hat
jahrelang sämtliche sezierten Nebennieren mikroskopisch unter-
sucht und hat nie eine diffuse interstitielle Entzündung gesehen.
Er sagt deshalb : „Ich möchte daher auf Grund fremder und eigener
Erfahrung eine einfache chronische interstitielle Entzündung der
Nebenniere für etwas extrem Seltenes halten." Ähnlich spricht
sich auch Neusser aus, der in NothnageTs spezieller Patho-
logie und Therapie (Bd. XVIII) die Nebennieren abhandelt. Er
sagt (p. 33): „Eine chronische interstitielle Entzündung der Neben-
nieren spielte in den früheren Dezennien als ätiologisches Moment
des Morbus Addisonii eine große Bolle, ist jedoch, wenn nicht in
allen, so sicher in den allermeisten Fällen als Tuberkulose auf-
zufassen."
Wenn wir also sämtliche in der Literatur beschriebenen Fälle
von bindegewebiger Induration der Nebennieren mit sekundärer
Schrumpfung als auf Tuberkulose bzw. Syphilis verdächtig aus-
schalten, so bleibt nur ein Fall übrig, der sich von allen diesen
unterscheidet und deshalb anders aufzufassen ist, und der insofern
eine gewisse Ähnlichkeit mit meinem Falle hat, als beide Neben-
nieren ebenfalls im Stadium der floriden h}- perplastischen
Entzündung gefunden wurden, die zu wirklichen Tumoren ge-
führt hatte. Ich meine den vorhin schon kurz erwähnten Fall von
Marchand. Er unterscheidet sich allerdings in einigen wesent-
lichen Punkten von dem meinigen : erstens fehlte die Braunfärbung
der Haut, was ja den Fall in anderer Hinsicht wieder besonders
interessant macht, zweitens standen klinisch schwere Nerven-
veränderungen im Vordergrunde nicht nur des Sympathikusgeflechts,
sondern auch einiger peripherer Nerven, wie des Plexus brachialis
und des N. ischiadicus. Diesen Nervenerkrankungen entsprachen
auch mikroskopische Veränderungen, die als Neuritis productiva
aufzufassen waren. Drittens fehlten mikroskopisch die Pigment-
hänfen und jene von mir als eingedickte Glykogenmassen gedeuteten
^.Fremdkörper", die wohl in meinem Falle die Entzündung unter-
halten haben mögen, und viertens hatte in Marchan d's Fall
kein die ganze Nebennierenerkrankung erklärendes Trauma statt-
gefunden. Marchand glaubt in seinem Falle eine der Neben-
nierenerkrankung voraufgehende Veränderung des Sympathikus an-
006 XXXIX. BOHK^ANN
nehmen zu sollen, da letzterer an mehreren, weit auseinanderli^enden
Stellen eiiu*ankt war.
Ich kann also diesen Fall Marchand 's, trotz einer gewissen
Ähnlichkeit im makroskopischen Befand, doch nicht in Parallele
setzen mit dem meinigen, maß diesen vielmehr noch anders deuten.
Ich will die vorhin aaf p. 603 gestellten Fragen 2 nnd 3 zu-
sammen erledigen und gleich aaf den Zusammenhang zwischen
Trauma und Nebennierenerkrankung in meinem Falle eingehen.
Der Sturz des Patienten aus beträchtlicher Höhemit
der rechten Seite auf die Kante einer offenstehenden
Kiste läßt zwanglos die Annahme zu, daß von dem
Trauma die rechte Nebennierengegend getroffen
wurde. Bei der Sektion fanden sich feste Verwachsnngen der
Tieberoberfläche und der rechten Lungenbasis mit dem Zwerchfell,
außerdem alte Frakturstellen an der VIIL, IX. und X. Rippe. Der
]\[ann hatte also eine schwere Kontusion der rechten Seite erlitten
und klagte lange nach dem Unfall noch über Schmerzen in der
rechten Seite, die nach dem Rücken bin ausstrahlten. Er hat
sich von dem Unfall nie wieder recht erholt und
wurde nach 1 Jahre ernstlich krank unter den typi-
schen Symptomen des Morbus Addisonii, dem er dann
auch nach 3 weiteren Jahren erlag. Es ist also gar
keineFrage, daß klinisch die Nebennierenerkrankung
eine direkte Folge des Trauma ist, wir also einen
echten traumatischen Addison vor uns haben, wie
auch der behandelnde Arzt schon bei Lebzeiten des
Patienten annahm. Wichtig ist jetzt vor allem die Beant-
wortung der Frage, wie wir uns die Wirkung des Trauma auf die
Nebennieren zu denken haben und wie es zu erklären ist, daß die
linke Nebenniere stärker erkrankt war als die rechte, obwohl der
Sturz auf die rechte Seite erfolgte. Es wird sich meiner Meinung
nach um eine Zertrümmerung mit Durchblutung beider Neben-
nieren gehandelt haben, wobei die rechte direkt getroften wurde,
während die linke entweder infolge Contrecoup zerriß oder dadurch,
daß sie überdehnt wurde. Daß von vornherein die Zertrümmerung der
linken Nebenniere eine ausgedehntere gewesen sein mußte als die
der rechten, da letztere bei der Sektion nicht ganz so hochgradig
verändert war wie die erstere, braucht nicht einmal angenommen
zu werden, da es auch möglich ist. daß diejenigen Faktoren, die
die chronische Entzündung unterhielten und auf die ich gleich noch
zu sprechen kommen werde, links intensiver wii'kten als rechts.
Ein Fall von Morbus Addisonii etc. g07
Ob nun eine völlige Zertrümmerung beider Nebennieren oder
nur eine teilweise durch das Trauma stattgefunden hat, läfit sich
nicht sagen, da es bekannt ist, daß doppelseitige Nebennieren-
blutungen mit totaler Zerstörung des Organs einmal unter schweren
typhösen Erscheinungen oder unter Konvulsionen und peritonitis-
ähnlichen Anzeichen schnell zum Tode führen, das andere Mal
ohne jegliche Störung verlaufen können. Ob man in diesen Fällen
annehmen soll, daß außerdem noch andere, versprengte Neben-
nieren vorhanden waren, die die Funktion Übernahmen, bleibe
dahingestellt.
Über traumatische Läsionen der Nebennieren ist in der Lite-
ratur nicht viel bekannt. Am häufigsten sind noch die beider-
seitigen Neben nierenhämatome bei Neugeborenen infolge von Traumen
bei künstlichen Geburten beobachtet. Ich selbst konnte einen der-
artigen Fall sezieren, wo kräftige und langedauernde Schultze'scbe
Schwingungen vorgenommen waren. Einseitige traumatische Neben-
nierenhämatome sind einige Male Gegenstand eines operativen Ein-
griffs gewesen (Kontier, Pawlik, Wallmann u.a.), doch sei
bemerkt, daß in derartigen Fällen oft zwischen dem Trauma und
dem Nachweis des Hämatoms viele Jahre lagen, so daß nicht alle
diese Fälle eindeutig sind.
Wenn wir nun annehmen, daß in unserem Falle durch das
Tranma beide Nebennieren zertrümmert bzw. durchblutet wurden
(Gefäßzerreißung!), so entsteht die weitere Frage, warum dieses
zertrümmerte Gewebe nicht der Organisation mit nachfolgender
Schrumpfung anheimfiel, wie wir es sonst zu sehen gewohnt sind.
So schreibt Simmonds ganz richtig: „Was wird nun aus dem
hämorrhagisch infiltrierten Organ? Ist nur eine Nebenniere be-
fallen, überlebt das Individuum genügend lange den Anfall, so liegt
zweifellos die Möglichkeit einer Resorption der Extravasate unter
mehr oder minder ausgebreiteter Verödung des Organs vor. Bei
der großen Fähigkeit der Nebenniere, durch vikariierende Hyper-
plasie den Ausfall zu decken, wird dem Organismus daraus kein
Schaden erwachsen."
In unserem Falle werden nun ebenfalls organisatorische Pro-
zesse nach dem Trauma eingesetzt haben, die einmal in ßesorption
und dann in Bindegewebs Wucherung bestanden. Wir wissen nun.
daß gar nicht so selten organisatorische bzw. entzündliche binde-
gewebige Wucherungen ihren Abschluß nicht in einer Narbe finden
— wie es allerdings die Begel ist — , sondern in ein hyperplasti-
sches Stadium übergehen, und nehmen in solchen Fällen an, daß
608 XXXIX. BORRMANN
irgendwelche Momente, die als dauernde „Reize" wirken, die ,,ent-
zündliche Wucherung" unterhalten. Für unseren Fall bin ich ge-
neigt anzunehmen, daß einmal jene kugeligen und scholligen Masses,
die sich sowohl in den Nebennierentumoren als auch in den regio-
nären Lymphdrüsen finden und die ich als eingedickte Glykogen-
massen oder sonstige, uns noch unbekannte chemische Produkte
der Nebennierensubstanz auffasse, die Entzündung unterhalten haben.
Dafür spricht einmal ihre Häufigkeit, zweitens ihre Lage innerhalb
von Lymphocytenhaufen (cf Fig. 2, Taf VII, VIII) und drittens der
Befund, daß sie durch Lymphocyten aufgelöst werden, die in die
Körper hineinwandern.
Als weitere Erklärung, warum die entzündliche Wucherung
nicht zum Stillstand kam, möchte ich den Umstand heranziehen,
daß der Patient — trotz seines Leidens — wieder ziemlich schwere
Arbeiten verrichtet hat und zwar gerade solche, durch die das
Zwerchfell und die Xebennierengegend auf beiden Seiten dauernd
angespannt, gezerrt und somit gereizt wurde, als Kohlen schippen.
Säcke schleppen, Auf- und Abladen von Säcken usw. Vielleicht
ist bei diesen Arbeiten die linke Rückenseite mehr in Anspruch
genommen worden als die rechte und dadurch die stärkeren Ver-
änderungen der linken Nebenniere gegenüber der rechten zu er-
klären. Ob der Prozeß zum Stillstand gekommen wäre, wenn der
l^atient nach dem Unfall nie wieder intensiv gearbeitet, vielmehr
dauernde Euhe gehabt hätte, läßt sich natürlich nicht sagen. Die
eigentliche Todesursache war in diesem Falle ja eine interkurrente
fibrinöse Perikarditis, die sich — aus unbekannter Ursache, aber
wohl sicher auf bakterieller Basis — in dem durch den Morbus
Addisonii stark geschwächten Organismus leichter etablieren konnte.
Zum Schluß möchte ich noch auf eins hinweisen: in unserer
Zeit, wo die Unfallbegutachtung eine so große und wichtige Rolle
spielt, wo aber andererseits oft genug dem Trauma eine Bedeutung
zugeschrieben wird, die es nicht verdient, und bei vielen Araten
die Neigung besteht, Erkrankungen auf eine traumatische Ätiologie
zurückzuführen unter manchmal ganz absurden und gekünstelten
Annahmen und Kombinationen, ist es nicht nur gerechtfertigt,
sondern sogar notwendig, manchem solcher Fälle mit Mißtrauen
zu begegnen, das Trauma als ätiologisches Moment auszuschalten
und lieber eine einfache und ungezwungene Erklärung des Zustande-
kommens der betreffenden Krankheit anzunehmen. Ein sicherer
Fall von traumatischem Addison ist bisher nicht be-
schrieben und durch die Veröffentlichung dieses
Ein Fall von Morbus Addison ii etc. 609
meines Falles ist eine neue Erkrankung in die lieihe
derjenigen aufgenommen, die durch ein Trauma be-
dingt sein können. Ich halte meinen Fall für einwandsfrei
in dieser Beziehung und glaube, daß er bei voller Berücksichtigung
des klinischen Verlaufs wie der Ergebnisse der makroskopischen
und mikroskopischen pathologisch-anatomischen l'ntersuchung selbst
der strengsten Kritik wird standhalten können.
Lippert A Co. 6. Pätz'sche Buchdr.\ Naumburj; a. S.
Ueat.sclies Archiv rkliiiiKdie^Mrdinn Bd.8(i.
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Die Milch: Profenor Dr. Raudnüz—Pnxg,
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Barlowsche Krankheit: Profeeeor Dr. von Starek—Kiel.
Rachitis: Profeeeor Dr. Stöliener^Dreeden.
Diabetes: I^feeeor Dr. von Noord&n — Wien.
Skrofulöse: Dr. Saige—Dretden.
3. Infektionskrankheiten.
Masern: IMvatdogeni Dr. Möaer — Wien.
Scharlach- Dr, v. Pierpset—Wien und Dr, Sokiek^Wien.
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Variola und Varizellen: Dr. Swoboda^Wien.
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Influenza: Dr. SpiegeXberg — München.
Pertussis: Dr. Neuraik^Wien.
Rheumatismus: Privatdozeni Dr. Ibrahim -^Heidelberg.
Lues: Dr. Hoehsinger — Wien.
Tuberkulose: Professor Dr. Schlqßmann— Dresden.
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Mundhöhle und SpeicheldrOaen: Dr, Moro — Wien.
Tonsillen und Speiseröhre: PriwUdoeent Dr. FinheUtein— Berlin,
Magen und Darm: Professor Dr. FUchl^Prag.
Pylormaatenose: Professor Dr. Pfaundler— Graz.
Appendix und Hernien : Dr. Setter — Solingen.
HelminthiaslB: Pri/ecUduzent Dr. Langer — Pn»g.
Leber und Peritoneum: Professor Dr. Stoqß—Bem.
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Darmflora: Dr. Moro -^ Wien.
Vergiftungen: Professor Dr. Sehlqßmann'-Dresden.
2. Erkrankungen des Atmung^ystema«
Nase, Luftröhre, Bronchien, Lunge und Pleura: Pripotdoeent Dr. Feer^
BassL
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Hierzu:
Thymus: Dr. Frie^ütmg -^
3. Erkrankungen des Kreialanteyatems.
Dr. Bochstfiger — Wien.
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5. Erkrankungen des Nervenayttema.
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